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INSTITUT FOR GESCHICHTE
E
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ZIMMERMANN
Alte Stadt im
UNGEWITTER
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ADOLF ZIMMERMANN / ALTE STADT IM UNGEWITTER
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ADOLF ZIMMER MANN
ALTE STADT
IM
UNGEWITTER
TATSACHENBERICHT
EINES ALTEN INNSBRUCKERS
MIT 40 ABBILDUNGEN UND EINEM STADTPLAN
für
Institut
Geschichte
Universität
Innsbruck
UB INNSBRUCK
+C8902170X
IM SELBSTVERLAG DES VERFASSERS
(1949)
Vereinnahmt in
Bestandsverzeichnis Nr. 2208
Nachtrag 1986 Nr.....124
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VORWORT
Alle Rechte, insbesondere das der
Übersetzung in fremde Sprachen,
vorbehalten
Dieses Büchlein enthält keinen Roman, sondern einen Bericht von Tat-
sachen und die durch sie in mir ausgelösten Gedanken und Empfindungen.
Es finden sich nebeneinander in nüchternen Worten die Schilderung des
harten Kriegsgeschehens und -Poesie, ein Gegensatz, der seine Erklärung
findet im Umstande, daß ich inmitten der Bombentrichter und Ruinen bei
Tag zumeist und bei Nacht stets allein war, so daß ich Zeit fand, mich un-
gestört von Flügeln der Phantasie über den Alltag hinwegtragen zu lassen
und mich an Dichterworte zu erinnern, als drängende Gedanken darin ein
Gleichnis fanden. Als mir das tägliche Wort zu nüchtern schien, um zu
sagen, was mich erfüllte, habe ich es gewagt, nach meinem Vermögen mit
dem weichen schwingenden Worte eigene Wege zu gehen, in der Hoffnung,
mein inneres Erlebnis damit besser zu vermitteln.
-
Möge ein freundlicher Leser geneigt folgen und traumhaft erleben, was
mir und anderen harte Wirklichkeit war, und nicht vergessen, daß, ach, so
vielen auf der großen, weiten Welt viel Schlimmeres geschah, jenen, die
nichts mehr zu berichten haben, und jenen zutiefst Getroffenen, die für
den Rest des Lebens die Worte sparen.
Innsbruck, am 20. August 1949.
1949
Herausgeber: Adolf Zimmermann, Innsbruck
Druck: Verlagsanstalt Tyrolia A. G., Innsbruck
18793
Der Verfasser
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Zur Bezähmung nimm's zur Hand,
wenn dich deiner eitlen Wünsche Dunst bedrängt.
An Ungewitter laß dich mahnen,
wenn Sonne zwischen blassen Wolken
zu wenig Glück dir scheint.
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Diese Schrift verdankt ihr Entstehen meinen tagebuchartigen Auf-
zeichnungen aus der Zeit des zweiten Weltkrieges. Sie bringt Selbst-
geschautes und -erlebtes aus einem engen Arbeitsgebiet, das aber unter
dem Druck der Gefahren des Krieges im gegebenen Augenblick intensive
Anstrengung verlangte. Das Büchlein bringt also einen örtlich beschränkten
Bericht über Eindrücke aus der Zeit des Krieges und den Tagen nach
demselben.
Vielleicht finden sich Augenzeugen aus anderen Teilen der Stadt bereit,
ihrerseits zur Geschichte unserer Heimatstadt mit einem Heftchen als Er-
gänzung zu diesen Aufzeichnungen beizutragen, wofür das Statistische
Amt der Stadt Innsbruck im Jahrbuch und Einwohnerverzeichnis von
Innsbruck 1946/47", S. I/39, Unterlagen bietet. Diese Übersicht ist auch
in den Tiroler Heimatblättern, Heft 3/4, S. 60, zu finden. Dort ist auch
hingewiesen auf die eingehenden Forschungen des Herrn Dr. Leo Unter-
richter und auf eine Schrift des Herrn Landeskonservators Dr. Graf Oswald
Trapp, welche besonders die Schäden an Kunstdenkmälern von Innsbruck
berücksichtigt. Große Beachtung fand auch die vom Stadtmagistrat im
Herbst 1947 herausgegebene Schrift,,Innsbruck hilft sich selbst". Die zahl-
reichen Bilder aus der Zeit der Zerstörungen zeigen, wieviel an Aufbau-
arbeit damals bereits geleistet worden war. Die im beigefügten Plane ein-
gezeichneten Bombentreffer veranschaulichen, welcher Hagel von Bomben
auf Innsbruck niederging.
Viele von den aufgebauten Häusern haben ihre traurige Geschichte, die
sich hinter der neuen Gestalt und der schönen Fassade verbirgt; von den
anderen sind die Ruinen heute noch ein schauriges Zeichen. Mancher Tote
wurde ihnen entrissen, worüber aber die Blätter im Buche der Stadt Inns-
bruck fehlen. Und doch lohnte es sich, den Nachkommen zu berichten, wie
wir den Krieg überlebten und andere starben, wie ein gütiges Schicksal das
Leben aus der Gefahr herausführte und wie hart es hineingerissen wird,
wenn die Zeiger der Lebensuhr sich der letzten Stunde nähern.
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Bevor ich auf die Tage der Angriffe eingehe, möchte ich nicht unter-
lassen, vorerst Allgemeines vom Südtiroler Platz (Bahnhofplatz) zu erwäh-
nen, um spätere Wiederholungen zu vermeiden. Wenn ich in der Folge
vorziehe, an Stelle der offiziellen Bezeichnung,,Südtiroler Platz" ihn Bahn-
hofplatz zu nennen (wie dieser Platz auch bis Ende 1923 geheißen hat),
so geschieht dies, um damit auch die örtliche Lage zu vermitteln und gegen-
wärtig zu halten.
Bei Luftangriffen lagen wegen der Nähe des Bahnhofs die Verhältnisse
hier wesentlich anders als in der inneren Stadt oder vor den Bunkern am
Stadtrand. Bei Alarm mußten die in der Station stehenden Züge verlassen
werden. Es ergoß sich sofort ein Strom von Ab- und Durchreisenden auf
den Bahnhofplatz. Waren es in der ersten Kriegszeit Zivilisten und Sol-
daten, so änderte sich das Bild gegen Ende, da der zivile Reiseverkehr
gehemmt war. Es waren fast nur noch Militärpersonen, Fremdarbeiter und
Flüchtlinge zu sehen.
Während der ersten Kriegszeit glaubte auch fast niemand an einen
Fliegerangriff auf Innsbruck. Die Fronten waren zu weit entfernt, und
Innsbruck bot außer den Bahnanlagen keine militärischen Ziele. Niemand
war daher auf Weisungen eines Luftschutzwartes sehr neugierig oder
besonders gewillt, Weisungen zu befolgen. Alles blieb in der Nähe des
Bahnhofes vor dem Hause Nr. 7, dem Bahndirektionsgebäude, und in der
Sterzinger Straße, wo sich im Hause Nr. 2 der nächste öffentliche Luft-
schutzkeller befand. Dort kam es in der ersten Zeit zu ahnungslos unver-
nünftigen Ansammlungen von Menschen, die alle dachten, im Ernstfall
rasch genug in den Keller kommen zu können, obzwar er einer solchen
Menge gar nicht genügend Platz bieten konnte. Die Schutzmannschaft der
Wachstube im damaligen Gebäude der Polizeidirektion, Südtiroler Platz 16,
hatte ihre liebe Not, sich bei Alarm Gehör zu verschaffen. Die Tatsachen
belehrten. Der erste Angriff vom 15. Dezember 1943, der sich gegen die
Bahnanlagen richtete, aber auch die innere Stadt schwer traf, zeigte den
furchtbaren Ernst des Krieges. Dieser Angriff forderte denn auch die
meisten Opfer. Jener vom 19. Dezember 1943 richtete sich gegen den West-
bahnhof, traf aber auch die dortigen Wohnviertel sehr hart. Es war ein
großes Glück, daß eine ansehnliche Zahl von Bomben ihr Ziel verfehlte
und in die Felder von Amras und Wilten niederging.
Nach diesen ersten Angriffen strömte der Großteil der Ortskundigen bei
Fliegeralarm vom Bahnhofplatz in die Stadt. Als besonders gut ausgebaut
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und sicher galten die Keller des Sparkassengebäudes und der Hofburg. Mit
Vorliebe wurde auch der weite Weg zu den Stollen am Stadtrande ge-
macht, wohin sich vor allem ein Strom von Menschen aus den nächstliegen-
den Stadtgebieten ergoß. Reisende, die vom Alarm überrascht wurden und
den Zug verlassen mußten, zogen es meist vor, in Bahnhofnähe zu bleiben,
um die nach der Entwarnung abfahrenden Züge nicht zu versäumen.
Unterdessen wurde der Ausbau von Luftschutzkellern eifrig betrieben,
so daß schließlich die in der Skizze sichtbaren Luftschutzkeller in der Nähe
des Bahnhofes zur Verfügung standen.
Wie aus der Skizze ersichtlich, wurden einige Luftschutzkeller unbrauch-
bar. Als erster am 15. Dezember 1944 jener im Hause Südtiroler Platz Nr. 8
durch einen Einschlag in das Stiegenhaus. Die Stufen aus sprödem Marmor
brachen bis auf 14 Stück herunter. Der Zugang zum Keller war damit ver-
schüttet. In diesem wie in andern Fällen zeigte sich, daß Marmorstiegen
bei einem Einschlag sich selbst restlos zerstören, indem die geborstenen
Stufen durch ihre stürzenden Trümmer auch die darunter befindlichen zum
Bersten bringen, so daß sie einen leeren Schacht zurücklassen. Am gleichen
Tage wurde der Keller im Hause Sterzinger Straße Nr. 4 durch einen
schweren Treffer unbrauchbar. Am 15. Dezember 1944 ging auch der Luft-
schutzkeller im Hotel Tyrol (Brixner Straße) durch den Einsturz eines
Gebäudetraktes verloren. Die Trümmerlast brach bis in den Keller durch,
wobei der Gang zu den Luftschutzräumen verschüttet wurde.
Fast bei allen Häusern waren die Hauptmauern in den Kellern durch-
brochen und durch eine leichte, gemauerte Zwischenwand ersetzt worden,
die man im Bedarfsfalle durchschlug, um in das Nebenhaus zu kommen.
So wäre es möglich gewesen, vom Hause Sterzinger Straße Nr. 6 bis in das
Haus Salurner Straße Nr. 3 zu gelangen. In gleicher Weise waren die
Hauptmauern in den Häusern Salurner Straße Nr. 4 bis zur Brixner Straße
Nr. 2 durchbrochen, wo der Sillkanal Halt gebot.
Die Luftschutzkeller waren ein Problem für sich. Unter den schwierig-
sten Verhältnissen sind sie trotz des Mangels an Arbeitskräften und Ma-
terials alle erst während des Krieges entstanden. Das bedeutet eine Kraft-
leistung, die von der obersten Bauleitung bis herab zu den Arbeitern, oft
bei mangelhafter Verpflegung, vollbracht wurde. Diese Arbeiter waren,
unterstützt durch die willige Hilfe der Fremdarbeiter, vielfach die Retter
in der Not. Wie wenige der Zufluchtsuchenden werden sich aber über den
Umfang dieser unterirdischen Arbeiten im ganzen Stadtgebiet Gedanken
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gemacht haben, trotzdem diese Schutzräume durch die Benützung bei
Fliegeralarm allgemein bekannt wurden.
Diese Luftschutzkeller der Häuser mit elektrischen Licht- und oft auch
motorischen Lüftungsanlagen wurden aber noch weit übertroffen von den
in die Felsen getriebenen Stollen am Rande der Stadt. Diese harte Arbeit
und die Materialbewegung konnten nicht übersehen werden. Die Kom-
pressoren hämmerten bellend einem jeden ihre knatternden Takte in die
Ohren, sie duldeten kein Übersehen und Überhören dieses Einbruchs in
das Gebirge. Die immer weiter anwachsenden Halden der herausgebroche-
nen Gesteinsmassen wiesen in dem Blau des Schiefers oder dem Grau des
Kalksteins das Innere der Berge aus, und jeder Stein war damals und ist
heute noch eine Mahnung, der schwieligen Hände und des Schweißes im
Antlitz der Arbeiter zu gedenken, die unter schwierigsten Lebensbedin-
für die Gefahr einer schweren Zeit den Bewohnern Innsbrucks diese
gungen
Zufluchtsorte schufen. Diese Stollen bleiben ein düsteres Denkmal an
Kriegsnot, eine Erinnerung für alle Zeiten, denn diese Hohlräume werden
nie mehr ausgefüllt werden, solange unsere geliebten Berge stehen.
Wer würdigte die Leistungen des Hirns und der nicht immer muskel-
starken Arme? Wer sprach davon, als eine Menschenmenge die Stadt eiligst
verließ, um sich in den Stollen geborgen zu fühlen?
In der Wirrnis des Krieges wurde diese Fürsorge hingenommen wie der
Schatten der durch die ganze Welt rasenden Kriegsfurie, indem die Besten
gegeneinander aufgeboten wurden als Beute für die unerbittliche Sense
reichbeladene Halme für den harten Schnitter Tod.
Und so rissen und zerrten mit Meißel und Sprengen
sie heraus die Geweide des Berges.
Es türmt sich zu Halden die freundliche Bläue des Schiefers
und auch das so müdere Grau des Kalks.
Es gähnen die Pforten, die Labyrinthe im Berge
als Irrtum für Geschlechter, die kommen,
als Zuflucht für heute, die Mahnung für spätere Zeiten.
Die Menschen werden nicht müde zu lernen,
doch immer zu spät erst - an Folgen,
nicht aber an dem, was schon war.
Der einzelne hört nicht den Vater.
Von vorne will jeder am Fehler zu sehen erst beginnen.
So auch die Summe von allen, die Geschlechter der Zeiten,
wie endlos die Reihen auch folgen,
bis endlich das Maß überfüllet
und Gesetze der Welten verkünden:
ihr habt die Mittel ergründet,
seid gedrungen in die Werkstatt Natur.
Vernünftig wollt ihr nie hören,
wohlan denn, vernichtet euch selbst.
Nach den zwei Fliegerangriffen vom Dezember 1943 gab es wohl dann
und wann einen Fliegeralarm - auch bei Nacht, aber Innsbruck blieb
diesen ganzen Winter über von weiteren Angriffen verschont. Der Winter
ging vorbei. Er mußte dem Frühling weichen.
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick.
Goethe, Faust II, 2.
Mit den ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne bot der Bahnhof-
platz bei Fliegeralarm gleich ein anderes Gesicht. Die verheißende Jahres-
zeit zeigte sich herrlich in neuem Glanze. Die herumstehenden und -sitzen-
den, kraftvollen Soldatengestalten empfingen die wärmenden Strahlen wie
den Segen einer erwachenden Natur, die sich ans Leben wendet.
Die vom Winter ausgefrorene Welt ist so hungrig nach Wärme und
Licht wie das keimende Leben im trockenen Acker nach Regen. Alles sonnt
sich behaglich, vom sanften Frühlingswind umweht, und atmet den warmen
Hauch der Frühlingsluft wie neues Leben. Der große freie Platz gestattet
einen weiten Blick auf die ganze Prachtentfaltung der schwelgenden Natur.
Ringsum ein Erwachen. Die über die Häuser sich reckende Nordkette und
der Gebirgszug auf der anderen Seite des Inntales entkleiden sich vom
Weiß des abgeschiedenen Winters. Vom Mittelgebirge lockt bereits das
junge fröhliche Grün der Wiesen.
Der Frühling ist zumeist von sehr kurzer Dauer in Innsbruck, der Stadt
im Kältespeicher. Auf den Bergen hält sich der in Schluchten und Mulden
vom Wind zusammengetragene Schnee sehr lange. Mag schon die Sonne
fleißig scheinen, die kalte Luft der lange mit Schnee bedeckten Berge strömt
Tag und Nacht herab ins Tal, und oft überdeckt den letzten Schnee ein
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neuer, erster. Dann sind wir aber dem Sommer sehr nahe und er folgt dem
Frühling bis auf die höchsten Bergspitzen.
Mit der Jahreszeit ist dann aber auch das Bild in den Straßen und auf
den Plätzen der Stadt verändert und ist doch wieder dasselbe. Am Bahn-
hofsplatz wieder Soldaten und Fliegeralarm. Hatten sie sich im Frühling
den Strahlen der Sonne angeboten, so schienen jetzt ihr Gesicht und das
Feldgrün der Uniform wie von der Sonne versengt. An solchen heißen
Tagen brachte selbst Regen einen Genuß, besonders wenn der Ausblick in
das Mittelgebirge mit seinen Gehöften und satten Wiesen frei blieb, ein
Bild, wie es Friedrich Punt anmutig in Worte faßt:
Durch den Spiegel an der Wand
seh' ich in verklärtes Land,
Hügel feuchtgrün, Äcker braun,
silbern einen Bauernzaun,
Büsche, Bäume daran wehn,
sich im Luftzug drangvoll drehn,
Regensträhne, Nebelgrau
vor der Berge schwarzem Blau
mehr geahnt als wirklich fällt
gelber Sonnenschein ins Feld,
alles farbenzart und klar,
reiner, weil bloß mittelbar,
geistig leuchtet das Gefild,
einer Seele Ebenbild.
Kam der Herbst ins Land, so war es wie ein Abschiednehmen für lange
Zeit. Tag für Tag, als fiele die Trennung schwer, empfängt alles noch den
warmen Abschiedshauch versiegender Kraft. Die Zeit ohnmächtigen
Wollens wurde kürzer, schmerzlicher. Der Winter, seiner Härte wohl be-
wußt, trat zögernd in seine Rechte, mahnte die Natur zur Ruhe, um endlich
sie in langen Schlummer zu betten, sorgsam in kaltes Weiß gehüllt. Die
frostige Herrschaft war angetreten.
Die Flocken torkeln behutsam herab,
wie tausendfältige Wünsche des Glücks
zu segnen die Erde in Ruhe und Schlaf.
An klaren Wintertagen erreichten uns die matten, kraftlosen Strahlen
mehr begehrt als empfangen,
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wenn sie,
die Leben spendende Göttin
hoch oben am Mittag
den Scheitel ihres Weges erreichte,
schoben sich langsam hinaus
die Schatten der ragenden Häuser,
als Künder der kommenden Nacht,
da schon heimwärts fürs Auge sie zog
auf absteigendem Wege nach Westen,
zu müde selbst, um andre zu erquicken.
Mit den Schatten lösten sich mählich die Männer
von der als Lehne dienenden Wand,
zu streben hinaus auf den Platz,
nach dem nur noch leise wärmenden Licht,
noch und noch zu genießen
die frostig scheidende Sonne.
Der Sonne Schattenfinger ohne Zahl
weisen uns die Zeit und langgestreckt
den Untergang des Tages
-
- wie unsre Lebensuhr.
Ja, die an die Häuserreihe angelehnten Gestalten zogen hinaus auf den
Platz, immer weiter mit der absinkenden Sonne, in die Wärme des Lichts.
Die der Scheidenden folgenden Blicke fragten stumm, wie in anderem
Sinne Romeo seufzt:
,,Ach, du verlässest mich so unbefriedigt?"
Shakespeare, Romeo und Julia II, 2.
Jawohl, der Bahnhofplatz war auch eine idyllische Insel in seiner Ruhe,
Versunkenheit und launigen Stimmung während der rund zweihundert-
fünfzig Fliegeralarme, die mich auf den Platz riefen.
Ein oft stundenlanges,,far niente" für alle, ohne,,dolce" zu sein.
Mit jeder Jahreszeit zogen neue Hoffnungen, schlichen neue Befürchtun-
gen in die Brust.
Aber nicht nur die Jahreszeiten, auch die Nächte zeigten die Stadt in
einem wechselnden Bilde, wenn ich, mein Bereich durchschreitend, die ein-
zelnen Keller besuchte, um festzustellen, wieweit sie besetzt waren, um es
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für den Fall, daß das Unglück sie heimsuchen sollte, zu wissen. Standen
dichte Wolken über mir, wanderte ich in den Straßen wie durch hohe
Gänge ohne jeden Schimmer eines Lichts, besonders wenn auch die letzten
Lampen in den Bahnanlagen erloschen. In dem Dunkel und der bangen
Ungewißheit dieser Stunden erinnerte ich mich immer an das Wort des
Dichters:
Schon naht sich die gespensterreiche Nacht,
Wo Grüfte gähnen und die Hölle selbst
Pest haucht in diese Welt.
Shakespeare, Hamlet III, 14.
In dieser tiefen Finsternis konnte ich die mir wohlbekannten Häuser nur
vermuten und mußte sie im Falle einer Orientierung mit dem kleinen Strahl
des dunklen Blaus meiner Lampe anleuchten.
-
Ein andermal umgab mich überdacht vom goldenen Sternenbogen,
in dem zwinkernd und flackernd, aber so ferne die fernen Himmelslichter
glänzten die andächtige klare Nacht. Das Land lag im Dunkeln, ein
mit funkelndem Mantel prunkender Bettler.
-
Alles Irdische lag gebadet in dem dunklen, matten Widerschein der so
unendlich weiten Sternenwelt. Die Häuser, sie standen wie Trauergäste in
schwarzem Samt, die Fenster waren tiefliegende Augen und Wangen. Und
doch über allem, trotz der Nacht, ein Schimmer aus den hellen Quellen des
Jenseits.
Inmitten ging ich durfte ich gehen - und schritt
- und schritt ganz allein, mit den
schweren Schuhen, polternd hindurch. Ein Tauber im Kreise flüsternder
Zeichen, der stillen Nacht ein Fremder. Aber ich verweilte auch, schickte
die Augen ringsum, lauschte und gehörte wieder dazu.
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- Und ein Auf und ein Nieder der Spitzen und Zacken,
die Nadeln der mächtigen Riesen ringsum,
sie webten und nähten den nächtlichen Saum,
hurtig den Himmel zur Erde zu binden.
Dann sah ich die plumpen, bleiernen Berge
heben und recken den mächtigen Leib,
mit Krallen sich klammern ins freundliche Zelt
über der düsteren feindlichen Nacht,
daß es der Erde, der armen, verbleibe.
Dann sah ich sie wieder in ängstlicher Not
mit drohenden Armen himmelwärts langen,
zu fassen und halten den Bogen der Sterne,
doch ach, sie griffen alle ins Leere.
Vergeblich das Streben nach goldenen Sternen,
sie kamen nicht näher, sie blieben die Fernen.
Dem Irdischen ist ihr Glanz nur vergönnt.
-
wenn wir auch fehlen,
Und morgen und später
wird es ein Dom sein, unendlich groß,
mit des Tages tiefem Blau gewölbt,
darinnen, vom bewegten, muntern Tag erquickt,
Schwalben, lieblich, zierlich haschend
nach einem Rest von blassen Sternen jagen.
So wie unsres Landes Leute, die auch schon immer ein Leuchten der
Sterne des Glücks erhofften, immer im Sturm eines harten Lebens stehend.
Vom Glücke nicht verwöhnt, an Regsamkeit gewöhnt, sind wir doch noch
glücklich, nicht überglücklich zu sein durch manchen Überfluß und Ein-
bildung.
Nicht immer sind Blütenpracht und Duft beisammen.
Nicht immer wohnt Adel hinter glänzenden Fassaden,
nicht immer ein Freund hinter freundlicher Grimasse.
Wie unsere Vorfahren im scharfen Winde am Hange ihre Arbeit um das
tägliche Brot bis zum letzten Seufzer taten, müssen wir sie tun, von der
harten Nachkriegszeit bedrängt. Wir wollen nicht zurückstehen hinter
unseren Urvätern, von denen wir nichts mehr wissen, als daß sie waren.
Nomaden raffen gierig die Frucht,
treten die tragende Erde,
die Ständige andächtig begehen und -
Jene begehren die Fülle des Tages,
die andern erhoffen lohnende Gunst
der Jahre ergebenen Schaffens.
2 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter
bauen.
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Dankbar seẞhaft verbunden pflegt er
den Spender der Früchte eigenen Fleißes,
wie verschieden die Gestalt
des tragenden Bodens auch sei,
immer bleibt er innig verbunden.
Die andern heischen die Ernte allein nur
und sind als fremder Körper zu tragen
und bleiben die fremden mit flüchtigem Geist.
Was höhere Gewalt verbricht, macht uns frei von Schuld.
Wenn in besinnlichen Stunden, die Jüngsten aber, unsere verblichenen
Väter und Mütter, zu uns kommen, leibhaftig werden, ihr Geist prüfenden
Blickes zu uns spricht, dann wollen wir ihnen frei ins Auge schauen, gerührt
vom Wiedersehn, Hand in Hand die frohe Zwiesprach halten und sagen:
,,Euer Geist und Werk, sie leben noch in uns, bis wir folgen. Euer eignes
Sinnen, euer Leib, in unsre Form geprägt, mit eurem eignen, verjüngten
Angesicht, sie leben noch und fort mit uns. Was ihr verlassen, blieb in
treuer Hand zurück."
Das Bild zerfließt in körperlose Luft
und doch seid ihr uns nah.
Leibliches ruht in der Gruft,
im Gedenken seid ihr da,
erfüllet uns mit neuer Kraft,
die weiter an dem Werke schafft.
Reich beschenkt durch eure Wiederkehr,
beschenkt durch eure ständ'ge Näh',
verarmt zu Nichts,
wonach ein hast'ges Leben strebt,
wie andre neben mir,
die nichts zu sagen wissen
-
die Patzigen im Raume der Gestalten.
Ich fühl's, ihr seid in mir,
drängt mächtig vorwärts mich,
zu heben, was von euch versank.
Ein neuer Anfang ist mir aufgebürdet!
Ich wähn' in meinem Raum
euch lautlos schattenhaft mir folgen,
über mich gebeugt mich schützen
vor manchem gift'gen Hauch,
seh' euer Mienenspiel,
hör' euer Wort lebendig in mir klingen.
So bin ich nie allein.
Schleicht Einsamkeit heran,
flücht ich zu euch,
weck lebendig euern Geist,
laẞ mich aufs neu
durch euch erwecken,
fühl euch so mächtig
auf mich wirken,
mein Tun erfüllen.
Ihr habt den Becher eures Blutes weiter mir gereicht
voll weicher Tränen, schäumend voll von Lebensmut,
und endlich Zorn, wenn Unverstand sich vorwärts drängt.
Ich hab geschlürft in vollen Zügen,
ich will, ich muß euch gleichen,
ich muß, ich kann, ich will getreu ihn halten.
Ihr schwebet mir als Licht voran,
des Lebens Schatten auszuleuchten.
Bay
Von eurem Mut und Drang erfüllt
streb ich nach vorwärts stets
dem dicht verschleiert Ziele zu,
des Weges und Erfolges ungewiß.
Allein ich fühl' geborgen mich
in eures Geistes Arm,
seh' euch ein Morgenrot bereiten.
Der Abend kommt von selbst
für alles Leben dieser Welt
zur stillen Wandlung in ein ander Kleid.
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Wie unseren Vorfahren, so leuchtet auch uns ihre Sonne noch aus dem
blauen Baldachin über den Säulen unserer Berge.
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Auch ist's derselbe Ost, in des Bereich
die Schale Morgengrauen überfließt,
die Künderin des neuen Tags,
des müdes Haupt sich trunken hebt,
mit matten Augen unser Land zu schaun
und dann mit sanfter Hand
uns selbst zu wecken.
Dieselbe Sonne ist's,
die Morgenrot voraus uns sendet,
als Boten ihrer ganzen Pracht,
bis selbst die hohen Berge sie erklommen,
Feuer, Licht und neues Leben schenkt,
unser Aug vom Glanz geblendet abgewendet.
Auch für uns ersteigt sie den Zenith,
behutsam auch herab dem Abend zu.
Der sanfte Abschied
Abendrot und Schatten
verheißt auch uns die Wiederkehr.
Sie thronet immerzu als Abschiedsgruß
auf unsres Landes Diademes Scheitel.
Das glühende Zyklopenaug der Felsenstirn
im Angesicht der Welt
und sendet Fächer bunter Strahlen
in das Firmament unendlich weit,
als Segen für die schleichende,
Finsternis brauende Nacht.
Auch für uns verweilt sie noch,
geschmiegt als feuriges Juwel,
den stolzen Horizont mit Licht zu krönen,
des Tages Untergang, im Strahlenkranz
am Ende noch in Glanz zu tauchen.
Wir atmen auch, vom Firn erfrischte
Bergluft noch,
wie sie die Ahnen.
-
Auch unser sind die Jöcher über der Grenze der Wälder,
die schmiegenden Matten dort oben,
der blühende Teppich bedächtig schreitender Väter.
Sie laden auch uns noch immer zur Quelle,
die Lüfte tragen noch immer heran
das Brausen tief unten gesammelter Wässer,
das Rauschen der Wipfel zu unseren Füßen.
Was die Väter dort oben erlauschten,
erzählen zur Sonne strebende Chöre auch uns.
T
Hier wird mir auch das innige Gedicht,,Übers Joch" vom Dichter Josef
Leitgeb lebendig, mit den Anfangs- und Schlußversen:
Nackt, und durstig an den Quell gesunken,
Hab' ich, Erde, dich hineingetrunken,
Aus der Tiefe, wo die Tode hausen,
Sah ich deine weißen Quellen brausen...
Ging mein Traum nur, gingst du selbst zu Ende?
Brüder, gebt mir eure treuen Hände,
Laẞt uns in die Nacht hinuntersteigen!
Durch das Dunkel leuchtet euer Schweigen.
Das flache Land, mit der unübersehbaren Landschaft, hat sicher seine
besonderen Reize, dort, wo die Sonne ihren Tageslauf beendet, indem sie
sich den Menschen vor dem Untergange zu Füßen legt. Auf uns hier wirken
aber die nahen Berge mit ihrer Mächtigkeit, der Abschiedsblick des Feuer-
auges dort oben, hoch über uns.
Oh, Berge, euer Haupt ist bloß und kahl
bei soviel Herrlichkeit der Welt.
Wenn ich mich könnt in Dunst verwandeln,
als Tau befruchtend euch umfangen,
ich tät's und macht' ein Paradies aus euch.
Und doch, es wäre keine gute Tat: -
ihr wäret keine Berge mehr.
-
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Ach ja,
dem Himmel und der Sonne näher
sind wir Kinder der Berge.
Wir wollen keine Herren sein,
noch aber Knechte einer Fata Morgana.
Dann melden sich Freunde, die meines Lebens Weg geteilt, in deren
Hand ich damals noch mein ganzes Herz gelegt und die ich als einziger
Wandrer in rabenschwarzer Nacht so gerne ins Gedächtnis rufe:
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Kommet nur näher, ihr freundlichen Geister,
inmitten seltener Nacht sind wir allein.
Ich ruf euch alle, die ich verlor,
als Gespenster heute zurück.
Steiget herab die Stufen des Himmels ringsum,
denn ich wandre im Tale des Lebens
noch immer, wie sehr ich euch misse.
Hier habt ihr mich wieder,
ich drücke euch innig die Hand.
Die Pulse, sie schlagen schon höher
zur eiligen Wandrung mit euch
zurück über Berge und Täler
in den Fluten des Lebens,
zu versiegten Quellen des Leids,
viel öfter aber der Freude,
zu den stillen Tränen des Glücks
und den perlenden bitteren Kummers.
Du weißt ja noch, so war's,
ihr wisset alle um mich her,
als uns des Lebens Kreis umschloß,
vom freudigen Flechten
am Bande der Treue, das uns verband.
Wir waren die eigenen Meister
am Webstuhl der flüchtigen Tage.
Ach, vieles möcht' ich bereden,
mit euch noch verharren, allein ich weiß:
Ihr kommt als Traumgebild vom Totenreich,
kurze Wonne mir nur zu bereiten.
Teure, geht zur Ruhe wieder,
Sehnsucht, brennendes Verlangen,
trieben mich zu euch.
So kehret in den Schatten heim.
Ich bleibe, bis wir uns wiedersehn
in einer stillen Stunde
und dann wenn ihr mich zu euch holt.
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So führt die stille Einsamkeit zu tieferer Betrachtung der Dinge. Die
Fittiche der Phantasie tragen in Sphären über dem Alltag in eine Welt ohne
Wirklichkeit, verwandeln Wirklichkeit in Schaumgebilde. Ein unbewußtes
Sehnen gaukelt Seifenblasen vor das Auge, ringsum voll der farbenfrohen
Gespiele des Sonnenlichts, Regenbogentöne, auf der Palette der Himmels-
königin gemischt.
Ein Ruf aus dem Diesseits knickt die gefälligen Schwingen. Ein Sturz
aus bunten Regionen führt in das kühle Grau der Tatsachen zurück. Ein
Laut allein, aus dem Tage des schreitenden Lebens, bringt den Strauß von
Blasen erschreckt zum Platzen und weg sind die munter schillernden. Die
neu geborne Welt verpafft zu nichts das Leben und Ende von Seifen-
blasen.
-
Nicht nur die stumme Welt und Sachen im Raume verführen, sie er-
gründen zu wollen. Gab es doch unter den vielen Menschen lebende Rätsel,
gleicht doch keiner dem andern, nach Geschick, Antlitz und Eigenart.
Der eine schmuckt sich dann,
der andre duckt sich wann,
ein dritter verhält sich,
um sich beides zu ersparen.
Der eine will die Peitsche sehen,
ein andrer will sie fühlen,
ein dritter rast, wenn er sie sieht.
In der zweiten Kriegshälfte waren bei Fliegeralarm am Bahnhofplatze
in der Mehrzahl Soldaten zu sehen. Ihr Kleid machte sie äußerlich wohl
gleich, es war uniform. Der Dienst machte sie zu Kameraden, ja, der Groß-
teil war auch in gleich guter Stimmung und Haltung. Ich sah aber immer
wieder auch bedrückte Einzelgänger je nach Veranlagung oder getragener
Sorgenlast. Diese standen allein, vor ihnen versank die Umgebung. Was
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mochte so hart bedrücken, daß sich die Augen so starr ins Leere richten,
losgelöst von allem, was sie umgab? Auf andere sanken müde und matt die
Lider, wohl um die Bilder besser zu sehen, die ihre Sorge unermüdlich
malte. Warum pflügt ein anderes Augenpaar die Erde, wie ohnmächtige
Kraft vor einem Berg zerbricht?
Wie vielfältig sind die Lasten des Lebens! Erhaltungstrieb und Liebe
sind die naturgegebenen Impulse. Diese sind so vielgestaltig wie die von
ihnen geformten Schicksale. Manchem mag der durch den Krieg unter-
gegangene Besitz in einem vom Schmerz überhöhten Wert vor Augen
stehen. Andere grübeln sich durch ein Labyrinth von Sehnen, Hoffen und
Bangen. Werden ihm die Augen noch lachen, die er am liebsten geschaut,
das Herz noch schlagen, für das er gebetet, die weißen Arme ihn noch ein-
mal umfangen? Wie nichtsbedeutend wird alles andere, wie leicht philoso-
phiert man sich alles übrige zurecht. Wieviel vermag der Egoismus der
Liebe dafür zu opfern. Was dürfte alles vergehen, nur um das eine, das
zweite zu Hause harrende Leben zu erhalten. Wievel dürfte untergehen
von dieser Welt, nach dem Willen solchen Verlangens! Unter rauher Schale
jagen die Pulse auch.
So lebt alles von fernen Bildern und Hoffen für die harten Pflichten
des Lebens.
Geschlossene Augen seh'n Ding' und Gestalten sich ordnen
und werden zum Erlebnis vergangener Tage.
Aus dem Schatten sich schälen lebend'ge Formen
mit Gebärden und sprechenden Mienen.
Sie locken zu trautem Geplauder.
Die Häupter, sie sinken zum Traum auf die Brust.
Die kraftvollen Männer erstarren.
Sie werden stumm vor den Erinnerungen, die sich zu neuem Erlebnis
heranwälzen, ein furchtbares Ringen ums Leben. Traumhaft abrollende
Bilder jüngsten, blutigen Erlebens, Spiegelbilder mit dem Beschauer darin,
sterbende Abschiedsblicke treuer Kameraden. Dazu üble Nachrichten aus
der Heimat, die in Ohnmacht die Schläge durch Mars erleidet. Wie viele
Fragen werden still an die Zukunft gestellt! Ist es Müdigkeit, die eigenes,
endloses Wandern widerspiegelt? Jeder trägt im mutigen Herzen schweres
Diese Stunden der Ruhe und Besinnlichkeit lassen die Gedanken rück-
Leid.
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-
wärts eilen, wozu andere Tage mit der raschen Folge des Geschehens keine
Zeit gaben. In diesen Männern wogt und brandet wie eine kochende
See eine Flut von Bildern, wie in einem Spiegel zu schauen, mit dem
eigenen „,,Ich" inmitten.
-
Mitunter wieder verriet ein stilles Lächeln, ein freundliches Gesicht des
Geschauten oder ein erhofftes, wer weiß wie fernes Glück, Blasen des
Glücks, Heimatland und Träume.
Schwerer Gedanken prüfende Sonden
fühlen kritisch hinein
in vergangene Jahre,
prüfen Gescheh'nes der laufenden Zeit
und tasten voraus,
erwägend das eig'ne Verhalten
bei manchem,,Wenn" und auch,,Aber".
Die gepreßten Lippen und Züge bitteren Ernstes, das Antlitz, der Spie-
gel des Innern, verrieten mehr Leid als Freude. Oder war es der Ausdruck
starken Willens, kraftverwandte Sehnsucht, verborgen und getragen von
der festen Absicht, den Weg zum Ziel der Erfüllung mit breiter Brust frei-
zukämpfen, falls er gesund heimkäme?
Voraussetzung aller Wünsche ist das Leben zu ihrer Erfüllung. Der heiße
Wunsch, der stets beseelt:
Du mächtige Sonne hoch oben am Mittag
schenkest myriadenfältiges Leben,
vermöchtest du nur,
mir mein eigenes auch zu erhalten.
Ein anderer wieder anders. Ihm erscheint die Not der Seinen in seiner
Ohnmacht riesengroß. Sie folgen ihm als Schreckgespenst, vom Kriege
schwer getroffen, und dieser betet:
Allmächtiger Vater,
nimm die Not von ihnen,
gib, was ihrer war,
was du genommen,
mach sie zu Menschen
wieder unter Menschen.
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Vater, Mutter, meines Lebens Schöpfer,
laß sie wieder leben,
Weib und Kind,
das ich ins Leben rief.
Errette sie, führ' sie heraus
aus ihrer Pein.
Nimm mich dafür, das meine
für ein frohes Leben der Erzeuger,
für das von mir gezeugte.
Schick morgen ins Getümmel mich,
daß ich lächelnd dort verhauche.
Ich hab mit jungen Jahren
dann bereits genug gelebt.
Einen andern hat vielleicht der Ablauf des Urlaubs vom Krankenbette
seines Kindes weggerissen. Ohne Nachricht, mag er wohl still stöhnen um
das Leben seines Kleinen, seinen Gott anrufen und bedenken, daß er selbst
durch den Krieg berufen wurde, beizutragen zur Sorge anderer Eltern um
ihre Söhne.
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So las ich aus einem Gesichte.
. . . und nun, und heute, ird'scher kleiner Engel mein,
zittert deine Mutter auch noch neben dir
oder weine ich allein ganz still um dich,
da fern von dir, die gute Botschaft mich noch meidet?
Oh, ich sah nur deine Fieberwangen,
ins leere Nichts dein Auge seelenlos gerichtet,
deinen sonst von Seligkeit umrankten Plappermund verstummt.
,,Papa, komm!" rief er nicht mehr.
Du hast gequält dein Herzchen von mir abgewendet;
hast arglos mich gequält.
Ich fühlte deinen Puls wie Hammerschläge auf mein Haupt.
Bitternis und Schmerz begannen an mir hochzukriechen.
In namenloser Angst fühlt ich die Wellen über mir zusammenschlagen.
Was muß, was darf ich heute glauben.
Es stöhnt in mir um dich, die Höllenpein verläßt mich nicht.
Mein Atem mahnt an deinen mich, der fiebernd dich verließ
und immer wieder, ach, gehässig in dich drang.
Und doch hab bangend ich gedankt,
gefleht, es möge nur nicht schlimmer werden.
O Gott, Gebieter aller Welten, nur das Eine nicht, das nicht!
Erbarme Dich! Erlöse mich aus dieser Pein!
Ich kann nicht mehr!
Laẞ mir mein Kind, das du mir selber gabst.
Das unschuldsvolle Kind
soll keine Schuld verbüßen, bevor die Welt sich seinen Augen aufgetan.
Dazu hast du, hab ich das Leben nicht geschenkt.
Nein, nein, es kann, es darf nicht sein!
Es ist die harte Prüfung nur, die du mir zugedacht.
Viel besser stürbe zehnmal ich, wenn heiter,
froh, voll Unverstand das liebe Kind an meinem Grabe stünde.
Laẞ genesen junges Leben!
Zerstöre eig'ne Schöpfung nicht, das kann dein Wille ja nicht sein.
Böse Kräfte sind's.
Zur Rettung brauche deine Macht.
Erbarme dich, gib meinem Weib zur Pfleg die rechte Hand,
die Weisheit unserm Arzt,
dem Handeln deinen Segen.
Du hast doch nicht zu strafen nur geschaffen diese Welt.
Das ist dein Wille nicht, das kann er niemals sein.
Vergib die Mitschuld mir an diesem Kampf und Ringen
gegen Söhne, deren Mütter zittern so wie ich.
Ich will's ja nicht, es ist der Wahnwitz dieser Welt.
Hier und drüben, alle tun dasselbe.
Ich hab keine Macht, noch darf ich wollen.
Was ohne Wissen sonst ich hab verbrochen,
hab reichlich ich gesühnt.
Du hast mir nichts geschenkt, und doch will ich dich loben.
Errette nur mein Kind.
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Du Armes!
Die Augen seh'n mich nicht, sie sind mit dir erkrankt.
Du hast von mir dich abgewandt. Ich war für dich schon fremd.
Es tobte noch kein Fieberwahn,
des Fiebers Fackel glühte nur. Für mich ein armer Trost
so arm wie du jetzt bist, denn du bist nicht mehr du!
Vater im Himmel,
gib den matten Augen frohes Licht der Freude wieder,
laẞ sie neu erglänzen, erstrahlen deine Herrlichkeit.
Wenn alles sich zum Guten wendet,
nimm mich dafür, wenn Eines schon erliegen soll.
Ich bin ein rauher Mann, schlag zu, wie du mich treffen willst,
vor dem Kind nur bin ich weich,
dafür allein hab ich noch Tränen.
Nun weg von den seelisch Geschlagenen und zurück zur großen Masse
der Unbeschwerten, die mir Sorge machten mit ihrer unbekümmerten
Sorglosigkeit.
Wenn sich auf das Alarmzeichen hin die Züge am Bahnhof entleerten,
hatte ich im Laufe der Zeit alle militärischen Rangstufen aller Waffen-
gattungen vor mir, die Menge der einfachen Mannschaften und der Unter-
offiziere und Offiziere bis zu den obersten Rängen und Auszeichnungen,
von denen die höchsten nicht selten den einfachen Mann am meisten her-
vorhoben. So unterschiedlich diese Menschen sonst sein mochten, eines
hatten sie alle gleich: Luftschutzkeller waren ihnen unsympathisch. So
war es am besten, in dieser Umgebung einfach den Aufpasser zu machen,
um im gegebenen Zeitpunkt rechtzeitig auf die nahe Gefahr aufmerksam
zu machen. Bei trübem Wetter mußte ich mich auf mein Gehör verlassen,
an klaren Tagen kamen mir auch die Augen zu Hilfe.
Nachdem am 15. Dezember 1944 der L.-S.-Keller im eigenen Hause,
Südtiroler Platz 8, unbrauchbar wurde, zog ich bei Fliegeralarm vor das
Haus Südtiroler Platz 4, dessen Keller inzwischen sehr gut ausgebaut war.
Dieses Haus war für Wohn- und Kanzleizwecke der Reichsbahn in An-
spruch genommen. Auch die Kantine und eine Reichsbahntischlerei waren
dort untergebracht. Vor diesem Hause und vor dem Tyroler Hof standen
immer besonders viele Leute.
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Für das Bahnpersonal stand bei Alarm ein Zug bereit, der alle in den
Berg-Isel-Tunnel in Sicherheit brachte.
Die ehemaligen Kanzleiräume der Bahnhofgastwirtschaft wurden nach
der schweren Beschädigung des Gebäudes zu einem verwahrlosten Warte-
raum. Dieser war oft überfüllt mit russischen und italienischen Flüchtlingen,
meist Arbeitern, die sich auf der Durchreise befanden; die Russen mit
ihren großen und kleinen Bündeln und Säcken oder mit leeren Händen,
die Italiener mit Handköfferchen. Die ersteren, kräftige, breitschulterige
Gestalten, konnte ich nur mit Gesten auf die Gefahr aufmerksam machen.
Ich zeigte auf die Decke,,Ne dobro" (,,nicht gut"), wies hinüber auf das
Haus Nr. 4 mit,,dobro, dobro, dobro", wobei ich das Ne dobro und das
Dobro mit dem dazugehörigen Mienenspiel verdeutlichte. Manch einer
sprach einige Worte Deutsch, wies auf das Gepäck mit dem Bedenken, daß
sie es nicht verlassen möchten. Ich gab den Rat, es auf die Straße hinaus-
zustellen, so daß sie von drüben aus es immer vor Augen hätten. Dieser
Rat wurde mit einem dankbaren Blick aus den hellen Augen angenommen.
Mit den Italienern, schmächtige und bewegliche Gestalten, konnte ich mich
in ihrer Muttersprache unterhalten. Sie zogen mit ihrem leichten Gepäck
auch gleich vor das Haus Nr. 4.
Längs der noch verbliebenen Sockelmauer des ehemaligen Warteraumes
bis zum provisorischen Bahneingang, an der Stelle des nach dem Angriff
vom 15. Dezember 1943 zerstörten und sodann gesprengten Haupteingang-
gebäudes, standen auch Militärpersonen, um nach der Entwarnung die
Abfahrt des Zuges ja nicht zu versäumen. Auch diese konnte ich nur auf
die verschiedenen, gegenüberliegenden, mit der weißen Kreisfläche im
schwarzen Felde gekennzeichneten Keller aufmerksam machen.
Vor dem mit Kantholz und Latten zurechtgemachten Eingang zu den
Zügen stand auf freiem Platz der Fahrkartenschalter, eine Holzhütte mit
dem aufklärenden Schild,,Fahrkarten".
Von der marmornen Herrlichkeit, mit der bald nach dem ersten Welt-
kriege die Abfahrtshalle mit dem düsteren Schalterraume errichtet wurde,
war nichts mehr zu sehen. Die Marmorverkleidung war, soweit nicht zer-
trümmert, abgenommen worden, denn die nach dem Angriff noch stehende
Ruine mußte gesprengt werden. Der Terrazzoboden blieb bis heute er-
halten. So erinnert ein armer Rest an vergangene Pracht, soweit sie der
Stadt Innsbruck möglich war. Ein Prunkkleid von großem Kostenaufwand,
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um die Gäste aus aller Welt zu ehren, um Empfehlung und Wiederkehr
zu bitten.
Hier sei auch erinnert an die 4 Meter hohen, in Freskotechnik ausge
führten Figuren, die den oberen Teil der Halle, mit den Wappen der Städte
Tirols, friesartig schmückten. Sie zeigten die Landestrachten, Landes-
bräuche und den Bergbau und waren ein Werk des Bozner Malers Rudolf
Stolz.
Nach meinem üblichen Rundgang von Haus zu Haus setzte ich mich in
die Mitte des Bahnhofplatzes auf meinen stets mitgeführten Feldsessel,
neben mir die oft nützliche Sturmlampe. Seit die mittleren Bahngebäude
fehlten, hatte ich von hier aus nach Osten, Norden und Süden freien Aus-
blick.
An dieser Stelle des freien Ausblickes glaubte ich meinen Dienst als
Luftschutzwart für die ruhige Wartezeit vor den Angriffen zum Wohle
und zur Sicherheit der Vielen am Platze am besten versehen zu können.
Ab und zu kamen kleine Beweise, die zeigten, daß man mich verstand,
und in all ihrer Unscheinbarkeit weckte dieses Vertrauen in mir die Dank-
barkeit.
Eines Tages fragte mich der B.-B.-Pensionist Leopold Kottoschek, ob ich
bei jedem Fliegerangriff hier wäre, was ich bejahte.
,,Ja dann", meinte er,,,werde ich auch hier bleiben. Wir sind sonst
immer in den Berg-Isel-Tunnel gefahren. Im Tunnel aber zieht es und es
ist dort auch kalt und unlustig. Hier kann ich in der frischen Luft sein, das
paẞt mir besser."
Mit dem Genannten waren dann fast bei jedem Alarm auch anwesend:
der Bundesbahntischler Alois Crepaz, der B.-B.-Angestellte Leopold Hof-
bauer und der B.-B.-Schlosser Hermann Öggl. Vom Personal der im Hause
untergebrachten Reichsbahnkantine verblieb auch immer ein Teil, wie jene,
die ihre dienstfreien Stunden gerade im Hause verbrachten.
Alarmrufe hören zu können. - Die vier Erstgenannten waren bald mit mir
ständig in Fühlung und unterstützten mich als wertvolle Helfer.
Ich habe auch den Napf Suppe nicht vergessen, den mir Herr Crepaz
eines Tages aus dem Fenster reichte, als der Fliegeralarm vor der Mittags-
zeit begann und bis in den Nachmittag dauerte. Hiefür will ich hiemit
nochmals danken. Es war damals kalt, ich fror und der Magen war schon
lange leer. Die Haferschleimsuppe erwärmte mich und sie war gut und
kräftig.
gern.
Die
Wenn, wie so oft, vom weiblichen Dienstpersonal ein Kleeblatt zugegen
war, kamen die Soldaten immer in gute Stimmung. Ich denke an eine
kleine, schlagfertige Tirolerin mit schwarzem Wuschelhaar, enganliegender
Dienstuniform mit Hose. Sie war sehr munter, lachte viel und
andere, auch eine Tirolerin, von gleicher Größe wie die mit dem schwarzen
Wuschelhaar, war blond, ruhig, gelassen und stets freundlich lächelnd.
Dann war noch eine große, schwarzhaarige Norddeutsche da, eine Schaff-
nerin, mit Dienstbluse, Rohrstiefeln und guter Figur und kurzem Röckchen,
eine Meisterin des Worts, die angeblich fünf Sprachen beherrschte.
Schnell fanden sich Soldaten zum Hofdienst, umzingelten die drei, um
humorvoll für die kurze Zeit kameradschaftlich um die Gunst zu werben.
Alle guten Absichten und Worte blieben oberflächlich, wie keck die Sol-
datensprüche auch waren. Immerhin aber mußte sich in dieser Lage jeder
Dritte an dieser natürlichen und unbekümmerten Art erfreuen. Die Worte
fielen harmlos, ungeschminkt. Es war Natur, ehrliche Zwiegespräche, welche
an noch stammelnde Kinder erinnern, die mit leuchtenden Augen nach ihrer
Art die Trommel schlagen.
Wie erwähnt, saß ich zumeist auf einem Feldsessel in der Mitte des
Bahnhofplatzes, um nach allen Seiten Aussicht zu haben; an solchen Plau-
dertagen besonders, denn das fröhliche Reden und Lachen hätte über alle
Geräusche getäuscht. Auch diese frohe Sorglosigkeit, der Übermut, erfreute
mich im stillen, denn diese Gutgelaunten können nur gedacht haben: Der
dort drüben paßt schon auf für uns.
Diese heitere Unterhaltung mußte ich leider oft stören mit meinem Ruf:
Oberinspektor Haensel hatte ebenerdig seine Kanzlei. Von meinem Platz
aus sah ich ihn, wenn das Fenster offen stand, am Schreibtisch weiterarbei-
ten und zur Prüfung meines Verhaltens zeitweise zu mir herüberschauen,,,Achtung, Achtung! Flieger! Keller gehen! Keller gehen! Rasch! Rasch!"
was mir auch eine Genugtuung war.
Auch in der Tischlerei wurde weitergearbeitet. Zur Sicherheit blieb die
Tür vom Stiegenhaus in Gang und Werkstätte offen, um allenfalls meine
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Das war dann, wenn fernes Rollen und dumpfes Dröhnen in der Luft näher
kam. Bei trübem Wetter sank das Brausen und Mahlen der Motore aus den
Wolken herab und wurde immer deutlicher. An klaren Tagen sah man die
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Flugzeuge wie wuchtige Pfeile Richtung auf die Stadt nehmen. Das gab
dann ein jähes Erwachen; alles sah sich plötzlich in Lebensgefahr. Der
Warnruf zerriẞ die Atmosphäre des dolce far niente. Gerade mein sonstiges
Schweigen überzeugte vom Ernst des Augenblicks. Alles kam in Bewegung,
die Keller füllten sich, der Platz wurde leer. Dann durfte auch ich gehen.
Wie oft sahen wir die Geschwader, von Süden kommend, das Unterinntal
gegen Norden überqueren. An manchen Tagen schien die Kette nicht ab-
reißen zu wollen. Dieser Anblick stimmte alle ernst. Wohin ging die tod-
bringende Reise? Wird nicht das eine oder andere Geschwader hinter der
Nordkette mit einer Schleife sich gegen Innsbruck kehren? Oder werden
diese Bomber am Rückwege einen Rest der Ladung über Innsbruck ab-
werfen? Die nächsten Stunden werden Antwort geben. Bis dort lähmte die
lange und bange Erwartung. Als Hall, Brixlegg und Wörgl angegriffen
wurden, drang das Bersten der Bomben wie grimmiger Donner herauf.
Wir suchten den Himmel ab- alle, die herumstanden, taten es, ob nicht
jetzt und jetzt Innsbruck in einem Angriff an die Reihe käme. Arme Men-
schen dort. Wir haben wenigstens starke, hohe Häuser über den L.-S.-
Kellern, aber dort! Wir hörten das Gewitter der Angriffe auf die Mitten-
waldbahn. Die Bergwände warfen wie entsetzt das höllische Krachen bis
Innsbruck zurück. Die Explosionen erreichten uns als ferne Donnerschläge.
Das zwischen den Felswänden mit Getöse wild herumirrende Echo wälzte
sich in die Stadt herunter wie die Brandung einer fernen tobenden See. Das
galt den Brücken der Mittenwaldbahn, dachte ich mir, aber es war die be-
klagenswerte Gemeinde Reith, die überaus hart getroffen wurde. Auch an
jenem Tage waren die Blicke wie gebannt dorthin gerichtet und an anderen
Tagen gegen den Brenner, als das Donnern wie Lawinen herunterrollte.
-
Im übrigen verliefen alle die harten Stunden und auch jene bei harm-
losem Fliegeralarm, wie bisher und in der Folge geschildert. Woher die
vielen Menschen an der Hand des Schicksales auch kamen, sie standen sich
alle bald nahe. Auch die Fremdarbeiter und Flüchtlinge fühlten sich ge-
borgen inmitten der Wehrmachtsangehörigen. Es gab nicht einen Miẞton
in all diesen Jahren. Bis zu den höchsten Rangstufen waren sie alle gleich.
Ich sah in diesen Augenblicken keinen, von dem man hätte denken können:
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,,Wie tief mußt du geboren sein,
daß dich dein Rang von heute so berauscht."
Die Stunden vergingen für alle wie im Kreise guter Kameraden. Es war
ein harmonisches Durcheinander der mannigfaltigsten Menschen. Sie waren
ehrlich, gutwillig und genügsam.
Es gab keine
,,Gebärdenspäher und Geschichtenträger"
,,Des Übels mehr auf dieser Welt getan,
-
die
Als Gift und Dolch in Mördershand nicht konnten..."
Schiller,,,Don Carlos", I. 1.
3 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter
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SCHLUSSBETRACHTUNG
Am Rande des Kars
Das Alarmsignal hat nicht nur mitunter schwache Nerven gelähmt, nein,
auch alle Arme, die trotz der Entkräftung willens waren zu schaffen, sie
waren verurteilt, müßig zu verharren.
Die belebenden, rührigen Hände,
sie halten und wenden,
tasten und greifen,
lenken und tragen,
stemmen, pressen, fassen die bleckenden Zangen,
prüfen und wagen,
bewirken das nützliche Heben und Senken des großen Gewoges.
Hämmer auf dem Amboẞ klingen, Feuerbogen blenden,
losgelassene Kräfte stampfen, dröhnen,
Funken sprühen und Kolosse wandern leicht bewegt
von schwachen Händen.
Arbeit, Arbeit, Arbeit ist des Lebens Rhythmus,
soll es nicht im Sand verlaufen.
Dann sind Ruhepausen nur Erquickung,
bringen Freude, neue Kraft;
Lust und Freiheit sich erleben,
sich dem Drang und Sehnen zu ergeben.
Sie befreit von müß'gem Suchen,
sie befreit von andrer Lust.
Sie ist des Lebens Preis und Wert,
bringet Freude, neue Kraft;
macht des Lebens Inhalt aus,
gibt dem Regen neue Pulse, immer wieder neuen Halt.
Sie ist der Wissenschaften Wegbereiter,
die neuen Lohn den Händen schafft.
Möge eine güt'ge Fügung jedem dort zu schaffen gönnen,
wo die Neigung liegt.
Alle, alle Sorgen brechen,
jeden Schaffens Bleigewicht,
ohne Sorge, ohne Mangel, daß sie uns zur Freude werde.
Kraft erlebe sich am eignen Werke,
jedem Regen sei vergönnt, sich darin als Schöpfer zu erkennen,
erfüllt zu sehen seines Daseins Zweck,
am Werk der zarten und der schweren Hände.
Wertvoll wird das Mittel selbst.
Zum Geliebten wird der Hammer,
Sichel, Kelle und der Frauen Hausgerät.
Geliebtes Werkzeug mein,
Vollstrecker meines Willens vieler Jahre,
folgst willig meinem Streben, führst mich gefällig an mein Ziel.
Werkzeug meiner Hand,
innig ihr von Jugend auf verwandt,
trägst sichtbar ihrer Griffe Spuren.
Wir beide wollen täglich mit neuem Mute neuerdings beginnen. -
Ich halte die Treue,
Bleibet erhalten!
Wem das Höchste aller Güter, die Gesundheit eigen
un'd doch dem Zwecke sich versagt,
zu höh'rem Nichts Berufung fühlt,
dem wird und darf die Arbeit Strafe sein.
Das Schaffen aller Künste
ist des Lebens inneres Geschmeide.
Doch, klagen die Gestalter des Worts:
,,- ist es zu schwach, den Gleichklang in dir auszulösen,
verhallt es leer im Raum."
Der Bildner dann:
-
"
mein Werk ist tot,
erkennt Dein Auge nicht, was ich damit erschaut."
Und der Töne Meister:
flehende Chöre werden zu Tränen vor dem Herzenstor,
wenn es verschlossen bleibt."
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Verwaist sind alle Stätten emsigen Schaffens!
Der leise andere Rhythmus des Lebens,
des geistigen Wirkens,
verstummt bis in die Höhe der Forschung.
Es ist die ganz leise sich quälende andere Welt,
die Quelle aller Erkenntnis.
Wenn die späte Stund zur Morgenstunde wird,
der Geist erschöpft die Last
der letzten Frage wälzt,
endlich der Punkt der Arbeit Ende zeigt,
war ein Geheimnis aus dem großen All,
uns eine Offenbarung oft geschenkt;
dann, wenn er erlöst im Traume sich zur Ruhe bettet,
die überstandnen Klippen noch einmal zurückeilt,
die erquälte Lösung nochmals auf des Geistes Waage prüft
und froh bejaht.
Arbeit, Arbeit, Arbeit ist auch hier des Lebens Fülle.
Sie ergründet der Seele bewegende Triebe,
ergründet den Inhalt und formet die Welt,
dringt in das Wesen aller Fragen der Dinge,
erforscht und bejahet sich selbst.
Durchleuchtet das neidische Dunkel dem Wissen,
schafft fruchtbar, fortwirkend im sichtbaren Leben.
Im nimmermüden Pendelschlag beschenken sich so beide,
es pendeln die Gaben hin und zurück.
Der ew'ge Kreislauf der Natur, worin der Mensch
zweieinig sich bewähren muß
in brüderlicher Harmonie,
wie das Geheimnis der Natur fortzeugend sich erlebt.
In der eigenen Sonne reifet die Saat,
wirken des Geistes und der Arme Kraft,
Der Seele und der Arbeit Adel
dem Ganzen als Ahnen, ersehnt
die neue Welt zu schenken.
Dann wird aus allen Eins,
die höchste Schöpfung der Natur -
der Mensch.
Wer sich abseits verhält, muß beides missen,
des Geistes und der Hände Nahrung,
Impulse für den Geist, wie dieser für die Hand sie schafft.
Der führende ordnende Geist im Getriebe des täglichen Lebens
wirket als Schöpfung,
lenket die Hände im emsigen Tun und überwachet sie alle,
das Ende zu prüfen, des Anfang er war.
Der Landmann auf der Scholle waltet,
das Samenkorn mit Schweiß betaut,
immer rüstig vorwärts schreitet,
unser täglich Brot bereitet.
Der Werkmann mit der Hände Kraft,
des Geistes stillen Plänen Form und Leben schafft.
Es glimmen verborgen die Keime
und werden zu Strahlen der Gloriole des Glücks.
Dann darf der neidisch schlichte Schrein alles siegreich enden,
zu neuem Auferstehn der andern.
Der mächtig aufstrebenden Tanne vergleichbar,
stehet der Mensch im Sturme des Lebens.
Die stark ausladenden Äste tragen und heben
als mächtige Flügel den darüber leichteren Fittich.
Sie liegen geschichtet wie Schwingen,
zum Flug in die Höhe bereit.
Immer wieder erheben sich alle,
als Pyramide zum Gipfel herrlich verjüngt.
Der Wipfel über dem Mühn im täglichen Staub
überschauet das Ganze.
Wir sehen von fern nur,
unsere Gipfel tasten, schwanken
und suchen in höh'ren Regionen die Rätsel dort oben.
Sie tragen die Früchte der mächtigen Stämme,
senden sie wieder alljährlich im Herbste herab,
mit neuem Leben erfüllt zurück
in den eigenen Schoß, willig bereit zu neuer Empfängnis.
Freilich, wir stehen hier nicht auf ergiebigen Gründen
und Hängen,
Nein!
-
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Wir stehen gekrallt mit den Wurzeln im spärlich Gestein
am Rande des Kars.
Die Ringe der Jahre sind enger geschmiegt,
zu festem,
nicht schwammigen Holz.
Ein Gewinn, den wir behalten.
Wir sind und werden aufrecht verbleiben im Sturm am Rande,
im Kampf um das tägliche Leben,
erfreut von sonnigen Tagen,
wie sie beschieden auch Bäumen
auf steinigem Grund.
Die gelehrte Durchdringung aller Probleme
entschleiert fortschreitend der Schöpfung Geheimnis,
schenket uns alles mit offenen Händen.
-
Und dennoch die Arme ermüden immer aufs neue.
Sie schaffen und ringen
neues Leben zu gewinnen dem Geiste und Leib.
Allein, der Mensch,
er brauchte nicht im Schweiße sich zu baden.
Gebet die Maschine ihrem Zweck allerseits zurück!
Sie sei der Knecht der Menschheit wieder.
Sie erzeuge über den Bedarf nicht,
um den Überfluß im Streit und Hader zu verteilen,
um nach Krieg und Tod, Geschlagene als Hunger zu gewinnen.
Sie sei die Ursach einer einz'gen Müh':
den goldnen Schlüssel aufzufinden,
-
die Erzeugung und Verbrauch gerecht an alle zu verteilen.
Dann mag auch der Arbeit Riesenheer erlöset sich entspannen
und halbe Mühen tragen.
Des Lebens andre Hälfte gehör ihm wieder selbst,
zur eignen Pflege und Erbauung.
Der Mensch sei wieder sich zurückgegeben,
damit er sich im Erdenparadies bewähre.
Der Angriff vom 15. Dezember 1943
Der Alarm erfolgte etwa um 11 Uhr. Ich machte meinen Rundgang über
den Bahnhofplatz, verwies auf die verschiedenen Keller, verweilte da und
dort im Gespräch und begab mich endlich nach Hause in den Keller, um
auch dort nachzusehen. Kurz darauf erfolgte für Innsbruck der erste An-
griff, der viele Opfer forderte, denn niemand dachte damals ernsthaft
daran, daß Innsbruck angegriffen würde.
Die einander rasch folgenden Einschläge wurden zu einem Brodeln von
Donnerschlägen. Die vier Ventilationsrohre verzerrten die Töne. Die Explo-
sionen wurden zu einem Heulen, zu einem steigenden und verebbenden
Auf und Nieder eines langgezogenen, hohlen Durcheinanderstöhnens. Die
Rohre wirkten wie infernalische Orgelpfeifen. Der Druck der Detonationen,
das Bersten der Bomben und der darauf folgende Sog wurden zu einem
Röhren vorsintflutlicher Ungeheuer. Ein Atemholen wie durch strangulierte
Kehlen kam zu uns, als wäre oben eine Herde von Riesentieren an einem
furchtbaren Verenden. Neben den donnernden Schlägen klagte und seufzte
es dumpf drohend aus allen Rohren herunter. Eine furchtbare Tonleiter
für das Ohr. Dazu ein Beben und Rollen, als wären im Erdinnern Kräfte
frei geworden. Die ersten Treffer gingen in die Bahnanlagen und auf den
Bahnhofplatz.
Meine 84jährige Mutter war zu Beginn des Angriffes in ihrem Zimmer.
Sie erzählte nachher:,,Ich war gerade beim Fortgehen. Auf einmal hat es
gekracht und die Fensterscheiben sind mir nachgeflogen, dann hab ich mir
gedacht, jetzt ist es höchste Zeit."
Meine Frau war bereits im Keller, ging jedoch noch einmal zurück in die
Wohnung im 1. Stockwerk, wo sie überrascht wurde. Der Qualm der vor
dem Haus niedergegangenen Bomben füllte den Raum mit Nacht. Nach
der kurzen Flucht in die Ofenecke, eilte sie im Staubnebel in den Keller
zurück, mit dem Gefühl, unter den Füßen keinen Boden zu haben.
Bald folgte ein neues Dröhnen und eine gelbrote Staubwolke wälzte
sich durch die offenstehende Tür in den Keller. Ich rief:
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,,Kinnschleuder umbinden! Mund zuhalten!"
Der Schreck führte zu ziellosen Bewegungen der Anwesenden, die mit
entsetzten Gesichtern weitere Einschläge erwarteten. Aber der Angriff
war vorbei. Ich ging mit meinem Hausgenossen Rudolf Pfund hinauf, um
zu sehen, wo geholfen werden könnte. Vor dem L.-S.-Keller befanden sich
auch Leute. Am Türstock zur Stiege kauerte angstvoll eine junge Frau
mit ihrem Kind, die Augen auf mich gerichtet. Ich sah sie unversehrt und
eilte mit Pfund weiter. Ich schaute im Stiegenhaus in die Höhe, aber alles
in Ordnung; also vermutete ich, der Vorderteil des Hauses wäre getroffen.
In der Einfahrt lagen schon Steine und Erdreich, diese waren aber durch die
Einschläge auf dem gegenüberliegenden Bahnhofplatz hereingeschleudert
worden. Auch von außen waren das Haus und die ganze Häuserreihe unver-
sehrt, nur die Fenster aller Häuser am Bahnhofplatz lagen in Scherben
am Gehsteig. Ein Straßenbahnwagen vor dem Hause war schwer beschä-
digt. Von dort rief eine Frauenstimme:,,Zu Hilfe, zu Hilfe!" Zwei Männer
liefen bereits dorthin und andere folgten. Pfund und ich gingen daher wei-
ter, um nach den Häusern in der Sterzinger Straße zu schauen, wo die Kel-
ler stets überfüllt waren. Im Vorbeigehen schauten wir in die Häuser Süd-
tiroler Platz 10 und 12. Auch deren Inneres war unversehrt. Bei der Sa-
lurner Straße angekommen, sah ich Frau Zeitelhofer mit verschränkten Ar-
men vor der Einfahrt des Hauses Sterzinger Straße 6 stehen. Ich fragte
durch Gesten, ob dort etwas geschehen sei, aber sie verneinte lächelnd. Ich
sah jedoch Leute aus der Salurner Straße in die Adamgasse laufen.
,,Herr Pfund, dort laufen Leute, mir scheint, dort ist etwas geschehen,
gehen wir dorthin."
Richtig, das Haus Nr. 20 war getroffen und aus zwei Fenstern des dritten
Stockwerkes drang Rauch. Davor befanden sich bereits eine Steigleiter und
zwei Soldaten mit Fliegerabzeichen. Auf den Hydranten war das Rohr
aufgeschraubt und daneben lagen zwei eingerollte Schläuche.
Ich fragte:
,,Warum spritzt ihr nicht? Es ist ja alles da?"
,,Wir haben kein Wasser, es ist abgestellt oder die Leitung ist irgendwo
getroffen."
,,Dann schaut doch gleich um eine Motorpumpe, da hinten, hinter dieser
Holztür, fließt die Sill. Dort unten, wo der Kupferschmied steht, kommt ihr
auch durch."
40
,,Wir haben schon um eine Pumpe geschickt und warten darauf."
-
Wir schauten in das Innere des Hauses Nr. 20 und sahen in der Einfahrt
die ersten vier Toten liegen mit verdeckten Gesichtern. Wie ich hörte,
waren es Hausbewohner, die in den Keller eilen wollten, gerade als das
Stiegenhaus getroffen wurde. Sie stürzten mit ihm in die Tiefe.
Auf die Straße zurückgekehrt, traf ich Wiesinger, der das Mögliche
bereits veranlaßt hatte und auch auf die Pumpe wartete.
Nun fragte Pfund:
,Wissen Sie, daß das Rückgebäude vom,Hotel Viktoria' getroffen wurde
und bei uns hinten im Hofe liegt?"
,,Was, getroffen und bei uns im Hof liegt alles?"
,,Ja freilich."
Rudolf Pfund sagte mir nachträglich, er sei in der ersten Zeit benom-
men gewesen und habe sich erst in der Adamgasse gesammelt. Mir ging
es offenbar ähnlich und in der Meinung, ein Treffer auf unser Haus hätte
die Staubwolke verursacht, hatte ich nur ein Auge für das Vorderhaus und
konnte nicht rasch genug auf die Straße kommen, mich zu überzeugen. An
die Rückseite dachte ich gar nicht in meiner Hast.
Darauf gingen wir rasch zurück. Nun sah ich das ganze vierstöckige,
langgestreckte Rückgebäude des „Hotels Viktoria" zertrümmert in sich
zusammengebrochen. Die Trümmer rissen den angrenzenden Teil meiner
Magazine nieder. Ich stieg auf diesen Berg von Ziegeln, aus welchem an
der Stelle, wo vorher das Hotelgebäude stand, die Sparren und Balken des
Dachstuhles herausragten. Aus diesem Gebälk züngelten bereits kleine
Flammen. Eine Gefahr für den ganzen Gebäudeblock, wenn ein Brand auf
den restlichen Teil meines aufgerissenen Magazines übergreifen sollte. Ich
trug die Teile der vorhandenen Schläuche zusammen, aber leider war auch
Also rasch eine Eimerkette von der Woh-
diese Leitung ohne Wasser.
nung herunter aus der gefüllten Badewanne. Von der Straße fanden sich
sofort Hilfsbereite, besonders ein unbekanntes Fräulein bemühte sich sehr.
Rudolf Pfund gab die Anleitung und ich lief um die Feuerwehr. Ein Schutz-
mann in der Wachstube beim Polizeipräsidium, Bahnhofplatz 16, gab meine
Feuermeldung telephonisch weiter.
-
Nun stürzte ein Soldat herein:
,,Bitte, könnten wir nicht ein Seil bekommen? In der Adamgasse brennt
es, das Stiegenhaus ist zertrümmert und die Leute können nicht herunter."
,,Ja, Mensch, woher soll ich ein Seil nehmen, die Polizei hat kein Seil."
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Ich unterbrach:
,,Warten Sie hier, ich komme gleich mit unserem Seil aus dem Luftschutz-
keller. Also hier warten, bis ich komme."
,,Jawohl, ich bleibe da."
Ich machte Laufschritt in den Keller und brachte das Seil.
,,Hier, bitte, aber wieder an mich zurück ins Haus Nr. 8, gleich dort
unten."
,,Jawohl", und er rast damit in die Adamgasse. Das Seil habe ich in dem
Wirbel nicht mehr zurückbekommen, aber als ich nach Wochen da und
dort nachfragte, schickte man mich endlich zur Feuerwehr, die mir ein
gutes, altes Seil als Ersatz gab.
Nach Hause zurückgekehrt, sah ich bereits drei Schlauchlinien vom
Polizeipräsidium herüber gelegt. Sie liefen über den niederen Teil meines
Stöcklgebäudes und über den Hof zur Brandstelle. Im Hof des Polizei-
präsidiums stand nämlich glücklicherweise eine große Motorspritze. Das
Feuer hatte bereits den ganzen Dachstuhl, soweit er herausragte, erfaßt.
Es bestand die große Gefahr eines Übergreifens auf das Magazin und
dadurch auf den ganzen Gebäudeblock, weshalb ich ständig daranblieb
und die Bekämpfung auf den rückwärtigen Teil lenkte. Der Hausgenosse,
Zahnarzt Dr. Haas, rief mir zu, daß im ,,Hotel Viktoria" im Vorderhaus
vom Dachboden Wasser in Strömen durch alle Stockwerke fließe. Ich ging
hinüber, traf die Eheleute Schlegel gefaßt im Haupteingang stehen und
bat Rudolf Pfund, mit Schlegel auf den Dachboden zu schauen.
Vom Eingreifen der Feuerwehr beruhigt, ging ich weiter. Vor dem Hause
Nr. 4 stand die Bewohnerin, Fräulein Flecksberger, heute Frau Hohenauer;
auf meine Frage, ob dort etwas geschehen sei, verneinte sie.
In der Brixner Straße Nr. 4 war das Rückgebäude beim Lodenbaur
getroffen. Die Hausbewohnerin Frau Dr. Schuler kam gerade die Stiege
herunter und meinte auf meine Frage, daß nichts getan werden könne. Ein
Teil der Schneiderei und des gegenüberliegenden Rückgebäudes mit der
Wohnung des Hausmeisters Kofler war zertrümmert.
Das Haus Brixner Straße Nr. 2 war schwer getroffen, der ganze Flügel
links der Einfahrt zusammengestürzt. Ich ging in den Keller, rief wieder-
holt,,Hallo" und erhielt von oben aus der Einfahrt Antwort. Eine Haus-
bewohnerin belehrte mich, daß nichts mehr zu tun sei. Zwei Tote lägen
unter den Trümmern, Frau Barbara Brusser und die Hausgehilfin Johanna
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Stern, die nie in den Keller gingen. Ich machte mich erbötig, hinaufzu-
schauen, in der Hoffnung, daß vielleicht noch zu helfen sei.
,,Nein, nein, da ist nichts mehr zu retten. Die Frauen sind unter den
Trümmern erschlagen, übrigens kommen Sie nicht hinauf, denn die Stiege
fehlt; und außerdem brennt es oben. Es waren schon Soldaten hier, die
hinauf wollten, aber es war ihnen auch unmöglich."
Indessen hatte sich der Brand unter den Trümmern des rückwärtigen
,,Hotels Viktoria" richtig entwickelt, denn die zugeführten Wassermengen
kamen infolge der Trümmer nicht zur Wirkung. Die von unten kommende
Hitze wirkte dagegen. Es brauchte alle Anstrengung, eine Ausdehnung des
Feuers zu verhindern, obzwar drei Schlauchlinien gelegt waren. Drei Män-
ner standen der Reihe nach frontal gegen das Feuer gerichtet. Ein vierter
Helfer kam von der Straße und bediente den von mir an den Hofbrunnen
angeschlossenen Gartenschlauch. Das zufolge des Angriffes gesperrte Wasser
stand nämlich nach einiger Zeit wieder zur Verfügung.
-
-
fiel mir auf, daß der
Als es schon dunkelte es war ja Dezember
eigene Schlauch immer noch von derselben Hand bedient wurde. Ich fragte
den Mann, ob er zur Feuerwehr gehöre.
,,Nein, nein, ich kam nur zufällig von der Straße herein."
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,Wollen Sie nicht nach Hause gehen? Ich schicke eine Ablösung.
,,Ich mache das ganz gerne, ich bitte aber, meiner Mutter zu telepho-
nieren, denn sie weiß nicht, wo ich bin. Mein Name ist Ingenieur Zewaro-
witsch, Anichstraße Nr. 24/I, Rufnummer...."
Ich ging wieder in die Polizeiwachstube, um zu telephonieren. Aber die
Leitung war gestört. Um die Botschaft mündlich ausrichten zu können,
erbot sich ein Schutzmann, mich dorthin zu begleiten, denn die Straßen
seien wegen Blindgängergefahr gesperrt.
Zurückgekehrt, vermißte ich den dritten Mann der Feuerwehr, weshalb
ich in den Hof des Polizeipräsidiums ging, um nachzufragen, warum die
dritte Schlauchlinie nun fehle. Am Motorwagen traf ich einen Feuerwehr-
regu-
mann aufmerksam an einem Ventil nach dem Manometer den Druck
lieren. Er meinte, daß nach wie vor alle drei Schläuche liegen müßten, ich
könne ja den Schlauchlinien folgen. Ich folgte daher dem vom Motor aus-
gehenden mächtigen Schlauch. Nach einer Strecke lag eine dreiteilige
Schlauchgabel also doch drei. Alle drei führten über das Dach des
niederen Rückgebäudes. Eine Leiter führte auf das Gartenhaus im Hofe
-
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des Polizeipräsidiums, von dort eine zweite auf das erwähnte Rückgebäude.
Oben angekommen, traf ich einen Feuerwehrmann.
,,Ja, was machen denn Sie da?" fragte er mich.
,,Ich muß nachschauen, wie die Schläuche laufen, denn ich sehe drüben
nur zwei in Tätigkeit."
,,Na, na, es sind schon drei."
,,Jetzt bin ich nur neugierig, wohin der dritte führt, denn ich sehe drüben
nur zwei."
Hofraum und Brandstelle waren von einem kleinen Scheinwerfer be-
leuchtet.
Ich glitt nun vom Dache des Rückgebäudes auf ein zertrümmertes Flug-
dach hinunter, kletterte von dort auf einen Balkon und kam über eine Stiege
in den Hofraum. Die Schläuche führten über die Trümmer zur Brandstelle
und nun sah ich, daß der dritte an einer geschützten Stelle über den Feuer-
herd hinüberführte, um das Feuer auch von der anderen Seite bekämpfen
zu können. Nun war ich zufrieden.
Gegen 20 Uhr war das Feuer einigermaßen niedergekämpft und die
Feuerwehr ging zum Abendessen. Die Ablösung sollte gleich kommen, wie
mir ein Mann sagte. Ich ging daher auch zum Essen. Nach kurzer Zeit
klingelte Rudolf Pfund und fragte erregt, ob ich wohl wisse, daß die Feuer-
wehr fort und das Feuer wieder in voller Entwicklung sei. Ich konnte mit
dem Mannschaftswechsel aufklären und wir gingen zur Brandstelle. Tat-
sächlich war das Feuer in dieser kurzen Zeit wieder kräftig aufgelodert,
aber es kam auch gerade die Ablösung, um die ganze Nacht über am Feuer
zu bleiben, das immer durch die verschütteten Holzmassen Nahrung fand.
Bald nach Mitternacht war die Ruhe wiederhergestellt, so daß ich um
3 Uhr früh zu Bette ging. Ich fand jedoch keinen Schlaf. Das fortwährende
Auf und Nieder über den Berg von Trümmern hatte den Puls zu sehr erregt.
Um 6 Uhr früh stand ich auf. Die Feuerwehr stand noch wacker auf der
Brandstelle und richtete den Wasserstrahl auf die noch glimmenden Balken
und Nester. Bald zog sie mit dem sicheren Bewußtsein ab, die Ausdehnung
auf die Umgebung und damit ein Großfeuer-verhütet zu haben.
Am Abend des 16. Dezember 1943 erhob sich ein leichter, andauernder
Wind, blies in die Trümmernischen und entfachte neuerdings einzelne
Feuerstellen. Auf meine Meldung erschien gleich ein Löschzug, um die
Brandstelle,,abzuwaschen", wie sich einer der Wackeren ausdrückte.
-
In den folgenden Tagen richtete ich immer wieder den Strahl aus dem
Gartenschlauche gegen jede Rauchentwicklung unter den Trümmern. Die
tief liegende Hitze ließ das glimmende Holz nicht verlöschen. Am ersten
Weihnachtstage gelang es mir erst, die letzte Stelle zur Ruhe zu bringen.
Wie harmlos und erträglich ist trotz allem dieses Geschehen für mich
noch abgelaufen, während drüben in den Bahnanlagen sieben Menschen in
Ausübung ihres Dienstes vom Leben in den Tod gingen. Der Bahnhof-
vorstand, Oberamtmann Ignaz Metzler, wurde auf dem Bahnsteig von
herumfliegenden Trümmern am Kopfe schwer verletzt und starb auf dem
Wege ins Krankenhaus. Mit ihm schied ein pflichtbewußter, allseits geach-
teter und bei seinem Personal sehr beliebter Chef aus dem Leben.
Weiter wurden durch einfallende Bomben der diensthabende Fahrdienst-
leiter, Inspektor Valentin Fuchs, im Telegraphenbüro die beiden dienst-
habenden Fernschreiber Johann Bachmeier und Frau Steiner sofort tödlich
getroffen. In der Gepäckshalle fiel der Träger Anton Leitner. Den Namen
eines Verschiebers, der auf der Bremse überrascht wurde, sowie den Namen
des siebenten Opfers konnte ich nicht erfahren.
Im Bahnpostamt gab es nur drei Leichtverletzte. Das schwer getroffene
Gebäude wäre zum Grabe der Beamtenschaft geworden, hätte nicht Post-
Oberinspektor Ernst Kerber, einer gerade an diesem Tage besonders drän-
genden Eingebung gehorchend, mit ganz besonderem Nachdruck auf das
Verlassen des Amtsgebäudes und Aufsuchen der Luftschutzkeller hinge-
wirkt. Darin wurde er tatkräftig vom Postassistenten Rudolf Moll unter-
stützt, der am Ende noch am Oberarm verletzt wurde. Frau Luise Kostner,
die in einem Raume des III. Stockwerkes verblieb, konnte nachträglich
unversehrt heruntergeholt werden.
In der Brunecker Straße starb eine Gruppe junger Burschen, die im
Freien verblieben war.
Das konzentrierte Elend und Unglück fand sich im Krankenhause zusam-
men. Dorthin eilten ununterbrochen die Transporte mit den Schwerverwun-
deten und Sterbenden, bis über zweihundert zusammengetragen waren.
Eine Straßenbahnschaffnerin freute sich des Lebens. Ihr Pflichtbewußt-
sein triumphierte:
,,Ja, ja", rief sie,,,der Wagen liegt oben auf den Häusern, aber das Geld
hab ich alles da", und sie klopfte auf die Tasche. Dabei fehlte ihr die Nase
samt Wurzel, so daß die Reihe der Backenzähne durch diese Öffnung sicht-
bar war. Ein sprechender Totenkopf.
-
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An einer anderen Stelle stand ein Mann neben seiner mit aufgerissenem
Leib auf die Tragbahre gebetteten Frau. Er stürzte sich auf den heran-
kommenden Arzt und faßte ihn an der Schulter:
,,Herr Doktor, ich bitte, retten Sie meine Frau, hören Sie, retten Sie
meine Frau, Sie müssen sie retten, sie ist noch warm."
Der Arzt mußte verneinen:,,... hier ist keine Rettung mehr möglich,
ich kann Ihnen nur mein Beileid sagen."
"
Und ein starker Mann, für den es keine Erschütterung zu geben schien,
brach zusammen.
-
Personal.
ganze
Ein unvergeßlich schwerer Tag für die Ärzte und für das
Nachdem das Schwerste vollbracht war, dankte Prof. Dr. Burghard
Breitner der versammelten Ärzteschaft und allen Helfern:
,,Ich danke Ihnen allen, Sie haben fast Unmögliches geleistet, Tag und
Nacht. Ich danke allen aufs herzlichste. In diesen schweren Stunden hat die
Klinik bewiesen, daß sie wirklich eine Klinik ist.“
Der Angriff vom 19. Dezember 1943
Dieser zweite Angriff auf Innsbruck erfolgte wieder während der Mit-
tagszeit. Diesmal wurde der Westbahnhof angeflogen, der Treffer in die
Bahnanlagen bekam. Auch ein dort stehender Militärzug wurde getroffen.
Wie Dr. Leo Unterrichter im Amtsblatte der Landeshauptstadt Innsbruck
berichtet, wurden sechs Soldaten, die glaubten, in jenem Zug die Ent-
warnung abwarten zu können, Opfer des Angriffes.
Besonders schwer wurde das dortige Stadtviertel bis hinunter in die
Speckbacherstraße heimgesucht. Es war noch ein großes Glück, daß eine
große Zahl von Bomben in die Felder von Wilten und Amras fiel.
In den Kellern am Hauptbahnhof waren die Einschläge gut zu hören.
Die Bevölkerung besichtigte in den folgenden Tagen die zerstörten Häuser
und auch die Bombentrichter in den Feldern.
Nachdem sich mein Standplatz am Hauptbahnhofe befand, kann ich über
Angriffe auf andere Stadtgebiete nur wenig berichten. Damit möchte ich
die Kürze dieser Berichte begründen und meine eingangs ausgesprochene
Hoffnung wiederholen, daß sich ein Beobachter dieser Stadtteile mit einer
ausführlichen Beschreibung finden möge.
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Der Angriff vom 13. Juni 1944
ganze
Bomben-
Auch dieser Angriff dürfte dem Westbahnhof zugedacht gewesen sein
oder der Bahnstrecke vor dem Berg-Isel-Tunnel, denn die
lage ging rings um die Stiftskirche von Wilten nieder.
Dadurch wurde der zweite Turm dieser Kirche, der nie existierte, zum
Stadtgespräch. Allgemein wurde angenommen, daß er den Bomben zum
Opfer gefallen sei. Der Irrtum war so allgemein, daß die Tagesblätter ihn
zum Anlaß nahmen, darauf hinzuweisen, daß seinerzeit dessen Erbauung
wohl geplant war, die Durchführung aber wegen Geldmangels unterbleiben
mußte.
Angriff vom 20. Oktober 1944
Der Fliegeralarm hatte die Räumung eines oder mehrerer in der Station
stehender Züge zur Folge, so daß sich viel Militär am Bahnhofplatze befand.
Es dauerte längere Zeit, bis Fliegergeschwader sichtbar wurden, die aus
der Richtung der Nordkette das Oberinntal schräg überflogen. Andere Ge-
schwader zogen etwa in der Höhe von Schwaz quer über das Unterinntal
gegen Süden. Ich beobachtete daher abwechselnd einmal von der Rückseite
des Hauses Nr. 8 und dann wieder von der Vorderseite aus diese Bewegung
in der Luft.
Ich stand gerade vor dem Hause, als mir ein Geschwader auffiel, das
über dem Unterinntal zu stehen schien, d. h. es hatte Richtung gegen den
Beschauer. Ich machte daher die Umgebung auf diesen Umstand aufmerk-
sam, wie auch, daß dieses Geschwader in einer Wolkenbank vor der Nord-
kette verschwand und somit jeden Augenblick aus diesem Nebel heraus
die Bomben werfen könne. Ein vor mir stehender Major bestätigte die
Richtigkeit meiner Darstellung.
Ich eilte darauf nach rückwärts in den Hofraum, wo sich gleichfalls viel
Militär befand, das früher auch nicht zum Aufsuchen des Kellers zu bewegen
war. Ich zeigte auf die Wolkenbank, teilte meine Beobachtung vor dem
Hause mit und gab den dringenden Rat, rasch in den Keller zu gehen. Ich
fand wohl aufmerksames Gehör, aber keiner konnte sich entschließen, als
erster zu gehen.
Plötzlich war ein scharfes Brausen hörbar, die Ursache kann ein Bomben-
wurf oder ein Sturzflug gewesen sein. Darauf kam Bewegung in die Menge,
47
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und auch ich eilte in den Keller unter der Einfahrt. - Unten angekommen,
waren auch schon die ersten Detonationen hörbar.
,,Das sind aber keine schweren Bomben heute", sagte ich zu meinem
Nachbar.
,,Ich weiß nicht", war die Antwort.
Aber dann brach der Sturm los.
Schlag auf Schlag folgte und die Schläge wurden zu einem wilden Wirbel.
Vor mir stand dicht gedrängt eine Gruppe von Soldaten bis an das Ende
des Kellers. Rechts von mir auf einer Bank saß ein kräftiger, großer Mann,
der sich mit zitternden Fingern die Ohren zuhielt. Das Zittern erfaßte den
ganzen Körper, aber ich schwieg wie alle, denn ich sah, er suchte sich zu
halten, soweit es seine Nerven gestatteten. Ein Major hinter mir aber sagte:
,,Achten Sie auf den Mann dort."
,,Schon gesehen, schon gesehen."
Damit war die Selbstbeherrschung aus. Der Mann wußte sich beobachtet,
das Zittern wurde zu einem Schütteln und wimmernd fiel er von der Bank
auf den Boden.
,,Aufheben, aufheben!" rief jemand.
,,Nein, nein", antwortete ich,,,den lassen wir liegen, sonst fällt er uns
nur noch einmal herunter; da liegt er gut und kann nicht weiterfallen."
Ich wollte ihm einen der herumliegenden Soldatenrucksäcke unter den
Kopf schieben, aber der Eigentümer meldete sich:
,,Der gehört mir."
Ich griff nach einem Handkoffer, der still genehmigt wurde.
Es krachte immerfort und ich suchte den Mann zu beruhigen:
,,Was ist denn nur! Das ist ja nur ein Luftgefecht, deshalb brauchen Sie
keine Angst zu haben."
-
Diese Täuschung konnte mir freilich nicht gelingen, er lag ja am Boden
und mußte die Erschütterungen deutlich fühlen. Er führte den ge-
krümmten Daumen in den Mund und es gelang mir gerade noch, ihn vor
dem Zubeißen zu retten und den kräftigen Arm zurückzureißen.
,,Ja, was fällt Ihnen ein, das ist ja Ihr eigener Finger! Wollen Sie viel-
leicht etwas trinken?"
,,Ja, bitte-Wasser."
Ich öffnete eine der stets vorrätig gehaltenen Mineralwasserflaschen und
hielt sie ihm an den Mund. Die Ablenkung gelang, aber er trank nur mäßig.
Als die Einschläge aufhörten, beruhigte er sich allmählich. Ich machte
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meinen Rundgang, der mich zuerst in den Keller der Sterzinger Straße Nr. 4
führte, wo ich vom harmlosen Verlauf des Angriffs für die nächste Um-
gebung berichtete. Als ich aus diesem Keller heraufkam, standen bereits
Hermann Riebler und Jakob Vones auf der Straße. Von dort fuhr ich mit
dem Rad in die Brixner Straße, um in den dortigen Kellern über den Ver-
lauf des Angriffes zu berichten. Dabei sah ich auch den Einschlag in das
Dach vom,,Hotel Kreid"; er lag über der Einfahrt. Ich machte im dortigen
Luftschutzkeller auch sofort Mitteilung und empfahl, sofort wegen etwaiger
Brandbomben nachzuschauen und gleich gefüllte Wassereimer mitzu-
nehmen.
Von meinem Rundgang zurückgekehrt, fand ich den oben erwähnten
Mann gebrochen in der Einfahrt sitzen.
,,Und wie geht es jetzt, haben Sie sich schon erholt, sind Sie von Inns-
bruck?"
,,Nein, komme von München."
,,Kann ich etwas für Sie tun, wollen Sie etwas trinken?"
,,Nein, danke schön!"
Nach Akzent und Aussehen dürfte er ein Fremdarbeiter oder Flüchtling
in guter Kleidung aus dem Osten gewesen sein.
-
Am Bahnhofplatz, dem Hause Nr. 8 gegenüber, stak das Rohr des Bom-
benleitwerkes im Pflaster. Ich vermutete einen Blindgänger und ersuchte
einen Mann, zum Schutze gegen Berührung aus übergebenem Holz und
Nägeln einen Dreifuß zu zimmern und darüberzustellen. Das Gestell
machte er wohl, übergab es mir aber,,zur weiteren Veranlassung“ mit
einer Gönnermiene, als wollte er sagen:,,Da hast du und mit dem kannst
du nun machen, aber ganz, was du willst."
Ich stellte es über die vermeintliche Gefahrenstelle, das Leitwerk einer
Splitterbombe. Wie sich aber herausstellte, explodierten diese kleinen
Splitterbomben sofort beim Aufschlag. Das Rohr des Leitwerkes als einziger
Rest der Bombe bohrte sich hingegen in das Pflaster.
Eine solche Splitterbombe fiel auch mit entsprechender Schadenswirkung
an den Dächern in den rückwärtigen Teil des Daches vom Haus Bahnhof-
platz Nr. 4 in den Garten des,,Lodenbaur", Brixner Straße Nr. 4, und auf
das Dach des Rückgebäudes bei Gedeon von Hibler, Adamgasse Nr. 5. In
der Museumstraße zählte ich vom Bahnviadukt bis zum ,,Wilden Mann"
rund 40 Einschläge.
4 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter
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-
Im Garten des,,Lodenbaur" ragten die Flügel des Leitwerkes zur Hälfte
aus der aufgewühlten Gartenerde und machten auch den Eindruck eines
Blindgängers. Als auf die Meldung nach zwei Tagen noch niemand gekom-
men war, wollte ich selbst den,,Blindgänger" freilegen. Mit einem schmalen
Werkzeug räumte ich ringsum die Gartenerde fort und befestigte, als diese
Flügel gelockert waren, einen Haken, um die Bombe mittels einer langen
Rebschnur herauszureißen. Zwei junge Burschen im Geschäfte des
,,Lodenbaur" wollten unbedingt dabei sein. Nachdem es sich nur um eine
kleine Bombe handelte, glaubte ich es verantworten zu können, und ließ
sie hinter einem großen Trümmerhaufen in Deckung gehen. An ihrer Seite
zog ich die Schnur, aber es krachte nicht.,,Leider", dürften die zwei gedacht
haben. Die Schnur spannte sich, gab nach, aber es kamen nur die merk-
würdigerweise ganz unbeschädigten Flügel des Leitwerkes wie eine tote
Henne heran.
Schwere Bomben fielen in den Stadtteil vor dem Westbahnhofe und ver-
ursachten größere Schäden. Splitterbomben fielen, wie ich hörte, auch in
der Gegend von Amras, Lans, Lanserkopf und Natters.
Viktor Rhomberg in Igls wurde in seiner Villa ein Opfer des Angriffs.
In der Völser Straße verlor das Haus Nr. 29 die linke vordere Hausecke der
Länge nach herunter. In der Mandelsbergerstraße Nr. 7 kam das Rück-
gebäude schwer zu Schaden und neuerdings das Vorderhaus, das bereits
am 15. Dezember 1943 getroffen wurde.
Der Angriff vom 26. Oktober 1944
Es war etwa 11.30 Uhr, als ich in der Tabaktrafik Rudolf Gräßl,
Meraner Straße, eine Zeitung kaufte und vom Geschäftsinhaber die soeben
ergangene Radiomeldung erfuhr, nach welcher sich Flugzeuge über Tirol
im Anfluge nach Bayern befänden. In der Absicht, noch rasch eine Be-
sorgung zu erledigen, beeilte ich mich, mit dem Rade in die Maria-There-
sien-Straße zu kommen.
Ich war kaum auf dem Rade, als auch schon Flakgeschosse über Inns-
bruck krachten und eine Serie leichter Bomben fiel. Nach meiner Vor-
stellung traf sie in nächste Nähe, etwa in der Museumstraße oder Altstadt.
Ich hoffte daher, daß die Flieger nicht gerade in den Raum über mir ein-
schwenken werden und ich noch rechtzeitig in den Luftschutzkeller der
nahegelegenen Sparkasse käme. Ich bog in die Erlerstraße ein, und bevor
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ich bis zur Gilmstraße kam, hörte das Krachen auf. Nun wollte ich die
Pause benutzen, um auf meinen Platz zu kommen, schwenkte wieder nach
rechts in die Gilmstraße und raste gegen den Bahnhof. Dort öffnete ich die
Luftschutzkeller im Hause Nr. 8 und stürmte über die Stiege in die Woh-
nung, um die Fenster zu öffnen, damit sie, falls es noch zu einem Angriff
auf die Bahnanlagen kommen sollte, nicht durch den Luftdruck zertrüm-
mert würden. Mir schien nämlich der Angriff von wenigen Sekunden nur
ein Vorspiel kommender Dinge.
Ich hatte mich nicht getäuscht, denn als ich etwa nur die Hälfte der Fen-
ster geöffnet hatte, fielen schon wieder und diesmal schwere Bomben in die
Bahnanlagen. Somit mußte ich die Fenster bleiben lassen und sprang über
die Stiegen noch schneller hinunter, als ich gerade darüber heraufgekom-
men. Unten angekommen, sagte ich lachend:,,So schnell bin ich noch nie die
Stiege heruntergekommen" und biß mir den Fetzen Haut vom kleinen
Finger der rechten Hand, den ich mir beim,,Bremsen" an der Wand her-
untergestoßen hatte.
Auch dieser Angriff war von kurzer Dauer. Nun wollte ich sehen, was
geschehen war. An der Ecke der Salurner Straße angelangt, bemerke ich
vor dem Hause Nr. 3 den Einschlag in die Straßenbahngeleise mit den
hochgebogenen Schienen. Hinter dem Lagerhause stieg Rauch auf, ebenso
hinter dem Adambräu. Die Straße dorthin war nicht getroffen, so daß ich
das Fahrrad benützen konnte. Vor allem wollte ich die Kellerinsassen in
der Sterzinger Straße vom Brande in der Lagerhausnähe unterrichten, denn
bei einem Lagerhausbrande schien mir ein Verbleiben in den gegenüberlie-
genden Kellern unmöglich.
Ich überlegte noch, ob ich eine voreilige Verständigung nicht unterlassen
sollte. Nachdem ich aber weiterzufahren hatte, dachte ich wieder an
die Möglichkeit eines auch nur kleinen Unfalles, der mich ausschalten
könnte, und entschloß mich zur Benachrichtigung. Also, rasch hinunter in
den Keller Sterzinger Straße Nr. 4. Alle schauten mich erwartungsvoll an,
denn die Einschläge waren zu nahe gelegen und im Keller fühlbar. Ich
konnte aber Beruhigendes berichten:
,,Hinter dem Lagerhause scheint es zu brennen, ich weiß noch nicht, wo.
Gleichfalls brennt es hinter dem Adambräu. Den Häusern ist nichts ge-
schehen. Das Lagerhaus selbst brennt nicht. Sollte der Brand gefährlich
werden, komme ich schon wieder. Ich gehe jetzt, um genau zu schauen,
was geschehen ist und gebe dann wieder Nachricht."
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Dann fuhr ich rasch zum Adambräu hinauf, denn in der Luft war es
ruhig. In einer Nische der Mauer gegen den Gehsteig lag eine abbrennende
Stabbrandbombe, die ich liegen ließ, denn dort konnte sie nicht schaden.
Aus dem Dachraum des Kesselhauses qualmte von allen Seiten Rauch
heraus, also auch Brandbomben. Schäden schwerer Bomben sah ich in die-
sem Gebiete nicht. Nun also zurück, um die Feuerwehr zu verständigen,
bevor sich der Brand richtig entwickelt.
Am Rückwege wollte ich noch an den Brand hinter dem Landeslager-
hause heran, fuhr in den Hofraum und sah in der Verlängerung desselben
eine Baracke brennen. Ein Feuerwehrmann der Betriebsfeuerwehr des Lan-
deslagerhauses, Anton Haselwanter, einer der besten Männer dieser Feu-
erwehr, bediente bereits eine Schlauchlinie. Ein zweiter Schlauch war schon
am Hydranten angeschlossen und wurde gerade eiligst vom Kellermeister
Josef Pfeifer ausgerollt. Ferner beteiligten sich an der Bekämpfung des
Brandes besonders der Magazineur Ferdinand Hekele, Heinrich Willi und
andere Leute der Betriebsfeuerwehr. Das ist wirklich rasches Eingreifen,
dachte ich mir, in welchem Keller waren diese Männer wohl?
,,Braucht's Helfer", rufe ich den Leuten zu, dann bringe ich einige
vom Keller da drüben."
,,Na, na, Leute hätten wir schon genug."
Wie ich später erfuhr, waren bei allen Fliegeralarmen und damals wäh-
rend der ganzen Nacht stets 6-8 Mann der Lagerhausbelegschaft als
Brandwache und Werkschutz im Luftschutzkeller des Betriebes bereit-
gestellt, um bei eintretender Gefahr sofort eingesetzt zu werden.
Ich prüfte den Himmel, aber es war still. Auf der Straße neben dem Di-
rektionsgebäude der Bahn hielt ein motorisierter Schutzmann, dem ein an-
derer zu Fuß scheinbar Meldung machte, denn der Motorisierte schrieb.
Ich frage:,,Ist die Feuerwehr schon verständigt?"
,,Jawohl, ist bereits verständigt", lautet die knappe Antwort, mit ent-
sprechendem Ton, so daß ich verstand, meine,,Einmengung" war nicht
erwünscht. Darauf ging ich gleich in den Keller Sterzinger Straße Nr. 4
und berichtete:
,,Also, hinter dem Lagerhause brennt eine Baracke der Reichsbahn. Es
ist bereits Feuerwehr daran, aber immerhin wird es gut sein, dann und
wann nachzuschauen, ob das Feuer nicht etwa durch Funkenflug auf das
Lagerhaus übergreift, wenn ich etwa nicht mehr sollte kommen können."
Kaum war ich wieder auf der Straße, krachte lebhaft heftiges Flakfeuer.
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Nun war die Hölle wieder los, sie waren wieder da. Ich fand es nicht mehr
ratsam, in den Keller am Bahnhofplatz Nr. 8 zu gehen, nahm nicht einmal
mehr Zeit nach den Fliegern auszuschauen, denn die Sprache der Flak-
geschütze war zu deutlich. Ich sprang über die Stufen hinauf in die Wach-
stube beim Polizeipräsidium und hinunter in den Keller. Gleich hinter mir
der Oberwachtmeister Kürner, von Beruf Malermeister. Zwei bis drei Zi-
vilpersonen waren bereits unten und standen vor der Tür zum Luftschutz-
keller. Ich bildete mir ein, es werde nun der richtige schwere Angriff kom-
men, wollte mich überzeugen, wo der Mauerdurchbruch ins Nebenhaus
Nr. 14 vorgesehen ist und öffnete die Türe zum Luftschutzkeller.
,,Was wollen Sie?" fragte ein Schutzmann.
,,Ich bin nur gekommen, Deckung zu suchen."
,,Hier ist alles voll", war die Antwort und die Tür war auch schon zu.
Der Keller war auch tatsächlich vollgepfropft, und ich sagte mir, da drinnen
werden sich wohl andere um den Durchbruch bekümmern, wenn er ge-
braucht wird, mir ist der Keller vor der Türe auch gut genug und es
krachte und bebte schon. Ein Mann neben mir bekreuzigte sich. Es waren
zwei Einschläge, als wären sie auf das Haus niedergegangen, so daß ich zur
Stiege schaute, ob nicht Trümmer herunterrollen, und sagte, zu Oberwacht-
meister Kürner gewendet,,,mir scheint, wir haben höchste Zeit gehabt."
Es wurde bald wieder ruhig und ich ging nach oben. Aus den Fenstern
des Lagerhauses stieg Rauch auf; dies beunruhigte mich und veranlaßte
mich wieder, im Keller des Hauses Sterzinger Straße Nr. 4 Mitteilung zu
machen:
,,Aus den Kellerfenstern vom Lagerhause steigen mäßige Rauchwolken
auf, nicht stark, aber immerhin zu beachten, was daraus wird. Sollte es
ärger und der Rauch fühlbar werden, dann wird es besser sein, den Keller
bald zu verlassen und einen anderen am Bahnhofplatz aufzusuchen, bevor
die Luft schlecht wird. Dann wäre es auch gut, wegen Brandbomben am
Dache nachzuschauen, es sind heute einige gefallen." Eine Frau - Helene
Schmidt meldete sich für die Kontrolle.
-
,,Ich geh schon gleich", sagte sie und drängte sich durch die Leute hin-
durch.
Im Hause Nr. 2 war der öffentliche Luftschutzkeller untergebracht, wo
ich in aller Ruhe dieselbe Mitteilung machte. Es schlossen sich trotzdem
gleich mehrere Zivilisten und Soldaten an. Ich verteilte sie auf die zwei
Keller im Hause Bahnhofplatz Nr. 8.
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Durch den Rauch aus den Kellerfenstern beunruhigt und vom Verlangen
getrieben, Genaues zu wissen-schon wegen des Feuers hinter dem Lan-
deslagerhause-fuhr ich wieder zurück und in den Hofraum, um das La-
gerhaus von rückwärts zu besehen. Nun wußte ich sofort alles. Ich stand
bald vor dem eingestürzten Kellergewölbe unter dem Hofe, das ein schwe
rer Einschlag zertrümmert hatte. Es waren also die Explosionsgase, die aus
den Fenstern strömten. Das Lagerhaus blieb zum Glück unversehrt.
Die Betriebsfeuerwehr des Landeslagerhauses war schon wieder wacker
am Platze und kämpfte gegen den Brand der in nächster Nähe gelegenen
Baracke der Bahn. Diese Männer müssen wie ich auf das Flakfeuer raschest
gewesen.
in Deckung gegangen sein, sonst wären sie nicht mehr
Nachdem von der Berufsfeuerwehr nach meinem Wissen noch niemand
erschienen war (die Zeit war auch zu kurz dazu, denn das zuletzt Geschil-
derte spielte sich sehr rasch ab), wollte ich für alle Fälle Meldung machen.
Vor der Wachstube stand ein Mann mit einer blauen Armbinde, den ich
fragte, ob er zum Lagerhauspersonal gehöre; er verneinte. Auf meine Be-
merkung, daß ich mich gerne überzeugen möchte, ob die Feuerwehr wirk-
lich von den zwei Bränden verständigt wurde, ging er mit mir zum Appa-
rat, um meine Meldung gleich selbst weiterzugeben. Ich sagte:
,,Hinter dem Lagerhaus brennt eine Baracke, aber der Brand wird schon
mit zwei Schläuchen bekämpft. Es brennt auch hinter dem Adambräu.“
Er meldete:,,Es brennt das Lagerhaus und die Adambrauerei."
,,Nein, nein", unterbrach ich,,,hinter dem Lagerhaus und hinter der
Brauerei."
Der Mann berichtigte auch in diesem Sinne, aber wie ich später durch
Zufall erfuhr, hielt die erste Meldung und wurde so weitergegeben.
Hierauf fuhr ich zum Luftschutzkeller Brixner Straße Nr. 4 (Lodenbaur),
um zu berichten, und empfahl, am Dachboden wegen Brandbomben nach-
zuschauen.
Nun noch hinüber in den Keller des,,Hotel Tyrol". Diesen sah ich an-
gefüllt mit Verwundeten auf Tragbahren. Wie ich hörte, waren diese aus
einem Lazarettzug, der während des Angriffes in der Station stand, her-
übergeschafft worden. Waggons neben diesem Zug wurden zertrümmert,
dem Lazarettzug ist glücklicherweise nichts geschehen. In allen Räumen
standen Tragbahre neben Tragbahre. Es kamen gerade Pfleger mit wei-
teren Verwundeten von der Bahn herüber und standen ratlos. Ich führte
sie hinüber zum Keller im,,Hotel Europa", wo ich am Eingang zur Stiege
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bereits den Bahnbeamten Schlotterbeck antraf, der die Tür öffnete. Nun
war der Eingang zu eng, um mit den Tragbahren zwischen zwei Mauern
durchkommen zu können. Eine Schwester vom Roten Kreuz zeigte sich sehr
bekümmert darüber, denn es waren noch viele Verwundete unterzubringen.
Ich sah das Hindernis, hob die schwere Tür zum Stiegenhause aus den An-
geln, stellte sie in den Hofraum hinaus, und nun ging es geradeaus zur
Kellerstiege hinunter.
Es wurde viel besprochen, wieso ein Lazarettzug bei Alarm in der Station
stehenbleiben konnte. Man hörte von Befehlen und verstopften Geleisen
usw.
Heimgekehrt, ging ich auf den Dachboden nes Hauses Bahnhofplatz
Nr. 8, um auch wegen Brandbomben nachzuschauen. Bald darauf kam die
Vorentwarnung. Die im rückwärtigen öffentlichen Luftschutzkeller befind-
lichen Leute, darunter viele von der Wehrmacht, strömten schon herauf.
,,Langsam, langsam", rief ich ihnen zu,,,das ist nur erst die Vorentwar-
nung, nicht die volle Entwarnung, es können noch Überraschungen kom-
men", und alles zog sich wieder zurück. Es gab aber keinen Angriff mehr
und der Tag war für mich wieder einmal zu Ende.
Außer in den Bahnanlagen gab es in der nächsten Umgebung die er-
wähnten Einschläge in der Salurner Straße, in den Keller unter dem Hof-
raume des Landeslagerhauses und weiter vor das Nordende des Bahn-
hofgebäudes, vor der Bahnpost in die Straße und nochmals in die Brun-
ecker Straße vor der Einmündung in die Museumstraße. Die Einschläge in
der Altstadt habe ich nicht festgestellt.
Der Angriff vom 15. November 1944
Nach dem Voralarm um halb 10 Uhr folgte bald der Vollalarm und nach
einiger Zeit waren aus größerer Entfernung Einschläge und Flakfeuer zu
hören.
Ein Teil der Bomben fiel in die Höttinger Au, der Großteil aber hinter
die Nordkette, so daß angesichts des harmlosen Ablaufes auch humorvoll
von,,Gamsbraten" gesprochen wurde, der jenseits der Berge zu holen wäre.
Die Landschaft war in dichten Nebel gehüllt und bot kein richtiges Ziel.
Die Vorentwarnung erfolgte um halb 12 Uhr und etwa 15 Minuten spä-
ter die volle Entwarnung.
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Der Angriff vom 16. November 1944
Nach dem Alarmzeichen um 11.15 Uhr waren bald Gruppen von sechs
Flugzeugen zu sehen und jeweils auch 3 bis 6 solcher Gruppen hinter-
einander als ganze Geschwader. Sie zogen, aus Süden kommend, über die
Nordkette und wieder in umgekehrter Richtung, als wäre hinter der Nord-
kette die Richtung gewechselt worden. Auch der Raum über Innsbruck
wurde überflogen. Es war ein beständiges Kommen und Abfliegen in gro-
Ber Höhe mit den Kondensstreifen als gleichgerichtete, langgestreckte Fah-
nen, deren Enden zu leichten Wolken und Dunst wurden. Ich hatte bald
die Empfindung, es könnte ein schwerer Tag werden, und überblickte den
Platz. Vor dem „,Hotel Tyrol" standen wie zumeist eine Menge Soldaten,
ebenso vor dem „,Hotel Viktoria" und zwei beim Kiosk gegenüber. Ein
Hauptmann der Flugwaffe eilte gerade an mir vorbei.
,,Herr Hauptmann, bitte nicht weiterzugehen, es können jeden Augen-
blick Bomben fallen und hier ist ein guter Luftschutzkeller." Er verblieb
dankend und ging auch später mit mir hinunter. Gegen 12.30 Uhr kamen
drei leichte Flugzeuge aus der Richtung über dem Patscherkofel, die bald
die Ordnung verließen und ausschwärmten. Es war ein Auf und Nieder,
ein eiliges Wechseln der Richtung. Die Kondensstreifen gaben einen wirren
Schlepp aus lockerem Gewebe.
,,Schau, schau!" rief jemand hinter mir wie entzückt. Mir war dieses Bild
neu. Bomber konnten es nicht sein, dazu waren sie zu leicht und hurtig.
Aber was bedeutete diese spielende Beweglichkeit? Es sind doch keine
Kunstflieger, um die Menge einer Festwiese zu unterhalten. Sollten etwa
die Blicke von einer anderen Richtung abgelenkt werden oder was ist von
diesen Fliegern dort zu erwarten?
Ich prüfte scharf den ganzen Horizont und besonders den Luftraum über
dem Patscherkofel, woher die Vorboten kamen. Die Aufklärung zu diesem
anmutigen Spiel in den Lüften ließ nicht lange auf sich warten.
Von dort, ja, von dort kamen sie: Eine Gruppe schwerer Flugzeuge
schob sich über den Berg heran. Kein Zweifel mehr, schwer und wuchtig
kam diese unheildrohende Wolke von Riesenvögeln, gelassen wie Panzer-
schiffe auf glatter See; geradlinig ging die Fahrt in den Raum über der
Stadt. Die munteren Vorläufer waren die Aufklärer für die drohend schwer
beladenen Kolosse. Das ferne Brummen wurde rasch immer deutlicher,
grollend brummten die Motore der schweren Maschinen in ihrem tiefen
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Baß: Hunger, Hunger, Hunger. Die schwere Kavallerie der Luft trommelte
ihren dumpfen Motorenwirbel, wie Reiterei, die mit 1000 Hufen über eine
Holzbrücke stampft. Die zahllosen Stöße wurden zum Getöse, wie unge-
zählte Infanterieschüsse in langgestreckter Front zu einem Brodeln und
Kochen werden. Die einzelnen Flugzeuge wuchsen mit dem Getöse, die
Gruppe schien immer mehr Raum einzunehmen und in die Breite zu gehen.
Es gab keinen Zweifel mehr, also rasch! Ich stand vor dem Hause Nr. 12
des Bahnhofplatzes und rief nach links und rechts, die Hände an den Mund
gelegt:
,,Schwere Flieger kommen, Richtung Bahnhof, rasch in die Keller, rasch,
rasch!"
Die Bomber wuchsen, als wollten sie mir zuvorkommen. Ich schrie noch-
mals über den Platz:
,,Flieger, Flieger, sie kommen, Keller gehen, rasch, rasch!"
Die Menschen drängten sich zu Trauben vor den verschiedenen Haus-
toren, die zu den Luftschutzkellern führten. Es gab kein Herumirren; da-
gegen zu sorgen fand ich genügend Zeit. Ich sah alles in Bewegung. Der
Platz wurde leer, die Menschentrauben vor den Häusern immer kleiner.
Nun wußte ich alle geborgen. Der erwähnte Hauptmann stand noch ne-
ben mir.
,,Herr Hauptmann, ich glaube, es ist Zeit zu verschwinden. Heute
gibt's was."
Wir gingen, die anderen in der Luft kamen. Der Sturm brach sogleich
los. Die harte Nervenprobe begann. Sie säten die schweren Bomben in die
Bahnanlagen und in unsere nächste Umgebung. Es begann die Miẞhand-
lung der Erde mit Keulenschlägen in ihr Angesicht.
Im Keller wurde es sofort dunkel. Ich brannte meine Sturmlaterne an.
Die Schläge pochten an Tür und Wände, begehrten Einlaß auch von oben,
hoben und schaukelten das Ganze zu einem rollenden Beben. Vier Venti-
lationsrohre hauchten ihre gespenstisch drohende Symphonie vom Verge-
hen und Sterben herunter. Die Einschläge folgten einander rasch. Einmal
gab es eine ganze Serie. Der ganze Angriff verlief in verhältnismäßig kur-
zer Zeit.
Als es still wurde, ging ich aufmerksam horchend hinauf, um gleich we-
gen der Brandbomben auszuschauen und ob sonst irgendwo Hilfe vonnöten
wäre, denn einige Einschläge waren deutlich vom Rumpeln einstürzender
Häuser begleitet. Ein besonderer Blick galt immer dem Lagerhause. Gleich
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mir gegenüber sah ich den Saal der Bahnhofgastwirtschaft getroffen, die
schwere Eisenkonstruktion darüber zusammengebrochen. Dieser Saal diente
seit einiger Zeit schon als ,,Expreßgut-Aufgabe". Vor der Ankunfthalle
lag ein Einschlag im Pflaster. Das Haus Nr. 7, das Reichsbahn-Direktions-
gebäude, war im bahnseitigen Flügel getroffen. Vor der Salurner Straße,
gegenüber der Ecke des Hauses Nr. 16 (damals Polizeipräsidium) waren die
Gas-, Wasser- und Kabelleitung durch zwei Einschläge zerstört. Der,,Arl-
berger Hof" wurde oberhalb des zweiten Stockwerkes durch einen Blind-
gänger getroffen, der in der Sterzinger Straße schräg die Vorderwand und
das ganze Haus bis zum Keller durchschlug. Einige Bomben fielen an der
Ecke des,,Hotel Europa" in die Geleise der Straßenbahn und ebenso ins
Straßenpflaster vor dem Gehsteig. In der Brunecker Straße war auch das
Haus Nr. 2 getroffen. Nachträglich hörte ich, daß einige Häuser in der
Nähe des Gaswerkes zerstört wurden. Eine Anzahl Bomben fiel in die Fel-
der bei Amras, Thaur und ins Gebirge.
Als ich vom Keller heraufkam, sah ich auch sofort die Sterzinger Straße
mit den Trümmern des schwer getroffenen Landes-Lagerhauses angefüllt.
Aufsteigender leichter Rauch bannte mich einen Augenblick an die Stelle.
Ein Lagerhausbrand war nämlich für mich schon immer eine stille Sorge.
Ich wußte, daß die Stockwerke innerhalb der vier Wände nur und restlos
aus Holzkonstruktion bestanden (das Lagerhaus stand seit 1884). Ein
Feuer in diesem Wald von trockenem Holz müßte furchtbar wüten, die
Hitze unerträglich auch für die Umgebung werden. Ein Übergreifen des
Feuers auf die gegenüberliegenden Häuser der Sterzinger Straße erschien
mir unvermeidbar. Dabei dachte ich an die Insassen der Luftschutzkeller
in den Häusern Nr. 2, 4 und 6. Nr. 8 war kaum bewohnt. Es war immer
meine feste Absicht, vor der Entwicklung eines Feuers die Leute sofort
heraus- und in andere Keller zu führen. Es war doch immer wieder zu hö-
ren, daß in andern Städten die Menschen bei Bränden in Kellern oft durch
die Hitze allein umkamen. Das zu verhindern war mein Vorsatz und jedes-
mal, wenn ich nach einem Angriff vom Keller heraufkam, galt mein erster
Blick der Sterzinger Straße, sobald ich das eigene Haus unversehrt fand.
Nun war das von mir gefürchtete Ereignis eingetreten. Ich stand plötz-
lich vor dieser Tatsache, aber ebenso rasch war mein Entschluß gefaßt. Im
Laufschritt strebte ich der Sterzinger Straße zu - wegen der herumliegen-
den Gesteinsmassen kam das Fahrrad nicht in Frage-immerfort den Luft-
raum prüfend. Auf halbem Wege, nach dem Hause Nr. 14, begann die Flak
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in Richtung gegen den Bahnhof zu feuern. Die Sprengwolken ballten sich
hinter einem Flugzeug zu einer Riesentraube zusammen. Die Maschine be-
wegte sich auf mich zu, konnte jeden Augenblick den Bahnhof neuerdings
angreifen. In einer Sekunde mußte ich überlegen und mich entschließen, ob
ich den Weg zurück vorziehen oder doch dem Flugzeug entgegen fortsetzen
sollte. Schnell vorwärts dem Ziele zu, durch den nächsten Eingang an
der Ecke des Hotels in das Café des,,Arlberger Hofes", um das Haus über
mir zu haben. Sollten vorzeitig Bomben fallen, dann rasch zur Erde und
,,Gut Glück". Das war die Überlegung eines Augenblicks.
-
Als ich über die Stufen ins Café sprang, sah ich etwa an der Stelle des
Lagerhaus-Warenaufzuges ein bereits 10 Meter hoch aufloderndes Flam-
menbündel, wie von unten angefacht, fast rauchlos gierig um sich greifen.
Immerhin war das Feuer noch auf eine Stelle beschränkt, wie furchtbar dro-
hend es auch begann. Sollte ich nicht doch vorerst wieder über die Straße in
die gegenüberliegende Polizeiwachstube zum Fernsprecher eilen, um die
Feuerwehr zu verständigen? Wenn aber ein neuer Angriff erfolgen sollte,
bin ich genötigt, für die Dauer des Angriffes in den dortigen Luftschutz-
keller zu flüchten. Indessen wird der Brand rasend um sich greifen, die ge-
genüberliegenden Häuser erfassen und den vielen Menschen in den Kellern
das stets befürchtete Schicksal bereiten.
Nein, das Lagerhaus ist nicht mehr zu retten, das riesige hölzerne Einge-
weide wird zur Gänze in Flammen stehen, bis die Feuerwehr kommen
kann. Daher weiter!
Ich stürmte durchs Café in den Hofraum, um den zur Fa. Schmidt füh-
renden Mauerdurchbruch mit der im Rucksack stets mitgeführten Beilpicke
zu öffnen, und räumte die davorstehenden Müllkübel fort. Währenddessen
besann ich mich aber, daß damit nichts getan sei. Ich mußte doch die Kel-
lerinsassen aus den Kellern der Feuerzone besser unterirdisch in den Kel-
ler des Hotels herüberführen und, falls dieser übervoll werden sollte, den
Durchbruch zum vorzüglich ausgebauten Keller des Nebenhauses, Salurner
Straße 3, öffnen. Also weiter in den Keller des Hotels, in den die Stiege
hinter mir hinunterführte. Dieser Keller war schon stark besetzt. Ich drängte
mich durch die Leute zum Durchbruch und brach mit dem dort bereitste-
henden Pickel die Wand zum öffentlichen Luftschutzkeller Sterzinger Straße
Nr. 2 auf. Die Keller waren bereits ohne Licht. Mir diente meine Taschen-
lampe. Ich kroch durch die Doppelmauer hinüber und leuchtete in die auch
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hier dicht gedrängten Menschen, um in Ruhe das Notwendige mitzuteilen,
ohne durch Überängstliche etwa eine Panik auszulösen.
,,Achtung, bitte. Ich habe gerade den Durchbruch zum,,Arlberger Hof"
hinüber geöffnet, und es wird gut sein, dort hinüberzugehen, denn das
Lagerhaus brennt. Es könnte hier später vielleicht heiß werden. Jetzt ist
noch keine Gefahr."
,,Dann gehn wir lieber gleich", meinte einer, und sofort strömte Zivil
und Militär heraus.
Ich ging weiter zum nächsten Durchbruch, der zum Hause Sterzinger
Straße Nr. 4 führte, hinüber, brach wieder raschest auf und machte die-
selbe Mitteilung.
Während dieser Zeit fielen keine Bomben mehr und es sollten auch keine
mehr fallen, was im voraus niemand wissen konnte. Frau Helene Schmidt
meinte daher in ihrer oft bewährten Ruhe:,,Ich glaube, wir können gleich
über die Stiege hinausgehen.",,Wenn Sie glauben. Einstweilen ist es ruhig,
ich bitte aber, auf Fliegergeräusche zu achten."
Sie führte die Gruppe von Frauen über die Stiege hinauf. Ich eilte vor-
aus, um nun die Feuerwehr zu verständigen. In der Polizeiwachstube an
der Ecke gegenüber traf ich Oberwachtmeister Kürner, der von einer Mel-
dung nichts wußte und diese daher sofort weitergab an den Notruf Nr. 02.
Ich fügte noch rasch hinzu:,,Großfeuer steht zu erwarten", was auch noch
weitergegeben wurde.
Dies war um 12.40 nach der Turmuhr auf dem Bahngebäude gegen-
über dem,,Tiroler Hof". Diese Uhr kam um 12.45 zum Stillstehen. Dann
eilte ich wieder den Frauen nach, die zum Luftschutzkeller Bahnhofplatz
Nr. 8 unterwegs waren.
Ein Auto brachte bald den Feuerwehroffizier, von dessen Umsicht und
Erfahrung gesprochen wurde. Er besah sich kurz die Lage und verschwand
wieder, um seine Anordnungen zu treffen.
Indessen kamen die Kellerinsassen - von Frau Helene Schmidt geführt
- auf die Straße, sahen an der Stelle des Einschlages die mächtigen
Mauern des Lagerhauses aufgebrochen und die Trümmer wie Eingeweide
bis auf die andere Straßenseite herausquellen. Ein Übergreifen des Feuers
auf die Häuserreihe gegenüber fanden auch sie für selbstverständlich. Auch
ihnen als Benachbarten war die Beschaffenheit des Brandobjektes von unten
bis zum Dachstuhle bekannt. Sie wußten, dieses mächtige innere Gerippe
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aus Holz mußte bald in hell auflodernden Flammen ein Feuermeer ohne-
gleichen nähren.
So plötzlich kam der Abschied von allem, was sie in den Wohnungen
zurücklassen mußten.
Den Durchbruch zum Hause Sterzinger Straße 6 hatte ich nicht geöffnet,
in der Meinung, die Hausbewohner von Nr. 4 hätten von sich aus die Kel-
lernachbarn zum Aufbrechen der Wand durch die Öffnung am Boden auf-
gefordert, und folgte nach der Feuermeldung den Frauen und führte sie
in die Keller Südtiroler Platz Nr. 8 und 12.
Vor dem Hause Nr. 8 stand der mehrfach erwähnte Hauptmann. Er
meinte:
,,Sie haben wohl als Erster den Keller verlassen?"
,,Dazu bin ich ja da und bin auch schon daran gewöhnt."
,,Der Anblick wird mir unvergeßlich sein, als Sie mit den vielen Frauen
kamen, alle bleich, aber gefaßt und vertrauensvoll hinter Ihnen. Das ist ein
guter Schlag."
,,Alles Tiroler", erwiderte ich lächelnd und dachte dazu: Was wirst Du
aber wohl von mir gedacht haben, daß ich keiner der Frauen etwas von
ihrem Luftschutz-Gepäck abnahm?
Ich war nämlich physisch fertig und vertrug keine Belastung mehr, wie
gerne ich mich sonst immer aufs äußerste anspannte. Es spielte sich alles
pausenlos rasch ab: Den Verlauf des Angriffs konnte ich im Keller abwar-
ten, aber dann die Erregung wegen des stets gefürchteten und nun ein-
getretenen Brandes, mein Laufschritt gegen den,,Arlberger Hof" angesichts
des Fliegers im Flakfeuer, für den ich auch kein Opfer werden wollte, mein
Stürmen durch die ebenerdigen Räume des Hotels, durch den Hof und Kel-
ler, das Aufschlagen des ersten Durchbruches, die vorsätzliche Sammlung,
um die Weisungen ruhig geben zu können und wieder das Öffnen des
zweiten Durchbruches, die andauernde Spannung und der Zwang zur Fas-
sung plötzlicher Entschlüsse. - Ich brauchte eine Atempause und ging da-
her wie ein Schwerfälliger neben den beladenen Frauen einher.
Mit dieser rücksichtslosen Rücksicht auf meine Verfassung hatte ich übri-
gens gut getan, denn bald vermißte ich im Keller Haus Nr. 8 die Bewohner
des Hauses Sterzinger Straße Nr. 6, weshalb ich wieder zurück in den Kel-
ler Nr. 12 eilte, aber hier meldete sich auf mein Rufen niemand. Nun
wurde mir angst. Ich hatte ja selbst nicht aufgebrochen, sondern nur an-
genommen, die Insassen von Nr. 4 würden gemeinsam mit jenen von Nr. 6
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aufbrechen. Also Laufschritt zurück und hinunter, um den dritten Durch-
bruch zu öffnen. Die Räume waren bereits mit hinabgesunkenem Rauch
geschwängert. Wahrhaftig, die Wand von Nr. 4 zu Nr. 6 stand noch
unberührt und ich hörte ahnungslos plaudern. Meine Schläge an die dünne
Mauer gaben die Öffnung bald frei und ich mahnte zur Eile. Der Dienst-
mann Nr. 8 von den ,,Grünen" namens Alois Zelger machte sich noch zu
schaffen, weshalb ich durch die Öffnung rief:
,,Herr Zelger, wir gehen, kommen Sie nicht?"
,,Ich komme schon, ich will nur noch Verschiedenes mitnehmen."
,,Sie kennen sich ja aus da herunten, nicht wahr? Dann kann ich also
gehen, aber machen Sie rasch, man weiß nicht, was noch kommt."
,,Ja, ja, ich komme gleich."
Als wir vor dem Hause Nr. 8 ankamen, traf ich eine Frau bekümmert
nach ihrem Mann herumfragen. Wie sich herausstellte, war es Frau Zelger,
die ich mit meinem Bericht beruhigen und ihr versichern konnte, daß er
schon in einem der Keller landen werde.
Der zweite Angriff, von dem gesprochen wurde, erfolgte nicht, es dürften
die während meines Weges zum „,,Arlberger Hof" erfolgten Flaksalven mit
einem solchen verwechselt worden sein. So war es für Frau Gisela Rainer
möglich, nach ihrem Geschäft zu sehen, um das Wichtigste zu bergen. Die
Schwester der Genannten und die Angestellten, ganz auf sich selbst ange-
wiesen, übertrafen sich in ihrer Bemühung und Sorge. Ein Mädchen
schleppte die Kartothek und die Lebensmittelkarten zur Verwahrung an
einen besonders sicheren Platz, wie sie vertrauensvoll meinte. Nun noch
rasch in den Keller des,,Arlberger Hofes", um zu sehen, ob die Öffnung
der Durchbruchstelle zum Nebenhause, Salurner Str. Nr. 3, notwendig sei,
denn als ich ein zweites Mal durch diesen Keller gegangen war, stand be-
reits Wasser auf dem Boden. Die Ursache war ein Wasserrohrbruch, wie
sich nachher herausstellte. Nein, die Öffnung des Durchbruches konnte un-
terbleiben, die Insassen waren schon in den Keller des Polizeipräsidiums
gegenüber geflüchtet, als das Wasser ständig stieg. Dieser Umstand mag
erinnert haben an Nachrichten aus anderen Städten, nach welchen die Men-
schen in Kellern mit verrammeltem Ausgang einen langsamen Ertrinkungs-
tod erleiden mußten. Nun stand das Wasser bereits 10 cm hoch.
-
Als ich zurückging, begegnete ich auf der Stiege dem Hotelier Albert
Woldrich, der herunterkam und berichtete, daß im Raume neben dem
Luftschutzkeller eine Bombe liege. Ich rief statt aller Antwort in den Keller:
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,,Achtung, Achtung! Zeitzünder im Hause, alles heraus, rasch, rasch!"
Darauf kam der Monteur des Hauses Martin Hamedinger mit entblößtem
Oberkörper und meinte, er müsse nur noch das Feuer aus dem Kessel räu-
men, ansonsten der Kessel explodieren könnte, falls das Wasser weiter
steigen sollte.
,,Machen Sie rasch, denn wir können jeden Augenblick mit dem Hause in
die Luft fliegen. Wir gehen auch, Sie sind nun allein."
Der Wackere ging zurück, um zu retten, was seiner Obhut anvertraut war.
Es war in der letzten Zeit öfter von Zeitzündern zu hören, besonders aus
Brixen kamen solche Nachrichten. Albert Woldrich machte sofort Meldung,
worauf die Bombe entschärft wurde. Sie hatte ihren Weg schräg durch die
Frontmauer in der Sterzinger Straße zwischen dem 3. und 4. Stockwerk
in den Keller genommen und dürfte wohl ein Blindgänger gewesen sein.
Nach meiner Gewohnheit wollte ich nun in den anderen Kellern (,,Hotel
Europa",,,Hotel Tyrol") über die Lage berichten. - Beim,,Hotel Europa"
angekommen, merke ich Gasgeruch. Ich roch an den Kellerfenstern, aus
welchen der Geruch zu kommen schien. Daher sofort hinunter, aber merk-
würdigerweise war der Geruch hier weniger stark. Dieser bahnseitige Kel-
ler des Hauses war als Luftschutzkeller nicht herangezogen, sondern nur
der Teil in der Brixner Straße Nr. 6. In diesem Keller fand ich eine An-
zahl Leute und die Hausmeisterin, welche mir aber den Gashahn nicht zu
zeigen vermochte. Ich empfahl daher, den Keller sofort zu verlassen, wenn
Gasgeruch herüberdringen sollte.
Sodann ging es in den Keller des Hauses Brixner Straße Nr. 4 (Loden-
baur), wo ich auch über die Wirkung des Angriffes berichtete, daß dieses
Haus unversehrt blieb und alles im Keller bleiben könne. Betreffend das
Gas empfahl ich, auf den Keller des Nachbarhauses zu achten.
Wieder oben angekommen, sah ich bereits auf der Straße befindliche
Neugierige plötzlich gegen die innere Stadt laufen. Wie ich hörte, war ein
neuer Anflug gemeldet und Befehl zur Deckung gegeben worden. Ich rief
und wies auf die Luftschutzkeller im,,Hotel Europa" und,,Hotel Tyrol".
Ich selbst zog mich wieder in den soeben verlassenen Keller zurück.
Nach einer Weile ging ich wieder hinauf. Motorengeräusche waren nicht
zu hören. Auf dem Heimweg kam ich an den Bombentrichter an der Ecke
des,,Hotel Europa" heran, wo ich nun deutlich das Ausströmen von Gas
feststellte, das in kleinen Mengen auch in den nahegelegenen Keller zog
und meinen Irrtum verursachte.
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Herumstehende hieß ich mit der Zigarette ferne zu bleiben und ging
wieder um die Ecke herum in die Maria-Theresien-Straße zur Befehls-
stelle im Rathaus in den tief gelegenen Keller hinunter.
Dort traf ich wieder, wie so oft im Luftschutzdienst, den Hauptwacht-
meister Teuchmann. Sein angeborener Ernst, die Sicherheit und Ruhe, mit
der er seinen Dienst versah, ließen mich immer glauben, er stehe in seinem
Berufe. Erst nach dem Kriege erfuhr ich, daß der Genannte nur für den
Kriegsdienst zu dieser Dienstleistung einberufen war und schon Jahr-
zehnte in Innsbruck ansässig sei.
Hauptwachtmeister Teuchmann nahm die Meldung in seinem kabinen-
artigen Kellerabteil entgegen, um sie sofort weiterzuleiten.
Vor dem Rathaus traf ich einen Bekannten, der hören wollte, was am
Bahnhof geschehen sei. Nach dem Bericht meinte er:,,Blaẞ bist heute".
Ich ergänzte daher meinen kurzen Bericht mit der Bemerkung:
,,Ja, mein Lieber, ich habe nur in größter Hast drei Durchbrüche aufge-
brochen und renne seit dem Angriff herum. Nach solcher Arbeit ist ein
anderer auch blaẞ."
Auf den Bahnhofplatz zurückgekehrt, sah ich bereits einige Männer den
Bombentrichter mit dem ausgeworfenen Material anfüllen, um die Straße
zwischen Trichter und Gehsteig für den Verkehr freizumachen. Sektions-
leiter beim Kriegsopferverband Hugo Blattner stand als Ordner dabei und
ich bat ihn, die Rauchenden fernzuhalten.
Der Inhaber der Bahnhof-Gastwirtschaft, Leopold Biegler, bekannt durch
die vorzügliche Leitung dieser Gaststätte, war auch bereits zur Stelle und
gab seine Weisungen zur Bergung der Einrichtung, so weit dies noch mög-
lich war.
Vor dem Hause Nr. 8 angelangt, sah ich die Bombengeschädigten der
Sterzinger Straße in Gruppen beisammenstehen, die Blicke starr und sorgen-
voll gegen das nun lichterloh brennende Lagerhaus gerichtet, in Erwartung
des Unterganges auch der gegenüberliegenden Häuserreihe mit den Woh-
nungen und ihrem Inhalt. Es blieb nur das Glück, keine Angehörigen ver-
loren zu haben. Ein Bild, das Dichterworte ernst beschreiben:
Einen Blick
Nach dem Grabe
Seiner Habe
Was Feuers Wut ihm auch geraubt,
Ein süßer Trost ist ihm geblieben:
Er zählt die Häupter seiner Lieben
Sendet noch der Mensch zurück... Und sieh', ihm fehlt kein teures Haupt.
Schiller,,Das Lied von der Glocke"
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Die Geflüchteten wurden nicht müde, das Bild der Vernichtung mit kum-
mervollen Augen zu betrachten, um es mitzunehmen als Abschied von
allem, was von der lieben Habe dort oben zurückblieb. Nur ein Augen-
sah ich müde und zum Quell zweier Tränen werden, um gefaßt dann
paar
wieder zu versiegen.
-
Sie galten wohl all der Mühe und dem Fleiß, mit dem ein junges Ge-
schäft zum eigenen Lohn, der ganzen Umgebung zur Freude, aufgebaut
wurde. Viele Widerwärtigkeiten, die treuen Begleiter aller Strebsamen,
waren sicher zu überwinden, damit endlich doch Bienenfleiß obsiege und
wahr werden können die Dichterworte:
,,Es wachsen die Räume, es dehnt sich das Haus."
Schiller
Die bald auffahrende Feuerwehr in hellgrünen Uniformen stürzte sich
mit Eifer auf das rasende Element. Schlauchlinien wurden in die gefährde-
ten und schon verloren gegebenen Häuser gelegt, um die Dächer zu schüt-
zen und ein Weitergreifen des Feuers von den bereits brennenden Fenster-
stöcken zu verhindern. Dabei sprang Gustav Riebler ein, als ein Fremd-
arbeiter sich mit dem Schlauch der Hitze wegen vom Fenster zurückzog,
und verhinderte ein Übergreifen in das Innere.
Schon das zielbewußte Eingreifen der Feuerwehr hatte eine stille nieder-
gehaltene Hoffnung geweckt. Wurde doch der Kampf gegen das vernich-
tende, unersättliche Element aufgenommen. Die Unmöglichkeit, diese
Feuersbrunst zu löschen, war leicht einzusehen, aber die Hoffnung, daß
es gelingen könnte, die gierige Ausbreitung auf weitere Objekte zu ver-
hindern, stieg. In den Fenstern und auf den Dächern sah man überall Män-
ner als Helfer gegen das Feuer wirken.
In die starre Gruppe vor dem Hause Bahnhofplatz Nr. 8 kam bald
Bewegung. Einzelne, und schließlich fast alle kehrten in ihre Wohnungen
zurück, um nachzusehen, um fortzuschaffen, was noch möglich war.
Die Frauen Gisela Rainer (heute Gattin des Zahnarztes Dr. Connert),
Paula Riebler, Helene Schmidt und Antonie Zeitelhofer machten den An-
fang. Frau Riebler kam gerade zurecht, einen Wohnungsbrand zu verhin-
dern, der eine Gefahr für das ganze Haus geworden wäre. Aus allen Woh-
nungen wurde Hausrat über Stiegen und Balkone heruntergeschafft.
Die jungen Leute Ernst Bliem, Rosa Gaßner, Martha Polt, Karl Klausner
und Franz Schröder stellten sich als eifrige Helfer und erschöpften sich im
5 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter
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Bergen von Hausrat wie im Kampf gegen das Feuer so wie die Männer
Hans Seir, Alexander Vones und Johann Zeitelhofer.
Fräulein Marie Andreatta hatte durch die Zertrümmerung des Rück-
gebäudes des Hauses Nr. 6 bereits alles verloren und kam daher nach vorne
zu Hilfe. Das betagte Ehepaar Karoline und Johann Jenewein stellte gleich-
falls seine Kraft in den Dienst des Hilfswerkes.
Am Ende des harten Tages übernahm Frau Gisela Rainer, trotz ihrer
schwachen Nerven, die Brandwache für die Dauer der ganzen Nacht.
Indessen tobte das Feuer gegenüber, ergriff das massige Gebälk des
ganzen 100 m langen und 16 m breiten Landeslagerhauses vom Erdgeschoß
bis zum Dachgiebel.
Trotz energischen, sofortigen Eingreifens der während des Angriffes im
Lagerhause verbliebenen Gefolgschaft einschließlich des Direktors Erwin
Plankensteiner konnte der von einem Bündel von 70 bis 80 Brandbomben
hervorgerufene Großbrand infolge Zerstörung sämtlicher Wasserleitungen
im Gebäude und den angrenzenden Straßenzügen nicht mehr eingedämmt
werden.
Durch drei Sprengbomben wurde ein Teil des Lagerhauses aufgerissen,
sämtliche Fenster durch die Explosion zerstört. Die vorhandenen Aufzugs-
schächte förderten die rasche Entwicklung des Brandes, so daß das Gebäude
innerhalb von 30 Minuten in hellen Flammen stand. Die Feuersäulen
schlugen hoch über den Giebel gegen den blauen Himmel.
Dampf wallt auf!
Flackernd steigt die Feuersäule,
Durch der Straße lange Zeile
Wächst es fort mit Windeseile;
Kochend wie aus Ofens Rachen
Glühn die Lüfte, Balken krachen,
Pfosten stürzen, Fenster klirren,
... Hoch im Bogen
Spritzen Quellen Wasserwogen.
Schiller, Das Lied von der Glocke
Als ich endlich wieder zu den Leuten im eigenen Keller, Bahnhofplatz
Nr. 8, schaute, wo ich alles in Ordnung fand, meinte eine Frau:,,Jetzt
kommt unser Schutzengel" und die daneben sitzende Frau Pfund:,,Ja, ich
bin immer froh, wenn er da ist.“
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Das Räumen, bzw. Verlassen der Keller in der Sterzinger Straße war,
nachträglich gesehen, überflüssig, wie ich mich auch einer der betroffenen
Frauen gegenüber geäußert hatte.
,,Wir waren doch alle froh, daß Sie uns herausgeholt haben", erhielt ich
zur Antwort.
So durfte ich mir sagen, daß alle meine Vorkehrungen in größter Eile,
ohne Überlegungsfrist, als instinktive Eingebung, für richtig befunden
wurden.
Indessen wüteten die gierigen Flammen, schlugen aus all den großen
Fenstern und hinaus über die hochaufragenden Mauern. Diese überragten
die gefährdeten Häuser beträchtlich, umschlossen als riesige Esse die bren-
nende Hölle und führten die züngelnd verzehrende Hitze himmelwärts
über die Häuser hinweg. Das war ein Umstand, der die Abwehrarbeiten
in und auf den bedrohten Häusern möglich machte. Weiter drückte ein
leichter Westwind die glühenden Schwaden gegen Osten von den Häusern
hinweg und schließlich bewirkte der Sauerstoffverbrauch dieses Feuer-
meeres ein hungriges Ansaugen der Luft aus der nächsten Umgebung,
welcher Feuersturm ständig Frischluft heranführte.
Das Landeslagerhaus wurde zur Ruine. Ein Beitrag zur Summe der
Bilder, die Hans Märk mit folgenden Zeilen beschreibt:
Versunken
Was mich von Kindesbeinen an begleitet,
was mich entzückt auf mancher Fahrt, ist nun dahin..
Zerstört sind Türme, Brunnen und Paläste,
in Trümmern liegt manch himmelstürmend hoher Dom.
Viel traute Winkel zwischen Giebelhäusern,
einst eingesponnen in Geborgenheit,
in Fachwerk träumend und Gesimsen,
zur Walstatt wurden nun des Grauns.
Der leere Himmel starrt aus Fensterhöhlen
und hinter Erkern wohnt das Nichts.
Geborstne Mauern nur und Pfeiler
und eingestürzte Keller sind der Rest...
Das die Umgebung bedrohende Schicksal schien sich zu besinnen, um
endlich noch Einsehen und Nachsicht zu haben mit all den strebsamen,
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schaffenden, schwer geprüften Menschen der Sterzinger Straße. Die Häuser
blieben erhalten; angekohlt und mit verbrannten Fensterstöcken.
Die Adambrauerei wurde mit 12 bis 13 Brandbomben bedacht. Sie fielen
in den Malzsilo im dortigen Hochhaus, in den Vorratsboden, ins Kesselhaus
und in das Stiegenhaus des Wohnhauses.
Dem raschen Eingreifen der im Luftschutzdienste stehenden Gefolg-
schaft mit dem Betriebsleiter Direktor Hubert v. Huymann ist die Unter-
drückung eines Großbrandes zu danken. Vier gleichfalls anwesende Feld-
webel der Wehrmacht griffen auch tatkräftig ein. Einer davon bediente
trotz seines Holzarmes das Strahlrohr.
Als besonders glücklicher Umstand erwies sich das eigene Wasser- und
Kraftwerk der Brauerei, das unbeschädigt blieb. Die städtische Wasser-
leitung der ganzen Umgebung war nämlich durch Bombentreffer ausge-
schaltet.
Umsichtig legten die Leute auch gleich eine Schlauchlinie in den Hof-
raum des gegenüberliegenden Objektes Adamgasse Nr. 28, um den Brand
im Stöcklgebäude niederzukämpfen.
In gleicher Weise wurde der Brand im,,Hotel Union" in der Adamgasse
angegriffen und im Verein mit der dann eingetroffenen städtischen Feuer-
wehr gelöscht.
Nach der Entwarnung konnte das Malz aus dem Silo abgelassen und der
angebrannte Teil abgeschieden werden.
Nun lasse ich noch ein heiteres Zwiegespräch folgen, das ich nachträglich
mit einem Insassen aus dem öffentlichen Luftschutzkeller Sterzinger Straße
Nr. 2 führte.
Mein damaliger Kellerbursche Josef Schmitzberger, ein Oberösterreicher,
Jahrgang 1879, hatte die Gewohnheit, als Bewohner der Templstraße bei
Fliegeralarm mitunter den Berg-Isel-Stollen aufzusuchen, auch wenn er
gerade im Betriebe am Bahnhofplatz beschäftigt war. Nach diesem An-
griff fragte ich ihn:
,,Herr Schmitzberger, in welchem Keller waren Sie?"
,,Jo, dösmoij hob i draufzoijt, dösmoij hots mi schiach dawischt. I hob
zum Berg Isel aufiwoijn, aber wia i zur Sterzinger Straßn kemma bin, hot
die Polizei glei ganz narrisch gschriarn. Marsch obi da in Kella, hats gsogt
und dann bin ich holt obi in erschtn Kella durt. Es hot nit long dauert und
glei hots gonz damisch kracht. Die Weiber homt angfongen zwanen (was
ich nie gesehen habe) und auf amoij ischt aner kemma und hot gschriarn,
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alles aussi gian, 's Logerhaus brennt. Nocha seimer alle unten durchi in
Keller vom,Arlberger Hof eini, obn wärn ma scho gar nimma durch-
kemma."
,,Na, na, so ganz stimmt das nicht. Der da kommen ist, hat gar nit
gschriern und die Frau Schmidt ist mit den Leuten vom Nebenhauskeller
ganz schön über die Stiege hinauf und über die Trümmer zu uns daher
gekommen. Haben Sie den nicht gekannt, der gerufen hat, den Keller zu
verlassen?"
,,Woher denn, 's ischt jo glei ganz dunkl gwedn."
,,Haben Sie die Stimme nicht gekannt?"
,,Na, i hob nit lang glost, i hon gschaut, daß i weiter kimm, und bin
unten durchikraijt (durchgekrochen)."
,,Ich war ja droben den Durchbruch aufmachen. Dann waren wir also
sehr nahe beinander, ohne es zu wissen."
,,Wos, Sie, Sie seins gwedn, hahaha, jo, in dera Dunklheit siagt ma nix.
I hob nit long aupaẞt. I bin durch und umi durchs Loch, hahaha. Aber wia
gsogt, do am Bahnhofplatz siagt mi koa Keller mehr und gwiß nit, hahaha,
na, na, do bleib i nimma, wenn Alarm ischt."
Der Angriff vom 25. November 1944
Um 3.45 Uhr nachts wurde Innsbruck durch das Voralarmzeichen ge-
weckt. Bereits während des Ankleidens waren die über der Stadt kreisenden
oder darüber hinwegziehenden Flugzeuge zu hören. Johann Sailer, der
zufällig um 3 Uhr wach war, hörte sie schon um 3.15 Uhr. Es war eine
besonders finstere Nacht.
Der noch wärmere Atem der ruhenden Erde,
der Dunst des gemächlichen Inn, werden,
vereinigt im Hauche beginnenden Winters,
ein über dem Lande schwebendes Meer.
Des zarten Gewebes Spitzen und Zacken
greifen herunter in Straßen und Gassen
der scheinbar gestorbenen Stadt.
Behutsam senkt sich herab der herbstliche Nebel,
umfasset alles ringsum,
verbirgt das ferne Geschehen. -
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Meinst du es ehrlich?
Kommst du als gütiger, schützender Mantel
auch uns zu entrücken tödlicher, naher Gefahr?
Solln wir dir danken?
Solln Argwohn wir hegen?
Schleichest so lautlos einher!
Bist du im Bunde, die Erde zu täuschen?
Heißen dich freundliche Geister uns zu verhüllen,
heißen dich böse
nahenden Tod zu verschleiern?
-
Du liegst als Geheimnis über dem Land.
Dunkler noch wird die drohende Nacht durch dein Grau,
das uns des Mondes Schimmer und der Sterne Glanz beraubt.
Ich fühle die nahe Gefahr.
Lege dich innig und dichter über die Stadt
in dieser gefahrenschwangeren Nacht!
Wird es Arges, das du verbirgst?
Willst dich gesellen dem nahenden Tod?
Willst uns am Ende beweinen mit Tränen der Lüfte, den zarten,
derweil uns noch fröstelnde Kälte durchrieselt?
Geliebte Silhouette meiner Heimatstadt!
Wird sich dein Bild wohl arg verändern diese Nacht,
werd ich dich wiederkennen?
Gute Nacht!
Trauter, gespensterhafter Gefährte, bring sie auch uns!
Der vertraulich drängende Nebel, der heimlich tuende Dunst meinte es
ehrlich mit uns, wie sich noch zeigte.
Ich ging gleich auf die Straße, um einzelne Schutzsuchende in die Keller
zu weisen. Aus dem Wehrmachtsheim im ,,Hotel Viktoria" strömten viele
Soldaten heraus, denen ich empfahl, um die Ecke herum in die Keller des
,,Hotel Europa" und,,Hotel Tyrol" zu gehen. Es kamen aber immer wieder
Nachzügler heraus, die ich dann in die nahegelegenen Keller der Häuser
Nr. 10 und 12 führte. Das Tor zu Nr. 12 war gesperrt, die Keller beider
Häuser waren jedoch unterirdisch verbunden. Nachkommende und Herum-
stehende mahnte ich zur Eile, machte auf die Geräusche in der Luft auf-
merksam und daß jeden Augenblick Bomben fallen könnten. Hierauf ging
ich selbst in den Keller des Hauses Nr. 8.
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Bald waren einige Schläge zu hören, die wir im Keller für Flakschüsse
hielten. Darauf blieb es für längere Zeit ruhig, nur Motorengeräusche
waren immer wieder vernehmbar. Als auch diese ausblieben, machte ich
einen Rundgang durch die Keller, um mich zu überzeugen, wieweit sie
besetzt seien.
Im,,Hotel Europa" war nur wenig Wehrmacht vertreten, in jenem vom
,,Hotel Tyrol" waren alle Räume wie auch der Gang mehr oder weniger
besetzt. Im letzten Raum befand sich auch eine Gruppe von Eisenbahnern,
die mit einem mitgebrachten Fernsprechapparat Verbindung zu einer
Nachrichten- oder Radiostelle hatten. In diese Räume brachte ich die Nach-
richt, daß es,,oben" wieder ruhig wäre.
Beim Verlassen des Kellers kam ich im Gang vor der Stiege wieder an
einer kleinen Gruppe von singenden Soldaten mit einem Mädchen und
einigen Zuhörern vorbei. Als Stimmungsmacher schien eine Flasche Wein
zu wirken. Die,,erste Stimme" gab die höchsten Töne, überbot die anderen
mit einer seltenen Begeisterung und Hingebung an die heiteren,,Gstan-
zeln". Als ich vorbei und gegen die Stiege ging, rief mir der gute Mann zu:
,,Nacher, ischt das Stimmung?"
,,Jawohl, das ist richtige Stimmung", und ich schaute in ein Paar nasse
Augen. War es Rührung über die augenblickliche Glückseligkeit, die nicht
lange dauern kann, die neidvoll gleich an Vergänglichkeit gemahnt; oder
war es stiller Abschiedsschmerz, der unter Tränen mit frohem Gesang ge-
täuscht werden sollte? In diesem Manne war etwas unter der Maske des
Übermuts gestorben.
Oben angekommen, hörte ich wieder deutliches Brummen. Vor mir ging
ein Eisenbahner mit einem Telephonapparat und schickte sich an, auf die
Straße zu gehen.
,,Bleiben S' besser da, wohin wollen S' denn? Hören Sie nicht, wie sie
brummen, die sind nicht weit von uns, jeden Augenblick kann's krachen."
Er murmelte etwas von Dienst und Müssen, obzwar er in diesem Augen-
blick nur die Pflicht zum Selbstschutz hatte. Aber die Möglichkeit einer
Frage nach seinem Verbleib, morgen am hellen Tage,,,wenn alles vorbei",
schien ihm wohl unerträglich zu sein. Er verzichtete auf sich und ging trotz
der Warnung in die dunkle Nacht, gegen sein Dienstgebäude, den Bahnhof.
,,Hören S' nicht, Sie brauchen nur kurze Zeit zu warten, bis die Flieger
vorbei sind. Bei mir ist es etwas anderes. Ich habe mein Rad und fahre zu
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einem anderen Keller, wo ich immer bin." Er ging weiter, ein pflichtbewuß-
ter Mann, der mehr an Pflicht und Müssen dachte als an seine Sicherheit.
Eine von den vielen unbeachteten Säulen im Dienste des Staates, auf
welchen die Last der Verantwortung sicher ruht.
Ich schwang mich aufs Rad und fuhr raschest in der Dunkelheit über die
freie Straße zum Haus Nr. 8.
Wir hatten übrigens beide viel Glück, denn wir hörten vermutlich die
Flugzeuge, die mit der Bombenlast vielleicht über uns hinweg gegen die
Karwendelbahn zogen. Der Dunst über der Stadt scheint auch die Ursache
gewesen zu sein für den unsicheren, verzettelten Abwurf, der kein richtiges
Ziel erreichte.
-
In etwa 15 Sekunden war ich bereits auf der Kellerstiege, horchte zum
Fenster hinaus und es krachte und knatterte, als würden riesige Feuer-
werksfrösche abgebrannt. Seltsam, kein Donnern und Rollen von ferne
her, nur ein furchtbar dröhnendes, gewaltiges Knacken. Ich verschwand im
Keller, dessen Türe offen stand. Die Insassen hörten dieses Knallen und
Brechen des Stahls der Bomben. Herr und Frau Pfund fragen wie aus
einem Munde:
,,Ja, was ist denn das jetzt?"
,,Es dürfte in der Richtung von Kranebitten sein, ich weiß nicht, was das
für ein Knallen ist." Das war um 4.45 Uhr.
Tags darauf wurde bekannt, daß in der Karwendelstraße die Häuser
Nr. 16 und 18 zerstört und der Karwendelbahnbogen stark beschädigt
wurde. Beim Ausgang der Kranebitterklamm soll ein,,Zeitzünder" nieder-
gegangen und nach zwei Stunden explodiert sein. Aus diesem Gebiet war
das Platzen der Bomben, wie geschildert, vernehmbar.
Vermutlich vertrug eine Luftströmung den Donner der Explosionen, so
wie ja an anderen Tagen sogar das dröhnende Rollen vom Brenner her-
unter deutlich zu hören war, so gut wie jenes der Angriffe auf die hoch-
gelegene Mittenwaldbahn und auf Gebiete im Unterinntal.
Der Angriff auf die entgegengesetzt liegende Reichenau erfolgte offenbar
zuerst, als wir Flakschüsse vermuteten. Dort sollen in der Nähe der
Schemmschule vier Villen von schweren Bomben getroffen worden sein.
Angeblich war das Schulgebäude (das damals militärischen Zwecken diente)
schlecht verdunkelt, welcher Umstand jedoch kaum eine Bedeutung haben
konnte, denn über Innsbruck lag Morgennebel. In der Roseggerstraße soll
eine Bombe mit Zeitzündung festgestellt worden sein.
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Der Bombenwurf auf die in Zeitabständen gewählten, militärisch ganz
unwichtigen Ziele läßt mich vermuten, daß die Stadt durch die Nebeldecke
von oben kaum ausgemacht werden konnte und lange gesucht wurde.
So schützte uns der Nebel vor größeren Schäden und manchen vor Tod.
Es naht der Tag. Er wirft sein spärlich Licht voran,
die finstere Nacht verdrängend.
-
Es eilet still die Fledermaus zur letzten Jagd.
Im Schlummer reget schon die Lerche sich,
beim ersten Sonnenglanz voll Lust den jungen Tag
mit ihrem Triller selig zu begrüßen,
berauscht das Lied der Freiheit hochzutragen,
jubelnd zu verkünden:
-
- wenn Sommer wäre.
Der Angriff vom 30. November 1944
Um 4.45 Uhr wurde Innsbruck durch das Voralarmzeichen aus tiefem
Schlummer geweckt und bald darauf durch den Vollalarm in die Keller
gerufen.
Das Wehrmachtsheim im ,,Hotel Viktoria" schien vollbesetzt. Immer
wieder strömten Gruppen heraus, die ich auf die Keller in Nr. 10 und 12
und auf jene im,,Hotel Europa" und ,,Hotel Tyrol" aufmerksam machte.
Ein Teil begab sich in den erst im Ausbau befindlichen Keller im Hause
Nr. 4.
Als Motorengeräusche hörbar wurden, lief ich auch in den Keller Nr. 8.
Nach einiger Zeit, als ich Ruhe in der Luft feststellte, ging ich wieder auf
die Straße, um einen Rundgang zu machen. Dabei bemerkte ich durch die
Verdunkelung hindurch Licht aus dem Saal und der Kanzlei des,,Hotels
Viktoria". Ich ging daher hinein und warnte die anwesenden etwa fünfzehn
Soldaten.
,,Wenn ihr nicht in den Keller geht, könnt ihr sehr leicht daraufzahlen.
Wir sind doch am Bahnhofplatz hier. Es braucht auch nur da drüben
irgendwo einzuschlagen, dann zerreißt der Luftdruck die ganze Verdunke-
lung, das Licht fällt hinaus wie ein Signal und die nächste Lage kommt
aufs Dach. Es sind doch genug Keller hier herum. Wo ist denn der Unter-
offizier vom Hause?"
Nachdem niemand Aus-
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Die Soldaten waren müde und verschlafen.
-
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kunft geben konnte, vermutete ich ihn in einem der Keller und begann die
Suche. Aber umsonst. Also weiter, um die Ecke herum in den Keller des
,,Hotel Europa", aber ebenso erfolglos. Nun fielen die ersten Bomben, so
daß ich dort verweilen mußte. Ich vermutete nach der Fernwirkung einen
Angriff auf den Westbahnhof. Nach eingetretener Ruhe setzte ich die Suche
nach dem Unteroffizier im Keller des,,Hotel Tyrol" fort. Ich fürchtete einen
Angriff auf den Hauptbahnhof, dem vermutlich alle Insassen im oben-
erwähnten Saale zum Opfer fallen müßten, wenn auch nur durch den Luft-
druck etwa in der Nähe niedergehender Bomben. Ich ging durch alle Räume
des Kellers im,,Hotel Tyrol", aber auch hier umsonst.
Nun wollte ich es neuerdings selbst versuchen, die Soldaten aus dem
,,Hotel Viktoria" heraus und in einen Keller zu bringen. Dorthin zurück-
gekehrt, fand ich alle noch vor, mehr schlafend als wach.
,,Ja, was ist denn, ihr seid ja alle noch hier. Geht doch in einen Keller.
Mir scheint, am Westbahnhof hat es gerade früher eingeschlagen. Wie leicht
können sie noch den Hauptbahnhof anfliegen." Ein durchreisender Unter-
offizier meinte:
,,Ich reise jetzt schon die zweite Nacht, komme nicht zum Schlafen und
bin lieber hier im warmen Raum als unten im kalten Keller. Wenn Sie an
meiner Stelle wären, würden Sie es sicher auch so machen."
,,Sie können vielleicht schon recht haben, aber ich muß heute schauen,
daß es hier keine Opfer gibt."
-
,,Und wenn die Bomben fallen, wird bald ener 'nen Sessel gegen die
Lampe werfen. Da vorne, sehn Sie, ist das Licht schon wech." Da schaltete
er die dort befindliche Lampe aus.,,So, ist es schon gut, nicht wahr?"
doch noch
Ich glaubte den Unteroffizier vom Hause - den ich kannte
finden zu müssen und ging wieder ins ,,Hotel Europa" zurück. Nun ent-
deckte ich einen Unteroffizier, der früher einmal im ,,Hotel Viktoria" den
Dienst versah. Der jetzige Unteroffizier vom Dienst sei ein Innsbrucker
und werde wahrscheinlich nach Hause gefahren sein und sich nun dort im
Keller befinden.
Nachdem in dem Raum der Frontdienstleitstelle im ,,Hotel Europa" auch
Licht brannte, wie trotz der Verdunkelung zu sehen war, suchte ich auch
jemanden von dem mir unbekannten Personal im Keller, aber auch ver-
geblich. Nun, vielleicht sind die Leute hinüber in den Keller des,,Hotel
Tyrol", dachte ich mir und ging somit nochmals dorthin. Durch eine Um-
frage stellte ich fest, daß von diesem Personal niemand hier war. Ein Un-
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bekannter sagte:,,Die Leute von dort werden wohl in einen Bunker
gangen sein."
ge-
,,Das ist gut“, erwiderte ich,,,und da drüben brennt das Licht. Das kann
böse Folgen haben, ich kann nicht einbrechen, falls es zu einem Angriff
hierher kommen sollte."
Darauf ein Eisenbahner zu einer Schaffnerin:
,,Bei euch in der Fahrdienstleitung brennt auch immer das Licht", was
die Frau in Abrede stellte.,,Ja freilich, ich bin doch durch die Zimmer
gegangen, als alle schon weg waren."
Ich bat den Mann, darüber Meldung zu machen und zu veranlassen, daß
bei Alarm immer das Licht ausgeschaltet werde.
Währenddessen erfolgte ein zweiter Angriff von ganz kurzer Dauer, der
schon näher lag.
Darauf fuhr ich wieder heim in den Keller von Nr. 8, setzte mich ver-
ärgert und antwortete auf die Frage, wo ich denn gewesen sei:
,,Im,Hotel Viktoria' und in allen Kellern zweimal. Im Hotel Viktoria'
wird es einmal ein großes Unglück geben; wie oft habe ich dort schon Mel-
dung gemacht, daß immer wieder Leute im Saal bleiben und daß Licht
brennt. Immer wieder wurde versprochen, daß ein Hauptschalter montiert
wird, mit dem die Leitungen des ganzen Hauses stromlos gemacht werden
können, aber bis heute ist nichts geschehen."
Dieses geahnte Unglück sollte beim letzten Angriff auf Innsbruck noch
eintreten und drei Todesopfer kosten.
Um 5.45 Uhr erfolgte die Entwarnung und ich suchte für eine Stunde
noch das Bett auf.
Dieser Angriff traf zwei Häuser in der Karwendelstraße, verlief also
verhältnismäßig harmlos, ohne Menschenverluste.
Der Angriff vom 3. Dezember 1944
Um halb 11 Uhr vormittag wurde das Vor- und kurz darauf das Voll
alarmzeichen gegeben. Bald, nachdem ich in den Keller gegangen war, un
nachzuschauen, erfolgte eine Serie von Einschlägen ohne jede Erschütte
rung, als wären es kleine Bomben gewesen.
Nach einer kurzen Pause schaute ich vor das Haus, ohne Schäden z
sehen. Ich ging daher auf den Dachboden und bemerkte zwei starke Raud
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fahnen in den Bahnanlagen. In der Luft blieb es ruhig, weshalb ich in die
Wachstube im Hause Nr. 16 (Polizeipräsidium) eilte, um an die Rufnum-
mern 2311 und 02 Meldung zu machen. Nachdem ich ohne Antwort blieb,
ging ich in den Luftschutzkeller hinunter. Am Ende des Kellers waren in
einer Art Bunker Radio und Telephon untergebracht. Ich bat den Bedie-
nungsmann, meine Beobachtung weiterzugeben, doch auch er blieb ohne
Antwort.
,,Es meldet sich niemand, sie dürften im Luftschutzkeller sein."
,,Aber eine Stelle muß doch erreichbar sein, Sie sind ja auch da."
,,Ich will es nochmals versuchen." Nach einer Weile:,,Ja, hier, bitte,
sprechen Sie selbst."
Ein Fräulein meldet sich.,,Hier Zimmermann, vom Südtiroler Platz.
Fräulein, ich möchte einstweilen nur melden, daß in den Bahnanlagen
zwei Rauchfahnen sichtbar sind. Eine in der Mitte der Geleise, Richtung
auf das Lagerhaus Unterberger, gesehen vom Bahnhofplatz aus, die zweite
hinter dem Stift Wilten, Richtung Bretterkeller. Es können harmlos ab-
brennende Brandbomben sein oder Dampfmaschinen. Ich beobachte weiter
und melde wieder, wenn es mir möglich ist."
Da der demolierte Teil des Bahnhofs eingeplankt war, versuchte ich
ein Brett wegzubrechen, um raschest zu den Geleisen zu kommen, aber
vergeblich. Daher versuchte ich es durch die Ausgangshalle. Glänzend! Alle
Türen standen offen und zum ersten Male komme ich ohne Fahrkarte hin-
durch. Ringsum keine Seele. Sonst ist das Überschreiten der Geleise selbst-
verständlich verboten. Nun aber ging ich eilends darüber, von keinem Zug
bedroht, und ich sah die erste Rauchfahne als Zeichen wohltätigen Feuers.
Es war der niedere Rauchfang einer kleinen Baracke, deren Ofen offenbar
noch vor dem Verlassen reichlich mit gut qualmender Braunkohle versehen
wurde. Angenehm enttäuscht, zog ich mich rasch zurück, um zur zweiten
zu schauen. Dieser Weg war, wenn auch mit dem Rade, etwas weit, zudem
entfernte ich mich von den nahen Luftschutzkellern. Die Luft war rein.
Es mußte aber rasch gehen, denn ich sollte fast bis zum Stift Wilten und,
falls Flieger erschienen, noch vor ihrer Einwirkung zurück im Keller sein.
Es würde schon gehen, dachte ich, und so fuhr ich durch die Sterzinger
Straße, Südbahnstraße, Karmelitergasse bis zum alten ehemaligen,,Stie-
gele", Neurauthgasse 16.
Ich prüfte ringsum. Kein Mensch, kein Laut, ich schien wieder einmal
allein auf der Welt zu sein.
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Die Landschaft
Ist, wie ich sie mir wünsche. - Alles ist
Hier still wie ein Geheimnis.
Wie der Eintritt
Ins andre Leben.
Schiller, Don Carlos II. 14.
Vom,,Stiegele" ging ich ein Stück in die Felder und entdeckte zwei
Dampflokomotiven, gleichfalls vor dem Verlassen mit Kohle reichlich be-
schickt. Also wußte ich genug.
Ich stellte gerade meine Betrachtung an, wie seltsam die Welt anspricht,
wenn man so ganz allein darauf herumwandert, als aus der Karmelitergasse
ein Soldat gemächlich gegen die Neurauthgasse kam.
,,Ja, was machen denn Sie da, es ist doch Alarm und gerade ein Angriff
niedergegangen."
,,Ich bin auf Urlaub und möchte zu meinen Leuten."
,,Ja, ja, aber Sie hätten im Keller warten sollen bis zur Entwarnung. Da
herum gibt's keinen Keller, was machen Sie, wenn's auf einmal kracht?"
,,Sie sein ja a da."
,,Ich hab aber ein Rad und bin bald dahin, wenn's oben rauscht."
,,Aber hoffentlich kommen sie heute nicht mehr. Auf Wiedersehen!"
Somit oblag mir noch die Meldung meiner Feststellung. Bald war ich
beim Apparat.
,,Fräulein, hier bin ich wieder. Ich war inzwischen in der Nähe der
Rauchquellen und habe festgestellt, daß die Heizung einer Baracke starken
Rauch entwickelt und die anderen Rauchfahnen rühren von Dampfmaschi-
nen her. Hier herum ist also nichts geschehen."
Am Eingang zu diesem Kellerabteil stand ein General.
,,Ist es oben ruhig?"
,,Ja, Herr General, derzeit ganz ruhig."
Der
mann:
ganze
Keller war übervoll. Als ich zur Türe kam, meinte ein Schutz-
,,Herr Zimmermann, gehn S' jetzt nicht hinauf, es sind neue Anflüge aus
dem Unterinntale gemeldet."
,,So, so, dann komme ich schon wieder, wenn ich es oben rauschen höre."
Die Flieger kamen an diesem Tage nicht mehr. Der Angriff hatte sich
die Strecke der Mittenwaldbahn gerichtet.
gegen
gegen Hötting und
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Der Angriff vom 7. Dezember 1944
Um 4.45 Uhr früh weckte das Alarmsignal die Stadt. Ich ging sogleich
ins,,Hotel Viktoria", wo ich den Saal und das Stiegenhaus wieder be-
leuchtet fand. Der Saal war leer, so daß ich ausschalten konnte. Den Schal-
ter zur Deckenbeleuchtung konnte ich nicht finden, weshalb ich auf den
Tisch stieg und die Lampen lockerte. Vor dem Hause standen zwei orts-
fremde Soldaten, die im Hause nicht Bescheid wußten. Ich veranlaßte einen
davon, mit mir zu gehen, um das Stiegenhauslicht im III. Stock auszu-
schalten, während ich im II. Stockwerke auf ihn wartete, um dann dort und
im I. Stockwerk auszuschalten. Im eigenen Hause Nr. 8 sah ich durch die
Verdunkelung im III. Stockwerk ein Zimmer beleuchtet. Nachdem mir die
abwesende Wohnpartei für alle Fälle den Schlüssel dazu übergeben hatte,
konnte ich hinein und ausschalten.
Hierauf ging ich in den Luftschutzkeller in Nr. 8 und bald darauf war
eine große Zahl von Schlägen zu hören. Alle Kellerinsassen waren der
Meinung, es handle sich um Einschläge in größerer Entfernung als Folge
eines ausgedehnten Angriffes.
Nach eingetretener Ruhe ging ich hinauf und erfuhr, daß die Flak leb-
haft gefeuert hatte. Tags darauf wurde von einzelnen Bomben gesprochen,
die in Aichat bei Absam, bei Hall in der Nähe der neuen Bahnbrücke,
Landeshauptschießstand, in Igls und bei Mutters niedergingen. In Igls
wurde eine Villa getroffen, wobei es vier Todesopfer gab. Nachprüfen
konnte ich diese umlaufenden Berichte nicht.
Im Laufe des Tages sprach ich auch wieder mit den zwei Unteroffizieren
vom Wehrmachtsheim im,,Hotel Viktoria", die Ausschaltung des Lichtes
betreffend. Mir wurde neuerdings versichert, daß bereits ein Elektriker
beauftragt sei, in der Einfahrt, gleich hinter dem Haustor, einen Haupt-
schalter für das ganze Haus einzubauen. Wegen der fehlenden Arbeits-
kräfte wäre jedoch der Tag der Durchführung ganz unbestimmt. Es sollte
leider auch nie mehr dazu kommen, denn beim letzten Angriff brach das
ganze Haus zusammen.
Der Angriff vom 15. Dezember 1944
Einige Zeit vor 12 Uhr ertönte das Alarmzeichen. Im Bahnhof müssen
mehrere Züge gestanden sein, denn eine große Menge von Menschen
strömte auf den Platz heraus. Ich machte die einen auf die Luftschutzkeller
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in den Häusern Nr. 10 und 12 aufmerksam, während sich die übrigen auf
die anderen Keller, besonders auf jenen im ,,Hotel Tyrol", verteilten. Wie
immer begab sich ein Teil sofort in die Keller, während andere vorzogen,
auf der Straße in der Nähe der Keller zu verbleiben.
Ein Marineunteroffizier ging ständig unbekümmert auf der Straße vom
Hause Nr. 8 bis gegen den,,Arlberger Hof" auf und nieder. Ich ging auf
ihn zu und sagte:
,,Ich möchte Ihnen für alle Fälle nur sagen, daß sich die Luftschutzkeller
gleich hier befinden, und zwar in den Häusern Nr. 8, 10 und 12. Es ist
ratsam, sich in deren Nähe aufzuhalten."
Er nickte freundlich lächelnd:
,,Ach, das brauche ich doch nicht."
,,Bitte nicht zu übersehen, daß wir uns hier am Bahnhofplatz befinden,
gegen den sich die Angriffe zumeist richten. Die Angriffe erfolgen auch sehr
überraschend, denn die Sicht ist durch die Berge behindert und auf einmal
sind sie da, und dann ist es gut, gleich in der Nähe eines Kellers zu sein."
und er ging
,,Ich danke schön, sehr liebenswürdig, danke schön"
lächelnd weiter.
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Nach dem Angriff wurde er tot auf dem Platze vor dem Haus Nr. 7 ge-
funden.
—
Vor dem Hause Nr. 8 stand eine Frau mit ihrem Manne, einem Soldaten,
und einem etwa fünfjährigen Mädchen, die ich fragte:
,,Auf was warten Sie da?"
,,Auf die Entwarnung."
,,Es können aber auch plötzlich die Flieger kommen, wissen Sie dann,
wo die Luftschutzkeller sind?"
,,Na, wo sind sie denn?"
Ich zeige die Straße aufwärts und auf den Keller, vor dem sie stehen.
,,Gleich hier im Hause ist einer und dort oben in Nr. 10 und 12. Dort
finden Sie Bänke, und wenn Sie jetzt hinuntergehen, können Sie bequem
sitzen, warten und sind sicher. Wenn Sie aber hier warten und es kommen
auf einmal die Flieger, dann werden Sie die letzten sein, bis Sie hinkom-
men. Sie sehen ja die Leute dort stehen, diese werden dann weder auf Sie
noch auf das Kind Rücksicht nehmen; jeder will dann zuerst hinunterkom-
men und Sie sind in der größten Gefahr.
,,Es wird wohl öpper nix sein heut."
,,Jeden Tag kann etwas sein, deshalb gehen Sie am besten gleich jetzt
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in den Keller hinunter, jetzt geht es ohne Aufregung, jetzt finden Sie noch
einen Sitzplatz."
Die Frau wies stumm auf das Gepäck, weshalb ich mich an die Kleine
wende:
,,Aber das kleine Fräulein will in den Keller gehen, nicht wahr, Kleine?"
Darauf erst erwachte die Mutter, die sich nun an den Vater wendet:
,,Solln wir nicht doch gescheiter hinuntergehen?"
,,Ja, selbstverständlich, ich helfe Ihnen schon."
Der Soldat antwortet wie verärgert über die Belästigung:
,,Geh, hilf mir auf!"
Die Frau und ich hoben ihm die sechs Pakete, die mit einer Schnur ver-
bunden waren, auf die Schulter, deren drei sodann nach vorne und drei
nach hinten zu hängen kamen, und sie gingen in den Keller Nr. 12. Es war
ihre Rettung. -
Kurz vor dem Alarm hatte mich im Geschäft der Kunde Johann Gredler
aus Hippach besucht. Er ging gleich darauf zur Bahn, um heimzufahren.
Der Alarm überraschte aber auch ihn, so daß er auch einen Luftschutzkeller
aufsuchen mußte. Er mochte wohl gedacht haben, daß er im Weinkeller
beim Zimmermann am sichersten wäre, und kam wieder herüber und ging
stracks die Kellerstiegen hinunter vor die verschlossene Tür. Josef Sailer
bemerkte ihn, machte aufmerksam, daß sich der Luftschutzkeller im Vorder-
haus befände usw. Aber er war nicht zu bewegen, heraufzukommen. Josef
Sailer verständigte mich davon. Ich ging nach hinten, schaute die Stiege
hinunter und tatsächlich, der Mann stand allein vor der verschlossenen Tür.
Ich ging die Stiege hinunter, umfaßte ihn und drängte nach oben.
,,Aber Herr Gredler, da unten ist kein Luftschutzkeller mehr (er war es
vor einiger Zeit noch). Kommen Sie nur schnell hinüber, wo wir alle vom
Hause sind, auch ich bin dort. Da unten sind Sie in größter Gefahr, wenn
es nur in der Nähe einschlägt."
Nun kam er herauf und ging mit mir in den vorderen Keller.
-
Dies war seine Rettung, denn er wäre von den gerade auf diese Stelle
herabgestürzten Quadern zermalmt worden. ,,Ja, so hascht mi packt,
gell", meinte der wackere Zillertaler später einmal,,,sunsch war i sauber
hin gwesn, wenn d' mi nit gholt häscht."
Rudolf Pfund ging indessen nochmals in die Wohnung zurück, um etwas
zu holen. Zurückgekehrt, meinte er etwas aufgeregt:
80
,,Herr Zimmermann, man hört schon die Flugzeuge und die Leute stehen
noch alle oben herum."
-
Ich eilte daher hinauf und bereits auf der Kellerstiege hörte ich das
Brummen der Motore. In der Einfahrt wurde das Geräusch so deutlich,
daß ich erkannte, die Flugzeuge müßten schon in nächster Nähe sein.
Sollte ich rückwärts oder vorne nach den Fliegern ausschauen? Aus
welcher Richtung mochten sie kommen? Sie waren sehr nahe, kein Zweifel.
Ein Zeitverlust konnte verhängnisvoll werden. Sollten sie bereits über
mir sein, war die Gefahr vorbei. Etwa abgeworfene Bomben würden zufolge
der Fluggeschwindigkeit in der Fahrtrichtung in weitem Bogen nach vorne
getragen werden. Ich lief instinktiv nach vorne auf den Bahnhofplatz.
- Vor dem Hause angelangt, stand ich einen Augenblick wie gebannt.
Da waren sie ja schon, vor mir, aus der Richtung von Hall direkt auf
mich zu.
-
Drei Flugzeuge, nein, nur die Führerkabine sah ich, keinen Rumpf und
keine Tragflächen. Der Neigungswinkel gegen die Bahnanlagen ließ die
Tragflächen nur als einen Strich erscheinen, der mir verschwand angesichts
der rasch wachsenden, auf mich zukommenden drei Haifischköpfe. Ja, wie
die Schnauzen von Haifischköpfen standen sie oben. Die Fenster der
Kabinen, in der Sonne spiegelnd, glotzten mich an wie riesige, netzartige
Augen. Die führende Maschine etwas voraus, die zwei anderen, rechts und
links davon, etwas tiefer fliegend.
Ich schaute ringsum und die Leute, besonders Soldaten, standen unbe-
kümmert. Vor dem „,Tyroler Hofe", von der Ecke bis in die Brixner Straße
hinein, sitzend und stehend, Mann an Mann. Rechts von mir, vor den
Kellern der Häuser Nr. 10 und 12, ebenso, wenn auch weniger.
Mein erster Gedanke war: Zu spät, diese sind verloren, es geht um
Sekunden, wenn ich nur selbst noch rechtzeitig in den Keller komme. Aber
dann: vielleicht gelingt es doch noch, die Bomben brauchen eine gewisse
Fallzeit und sie fallen ja noch nicht, sie müßten sonst bei dieser Nähe zu
sehen sein. Gedanken, die sich in einer Sekunde übereilen.
Ich wandte den Kopf nach links gegen das,,Hotel Tyrol", schielte nach
rechts gegen die Flugzeuge, legte die Hände an den Mund und rief:
,,Aaachtung, Aaachtung, sie kommen, sie kommen, Keller gehen, rasch,
rasch!"" In gleicher Weise rief ich nach rechts hinauf, zu den Flugzeugen
nach links schielend. Auf mein Rufen sah ich noch, wie vor dem,,Tyroler
Hof" alles wie auf ein Kommando Wendung nach rechts machte mit der
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6 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter
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nach vorne geneigten Haltung zum Laufschritt. Rechts von mir hatte bereits
mein erster Ruf gewirkt und ich sah noch das Nachdrängen vor dem Haus-
eingang, nur die Letzten hatten noch zu verschwinden.
Ich war zufrieden und lief nun selbst. Im Keller angekommen, sagte ich
zu Rudolf Pfund:
,,Das war höchste Zeit, sie müssen jetzt fast über uns sein. Noch ein paar
Sekunden und sie sind vorbei oder es kracht."
Ich hatte kaum ausgesprochen, als es auch schon krachte und bebte.
Zu Rudolf Pfund gewendet:
,,Hören Sie, ich hab's geahnt."
Die Erde erzittert, alles verstummt. Das Licht verlöscht. Ich entzünde
meine Handlampe. Durch die Ventilationsschächte heult, stöhnt und don-
nert es herunter, wie schon einmal geschildert. Es fehlen nur noch gegen
die Tür hämmernde Eisenfäuste und die Donnerstimme, die,,Aufmachen"
brüllt.
Die Welt über uns liegt wieder einmal im Sterben. Sie bebt und windet
sich in Krämpfen. Wir fühlen die Stöße und jeder fragt sich still, ob wir
hier herunten am Ende auch noch an die Reihe kommen werden, ob nicht
zuletzt die kalte Knochenhand auch nach uns herunterlangen wird.
-
Ruhe tritt wieder ein. Vorbei. Oder ist es nur eine Pause, werden sie
wiederkommen?
-
-
Ich will mich vergewissern, öffne die Türe und lausche hinauf. - -,,Sie
sind noch oben sie kreisen über uns es brummt beständig." Keine
Antwort, alles blieb stumm und wartete die stundenlangen Minuten. - Ich
schloß die Türe wieder; lehnte mich daran und horchte angespannt hinauf.
Das krachende Ungewitter hob neuerdings an. Ein furchtbarer Schlag auf
das Haus ließ es erzittern, es schien zu knicken wie ein auf das Haupt ge-
schlagener Mann. Ja, ja, es polterte und stieß, als würden die Trümmer
des Gebäudes in das Stiegenhaus durch einen Riesentrichter vor den Keller
geschüttet.
Der Schlag warf mich von der Türe zurück gegen Frau Schindler vom
Nachbarhause, die mit Mädchen und Kind heute bei uns herüben war.
,,Jesus, Maria, mein Kind!"
Ich beruhigte:
,,Es ist nichts geschehen, es ist schon vorbei, aber das Haus ist sicher
getroffen."
82
Fräulein Dr. Haas rief aus ihrer Ecke:
,,Es kommt Staub herein."
Frau Pfund antwortete in Seelenruhe:
,,Ja, wenn der Herr Zimmermann immer die Tür aufmacht."
,,Nein, nein, ich habe sie schon wieder zugemacht, sie ist von selbst
wieder aufgegangen."
Frau Schindler bestätigt mit den Worten:
,,Ja, ich habe es gesehen, Herr Zimmermann hat die Tür schon wieder
zugemacht."
Die Türe war wohl geschlossen, aber wie sich nachträglich herausstellte,
hatte der Sog die obere Riegelbacke mit einem Stück vom Türstock losge-
rissen. Damit war auch das Flattern der Türe erklärt, die mit dem oberen
Teil, trotz des unteren Riegels, mit den Druckschwankungen der serien-
weisen Explosionen, gegen den Türstock trommelte.
Nun trat wieder Ruhe ein. Ich wollte sehen, was geschehen war, öffnete
die Türe und sah den ganzen Raum davor angefüllt mit Trümmern. Von
den 80 Marmorstufen lagen 66 zertrümmert herunten.
,,Hier kommen wir einmal nicht hinaus. Der Aufgang ist verschüttet,
heute müssen wir zum,Hotel Viktoria' hinüber durchbrechen." Ich besann
mich aber, daß auch der Durchbruch zum andern Keller im Hause möglich
war, wenn er in Ordnung und der Ausgang freiblieb.
,,Wo haben wir das Werkzeug, wo ist der Pickel?" Ich greife an der dafür
vorgesehenen Stelle ins Leere. -
Rudolf Pfund meinte, die Hacke sei drüben beim Durchbruch, ging auch
schon hinüber und ich nahm den mit einer Drahtschlinge versehenen losen
Ziegel heraus.
,,Da drüben scheint alles in Ordnung zu sein, die Luft ist rein und der
Keller unversehrt, also brechen wir hier durch."
Rudolf Pfund schlug schon gegen die Wand. Ich nahm die letzten locke-
ren Ziegel heraus und stieg hinüber in den anderen Keller, der unbeschädigt
war. Rudolf Pfund folgte und wir gingen mißtrauisch, langsam hindurch
bis zur Kellerstiege, die Blicke immer gegen das Gewölbe gerichtet. Bei
der Stiege angelangt, sahen wir die Tür, vor der Gredler gestanden war,
von schweren Quadern aufgeschlagen und diese bis in den Keller gerollt.
Wir klettern darüber, um in den Hof zu gelangen.
In diesem lagen die Balken und Sparren des hofseitigen Dachstuhles und
das ganze Mauerwerk mit den Quadern von der Rückseite des Hauses.
6°
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Nach der Sprengwirkung muß eine Bombe über den Küchen eingeschlagen
haben, denn diese durchschlug noch die Decke der Küche des zweiten
Stockwerkes und füllte diese mit Trümmern voll. Eine zweite Bombe schlug
in das Stiegenhaus, denn von 80 Marmorstufen blieben nur 8 unversehrt,
alle übrigen fielen wie ausrasiert vor den Zugang zum Luftschutzkeller.
Sie dürfte auf einer der obersten Stufen aufgeschlagen haben und die Last
der folgenden Trümmer schlug bis zum Keller durch. Ein Glück, daß die
Bombe nicht den Weg durch den freien Raum zwischen den Stufen nahm,
sonst wäre sie neben dem Luftschutzkeller gelandet, um das ganze Haus
zu heben. Die dritte Bombe fiel in die Straße, drei Meter vor der Feuer-
mauer gegen das,,Hotel Viktoria", also fast vor die Einfahrt. Meine Vor-
sicht, bei Alarm stets das Haustor weit zu öffnen, hatte sich diesmal sehr
bewährt, denn die Torflügel blieben bis auf einen Durchschlag unversehrt
und konnten wieder geschlossen werden, sonst wären sie wohl restlos zer-
trümmert worden, wie in einem ähnlichen Falle die Tore des ,,Hotels
Europa".
Im Hofe angelangt, sahen wir das 3. Stockwerk restlos zerstört, den Dach-
stuhl vollständig abgetragen. Ich dachte sofort an die Möglichkeit einer
Feuersbrunst, denn in meiner Wohnung im 1. Stock brannte ein Dauer-
brandofen. Ich stieg daher über die im Hofe liegenden Trümmer, holte von
rückwärts eine Leiter, trug diese auf die Straßenseite über alle Trümmer
und Balken und stieg durchs Fenster in die Wohnung, Rudolf Pfund gleich
hinter mir. In das Vorderzimmer über der Einfahrt hatte die Explosion des
Einschlages vor dem Hause eine Menge Erde geworfen. Mit Genugtuung
konnte ich die ausgehängten und gegen die Wand gelehnten Fenster un-
versehrt sehen. Die Fenster im Speisezimmer auszuhängen hatte ich mir
nicht mehr Zeit genommen, weil bei Alarm um die Mittagszeit stets Züge im
Bahnhof standen, die verlassen werden mußten und ich daher gleich am
Platz sein wollte, um die Leute in die Keller weisen zu können. Im übrigen
war die Wohnung grau in grau, alles mit feinem Staub überzogen, die Tü-
ren zum Teil zerstört. Der Ofen aber brannte ungestört in voller Glut, denn
die Türchen waren aufgeprellt. Ich schloß diese und folgte Rudolf Pfund
wieder durch das Fenster auf die Straße, denn es bestand noch Alarm-
zustand und ein zweiter Angriff war möglich.
Unten angelangt, nahm ich meinen Weg wieder dem Hause entlang über
die Trümmer, über welche ich früher die Leiter getragen hatte. Jetzt, ohne
Leiter, mit freien Händen, sollte dies nicht mehr gelingen. Ich machte einen
84
Fehltritt, fühlte durch den Körper bis ins Ohr ein Brechen und Knirschen
im rechten Fuß und rief:
,,Herr Pfund, jetzt habe ich mir noch den Fuß gebrochen - nein, nein,
nur verstaucht, verstaucht wird er sein, ich kann ja noch auftreten." Ich
klettere langsam weiter, denn Rudolf Pfund rief mir zu, es seien wieder
Flieger gemeldet. Ich humpelte nach rückwärts in den Hof, die Kellerstiege
hinunter über die Quadern in den Keller. Dort wartete ich. Als es still
blieb, ging ich denselben Weg wieder hinauf, setzte mich auf den
Wehrstein links der Einfahrt und wartete auf die Entwarnung. Vor mir im
Bombentrichter brodelte aus der geborstenen Wasserleitung das Wasser,
wurde vom gelockerten Erdreich aufgenommen, stieg aber doch langsam
immer höher. Es kamen bereits immer mehr Leute auf die Straße. Auf der
anderen Seite des Platzes ging jemand mit blauer Armbinde, die Hände
auf dem Rücken. Ich hielt die Hände an den Mund und rief hinüber:,,Der
Polizei Wasserrohrbruch melden - Rohrbruch vor dem Hause Nr. 8." Der
Mann nickte und spazierte weiter. Bald aber kam ein junger Ausländer über
das Wirrwarr herübergeklettert auf mich zu und fragte in recht gutem
Deutsch:
,,Was soll ich melden und wo?",,Wissen Sie, wo das Rathaus ist?"
-,,Kennen Sie die Maria-Theresien-Straße?" -
,,Nein, weiß ich nicht."
,,Nein, kenne ich nicht." -,,Dann danke ich vielmals für den guten Willen,
aber Sie sollen nicht umsonst herumlaufen, es wird schon jemand kommen,
nochmals vielen Dank."
-
So saß ich auf dem Wehrstein und wartete auf die Entwarnung, um mir
dann mit essigsaurer Tonerde Umschläge zu machen, denn ich hoffte immer
noch mit einer argen Verstauchung davongekommen zu sein.
Bald kam der Nationalbank-Beamte Karl Papsch vorbei, sah mich an
und fragte, ob mir etwas fehle. Ich glaubte versichern zu können, daß es
sich nur um eine Verstauchung handle. Der Genannte gab mir dann -
,,für alle Fälle", wie er meinte eine Verbandrolle, die er als oft bewähr-
ter Helfer in den Bergen für solche Zwecke immer bei sich trug.
-
Vom Wehrstein an der Hauseinfahrt aus hatte ich den Eindruck, als wäre
die ganze Ecke des Hauses Nr. 16 (Polizeipräsidium) zusammengestürzt,
also samt Eingang und Zugang zum Luftschutzkeller. Ich bat daher Rudolf
Pfund, dort den Durchbruch von einem der Nachbarhäuser aus aufzubre-
chen, damit die Leute aus dem Luftschutzkeller herauskämen. Wie sich aber
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zeigte, war nur ein Teil der Vorderseite des Hauses eingestürzt und Rudolf
Pfund konnte berichten, daß der Keller von allen bereits verlassen sei.
Die Häuser Nr. 2 und 4 in der Sterzinger Straße waren auch zerstört.
Nachträglich hörte ich erst von der Zertrümmerung jenes Teiles des,,Hotel
Tyrol", unter welchem der Luftschutzkeller lag. Es soll dort auch Ver-
letzte gegeben haben. Infolge meiner dreiwöchigen Abwesenheit konnte
ich darüber nichts mehr erfahren. Nach diesem Angriff verzogen die weni-
noch verbliebenen Bewohner dieses Viertels.
gen
Zu allem unangenehmen Überfluẞ kam nun eine Fliegerwarnung. - Nun
war es ratsam, wieder in den Keller zu kriechen. Der Fuß wurde immer
schmerzhafter und ich humpelte neuerdings den Weg zurück in den Hof-
raum und kroch über die Trümmer auf der Kellerstiege in den Keller, in
dem nun auch bereits Insassen des angrenzenden Luftschutzkellers durch
den Durchbruch herübergewandert waren. Der Durchbruch in das Neben-
haus Nr. 10 wurde geöffnet, während ich oben vor der Einfahrt saẞ. Ich
setzte mich, um von der mühseligen Wanderung auszuruhen. Ein Soldat
von der Sanität zog mir den Schuh aus und machte mir einen Notverband.
Mit dem Schuh in der Hand kroch ich in das Nebenhaus hinüber, gestützt
auf die herübergereichten hilfreichen Hände von Herrn und Frau Leo
Schindler.
Über die Stiege half mir auch das gefällige Mädchen Fini der genannten
Familie. In der Wohnung wurde ich auf den Diwan genötigt und Fräulein
Dr. Haas eilte zur Rettungsgesellschaft. Bald war Obermedizinalrat Doktor
Viktor Tschamler, Chefarzt der Rettungsgesellschaft, zur Stelle, besichtigte
meinen Fuß, während ich versicherte:
,,Ich kann aber noch ganz gut auftreten."
,,Ja, ja, aber heute brauchen Sie schon nicht mehr aufzutreten."
Das war alles, obzwar ich gerne mehr gewußt hätte, denn der Fuß
schwoll an, verfärbte sich und wurde immer schmerzhafter. Genauen Be-
scheid aber kann nur die Röntgenaufnahme geben. Nun gab es wieder eine
Fliegerwarnung. Also wieder hinunter in den Keller. Frau Josefine Pfund
gab mir gleich ihren Stock, den sie damals sicher selbst notwendig hatte,
und das Kindermädchen stützte mich neuerdings. Die kleine Karawane zog
wieder gegen den Keller.
Auf der Stiege noch kam mir ein lebhafter, entschlossener Sanitäter ent-
gegen und lud mich ein, seinen Rücken zu besteigen.
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,,Aber es geht ganz gut so. Ich halte mich an der Griffstange und das
Fräulein hilft mir auch."
,,Ja, ja, aber so kommen wir nicht weiter und oben bei der Salurner
Straße wartet der Wagen."
Meine Berufung auf das Körpergewicht usw. galt nicht, und wie mit
einem Rucksack eilte er mit mir über die Stiege, den Häusern entlang bis
zur Ecke an der Salurner Straße, wo mich der Rettungswagen aufnahm. -
Nun war ich also wieder darin. Wiewohl ich dieses Fahrzeug oft als wert-
volle Hilfe und Lebensretter auf seinen Fahrten schätzte, hatte ich aber
immer den stillen Wunsch, seiner für mich persönlich nie bedürfen zu
müssen.
Das erstemal nahm mich ein solcher, vielleicht derselbe Wagen auf, als
im Jahre 1938 Prof. Dr. Chiari meine sofortige Überführung ins Sanato-
rium veranlaßte und mir durch eine gründliche Operation nicht nur das
Bein, sondern das Leben rettete. Eine nicht beachtete und dann vorge-
schrittene Blutvergiftung gab den Anlaẞ.
Ich bin vielleicht zu ausführlich, aber es ist mir ein Bedürfnis zu sagen,
welche Hilfe ich fand und welches Dankes ich mich schuldig weiß.
-
Es blieb bei der Fliegerwarnung. Im Krankenhaus kam ich auf einen
Rollwagen vor die Röntgenstation. Ich verstand. Nun wird sich herausstel-
len, wo es fehlte. Ich wartete lange, es gab sicher viele Fälle nach einem
Angriff, der besonders schwer war, wie ich später aus nächster Nähe sehen
konnte. Ein harter Tag für die Ärzte und nur innerhalb dieser Mauern war
zu sehen, wie Tag und Nacht aufopfernd gekämpft wurde um die Wieder-
herstellung der Gesundheit, um die Erhaltung des Lebens. Der Alltag drau-
Ben rannte vorbei, ahnte nichts von den Leiden in diesen Räumen, dachte
nicht an das verdienst- und sorgenvolle Wirken einer Schar von Ärzten
und Hilfskräften.
Zwei junge heitere Soldaten kamen neben mich mit erhobenen Armen.
,,Was fehlt denn Ihnen, daß Sie die Arme hochhalten müssen?"
,,Ja, wir sind Blutspender. I bin ganz damisch, aber dös geht vorbei. I
hab das schon öfter gmacht."
,,Dann bekommen Sie sicher bessere Verpflegung zur Stärkung."
,,Freilich, das und das und das und eine Flasche Wein." Den Wein sauf
i auf einmal, daß i wenigstens was spür davon."
Der andere:
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,,Du, aber gell, wenn's dem da drinnen amal besser geht, dann suchen
wir'n auf, er wird wohl a neugierig sein, von wem er das Blut hat."
Ich wurde geholt. Aufnahme, und nach einer Wartezeit ins Ambulato-
Der Arzt, wie ich nachträglich er-
rium. Gipsbrei wird vorbereitet usw. -
fuhr, Dr. Alois Danner, wickelt die in den Brei getauchte Bandage um den
Fuß.
,,Ist doch etwas gebrochen, Herr Doktor?"
,,Ja, ein Wadenbeinbruch."
,,Wie lange muß ich wohl hier bleiben?"
,,Einige Tage wird es schon dauern."
Aha, dachte ich, bis der Gips getrocknet ist usw., und dann kann ich wie-
der gehen, wie alle die im Winter herumsteigenden,,Skihaxen". . . Ein
kunstgerechter Druck- und ich fühlte, das war die Bruchstelle. Die Kno-
chenenden wurden damit aneinandergefügt und mit der Gipsbinde in die-
ser Lage gehalten. Kein Zweifel, das ging in Ordnung, ich war hier in
guter Hand.-Inzwischen kam auch Medizinalrat Dr. Franz Erhart heran,
besprach sich mit dem behandelnden Arzt und warf beim Weggehen einen
flüchtigen Blick auf mich und erkannte mich.
,,Ja, ja, Sie, wie ist denn das passiert?"
Ich berichte kurz und schon meldet sich die bekannte Hilfbereitschaft
dieses Arztes, der durch den Angriff vom 15. Dezember 1943 gleichfalls
schwer getroffen wurde.
,,Sagen Sie nur, kann ich etwas für Sie tun, ist etwas zu veranlassen?"
,,Ich danke vielmals, Herr Doktor, wenn ich nur bald wieder gehen kann.
Und doch hätte ich ein Anliegen. Wenn ich Herrn Doktor bitten darf, wäre
ich sehr dankbar, wenn Sie so freundlich sein wollten, dem Stadtbauamt zu
telephonieren, daß ich selbst nicht kommen kann, aber ich möchte bitten,
doch so bald als möglich auf mein Haus ein Notdach zu setzen."
,,So, so, ein Notdach, gut, gut. Ich werde dem Bauamt gleich telephonie-
ren. Sonst haben Sie keine Wünsche?"
,,Nein, nein, danke vielmals, Herr Doktor, sonst keine, nur ein Dach
hätte ich gerne bald auf dem Haus."
Zwei Wärter schoben mich auf dem Rollwagen wieder hinaus und ich
landete in einem unterirdischen Krankensaal. Gleichviel wo, dachte ich,
wegen der ,,paar Tage", ohne zu ahnen, daß genau drei Wochen daraus
werden sollten.
-
Nach einiger Zeit wurden die Personaldaten aufgenommen, mein Name
genannt und eine Stimme aus der Ecke erkundigt sich:
,,Zimmermann, vom Südtiroler Platz, dann haben Sie wohl meinen Vater
gekannt, den Briefträger Sturm?"
,,Ja freilich, vor Jahren, Ihr Vater hat uns ein oder gar zwei Jahrzehnte
die Post gebracht. Damals gab es keinen Wechsel. Was fehlt Ihnen, Herr
Sturm?"
,,Oberschenkelbruch, den ich mir auf der eisigen Straße holte, aber es
wird schon wieder recht werden."
Eine andere Stimme:
,,Dann kennen wir uns auch, Schartner (Magistratsbeamter), ist mein
Name. Ich habe mir den Fuß gebrochen auf dem Weg von Lans nach Igls,
ganz überflüssig."
Ein dritter vor mir:
,,Ich war auch beim Angriff am Bahnhof und weiß nur noch, daß ich in
einen Keller beim Arlberger Hof gelaufen bin, dann war es aus. Ich bin
Elek aus Preßburg und wohnte im,Hotel Arlberger Hof.' Wie sich heraus-
stellte, war der Genannte vor dem Kellereingang mit Kopfverletzungen und
einem Handrückenbruch bewußtlos gefunden worden.
Bald war eine Unterhaltung im Gange, ohne daß wir uns sahen. Zufolge
Alarm vor 12 Uhr war und blieb ich ohne Essen, das damals auch schon
immer bescheiden war, daher stellte sich ein entsprechender Hunger ein.
Prof. Dr. Bartsch kam, ging von Bett zu Bett, fragte nach dem Befinden,
gab Anordnungen und jeder Patient mußte die Empfindung haben, der
Besuch gelte ihm besonders.
Bekannte fanden sich ein, um nachzufragen, darunter die Hausgenos-
sin Frl. Palme, wissenschaftliche Hilfskraft im Krankenhaus, mit dem gut-
gemeinten Rat:
,,.Wenn Sie hergestellt sind, dann gehen Sie auch aufs Land zu Ihrer
Familie und erholen sich 14 Tage."
,,Ich danke für den guten Rat, aber ich gehe gleich wieder zum Bahn-
hofplatz zurück. Dort kann man mich auch brauchen und ich muß schauen,
daß ich ein Dach auf das Haus bekomme."
Bis zum guten Abendessen stellte sich Fieber ein und damit Appetitlosig-
keit. Mir war ganz leid. Eine junge Ärztin kam mit der,,Spritze“.
,,Sie bekommen eine Injektion."
,,Nein, nein, danke vielmals, das brauche ich nicht."
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,,Aber der Herr Professor hat es angeordnet. Sie werden Schmerzen be
kommen und nicht schlafen können."
,,Die werden schon nicht so arg sein. Bitte, mich beim Herrn Professor
zu entschuldigen."
"
,Wie Sie meinen."
Es war nicht klug von mir. Der Arzt mußte es doch besser wissen. Die
Nacht verlief auch schlaflos.
Als die Fenster verdunkelt wurden, brachten, so gut ich sehen konnte,
Wärter ein großes, schweres Paket herein, und legten es auf ein Bett
Merkwürdig, das kann doch kein Patient sein, so klein und lautlos.
-
Rechts von mir an der Wand ein stiller, älterer Patient, namens Jung
wie ich von der Kopftafel lese. Rechts hinter mir ein serbischer Kriegs
gefangener, der als Fuhrmann beschäftigt war und von einem Auto in
Arzl an die Wand gedrückt wurde. Er erlitt Rippenbrüche und einen Fuß-
bruch und stöhnte während der ganzen Nacht, obzwar ein Ukrainer sehr
lebhaft auf Russisch herüberschimpfte.
Nach einiger Zeit begann es aus der Richtung, wo das,,Paket" lag, zu
wimmern und stöhnen. Die Schwestern waren dauernd daran. Also doch
ein Patient, der noch in Narkose lag, u. zw. ohne Füße, wie ich endlich be
Ich sah die Last der Jahre ihre Schultern drücken,
ich sah sie nimmermüde eig'ne Müdigkeit bekämpfen.
Wer Augen hatte, um zu seh'n,
nahm ihr Bild als des Opferwillens Denkmal mit.
Der geplagte Leib war ohne Nachsicht ihrem starken Willen untertan.
Ich war davon gerührt.
Schwester Amonaria!
Sie standen bei zu manchem neuen Leben.
Sie haben manches aufgegeb'ne wieder lebenswert,
Sie haben manches Sterben leicht gemacht.
Sie trugen neues Licht den Irrenden voran,
die Menschlichkeit verloren hielten.
Ich weiß, Ihr Opfermut läßt eines Tages Sie noch selbst zerbrechen,
um anderen zu helfen.
Ich will damit nur danken in meinem und der anderen, Ihres Lebens-
laufes Schutzbefohlenen Namen.
Es waren ja alle vorbildlich als Helfer in der Not, in der sich Kranke
stets befinden, aber die Hingebung der Schwester Amonaria war ergrei-
griff, und dieser Unglückliche hatte wohl die zwei Blutspender gebraucht fend. Deschwere Dienst an den Kranken wurde von allen wie von selbst
Ich sollte ihn bald kennenlernen.
Es war der erste Morgen, der für mich im Krankenhaus das Licht des
Tages wiederbrachte. Die lange Nacht war langsam vorbeigegangen. Die
besorgten Krankenschwestern huschten von Bett zu Bett, diese zu ordnen,
die Kranken zu waschen, die dazu nicht fähig waren, und das Frühstück zu
bringen, alles mit der Aufmerksamkeit, wie in einem gut geleiteten Hotel.
Hier sah ich die Schwester Amonaria
90
vom Orden der Barmherzigen Schwestern wirken,
der Bürde ihrer Jahre trotzend,
mit neuen Bürden immer wieder sich beladen,
mit kummervollem Angesicht nach ihren kranken Kindern
als treubesorgte Mutter schaun.
Ich sah in wenig Stunden ihres großen Herzens Pulsschlag
durch tausend güt'ge Hände schaffen,
in tausend seelenvollen Augen leuchten,
sich wie zur täglichen Erschöpfung unterjochend.
ober
verri
Berichtigung:
Di
erhel
früh
Seite 90, vor dem zweiten Absatz von
unten, soll folgender Titel aufscheinen:
der
Der Angriff vom 16. Dezember 1944
Nur Eile rettet mich, Verzug ist 10a.
triebe.
en, die mit ihrem
ann den Raum zu
e-auch an einem
ibertragenen Sinne
h'n,
Shakespeare,,,Romeo und Julia", IV., 1.
Der Magistratsbeamte Schartner bekam Besuch von Amtskollegen und
bald vom,,Roten Kreuz", darunter auch von August Riebler, der mir von
der Auffindung des Obermaats Paul Hamblock berichtete, der vor dem
Hause Nr. 7 beim Angriff auf den Bahnhof (vom 15. Dezember 1943) töd-
lich getroffen worden war. Auch meinen ehemaligen Schul- und Militär-
91
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,,Aber der Herr Professor hat es angeordnet. Sie werden Schmerzen be-
kommen und nicht schlafen können."
,,Die werden schon nicht so arg sein. Bitte, mich beim Herrn Professor
zu entschuldigen."
"
,Wie Sie meinen."
"
Es war nicht klug von mir. Der Arzt mußte es doch besser wissen. Die
Nacht verlief auch schlaflos.
Als die Fenster verdunkelt wurden, brachten, so gut ich sehen konnte,
Wärter ein großes, schweres Paket herein, und legten es auf ein Bett.
Merkwürdig, das kann doch kein Patient sein, so klein und lautlos.
-
Rechts von mir an der Wand ein stiller, älterer Patient, namens Jung,
wie ich von der Kopftafel lese. Rechts hinter mir ein serbischer Kriegs
gefangener, der als Fuhrmann beschäftigt war und von einem Auto in
Arzl an die Wand gedrückt wurde. Er erlitt Rippenbrüche und einen Fuß-
bruch und stöhnte während der ganzen Nacht, obzwar ein Ukrainer sehr
lebhaft auf Russisch herüberschimpfte.
Nach einiger Zeit begann es aus der Richtung, wo das,,Paket" lag, zu
wimmern und stöhnen. Die Schwestern waren dauernd daran. Also doch
ein Patient, der noch in Narkose lag, u. zw. ohne Füße, wie ich endlich be-
griff, und dieser Unglückliche hatte wohl die zwei Blutspender gebraucht.
Ich sollte ihn bald kennenlernen.
Es war der erste Morgen, der für mich im Krankenhaus das Licht des
Tages wiederbrachte. Die lange Nacht war langsam vorbeigegangen. Die
besorgten Krankenschwestern huschten von Bett zu Bett, diese zu ordnen,
die Kranken zu waschen, die dazu nicht fähig waren, und das Frühstück zu
bringen, alles mit der Aufmerksamkeit, wie in einem gut geleiteten Hotel.
Hier sah ich die Schwester Amonaria
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vom Orden der Barmherzigen Schwestern wirken,
der Bürde ihrer Jahre trotzend,
mit neuen Bürden immer wieder sich beladen,
mit kummervollem Angesicht nach ihren kranken Kindern
als treubesorgte Mutter schaun.
Ich sah in wenig Stunden ihres großen Herzens Pulsschlag
durch tausend güt'ge Hände schaffen,
in tausend seelenvollen Augen leuchten,
sich wie zur täglichen Erschöpfung unterjochend.
Ich sah die Last der Jahre ihre Schultern drücken,
ich sah sie nimmermüde eig'ne Müdigkeit bekämpfen.
Wer Augen hatte, um zu seh'n,
nahm ihr Bild als des Opferwillens Denkmal mit.
Der geplagte Leib war ohne Nachsicht ihrem starken Willen untertan.
Ich war davon gerührt.
Schwester Amonaria!
Sie standen bei zu manchem neuen Leben.
Sie haben manches aufgegeb'ne wieder lebenswert,
Sie haben manches Sterben leicht gemacht.
Sie trugen neues Licht den Irrenden voran,
die Menschlichkeit verloren hielten.
Ich weiß, Ihr Opfermut läßt eines Tages Sie noch selbst zerbrechen,
um anderen zu helfen.
Ich will damit nur danken in meinem und der anderen, Ihres Lebens-
laufes Schutzbefohlenen Namen.
Es waren ja alle vorbildlich als Helfer in der Not, in der sich Kranke
stets befinden, aber die Hingebung der Schwester Amonaria war ergrei-
fend. Der schwere Dienst an den Kranken wurde von allen wie von selbst
verrichtet. Alles griff ineinander - wie ein stilles Uhrgetriebe.
-
Die Verdunklung wurde von den Fenstern genommen, die mit ihrem
oberen Teil über der Erde lagen. Der neue Tag begann den Raum zu
erhellen und ich erinnerte mich poetischer Abschiedsworte - auch an einem
frühen Morgen gesprochen ohne zu ahnen, daß im übertragenen Sinne
der ernste Teil beinahe meine Lage traf.
-
,,Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt,
Der munt're Tag erklimmt die dunst'gen Höh'n,
Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod."
Shakespeare,,,Romeo und Julia", IV., 1.
Der Magistratsbeamte Schartner bekam Besuch von Amtskollegen und
bald vom,,Roten Kreuz", darunter auch von August Riebler, der mir von
der Auffindung des Obermaats Paul Hamblock berichtete, der vor dem
Hause Nr. 7 beim Angriff auf den Bahnhof (vom 15. Dezember 1943) töd-
lich getroffen worden war. Auch meinen ehemaligen Schul- und Militär-
91
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kameraden St.-B.-Insp. Tobias Sieberer sah ich unter den Besuchern. Ich
bat ihn, den Nationalbank-Beamten Karl Papsch von meinem Miẞgeschick
zu verständigen und zu bitten, er möge mich besuchen. Er kam bald nach
dem inzwischen erfolgten Fliegerangriff. Derweil viele Bomben auf Zeit
ringsum verborgen lauerten, um das Werk der Zerstörung ohne Warnung
tückisch fortzusetzen, nahm er seinen Weg zu mir. Mit seiner Hilfe konnte
ich also meine Angehörigen, die nach dem ersten Angriff vom 15. Dezember
1943 Innsbruck verlassen hatten, mit einer auf dem Knie geschriebenen
Postkarte verständigen.
Als das Auto vom,,Roten Kreuz" eintraf, wurde Schartner nach Seefeld
überführt, wohin er bestimmt war. Der Wagen dürfte Innsbruck noch
nicht weit hinter sich gelassen haben, als das jammervolle Heulen der Si-
rene zu uns in den Krankensaal herunterdrang. Was wird kommen? Soll
dem gestrigen Angriff schon wieder einer folgen? Wohin wird er sich rich-
ten? Im Krankenhaus dürfen wir uns wohl alle sicher fühlen, obzwar sich
über uns nur ein einstöckiges Gebäude befand. Aber Krankenhäuser wer-
den nicht angegriffen. Ich dachte an die so nahegelegene Innbrücke und
- wir sind im Bereich der Streuung. Wenn es wieder dem Hauptbahnhof
gilt, liege ich untätig im Bett, für mich eine unangenehme Vorstellung. Alle
Überlegungen und Fragen fanden zu bald ihre Antwort.
Gerade im Bereiche des Innrain fiel die Mehrzahl der Bomben. Eine traf
sogar den Ostflügel des Gebäudes, in dem wir lagen, und die nahegelegene
Medizinische Klinik, was für uns sehr fühlbar wurde. Der Luftdruck
zertrümmerte alle Fenster des Saales. Die Splitter flogen über alle Betten.
Erdreich und von der Explosion hochgeworfenes Material rieselte durch die
Schächte des vor die Fenster gebauten Splitterschutzes. Das Getöse und
Krachen erreichte uns unmittelbar durch die nun offenen Fenster, deren
Oberteil ins Freie ging, was die Empfindung gab, ungeschützt inmitten des
Bombenregens zu sein.
Im Saal blieb alles ruhig. Einige schauten prüfend herum, andere zogen
die Decke über den Kopf, ein Junge von etwa 14-15 Jahren mit einem
Armbruch legte sich, wie sich nachher herausstellte, auf den Steinboden
an die Wand geschmiegt, und ich setzte mich auf und hielt mir ein Kissen
über den Kopf für den Fall, daß von der Decke Verputz herunterbrechen
sollte, gegen mehr konnte es nicht nützen. Im übrigen fühlte ich mich etwa
wie ein Mann, der den Urteilsspruch auf Leben oder Tod erwartet.
92
Ich lag in der Mitte des Saales mit dem Blick gegen den dunklen Gang,
in dem ich drei Krankenschwestern betend beisammenstehen sah. Die be-
jahrte Schwester Amonaria wendete sich nach jedem besonders starken
Krach, also nahen Einschlag, gegen den Saal und machte das Kreuzzeichen
hinein, um gleich wieder weiterzubeten. Sie blieben alle auf ihrem Platz,
bereit, auch ein übles Schicksal mit den Kranken zu teilen, als treue Be-
treuer in der Stunde größter Gefahr. Die Bomben fielen der Reihe nach
durch längere Zeit. Nach meiner Einbildung war der Angriff gegen die
zwei Innbrücken gerichtet. Ich erfuhr später, daß die Einschläge von der
Markthalle herauf über den Innrain bis zur inneren Stadt reichten, wo
nebst anderen Gebäuden das Landesgericht schwer getroffen wurde. In
großer Zahl fielen auch Bomben mit Zeitzündern, die besonders in der fol-
genden Nacht zur Explosion kamen.
Es gab auch mehrere Brände. Als es Nacht wurde, fiel der Feuerschein
durch die Schächte vor den Fenstern in unseren Saal.
,,Brennt's Krankenhaus?" fragte einer.
,,Nein, nein, das ist nicht da", lautete die beruhigende Antwort.
Dieser Angriff zog sich in die Länge. Endlich trat Ruhe ein. Nun be-
gann eine furchtbare Arbeit für das Pflegepersonal. Vor allem stürzte
Schwester Amonaria herein, gefolgt von den anderen, und vermißt den
jungen Burschen, sein Bett war leer.
-
,,Ja, wo ist denn der Bua, wo ist denn der hingangen?" Bis sie ihn end-
lich, wie schon erwähnt, entdeckte, im Hemd, ohne Decke am Boden lie-
gend, Mitte Dezember, bei zertrümmerten Fenstern..
,,Ja, was machst denn da? So steh doch auf! Auf dem Steinboden rich-
test dich ja zugrunde." Und sie bettete ihn wieder in das von den Glas-
splittern gereinigte Bett.
Der ganze Saal war übersät mit Glassplittern. Ein Italiener, vor mir
liegend, wurde durch das herabrinnende Blut auf die lange Schramme an
seiner Stirn aufmerksam und wurde verbunden. Die dreißig Betten wur-
den von den Glasscherben freigemacht. Der Fußboden mußte warten. Die
emsigen Pfleger und Schwestern knirschten und klirrten darüber hinweg,
denn es gab wichtigere Arbeit.
Wir schrieben den 16. Dezember und die Fensterrahmen beiderseits des
Saales waren ohne Glas, gähnten uns hohl an und Bäche kalter Luft ström-
ten herunter.
Vor allem kamen Arme voll Decken, für jeden so viele er wünschte. Zu
frieren brauchte keiner. Dann brachte man Decken, die Fensterhöhlen zu
93
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verhängen, Pappe und Papier, soweit vorhanden. Eine riesige Mehrarbeit
zur andern dazu. Sie wurde mit Eifer gemacht. Eine junge Schwester vom
Roten Kreuz stürzte sich auf die Fensterreihe rechts von mir, als wollte sie
sagen: das will ich allein machen. Sie kletterete, hob und hämmerte die
Decken über die Rahmen. Auf der andern Seite mühte sich ein Pfleger mit
zerbrochenen Verdunklungs- und Fensterrahmen ab. „Teigl, Teigl, alles
ischt hin, wia soll i denn dös machen?" aber er hat es unverdrossen trotz-
dem gemacht für uns, die wir nur zuschauen, aber nicht helfen konnten; es
sollte nicht nur die Kälte abgehalten werden, sondern bis zum Abend auch
verdunkelt sein.
Die Arbeit wurde wiederholt durch neue Fliegeralarme unterbrochen.
Wer das Bett verlassen und gehen konnte, wanderte über die Scherben in
den Gang mit seinem Leitungssystem von über 10 Kabeln, Wasserleitungs-
und Dampfrohren an der Decke. Man glaubte dort besser geborgen zu sein,
weil ihn Personal und andere Patienten bei Alarm aufsuchten, und so
führte auch ich meinen jungen Gipsverband in Versuchung, und es ging
ganz gut. Dort saßen wir in Decken gehüllt auf Bänken und harrten der
Dinge. Vom anderen Ende warf ein kleiner Scheinwerfer sein Licht durch
den unterirdischen Gang, ohne ihn richtig zu beleuchten. Es war mehr eine
kleine Sonne, die aus der weiten Ferne schillernd glänzte, um das Ende des
Ganges zu verraten, bis sie erlosch. Wir sahen das Licht, aber unseren Be-
reich beleuchtete es nicht.
Nun zeichnete das aus dem Saale hereinfallende Licht die knappen Um-
risse der lebenden Mumien.
Neues Leben trat herein. Aus der Richtung der unterirdischen Sonne
kam es.
,,Ja, Kinder, macht doch Licht! Warum schaltet ihr denn den Schein-
werfer nicht ein?"
,Wegen der Batterie, Herr Professor, daß sie nicht ausgeht."
,,Ja, ja, aber ihr könnt doch nicht im Dunkeln bleiben."
Und dieser schaffende, belebende Geist war wieder so rasch fort, wie
er kam.
Prof. Dr. Bartsch war auf seinem Rundgang.
Den einen und anderen Alarm sollten wir am Tage des Angriffes in die-
ser Katakombe verbringen. Darauf kam die Nacht.
94
Wie berechnet, erfolgten in Zeitabschnitten die dröhnenden Explosionen
der,,Zeitzünder" während der ganzen Nacht als Drohung für kommende
Tage.
Von Elek aus Preßburg, ein Opfer von gestern, lag vor mir und meldete
sich fast nach jeder dieser Erschütterungen in der stets gleichen monotonen
Art:
,,Herr Zimmermann!"
,,Ja, bitte?"
,,Was war das wieder?"
,,Nur ein Zeitzünder."
,,Danke schön."
So ging es bis zur frühen Morgenstunde vom 16. auf den 17. Dezember,
vielleicht zehnmal.
Ein,,Zeitzünder" forderte 24 Todesopfer aus dem Luftschutzkeller unter
dem Rathause in der Fallmerayerstraße. Die Bombe fiel auf der Seite ge-
gen den Adolf-Pichler-Platz in die Anschüttung, drang bis an die Grund-
mauer des Luftschutzkellers ein, zertrümmerte diese und verursachte dieses
Massengrab. Aus Vorsicht gegen Zeitzünder wurden die Kellerinsassen
sein Opfer, denn sie verblieben über die Zeit im Keller, weil die Meldung
über zahlreiche Zeitzünder im Bereiche der Stadt zu ihnen gelangt war.
Einer der Verletzten kam im Krankenhause in das Bett hinter mir zu lie-
gen. Das war die zweite schlaflose Nacht. Am Morgen nahm ich das ge-
reichte Frühstück, nachdem mir auch am Vortage noch der Appetit zu den
Mahlzeiten fehlte. Ich hoffte, dafür zu Mittag alles restlos zu verspeisen. Es
kam aber anders.
Auf den letzten Angriff erging der Auftrag, das Krankenhaus tunlichst
zu räumen. Ein Teil der Patienten sollte nach Seefeld kommen, ein anderer
nach Natters.
Die Vorbereitungen wurden gleich am Morgen getroffen und damit das
Vorhaben bekannt. Einige der Patienten wurden von einer Unruhe ergrif-
fen und konnten ihre Verladung kaum erwarten, in der Meinung, ein neuer
Angriff stünde bevor und anderswo wären sie unbedingt sicher davor.
Der Saal wurde immer leerer.
Ein Ukrainer wurde besonders lebendig.,,Ich auch, ich auch", meinte er,
indem er von einer plötzlich aufgetauchten Landsmännin gestützt und ge-
führt wurde. Ich lag auf einer Tragbahre, zu einem Paket vergurtet am
Boden und hatte so zu warten, bis ich an die Reihe käme. Das Paar kam
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wieder an mir vorbei. Sie hatte nur Augen für ihren Schützling und stieg
mir unbekümmert auf den Gipsfuß, der sich aber sehr bewährte.
,,Achtung", sagte ich,,,das ist mein Fuß", und sie wanderte weiter, vom
Bett seine Sachen zu holen für seine Abfahrt.
Ich kam auch daran. Zwei der stets Hilfsbereiten nahmen die Bahre auf
und schafften sie in den Hof zu einem Sanitätswagen. Hier sah ich den um-
sichtigen Rettungsmann wieder, der mich am 15. Dezember auf den Rücken
genommen hatte. Im Schweiße des Angesichts, vor Anstrengung dampfend,
griff er zu, hob die schweren,,Pakete", gab seine Weisungen,,der kommt
daher, der dorthin", bis alle hinter- und übereinander verstaut, neuer-
dings mit dem Wagen vergurtet und das Fahrzeug mit seiner Menschen-
last gefüllt war. Schon schwang er sich, immer behende, vorne hinauf. Wie
ein ungeduldiges Pferd zog uns der schnaubende Motor hinaus.
Vor dem Krankenhaus in der Anichstraße sah ich Rudolf Pfund mit sei-
nem Mädchen Mitzi gegen die Universitätsbrücke einbiegen. Auf einem
kleinen Handwagen hatte er Hausrat aufgeladen, den er aus seiner Woh-
nung im Hause Südtiroler Platz 8 über eine Leiter heruntergeholt hatte,
denn die Stiege fehlt für uns alle, die wir dort wohnten. Mitzi erspähte ge-
rade noch mein Kopfnicken, mehr ließ die mit mir festgeschnallte Trag-
bahre nicht zu. Ich sah sie noch die Hand nach dem Wagen ausstrecken, die
suchenden Blicke ihres Begleiters und aus war das erste Wiedersehen nach
der gemeinsamen Not vom 15. Dezember.
Auf der raschen Fahrt sah ich einige Brände und Verheerungen des An-
griffes vom Vortage, am Landesgerichtsgebäude und andere. Der Fahrer
hatte Eile. Wer weiß, wie oft er heute schon den Weg von Innsbruck nach
Natters machte und wie oft er noch zu machen war. Unbestimmt war nur,
ob er nicht auf der Strecke von einem Angriff noch überrascht würde.
Das Krankenhaus in Natters war untergebracht in den Baracken der
ehemaligen Polizei-Hochgebirgsschule, die in einer Waldblöße standen.
Assistenzarzt Dr. Stainer löste die schwere Aufgabe der Aufstellung und
Einrichtung mit seltener Umsicht und persönlichem Einsatz. Außer den spä-
ter noch genannten Ärzten waren dort tätig Frau Dr. Lore von Klebelsberg,
die Praktikantinnen Gretl Tinkhauser, heute verehelichte Frau Dr. Seidl,
Frl. Helmi (Frau Dr. Braumann). Als Pflegeschwestern wirkten Brunhilde,
Erika, Maria, Vera und Veronika.
Hier waren wir Neuangekommenen Ursache einer ganzen Umwälzung.
Es kam ja alles so unerwartet plötzlich. Die Kranken mußten vom ärztlichen
96
Gesichtspunkt aus nach der Art des Gebrechens in die Zimmer aufgeteilt
werden; daher brachte der umfangreiche Zuwachs überdies manche Um-
siedlung. Mehr fleißige als viele Hände schafften alles mit Umsicht und
Ruhe. Hier haben wirs auch gut, wird sich jeder gedacht haben.
Im Namen meines Magens frage ich:,,Was ist, Schwester, kommt schon
bald das Essen?"
,,Essen? Ja, habt ihr nicht unten gegessen? Bei uns ist erst für abends
angetragen."
Also, sei still, mein Herz, sei ruhig, dafür wird es am Abend schmecken.
Eine Mahlzeit für vier versäumte.
Hunger ist der beste Koch, dachte ich beim Vertilgen der Abendration.
Die Küche war übrigens gut. Freilich mit den Kartoffeln in natürlicher
Größe waren keine großen Künste aufzuführen. Mag man sie noch so vor-
nehm pommes de terre nennen oder potatos, sie bleiben doch die braven,
schlichten Kartoffeln, ohne das Aussehen zu ändern, wie auch die hierzu-
lande geringschätzige Bezeichnung patate ihren begehrten Nährwert nicht
zu beeinträchtigen vermag. Man kann sie nur einnehmen und samt den tief-
liegenden, biologisch bedeutungsvollen Augen verzehren, wie sie der liebe
Gott geschaffen hat.
Aber wenn die Fleischtage kamen, war alles voll Geschmack, sichtbar
und vom Gaumen fühlbar, zubereitet von kundiger Hand, bei Verwendung
aller vorhandenen Zutaten. Auch die Mehlspeisen verrieten die Lust, alles
zu bieten, was Kochkunst mit den bescheidenen Mitteln zu leisten ver-
mochte. Ging ja auch damals alles auf Karten und keiner in den Betten
konnte behaupten, Schwerarbeiter zu sein. Die Unterhaltung von Bett zu
Bett kam bald in Fluß und begann wie gestern mit der Schilderung des
Mißgeschickes, das den einzelnen hierhergeführt hat. Der Ehrenobmann
vom Kriegsopferverband Max Sturm blieb nur einige Tage in diesem Zim-
mer. Seine Anwesenheit war für uns übrigen von großem Vorteil. Seine in
Innsbruck verbliebene Frau brachte nämlich gelegentlich ihrer Besuche die
ersten Nachrichten über die neuen Bombenschäden in Innsbruck. Sie ver-
sorgte uns auch mit Briefpapier und Bleistiften, Dinge, die damals in Nat-
ters nicht erreichbar waren. Sie brachte uns Briefmarken und übernahm die
Übermittlung unserer Briefe an die Post in Innsbruck für die fern von Inns-
bruck weilenden Angehörigen. Für diese gewissenhafte Besorgung waren
wir alle besonders dankbar, denn in Innsbruck wurden viele Briefkästen
wegen Personalmangels und Bombenschäden gar nicht mehr ausgehoben
7 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter
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Eingeworfene Briefe blieben darin liegen. Frau Sturm blieb die treue
Helferin und fragte nach unseren Wünschen, auch als ihr Mann in ein an-
deres Zimmer verlegt wurde.
Links von mir lag Wilhelm Jäger, mit einer Riesenbeule über dem rech-
ten Auge nebst Gehirnerschütterung. Ihm war nur bekannt, daß er damals
die Wohnung verließ, um noch für den Magen zu sorgen. Aufgefunden
wurde er in einem zum Teil wassergefüllten Bombentrichter.
,,Herr Jäger, Sie kommen mir übrigens bekannt vor", sagte ich,,,und
doch weiß ich nicht woher."
,,Sie dürften mich mit meinem Bruder verwechseln, der Magistrats-
beamter war, wir wurden schon immer verwechselt."
,,Ja, ja, stimmt, so ist es. Ihr Bruder und ich wir waren Schulkollegen in
der Oberrealschule am Adolf-Pichler-Platz. Sie sehen ihm zum Verwech-
seln ähnlich."
Von der Schwester wegen der Gehirnerschütterung zur Ruhe und wieder
zur Ruhe gemahnt, sagte der bewegliche Patient:,,Ja, meinen Sie vielleicht,
Schwester, daß ich gar so am Leben hänge, wenn's morgen aus ist, ist's mir
auch gleich. Mir fehlt schon nix mehr, hi, hi, hi, laẞt's mich nur bald gehn."
Den zweiten links, 16 Jahre alt, fragte Professor Dr. Bartsch:
,,Wie bist denn du zu dieser Verletzung gekommen?"
,,Ich bin nach dem Angriff mit der Mutter schauen gangen, und als wir
an dem Krankenhaus vorbeigegangen sind, ist ein Zeitzünder losgangen.
Die Mutter hat dann g'sagt: Du blutest ja am Kopf, gehn wir gleich eini,
und dann hab ich dortbleiben müssen."
,,Das kommt davon, solche Buam soll'n z'hausbleiben, nicht umeinander-
lauf'n. Hast übrigens noch Glück gehabt, aber ruhig halten, sehr ruhig,
sonst bleibt was fürs ganze Leben."
Von der Kopftafel las der Junge lachend herunter: Gehirnerschütterung
mit Knochensplitter.,,Dös ischt guat und i gspür gar nix." Es dürfte gerade
die Gehirnhaut noch unverletzt geblieben sein. Gegenüber links lag ein
Lokalbahnangestellter an einem Lungendefekt schon lange in Behandlung,
wurde aber bald nach unserem Kommen ausgeheilt entlassen. An seinen
Platz kam ein Patient zwecks Magenoperation, die erst nach meiner Ent-
lassung durchgeführt worden sein dürfte.
98
Dann kam, mir fast gegenüber, ein Dolmetscher aus Preßburg. Neben
diesen ein französischer Kriegsgefangener, der bei einem Bauern in Völs
beschäftigt war. Er jammerte immer und wollte nur nach Völs zurück.
,,Dort gesund", meinte er,,,nicht hier, nein."
Von einem bestimmten Leiden war nichts zu hören. Es muß nicht arg
gewesen sein. Für den Nachbarn allerdings wurde es ärger, als dieser
Patient aus Völs heftigen Durchfall bekam. Er hatte es immer wieder
dringend, die Leibschüssel war ständig zur Hand, ständiger als die Schwe-
ster, und so wurde der andere ganz gegen seinen Willen Nutznießer von
all dem, was flüchtig war. Er beobachtete zuerst den Betrieb, dann genüg-
- Düfte sind international gleich abgestimmt
ten ihm die Riechorgane
und endlich kehrte er seinem Nächsten den Rücken. Dann kam noch die
Papiernot. Er schaute wieder miẞvergnügt auf die Sparmaßnahmen des
Verzweifelten, schien sich aber zu beruhigen, weil bei solchen Anlässen
kein Staub auffliegt.
-
Nachdem ich meine Fachblätter nachgeschickt erhielt, stellte ich diese für
alle Zwecke zur Verfügung. Eine Schwester meinte wohl:,,Ja, was wearn
mer denn machen, wenn wir Ihre Zeitungen nimmer haben?" In ihrer
Abwesenheit erzählte und erklärte ich bei allgemeiner Heiterkeit durch
einen Witz, wie man in allen Lagen mit einem ganz kleinen Stück, sagen
wir wieder Papier, auskommen kann. Ein Patient, mutiger als ich, wollte
auch die Krankenschwester lachen sehen und brachte in ihrer Anwesenheit
die zweite Auflage.,,Na, hearn S", meinte sie,,,aber es kann schon sein,
ja, ja, es kann schon sein, wenn's so weitergeht, kemma ma so weit, daß
nix mehr."
gar
man's so machen muß. Wir hab'n schon bald
Rechts in der Ecke vor mir lag der Patient Jung mit dem Schenkelhals-
bruch still versonnen, für sich allein, und es freut mich heute noch, daß ich
ihn anregen und ins Gespräch ziehen konnte.
,,Herr Jung, ich habe Sie schon in Innsbruck beobachtet und gefunden,
daß Sie in einer eigenen Welt leben und damit zufrieden sind. Sie haben
sich sicher viel mit schöner Literatur befaßt."
,,Ja, das stimmt."
,,Sehen Sie, ich hab's gewußt. Nach Willen und Stimmung lassen Sie
lebendig werden, was Sie um sich wünschen, so ist man nie allein."
,,Ja, so ist es."
,,Mit Ihrem Äußeren könnten Sie als Faust auf die Bühne gehen. Mir
kam gleich vor, als würden Sie diese Rolle im Innern erleben."
7*
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,,Ja, auch das stimmt, ich habe mich als junger Mensch sehr für das
Theater interessiert, aber es blieb nur in mir. Den Faust kenne ich genau."
So war ich diesem Schweiger näher gekommen. Er versprach, mich zu
besuchen. Ich habe vergeblich gewartet. Wie ich hörte, soll er gestorben
sein. Mir ist leid um ihn. Ich hätte ihn gerne noch gesprochen. Bei einer
seiner Visiten bemerkte Professor Dr. Bartsch auf dem Nachtkästchen des
Jung eine Latein-Grammatik.
,,Was studieren Sie denn da? Latein?"
,,Ja, Herr Professor, auffrischen."
,,Was für einen Beruf haben Sie denn?"
,,Schneider bin ich geworden. In meiner Jugendzeit habe ich studiert."
Innerlich und räumlich mir sehr nahe und unvergessen war der Mann,
der am 15. Dezember beide Füße verlor und nach der Operation wie ein
,,Paket" in den Saal getragen wurde. Er kam zwei Meter von mir neben die
Türe rechts zu liegen.
Von scheuem Mitleid erfüllt, schwiegen alle ergriffen und die eigene
Sorge wurde jedem zu einem kleinen Nichts. Nach erstaunlich wenigen
Tagen hatte sich dieser schwer verstümmelte Organismus erholt, unter-
stützt von der unversehrt gebliebenen, großen, willensstarken Seele. Eines
Tages sollten wir den Hergang des Unglücks erfahren. Rechts von mir ging
die stets offenstehende Tür in den Gang, in welchem gerade vor meinen
Augen Tisch und Stuhl für etwaige Besucher standen. Ich sah sie warten,
bis ihre Zeit gekommen war. Einmal schien mir eine Frau übermäßig
lange zu warten und schweren Kummer zu tragen. Ich glaubte sie an-
sprechen zu sollen.
,,Bitte, auf wen warten Sie?"
,,Ich möchte meinen Mann besuchen", hörte ich hauchartig sprechen.
,,Wissen Sie, in welchem Zimmer er ist?"
,,Nein, ich komme gerade aus München."
,,Wie ist Ihr Name?"
,,Artmeier."
,,Ja, der ist hier herinnen. Kommen Sie doch herein."
,,Es ist noch keine Besuchszeit."
,,Das macht nichts. Sie werden doch nicht von München herreisen und
hier warten. Sagen Sie allenfalls nur, ich habe Sie hereingerufen."
100
Zögernd steht sie auf und zaghaft gehemmt kommt sie näher.
,,Frau Artmeier, jetzt müssen Sie stark sein. Dort ist Ihr Mann. Sie
haben einen tapferen Mann und Sie müssen nur froh sein, daß Sie ihn
noch haben. Sie wissen doch schon."
Sie nickt und kommt langsam, behutsam näher, am Fußende des Bettes
vorbei. Zwei Augenpaare finden sich, ein Händedruck spricht für sie.
,,Wie geht's dir?"
Auch die Frau bleibt stark, aber die stille Träne klingt aus der verhalte-
nen dünnen Stimme.
,,Ja, sigst scho, wias geht, aber 's ischt jetzt scho besser. Ist vom Buam
Nachricht kemma?"
,,Ja, es geht ihm gut."
,,Schreib ihm nix vo mir oder nur von oam Fuaß, verstehst, nur vo oam,
verstehst scho, gej?"
,,Ja, sag, wie ist denn dös kemma?"
-
,,Wie d'woaẞt, hots dösmal mi troffa, mit'm Postwaga z'fahra. In Inns-
bruck is Alarm gwesn. Es wär nit notwendig gwesn, gar nit. Der Kame-
rad hat d'Nervn verlorn. I bin nimma ausakemma und glei is der Angriff
auf'n Bahnhof kemma und da hat's mi erwischt, ja." - Pause. -
Die Frau will noch mit dem Arzt sprechen; leise, traumhaft geht sie
hinaus und setzt sich wieder an den Tisch am Gang. Nun war sie allein, die
Kraft zu Ende. Der Schmerz fand die Linderung in Tränen einer starken
Seele in schlichtem Gewande.
Der Patient kräftigte und erholte sich sichtbar, wie schon erwähnt, in
wenigen Tagen, die er noch mit uns im gleichen Raume verblieb. Uner-
wartet bald aber sahen wir die Frau den Besuch wiederholen. Ein Tele-
gramm rief sie, und doch zu spät. Eine Rippenfellentzündung war die
Verbündete eines frühen Todes. -
Er ist auf seinem Posten gefallen, im Dienste für alle, nach einem Mar-
tyrium. Er fiel in seinem Berufe, also ein Opfer seiner eigenen Sache, kann
man sagen. Richtig, aber wie viele haben und konnten ihre Sache ver-
lassen
- waren nicht gezwungen, sich mit ihr auf Gedeih und Verderben
zu verbinden. Er fiel, wie Soldaten auf Befehl zu sterben haben, aufrecht,
ohne Klage.
Ein gut gearbeitetes Grabkreuz aus Holz am Friedhofe links der Kirche
von Natters sagt einfach und schlicht:
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Hier ruht in Frieden
Herr
Lorenz Artmeier
geb. 15. X. 1896
gest. 5. I. 1945
Dort liegt der vom Leben so gequälte mutige Mann. Ihm war wenigstens
das letzte Glück zuteil: er war behütet während seines Leidens von treuen
Händen, bis zum letzten Atemzug. Er starb unter dem Auge des Arztes,
der alle Mittel der Wissenschaft erschöpfte, um das Leben zu erhalten.
Aber die Lebensuhr war abgelaufen.
-
Die Erde von Tirol sei ihm leicht.
Auch in Natters hatten wir einmal, und zwar am 25. Dezember 1944,
Gelegenheit, einen Angriff, von dort aus gesehen, mitzumachen. - Alarm
gab es wohl öfters, aber so nahe kamen uns die Bomber nur damals, denn
Natters liegt um 219 Meter höher als Innsbruck. Zum Brummen war auch
das mahlende Geräusch sehr deutlich hörbar. Wir befanden uns bis auf das
Holzdach und die -wände sozusagen schutzlos im Freien. Die Flieger schie-
nen zu kreisen. Ich hörte die Kurbelwelle stampfen, das Getriebe mahlen.
Dann begann die sehr nahe gelegene Flak ihre Salven zu feuern, daß der
Boden bebte, die Fenster klirrten und einzelne sprangen. Die Bomben
folgten sofort. Den Bahnanlagen vom Westbahnhof in Innsbruck bis zum
Schloß Mentlberg waren sie zugedacht, aber viele gingen auf die Um-
gebung des,,Eichhof" von Natters nieder, ohne mehr Schaden anzurichten,
als mit dem Höllenkrawall die ganze Gemeinde um Haus und Hof zittern
zu machen. Drei Verletzte sollen eingebracht worden sein. Die Patienten
in den Betten wußten sich schutzlos unter dem Himmel dem Zufall aus-
geliefert. Das Rumoren der Maschinen bohrte in den Ohren nebst dem
Pfeifen niedersausender Bomben, bis der Krach des Berstens sagte, daß sie
vorbeigingen. Eine gefaßte Schwester eilte von Raum zu Raum, versah
ihren Beruhigungsdienst. Ich schrieb im Bett sitzend einen Brief auf dem
Knie, unterstrich beim Einschlag das gerade hingesetzte Wort, als sie unter
der Türe erschien.
,,Und was ist da?" fragte sie.
,,Da ist nichts, Schwester, alles in Ordnung", antwortete ich. Und sie eilte
weiter, um sich in allen Räumen der Baracke als wachsamer Geist zu zeigen.
Nach dem Angriff fragte ich sie:
102
,Warum sind Sie nicht in den Luftschutzkeller gegangen, Schwester?"
,,Weil jemand immer da sein muß, schon wegen der Frauenabteilung
drüben."
Die Barackensiedlung war wohl vom Walde umgeben, aber ein Angriff
auf die Flakstellung hätte ungewollt auch herübergegriffen. Zudem wurde
der Gedanke geäußert, daß die ganze Anlage von oben auch für ein aus-
gedehntes Munitionslager gehalten werden könnte, denn ein einheimischer
Flieger habe festgestellt, daß die einzelnen Objekte von „oben" ganz gut
auszunehmen sind.
Professor Dr. Bartsch soll auch dringend für eine Verlegung der Anstalt
eingetreten sein, aber erfolglos, mit der Begründung, nicht die Flakstellung
wurde neben das Krankenhaus verlegt, sondern sie war zuerst da und das
Krankenhaus sei nachher gekommen.
Im übrigen erlitt der Betrieb keinerlei Störung. Professor Dr. Bartsch
beherrschte die Mißgunst der Verhältnisse, erschien ungeachtet der Flieger-
angriffe mit seinem Stab von Ärzten und angehenden Ärztinnen zur
,,Visite".
Bei diesem Anlasse drängt sich mir die Erinnerung auf an die so äußerst
hingebungsvolle Fürsorge und ärztliche Behandlung der Patienten, wie an
die von manchem geäußerte Scheu vor dem Krankenhause. Möge nur jeder
im Notfalle immer die Fürsorge finden, wie ich sie als Selbstverständlichkeit
sah. Ich erstaunte, als bei einem leicht veränderten Verhalten des kranken
Jung sofort ein Spezialarzt zur Untersuchung bei erster Autogelegenheit
von Innsbruck nach Natters geholt wurde. Hierauf folgte ein Nervenarzt,
ohne daß von einer Seite eine besondere Feststellung möglich gewesen
wäre.
Trotzdem aber verzichtete einmal ein Patient auf die ganze fürsorgliche
Behandlung, zu der er sich ausdrücklich von Innsbruck nach Natters be-
mühte, um ja nur aus Innsbruck heraußen zu sein und um sich einer vor-
beugenden Operation zu unterziehen. Im übrigen pumperlgesund, machte
er sich zu Fuß auf den Weg. Die Bahn verkehrte unregelmäßig, andere
Fahrgelegenheiten gab es nur durch Zufall.
Unterwegs ereilte ihn ein Mißgeschick. Auf halbem Wege erschienen
Bomber über ihm mit dem Brausen der Propeller und Brummen der Mo-
tore. Vor ihm dröhnten die Salven der Flakbatterie über ihn hinweg.
hinter ihm barsten die auf Innsbruck abgeworfenen Bomben. Sollte die
Flakstellung angegriffen werden, ergab sich die unerwünschte Aussicht, in
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den Streuungsbereich zu kommen. Deckung gab es im Freien keine, und
so strebte und stürmte er auf gut Glück Natters zu.
Angekommen, wurde ihm ein Bett zugewiesen und, wie schon üblich,
Temperatur und Puls als die am leichtesten greifbaren ersten Merkmale
einer nahenden Krankheit
gemessen.
„Ja, was ist denn dös?" meinte die Schwester vor dem so beruhigend
aussehenden Jüngling.,,115 Puls, ja wieso denn?"
Darauf erzählte er sein Abenteuer.
,,Ah so, aber die 115 schreib i auf."
„Ja, ja, die können S' schon schreiben, dös is mir gleich." Sie schrieb, er
aber verließ Natters noch am selben Tage. Innsbruck oder nächste Um-
gebung war ihm doch noch sympathischer. Die Flakstellung war ein unan-
genehmer Nachbar, kein Zweifel, für die ganze Gemeinde Natters, an
deren Rande sie feuerte. Ein Angriff auf die Batterie mußte auch die Ge-
meinde treffen. Zum Glück kam es nie dazu.
Und die Soldaten der Batterie? Als ich nach meiner Entlassung auf dem
noch zu erwähnenden Schlitten heimwärts fuhr, habe ich sie gesehen, wie
sie in der eisigen Kälte, aus der Ruhestellung unseren Weg kreuzend, wohl-
gelaunt, mit und ohne Zigaretten, mit geschlossenen und flatternden Män-
teln zur Batterie schlenderten, um sie zu bedienen. Ungarn waren es.
Ja, das sind Soldaten, wird manch einer sagen. Und er hat recht - das
waren sie.
-
Es soll öfter vorgekommen sein, daß es Enttäuschte gab unter jenen, die
Natters für Abrahams Schoß hielten. Diese dürften auch gedacht haben:
,,Teigl, Teigl, was ischt denn dös, da ist ja die Flak a no fast vorm
Fenster und schiaßt, daß alles wackelt, und über uns koa Haus, nur a
Bretterdach. Zu dem sein mir do auffer kemmen, da sein mir ja vom Regen
in die Traf kemmen. Wenn i nur schon wieder unten war."
Auch ich wünschte mich hinunter, wenn auch aus einem anderen Grunde.
Das Haus ohne Dach und unbewohnt, alles etwaigen Zugriffen ausgesetzt.
Die Wasserleitungen nicht entleert. Zum großen Schaden sah ich eine
Summe anderer Schäden kommen. Einer meiner Besucher dürfte mein
Verlangen verraten haben, oder war es Zufall oder Übung, die Patienten
zu trösten, denn Professor Dr. Bartsch meinte bald nach den ersten
,,Visiten":,,Ende der Woche bekommen Sie den Gehgips."
Fein, dachte ich, das heißt ja gehen können.
Die Woche ging vorbei, dann hieß es,,vor Weihnachten". Fein, gerade
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auf Weihnachten. Dann wieder,,nach den Feiertagen". Auch gut, dieses
Mal wird es ja stimmen, dann bin ich am 26., 27. Dezember in Innsbruck.
Das Jahr sollte zu Ende gehen, indem ich von Tag zu Tag hoffte, in der
naiven Vorstellung, daß der Gipsverband beim Gehen nur alles zusam-
menzuhalten habe, damit die Knochenenden zusammenheilen können. Daß
die Heilung nur in Ruhe möglich ist, verstand ich erst nach den Aus-
wirkungen.
Nach Neujahr erst wurde die Röntgen-Kontrollaufnahme angeordnet,
was mich nun ganz zuversichtlich stimmte. Am 4. Jänner 1945 kam der
alte Gipsverband vom Fuß herunter und Assistenzarzt Dr. Edmund Seidl
erfreute mich mit einem neuen. Dieser mußte nachtsüber unter der Bett-
decke trocknen. Tags darauf kam die zweite Auflage samt Eisenbügel von
der kundigen Hand des Pflegers Siegfried Hörmann darübergewickelt, um
wieder über Nacht zu trocknen.
Damit wurden die drei Wochen voll, während ich von Tag zu Tag hoffte,
entlassen zu werden. Diese Zeit verbrachte ich merkwürdigerweise schlaf-
los, ausgenommen die erste Nacht. Eine zweite Nacht nahm mich nur vier
Stunden in ihren Schlummer und eine dritte vergönnte mir ihn nur dann
und wann. Dann war es aus damit, aber restlos aus, auch bei Tag. Meine
Hoffnung von Tag zu Tag erstreckte sich auch auf die Wiederkehr des
Schlafes in Innsbruck. So verbrachte ich die vielen Nächte, ohne einen
Nachteil zu fühlen, und erlebte diese Zeit somit zweifach, nicht ohne die
rings um mich Schlummernden auch um den Rhythmus des Schnarchens
bei Tag und Nacht zu beneiden.
Es waren stille Nächte, nur von den leise sorgenden Schwestern belebt.
Vor meinem Abgang in der Nacht vom 4. auf den 5. Jänner war ich nicht
ganz umsonst wach.
Von Elek aus Preßburg rief seinen Nachbarn umsonst dringend beim
Namen. Ich frage:
,,Was ist, Herr von Elek?"
,,Oh, ich habe einen bösen Traum gehabt. Ich habe geträumt, mir wurde
bei einem neuen Angriff der zweite Arm weggerissen. Werden die Flieger
wieder kommen?"
,,Nein, nein, Herr von Elek, schlafen Sie ruhig weiter, jetzt bei Nacht
kommen keine Flieger."
,,Ist dies auch sicher, ganz sicher?"
,,Ja, ja, Herr von Elek, das ist ganz sicher, schlafen Sie nur ruhig weiter."
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Tag
,,Danke schön!" und neuer Schlaf umfing den Müden bis zum neuen
Vor dem Weihnachtsabend kam der Pfleger Heinrich mit seinem Rasier-
zeug von Bett zu Bett und befreite uns von den üppigen Stoppeln. Das
war die erste Vorbereitung zur Feier. Die Schwestern brachten und putzten
einen Christbaum zurecht und zur Feierstunde bekam jeder einen Extra-
teller mit guten Sachen. Die Kerzen des Baumes wurden angezündet, das
elektrische Licht ausgeschaltet.
Nun konnte jeder zurückdenken bis in seine Kindheit, an die Spielsachen,
die ihn erfreuten, an die Eltern, denen unsere freudige Erregung Freude
war, was wir damals gar nicht verstanden. Das vergangene Leben läuft vor
unserem geistigen Auge in wenigen Minuten ab, das weitere sehen wir
nach Wunsch mit vielen Fragezeichen umrankt und schreiten mit dem
Wanderstab der Hoffnung weiter.
Was war aber das? Wer singt in diesen Räumen? Wahrhaftig, Mädchen-
ja Weih-
stimmen! Sie kommen näher durch den langen Gang. Das sind
nachtslieder!
Nun halten sie vor unserer offen stehenden Tür, singen für uns, wie sie
vor jedem Zimmer sangen, Friedensboten gleich, vom hellen Licht des
Ganges bestrahlt, derweil wir im Lichte der Christbaumkerzen liegen.
Damit ging auch dieser Abend in herzlicher Verbundenheit mit der
Außenwelt in weicher Harmonie zu Ende.
Der Jahresabschluß, der 31. Dezember 1944, verlief ohne Feststimmung.
Mir schien nur, daß in den anderen Räumen, so wie bei uns, das Licht
nicht verlöschen wollte. Die Patienten waren gesprächig, plauderten und
schienen, wie nach einem stillen Übereinkommen, die zwölfte Stunde noch
wach verbringen zu wollen. Dann allerdings war die Ruhe erwünscht. Das
betonte ein unsichtbarer Nachbar vom Nebenzimmer, der an die Holz-
wand klopfte, als der Junge mit dem Knochensplitter am Kopf mit seinem
übermütigen Lachen nicht verstummen wollte. Die Ursache gaben meine
lustigen kurzen Erzählungen, die das jugendliche Gemüt zum Überschäu-
men brachten.
Der 5. Jänner 1945 brachte mir die ersehnte Eröffnung, daß ich nun
endlich entlassen sei und der folgende Tag auch eine Fahrgelegenheit bieten
dürfte. Daraufhin machte ich meine ersten Gehversuche im Krankenzimmer
und am nächsten Morgen brachte der Pfleger Siegfried Hörmann die Nach-
richt, daß ein Schlitten nach Innsbruck fahre, aber rasch, er stehe vor der
Abfahrt.
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Ich hatte mich gerade angekleidet, nahm den Rucksack, mit dem ich bei
Fliegeralarm die Wohnung immer verließ, und fand auf der linken Längs-
seite der dicht besetzten Brücke des Schlittens Platz. Am Kutschbock hinter
mir konnte ich mich mit einer Hand festhalten.
Als ich während der Fahrt Natters zurückbleiben, meinen Blicken ent-
schwinden sah, wurde mir das tägliche Bild lebendig, wie ich es durch drei
Wochen abrollen sah.
Die Ärzte, sie sah ich jetzt wieder
herstellen das höchste der Güter,
die Gesundheit dem Menschen,
freudig bewegt und sich sorgen.
Die anderen sich wenden und plagen
ohne Ruh und Rast.
Des stillen Dankes Fülle im Herzen,
schlich ich wie leise davon,
die Schuld auf der Seele fürs Leben.
Aufragen sah ich die freudigen Retter
über anderes Wirken der Menschen.
Damit will auch ich mich zur Dankesschuld bekennen, die vor dem Arzt
nie abgetragen wird.
Es war ein kalter Tag, der mich ins Freie führte. Unterwegs vor dem
Sonnenburgerhof winkte eine italienische Arbeiterin und bat um Fahr-
gelegenheit. Alles rückte zusammen und es ging noch. Am Ende der Bren-
nerstraße, bzw. an ihrem Anfang in Innsbruck mußte ich mich auf meine
gegen
Beine verlassen, denn der Schlitten nahm seinen Weg nach links
Westbahnhof.
den
Die Italienerin ließ sich nicht abhalten, mich zu begleiten. Wir wander-
ten die Leopoldstraße hinunter durch die Mentlgasse und Sterzinger Straße.
Ich hatte den kürzesten Weg genommen, aber vergessen, daß am Ende vor
dem Lagerhause ein Berg von Trümmern stand. Dieser war also zu über-
winden. Dabei kam mir bis zum Scheitel des Haufens der altbekannte
Schmiedmeister Kuschei zu Hilfe, obzwar er damals selbst schwach auf den
Beinen war. Von der anderen Seite kam mir ein Soldat entgegen und reichte
mir die Hand. Die Italienerin hatte auf diesem eisigen, schmalen Pfad mit
sich selbst zu tun.
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Frau Zeitlhofer war gerade am Fenster und ich konnte versichern, daß
ich mich wieder wohlauf fühlte.
Dieser für die in drei Wochen im Bett schlaff gewordene Muskulatur un-
gewohnte Marsch verursachte für einige Tage einen heftigen Muskelkater
und einen Puls von 90 bis 100 Schlägen. Anderseits stellte sich bereits in
der ersten Nacht tiefer Schlaf ein.
Zu Hause angekommen, schaute ich in die Kanzlei, was von meiner
Brille am Schreibtisch übriggeblieben sei. Die Decke war stellenweise von
Quadern durchschlagen. Die Brocken lagen am Boden, andere zum Her-
abstürzen bereit zwischen den Deckenbalken eingeklemmt. Am Schreib-
tisch nur der Verputz der Decke und darunter die unversehrte Brille.
,,Hallo!" ruft es gerade vom Hof herein,,,wer ist denn hier?"
Ich erkenne die Stimme des Hausgenossen Rudolf Pfund.
,,Ich bin es, Herr Pfund, gerade angekommen."
Das wichtigste hatten wir gelegentlich seines Besuches in Natters be-
sprochen. Meine plötzliche Ankunft im Hause hatte ihn doch überrascht.
Er selbst kam zufällig, um sich aus seiner Wohnung auf dem Umwege über
das Bürodach vor dem 1. Stockwerke Notwendiges zu holen. Mir kam da-
her die auf der Rückseite zum Balkon gestellte Leiter zustatten, um dar-
über in meine Wohnung zu kommen, wie ich meinte. Nach den ersten
Sprossen fürchtete ich für den Gipsfuß, vielleicht unbegründet, aber ich
glaubte ihm das Auf- und Niedersteigen, Tag für Tag, nicht zumuten zu
dürfen, denn für drei Wochen mußte ich den Gipsverband noch tragen.
Über allen Erwägungen stand die Angst einer Verlängerung der drei
Wochen und so stieg ich wieder herunter und folgte der Einladung einer
befreundeten Familie am Saggen, um dort zu wohnen, bis ich ordentlich
gehen konnte.
Als am 26. Jänner 1945 der Gipsverband abgenommen wurde und ich
das inzwischen fast steif gewordene Fußgelenk ratenweise vergewaltigt
hatte, fand damit das harmlose, aber höchst überflüssige Abenteuer mit dem
Fuß sein Ende.
Die Angriffe vom 19., 25. und 29. Dezember 1944
Wie erwähnt, dauerte mein Aufenthalt in Natters vom 17. Dezember
1944 bis zum 6. Jänner 1945. In dieser Zeit erlebte Innsbruck diese drei
Angriffe.
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Beim Angriff vom 19. Dezember 1944 wurde der Viadukt am Ende der
Museumstraße stark beschädigt. Alle im Lazarett hatten hart auf die ersten
Nachrichten gewartet, ob die in Innsbruck zurückgelassene Habe wohl un-
versehrt geblieben sei. Wir hörten nur die fernen Detonationen.
Der Angriff vom 25. Dezember war zufolge der in der Nähe von Natters
niedergegangenen Bomben auch für uns sehr fühlbar. Das Ziel dürfte wohl
der Westbahnhof von Innsbruck gewesen sein. Die Bomben trafen aber
den nahegelegenen Friedhof, wo sie starke Verwüstungen anrichteten. Eine
große Zahl von Gräbern, darunter auch jenes meiner Eltern, wurden zer-
stört. Die Arkaden erlitten an mehreren Stellen große Schäden. Das Haus
in der Mandelsbergerstraße Nr. 6 wie auch das ganze Innraingebiet wurden
stark heimgesucht.
Vom Angriff des 29. Dezember hörten wir nur die fernen Einschläge,
die auf die Umgebung des Marktplatzes niedergingen. Die Markthalle
selbst und einige Objekte in Mariahilf wurden schwer beschädigt. Vermut-
lich sollte die dortige Innbrücke getroffen werden. Über weitere Zerstö-
rungen dieser Angriffe erfuhr ich erst nachträglich, weshalb es mir nicht
möglich ist, Näheres darüber zu berichten.
Der Angriff vom 14. Februar 1945
Ich befand mich gerade im Sanatorium der Barmherzigen Schwestern,
um dort eine Röntgen-Aufnahme abzuholen. Als ich noch am Gang wartete,
fielen plötzlich ohne jede Fliegerwarnung einige Bomben. Nach meiner
Vorstellung waren es 3-4 Stück. Man hatte den Eindruck, die Einschläge
müßten in nächster Nähe liegen. Nun gab die Sirene das Alarmzeichen.
Alles eilte durcheinander und die Verbringung der Kranken in den Keller
war auch schon im Gange.
Ich fragte nach dem Luftschutzkeller, aber die Schwester meinte, der
Raum wäre zu beschränkt, ich möge in den Stollen jenseits des Inn gehen.
Bei diesem Anlaẞ sah ich, wie wohl fast die ganze Bevölkerung dieses Ge-
bietes den Weg über die Brücke zu den Stollen machte. Tiefflieger hätten
in einem solchen Augenblick große Massen in freier Bahn vor sich gefunden.
Der erste Stollen links der großen Brücke nach Mühlau war für einen
militärischen Befehlsstab vorbehalten. Als ich gerade beim zweiten an-
langte, erfolgte die Entwarnung.
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Der Angriff hatte sich gegen den Flugplatz in der Reichenau gerichtet.
Wie zu hören war, soll es von der beim Exerzieren befindlichen Flieger-
mannschaft elf Tote gegeben haben.
Der Angriff vom 16. Februar 1945
Wegen des Fußbruches wohnte ich noch am Haydn-Platz, war jedoch
vormittags in meiner Wohnung am Bahnhofplatz, um an der Beseitigung
des da und dort heruntergebrochenen Verputzes weiterzuarbeiten. Gleich-
falls hatte ich noch einige zertrümmerte Türen nach Möglichkeit zusammen-
zuflicken.
Um 11.45 Uhr traf ich wieder am Haydn-Platz ein und verließ gerade
die Straßenbahn, als das Alarmsignal gegeben wurde. Nachdem ich das
Luftschutzgepäck in den Keller geschafft hatte, waren bald darauf Explo-
sionen in rascher Folge zu hören. Wir waren alle im Zweifel, ob es sich
um Einschläge oder Geschosse der Flak handle.
Als es ruhig wurde, ging ich hinauf, sah über Pradl eine riesige Rauch-
wolke liegen und vermutete zuerst einen Brand. Ich wunderte mich nur
über die rasche Entwicklung und dachte an Öl- oder Benzinvorräte. Dies
traf jedoch nicht zu, sondern die Summe aller Einschläge gab eine geschlos-
sene Wolke großen Umfanges.
Gleich nach der Entwarnung um 14.25 Uhr ging ich durch das Gebiet
der großen Verwüstungen, die der Angriff angerichtet hatte.
Dieser Angriff war vermutlich den Bahnanlagen des Hauptbahnhofes
zugedacht. Die Trefferlage wurde aber durch die Luftströmung oder durch
Zielfehler zu weit nach Osten verlegt.
Damit ging manches Leben und Hab und Gut verloren, das Arbeit und
Fleiß in Jahrzehnten zusammengetragen und wozu Väter und Mütter schon
den Anfang gemacht hatten mit dem materiellen Ertrag ihrer Lebens-
arbeit.
Der Angriff vom 27. Februar 1945
Mit Rücksicht auf die bereits seit Monaten sehr häufigen Alarme wurde
es Brauch, dringende Angelegenheiten in den ersten Vormittagsstunden
zu erledigen, denn ab 10 Uhr war mit Alarm zu rechnen. Trotzdem ent-
schloß ich mich, gegen 10 Uhr noch rasch wegen eines Notdaches auf mein
110
zerstörtes Haus in einem Amte vorzusprechen. Dort mußte ich fast eine
Stunde warten, um dann in wenigen Sekunden zu wissen, daß mein Weg
zwecklos war.
Am Heimweg kaufte ich mir in der Anichstraße eine Tageszeitung und
hörte dabei die Bemerkung:,,Das Radio hat gerade einen starken Verband
gemeldet im Anflug aus dem Süden nach Norden. Unterinntal hat schon
Alarm." Also höchste Zeit, mit dem Rad heimzukommen, dachte ich mir.
begannen
In der Maria-Theresien-Straße angelangt es war 11 Uhr
die Sirenen mit ihrer heulenden Klage.
-
-
Ich strebte als einziger eilends gegen den Bahnhofplatz, während eine
Menschenmenge aus dieser Richtung mir entgegenströmte. Fußgänger lie-
fen am Gehsteig. Auf der Fahrbahn rasten Autos und Radfahrer durchein-
ander, so daß es alle Aufmerksamkeit erforderte, gegen diesen rasenden
Strom zu fahren. Am Bahnhofplatz angekommen, fluteten mir vom Bahn-
hof her zahlreiche Soldaten entgegen. Einen Teil führte ich in den Keller
des,,Hotel Europa", den anderen Teil in die Keller Südtirolerplatz Nr. 4
und 12.
Die Mehrzahl kam, wie immer, bald wieder herauf, andere blieben gleich
vor jenen Häusern. Heute gab es auch bald etwas zu sehen: Geschwader
kamen, wie gemeldet, aus dem Süden und zogen, für uns gut sichtbar, über
das Unterinntal gegen Norden, eine Kette ohne Ende. Furchtbar, nur an
den Zweck dieser Flüge, an die Menge der Bomben zu denken, die irgend-
wo niedergehen werden. Nach einer Weile begann ich die Flugzeuge einer
Staffel zu zählen. Die Staffeln gruppierten sich zu Geschwadern, die als
geschlossene Formation dahinzogen. In größeren Abständen folgte dann ein
Geschwader dem andern in der Ordnung dahinziehender Vögel, wie Ge-
spensterschiffe. So zählte ich etwa 300 Flugzeuge. Da war der Tod auf
Reisen. Wo wird er sich niederlassen, eine reiche Ernte halten, ein Massen-
sterben fordern?
Was bliebe von unserer Stadt noch übrig, wenn alle über Innsbruck kä-
men? Wird nicht jetzt und jetzt eines dieser Geschwader Richtung auf
Innsbruck nehmen oder hinter der Nordkette eine Schleife ziehen, um
überraschend von Norden her aufzutauchen und anzugreifen, kaum, daß
es über den Bergen sichtbar wird? Wird etwa ein anderes aus anderer
Richtung Innsbruck zum Ziele nehmen, weil heute schon Großkampftag
ist?
Heute standen fast nur Soldaten herum. Alles schaute ringsum so wie
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ich. Heute herrschte Ernst und Stille, kein Übermut, die Blicke waren auf
die endlose Kette von Flugzeugen gerichtet. Die Gespräche wurden mit
gedämpfter Stimme geführt im Schatten der Vorstellung von Ziel und
Zweck der endlos dahinziehenden Flugzeuge.
In der schwülen Stille solcher Stunden möchten vielleicht auch jene das
Lispeln erlernen, die sonst aus ihrer Geborgenheit heraus in freundlichen
Stunden des Lebens die Gewohnheit haben, ein Zwiegespräch mit einem
mündlichen F..z einzuleiten und ebenso zu beenden, wenn die Milch der
frommen Denkart des andern zu gerinnen beginnt.
Ich wende mich immer wieder von der Kette dieser Zugvögel und
suche stundenlang den Horizont, besonders den Raum über der Nordkette
ab. Ich wartete geradezu auf einen Angriff, denn jener vom 16. Februar
hatte die Bahnanlagen verfehlt, die wohl heute gründlich,,hergerichtet"
werden sollen. Unbestimmt war mir nur die Richtung, aus der er kommen
wird.
Die lange Kette von Geschwadern war nach langer Zeit zu Ende. Ich
sah und hörte nichts mehr. Wieviel Tod und Verderben mögen sie dort-
hin gebracht haben, wo sie nach mir gesehen wurden? Dann, nachdem
dieses Werk vollendet war, erschienen sie wieder auf ihrem Rückfluge. Sie
zogen in derselben Ordnung gegen Süden, zu ihrer Operationsbasis zurück.
Es war ein sonniger Tag, weshalb sich mehr Leute heroben als in den
Kellern befanden. Drüben am Bahnhof stand eine Gruppe von Italienern.
Gleich zu Beginn des Alarmes machte ich wie immer meinen Rundgang und
auch diese Italiener aufmerksam auf die verschiedenen Luftschutzkeller.
Sie meinten, mit dem Zug wieder weiterfahren zu wollen, und wiesen auf
ihr Handgepäck.
,,Gut, gut“, sagte ich in ihrer Muttersprache,,,aber achtet auf die Menge
Flugzeuge dort unten, und wenn ich rufe, sofort hinüber in den Keller."
So machte ich meine Runde, die Blicke auch während eines Gespräches
nach oben gerichtet. Fast dreieinhalb Stunden verweilte ich dann in der
Mitte des Platzes, immer in der Einbildung, wir würden heute nicht ver-
schont bleiben.
Der Magen knurrte, und von oben hörte ich nun auf einmal ein böses
Brummen, sonst von niemandem beachtet.
-
-
Ja, ja, da kommen sie, da sind sie schon. Um 14.30 Uhr sah ich drei
Flieger über die Nordkette mit der Richtung über den ,,Tiroler Hof“ auf
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den Bahnhof zukommen. Kein Zweifel, diese kommen zum Angriff. Ich
schreie nach allen Seiten:
,,Aaachtung! Aaachtung! Flieger über uns, rasch in die Keller, rasch,
rasch!" Zu den Italienern gewendet:,,Attenzione, pericolo, venite subito in
cantina!" (,,Achtung, Gefahr, kommt schnell in den Keller!")
Alles rannte, auch oben bei den Häusern Nr. 10 und 12, wo sich die
Kanzleien des Bahnhofoffiziers befanden. Die Tore verschlangen alle
eilends. Ich sah den Platz menschenleer und beruhigt stieg ich die Stiege
hinunter, in der festen Erwartung der wohlbekannten Schläge.
Im Keller des Hauses Nr. 4 setzte ich mich neben einen jungen Leut-
nant, den ich bereits früher unten sah er las in einem Buche wie früher.
-
Wie lange noch, dachte ich, und das Beben und Donnern begann schon.
,,So, es kracht schon, nun seht ihr, was herausschaut mit dem Herum-
stehen vor den Kellern, aber mir scheint, das ist die Flak." Hinter mir, —
ich war inzwischen aufgestanden und unter die Leute gegangen-antwor-
tet jemand:,,Es wäre besser, die Flak würde nicht schießen."
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Es wurde wieder ruhig. Ich drückte mich durch das Gedränge, um oben
nachzuschauen. Ein Soldat, an dem ich mich unten vorbeischob, meinte
freundschaftlich und mit frohem Gesicht:
,,Sie haben recht jesehen und haben uns auch rechtzeitig jewarnt."
,,Ja", antwortete ich,,,das war aber schon höchste Zeit."
Diese spontane Anerkennung hat mich gefreut, sehr gefreut, und am
liebsten hätte ich gesagt:,,Und du bist mein Freund, der Beifall schenkt,
für Dich und Deinesgleichen bin ich ja hier."
Wie viele mögen an allen Fronten um eines Beifalles, einer Anerken-
nung wegen gefallen sein?
Was vermag der Beifall auf den Gebieten aller Kunst!
Er schenkt dem Schaffenden den Glauben an sich selbst,
verleiht den Mut zu neuer Tat,
die Zuversicht, vor fremden Augen sein zu dürfen wie ihm ist.
Neugeboren schickt er voraus mit leichter Hand
-
-
das Bild der Phantasie das Werk muß folgen.
Was ist dem Künstler auf der Bühne der Applaus!
Er macht aus jedem Zoll
heut einen König
und morgen einen Bettler.
8 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter
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Als Held reißt er den Hörer mit,
jugendlich stürmt er
für die geliebte Frau,
um erschütternd für diese auch zu fallen!
Nur des Beifalls heller Jubel heißt ihn wirken,
andere zu rühren, bis zur Träne.
Oh, es gibt der Empfindungen viele,
die schlummernd nur im stillen Wort verborgen liegen,
bis der Rede Meister mit warmem Herzen in die Saiten greift,
den Ton zum Klingen bringt,
das schlichte Kleid zum Festgewande macht
und selbst den Schalen zwingt,
dem Stichwort sich zu unterwerfen.
Wenn dann die Flamme der Begeisterung zum Hörer hin,
zurück zum Sprecher auf der Bühne flutet
und bald lichterloh das erhab'ne Werk des Dichters in dem Busen
brennt,
dann wird der Künstler tränenden Auges sein Herz mit beiden Hän-
den schenken,
aufs neu dem Dichterworte Seele, Glanz und Kraft verleih'n,
und sich wünschen, am Ende seiner Tage,
wenn seine Lebensuhr bald ausgeschlagen,
am Boden seiner Siege, das letztemal
und wahr zu sterben.
-
Pflegt es mit Liebe das köstliche Wort,
ihr glücklichen Künder,
ihr traget die Seele der Schöpfer auf Lippen.
Beginnet piano, ihr rhythmisches Leben,
denn forte beginnt nur Gewalt.
Lasset sie flattern behende, die zierlichen
Falter, ans Ohr des begierigen Lauschers.
Sie tändeln,
sie gaukeln die trunkene Rede heran,
sie führen zum Garten der Dichtung,
pflücken verborgene Blumen heraus;
-
sie winden die ersten Kränze und Sträuße dem willig folgenden
Hörer:
Horch!
Sie spricht. O, sprich noch einmal, holder Engel!
Denn über meinem Haupt erscheinest du
Der Nacht so glorreich, wie ein Flügelbote
Des Himmels, dem erstaunten, über sich
Gekehrten Aug' der Menschensöhne, die
Sich rückwärts beugen, um nach ihm zu schaun,
Wenn er dahin fährt auf den trägen Wolken
Und auf der Luft gewölbtem Busen schwebt.
Romeo und Julia II, Shakespeare. II, 1.
Führet allmählich andante hinein, in die wechselnde Handlung,
bringet die Ahnung von kommenden Dingen,
schlaget in Fesseln den Lauen,
zwinget den Beifall, sich selbst zu berauschen,
steiget empor die Stufen zur Größe des Dichters,
zu vermählen den Geist mit dem glühenden Atem des klingenden
Worts.
Mir ahnet
Ein unglücksvoller Augenblick.
Mir selbst.
Wie Furien des Abgrunds folgen mir
Die schauerlichsten Träume. Zweifelnd ringt
Mein guter Geist mit gräßlichen Entwürfen;
Durch labyrinthische Sophismen kriecht
Mein unglücksel'ger Scharfsinn, bis er endlich
Vor eines Abgrunds gähem Rande stutzt -
O Roderich, wenn ich den Vater je
In ihm verlernte
-
Roderich ich sehe,
Dein totenblasser Blick hat mich verstanden
Wenn ich den Vater je in ihm verlernte,
Was würde mir der König sein?
-
Schiller. Don Carlos, I. 2.
Weiter weben und flechten die göttlichen Meister
die Worte zum furchtbaren Drama.
Es ringen um Leben und Sterben das Gute und Böse.
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Es schleichen ganz leise die Ränke des einen,
aufrecht schreitet der andre.
Nun zeiget euch forte in Red und Gebärde.
Natur?
-
Ich weiß von keiner. Mord ist jetzt die Losung.
Der Menschheit Bande sind entzwei. Du selbst
Hast sie zerrissen, Sire, in deinen Reichen.
Soll ich verehren, was du höhnst? - O seht!
Seht hierher! Es ist noch kein Mord geschehen
Als heute Gibt es keinen Gott? Was? Dürfen
In seiner Schöpfung Könige so hausen?
Ich frage, gibt es keinen Gott? Solange
Mütter geboren haben, ist nur einer - einer
So unverdient gestorben weißt du auch,
Was du getan hast? Nein, er weiß es nicht,
Weiß nicht, daß er ein Leben hat gestohlen
Aus dieser Welt, das wichtiger und edler
Und teurer war als er mit seinem ganzen
Jahrhundert.
Dann steht gelassen, riesengroß
-
Schiller. Don Carlos V, 4.
des königlichen Vaters Despotie vor seines Sohnes Feuergeist.
Junger Herzen Freiheitstraum versinkt im eignen Blut.
Dahin der frühe Blütenstrauß der hoffnungsvollen Völker.
Stürmisches Streben des Bessern muß brechen
und sterben am Gestade anderer Welten.
So war es schon immer und wird immer so sich wiederholen.
Die göttliche Fügung bescheidet sich oft mit dem Range
hinter den Siegen finsterer Mächte.
Ein andermal fallen sie müde, die Worte; wie Flocken;
betten die Toten der Bühne zur Ruh', wie Tränen und Schnee:
Ich sterbe, Horatio!
Das starke Gift bewältigt meinen Geist...
... Der Rest ist Schweigen.
Ihr Künstler dürft dies alles sein, im höchsten Maße zeigen.
Welche Wonne, den Großen der Bühne, schwelgend zu dienen
dem Wort!
Im Namen des Dichters Leben zu schenken,
mit dem Wort sich zu freuen, zu zittern,
mutig zu streiten,
zu siegen,
männlich zu fallen und endlich
zu lispeln die Worte des Abschieds zur Welt.
Sie klimmen die Leiter empor von der Erde zum Himmel,
steigen sie wieder herab von der Liebe zum Tod.
Kleiden in Samt der weichen Vokale
das konsonantisch feste Gerippe der Sprache.
Sie, das lebende Wort, das wieder ans Leben sich wendet.
Das Chaos und Streben flügger Gedanken
die hüpfenden, tanzenden Schatten,
eingefangen in Ufer zum wiegenden Strom,
meisterhaft zu Harmonie gepaart.
Ihr dürfet es tragen und schaukeln,
das vom Dichter gespendete Wort.
Ach, dürfen ist wenig, denn ihr sollt müssen.
Kraftvoll jaget Stürme des Aufruhrs zu uns,
wie Orkane die Wässer zur Brandung.
Bangen und Hoffen traget heran,
die Empörung ob der Mißhandlung.
Zahm und gelassen sollen sie wieder erklingen
aus des Herzens Gleichgewicht.
Jubeln in Freude, schwelgen im Glück.
Ein Engel steh euch zur Seite,
wenn ihr von Liebe redet,
von wonnevollen Schmerzen.
Am Grunde des Meeres aller Lebensstürme
ruhe die wahrhafte Träne.
Shakespeare, Hamlet V. 6.
Haẞ möget ihr spielen, niemals empfinden.
In freier Bahn schweben gesellig die Worte
von der Kraft des Gedankens beschwingt,
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hinauf die Stufen der geistigen Treppe
und kehren, wie Atem verklingend, sittsam wieder zurück.
Reich beladne Busen bergen alle Register.
Dort bringet die Saiten zum Klingen,
die zarten, und erhöht zu männlicher Kraft,
das andere Geschlecht.
Zum Leben rege sich das zweite Ich
in dieser Sphäre berauschend auf uns wirkend.
Erweckt die schlummernde Schöne - die Sprache,
ganz piano, andante und forte.
Ob erst das Wort oder die Tat, war die Frage.
Nein, erst war des Gedankens Macht.
Er schenkt des Geistes Wunderbild, das wieder zu uns spricht,
sich dann befreiend von uns weiterstrebt
und darin verjüngt mit neuer Kraft aufs neue sich erlebt.
Ach spendet es richtig gewogen!
Umkleidet mit schönstem Gefieder!
Lasset uns bangen und hoffen mit euch,
folgen der Handlung wie dem Erleben,
innig beladen laẞt heimwärts uns tragen Kränze,
die wir im Geist auch winden ums Haupt.
Wenn des Herzens Pulsschlag fehlt
und dein Werk dich selbst nicht rührt,
darfst du von andern Rührung nicht erwarten.
Und ihr schenket auch Beifall dem Fleiße,
wenn schweren Proben das Können versagt.
Machet Mut zu neuem Bestehn und Beginnen!
-
Nun wieder einmal zurück zur Sache. Ist es zu verwundern, wenn auch
mich die spontane Anerkennung jenes Soldaten freute, wie alle die freund-
lichen Worte, die im Laufe jener Jahre immer wieder an mich gerichtet
wurden? Damit will ich auch allen danken.
Also es war Ruhe eingetreten und ich drängte mich durch die Soldaten,
um hinaufzuschauen. Leise horchend stieg ich die Stufen empor. Oben
angelangt, sah ich durch die offenstehende Tür und vom rückwärtigen
Garten aus mächtige Sprengwolken über dem Landhaus, wie ich mir ein-
bildete. Ich wollte mich überzeugen, fuhr mit dem Rad am Gehsteig gegen
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die Salurner Straße, an den Häusern Nr. 10 und 12 vorbei, wo bereits drei
Soldaten vom Keller heraufgekommen waren. Alle drei lächelten freund-
lich und einer rief mir zu:,,Ja, wenn Sie wegfahren, wer wird uns dann
warnen?" Ich antwortete lachend zurück:,,Jetzt müßt ihr indessen selbst
die Augen aufmachen, aber ich komme bald wieder zurück, ich muß nur
schauen, was da drüben in der Wilhelm-Greil-Straße geschehen ist.
Vor dem Hause Salurner Straße Nr. 3 stand allein ein Hauptmann, dem
ich zurief:,,Herr Hauptmann, dort ist ein Luftschutzkeller."
„Ja“, meint er,,,dort unten war ich ja."
,,Ist dort alles in Ordnung?" (Wegen des Sillkanals.)
"
,,Ja, ich bin allein unten gewesen, es hat mich hingeworfen, weil ein
Balken vor war. Der Reisesack, den ich umhabe, hat mich beim Sturz ge-
schützt. Da hinten aber rauscht das Wasser ganz furchtbar, dort muß was
geschehen sein."
,,Nein, nein, das ist die Turbinenanlage im Sillkanal."
,,Aber gewiß, dort muß was geschehen sein."
,,Gut, gehn wir schauen."
Im Hofraum überzeugt er sich von der Richtigkeit meiner Vermutung
und zeigt nun von dort aus gegen die Sterzinger Straße.
,,Dort hat es auch eine hingehaut."
Ich ersparte mir aber den Weg in die Sterzinger Straße, weil diese gänz-
lich unbewohnt war.
Wie ich nachträglich feststellte, war die Leixner-Villa, Sterzinger Straße
Nr. 8, getroffen worden und nur noch ein Trümmerhaufen.
Als ich wieder auf der Straße war, sah ich aus den Kellerfenstern des
Hotels,,Arlberger Hof" Rauch herausqualmen. Ich versuchte einzudringen,
stieß mit den groben Schuhen gegen die vor das verschlossene Tor ge-
nagelten Bretter. Darauf meldete sich der Heizer an einem Kellerfenster
und sagte, er habe nur eine Menge altes Zeug im Kessel verbrannt.
Nun endlich komme ich in die Wilhelm-Greil-Straße. Vor dem Stieglbräu
klaffte ein großer Bombentrichter, der sich zufolge geborstener Rohrleitung
mit Wasser füllte. Zwei junge Burschen standen am aufgeworfenen Rand.
,,Könnt ihr eine Meldung machen?"
,,Ja, was sollen wir melden?"
,,Den Wasserrohrbruch."
,,Der ist schon gemeldet."
,,Bravo, dann ist es schon gut."
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Das Landhaus war nicht getroffen, aber Häuser der Umgebung. Um
dem Luftschutz Meldung zu machen, fuhr ich, den Luftraum stets auf-
merksam prüfend, in die Neue Universität. Die Kanzlei war jedoch ge-
schlossen, August Riebler bereits unterwegs. Die somit überflüssige Mel-
dung hefte ich an die Türe und berichte in der daneben befindlichen
Polizeikanzlei mündlich.
Als ich wieder auf der Maria-Theresien-Straße war, ertönte das Ent-
warnungssignal um 15.15 Uhr, dem die Vorentwarnung um 14.45 Uhr
vorausgegangen war.
Es wurde allgemein angenommen, dieser Angriff hätte dem Landhaus
gegolten, was nach der Lage der Einschläge auch zutreffen könnte. Nach
der Flugrichtung der Maschinen hingegen möchte ich eher annehmen, daß
auch dieser Angriff den Bahnanlagen zugedacht war. Die Flugzeuge kamen
in großer Höhe angeflogen, so daß auch eine Luftströmung die Bomben
abgedrängt haben kann.
Die Gebäudeschäden waren durchwegs schwer. Getroffen wurden: die
Menardi-Garage, Wilhelm-Greil-Straße Nr. 12 und 19, der rückwärtige
Teil der Nationalbank, das Haus Bozner Platz Nr. 2, das Hotel-Café
München, Meraner Straße Nr. 7, das Hauptbankgebäude, Erlerstraße Nr. 9,
mit dem an Nr. 7 angrenzenden Teil, das Verlagsgebäude der,,Innsbrucker
Nachrichten", Erlerstraße Nr. 7, und das Hotel,,Delevo", Erlerstraße Nr. 6.
Der Angriff vom 7. April 1945
Es war ein trüber Tag. Die Wolken hingen tief herunter. Sie vergönnten
uns gerade noch den Blick aufs Mittelgebirge, als um 10.15 Uhr der Jam-
merton der Sirene in manches Mark schnitt.
Heute, dachte ich, heißt es die Ohren spitzen, zu sehen ist nichts. Eine
Stunde verging, eine zweite und dritte. Die Leute standen herum, und je
länger es dauerte, um so eher neigte man zur Meinung, es werde auch
weiter in Ruhe abgehen.
Diese Zeit benützte ich, die noch verbliebenen Luftschutzkeller aufzu-
suchen. Im Hofe des Hotels,,Europa" standen einige Soldaten.
,,Kennt ihr den Luftschutzkeller schon?"
,,Jawohl, aber es brennt kein Licht."
,,Ja, ja, ich weiß, ich habe schon wiederholt Meldung gemacht, aber bis
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jetzt umsonst. Aber bitte, kommen Sie gleich mit mir, damit ich den Keller
im schwachen Licht meiner Lampe zeigen kann. Sollte es notwendig wer-
den, dann wissen Sie, daß Sie ohne Bedenken in die Dunkelheit hinein-
gehen können. Sehen Sie, die Säulen prima ausgebaut, hier Bänke und
Tisch usw. Überdies ist vorne am Bahnhofplatz im Hause Nr. 4 auch
ein Keller."
Ebenerdig im Hotel war die Wehrmachtskantine als Betreuungsstelle
vom Roten Kreuz untergebracht. Hier saßen die Leute oft, ohne das Alarm-
zeichen zu beachten, ohne zu wissen, daß sich im Hause unter ihnen der
Luftschutzkeller befand. Während ich im Lazarett in Natters lag, wurde
es zur Gewohnheit, aus Ordnungssinn das Tor zur Einfahrt in den Hof
geschlossen zu halten und damit den vorzüglichen Luftschutzkeller auszu-
schalten, so daß das beleuchtete rot-gelbe Steckschild,,Öffentlicher Luft-
schutzkeller" zur Irreführung wurde - bis ich zurückkam und die richtige
Ordnung wieder einrenkte. Das Wehrmachtsheim im Hotel,,Viktoria"
und die obgenannte Kantine waren hinsichtlich Luftschutz selbständig,
trotzdem konnte ich nicht anders als mich darum zu bekümmern. Auch heute
ging ich durch die Kantine.
-
,,Wiẞt ihr, daß Fliegeralarm ist?"
Die Leute lächelten wie immer und aßen weiter. Einmal meinte einer:
,,Wenn's kracht, gehn wir schon."
,,Darauf braucht ihr vielleicht gar nicht lange warten, da kracht es am
ehesten, denn wir sind ja am Bahnhof hier."
Heute konnte ich mich darauf beschränken, wie auch sonst immer, zu
sagen:
,,Hier unten ist der Luftschutzkeller. Der Eingang dazu ist da draußen
im Hofe über die Stiege hinunter."
Gegen 13.45 Uhr kam ich vor dem Hause Nr. 4 (Hohenauerhaus) mit
einem Soldaten von der Bahnhofkommandantur ins Gespräch. Wir be-
gegneten uns dann nach dem Kriege, so daß ich ihn als Sohn einer alten
Tiroler Familie namens Rahm kennenlernte. Ja, wir plauderten, wenngleich
ich aufmerksam blieb für Geräusche in der Luft und sogar dachte, mich
nun auf den Platz hinauszusetzen, wie es ja meine Gewohnheit war, damit
ich nicht abgelenkt würde. Die Umgebung war jedoch ziemlich schweig-
sam, durchwegs Soldaten. Die Stimmung war ernst, wie das Wetter und
die Zeit. Daher glaubte ich, es würde mir selbst im Gespräch nichts ent-
gehen, und ich wußte nach meiner bisherigen Beobachtung, daß mein
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Alarmruf ernst genommen und auch sofort beachtet wird, denn er war nie
die Fortsetzung einer ständigen Belästigung und Beunruhigung, sondern
er durchbrach die Ruhe. Nur nicht flau werden durch die lange müßige
⚫ Wartezeit!
Ich höre auch richtig ein fernes Rollen, das näher kam. Das Rattern
konnte auch an ein schweres, fernes, in der Stille näherkommendes Auto
erinnern. Niemand achtete darauf, niemand rührte sich, weder um mich
herum vor dem Hause Nr. 4 noch vor den Luftschutzkellern in den Häusern
Nr. 10 und 12. Ich unterbreche daher unser Gespräch:
,,Moment bitte, was ist denn das? Sind das nicht Flieger?"
,,Nein, nein", meinte der Mann,,,das ist ein Auto."
Ich horche noch einen Augenblick; kein Zweifel für mich, es sind Flug-
zeuge. Ich springe auf die Straße und schreie:
,,Aaachtung, Aaachtung, Flieger, in die Keller, rasch, rasch!"
-
Alles verschwindet und ich folge. Es bleibt ruhig. - Blinder Alarm? Um
so besser, nahe waren sie und tief genug, wenn auch wegen der Wolken
ungesehen. Ja, die Gefahr schien vorbei. Also wieder hinauf, um zu
horchen, denn Wehrmacht bliebe mir nicht lange im Keller. Keine Ge-
räusche mehr, ringsum lautlose Stille. Einige Leute, die mit mir zugleich
aus dem Keller kamen, lauschten auch.
,,Hört ihr etwas?"
,,Nein."
,,Ich auch nicht, aber sie waren da, wer weiß, wohin sie geflogen sind,
vielleicht hat nur die Sicht gefehlt."
-
Auf mich wirkte der Spuk wie eine Warnung zu erhöhter Aufmerksam-
keit. Ich setzte mich auch sogleich in die Mitte des Platzes hinaus. Die
Leute kamen allmählich in die frische Luft herauf. Es dauerte nicht allzu-
lange und die Flieger kamen wieder. Tief müssen sie geflogen sein,
sehr tief, vielleicht unter den Wolken, denn das Geräusch war auf einmal
da mit einem,,crescendo", bis es fast plötzlich zu einem Mahlen und Rollen
wurde. In diesem Augenblicke hatte der Keller fast alle wieder aufgenom-
men, denn ich schrie gleich, als ich die ersten, überraschend lauten Töne
hörte:
,,Aachtung, neuer Verband im Anflug, rasch in die Keller, rasch, rasch!"
Es wird wohl derselbe Verband gewesen sein, der sich früher nur orien-
tierte, aber ich wählte diese Darstellung, um der Warnung eine erhöhte
Wirkung zu geben, denn ich hatte ja vorhin ohne Gefahr gewarnt.
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Und es hat gewirkt. Alle gingen sie wieder, auch ein Major mit dem Rit-
terkreuz. Sie glaubten mir das zweite Mal, wie so oft und immer, sie
schenkten mir Vertrauen und dafür stellte ich mich immer wieder hinaus,
hätte mich immer wieder hinausgestellt, wer weiß, wie lange. - Das ist
zugleich die Antwort auf eine gut gemeinte Frage:
,,Sagen Sie nur, warum tun Sie das? Wenn Ihnen etwas passiert, wird
Ihnen niemand danken."
Ich konnte damals nur die kurze Antwort geben:
,,Ich kann nicht anders, keiner kann aus seiner Haut heraus."
Aber ich dachte dazu:,,Sie sollten nur einmal sehen, wie viele Menschen,
Männer, die ihren Mann wer weiß wie oft gestanden, vertrauensvoll mir
die Sorge um ihre Sicherheit überließen und vertrauensvoll auf meine
Rufe hörten." Das war mir Dank genug, zu wissen, daß sie noch leben, weil
sie auf mich hörten.
,,Ja", kann man sagen,,,ein Leben, das heute nicht lebenswert ist."
Das ist nicht ihre Schuld, aber diese Männer und auch Frauen werden auch
heute nicht versagen und es nehmen, wie es von den Umständen bereitet
wird. Es wird sie auch nicht stören, wenn heute wie damals Kleine Große
werden, Aufgeblasene sich immer breiter machen vor ihren Augen. Die
Null, die nur mit Vorspann anderer Wert erhält, gefällt sich gerade darob
ganz besonders, ansonst verbleibt sie nichts, trotz aller Blähung. Die wer-
tende Zahl verharrt bei ihrem Wert, läßt sich durch keine Künste meistern.
Sie kann zu nichts, bei aller List, nichts werden.
Die Gunst des Schicksals verteilt sehr launenhaft das Brot und sollte
auch ein Stamm im Walde fallen, so fault ein Baum, nicht Moos.
Also wieder zurück zum Augenblick, als wir alle uns im Keller wieder
trafen. - Kaum waren wir unten, schlugen auch schon die Bomben ein. Das
Licht verlöschte und ich war ohne Lampe, weil das Glas zerbrochen war.
Aber gleich kam das Licht wieder. Vermutlich hatte der Mann am Schalter
sich erinnert, daß bei Tag ein Ausschalten keinen Zweck hat. Nun stürzte
atemlos und keuchend ein junger Soldat herein, kommt im Gange lachend
auf mich zu und sagt stoßweise:
-
-
-
-
-
Kreuz (also von der Kantine im
vom Roten
gerannt
,,Bin ich
keiner im
heroben
Hotel Europa herüber) herüber alle waren -
Keller "
,,Das könnte oft schief gehen. Na, wenn Sie nur da sind."
Ich hätte ihn am liebsten umarmt, das junge, gerettete Leben.
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Dieser Mann war offenbar früher bei uns herüben, ging dann um die
Ecke in die Kantine, wußte vom dortigen Keller nichts und kam daher
herübergerannt. Ein Glück, daß die Bomben in die Bahnanlagen fielen und
den Bahnhofplatz verschonten.
Es krachte, polterte und dröhnte, während ich mich durch alle Räume des
Kellers drängte, denn der Keller war übervoll.
,,Laẞt's mich a biẞl durch da!"
Nun sah ich die Türe offen stehen und mehrere Soldaten im Vorraum.
,,Hallo, hallo, alles herein von dort, darüber ist das Stiegenhaus! Türe
schließen!" schreie ich über die Köpfe hinweg.
,,Nur die Ruhe kann es machen", meint ein Unteroffizier neben mir.
,,Ja, gewiß, aber die da draußen sind verloren, wenn's in das Stiegen-
haus einschlägt; dann rasseln die 100 Marmorstufen alle herunter und wir
da herinnen ersticken, wenn die Türe offen bleibt."
Am Ende des Ganges stieß ich auf den Major mit dem Ritterkreuz.
,,Bitte, Herr Major, wollen Sie nicht da hineingehen, da steht ein Radio
und bringt die Nachrichten!"-Alles macht Platz und er kommt lächelnd
in den engen Raum.
Als sich das Bombengewitter verzogen hatte, schaute ich hinauf und sah
Rauchwolken über den Bahngeleisen in der Richtung auf Dreiheiligen. Am
Bahnhofplatz und den Häusern ringsum war nichts geschehen. Ich schaute
rückwärts, - auch nichts. Nun noch in die Salurner Straße, aber auch dort
waren weder Schäden zu sehen, noch Rauchfahnen von Brandbomben.
Somit konnte ich mich auf ein,,fremdes" Schutzgebiet begeben und ging
den Rauchwolken über den Bahnanlagen nach durch das Objekt mit der
Turmuhr.
Jenseits der Geleise im Gebäude mit den Kanzleien der Frachtenaufgabe
und des Zollamtes schlugen Flammen in der Höhe eines Fensters hoch.
Unweit von mir stand ein Schutzmann, dem ich zurief:,,Hallo, ist keine
Bahnfeuerwehr hier? hallo!", aber er hörte mich nicht, und so eilte ich
über die Geleise hinüber, immer nach oben sichernd, indem ich mich fragte,
wohin, wenn plötzlich wieder Flieger erscheinen sollten? Das Gebiet war
mir nämlich fremd. Als ich dem Gebäude näher kam, sah ich auch aus
einem ebenerdigen Fenster der nördlichen Stirnseite Rauch qualmen. Links
von mir stand in den Geleisen ein Zivilist aus Preßburg, mir gegenüber ein
Soldat. Ihnen rief ich zu:,,Feuer, Feuer, löschen helfen!" Beide kamen
gleich heran, gingen mit mir in das ebenerdige Zimmer des Hauses, wo
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ich den Eisenbahner Benell von der Güterabfertigung bereits heftig mit
einem Gerät in das Feuer schlagen sah. Meine zwei Begleiter ließ ich zur
Unterstützung dort und lief über die Stiege in den ersten Stock. - In jenem
Raum hatte vermutlich ein glühender Bombensplitter oder ein verspritzter
Zündsatz die aufgewirbelten Papiermassen entzündet, denn die Flamme
ragte über die ganze Fensteröffnung und unweit vom Haus lag ein Bom-
bentrichter. Als ich aber davorstand, brannten die herumliegenden Papiere
am Boden weiter, hatten die Seitenwand eines kleinen Schreibtisches zum
Brennen gebracht und an der Wand brannte gerade die Fußleiste. - Ich
nahm die Beilpicke aus dem Rucksacke, verstreute und löschte die bren-
nenden Papiere, schabte vom Schreibtisch die glimmenden, bzw. bren-
nenden Stellen herunter und kratzte die Fußleiste ab.
Als ich diesen Raum verließ, kam der Soldat über die Stiege, um mir
zu helfen. Es war der Unteroffizier Hofmann, mit dem ich sodann auf den
Dachboden ging, um nach etwaigen Brandbomben zu sehen. Dort lagen
zum Trocknen ausgebreitete Waggonplachen. Unten wieder angelangt,
zeigte mir Hofmann,,seinen" Waggon.
,,Sehen Sie nur, wie großartig mein Waggong behandelt wurde, der
janze Waggong zerfetzt, aber der Inhalt unversehrt. Es sind Waffen für
Wiener-Neustadt, die ich dorthin bringen soll. Ich kann doch damit sofort
wieder weiterfahren, nicht?"
,,Ich weiß nicht, wie die Geleise dort unten aussehen, mir scheint, es hat
ein paar Treffer gegeben, dann wird es wohl noch eine Weile dauern."
,,Ach, das ist doch bald alles wieder in Ordnung jebracht, indessen kann
mein Waggong umjeladen werden."
,,Einstweilen müssen wir froh sein, wenn die Flieger nicht wiederkom-
men, wir müssen schon darauf achten. Wo waren Sie während des Angriffs?
Gibt es hier einen Luftschutzkeller?"
Wir wurden unterbrochen durch die Meldung des Mannes aus Preßburg,
daß der Brand im Erdgeschoß des Gebäudes gelöscht sei.
Auf meine Frage, was die Ursache der starken Rauchentwicklung in der
Umgebung der Auffahrt zum Frachtenbahnhof sei, meinte er, es seien
einige brennende Benzinfässer, die er über den Hang hinuntergerollt habe,
um sie aus dem Bereich der Waggons zu bringen. Ich habe auch Tags dar-
auf zwei von Bombensplittern durchlochte und ausgebrannte Eisenfässer in
der Auffahrt vorgefunden.
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Nachdem es in der Luft ruhig blieb, fuhr ich mit dem Rad zur Polizei
in der Neuen Universität, um Meldung zu machen.
Die Bomben fielen hauptsächlich in der Gegend der Auffahrt zum
Frachtenbahnhof. Das Haus Andreas-Hofer-Straße Nr. 9 schlug ein 1000kg-
Blindgänger schräg durch und blieb in der Müllerstraße vor der anderen
Seite des Hauses liegen, wo er gleich entschärft wurde. Die Medizinische
Klinik soll damals auch wieder getroffen worden sein. Einige Treffer lagen
im Innrain.
In meiner Wohnung waren alle Pappefenster wieder zerrissen, einige
Türen in Stücke zerlegt und alles wieder von Staub grau belegt.
Angriff vom 10. April 1945
Um 21.30 Uhr kam ich gerade heim und machte meinen üblichen Weg
durch die rückwärts ebenerdig gelegene Kanzlei, dann mittels einer Leiter
durch ein Loch in der zertrümmerten Decke der zweiten Kanzlei in die
Wohnung.
Über die von dieser Decke verbliebenen Balken hatte ich zwei Bretter
gelegt als Brücke zum anschließenden Balkon der Wohnung. Im Winter
war dieser Zugang an den beiderseitigen Löchern vorbei, sobald vereist,
nicht gerade bequem. Nun aber, im April, war ich ganz einverstanden damit
und glücklich, daß diese Möglichkeit noch verblieb. Es war ja ein Wunder,
daß am 15. Dezember 1944 die vom vierten, dritten und zweiten Stock-
werk herunterstürzenden Quadern der dem Hofe zu gelegenen Haupt-
mauer nicht die ganze Bedachung dieser ebenerdigen Kanzlei zerschlugen.
Beim Balkon angelangt, hatte ich das Balkongitter zu übersteigen und
stand nun endlich vor dem Kücheneingang. Im Wohnzimmer stellte ich
meinen Rucksack mit der Beilpicke und anderen Habseligkeiten zurecht,
meine blau verglaste Sturmlampe dazu und überlegte, ob es noch
ratsam sei, ausgekleidet zu Bett zu gehen, denn im Frühjahr dürfte es nun
wohl auch Nachtangriffe geben, und Bahnhof ist Bahnhof. Mein oben be-
schriebener Weg war überdies besonders bei Nacht etwas umständlich.
Ich stand und überdachte auch die Möglichkeit, das Alarmzeichen im Schlaf
zu überhören. Nein, das wird wohl nicht sein, ich schlafe ja bei offenem
Pappefenster, und heute will ich noch richtig schlafen können, ab morgen
126
-
aber nur mehr in den Kleidern. Ich wandte mich vom Rucksack vor mir
ab, machte nur zwei Schritte und schon heulte und jammerte die Sirene.
Ich lächelte für mich, denn so griffbereit hatte ich die Sachen noch nie.
Ich entzündete die blaue Lampe und es ging den Weg zurück, den ich
soeben gekommen war. Heute bin ich rasch am Platze, sagte ich mir, noch
bevor die Sirene ihren oft so gefürchteten Schreckensruf einstellte.
So war's, und es war gut so, sehr gut. Das bescheidene Licht auch in den
Bahnanlagen war bereits ausgeschaltet und der matte Schimmer der Sterne
über uns ließ mich erkennen, daß sich auf der anderen Seite drüben vor
dem Bahnhofausgang eine Menschenmasse zusammenballte. Ein oder zwei
Züge standen offenbar in den Geleisen und mußten, wie in solchen Fällen
immer, sofort geräumt werden.
Aus einem wirren Durcheinander von Stimmen hörte ich Männerfluchen:
ist denn da kein Bunker?" Eine Frauenstimme rief in die Nacht:
,,Wo ist der Luftschutzkeller? Ist niemand hier?"
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,,Luftschutzkeller hier, Luftschutzkeller hier!" gab ich zurück, und hielt
die blaue Lampe hoch.
Dieselbe Frauenstimme:,,Wo ist hier?"
,,Hier bei der blauen Lampe." Ich schwang sie im Kreise und bewegte
sie dann auf und nieder.
Sofort trat Ruhe ein und die Menschen strömten beruhigt an mir vorbei
durch das Haus in den Keller.
Zur selben Zeit wurden vor dem Bunker,,Am Rain" in Pradl fünf Kinder
und eine Frau zu Tode gedrückt, niedergetreten und -gesprungen, indem
einige von oben in die Masse vor dem Bunkereingang sprangen. Ein Mann
soll in einem Kinderwagen gelandet sein.
Tote blieben dem Bahnhofgebiet erspart, obgleich sich der Angriff bald
hierher richten sollte.
Bald sah ich, daß der Keller übervoll würde. Ich ging daher zum Bahn-
hof hinüber, hielt die Lampe hoch und rief:
,,Mir nach, bitte, der eine Keller ist schon voll, da drüben ist ein anderer."
Es waren etwa noch 20 bis 30 Leute, die ich selbst hinunterführte, um auch
das Licht dort einzuschalten. Sodann stellte ich mich vor das Haustor, hielt
die Lampe hoch und rief wieder in die Nacht:,,Luftschutzkeller hier, Luft-
schutzkeller hier!"
Zugleich hörte ich ein leichtes Brummen in der Luft, das ich für unge-
fährlich hielt. Aber schon fielen Leuchtkörper, die zerplatzten und unter
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Rauchentwicklung neues Feuerwerk ausstießen und nochmals so und wie-
der. Die erste Explosion warf die Leuchtkörper in weitem Bogen ausein-
ander und nach unten. In der Folge wurden die Bereiche immer enger, so
daß die ganze Anordnung dieser Menge von Leuchtkörpern den Eindruck
der Beleuchtung eines umgekehrten Christbaumes machte. Als dieser Vor-
gang zum Stillstand gekommen war, blieb alles schwebend hoch oben über
dem Bahnhofplatz und etwa den Viadukt entlang. Ich konnte drei solcher
Christbäume sehen. Der Anblick und die erzeugte Tageshelle waren wohl
herrlich, aber bedrohlich.
Nun gab es keinen Zweifel mehr, der erste Nachtangriff dieses Jahres
würde folgen. Ich hörte nun auch schon das bekannte dumpfe Brummen der
schwer beladenen Bomber. Das Rumpeln und Poltern kommt rasch näher.
Ja, das waren die Schweren. Die Schläge müßten bald folgen. Ich schreie
nun zum Bahnhofausgang:,,Rasch, rasch, hierher in den Luftschutzkeller,
rasch, rasch, hierher!"
Meine Lampe konnte als Signal nicht mehr dienen, ich mußte mich hin-
ausstellen in den Sonnenschein der zahllosen weißẞblauen Magnesiumlichter.
Ich weiß nicht, war mein Schreien in stiller Nacht in der Unterführung
drüben zu hören oder nicht, jedenfalls tauchten dort wieder drei bis vier
Personen auf, die ich nochmals zur Eile mahnte. Sie trugen Handgepäck.
Ein Mann trug schwer und kam eilig im Zickzack hin- und hergerissen
herüber.
,,Dort rückwärts die Stiege hinunter bitte, ich komme gleich, es brummt
schon oben, ist noch jemand drüben?"
Die Blicke streiften mich, doch Antwort erhielt ich keine. Aber in der
Unterführung waren noch Leute zurückgeblieben, wie sich später heraus-
stellte.
Die Gehetzten huschten nur wie Schatten, keuchend mit fliegendem
Atem an mir vorbei. Noch einen Blick vor das Haus Nr. 4, dessen Keller
übervoll war, noch einmal ringsum, aber ich stand allein in der,,Sonne"
- alles geborgen.
Alles war in die Schmelzglut getaucht: Häuser, Straße und die eigenen
Hände, als müßten sie alsbald in Asche zerfallen. Werden wir alle Glück
haben, welche neuen Ruinen werde ich nachher vorfinden?
Über dem Zauberlicht breitete sich ohne Sterne wie ein finsteres Leichen-
tuch die sonst oft so freundlich blinkende geheimnisvolle Nacht.
Nun konnte ich gehen, um heute in diesem Keller einen Angriff mitzu-
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machen, denn ich fand es nicht mehr ratsam, in jenen von Nr. 4 zu gehen,
es war schon zu laut über mir.
Um etwas zu sprechen, sage ich unten:,,So, jetzt wird es bald krachen,
umsonst haben sie das Feuerwerk nicht abgebrannt." Es dauerte nur we-
nige Sekunden und die Hölle war los. Die Einschläge waren fühlbar, als
wäre es gerade nebenan. Die Bahnanlagen sind ja nur 50 bis 80 Meter ent-
fernt und die Bomben fielen überdies ringsum.
-
Vor mir stand ein älterer Soldat, die verdrehten Augen nach oben ge-
richtet, mit aufgespreiztem Mund. Ich sagte laut, wie an alle gerichtet:
nicht den Atem anhalten und horchen-, tief atmen."
,,Tief atmen
Ein tiefer Atemzug folgte, ich war bereit, den Mann aufzufangen, aber er
hielt sich gut. Das Licht blieb nun auch im Keller aus. Der blaue Schimmer
meiner Lampe mußte genügen. Das Licht war übrigens nur ausgeschaltet,
denn nach dem Angriff kam es wieder. Eine alte Frau jammerte immerfort
für sich:,,O Gott, o Gott, o Gott!",,O Gott, o Gott, o Gott!"
Der Angriff schien vorbei und ich sagte:,,Nun möchte ich in den anderen
Keller schauen, ob dort nichts geschehen ist, und ob sie mich dort nicht etwa
brauchen. Hat jemand ein Licht indessen? Ich komme dann schon wieder."
,,Ich habe ein Stück Kerze", erwiderte die erwähnte Frau.
,,Bravo!"
,,Wo ist der Mann mit der Lampe?"
,,Hier, da bin ich schon", und ich leuchtete in ihre Tasche, in der sie ner-
vös herumkramte, ohne etwas zu finden.
,,Ja, wo ist die Kerze?" fragte ich ungeduldig.
,,Ach, ich kann sie nicht finden, ich bin so nervös."
Darauf meldete sich eine jüngere Frau:,,Ich habe auch eine, ich habe
keine Angst." Und sie kam schon mit einem Stück brennender Kerze herbei.
,,So, nun kann ich gehen, will vielleicht jemand mit mir kommen, ich
fürchte nämlich, heute Hilfe zu brauchen."
Es waren nur Fremde und Militär um mich, die sich auf der Durchreise
befanden, davon meldete sich ein Fallschirmjäger mit den Worten:
,,Ich komme mit. Ich habe zwar meine Eltern, meine Schwestern und
alles verloren. Was ich an mir habe, ist alles, was mir geblieben ist, aber
deshalb mache ich doch überall mit."
,,Bravo, das ist wacker, alle Achtung. Also gehen wir!"
Auf der Stiege stürmt der junge Mann eilig voraus, so daß ich rief:
9 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter
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,,Langsam, langsam, wir müssen zuerst horchen, ob sie nicht etwa noch
kreisen. Ja, freilich, hören Sie nicht das Brummen? Rasch zurück!"
-
Kaum im Keller angelangt, folgte die erste Lage des zweiten Angriffes.
,,Hören Sie, wir müssen auch vorsichtig sein."
-
Lage auf Lage folgte, es dröhnte und bebte immerfort.
Es wurde wieder ruhig.
,,So, nun können wir's wieder versuchen, gehen wir!"
Auf der Stiege packte ich den Stürmischen am Rock:
,,Nur langsam und horchen, sie sind noch über uns,
nochmals schnell zurück!"
-
-
hören Sie?
Wir hatten gerade den Keller betreten, als der dritte Angriff erfolgte.
Lage auf Lage.
,,Sie wissen gut Bescheid hier", meinte der wackere Begleiter. Ich nickte
lächelnd und dachte an das Haus Nr. 4 mit den vielen Menschen im Keller
und daß dort nach dem Poltern ein Haus zusammengestürzt sein muß.
Während ich überlegte, von welcher Seite ich allenfalls den Durchbruch
zweckmäßig öffnen könnte, wurde es ruhig.
-
,,Also, versuchen wir's jetzt!" und er war schon an meiner Seite. -
,,Leise, leise, mit den Genagelten, sonst hören wir nichts", und er trat schon
leise.,,Jetzt halt und horchen, mir scheint, die Luft ist rein. Schauen
wir vor das Haustor. Ja, - sehen Sie, jetzt können wir gehen. Ich laufe
voraus, es ist gleich das vierte Haus dort. Ich kenne mich aus und Sie sehen
ja meine Lampe, jetzt Laufschritt!" Und wir liefen in die Finsternis,
denn das Feuerwerk hoch in der Luft war ausgebrannt.
-
Das Haus Nr. 4 war von außen unversehrt, es lagen keine Trümmer
davor. Ich leuchtete innen hinauf, sah auch die Stiege in Ordnung, war zu-
frieden und ging in den Keller.
,,Ist hier alles in Ordnung?"
"Ja, ja, ja", klang es zu meiner Freude zurück.
,,Dem Hause ist nichts geschehen. Ist jemand vom Hause hier?"
,,Ich, ich, ich auch, ich bin von der Kantine."
,,Sehr gut, Fräulein, möchten Sie nicht auf den Dachboden schauen we-
gen Brandbomben?"
,,Ja, ich komme schon", und sie drängte sich heraus. Als sie aber heroben
die Finsternis im Stiegenhaus sah, meinte sie:
,,Na, in der Dunkelheit trau i mi nit 'nauf, na dös geht nit."
,,Ach, Fräulein", schaltete sich mein Begleiter ein,,,was haben Sie nur,
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ich bin ja auch noch da, mit so einem Begleiter brauchen Sie doch keine
Angst zu haben, ich gehe ja mit Ihnen."
,,Sehr richtig, Fräulein, Sie brauchen ja nur die Führung zu überneh-
men. Ich muß nämlich weiterschauen, ich sah über die Ecke herüber einen
Feuerschein kommen." Zum Mann gewendet:,,Möchten Sie dann nicht
auch rasch zum Bahnhof hinüberschauen in die Unterführung, vielleicht
sind Leute dort zurückgeblieben, aber nehmen Sie von hier gleich ein paar
Kameraden mit."
,,Jawohl, das mache ich schon, gehen Sie nur Ihrer Wege!"
,,Danke schön, dann auf Wiedersehen!"
Wie ich nachträglich hörte, saß damals auch Hugo Hohenauer mit Fieber
im Keller und wollte den Weg auf den Dachboden machen, aber andere
verwehrten rücksichtsvoll die Ausführung des guten Willens und riefen:
,,Nein, nein, den alten Herrn lassen wir nicht hinauf, es soll nur jemand
anderer gehen.“
Also weiter, dem Feuerscheine nach. Vor dem ,,Hotel Europa" stieß ich
auf die herabgestürzten Trümmer der Vorderseite - also dieses Gepolter
- dann rannte ich mit dem Gesicht in die herab-
war im Keller zu hören
-
hängenden Verspannungsdrähte der erst fertiggestellten elektrischen Ober-
leitung für Autobusse. Um die Ecke herum fand ich einen gleichen Berg der
auch hier herabgestürzten Wand. In gleicher Weise geriet ich auch hier un-
angenehm an die Verspanungsdrähte.
Der Feuerschein aus der Meinhardstraße wurde mir minder wichtig
beim Gedanken an etwaige Kellerinsassen im Hotel Europa", obzwar
ich glaubte, alle vom Bahnhof Kommenden untergebracht zu haben. Es
könnten aber Einheimische hinuntergeflüchtet sein. Die unteren Geschosse
waren, so gut ich sehen konnte, nicht zusammengebrochen. Wie sah aber
die Rückseite aus? Der Luftschutzkeller lag auch mehr unter dem unver-
sehrten Teil in der Brixner Straße. Ungeduldig eilte ich durch das offen-
stehende Tor in den Hof, sah schattenhaft fünf bis sechs Soldaten.
,,Ist hier alles in Ordung?"
,,Jawohl."
,,Das Hotel ist stark getroffen, aber mehr an der Ecke. Bitte, auf Ge-
räusche in der Luft achten!"
Nach Tagen sprach ich den Hauptmann aus der Kanzlei des Bahnhof-
offiziers und erfuhr so von ihm selbst, daß er auch zu jener Gruppe gehörte.
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Nun noch rasch in den Keller beim ,,Lodenbaur", um zu berichten. Ich
fand ihn aber leer, daher gleich zum Feuer in der Meinhardstraße.
An dieser Front sah ich nun den schweren Treffer auf dem ,,Hotel
Kreid", aber zuerst zum Feuer, dann ins Hotel.
Das Feuer brannte rechts vorne an der Meinhardgarage lichterloh. Es
waren schon zwei Soldaten von der Fliegertruppe daran. Ich rief hinüber:
,,Hallo, sammeln Sie in den Häusern der Umgebung Eimer und holen Sie
Leute aus dem Luftschutzkeller vom Hotel dort, und machen Sie eine
Eimerkette. Ich laufe zur Feuerwehr."
,,Das Feuer ist von Mauern umgeben und es brennen nur Ölfässer. Es
kann nichts geschehen, wir bleiben dabei."
,,Aber Achtung auf das Dach der Villa nebenan. Wenn's zu heiß wird,
werden Sie doch Eimer brauchen."
,,Wir achten schon darauf."
,,Dann verständige ich die Feuerwehr."
Also jetzt ins Hotel. In der Einfahrt stand ein Mann, den ich fragte:,,Wo
komme ich hier in den Luftschutzkeller?" obzwar ich früher einmal unten
war.
Er antwortete nur mit:,,Ja, ja."
Ich frage:,,Wo geht's in den Luftschutzkeller?"
„Ja, ja, ja, ja, ja.“
Gerade kam Dr. v. Andreatta in die Einfahrt.
,,Herr Doktor, Sie haben leider einen Treffer am Haus."
,,Schwer?"
,,Immerhin schwer genug, aber es geht noch."
,,Sind Sie von der Polizei?"
,,Nein, nein, nur ehrenamtlich Luftschutz. Ich wollte Sie gerade verstän-
digen und bitten, daß gleich jemand auf den Dachboden geht, um wegen
Brandbomben nachzuschauen."
Sodann in den Keller Brixner Straße 2, denn ich hatte einmal Frau
Aigner das Versprechen gegeben, nach einem Angriff auf alle Fälle hinun-
terzukommen.
Im Stiegenhause erschien gerade ein Mann vom Keller herauf.
,,Ist im Keller alles in Ordnung?"
,,Jawohl."
,,Ist auch Frau Aigner unten?"
Mit fremdem Akzent:,,Jawohl, ist unten."
132
,,Dann bitte ich, sagen Sie ihr, daß ich hier war. Mein Name ist Zim-
mermann. Dem Hause ist nichts geschehen, aber das Hotel Kreid und Hotel
Europa sind getroffen."
C
Später erfuhr ich vom Werkmeister der dortigen Feigenkaffeefabrik, der
auch im Keller war, daß jener Mann meine Botschaft richtig ausgerichtet
batte.
Dann ging ich in die Adamgasse. Als mein blaues Licht an der Brücke
vor dem Wasserrad sichtbar wurde, rief eine Frauenstimme jenseits des
Sillkanals:
,,Ja, kommt denn niemand, wir ersaufen ja im Keller."
Ich leuchtete ins Wasser, sah es aufgestaut und Trümmer herum. Die
Brücke schien mir unversehrt, weshalb ich darüber- und der Stimme nach-
ging. Dort, ja, hinter einem Holzgitter oder einer Wand, sah ich Köpfe,
die ich anleuchtete.
,,Ach, Sie sind es, Frau Kautzky, was ist geschehen?"
,,Die Sill geht über und das Wasser dringt in den Keller."
,,Ist jemand in Gefahr?"
,,Nein, wir sind schon herauf."
,,Dann ist es schon gut, aber ich werde gleich die Feuerwehr verstän-
digen. Auf Wiedersehen!"
Auf der Straße folgte ich dem bereits bemerkten Feuerschein aus der
Salurner Straße und sah, wie befürchtet, Feuer am Hochhaus, wenn auch
nur am Dach der Werkstätte, aber in der ganzen Länge brannten am Glas-
dach die angebrachten Verdunkelungsrahmen aus Holz, woraus ich auf
einen Brand im Innern schloß.
Nun hatte ich besondere Eile, um zur Feuerwehr zu kommen. Bei der
Triumphpforte verwehrt mir ein Posten wegen eines Blindgängers, der dort
lag, den Weg in die Maria-Theresien-Straße hinunter. Somit war ich zum
Weg durch die Fallmerayerstraße gezwungen. Im dortigen Teil des Rat-
hauses fand ich die Wachstube und meldete:
,,Ich komme gerade vom Bahnhofplatz und möchte melden, daß es von
dort aus gesehen, sehr nahe am Gaswerk brennt, denn es ist starker Feuer-
schein zu sehen. Das Gaswerk selbst brennt nicht, denn der Gasometer ist
von der anderen Seite beleuchtet."
,,Ja, das wird wohl in Amras draußen Heu sein, man riecht's ja bis daher."
,,So, ich hab nichts gerochen, ich bin überzeugt, es ist ganz in der Nähe
des Gaswerkes. - Dann brennen einige Ölfässer in der Meinhardgarage.
133
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Es sind zwar schon zwei Soldaten dabei, die gesagt haben, das Feuer sei
von Mauern umschlossen und ungefährlich. In der Adamgasse hat die Sill
vor dem Wasserrad bei der Feigenkaffeefabrik einen Treffer, so daß das
Wasser über die Ufer in die Keller fließt, und dann brennt die Werkstätte
vom Hochhaus."
Der Mann gab die Meldung telephonisch weiter, wiederholte für sich:
,,Die Sill weiter überlaufen lassen", und zu mir gewendet:,,Also, gerade
haben wir die Meldung bekommen, am Hochhaus ist nix."
,,Jetzt weiß ich nicht, ich komme ja gerade von dort. Bitte, lassen Sie mich
zum Apparat."
Der Apparat schluckt, was ich wiederhole und antwortet stets mit,,Ja"
und,,Ja".
Als ich ausgesprochen hatte, meint mein früherer Gesprächspartner:
,,Das Dach der Werkstätte kann ja gar nicht brennen, weil alles aus
Eisen ist. Die Werkstätte kenne ich gut."
,,Ich auch, das Eisen brennt auch nicht, aber die Holzverkleidungen der
ganzen Länge nach. Wie es in der Werkstätte heute aussieht, weiß ich nicht,
aber wenn nichts geschieht, kann das Feuer auf das Hochhaus auch über-
greifen. Gute Nacht."
Als ich aber am Rückweg wieder am Hochhaus vorbeikam, stand bereits
ein Löschzug dort. Der Motor war schneller als ich zu Fuß und ich war
wieder einmal zufrieden.
Wie ich nachträglich hörte, war der Werkschutz der Stadtwerke wie bei
allen Fliegerangriffen gerade zahlreich im Luftschutzkeller zum tapferen
Einsatz bereit, als ein Bahnbediensteter die Stiege heruntergerannt kam
und berichtete:,,Alles ist taghell beleuchtet." Wenige Augenblicke später
waren auch dort die ersten Einschläge zu hören und bald verriet ein starkes
Beben und Zittern der Türen die allernächste Gefahr. Darauf verließen
Leute vorsichtig den Keller, um sich zu überzeugen, was geschehen war.
Die Werkstätte hatte zwei Treffer erhalten und darüber stand das kni-
sternde Feuer der Holzverkleidung am Dache. Die Wachhabenden Josef
Winkler, Gruber, Tramposch machten sogleich mit Eimern und den anderen
Löschgeräten die ersten Löschversuche. Nach kurzer Zeit kamen das Fräu-
lein Winkler, die Tochter des Kupferschmiedes in der Adamgasse, und die
Männer Perner, Wisiol und andere vom Werkluftschutz. Nur so konnte über
alle Trümmer und brennende Splitter der Holzverkleidung hinweg eine
134
wirksame Eimerkette gebildet werden, bis der Brand dann mit mehreren
Schlauchlinien gelöscht wurde.
Das Feuer neben dem Gaswerk war von mir auch richtig gesehen, ob-
zwar ich auf diese Entfernung nur nach dem Feuerschein urteilen konnte.
Das Feuer vernichtete eine Baracke auf dem Lagerplatz der Firma Wayss
& Freitag samt den Habseligkeiten der darin untergebrachten Arbeiter.
In den Luftschutzkeller Nr. 4 zurückgekehrt, machte mein wackerer Helfer
regelrechte Meldung über die Leistung mit Hilfe einiger Kameraden: Elf
mehr oder minder Verletzte haben sie vom Bahnhof herübergeholt.
,,Einen hat's an der Schulter erwischt. Ich habe ihn beruhigt und gesagt,
es wäre nur eine Verstauchung, aber ich denke, es ist schon etwas ge-
brochen."
,,Ich habe mir von 'nem Herrn Hauptmann einen Mantel ausgeborgt, da-
mit man den Mann zudecken kann, bis er im Krankenhaus landet. Der
Herr Hauptmann war nicht ganz einverstanden, aber ich habe ihn über-
zeugt, daß man den armen Teufel nicht frieren lassen kann. Brandbomben
hat's hier keine gegeben."
,,Das haben Sie alles ganz ausgezeichnet gemacht. Sie waren gerade der
richtige Mann für uns alle hier. Ihr Kommando soll das aber auch wissen
und ich möchte darüber berichten lassen, wenn Sie mir Ihren Namen usw.
angeben."
,,Ach nein, mein Name tut nichts zur Sache, ich helfe immer gerne und
ich werde immer meine Pflicht tun, wo man mich hinstellt."
,,Dann danke ich Ihnen, auch im Namen aller, denen Sie heute geholfen
haben."
,,Ja, was haben Sie nur, das ist doch alles ganz selbstverständlich."
Um 22.30 Uhr, also nach einer Stunde, erfolgte die Entwarnung.
In meiner Wohnung waren alle, nach dem Angriff vor 4 Tagen mit
Pappe vernagelten Fensterrahmen wieder gähnende Höhlen der Nacht.
Der Lichtstrom war inzwischen wieder eingeschaltet worden. Um ein Zim-
mer benützbar zu machen, nahm ich die Fensterrahmen ins Badezimmer,
das kein straßenseitiges Fenster hat. Dort konnte ich bei richtigem Licht
die Rahmen wieder mit Pappe verkleiden.
Endlich um 2 Uhr nachts kam ich ins Bett, in der Hoffnung, daß wenig-
stens die restliche Nacht keine Überraschung mehr bringt.
Tags darauf stellte ich in meiner Umgebung folgende Einschläge fest:
Am Bahnhofplatz, in die Straße vor dem Hotel,,Tyrol", - zwei auf dem
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Hotel,,Europa" an der Ecke - Brixner Str. 4 (Lodenbaur) - Meinhard-
straße 3 hinter der Villa neben der Garage in die Garagenausfahrt
,,Hotel Kreid" über der Einfahrt in der Meinhardstraße Handelskammer,
-
-
-
Hofseite Gasthof,,Wilder Mann"-Wilhelm-Greil-Straße 5, Hofseite -
Wilhelm-Greil-Straße 8 (Bezirkshauptmannschaft), Wilhelm-Greil-Straße
Nr. 14 (zwei) Bozner Platz 6 - Bozner Platz, ein Blindgänger in die
Parkanlagen in den Sillkanal neben der Einfahrt zu Oberlindober in der
Adamgasse-Sillgasse 17, Hofseite
Sillgasse 17, Hofseite - Adamgasse 15 (Leixner) - Adam-
gasse 18-Sterzinger Straße in die Ruine des Lagerhauses.
-
Der Angriff vom 20. April 1945
Einmal hieß es und man glaubte an den Spruch:,,Rosen auf Wien, Bom-
ben auf Berlin." Die harte Sprache der Tatsachen erzählte bald etwas an-
deres. Gegen Kriegsende hatten viele, die eine Möglichkeit fanden und
nicht gebunden waren, Innsbruck schon lange verlassen. Die Alarmsignale
waren immer öfter zu hören, die Dauer der angezeigten Fliegergefahr ver-
längerte sich an manchen Tagen auch auf vier Stunden; Pläne und Ent-
schlüsse wurden dadurch gehemmt und blieben in Schwebe. Die Stimmung
war schwül und gedrückt. Bei jedem Alarm wurde schon ernst mit einem
Angriff gerechnet. Im April waren bereits zwei auf Innsbruck nieder-
gegangen.
Auch heute, als bereits um 9.30 Uhr die Alarmsirene heulte, dachte ich
mir, der Tag ist noch lang, was wird er noch bringen?,,In Bereitschaft sein
ist alles."
Vor dem Hause Nr. 4 stand auch Oberleutnant Franz Gmelin (Wetter-
inspektor) und fragte nach einer Schlafgelegenheit, um endlich einmal aus-
ruhen zu können. Ich erwähnte, daß nebenan im Hotel Viktoria das
Wehrmachtsheim wäre, aber während des Alarms auch geräumt sei, denn
dort befände sich kein Luftschutzkeller.,,Jawohl", meinte die dabei-
stehende Putzfrau des Wehrmachtsheims,,,bei Tag darf dort wegen der
Angriffsgefahr auf den Bahnhof nicht geschlafen werden, sogar ein General
mit seinem Stabe mußte um 7 Uhr geweckt werden."
,,Es wird aber doch eine Waschgelegenheit dort sein."
,,Diese finden Sie gleich im Saale rechts", erwiderte die Frau, und er
ging-ging, ohne zu ahnen, in den Tod.
136
Die Frau folgte ihm später und wurde empfangen mit den Worten:
und jetzt eine
,,Das war jetzt eine Wohltat, endlich einmal gewaschen
-
Jause."
Sie empfahl ihm, doch besser herüber zum Keller zu kommen, aber er
verblieb.
Ich saẞ zumeist in der Mitte des Platzes, dem Hause Nr. 4 gegenüber,
und suchte gegen 13 Uhr erfolglos den Luftraum nach Flugzeugen ab, die
gerade deutlich hörbar waren. Nachdem die Häuserreihe vor mir die Aus-
sicht begrenzte, ging ich durch das Haus Nr. 4 gegen die Gartenseite und
sagte zum Bundesbahnpensionisten Crepaz:
,,Bitte, passen Sie hier rückwärts auf, ich höre Fliegergeräusche und
gehe wieder nach vorne."
Nun blieb ich unter dem Haustor und suchte den Raum über dem Unter-
inntal ab. Bald aber rief der Genannte:
,,Herr Zimmermann, jetzt kommen Sie nach vorne, sie sind gerade über
uns."
Ich wiederholte zu meiner Umgebung:,,Sie sind über uns, rasch in den
Keller!" Sodann lief ich ein Stück auf die Straße hinaus und rief:
,,Aaachtung, Aaachtung, in den Keller gehen!"
Ich sah nun alle eilen, wie ich auch selbst in den Keller ging.
Kaum angekommen, erfolgten nach meinem Empfinden einige Ein-
schläge. Es waren aber einige Lagen, denn, wie sich herausstellte, erhiel-
ten die Bahnanlagen allein 45 Treffer. Nach wenigen Sekunden der Ruhe
ging ich horchend hinauf und fühlte den feinen Mörtelstaub in der Luft, das
Zeichen eines Einschlages auf ein nahegelegenes Haus. Gleich neben der
Türe zur Kellerstiege befand sich die Tür zum Garten auf der Rückseite
des Hauses. Ich nahm daher diesen Weg, um die Häuserreihe von dieser
Seite rasch zu überblicken. Richtig, vom Nebenhause, dem Hotel Viktoria,
lagen die Trümmer wie ein Berg vor mir, oder sollte es auch vom nächsten,
vom eigenen Haus ein Teil sein? Staub lag noch in der Luft, aber ich wollte
Sicherheit haben. Also schnell nach vorne auf die Straßenseite.
Nun sah ich das Hotel als Ruine, gänzlich zusammengebrochen. Die
ganze Front der Dachfenster hing in der Höhe des ersten Stockwerkes weit
über die Vordermauer hinaus, scheinbar für wenige Augenblicke noch vom
Gebälk in dieser Lage gehalten. Von der Ruine meines angrenzenden Hau-
ses war nur von der Feuermauer ein Stück mitgestürzt.
Was wird aus dem Oberleutnant geworden sein? Ist der Saal auch mit-
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verschüttet? In der Luft herrschte Ruhe. Also rasch hinüber und hinein in
die Einfahrt, die Augen auf den Überhang gerichtet. Bundesbahnpensionist
Hofbauer, der mit mir heraufging, rief mir zu:
,,Achtung auf oben, Achtung!"
Ich nickte und war schon über die Trümmer hinweg in der Einfahrt. Das
Gewölbe darüber war noch in Ordnung trotz der darauf lastenden
Trümmer.
Ich rief gegen das Chaos im Saal:
,,Hallo, hallo, ist jemand hier?"
,,Zu Hilfe, zu Hilfe!" rief es mit kräftiger Stimme gerade mir zu Füßen
unter den Trümmern heraus, vor dem Eingang in den Saal. Ich glaubte,
den Mann sehen zu müssen, so nahe war er mir.
,,Ich bin schon da, sind Sie verletzt?"
,,Zu Hilfe, zu Hilfe!" war die erschütternde, immer wiederkehrende Ant-
wort.
Nun kamen auch drei Jungen herein, die mit mir im Luftschutzkeller
waren.
,,Bravo, da könnt ihr gleich helfen. Vor allem heben wir diesen Heiz-
körper weg, aber Achtung, nicht hier darauf herumsteigen, gleich da muẞ
der Verschüttete liegen."
,,Zu Hilfe, zu Hilfe!" und wir standen ohnmächtig, konnten nur Stein
für Stein wegheben. Ich hieß die drei jungen Burschen weitermachen, wäh-
rend ich vom Nebenhaus eine Schaufel holte und übergab.
Sie gruben ernst und eifrig weiter. Ich wollte nun vom Keller des Neben-
hauses Nr. 8 mit dem Keller des Hotels Viktoria Verbindung suchen. Meine
Sturmlampe kam mir wieder zu Hilfe, denn der Lichtstrom war ausge-
blieben. Ich schrie durch die Öffnung des losen Ziegels, der sich in jeder
Durchbruchwand befinden sollte, aber es blieb still.
Wieder auf der Straße, kam ein Soldat auf mich zu, bot sich als Helfer
an und wollte vor allem zum Mauerdurchbruch. Obzwar ich ihm versicherte,
daß ich gerade unten war, drängte er, nochmals nachzuschauen. Um ihn
zufriedenzustellen, entzündete ich die Lampe nochmals, und wir gingen,
diesmal auch in Begleitung der Putzfrau, die sich anschloß. Der Mann
brach beim matten Schimmer des blauen Lichtes die erste Wand auf. Ich
kroch an die zweite heran, klopfte und schrie nochmals, aber wieder er-
folglos.
Im Hofe oben angekommen, kam mir Polizeioberleutnant Mölk entgegen
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und wollte auch zum Durchbruch. Ich klärte ihn auf, daß ich schon zweimal
unten war, und er meinte:
,,Ah, Herr Zimmermann, Sie sind schon da."
,,Gewiß, gewiß."
Nun wollte ich zu den drei jungen Leuten zurück und sah einen davon
auf der Straße einem Polizeioffizier Meldung machen.
,,Und wie ist's?" fragte ich,,,habt ihr ihn schon ausgegraben?"
,,Nein, ich glaube, er ist schon tot. Er hat noch gesagt: es ist so schwer,
und dann ist er still geworden."
Nun wollte ich von der anderen Seite in den Keller des Hotels Viktoria,
die der dortigen, zwar gänzlich verschütteten, Kellerstiege näher war. Der
Durchbruch vom Hause Nr. 4 herüber war jedoch bereits von den bewähr-
ten Helfern: Alois Crepaz, Leopold Hofbauer und Leopold Kottoschek
geöffnet worden.
Ein in der Reichsbahntischlerei beschäftigter französischer Arbeiter war
ihnen behilflich und brach gerade die zweite Wand heraus. Nun kam
Polizei-Oberwachtmeister Kürner, von Beruf Malermeister, hinzu. Ich rief
in den durch die Verschüttung der Stiege vollkommen verfinsterten Keller
hinüber, ohne auch hier eine Antwort zu erhalten. Von oben strömte in der
ganzen Breite der Durchbruchstelle zufolge einer geborstenen Wasser-
leitung Wasser herab. Ich brach noch einige Ziegel heraus, um ungehemmt
und rasch durch den Wasservorhang zu kommen. Polizei-Oberwachtmeister
Kürner kroch auch gleich hinter mir hinüber. Die Kellerstiege war bis her-
unter angefüllt mit Trümmern, die sich noch in den Gang des Kellers er-
gossen. Wir stiegen darüber und gingen durch den ganzen Keller, ohne
jemanden anzutreffen. Während wir das Hauptventil der Wasserleitung
suchten, kam auch der Unteroffizier Braito vom Wehrmachtsheim herunter,
öffnete die Tür zum Ventil und Oberwachtmeister Kürner schloß dasselbe.
Oben angekommen, war bereits auch Gustav Riebler hier und über-
reichte mir eine Handvoll Zigaretten. Damit wollte ich wieder den hilfs-
bereiten Franzosen erfreuen, was mir auch gelang, nachdem ich ihn im
Hause Nr. 4 noch antraf.
Inzwischen war die Technische Nothilfe eingetroffen, um die Leiche des
Oberleutnants auszugraben. Wie ich hörte, soll die Schläfe verletzt gewesen
sein. Das Opfer einer Jause.
-
Wehrmachtsangehörige suchten und gruben nach weiteren Opfern, denn
im ebenerdigen, noch zugänglichen Raume für die Gepäcksaufbewahrung
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im Hause blieben zwei Rucksäcke unbehoben, während sich für das ganze
übrige Gepäck sofort die Eigentümer meldeten.
Die Arbeiten wurden aber als ergebnislos eingestellt.
Von mehreren Seiten hörte ich aber immer wieder, daß die zwei Ruck-
säcke sicher weiteren Opfern gehören. Nach zwei Tagen telephonierte ich
daher an die Polizei (es war Hauptwachtmeister Teuchmann am Apparat)
und machte aufmerksam, daß bei Verwesungsgeruch die Arbeiten schwerer
werden dürften. In einer halben Stunde wurde bereits gegraben und auch
zwei Soldaten gefunden, und zwar an der Stelle, wo das erste Opfer lag,
am Ausgang des Saales. Vermutlich wollten alle drei noch flüchten, aber zu
spät.
Es sollte der letzte Angriff auf Innsbruck sein und gerade deshalb ein
tragisches Geschick für die Familie Schlegel, denn beim ersten Angriff am
15. Dezember 1943 verlor sie das Rückgebäude gänzlich, wobei es drei
Tote gab, und nun beim letzten Angriff ging das Haupthaus verloren,
wieder mit drei Toten.
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Badtore EPISODEN
Badions
h
Sein oder Nichtsein...
Während ich diese Erinnerungen niederschreibe, fallen mir auch die so
arg Bekümmerten in der Heimat ein, die inmitten ihrer Sorgen die Lösung
aller Fragen im Sterben sahen. Sie beneideten die Todesopfer der Angriffe.
Ja, auch das kam vor. Sie scheinen mir von den folgenden Zeilen poetisch
erfaßt:
Sprichst, wie Menschen immer sprechen,
Die des Kampfes müde sind!
Ehe sie im Kampf zerbrechen,
Klagen sie ihr Leid dem Wind...
Leben heißt: stets vorwärts schreiten
Ohne Ruhe, ohne Rast,
Pflichterfüllt zum Ziele reiten,
Bis der eigne Stern erblaẞt;
Nur im steten Mühn und Sorgen
Liegt, du überkluger Tor,
Höchstes Erdenglück verborgen,
Reinres nie ein Mensch erkor!...
F. M. Hofmann.
Ich kann mich sehr gut hineindenken in eine Bedrängnis, die vor der
Zeit zum letzten Ende führt. Das Leben kann zur erdrückenden Last
werden, die abgeschüttelt wird. Dann, wenn das Leben seinen Sinn verlor,
nicht mehr tragbar scheint, wenn es nur noch täglich im Staube der Niede-
rung nachzuschleifen wäre, dann mag der Mut zum Sterben größer sein als
der zum Leben. Wenn kein Lichtblick in schwerer Not mehr leuchtet oder
eine Sorge besonderer Art alles andere zweck- und wertlos macht. Freilich,
wer alle Probleme mit den Sprüchen eines Götz von Berlichingen erledigt,
der pflegt kein Philosoph zu sein.
Wer aber die Vollstreckung dieses letzten Willens von Bomben erwartet,
ist nicht sehr wählerisch in der Form des Abganges von der Bühne des
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Lebens, noch am Ende seiner Kraft. Wer möchte ernsthaft wie eine zer-
tretene Kröte in einem Keller enden?
Bereits geendet zu haben, war wohl der Wunsch, der Schritt aus dem
Leben in den Tod sollte schon getan sein, der Übergang erspart bleiben.
Nicht das Ich von heute, sondern das andere von gestern sollte bereits
gefallen sein.
Sterben, schlafen, nichts weiter, und zu wissen, daß der
Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet...
's ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen.
Shakespeare, Hamlet III, 2.
Ja, ja, wie es Hamlet vorschwebt, so war es wohl gemeint, eine Reise
erster Klasse. Es sollte alles gewesen sein, alles wie von selbst aufgehört
haben.
In diesem Falle ein Glück, daß sich rückwirkend nichts erfüllt, und für
mich eine Freude, diese einst Lebensmüden heute ihres Lebens wieder froh
zu sehen.
Diese durch die Verhältnisse Geheilten finden ihr Gegenstück in den
Verdrossenen von heute, die den baldigen Untergang der Welt erwarten,
als Bereinigung und Schlußpunkt aller Schuld der Menschen.
-
Immerhin eine Vorliebe für Gesellschaftsreisen und mutiger als die
Armen, die aus Angst vor dem Tode - vorsichtshalber gleich Hand an
sich legten, damals, als Astronomen vor Jahren einen Zusammenstoß unserer
Erde mit dem Halleyschen Kometen errechneten. Klüger auch als der
Hundertdreizehnjährige, der vorsichtshalber gleich Selbstmord beging, als
ihm der Arzt sagte, sein Leiden sei unheilbar.
Blumen
Auch Blumen sah ich reichen,
gesenkten Haupts besinnlich sie genießen
wie süßen Duft entschwundner Tage.
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Ostertag
An einem herrlichen, feierlichen Ostertage, im Festgewande der Natur,
wie ihn Goethe im,,Faust" nicht glänzender gesehen haben mag, standen
und saßen wir auch nach einem Alarm am Bahnhofplatze. Ich schaute und
lauschte nach allen Seiten in den endlos tiefen, blauen Himmel. Es war
aber ein ruhiger Tag, es blieb ruhig dort oben.
Plötzlich aber, nach einer Weile gab es Aufregung in einer Gruppe, die
in einem besseren Laufschritt vom Bahnhofgebäude herüberkam. Ich
staunte über den verspäteten, neuen Zuwachs von dort herüber.
,,Eine Gemeinheit", hörte ich,,,eine solche Schweinerei, wir sitzen im
Zug, mitten in den Geleisen, wie in einer Falle, und warten und warten
auf die Abfahrt in den Berg-Isel-Tunnel, und zum Schlusse stellt sich her-
aus, daß der Maschinführer schon heimgegangen ist."
Was war geschehen? Es gab bereits zweimal Alarm, als gegen 13 Uhr
ein dritter Alarm folgte. Jede Zufluchtsstätte hatte ihre bestimmten Gäste,
so auch der für das Bahnpersonal stets bereitstehende Zug für den Berg-
Isel-Tunnel. Der Maschinführer war aber offenbar der Meinung, daß nun
um diese Zeit kein weiterer Alarm mehr folgen werde, zumal der schöne
Tag noch schönere Aussichten bot als eine Fahrt in den Tunnel- und ging
heim. Der Zug aber blieb an seinem Platze, den die üblichen Gäste wie
gewohnt bestiegen.
Als jedoch die Abfahrt nie und nimmer erfolgte, wurde das Fehlen der
Hauptperson festgestellt und der Zug inmitten der Geleise um so eiliger
verlassen. Der Tag verlief aber ruhig und es blieb bei der harmlosen Er-
regung über die Möglichkeiten eines gehässigen Schicksals.
Ich fürcht mich nicht
Es war auch an einem schönen klaren Tag, mit blauem Himmel und
dicker Luft". Immer wieder überquerten Geschwader das Unterinntal, von
Süden gegen Norden ziehend. Ernst verfolgen die Herumstehenden die
Flugrichtung. Viele Augen prüften den Horizont ringsum und hörten auf
das noch vernehmbare Brummen. Es war mit einer Schleife hinter der
Nordkette zu rechnen.
Es war Mittagszeit. Da kam der schwerhörige, alte Bindermeister Fritz
aus der Salurner Straße von seiner schweren Arbeit mit seiner geliebten
kurzen Pfeife, um ganz gemächlich den Bahnhofplatz zu überqueren. Es
war sein täglicher Weg nach Pradl zum Mittagstisch. Im ersten Weltkrieg
hatte er als Oberjäger das Gehör verloren.
Ich ging auf ihn zu und sagte ihm laut ins Ohr, an das er seine Hand
legte:
,,Herr Fritz, gehen Sie jetzt nicht weiter, bleiben Sie besser bei uns hier.
Es ist heut' immer etwas in der Luft - Flieger!"
,,Ah so, i fürcht mi nit, i bin a alter Kaiserjager.
,,Das ist schon gut, aber aufpassen müssen Sie doch, man hört sie brum-
men."
,,I hear nix, hahaha."
,,Ich sag Ihnen schon, wenn die Luft wieder rein ist. Da drüben und dort
unten sind gute Keller."
,,Guat, nacher bleib i da", und er stellte sich zu den anderen.
Nach einiger Zeit hörte das Brummen auf. Ich ging gegen die Häuser-
reihe und wendete mich an ihn:
,,Jetzt, glaube ich, können Sie's wagen, aber immer in die Luft schauen
und überlegen, wo der nächste Luftschutzkeller hinter oder vor Ihnen ist."
,,Die Keller kenn ich schon."
,,Das ist gut. Aber immer aufpassen heute, kommen S' gut heim, auf
Wiedersehn."
Darauf stapfte er zufrieden schmauchend, leicht gebeugt dahin, wie der
brave Mann, dem nichts geschehen kann.
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10 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter
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,,Die Uniform jehört dem Staat..."
Gelegentlich eines Alarmes sah ich im Hause Bahnhofplatz Nr. 4 im
ebenerdigen Gange am Steinboden einen Soldaten sitzen, den Rücken an
das Haustor gelehnt, die Beine ausgestreckt und den rechten Arm in Gips
auf dem bekannten, weitabstehenden Traggestell. Um ihn herum standen
seine Kameraden, vermutlich alles Studenten, und folgten mit lachenden
Mienen seinen humorvollen, dozierenden Ausführungen. Ich hörte gerade
noch im Vorbeigehen:
und dann, was verbleibt dem Soldaten noch? Über Leben und
Jesundheit verfücht der Staat. Die Uniform jehört dem Staat, wenn er das
Leben lassen muß; von der Mütze bis zu den Stiebeln..."
Ich unterbrach, auf seinen Ton eingehend:,,Ja, sehen Sie, und dabei
sitzen Sie hier mit Ihrem zerschossenen Arm, und wenn plötzlich Flieger
kommen, was jeden Augenblick sein kann, wird auf der engen Stiege ein
großes Gedränge sein und Ihr Arm vielleicht wieder gebrochen werden.
Damit wird dann der Staat nicht zufrieden sein. Jetzt können Sie in aller
Ruhe in den Keller gehen, haben die ganze Stiegenbreite für den Arm frei
und finden unten auch Sitzgelegenheit. Wir dürfen hier auch nie vergessen,
daß da drüben der Hauptbahnhof liegt."
,,Ach, so meinen Sie? Also Kinder, dann wollen wir den Staat zufrieden-
stellen und in den Keller jehn."
Er setzte seine Scherzreden fort, gestikulierte mit der Linken dazu und
ging, von der ganzen Gruppe begleitet, in den Keller.
Ein guter Rat
Wieder einmal Alarm an einem schönen Sommertag. Die Teilung der
Leute in solche, die nicht weit vom Bahnhofe weg wollen, und solche, die
vorziehen, sich möglichst weit zu entfernen, hatte ich bereits vollzogen.
Ich stand gerade auf der Straße mit Unteroffizieren der Wehrmacht, die
vom Monte Cassino und anderen Kämpfen sprachen. Auszeichnungen auf
der Brust gaben den Reim. Nun kam vom Bahnhof herüber noch ein Nach-
zügler direkt auf uns zu und meinte warnend:
-
C
,,Hier am Bahnhof sollen Sie nicht bleiben, da ist's gefährlich."
es waren drei oder
Es war possierlich zu sehen, wie diese Männer
vier - stumm, wie verblüfft den Ratgeber anschauten. Keiner fand ein
Wort, sie waren offenbar im Zweifel, ob es sich um einen wohlgemeinten
Rat oder um einen Scherz handle.
,,Ja, ja", meinte er ernsthaft nickend,,,da ist's sehr gefährlich, in den
Stollen außer der Stadt ist man sicher."
Die Männer blieben weiter stumm und schauten mich fragend an, als
wollten sie mir die Antwort überlassen.
,,Ja, dann schauen Sie nur, daß Sie bald hinkommen, der Weg ist weit",
sagte ich,,,wir haben da einen guten Keller."
,,Ich geh' auch", und er ging.
Die Männer schauten ihm nach, verdrossen über diese Zumutung, und
schienen zu denken:
Dem Manne ziemt es sich, zu wagen.
Erst unter Spannung zeigt der Bogen seine Kraft.
Des Hasen Stärke ist die Flucht.
Das Gespräch nahm wieder seinen Fortgang bis zur Entwarnung.
146
10°
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Die Verantwortung
Es war wieder einmal Fliegeralarm. Vom Bahnhofe kamen viele Leute,
die den Zug verlassen mußten oder dort auf die Ankunft ihres Zuges war-
teten. Der Großteil strömte in die innere Stadt, die andern blieben an der
Sonne und warteten auf die Entwarnung. Ich kam gerade vom Luftschutz-
keller des Hotels Europa herauf, als eine Maschinengewehr-Abteilung vom
Bahnhof kommend anmarschierte.
Der Oberfeldwebel rief mir die Frage zu:
,,Gibt's hier 'nen Luftschutzkeller?"
,,Jawohl, gleich hier links und hier rechts."
,,Finden wir alle Platz?"
,,O ja, in zwei Teilen."
Nun folgten ein paar Kommandoworte, die Abteilung teilte sich, um
einerseits dem Oberfeldwebel in den Keller des Hotels ,,Tyrol", anderseits
mir in jenen vom Hotel Europa zu folgen. Im Hofraume wurden die Ma-
schinengewehre abgestellt. Ein Posten blieb dabei. Bald kam der Ober-
feldwebel, um sich zu überzeugen, wo die Leute untergebracht waren.
,,Na also, hier, Kameraden, könnt ihr die Jause einnehmen, Tische und
Bänke sind ja auch da, das ist ja ganz fein."
Er schaute mich vergnügt und befriedigt an, worauf ich erwiderte:
,,Das ist Ordnung, dazu sind die Keller ja ausgebaut worden."
,,Ach klar, das Feuerwerk von oben kennen wir schon, ne, ne, kommt
nicht in Frage, ich bin für die Leute ja verantwortlich."
Zusammenstoß
Eines Tages, nein, eines Abends, machte ich mit dem Rad meine Rund-
fahrt durch das kleine Gebiet meines Luftschutzbereiches bei vollkommener
Finsternis, wie es während des Krieges üblich war. Heute sind uns be-
leuchtete Straßen wieder eine Selbstverständlichkeit und wir vergessen uns
darüber zu freuen, wie sehr wir uns damals auch danach sehnten und uns
vorstellten, wie schön es sein müßte, wieder Licht über uns zu haben.
Mir war nur eine Lampe mit dem vorgeschriebenen kleinen Schlitz ge-
stattet, der mehr den Fußgängern als mir dienen konnte. An der Ecke des
Hotels Europa kam es auch zu einem richtigen Zusammenstoß mit einem
munteren Spaziergänger auf der Fahrbahn, glücklicherweise, ohne daß
einer von uns gestürzt wäre. Dialog: Ein Fluch, auf den ich antworte:
,,Ja, können Sie nicht auf dem Gehsteig gehen!"
,,Und du muascht mit der Hand zoagn, daß da umi wilscht."
,,Aber gehn S', das sehn Sie ja gar nicht, wenn S' mich schon samt Rad
und Licht nicht sehn", und Gelächter klingt vom Gehsteig zu uns.
-
Dir, lieber Freund, der du dich damals als schwankende Gestalt mit
schwerer Zunge nahtest, meine verspätete Entschuldigung und ich freute
mich, daß dir die Freude eines mäßig-übermäßigen Genusses vergönnt war.
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Selbstgespräche
Ein Nachtalarm brachte drei norddeutsche Damen sie dürften es
immer auch zu ihren Mitmenschen gewesen sein - in den Luftschutzkeller.
Der Inhalt ist getreu dem Worte innen.
Etikette ist das äußre Bild.
Zur Täuschung wird das Bild,
sobald der Inhalt mangelt,
zu hohlem Prunk der Marionetten
am eignen Gängelband.
Sie kamen neben eine brave, tüchtige Frau zu sitzen, die nur den Fehler
hatte, mehr oder minder laute Selbstgespräche zu führen, indem sie starr
vor sich hinblickte. Zu ihrem Gesprächsthema gehörte das immer wieder-
kehrende stärkste, unflätige Schimpfwort gegen Frauen, womit sie unsicht-
bare Geschlechtsgenossinnen bedachte, die sie offenbar vor ihrem ver-
armten geistigen Auge sah. Die drei Damen wußten um nichts, hörten
aber alles aus dem Munde ihrer Nachbarin. Ich hörte nur wenig, sah aber
drei Augenpaare immer größer werden und hilfesuchend die Runde ab-
tasten. Ich kam mit einem freundlichen Blick entgegen. Schon kam eine der
drei, entrüstet, kopfschüttelnd auf mich zugesteuert.
,,Ja, sagen Sie nur, muß man sich das ..."
,,Gnädige Frau, das dürfen Sie nicht hören, die gute Frau ist krank;
heute ist sie noch zurückhaltend, gerade wegen der vielen Leute hier.
Wenn sie allein ist, kennt sie keine Hemmungen, das erst sollten Sie hören
können."
,,Ach so, ich habe wohl gedacht... aber das ist doch furchtbar."
Trotz meiner Aufklärung hatte sie aber kein Verlangen nach ihrem Platz,
um mehr zu hören, sondern blieb an meiner Seite und ihre Begleiterinnen
kamen bald auch herzu. -
Gelegentlich eines anderen Alarmes, als die bedauernswerte Kranke fast
allein im Keller war, meinte sie ganz aufgeräumt:
,,In dem Keller, in dem ich früher war, haben die Leute immer ge-
schwätzt, und das ist nicht gut, weil die Flieger dann Bomben werfen,
wenn sie das hören."
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Mir geht die Zeit ab
Im Jänner 1945 wohnte ich wegen meines Gipsfußes vom 15. Dezem-
ber 1944 noch im Saggen. Als die Elektrische auf dieser Strecke wieder
fahrbereit wurde, fuhr ich nach Hause, um nachzusehen und zu tun, was
damals gegen den Bombenschaden getan werden konnte. Am Bahnhofplatz
angekommen, überraschte mich ein Voralarm. Ich befand mich gerade vor
dem Hotel,,Tyrol", dessen Zugang zum Keller am 15. Dezember 1944 ver-
schüttet wurde. In Erwartung des Vollalarms nahm ich daher den holpri-
gen, vereisten Weg zwischen den Bombentrichtern hindurch, um den Luft-
schutzkeller des Hotels Europa in der Brixner Straße aufzusuchen. Die
Straßen waren damals fast menschenleer. Nur einen großen, stattlichen Sol-
daten sah ich ein Stück hinter mir, vermutlich mit seiner Frau, vom Bahn-
hof kommen.
,,I wear nit weit rennen", meinte er zu seiner Begleiterin,,,wenn's oan
erwischen will, dann kannst rennen, wohin daß d' willscht, und es erwischt
di." Ich ließ ihn herankommen und wies auf das Kennzeichen des Luft-
schutzkellers.,,Dort ist gleich ein Keller, ich gehe auch dorthin." „Na,
na, grad am Bahnhof muaß es nit sein." Und er ging weiter.
-
Im Keller sah ich mich allein. Von den vermauerten Kellerfenstern waren
zwei durch einen Einschlag in die Straße aufgerissen. Im Freien war es bei
hellem Sonnenschein grimmig kalt, im Keller daher nicht minder. Die Ent
warnung ließ auf sich warten, zu Vollalarm kam es auch nicht. Die drei
Wochen schlaflosen Aufenthaltes im Lazarett wegen des Wadenbeinbruches
machten sich fühlbar. Ich fror unerträglich und entschloß mich, den Weg
zum Keller des Sparkassengebäudes zu machen, denn in der Erlerstraße
befand sich auch die Fa. Dipl.-Ing. Fiegl und Dipl. Ing. Spielberger, wo ich
wegen einer Reparatur nach der Entwarnung vorsprechen wollte.
Im Freien überfiel mich die strenge Kälte jener Tage, daß es mich Aus-
gefrorenen schüttelte. Bereits am Bozner Platz glaubte ich, kaum mehr
weiterzukommen. Die eisige Kälte zog mich zusammen, sie griff nach dem
Herzen, das Atmen fiel mir schwer. Ich ging noch langsamer. Ich war allein
auf der Straße; die fünf Fliegerangriffe vom Vormonate waren der Be-
völkerung in frischer Erinnerung. Auflesen würde man mich nicht so bald,
dachte ich mir, falls es zu einem Herzklaps kommen sollte, aber es wird
schon gehen, und ich schlich weiter, immer langsamer. Bei der obgenannten
Firma angekommen, war ich ziemlich am Ende. Ich sah Licht im Raum,
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drückte auf die Klinke. Ja wahrhaftig, hier hat man in der Eile vergessen,
zu schließen. In der Absicht, mich zum Auftauen hineinzusetzen, trat ich
ein und siehe da, Ing. Fiegl saß wie immer vor seinem Schreibtisch. Er
empfing mich lächelnd, wie immer:
,,Ja, was führt denn Sie jetzt her?"
,,Moment bitte, . . . nur ausschnaufen . . .!"
Die Kälte wirkte wie eine enge Verschnürung um die Brust. Atmung und
Bewegung waren gedrosselt. Ich wartete auf die Erholung. Ich suchte mich
durch vorsätzliches Atmen zu beleben, was gar nicht recht gelingen wollte,
Eine Wohltat war die ganz bescheidene Wärme des Raumes, die mich ge-
radezu anfaẞte und auftaute. Die Enge um die Brust lockerte sich, und ich
wurde wieder beweglich.
Ing. Fiegl blieb weiter stumm, nickte lächelnd, schaute nur forschend
wie ein Arzt.
Nach einer Weile ging es wieder. Mit der Erwärmung kam das alte
Leben wieder und ich konnte mein Anliegen vorbringen.
Schließlich fragte ich noch:,,Herr Ingenieur, gehn Sie nicht in den Luft-
schutzkeller zur Sparkasse hinüber, Sie haben nicht weit zu gehen?"
,,Ich habe immer Arbeit, mir geht die Zeit ab."
,,Es könnte aber doch einmal zu spät werden."
,,Wir sind fast immer hier, meine Frau auch, wir kommen einfach nicht
weg. Mir scheint übrigens, Sie sind auch nicht zu erschüttern."
Bald darauf kam die Entwarnung. Die Straßen, die ich vor kurzem
menschenleer und verlassen sah, belebten sich wieder zum täglichen Leben
zum nächsten Male.
bis
-
Das freundliche Licht
In einer schönen Sommernacht erwachte ich und hörte bald, wie schon
so manchesmal, ferne Fliegergeräusche. Sie kamen nicht näher, die Flug-
zeuge schienen das Unterinntal zu überqueren, weshalb Wachsamkeit von-
nöten war. Ich schloß die Pappefenster und schaltete das Licht ein, um
munter zu bleiben. Allein, die Müdigkeit forderte ihr Recht.
Leg dich, du linder Schatten, zur Ruhe auf mein Aug,
nimm mich, güt'ger Schlummer! - Und freundlich nahm mich
Morpheus auf.
Schlaf, wie oft hab ich
-
an Leib und Seele müde dich herbeigesehnt,
bin in deinen weichen Armen geschwankt.
Ich habe mich dir anvertraut,
hab alles auch von dir erhofft.
Ich fand Erquickung.
Hab nach Kinderart der Träume Märchen fromm gelauscht,
hab mich selbst geschaut, den zweiten Wandrer,
den ich ausgesandt zur Wandlung dort in deinem Reich,
derweil, von dir erquickt, das Auge ich geschlossen hielt.
Du schenktest beides mir,
dich selbst, dazu ein zweites Leben. Ruh dem Leib
und neue Kraft für den nahenden Tag.
Mut und Kraft zu neuem Bestehen schenktest du mir,
daß ich rüstig erlebe den heischenden Tag,
mich aufs neue bewähre dem Leben mit hoffnungsvoller Brust
bis wir uns wiederfinden.
Ja, du vergönntest mir, wie stets in stiller Nacht,
im Husch vergang'nes Leben zu erleben.
Was mich bei Tag betrübt, erfreut,
ist dem Gedächtnis einverleibt
und meldet sich im Schlafe selbst nach Jahren wieder.
Gedanken und Träume vom Tage werden Erlebnis im Schlaf.
Befreundest mich mit Traumgestalten.
Nach des Tages Müh und Last,
freundlicher Wegbereiter, führst du zur Wandrung in ein ander
Land.
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Läẞt mich Vergangnes neu erleben,
Kommendes gar wundersam erschaun in Lieblichkeit und Graun.
Manch harten Strauß durft ich auch siegreich enden.
Hast öfter auch dem grimmen Nachtgespenst den Platz geräumt.
- kam ich zu mir,
Und gab es kein Entrinnen
-
in sanfte Wirklichkeit gebettet,
und
gerne
sank ich wieder zurück zu neuem Erleben der Nacht.
Was mir an Menschen eigen war und Dingen,
gewann Gestalt und neues Leben, durch meines Schlafes Wirken.
Wie oft sah ich in Wonn' und Glück mich selbst
und sah mich diese spenden.
Ach, güt'ger Schlaf, du läßt der Menschen Tränenstrom versiegen,
rufst zur Ruhe, Sturm und Drang,
erweckest Vater, Mutter mir, Zeit- und Weggenossen,
zu kurzem Auferstehn für mich,
wie tägliche Geschenke zu empfangen,
wie Sonnenlicht und Luft.
Du führest mich in selbstgeschaffne Wunderreiche
nach des Tages Ach und Weh.
Die Phantasie schafft zügellos die eigne Welt,
darinnen alles schwebt,
was war und neu geboren wird als Schaum.
So schenkest du auf's neu der lockenden Bilder Gestalten,
vergänglich alles wieder.
So bin ich stets bei euch, verbunden den Menschen und Dingen.
Ich halte sie alle die Wonnen und Freuden,
die Grüße der anderen Welt,
nehm sie als stilles Vermächtnis hinüber
in den hellen, glänzenden Tag.
So schenkest du in tiefem Schlummer
mir oft und immer wieder in Gedankeneile
die Umarmung des zweiten,
oft köstlichen Lebens.
Erwache ich, hatt' ich's erlebt,
empfangen die Schaumgebilde, die Begegnung,
die freundliche Rede, das schäumende Glück.
Es klingen die Märchen verborgen in Angst vor dem Tag.
Und erst der Tag erweckte mich wieder.
Die eingeschaltete Lampe mahnte an Nacht und Erwachen,
an die Absicht, mich wach zu erhalten,
an Gedanken, die im Schlaf in das Reich der Träume führten.
Das bei Nacht so herrliche Licht des glühenden Fadens
schien krank nun,
schwach und blaẞ in der Helle des Tages.
Es hatte ausgedient und ich trennte mich,
wie von einer treuen Seele.
Du hieltest mir also die Treue,
-
Treue, die innig sonst Herzen verbindet.
Du wachtest über dem Schlafenden,
derweil gaukelnder Schlummer mich betörend umfing.
Du kalte, so warme und treue Quelle des Lichts in stiller Nacht.
Ich war nicht einsam, du bliebst, wie ich dich rief.
Mit blassen Worten des Danks mußt ich dich löschen.
,,Der helle Tag bricht an, dich abzulösen.
Der jubilierend zirpende Morgen ladet zu neuem Sich-Regen."
Mit dem alten Werke aufs neue zu ringen,
ein Gestriges zu vollbringen,
ein Neues zu beginnen.
Zu schaffen,
sich regen, zu verdienen alle die Wonnen friedlicher Tage:
Den würzig flutenden, köstlichen Atem des Morgens,
die gütigen Strahlen der Sonne,
die Leben schenkende Luft,
den treuen Blick aus klaren Kinderaugen,
all das Leben ringsum,
die Zwiesprach mit Freunden,
die Erinn'rung an Glück vergangener Tage,
den befruchtenden, besinnlich stimmenden Regen
und den geruhsamen Abend an der Neige des Tages,
der wieder zur Ruhe uns bettet,
kurzum das Leben - wenn wir's gestalten.
Ihr Wände rings, ihr atmet der Verblichnen Leben in den
Raum, ihr hauchet täglich warm mich an
im Flüsterton erzählend.
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Die Abgeschiednen weilen noch mit mir im Kreis zu Tisch
bei Dingen ihrer Hand.
Ich lausche ihrer Meinung, willens, zu gehorchen.
Es ist der Jammer dieser Welt,
daß auch die Besten von uns gehn,
mit ihrem Können, Wissen, Wollen
und ihrer Liebe. Und daß auch wir
verlassen, was wir allezeit
als guter Geist begleiten möchten.
So rufe ich wieder die Teuren
alle im Geiste zu mir.
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Der Kuchen
An einem Sonntag war es, als das Alarmzeichen viel Militär aus einem in
der Bahnstation stehenden Zug rief. Der Alarm dauerte einige Stunden,
und ich bemerkte bald, daß drei junge Leute immer wieder zusammen-
traten und ein Problem wälzten. Schließlich wurde ich Gegenstand ihrer
Aufmerksamkeit, wie ihre Blicke verrieten, und richtig kamen sie auf
mich zu:
,,Bitte, sagen Sie mal, is hier in der Nähe nicht ein Bäckerladen?"
,,Bäckerladen? - Heute ist doch überall geschlossen. Aber wenn Sie
Brot kaufen wollen, gehen Sie am besten in ein Gasthaus, soferne Sie Brot-
marken haben."
,,Brot, ach ne, das haben wir genuch. Wir möchten uns aber einen Kuchen
backen lassen."
,,Das wird wohl nicht gehen", sagte ich und mußte lachen.,,Dazu ge-
hört doch auch Mehl, etwas Fett oder gar Butter und am Ende noch Eier
und Zucker."
,,Das hammer alles, wir haben doch unsere Urlaubspakete bei uns, davon
fehlt uns nischt."
,,Ja, das wäre ganz schön, aber der Bäcker fehlt, das geht heute leider
nicht."
"
,Wir brochen och keenen Bäcker niich, er soll uns nur die Bratröhre zur
Verfügung stellen, aufs Backen versteht sich schon mein Kamerad, nicht
wahr, das kannst Du doch."
,,Klar."
,,Bratröhre?" überlegte ich lächelnd,,,wenn Sie sonst nichts brauchen,
könnte vielleicht ich helfen. Eine Bratröhre kann ich schon zur Verfügung
stellen, sogar elektrisch zu heizen, wenn Sie nach der Entwarnung mit mir
in meine Wohnung kommen wollen."
,,Das ist ja wunderbar, aber sagen Sie nur, is das recht weit von hier,
wir möchten nicht zu weit wech vom Bahnhof hier."
,,Nein, nein, nicht weit, gleich dort die Ruine, das Haus Nr. 8, dem das
dritte Stockwerk samt Dach fehlt."
,,Was, gleich hier, das ist ja wunderbar, und Sie wollen uns jestatten,
daß wir dort unsern Kuchen backen?"
,,Aber sehr gerne, das nötige Werkzeug ist auch vorhanden, ich kann Sie
nur über keine Stiege führen, denn diese ist beim Angriff heruntergerasselt.
11 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter
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Sie müssen eben, wie ich nun immer, über eine Leiter in den ersten Stock
klettern."
,,Das ist doch kein Hindernis. Aber Sie, wie können Sie hier wohnen? Im
Winter kam Schnee, aber jetzt kommt das Wasser doch herunter, wenn es
rechnet."
,,Nur, wenn ich im Schlafe den Regen überhöre, und das kam nur einmal
vor. Sonst aber steige ich mit der Laterne hinauf und schöpfe das Wasser in
Eimer, die ich dann im Bogen herunterschütte. Die Last der Quadern hat
nämlich die Deckenbalken durchgebogen, so daß der dichte Parkettboden
geradezu eine Wanne bildet. Darin sammelt sich das Wasser, das ich dann
mit einer breiten Schaufel in den Eimer schöpfe. Das ist in jenen drei Räu-
men, die wir bereits freigemacht haben. Die anderen Räume sind noch so
voll von Trümmern und Material, daß davon viel Regenwasser aufgenom-
men wird. Was schließlich doch durchrinnt, fange ich im zweiten Stock-
werke auf. So habe ich in einer Nacht hundertneun Eimer Wasser geschöpft,
das war die Höchstleistung."
CC
Indem wir uns noch eine Weile unterhielten, kam die Entwarnung und
ich führte die Gäste über die Leiter in die Küche hinauf. Die Bratröhre
wurde gleich erprobt, die Urlaubspakete ausgepackt und sogar Backpulver
hatten die jungen Leute vorausschauend sichergestellt.
Junge Soldatenhände mischten gute Sachen durcheinander, um noch
etwas besseres daraus zu machen. Ein „,Guglhupf" sollte es werden, wie
man diese Mehlspeise hier nennt. Ich räumte indessen den Tisch, dessen
Stilleben gleich verriet, daß hier der einzige Bewohner des Bahnhofgebietes
haust.
Der,,Koch" übte sich in Geduld und mahnte zur Geduld, denn,,ein
Kuchen braucht immerhin seine Zeit, wenn es ein richtiger Kuchen werden
soll". Seine Miene wurde mit der Länge der Zeit immer ernster.
,,Es muß etwas nich in Ordnung sein, denn er will nicht steichn. In dieser
Zeit sollte er schon hochgehn, wenn alles klappt. Aber es stimmt etwa nich."
,,Haste vielleicht zuviel Oberhitze, dann kann er ja nich hochgehn. Sieh
nur zu, daß er nich verbrennt, es wäre jammerschade."
,,Ach ne, er is ja noch ganz blaẞ, davon kann kene Rede sein."
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,Haste das Backpulver hineingemischt?"
,,Klar, sonst wird ja überhaupt nischt daraus."
,,Haste das schon öfter jemacht?"
,,Das nich, aber ich weß doch, wie so 'n Ding jemacht wird."
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Ich menge mich ins Verhör:,,Ich glaube, man sollte die ganze Mischung
nicht gleich in die Röhre geben, sondern zuerst warm stellen, wie ich immer
gesehen habe, dort am Ofen stand die Form immer und erst als er hoch-
gegangen war, kam er in die Röhre."
,,Ne, ne, ich habe mich jenau an die Jebrauchsanweisung auf der Düte
des Backpulvers jehalten, das muß schon stimm'n."
,,Sieh mal wieder hinaus dazu, daß er ja nich verbrennt, das wäre das
Schlimmste." Und der Koch ging, um bald wiederzukommen.
,,Nachdem er schon braun jefärbt is, bring ich die Speise, wie sie is. Je-
denfalls is sie jekocht in dieser Zeit, sonst könnte der Kuchen kene so schöne
Farbe anjenommen haben."
,,Stimmt, die Farbe is schön, aber aufjegangen is er nich, der is ja janz
zusammenjesunken."
,,Nun seht ihr, ich hab schon gleich erkannt, daß hier etwas nich in
Ordnung is, entweder habe ich zu wenich Backpulver jenommen, aber ich
hatte ja nich mehr, oder es is abjestanden und hat keene Wirkung mehr. Das
macht aber nichts aus, der Nährwert is ja enthalten und jekocht is auch
alles."
Der Schmaus konnte beginnen und ich zog mich in die Küche zurück, um
nicht zu stören, aber bald wurde ich geholt.
,,Wir warten auf Sie, damit wir beginnen können."
,,Keinesfalls, ich werde Ihnen nicht noch die Mehlspeise wegessen.
,,Ne, ne, das kommt nich in Frage, alleine essen wir nich."
Mein Sträuben war vergeblich und ich bekam einen gleichen Anteil auf
den Teller. So aßen wir festen,,Speck" aus feinem Mehl, Eiern, Butter,
Zucker und Milch, die ich beistellen konnte. Es war tatsächlich alles gekocht
und schmeckte ganz gut, nur nicht nach,,Guglhupf“.
Zum Abschied mußte ich trotz meiner Weigerung ein Päckchen Reis
nehmen. Auch meine Bemerkung, daß die Angehörigen zuhause alles gut
brauchen könnten, war umsonst.
,,Wir haben noch genuch davon. Bei der Wehrmacht leben wir immer
noch besser und brauchen uns um das Essen nicht zu sorgen."
Der älteste dieser jungen Leute war vielleicht 22 Jahre alt. Alle drei
waren Fallschirmjäger.
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Rückblick
Alles überdenkend, bin ich gewiß, daß die Menschheit keines Orts dies
alles so gewollt, wo immer Elend sich im Kriege breiter machte. Es war
der Drang nach mehr, wo Mangel herrschte, anderwärts die Angst, vom
Überflusse zu verlieren.
Gestirne, rasend auf derselben Bahn, vor Angst sich zu berühren, zer-
schellen an dem Berg der Fragen.
Wo ist der große Geist, von wo wird er uns kommen, der vermag der
großen Welt das Glück zu sein, wie es ein Dichterfürst von einem Fürsten
fordert:
Sie,
Sie können es. Wer anders? Weihen Sie
-
-
Dem Glück der Völker die Regentenkraft,
Die ach so lang des Thrones Größe nur
Gewuchert hatte, stellen Sie der Menschheit
Verlornen Adel wieder her. Der Bürger
Sei wiederum, was er zuvor gewesen,
Der Krone Zweck ihn binde keine Pflicht
Als seiner Brüder gleich ehrwürd'ge Rechte!
Wenn nun der Mensch, sich selbst zurückgegeben,
Zu seines Werts Gefühl erwacht. der Freiheit
-
Erhabne, stolze Tugenden gedeihen.
-
Dann, Sire, wenn Sie zum glücklichsten der Welt
Ihr eignes Königreich gemacht dann ist
Es Ihre Pflicht, die Welt zu unterwerfen.
-
Schiller,,,Don Carlos", III, 10.
-
Und die Toten?
Möge sich ihnen eine bessere Welt auftun. Sie haben um Sonne und Brot
gelitten, - gestritten, geweint und gelacht und doch des
ausgekämpft,
Lebens sich gefreut, immer Besseres erhoffend, um endlich so zu sterben,
beneidet nur von jenen,,,die des Kampfes müde sind". Sie starben neben
uns, die wir ihnen noch zu folgen haben. Die Erde sei ihnen leicht, auf det
sie gewandelt in Kummer und Lust. Wir können nichts als ihrer gedenken,
mit dem Zeichen des Kreuzes.
Warum so groß der Unterschied im Leben und Sterben?
Das macht der Stern, der zur Geburt geleuchtet,
des Lebens Buchverwahrer, von Gottes eigner Hand geführt.
Du kannst dem Sterne deines Werdens nicht entrinnen,
er ist dir Licht und Schatten seines Zeichens,
Vermächtnis deiner Wiege. Er leitet empor auf die Stufen
des Segens, wieder hinab auch zum Verhängnis, für dich
und die andern des eigenen Kreises. Er zeichnet die
Wege mit inn'ren wogenden Kräften und Mächten von
außen.
Sie kreisen und kreisen, die Gewaltigen des All,
erfüllen den Kosmos, erleben sich selbst, wie Gedanken
im Kreisen erleben ihr endliches Werk.
Sie dröhnen eilend im endlosen Raum in Freiheit und dennoch
gebunden zur Ordnung des Ganzen,
von ewiger Weisheit gelenkt.
Es fluten die Ströme hemmend und drängend herab,
bestimmen Verweilen und Handeln. Sie lassen nach ihrem Ermessen
uns Meister des Schicksales sein,
bis endlich sich alles erfüllet,
wie es geschrieben.
Sie mahlen und mahlen Gedeih und Verderben,
Geschicke der armen Menschheit hienieden,
der lebenden Schleppe toter Gestirne,
der Mächtigen über Leben und Tod im Namen des göttlichen Willens,
der göttlichen Weisheit ohn' Anfang und Ende.
Im Wurfe der Falten klimmen die Kinder der Sonne empor,
jene der Nacht sinken verloren in das Gewoge hinab.
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Das Streben zur Ruhe der Fältchen am Gürtel -
-
gelinget den einen,
-
näher dem Herzen
nimmer den andern im fühllosen Takte des Schicksals
von immer und nimmer-immer und nimmer.
In des Faltenwurfes Nieder und Auf vergehen
die Kinder des Lebens,
in der Mühle der Leiber im Kampfe um Sonne fürs Leben.
Vermeinen ihr Schicksal zu meistern, am lockeren Zügel
von gelenkten Gestirnen gelenkt.
Der Einzle hastet vor und zurück,
webet und flechtet und glättet das Linnen
zur eignen Bestattung am Ende der Tage.
Es jagen die Schifflein, gehorsam dem Pulsschlag der Sterne,
benetzen mit Tränen das Werk,
wie von oben vergönnt und beschieden zur ewigen Ruh;
verstrickt in dem Wirrsal der Pläne und Stränge
des zeitlichen Schaffens,
wie Spinnen am Ende verdorren im emsig gewobenen Heim,
grauen Gefäde, dem endlichen Grab.
dem
Folg willig deinem Stern,
sei treu,
enteile nicht dem Zeitmaß der Bestimmung.
Eile zur Zeit! Nicht eher, nicht auf schwankem Grund,
behutsam setze Schritt für Schritt.
Die Prüfung trage festen Muts,
empfange achtsam alle Zeichen neuer Gunst
und prüfe, ob Beständigkeit dir winkt!
Mit beiden Händen halte dankbar fest den holden Augenblick
zu neuem Auferstehn.
Wenn Morgenrot dir leuchtet, setz willensstark und dankbar
froh dich ein, die Gunst euch zu verdienen,
um das unsichtbare Auge zu versöhnen,
das unser Tun und Lassen prüft,
den eingeschlagnen Wegen folgend,
denn kein Stampfen noch auch Tränen bringen
verlor'nes Glück zurück.
Pfleg sorglich, was dir in den Schoß gelegt,
und achte wohl die leblos nützlichen Dinge!
Sie pflegen die Rache durch Mangel in Tagen der Not.
Folge, wohin der innre Stern, dein Herz dich zieht,
vermeide, was ihm widerstrebt.
Erschließe Boten des Glücks dich in der Wirrnis des Lebens,
gewog'ner Begegnung am täglichen Wege,
den Gesandten sorglicher Sterne.
Übe guten Rat, damit er haften bleibe.
Die Tat bleibt dem Gedächtnis einverleibt,
nicht die Erzählung!
Gezerrt, gezogen, geschoben,
durch des Lebens schmale Gassen geschleift,
findet oft sich ein Ausgang erhellt,
wie göttliches Licht nach zürnender Laune mächtiger Geister.
Tragbar scheint alles, so es getragen,
schien auch erdrückend die Last.
Versäume nicht im Unglück auch das Glück zu sehn,
wenn es darin verborgen liegt.
Der Sterne schwanke Gunst, gleichet der Ebbe und Flut,
dem Zorne und gütiger Laune,
dem Heben und Senken, dem Rhythmus poetischer Schwingen.
Sie bereiten die Berge und Täler dem Leben der Völker,
das Leben und Sterben.
Ist der Todesstreich dir zugedacht,
so bleibt noch eine und die letzte Wahl,
klagend oder stumm zu sterben.
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IM BEREICHE DES HAUPTBAHNHOFES,
BEWOHNERN DIESES GEBIETES SIND GEFALLEN:
Opfer des Angriffs vom 15. Dezember 1943:
Armstorfer Andreas, Oberkellner,
Bachmeier Johann, Fernschreiber,
Brunner Johann, Kellner,
Duska Hildegard, geb. Jeszek, Abt.-Leiterin,
Fuchs Valentin, Oberinspektor, Fahrdienstleiter,
Gratzel Edith, Kind,
Heiß Gertrude, geb. Frank, Verkäuferin,
Kauth Gertrud, geb. Wagner,
Kerschbaumer, Hebamme a. D.,
Kneringer Berta, geb. Nairz,
Kneringer Erika, Schülerin,
Leitner Anton, Dienstmann,
Brusser Barbara, Rentnerin,
Engl Else, geb. Linke, Bürokraft,
Hausberger Maria, geb. Kofler, Büroangestellte,
Mayerotto Adelheid, geb. Kothmair,
Mayerotto Manfred, Kind,
Menk Friedhold, Obergefreiter, Verkäufer,
Metzler Ignatius, R.-B.-Oberamtmann, Bahnhofvorstand,
Müllauer Magdalena, geb. Dag, Ehefrau,
Reiter Emma, geb. Mazarana, Ehefrau,
Riedmann Franziska, verw. Egger, geb. Desaler,
Schaufler Johann, Schmied,
Schindler Maria, geb. Kastner,
Schreder Magdalena, Telephonistin,
Steiner, R.-B.-Beamtin,
Stern Johanna, Hausangestellte,
Umlauf Comarol, Postoberadjunkt,
Wannisch Marianne.
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Opfer des Angriffs vom 19. Dezember 1943: N ME
Müllauer Peter, Arbeiter.
Opfer des Angriffs vom 15. Dezember 1944:
Artmeier Lorenz, Postschaffner, München, Schnorr-Caroldsfeldstraße 3.
Hambloch Paul, Obermaat, geb. Feber 1900, Erk.-Karte Nr. 1138,
SS/KBA,
Gusenleiter Walter, SS-Schütze, 1. Batl., Hallein.
Opfer des Angriffs vom 16. Dezember 1944:
Dietrich Hermann, Städt. Inspektor.
Opfer des Angriffs vom 27. Feber 1945:
Staaken Franz, Leutnant, geb. 10. Oktober 1920, Feldpost 634477 Mün-
chen; Anschrift der Mutter: Bardenberg im Gröchelen 6.
Opfer des Angriffs com 10. April 1945:
Tanner Katharina, geb. Bernhard, Hausgehilfin.
Opfer des Angriffs vom 20. April 1945:
Gmelin Franz, Wetterinspektor, geb. 3. Juni 1902 in Beiningen,
Mechtle Heinz, Soldat, geb. 4. Juli 1920,
Spelig Friedrich, Oberfähnrich, Hochschüler, geb. 15. Juli 1920.
Schlußwort
Nun will ich noch danken für die in bangen Augenblicken auf mich ge-
richteten Blicke des Vertrauens und der Erwartung, wenngleich ich nicht
mehr tun konnte, als mich in dasselbe Schicksal einzureihen. Wie oft mußte
ich vielen stumm fragenden Blicken ausweichen, denn ich wußte nicht zu
sagen, wie es enden wird, konnte nicht versichern, daß die Tücke des Zu-
falls keine Bombe von vorne oder hinten schräg in die Einfahrt lenken wird,
durch die dünne Decke, in unsre Mitte hinein oder durch den schmalen
Stiegenschacht vor unsere Türe hin. Darüber konnte ich nur schweigen, wie
auch über Bomben mit einer Zündung auf Zeit, die unbeachtet das Haus
durchschlagen könnten, um sich auf einige Minuten zur Ruhe zu betten,
um weniges später alles zu begraben. Hingegen aber sprach ich gerne von
allen Sicherheiten, die uns die Keller boten, und sie haben sich auch be-
währt, trotz aller Einschläge auf die Mehrzahl dieser Häuser, am Bahnhof-
platz und in der Sterzinger Straße.
-
Wir standen alle für einen, einer für alle. Alle bestanden die Zerreiß-
probe der Nerven. In allen Kellern herrschte nur Ruhe. Dieses Gericht ging
vorüber, ohne Seelen zu erschüttern, ohne viele Opfer in den Luftschutz-
räumen zu fordern. Das danke ich auch den tausend Unbekannten, die,
wer weiß wie oft, den Gefahren getrotzt, auf meine Rufe hörten, als der
Ernst kam, und gingen. Das waren die besten Kameraden, auch jenen
mit fremder Muttersprache, wenn diese in den Kellern in ihrer Mitte Schutz
suchten und fanden. Im Geiste fühle ich mich heute noch allen Unbekann-
ten verbunden, wo auch ihr Vaterland liegen mag. Auch sie schenkten mir
ihr Vertrauen. Ich sehe sie heute noch vor mir, mit ihren großen und kleinen
Bündeln und öfter mit leeren Händen.
-
So reiche ich hiemit allen, besonders den Helfenden, oft und innig die
Hand über alle die Täler, die eine miẞhellige, sorgenvoll müde Zeit zwi-
schen den einzelnen auftat, um sie zu trennen, eine Zeit, die jeden als
Einzelgänger mit seiner Bürde auf den dornenvollen Weg des Einzel-
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schicksales führt, den jeder wandern muß, um seine Last zu schleppen, so
verschieden wie einer von dem andern ist.
Die widrigen Verhältnisse eines Krieges führten uns zusammen und die
widrigen der Folgezeit eines Krieges trennten uns.
Vielen Dank auch der Feuerwehr und allen bekannten und unbekannten
Helfern beim Brande vom 15. Dezember 1943 und jenen, die in ihrer
freundlichen, teilnehmenden Sorge mich oft zur Vorsicht mahnten.
Auch an die vielen Soldaten muß ich denken, die ich sah, als sie auf ihrer
Reise von einer an die andere Front, bei Alarm den Zug verlassen mußten,
und auch an die andern, die ich nicht sah; und dabei fällt mir die Meister-
novelle des Franzosen Honoré de Balzac,,,Oberst Chabert", ein, die von
Franz von Neumann-Spallart ins Deutsche übersetzt im Schlüsselverlag in
Innsbruck erschienen ist, und auch ein tragisches Heimkehrerschicksal er-
zählt. Balzac, ein Angehöriger der Nation, die nach dem zweiten Weltkrieg
den Soldaten der deutschen Wehrmacht an Stelle der deutschen Auszeich-
nungen gleichwertige französische an die Brust heftete, als sie mit der An-
gliederung von Elsaß-Lothringen französische Staatsbürger wurden.
Heimkehrertragödie bezeichnet Amadeus Horn die erwähnte Novelle
sehr treffend in seinem mit ausgezeichneter Sachkenntnis verfaßten Vor-
wort.
Die in der vorliegenden Schrift namentlich Genannten sind mir stets nahe,
zumeist als Spiegelbild jener harten Zeit, wie sie uns zur härtesten Bewäh-
rung immer wieder zu dieser Prüfung zueinander flüchten ließ. Ich weiß,
auch sie denken zurück und sprechen nicht davon. Dafür will ich der Spre-
cher sein, denn sie taten ihre Pflicht in der Not. Mögen sie diese Zeilen als
meine Verbeugung vor ihnen nehmen und für alle gilt das Dichterwort:
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Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,
Der froh von ihren Taten, ihrer Größe
Den Hörer unterhält und still sich freuend
Ans Ende dieser schönen Reihe sich
Geschlossen sieht!
Goethe,,,Iphigenie" I, 3.
Es werde Licht
Vor der Zeit bin ich erwacht -
zum köstlichen Schauspiele des Tages Erwachen.
Der schwarze Trunk der Nacht
empfängt die ersten Tropfen Morgenmilch.
Dies Grau ist nicht des Alters Zeichen,
es ist des jungen Tages erstes Kleid.
Morgendämmrung hat sich angekleidet.
Von jenseits naht den Bergen sich
rings ein Heer von Fackelträgern.
Es dampft das Flammenmeer empor
und der von Bergen hochgetragne Horizont
trägt den ersten Flaum des Lichts.
Und sieh, heller wirds und heller.
Ach, sanft verdrängt des Lebens Licht
des Schlafes finsteren Begleiter.
Das Wunder der Natur beginnt sich zu vollziehn,
wie nach gereiftem Plane
in Klugheit alles langsam, stetig sich entwickelt.
Und heller, immer heller wird die Nacht. -
Wohin so viel der Dunkelheit, woher das viele Licht,
das uns aus Schlaf erweckt, zu neuem Leben ruft?!
So viel von Gegensatz so friedlich ausgeglichen
und wir erkennen 's nicht.
-
Es kann nicht Vorbild sein, wir achten 's nicht,
denn schlummernd lassen wir den Tag uns schenken,
um - kaum beglückt ihn zu genießen,
wie vieles, was Natur uns schenkt,
dem wachen Schläfer.
-
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Die Blindheit ist's, die Abkehr von Natur,
was uns auf schiefe Bahnen treibt.
Horch, die Amsel schlägt
und sucht mit rollenden Tönen
kapriziöse höhere Kunst.
Dann meldet sich lockend,
eintönig, der länger ruhende Fink.
Pipipi
-
zirpipi, klingt es in die kränkelnde Nacht.
Es singt der Vögel Zwiegespräch Lieder des Dankes
für die glücklich überstandene Nacht -
-
der Freude über den nahenden Tag,
der alles fürs tägliche Leben bereitet.
Nur kleine Vögel singen schöne Lieder,
Der Adler schreit, der Mächt'ge muẞ befehlen.
Heller, heller wird es, immer wieder heller,
das reiche Herz Natur will überschäumen.
Es ahnt und weitet zur Empfängnis sich das breite Tal
in Lust die hellen Fluten zu empfangen.
Wie der ferne Wandrer immer näher kommt
und am End sein Antlitz uns den alten Freund entdeckt,
so naht sich uns der neue Tag.
Es leuchtet vom Gebirg herab ins weite Tal
der unsichtbaren Fackel Schein,
bis immer wieder heller uns des Tages Licht umfängt.
Voll Hoffnung dürfen wir den täglich Neugebornen schaun
und sind von ihm am End beglückt.
Frei tritt er herein in jeden Raum,
der offen steht, ihn freundlich zu empfangen.
Willig dient er uns als Knecht,
so ihn unser Herz erfüllt,
mit frohen Augen wir ihn schaun,
wie alles Werk erst zu uns spricht,
wenn mit Empfindung es geschaffen.
Nun kräht schon herrisch der Hahn,
Die Hausfrau Henne daneben,
gluckst schluchzend in ihr Gegacker,
aufgestört, den Kummer über die Pflichten des Tages.
Zeitlich beginnt sie die Klage.
Die ersten Laute sind 's, womit der neue Tag sich übt,
das laute Tagwerk zu beginnen.
Zu Pflichten geweckt, erhellen sich Räume
mit künstlichem Licht.
Die Fenster werden zu rötlichen Augen
der scheidenden Nacht.
Der siegreiche Tag hat sie verdrängt,
sie, die Entspannung und Ruhe uns brachte
und Entrückung in Welten der Träume.
Gestirne ohne Zahl, geführt vom güt'gen Mond,
mühten sich in finstrer Nacht,
uns fürstlich Glanz zu senden,
und dennoch blieb es Nacht,
denn nur die Sonne bringt den Tag.
Und nun, da sie zu nahen scheint,
werden jene immer blässer, zu einem Nichts,
vor ihr, der Königin.
Der Morgenstern und Mond allein verharren noch
zum Abschiedsgruß, bis auch diese sinken,
vom neuen Tag verdrängt.
Was wird er uns bringen, Freude des Lebens,
den Preis ins tägliche Schaffen,
wird er uns prüfen mit bitterem Kummer?
Wohlan, mit frischem Mute sei's wieder gewagt, -
nach kurzem Schlummer bis dort.
So laßt auch uns auf Morgengrauen hoffen
und auf der Sonne Wiederkehr.
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Der Südtiroler Platz vor dem Kriege
Der Südtiroler Platz (Hauptbahnhof) nach dem Abbruch der Ruinen. Der Aufbau des Bahnhofgebäudes
ist in Angriff genommen, links ist bereits die Betondecke über den ausgedehnten Kellern sichtbar.
Ausführung: Bauunternehmung Innerebner & Mayer, Innsbruck
1
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ND SCHAD
Südtiroler Platz Nr. 8. Das Haus des Verfassers, nach dem Aufbau des III. Stockwerkes. Baumeister:
Georg Auer, Innsbruck. Die Maurerarbeiten wurden von einem Mann, dem Polier Josef Schiendl, ass-
geführt. Den Dachstuhl baute Alfons Scheiring, Innsbruck. Daneben die Ruine des Hotels,.,Viktoria".
Haus Nr. 6
Südtiroler Platz Nr. 2. Das Hotel ..Europa". Ein Teil der Front gegen die Brixner Straße im Aufbau.
2
Baumeister: Gustav Schmid, Innsbruck. Interne Leitung: Hoteldirektor Emmerich Hochreiter
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3
11 11
LLLL
Südtiroler Platz Nr. 1. Das Hotel „Tyrol" mit dem in die Brixner
Straße reichenden zertrümmerten Gebäudeflügel (Brixner Straße Nr. 3)
Südtiroler Platz Nr. 16. In diesem Gebäude war während des Kri
das Polizeipräsidium untergebracht. An der Ecke befindet sich
Eingang, der zum Luftschutzkeller führte
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OLF BAUR
Meinhardstraße Nr. 10. Diese Ruine wurde im Jahre 1949 wieder auf-
gebaut. Baumeister: Ingenieure und Baumeister Seraphin Pümpel
& Söhne, Hall, Tirol. Das Nebenhaus Nr. 12 nach der Wiederherstellung
Brixner Straße Nr. 2 während des Aufbaues, Baumeister: Jartschitz
& Co., Techn. Büro, Innsbruck
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uipal
mil
RUDOLF BAUR
Brixner Straße Nr. 4.,,Lodenbaur". Die linke Haushälfte zerstört. Daneben steht der wiederaufgebaute
Teil vom Hotel,,Europa"
1
Brixner Straße Nr. 3. Der auf Seite 3 bereits erwähnte Gebäudeflügel vom Hotel ..Tyrol"
5
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Brixner Straße Nr. 1 nach dem Abbruch der zertrümmerten oberen Stockwerke. Anschließend wieder
der auf Seite 3 und 5 erwähnte Gebäudeflügel und anschließend rechts das Hauptgebäude vom Hotel
..Tyrol" (Südtiroler Platz Nr. 1)
Brixner Straße Nr. 1, Rückseite, vor dem Abbruch der Stockwerke
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Muscumstraße Nr. 28. Gasthof,,Wilder Mann" nach der Behebung des schweren Bombenschadens.
Baumeister: Dipl.-Ing. Hubert Biedermann
Museumstraße Nr. 27. Nach dem Aufbau der gänzlich zerstörten Haushälfte. Entwurf und Bauleitung:
Architekturbüro Hubert Sterzinger. Baumeister: Ing. Josef Retter, Innsbruck
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IN
Museumstraße Nr. 33. Das Gebäude der Tiroler Gebietskrankenkasse wurde gelegentlich der Be-
hebung der Bombenschäden auch aufgestockt. Baumeister: Ing. A. Fellner, Innsbruck
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Brunecker Straße Nr. 1. Das wiederhergestellte und aufgestockte Bahnpostgebäude. Baumeister
Laufenböck und Baumeister Pastucha von der Postdirektion
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LI
Museumstraße Nr. 35. Das Hotel ..Grüner Baum". Baumeister:
Bauunternehmung Klabuschnig, Innsbruck
Brunecker Straße Nr. 2. Der zertrümmerte Gebäudeteil erschei
verkleidet
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S
Sterzinger Straße Nr. 2 und 4. Das angrenzende Haus Nr. 6 mit den
wiederhergestellten Erkern
Brunecker Straße. Der zum Hotel Tyrol" gehörige östliche
Gebäudeflügel
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ECYCHDIENST
RAGE
ROTHY.WIEDNER
LEY EMAT
BOSCH-DIENST
Heiliggeiststraße Nr. 9. Die rückwärts gelegenen Werkstätten und Autogaragen wurden durch Bomben
und Feuer gänzlich zerstört, ebenso das Innere des Vorderhauses, das hier nach dem Ausbau zu sehen
ist. Baumeister: Anton Fritz, Innsbruck
Adamgasse Nr. 18 nach Abtragung der Ruine. Der Aufbau wurde 1949 in Angriff genommen.
Baumeister: Lutz Gerzabek, Kitzbühel, und Baumeister Robert Findeis, Innsbruck
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MOTNC
Adamgasse Nr. 20. Das zerstörte und ausgebrannte Haus nach dem
Wiederaufbau. Baumeister und Architekt Alois Schraffl, Innsbruck
Heiliggeiststraße Nr. 13 und 14. Zwei Nebengebäude zum Hotel ..Union
in der Adamgasse. Nr. 13 ist zerstört. Nr. 14 wieder bewohnba
Baumeister: Dipl.-Ing. und Baumeister Retter. Innsbruck
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Adamgasse Nr. 2. Das Gebäude der Nationalbank, dessen rückwärtiger Teil schwer getroffen wurde
ALBER
BHOTEL
CAFE
Salurner Straße Nr. 1. Das Hotel ..Arlberger Hof" nach dem Aufbau des zerstörten rückwärti
Teiles: Baumeister: Bauunternehmung A. Klabuschnig, Innsbruck. Ingenieure und Baume
Seraphin Pümpel & Söhne, Hail, Tirol. Architekten Ewald und Walter Guth, Innsbruck. - Dipl
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Architekt Walter Lischka, Innsbruck
-
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☑
Salarner Straße Nr. 11. Das Gebäude der Stadtwerke nach der Behebung der schweren Schäden.
Ausführung: Bauunternehmung Innerebner & Mayer, Innsbruck
Salurner Straße-Ecke Maria-Theresien-Straße Nr. 57. Das zum Teil zerstörte Peterlongo-Haus (Sarn-
the in-Palais) vor dem Aufbau, Entwurf und Oberbauleitung: Architekten Z. V. Dipl.-Ingenieure
Stanger und Lechleitner, Bauarbeiten: Heinrich Spirk
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Stielzel
mer Platz Nr. 5 vor dem Aufbau, der 1949 in Angriff genommen
wurde. Baumeister: Ing. Max Plörer, Innsbruck
Adamgasse Nr. 9a. Nach der Behebung der schweren Schäden.
Baumeister: Willy Haselwanter & Co., Innsbruck
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Bozner Platz Nr. 6. Der Bau wieder unter Dach. Entwurf und Oberleitung: Akad. Architekt
Z. V Lottersberger, Innsbruck. Baumeister: Seraphin Pümpel und Söhne, Hall in Tirol
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Bozner Platz Nr. 7 während des Wiederaufbaues. Entwurf und Oberleitung: Akad. Architekt Z. V.
Lettersberger, Innsbruck. Baumeister: Josef Senn and Söhne, Innsbruck. (Für Innsbruck der erste
Bau mit Katzenberger-Decken)
-
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HOTEL KREAD
DARFUME RIV
Bozner Platz Nr. 3. Das Hotel ..Kreid" nach der Behebung der schweren Schäden an beiden Fronten.
Baumeister: Grissemann & Walch, Innsbruck, und Dipl.-Ing. und Baumeister Retter. Innsbruck
HOTEL KIERO
==
BACKEREI SCHLEMMER
SPORTHALS
Bozner Platz Nr. 2
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INT
Bozner Platz Nr. 1. Das Gebäude mit dem Kaffeehaus,,Weiß" während des Aufbaues.
Baumeister: Bauunternehmung A. Klabuschnig, Innsbruck
THI
Meraner Straße Nr. 8. Der notdürftig überdachte Rest des einst stattlichen Gebäudes der
,,Tirolischen Landes-Hypotheken-Anstalt"
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KALFEE RESTAURANT
Meraner Straße Nr. 7. Der Rest vom Hotel-Café München
RUCK
SISCIARUSLAISISIGN
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Erlerstraße Nr. 8. Das Gebäude der Sparkasse der Stadt Innsbruck wieder hergestellt und aufgestockt.
Baumeister: Josei Senn und Schn Innsbruck
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D
Erierstraße Nr. 18. Der in der Erlerstraße gelegene Teil des Sporthauses
Witting im Aufbau. Baumeister: Baubüro Ingenieure Mayreder,
Kraus & Co., Innsbruck
Erlerstraße Nr. 6. In der Mitte das Hotel Delevo" nach Behebung
aller Schäden, Baumeister: Dipl.-Ing. Hubert Biedermann
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MANERE LINTE BUCHDRUCKEREICH
HIND
Sauncher
Erlerstraße Nr. 5. Links das Gebäude der Wagner'schen Univ.-Buchdruckerei. Rechts Nr. 7. Das
Gebäude der Bank für Tirol und Vorarlberg nach der Behebung des Schadens und am Beginne der
vollständigen baulichen Neugestaltung. Gesamtplanung: Akad. Dipl.-Architekt Carl Appel, Wien.
Örtliche Bauleitung: Dipl.-Ing. Ferd. Dittrich, Innsbruck. Baumeister: Grissemann & Walch, Innsbruck
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Wilhelm-Greil-Straße Nr. 14 und rechts davon das Haus Nr. 12
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BACKEREI
Wilhelm-Greil-Straße Nr. 1 (das helle Haus in der Mitte) nach der
Behebung des schweren Schadens. Ebenso das Nebenhaus Nr. 3 (rechts).
Baumeister: Viktor Habitzel, Innsbruck
Wilhelm-Greil-Straße Nr. 16. Der in dieser Straße gelegene T
Gebändes der Tiroler Landesregierung nach der Behebung der sc
Schäden an der Grundmauer und am Ffeiler der Einfahrt
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Wilhelm-Greil-Straße Nr. 8 nach der Behebung des schweren Schadens. Baumeister: Ingenieure und
Baumeister Seraphin Pümpel & Söhne, Hall
Wilhelm-Greil-Straße Nr. 25. Das Gebäude mit dem „Stieglbräu" nach der Behebung aller Schäden
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Greil
Straße
Stre
Platz
Stro B
Strane
LAGERHADS
Sterzinge
Str
lotz
HAUPTBAHNHOF
Plan mit dem Gebiet des Hauptbahnhofes von Innsbruck
mit 448 eingezeich
Bambeneinschlägen
Als Unterlage zu diesem Planaunchinne diente der Plan im Heftchen Innsbruck hilft sich selber", das vom Seademagistrate Innsbruck herangegeben wurde
Die öfentlichen Luitschakeler
Bombeneinschläge
WS
Brunt
Str
BAHNHOF
FLUSS
König
Laurin