Alte Stadt im Ungewitter ======================== INSTITUT FOR GESCHICHTE E 24328 ZIMMERMANN Alte Stadt im UNGEWITTER 544328 ADOLF ZIMMERMANN / ALTE STADT IM UNGEWITTER 67/2132 8C32 9/a.co/20/40. ADOLF ZIMMER MANN ALTE STADT IM UNGEWITTER TATSACHENBERICHT EINES ALTEN INNSBRUCKERS MIT 40 ABBILDUNGEN UND EINEM STADTPLAN für Institut Geschichte Universität Innsbruck UB INNSBRUCK +C8902170X IM SELBSTVERLAG DES VERFASSERS (1949) Vereinnahmt in Bestandsverzeichnis Nr. 2208 Nachtrag 1986 Nr.....124 VORWORT Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten Dieses Büchlein enthält keinen Roman, sondern einen Bericht von Tat- sachen und die durch sie in mir ausgelösten Gedanken und Empfindungen. Es finden sich nebeneinander in nüchternen Worten die Schilderung des harten Kriegsgeschehens und -Poesie, ein Gegensatz, der seine Erklärung findet im Umstande, daß ich inmitten der Bombentrichter und Ruinen bei Tag zumeist und bei Nacht stets allein war, so daß ich Zeit fand, mich un- gestört von Flügeln der Phantasie über den Alltag hinwegtragen zu lassen und mich an Dichterworte zu erinnern, als drängende Gedanken darin ein Gleichnis fanden. Als mir das tägliche Wort zu nüchtern schien, um zu sagen, was mich erfüllte, habe ich es gewagt, nach meinem Vermögen mit dem weichen schwingenden Worte eigene Wege zu gehen, in der Hoffnung, mein inneres Erlebnis damit besser zu vermitteln. - Möge ein freundlicher Leser geneigt folgen und traumhaft erleben, was mir und anderen harte Wirklichkeit war, und nicht vergessen, daß, ach, so vielen auf der großen, weiten Welt viel Schlimmeres geschah, jenen, die nichts mehr zu berichten haben, und jenen zutiefst Getroffenen, die für den Rest des Lebens die Worte sparen. Innsbruck, am 20. August 1949. 1949 Herausgeber: Adolf Zimmermann, Innsbruck Druck: Verlagsanstalt Tyrolia A. G., Innsbruck 18793 Der Verfasser Zur Bezähmung nimm's zur Hand, wenn dich deiner eitlen Wünsche Dunst bedrängt. An Ungewitter laß dich mahnen, wenn Sonne zwischen blassen Wolken zu wenig Glück dir scheint. Diese Schrift verdankt ihr Entstehen meinen tagebuchartigen Auf- zeichnungen aus der Zeit des zweiten Weltkrieges. Sie bringt Selbst- geschautes und -erlebtes aus einem engen Arbeitsgebiet, das aber unter dem Druck der Gefahren des Krieges im gegebenen Augenblick intensive Anstrengung verlangte. Das Büchlein bringt also einen örtlich beschränkten Bericht über Eindrücke aus der Zeit des Krieges und den Tagen nach demselben. Vielleicht finden sich Augenzeugen aus anderen Teilen der Stadt bereit, ihrerseits zur Geschichte unserer Heimatstadt mit einem Heftchen als Er- gänzung zu diesen Aufzeichnungen beizutragen, wofür das Statistische Amt der Stadt Innsbruck im Jahrbuch und Einwohnerverzeichnis von Innsbruck 1946/47", S. I/39, Unterlagen bietet. Diese Übersicht ist auch in den Tiroler Heimatblättern, Heft 3/4, S. 60, zu finden. Dort ist auch hingewiesen auf die eingehenden Forschungen des Herrn Dr. Leo Unter- richter und auf eine Schrift des Herrn Landeskonservators Dr. Graf Oswald Trapp, welche besonders die Schäden an Kunstdenkmälern von Innsbruck berücksichtigt. Große Beachtung fand auch die vom Stadtmagistrat im Herbst 1947 herausgegebene Schrift,,Innsbruck hilft sich selbst". Die zahl- reichen Bilder aus der Zeit der Zerstörungen zeigen, wieviel an Aufbau- arbeit damals bereits geleistet worden war. Die im beigefügten Plane ein- gezeichneten Bombentreffer veranschaulichen, welcher Hagel von Bomben auf Innsbruck niederging. Viele von den aufgebauten Häusern haben ihre traurige Geschichte, die sich hinter der neuen Gestalt und der schönen Fassade verbirgt; von den anderen sind die Ruinen heute noch ein schauriges Zeichen. Mancher Tote wurde ihnen entrissen, worüber aber die Blätter im Buche der Stadt Inns- bruck fehlen. Und doch lohnte es sich, den Nachkommen zu berichten, wie wir den Krieg überlebten und andere starben, wie ein gütiges Schicksal das Leben aus der Gefahr herausführte und wie hart es hineingerissen wird, wenn die Zeiger der Lebensuhr sich der letzten Stunde nähern. 9 Bevor ich auf die Tage der Angriffe eingehe, möchte ich nicht unter- lassen, vorerst Allgemeines vom Südtiroler Platz (Bahnhofplatz) zu erwäh- nen, um spätere Wiederholungen zu vermeiden. Wenn ich in der Folge vorziehe, an Stelle der offiziellen Bezeichnung,,Südtiroler Platz" ihn Bahn- hofplatz zu nennen (wie dieser Platz auch bis Ende 1923 geheißen hat), so geschieht dies, um damit auch die örtliche Lage zu vermitteln und gegen- wärtig zu halten. Bei Luftangriffen lagen wegen der Nähe des Bahnhofs die Verhältnisse hier wesentlich anders als in der inneren Stadt oder vor den Bunkern am Stadtrand. Bei Alarm mußten die in der Station stehenden Züge verlassen werden. Es ergoß sich sofort ein Strom von Ab- und Durchreisenden auf den Bahnhofplatz. Waren es in der ersten Kriegszeit Zivilisten und Sol- daten, so änderte sich das Bild gegen Ende, da der zivile Reiseverkehr gehemmt war. Es waren fast nur noch Militärpersonen, Fremdarbeiter und Flüchtlinge zu sehen. Während der ersten Kriegszeit glaubte auch fast niemand an einen Fliegerangriff auf Innsbruck. Die Fronten waren zu weit entfernt, und Innsbruck bot außer den Bahnanlagen keine militärischen Ziele. Niemand war daher auf Weisungen eines Luftschutzwartes sehr neugierig oder besonders gewillt, Weisungen zu befolgen. Alles blieb in der Nähe des Bahnhofes vor dem Hause Nr. 7, dem Bahndirektionsgebäude, und in der Sterzinger Straße, wo sich im Hause Nr. 2 der nächste öffentliche Luft- schutzkeller befand. Dort kam es in der ersten Zeit zu ahnungslos unver- nünftigen Ansammlungen von Menschen, die alle dachten, im Ernstfall rasch genug in den Keller kommen zu können, obzwar er einer solchen Menge gar nicht genügend Platz bieten konnte. Die Schutzmannschaft der Wachstube im damaligen Gebäude der Polizeidirektion, Südtiroler Platz 16, hatte ihre liebe Not, sich bei Alarm Gehör zu verschaffen. Die Tatsachen belehrten. Der erste Angriff vom 15. Dezember 1943, der sich gegen die Bahnanlagen richtete, aber auch die innere Stadt schwer traf, zeigte den furchtbaren Ernst des Krieges. Dieser Angriff forderte denn auch die meisten Opfer. Jener vom 19. Dezember 1943 richtete sich gegen den West- bahnhof, traf aber auch die dortigen Wohnviertel sehr hart. Es war ein großes Glück, daß eine ansehnliche Zahl von Bomben ihr Ziel verfehlte und in die Felder von Amras und Wilten niederging. Nach diesen ersten Angriffen strömte der Großteil der Ortskundigen bei Fliegeralarm vom Bahnhofplatz in die Stadt. Als besonders gut ausgebaut 10 und sicher galten die Keller des Sparkassengebäudes und der Hofburg. Mit Vorliebe wurde auch der weite Weg zu den Stollen am Stadtrande ge- macht, wohin sich vor allem ein Strom von Menschen aus den nächstliegen- den Stadtgebieten ergoß. Reisende, die vom Alarm überrascht wurden und den Zug verlassen mußten, zogen es meist vor, in Bahnhofnähe zu bleiben, um die nach der Entwarnung abfahrenden Züge nicht zu versäumen. Unterdessen wurde der Ausbau von Luftschutzkellern eifrig betrieben, so daß schließlich die in der Skizze sichtbaren Luftschutzkeller in der Nähe des Bahnhofes zur Verfügung standen. Wie aus der Skizze ersichtlich, wurden einige Luftschutzkeller unbrauch- bar. Als erster am 15. Dezember 1944 jener im Hause Südtiroler Platz Nr. 8 durch einen Einschlag in das Stiegenhaus. Die Stufen aus sprödem Marmor brachen bis auf 14 Stück herunter. Der Zugang zum Keller war damit ver- schüttet. In diesem wie in andern Fällen zeigte sich, daß Marmorstiegen bei einem Einschlag sich selbst restlos zerstören, indem die geborstenen Stufen durch ihre stürzenden Trümmer auch die darunter befindlichen zum Bersten bringen, so daß sie einen leeren Schacht zurücklassen. Am gleichen Tage wurde der Keller im Hause Sterzinger Straße Nr. 4 durch einen schweren Treffer unbrauchbar. Am 15. Dezember 1944 ging auch der Luft- schutzkeller im Hotel Tyrol (Brixner Straße) durch den Einsturz eines Gebäudetraktes verloren. Die Trümmerlast brach bis in den Keller durch, wobei der Gang zu den Luftschutzräumen verschüttet wurde. Fast bei allen Häusern waren die Hauptmauern in den Kellern durch- brochen und durch eine leichte, gemauerte Zwischenwand ersetzt worden, die man im Bedarfsfalle durchschlug, um in das Nebenhaus zu kommen. So wäre es möglich gewesen, vom Hause Sterzinger Straße Nr. 6 bis in das Haus Salurner Straße Nr. 3 zu gelangen. In gleicher Weise waren die Hauptmauern in den Häusern Salurner Straße Nr. 4 bis zur Brixner Straße Nr. 2 durchbrochen, wo der Sillkanal Halt gebot. Die Luftschutzkeller waren ein Problem für sich. Unter den schwierig- sten Verhältnissen sind sie trotz des Mangels an Arbeitskräften und Ma- terials alle erst während des Krieges entstanden. Das bedeutet eine Kraft- leistung, die von der obersten Bauleitung bis herab zu den Arbeitern, oft bei mangelhafter Verpflegung, vollbracht wurde. Diese Arbeiter waren, unterstützt durch die willige Hilfe der Fremdarbeiter, vielfach die Retter in der Not. Wie wenige der Zufluchtsuchenden werden sich aber über den Umfang dieser unterirdischen Arbeiten im ganzen Stadtgebiet Gedanken 11 gemacht haben, trotzdem diese Schutzräume durch die Benützung bei Fliegeralarm allgemein bekannt wurden. Diese Luftschutzkeller der Häuser mit elektrischen Licht- und oft auch motorischen Lüftungsanlagen wurden aber noch weit übertroffen von den in die Felsen getriebenen Stollen am Rande der Stadt. Diese harte Arbeit und die Materialbewegung konnten nicht übersehen werden. Die Kom- pressoren hämmerten bellend einem jeden ihre knatternden Takte in die Ohren, sie duldeten kein Übersehen und Überhören dieses Einbruchs in das Gebirge. Die immer weiter anwachsenden Halden der herausgebroche- nen Gesteinsmassen wiesen in dem Blau des Schiefers oder dem Grau des Kalksteins das Innere der Berge aus, und jeder Stein war damals und ist heute noch eine Mahnung, der schwieligen Hände und des Schweißes im Antlitz der Arbeiter zu gedenken, die unter schwierigsten Lebensbedin- für die Gefahr einer schweren Zeit den Bewohnern Innsbrucks diese gungen Zufluchtsorte schufen. Diese Stollen bleiben ein düsteres Denkmal an Kriegsnot, eine Erinnerung für alle Zeiten, denn diese Hohlräume werden nie mehr ausgefüllt werden, solange unsere geliebten Berge stehen. Wer würdigte die Leistungen des Hirns und der nicht immer muskel- starken Arme? Wer sprach davon, als eine Menschenmenge die Stadt eiligst verließ, um sich in den Stollen geborgen zu fühlen? In der Wirrnis des Krieges wurde diese Fürsorge hingenommen wie der Schatten der durch die ganze Welt rasenden Kriegsfurie, indem die Besten gegeneinander aufgeboten wurden als Beute für die unerbittliche Sense reichbeladene Halme für den harten Schnitter Tod. Und so rissen und zerrten mit Meißel und Sprengen sie heraus die Geweide des Berges. Es türmt sich zu Halden die freundliche Bläue des Schiefers und auch das so müdere Grau des Kalks. Es gähnen die Pforten, die Labyrinthe im Berge als Irrtum für Geschlechter, die kommen, als Zuflucht für heute, die Mahnung für spätere Zeiten. Die Menschen werden nicht müde zu lernen, doch immer zu spät erst - an Folgen, nicht aber an dem, was schon war. Der einzelne hört nicht den Vater. Von vorne will jeder am Fehler zu sehen erst beginnen. So auch die Summe von allen, die Geschlechter der Zeiten, wie endlos die Reihen auch folgen, bis endlich das Maß überfüllet und Gesetze der Welten verkünden: ihr habt die Mittel ergründet, seid gedrungen in die Werkstatt Natur. Vernünftig wollt ihr nie hören, wohlan denn, vernichtet euch selbst. Nach den zwei Fliegerangriffen vom Dezember 1943 gab es wohl dann und wann einen Fliegeralarm - auch bei Nacht, aber Innsbruck blieb diesen ganzen Winter über von weiteren Angriffen verschont. Der Winter ging vorbei. Er mußte dem Frühling weichen. Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Goethe, Faust II, 2. Mit den ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne bot der Bahnhof- platz bei Fliegeralarm gleich ein anderes Gesicht. Die verheißende Jahres- zeit zeigte sich herrlich in neuem Glanze. Die herumstehenden und -sitzen- den, kraftvollen Soldatengestalten empfingen die wärmenden Strahlen wie den Segen einer erwachenden Natur, die sich ans Leben wendet. Die vom Winter ausgefrorene Welt ist so hungrig nach Wärme und Licht wie das keimende Leben im trockenen Acker nach Regen. Alles sonnt sich behaglich, vom sanften Frühlingswind umweht, und atmet den warmen Hauch der Frühlingsluft wie neues Leben. Der große freie Platz gestattet einen weiten Blick auf die ganze Prachtentfaltung der schwelgenden Natur. Ringsum ein Erwachen. Die über die Häuser sich reckende Nordkette und der Gebirgszug auf der anderen Seite des Inntales entkleiden sich vom Weiß des abgeschiedenen Winters. Vom Mittelgebirge lockt bereits das junge fröhliche Grün der Wiesen. Der Frühling ist zumeist von sehr kurzer Dauer in Innsbruck, der Stadt im Kältespeicher. Auf den Bergen hält sich der in Schluchten und Mulden vom Wind zusammengetragene Schnee sehr lange. Mag schon die Sonne fleißig scheinen, die kalte Luft der lange mit Schnee bedeckten Berge strömt Tag und Nacht herab ins Tal, und oft überdeckt den letzten Schnee ein 12 13 neuer, erster. Dann sind wir aber dem Sommer sehr nahe und er folgt dem Frühling bis auf die höchsten Bergspitzen. Mit der Jahreszeit ist dann aber auch das Bild in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt verändert und ist doch wieder dasselbe. Am Bahn- hofsplatz wieder Soldaten und Fliegeralarm. Hatten sie sich im Frühling den Strahlen der Sonne angeboten, so schienen jetzt ihr Gesicht und das Feldgrün der Uniform wie von der Sonne versengt. An solchen heißen Tagen brachte selbst Regen einen Genuß, besonders wenn der Ausblick in das Mittelgebirge mit seinen Gehöften und satten Wiesen frei blieb, ein Bild, wie es Friedrich Punt anmutig in Worte faßt: Durch den Spiegel an der Wand seh' ich in verklärtes Land, Hügel feuchtgrün, Äcker braun, silbern einen Bauernzaun, Büsche, Bäume daran wehn, sich im Luftzug drangvoll drehn, Regensträhne, Nebelgrau vor der Berge schwarzem Blau mehr geahnt als wirklich fällt gelber Sonnenschein ins Feld, alles farbenzart und klar, reiner, weil bloß mittelbar, geistig leuchtet das Gefild, einer Seele Ebenbild. Kam der Herbst ins Land, so war es wie ein Abschiednehmen für lange Zeit. Tag für Tag, als fiele die Trennung schwer, empfängt alles noch den warmen Abschiedshauch versiegender Kraft. Die Zeit ohnmächtigen Wollens wurde kürzer, schmerzlicher. Der Winter, seiner Härte wohl be- wußt, trat zögernd in seine Rechte, mahnte die Natur zur Ruhe, um endlich sie in langen Schlummer zu betten, sorgsam in kaltes Weiß gehüllt. Die frostige Herrschaft war angetreten. Die Flocken torkeln behutsam herab, wie tausendfältige Wünsche des Glücks zu segnen die Erde in Ruhe und Schlaf. An klaren Wintertagen erreichten uns die matten, kraftlosen Strahlen mehr begehrt als empfangen, 14 wenn sie, die Leben spendende Göttin hoch oben am Mittag den Scheitel ihres Weges erreichte, schoben sich langsam hinaus die Schatten der ragenden Häuser, als Künder der kommenden Nacht, da schon heimwärts fürs Auge sie zog auf absteigendem Wege nach Westen, zu müde selbst, um andre zu erquicken. Mit den Schatten lösten sich mählich die Männer von der als Lehne dienenden Wand, zu streben hinaus auf den Platz, nach dem nur noch leise wärmenden Licht, noch und noch zu genießen die frostig scheidende Sonne. Der Sonne Schattenfinger ohne Zahl weisen uns die Zeit und langgestreckt den Untergang des Tages - - wie unsre Lebensuhr. Ja, die an die Häuserreihe angelehnten Gestalten zogen hinaus auf den Platz, immer weiter mit der absinkenden Sonne, in die Wärme des Lichts. Die der Scheidenden folgenden Blicke fragten stumm, wie in anderem Sinne Romeo seufzt: ,,Ach, du verlässest mich so unbefriedigt?" Shakespeare, Romeo und Julia II, 2. Jawohl, der Bahnhofplatz war auch eine idyllische Insel in seiner Ruhe, Versunkenheit und launigen Stimmung während der rund zweihundert- fünfzig Fliegeralarme, die mich auf den Platz riefen. Ein oft stundenlanges,,far niente" für alle, ohne,,dolce" zu sein. Mit jeder Jahreszeit zogen neue Hoffnungen, schlichen neue Befürchtun- gen in die Brust. Aber nicht nur die Jahreszeiten, auch die Nächte zeigten die Stadt in einem wechselnden Bilde, wenn ich, mein Bereich durchschreitend, die ein- zelnen Keller besuchte, um festzustellen, wieweit sie besetzt waren, um es 15 für den Fall, daß das Unglück sie heimsuchen sollte, zu wissen. Standen dichte Wolken über mir, wanderte ich in den Straßen wie durch hohe Gänge ohne jeden Schimmer eines Lichts, besonders wenn auch die letzten Lampen in den Bahnanlagen erloschen. In dem Dunkel und der bangen Ungewißheit dieser Stunden erinnerte ich mich immer an das Wort des Dichters: Schon naht sich die gespensterreiche Nacht, Wo Grüfte gähnen und die Hölle selbst Pest haucht in diese Welt. Shakespeare, Hamlet III, 14. In dieser tiefen Finsternis konnte ich die mir wohlbekannten Häuser nur vermuten und mußte sie im Falle einer Orientierung mit dem kleinen Strahl des dunklen Blaus meiner Lampe anleuchten. - Ein andermal umgab mich überdacht vom goldenen Sternenbogen, in dem zwinkernd und flackernd, aber so ferne die fernen Himmelslichter glänzten die andächtige klare Nacht. Das Land lag im Dunkeln, ein mit funkelndem Mantel prunkender Bettler. - Alles Irdische lag gebadet in dem dunklen, matten Widerschein der so unendlich weiten Sternenwelt. Die Häuser, sie standen wie Trauergäste in schwarzem Samt, die Fenster waren tiefliegende Augen und Wangen. Und doch über allem, trotz der Nacht, ein Schimmer aus den hellen Quellen des Jenseits. Inmitten ging ich durfte ich gehen - und schritt - und schritt ganz allein, mit den schweren Schuhen, polternd hindurch. Ein Tauber im Kreise flüsternder Zeichen, der stillen Nacht ein Fremder. Aber ich verweilte auch, schickte die Augen ringsum, lauschte und gehörte wieder dazu. 16 - Und ein Auf und ein Nieder der Spitzen und Zacken, die Nadeln der mächtigen Riesen ringsum, sie webten und nähten den nächtlichen Saum, hurtig den Himmel zur Erde zu binden. Dann sah ich die plumpen, bleiernen Berge heben und recken den mächtigen Leib, mit Krallen sich klammern ins freundliche Zelt über der düsteren feindlichen Nacht, daß es der Erde, der armen, verbleibe. Dann sah ich sie wieder in ängstlicher Not mit drohenden Armen himmelwärts langen, zu fassen und halten den Bogen der Sterne, doch ach, sie griffen alle ins Leere. Vergeblich das Streben nach goldenen Sternen, sie kamen nicht näher, sie blieben die Fernen. Dem Irdischen ist ihr Glanz nur vergönnt. - wenn wir auch fehlen, Und morgen und später wird es ein Dom sein, unendlich groß, mit des Tages tiefem Blau gewölbt, darinnen, vom bewegten, muntern Tag erquickt, Schwalben, lieblich, zierlich haschend nach einem Rest von blassen Sternen jagen. So wie unsres Landes Leute, die auch schon immer ein Leuchten der Sterne des Glücks erhofften, immer im Sturm eines harten Lebens stehend. Vom Glücke nicht verwöhnt, an Regsamkeit gewöhnt, sind wir doch noch glücklich, nicht überglücklich zu sein durch manchen Überfluß und Ein- bildung. Nicht immer sind Blütenpracht und Duft beisammen. Nicht immer wohnt Adel hinter glänzenden Fassaden, nicht immer ein Freund hinter freundlicher Grimasse. Wie unsere Vorfahren im scharfen Winde am Hange ihre Arbeit um das tägliche Brot bis zum letzten Seufzer taten, müssen wir sie tun, von der harten Nachkriegszeit bedrängt. Wir wollen nicht zurückstehen hinter unseren Urvätern, von denen wir nichts mehr wissen, als daß sie waren. Nomaden raffen gierig die Frucht, treten die tragende Erde, die Ständige andächtig begehen und - Jene begehren die Fülle des Tages, die andern erhoffen lohnende Gunst der Jahre ergebenen Schaffens. 2 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter bauen. 17 Dankbar seẞhaft verbunden pflegt er den Spender der Früchte eigenen Fleißes, wie verschieden die Gestalt des tragenden Bodens auch sei, immer bleibt er innig verbunden. Die andern heischen die Ernte allein nur und sind als fremder Körper zu tragen und bleiben die fremden mit flüchtigem Geist. Was höhere Gewalt verbricht, macht uns frei von Schuld. Wenn in besinnlichen Stunden, die Jüngsten aber, unsere verblichenen Väter und Mütter, zu uns kommen, leibhaftig werden, ihr Geist prüfenden Blickes zu uns spricht, dann wollen wir ihnen frei ins Auge schauen, gerührt vom Wiedersehn, Hand in Hand die frohe Zwiesprach halten und sagen: ,,Euer Geist und Werk, sie leben noch in uns, bis wir folgen. Euer eignes Sinnen, euer Leib, in unsre Form geprägt, mit eurem eignen, verjüngten Angesicht, sie leben noch und fort mit uns. Was ihr verlassen, blieb in treuer Hand zurück." Das Bild zerfließt in körperlose Luft und doch seid ihr uns nah. Leibliches ruht in der Gruft, im Gedenken seid ihr da, erfüllet uns mit neuer Kraft, die weiter an dem Werke schafft. Reich beschenkt durch eure Wiederkehr, beschenkt durch eure ständ'ge Näh', verarmt zu Nichts, wonach ein hast'ges Leben strebt, wie andre neben mir, die nichts zu sagen wissen - die Patzigen im Raume der Gestalten. Ich fühl's, ihr seid in mir, drängt mächtig vorwärts mich, zu heben, was von euch versank. Ein neuer Anfang ist mir aufgebürdet! Ich wähn' in meinem Raum euch lautlos schattenhaft mir folgen, über mich gebeugt mich schützen vor manchem gift'gen Hauch, seh' euer Mienenspiel, hör' euer Wort lebendig in mir klingen. So bin ich nie allein. Schleicht Einsamkeit heran, flücht ich zu euch, weck lebendig euern Geist, laẞ mich aufs neu durch euch erwecken, fühl euch so mächtig auf mich wirken, mein Tun erfüllen. Ihr habt den Becher eures Blutes weiter mir gereicht voll weicher Tränen, schäumend voll von Lebensmut, und endlich Zorn, wenn Unverstand sich vorwärts drängt. Ich hab geschlürft in vollen Zügen, ich will, ich muß euch gleichen, ich muß, ich kann, ich will getreu ihn halten. Ihr schwebet mir als Licht voran, des Lebens Schatten auszuleuchten. Bay Von eurem Mut und Drang erfüllt streb ich nach vorwärts stets dem dicht verschleiert Ziele zu, des Weges und Erfolges ungewiß. Allein ich fühl' geborgen mich in eures Geistes Arm, seh' euch ein Morgenrot bereiten. Der Abend kommt von selbst für alles Leben dieser Welt zur stillen Wandlung in ein ander Kleid. 18 29 19 19 Wie unseren Vorfahren, so leuchtet auch uns ihre Sonne noch aus dem blauen Baldachin über den Säulen unserer Berge. 20 20 Auch ist's derselbe Ost, in des Bereich die Schale Morgengrauen überfließt, die Künderin des neuen Tags, des müdes Haupt sich trunken hebt, mit matten Augen unser Land zu schaun und dann mit sanfter Hand uns selbst zu wecken. Dieselbe Sonne ist's, die Morgenrot voraus uns sendet, als Boten ihrer ganzen Pracht, bis selbst die hohen Berge sie erklommen, Feuer, Licht und neues Leben schenkt, unser Aug vom Glanz geblendet abgewendet. Auch für uns ersteigt sie den Zenith, behutsam auch herab dem Abend zu. Der sanfte Abschied Abendrot und Schatten verheißt auch uns die Wiederkehr. Sie thronet immerzu als Abschiedsgruß auf unsres Landes Diademes Scheitel. Das glühende Zyklopenaug der Felsenstirn im Angesicht der Welt und sendet Fächer bunter Strahlen in das Firmament unendlich weit, als Segen für die schleichende, Finsternis brauende Nacht. Auch für uns verweilt sie noch, geschmiegt als feuriges Juwel, den stolzen Horizont mit Licht zu krönen, des Tages Untergang, im Strahlenkranz am Ende noch in Glanz zu tauchen. Wir atmen auch, vom Firn erfrischte Bergluft noch, wie sie die Ahnen. - Auch unser sind die Jöcher über der Grenze der Wälder, die schmiegenden Matten dort oben, der blühende Teppich bedächtig schreitender Väter. Sie laden auch uns noch immer zur Quelle, die Lüfte tragen noch immer heran das Brausen tief unten gesammelter Wässer, das Rauschen der Wipfel zu unseren Füßen. Was die Väter dort oben erlauschten, erzählen zur Sonne strebende Chöre auch uns. T Hier wird mir auch das innige Gedicht,,Übers Joch" vom Dichter Josef Leitgeb lebendig, mit den Anfangs- und Schlußversen: Nackt, und durstig an den Quell gesunken, Hab' ich, Erde, dich hineingetrunken, Aus der Tiefe, wo die Tode hausen, Sah ich deine weißen Quellen brausen... Ging mein Traum nur, gingst du selbst zu Ende? Brüder, gebt mir eure treuen Hände, Laẞt uns in die Nacht hinuntersteigen! Durch das Dunkel leuchtet euer Schweigen. Das flache Land, mit der unübersehbaren Landschaft, hat sicher seine besonderen Reize, dort, wo die Sonne ihren Tageslauf beendet, indem sie sich den Menschen vor dem Untergange zu Füßen legt. Auf uns hier wirken aber die nahen Berge mit ihrer Mächtigkeit, der Abschiedsblick des Feuer- auges dort oben, hoch über uns. Oh, Berge, euer Haupt ist bloß und kahl bei soviel Herrlichkeit der Welt. Wenn ich mich könnt in Dunst verwandeln, als Tau befruchtend euch umfangen, ich tät's und macht' ein Paradies aus euch. Und doch, es wäre keine gute Tat: - ihr wäret keine Berge mehr. - 21 Ach ja, dem Himmel und der Sonne näher sind wir Kinder der Berge. Wir wollen keine Herren sein, noch aber Knechte einer Fata Morgana. Dann melden sich Freunde, die meines Lebens Weg geteilt, in deren Hand ich damals noch mein ganzes Herz gelegt und die ich als einziger Wandrer in rabenschwarzer Nacht so gerne ins Gedächtnis rufe: 22 22 Kommet nur näher, ihr freundlichen Geister, inmitten seltener Nacht sind wir allein. Ich ruf euch alle, die ich verlor, als Gespenster heute zurück. Steiget herab die Stufen des Himmels ringsum, denn ich wandre im Tale des Lebens noch immer, wie sehr ich euch misse. Hier habt ihr mich wieder, ich drücke euch innig die Hand. Die Pulse, sie schlagen schon höher zur eiligen Wandrung mit euch zurück über Berge und Täler in den Fluten des Lebens, zu versiegten Quellen des Leids, viel öfter aber der Freude, zu den stillen Tränen des Glücks und den perlenden bitteren Kummers. Du weißt ja noch, so war's, ihr wisset alle um mich her, als uns des Lebens Kreis umschloß, vom freudigen Flechten am Bande der Treue, das uns verband. Wir waren die eigenen Meister am Webstuhl der flüchtigen Tage. Ach, vieles möcht' ich bereden, mit euch noch verharren, allein ich weiß: Ihr kommt als Traumgebild vom Totenreich, kurze Wonne mir nur zu bereiten. Teure, geht zur Ruhe wieder, Sehnsucht, brennendes Verlangen, trieben mich zu euch. So kehret in den Schatten heim. Ich bleibe, bis wir uns wiedersehn in einer stillen Stunde und dann wenn ihr mich zu euch holt. - So führt die stille Einsamkeit zu tieferer Betrachtung der Dinge. Die Fittiche der Phantasie tragen in Sphären über dem Alltag in eine Welt ohne Wirklichkeit, verwandeln Wirklichkeit in Schaumgebilde. Ein unbewußtes Sehnen gaukelt Seifenblasen vor das Auge, ringsum voll der farbenfrohen Gespiele des Sonnenlichts, Regenbogentöne, auf der Palette der Himmels- königin gemischt. Ein Ruf aus dem Diesseits knickt die gefälligen Schwingen. Ein Sturz aus bunten Regionen führt in das kühle Grau der Tatsachen zurück. Ein Laut allein, aus dem Tage des schreitenden Lebens, bringt den Strauß von Blasen erschreckt zum Platzen und weg sind die munter schillernden. Die neu geborne Welt verpafft zu nichts das Leben und Ende von Seifen- blasen. - Nicht nur die stumme Welt und Sachen im Raume verführen, sie er- gründen zu wollen. Gab es doch unter den vielen Menschen lebende Rätsel, gleicht doch keiner dem andern, nach Geschick, Antlitz und Eigenart. Der eine schmuckt sich dann, der andre duckt sich wann, ein dritter verhält sich, um sich beides zu ersparen. Der eine will die Peitsche sehen, ein andrer will sie fühlen, ein dritter rast, wenn er sie sieht. In der zweiten Kriegshälfte waren bei Fliegeralarm am Bahnhofplatze in der Mehrzahl Soldaten zu sehen. Ihr Kleid machte sie äußerlich wohl gleich, es war uniform. Der Dienst machte sie zu Kameraden, ja, der Groß- teil war auch in gleich guter Stimmung und Haltung. Ich sah aber immer wieder auch bedrückte Einzelgänger je nach Veranlagung oder getragener Sorgenlast. Diese standen allein, vor ihnen versank die Umgebung. Was 23 mochte so hart bedrücken, daß sich die Augen so starr ins Leere richten, losgelöst von allem, was sie umgab? Auf andere sanken müde und matt die Lider, wohl um die Bilder besser zu sehen, die ihre Sorge unermüdlich malte. Warum pflügt ein anderes Augenpaar die Erde, wie ohnmächtige Kraft vor einem Berg zerbricht? Wie vielfältig sind die Lasten des Lebens! Erhaltungstrieb und Liebe sind die naturgegebenen Impulse. Diese sind so vielgestaltig wie die von ihnen geformten Schicksale. Manchem mag der durch den Krieg unter- gegangene Besitz in einem vom Schmerz überhöhten Wert vor Augen stehen. Andere grübeln sich durch ein Labyrinth von Sehnen, Hoffen und Bangen. Werden ihm die Augen noch lachen, die er am liebsten geschaut, das Herz noch schlagen, für das er gebetet, die weißen Arme ihn noch ein- mal umfangen? Wie nichtsbedeutend wird alles andere, wie leicht philoso- phiert man sich alles übrige zurecht. Wieviel vermag der Egoismus der Liebe dafür zu opfern. Was dürfte alles vergehen, nur um das eine, das zweite zu Hause harrende Leben zu erhalten. Wievel dürfte untergehen von dieser Welt, nach dem Willen solchen Verlangens! Unter rauher Schale jagen die Pulse auch. So lebt alles von fernen Bildern und Hoffen für die harten Pflichten des Lebens. Geschlossene Augen seh'n Ding' und Gestalten sich ordnen und werden zum Erlebnis vergangener Tage. Aus dem Schatten sich schälen lebend'ge Formen mit Gebärden und sprechenden Mienen. Sie locken zu trautem Geplauder. Die Häupter, sie sinken zum Traum auf die Brust. Die kraftvollen Männer erstarren. Sie werden stumm vor den Erinnerungen, die sich zu neuem Erlebnis heranwälzen, ein furchtbares Ringen ums Leben. Traumhaft abrollende Bilder jüngsten, blutigen Erlebens, Spiegelbilder mit dem Beschauer darin, sterbende Abschiedsblicke treuer Kameraden. Dazu üble Nachrichten aus der Heimat, die in Ohnmacht die Schläge durch Mars erleidet. Wie viele Fragen werden still an die Zukunft gestellt! Ist es Müdigkeit, die eigenes, endloses Wandern widerspiegelt? Jeder trägt im mutigen Herzen schweres Diese Stunden der Ruhe und Besinnlichkeit lassen die Gedanken rück- Leid. 24 - wärts eilen, wozu andere Tage mit der raschen Folge des Geschehens keine Zeit gaben. In diesen Männern wogt und brandet wie eine kochende See eine Flut von Bildern, wie in einem Spiegel zu schauen, mit dem eigenen „,,Ich" inmitten. - Mitunter wieder verriet ein stilles Lächeln, ein freundliches Gesicht des Geschauten oder ein erhofftes, wer weiß wie fernes Glück, Blasen des Glücks, Heimatland und Träume. Schwerer Gedanken prüfende Sonden fühlen kritisch hinein in vergangene Jahre, prüfen Gescheh'nes der laufenden Zeit und tasten voraus, erwägend das eig'ne Verhalten bei manchem,,Wenn" und auch,,Aber". Die gepreßten Lippen und Züge bitteren Ernstes, das Antlitz, der Spie- gel des Innern, verrieten mehr Leid als Freude. Oder war es der Ausdruck starken Willens, kraftverwandte Sehnsucht, verborgen und getragen von der festen Absicht, den Weg zum Ziel der Erfüllung mit breiter Brust frei- zukämpfen, falls er gesund heimkäme? Voraussetzung aller Wünsche ist das Leben zu ihrer Erfüllung. Der heiße Wunsch, der stets beseelt: Du mächtige Sonne hoch oben am Mittag schenkest myriadenfältiges Leben, vermöchtest du nur, mir mein eigenes auch zu erhalten. Ein anderer wieder anders. Ihm erscheint die Not der Seinen in seiner Ohnmacht riesengroß. Sie folgen ihm als Schreckgespenst, vom Kriege schwer getroffen, und dieser betet: Allmächtiger Vater, nimm die Not von ihnen, gib, was ihrer war, was du genommen, mach sie zu Menschen wieder unter Menschen. 25 Vater, Mutter, meines Lebens Schöpfer, laß sie wieder leben, Weib und Kind, das ich ins Leben rief. Errette sie, führ' sie heraus aus ihrer Pein. Nimm mich dafür, das meine für ein frohes Leben der Erzeuger, für das von mir gezeugte. Schick morgen ins Getümmel mich, daß ich lächelnd dort verhauche. Ich hab mit jungen Jahren dann bereits genug gelebt. Einen andern hat vielleicht der Ablauf des Urlaubs vom Krankenbette seines Kindes weggerissen. Ohne Nachricht, mag er wohl still stöhnen um das Leben seines Kleinen, seinen Gott anrufen und bedenken, daß er selbst durch den Krieg berufen wurde, beizutragen zur Sorge anderer Eltern um ihre Söhne. 26 So las ich aus einem Gesichte. . . . und nun, und heute, ird'scher kleiner Engel mein, zittert deine Mutter auch noch neben dir oder weine ich allein ganz still um dich, da fern von dir, die gute Botschaft mich noch meidet? Oh, ich sah nur deine Fieberwangen, ins leere Nichts dein Auge seelenlos gerichtet, deinen sonst von Seligkeit umrankten Plappermund verstummt. ,,Papa, komm!" rief er nicht mehr. Du hast gequält dein Herzchen von mir abgewendet; hast arglos mich gequält. Ich fühlte deinen Puls wie Hammerschläge auf mein Haupt. Bitternis und Schmerz begannen an mir hochzukriechen. In namenloser Angst fühlt ich die Wellen über mir zusammenschlagen. Was muß, was darf ich heute glauben. Es stöhnt in mir um dich, die Höllenpein verläßt mich nicht. Mein Atem mahnt an deinen mich, der fiebernd dich verließ und immer wieder, ach, gehässig in dich drang. Und doch hab bangend ich gedankt, gefleht, es möge nur nicht schlimmer werden. O Gott, Gebieter aller Welten, nur das Eine nicht, das nicht! Erbarme Dich! Erlöse mich aus dieser Pein! Ich kann nicht mehr! Laẞ mir mein Kind, das du mir selber gabst. Das unschuldsvolle Kind soll keine Schuld verbüßen, bevor die Welt sich seinen Augen aufgetan. Dazu hast du, hab ich das Leben nicht geschenkt. Nein, nein, es kann, es darf nicht sein! Es ist die harte Prüfung nur, die du mir zugedacht. Viel besser stürbe zehnmal ich, wenn heiter, froh, voll Unverstand das liebe Kind an meinem Grabe stünde. Laẞ genesen junges Leben! Zerstöre eig'ne Schöpfung nicht, das kann dein Wille ja nicht sein. Böse Kräfte sind's. Zur Rettung brauche deine Macht. Erbarme dich, gib meinem Weib zur Pfleg die rechte Hand, die Weisheit unserm Arzt, dem Handeln deinen Segen. Du hast doch nicht zu strafen nur geschaffen diese Welt. Das ist dein Wille nicht, das kann er niemals sein. Vergib die Mitschuld mir an diesem Kampf und Ringen gegen Söhne, deren Mütter zittern so wie ich. Ich will's ja nicht, es ist der Wahnwitz dieser Welt. Hier und drüben, alle tun dasselbe. Ich hab keine Macht, noch darf ich wollen. Was ohne Wissen sonst ich hab verbrochen, hab reichlich ich gesühnt. Du hast mir nichts geschenkt, und doch will ich dich loben. Errette nur mein Kind. 27 Du Armes! Die Augen seh'n mich nicht, sie sind mit dir erkrankt. Du hast von mir dich abgewandt. Ich war für dich schon fremd. Es tobte noch kein Fieberwahn, des Fiebers Fackel glühte nur. Für mich ein armer Trost so arm wie du jetzt bist, denn du bist nicht mehr du! Vater im Himmel, gib den matten Augen frohes Licht der Freude wieder, laẞ sie neu erglänzen, erstrahlen deine Herrlichkeit. Wenn alles sich zum Guten wendet, nimm mich dafür, wenn Eines schon erliegen soll. Ich bin ein rauher Mann, schlag zu, wie du mich treffen willst, vor dem Kind nur bin ich weich, dafür allein hab ich noch Tränen. Nun weg von den seelisch Geschlagenen und zurück zur großen Masse der Unbeschwerten, die mir Sorge machten mit ihrer unbekümmerten Sorglosigkeit. Wenn sich auf das Alarmzeichen hin die Züge am Bahnhof entleerten, hatte ich im Laufe der Zeit alle militärischen Rangstufen aller Waffen- gattungen vor mir, die Menge der einfachen Mannschaften und der Unter- offiziere und Offiziere bis zu den obersten Rängen und Auszeichnungen, von denen die höchsten nicht selten den einfachen Mann am meisten her- vorhoben. So unterschiedlich diese Menschen sonst sein mochten, eines hatten sie alle gleich: Luftschutzkeller waren ihnen unsympathisch. So war es am besten, in dieser Umgebung einfach den Aufpasser zu machen, um im gegebenen Zeitpunkt rechtzeitig auf die nahe Gefahr aufmerksam zu machen. Bei trübem Wetter mußte ich mich auf mein Gehör verlassen, an klaren Tagen kamen mir auch die Augen zu Hilfe. Nachdem am 15. Dezember 1944 der L.-S.-Keller im eigenen Hause, Südtiroler Platz 8, unbrauchbar wurde, zog ich bei Fliegeralarm vor das Haus Südtiroler Platz 4, dessen Keller inzwischen sehr gut ausgebaut war. Dieses Haus war für Wohn- und Kanzleizwecke der Reichsbahn in An- spruch genommen. Auch die Kantine und eine Reichsbahntischlerei waren dort untergebracht. Vor diesem Hause und vor dem Tyroler Hof standen immer besonders viele Leute. 28 Für das Bahnpersonal stand bei Alarm ein Zug bereit, der alle in den Berg-Isel-Tunnel in Sicherheit brachte. Die ehemaligen Kanzleiräume der Bahnhofgastwirtschaft wurden nach der schweren Beschädigung des Gebäudes zu einem verwahrlosten Warte- raum. Dieser war oft überfüllt mit russischen und italienischen Flüchtlingen, meist Arbeitern, die sich auf der Durchreise befanden; die Russen mit ihren großen und kleinen Bündeln und Säcken oder mit leeren Händen, die Italiener mit Handköfferchen. Die ersteren, kräftige, breitschulterige Gestalten, konnte ich nur mit Gesten auf die Gefahr aufmerksam machen. Ich zeigte auf die Decke,,Ne dobro" (,,nicht gut"), wies hinüber auf das Haus Nr. 4 mit,,dobro, dobro, dobro", wobei ich das Ne dobro und das Dobro mit dem dazugehörigen Mienenspiel verdeutlichte. Manch einer sprach einige Worte Deutsch, wies auf das Gepäck mit dem Bedenken, daß sie es nicht verlassen möchten. Ich gab den Rat, es auf die Straße hinaus- zustellen, so daß sie von drüben aus es immer vor Augen hätten. Dieser Rat wurde mit einem dankbaren Blick aus den hellen Augen angenommen. Mit den Italienern, schmächtige und bewegliche Gestalten, konnte ich mich in ihrer Muttersprache unterhalten. Sie zogen mit ihrem leichten Gepäck auch gleich vor das Haus Nr. 4. Längs der noch verbliebenen Sockelmauer des ehemaligen Warteraumes bis zum provisorischen Bahneingang, an der Stelle des nach dem Angriff vom 15. Dezember 1943 zerstörten und sodann gesprengten Haupteingang- gebäudes, standen auch Militärpersonen, um nach der Entwarnung die Abfahrt des Zuges ja nicht zu versäumen. Auch diese konnte ich nur auf die verschiedenen, gegenüberliegenden, mit der weißen Kreisfläche im schwarzen Felde gekennzeichneten Keller aufmerksam machen. Vor dem mit Kantholz und Latten zurechtgemachten Eingang zu den Zügen stand auf freiem Platz der Fahrkartenschalter, eine Holzhütte mit dem aufklärenden Schild,,Fahrkarten". Von der marmornen Herrlichkeit, mit der bald nach dem ersten Welt- kriege die Abfahrtshalle mit dem düsteren Schalterraume errichtet wurde, war nichts mehr zu sehen. Die Marmorverkleidung war, soweit nicht zer- trümmert, abgenommen worden, denn die nach dem Angriff noch stehende Ruine mußte gesprengt werden. Der Terrazzoboden blieb bis heute er- halten. So erinnert ein armer Rest an vergangene Pracht, soweit sie der Stadt Innsbruck möglich war. Ein Prunkkleid von großem Kostenaufwand, 29 um die Gäste aus aller Welt zu ehren, um Empfehlung und Wiederkehr zu bitten. Hier sei auch erinnert an die 4 Meter hohen, in Freskotechnik ausge führten Figuren, die den oberen Teil der Halle, mit den Wappen der Städte Tirols, friesartig schmückten. Sie zeigten die Landestrachten, Landes- bräuche und den Bergbau und waren ein Werk des Bozner Malers Rudolf Stolz. Nach meinem üblichen Rundgang von Haus zu Haus setzte ich mich in die Mitte des Bahnhofplatzes auf meinen stets mitgeführten Feldsessel, neben mir die oft nützliche Sturmlampe. Seit die mittleren Bahngebäude fehlten, hatte ich von hier aus nach Osten, Norden und Süden freien Aus- blick. An dieser Stelle des freien Ausblickes glaubte ich meinen Dienst als Luftschutzwart für die ruhige Wartezeit vor den Angriffen zum Wohle und zur Sicherheit der Vielen am Platze am besten versehen zu können. Ab und zu kamen kleine Beweise, die zeigten, daß man mich verstand, und in all ihrer Unscheinbarkeit weckte dieses Vertrauen in mir die Dank- barkeit. Eines Tages fragte mich der B.-B.-Pensionist Leopold Kottoschek, ob ich bei jedem Fliegerangriff hier wäre, was ich bejahte. ,,Ja dann", meinte er,,,werde ich auch hier bleiben. Wir sind sonst immer in den Berg-Isel-Tunnel gefahren. Im Tunnel aber zieht es und es ist dort auch kalt und unlustig. Hier kann ich in der frischen Luft sein, das paẞt mir besser." Mit dem Genannten waren dann fast bei jedem Alarm auch anwesend: der Bundesbahntischler Alois Crepaz, der B.-B.-Angestellte Leopold Hof- bauer und der B.-B.-Schlosser Hermann Öggl. Vom Personal der im Hause untergebrachten Reichsbahnkantine verblieb auch immer ein Teil, wie jene, die ihre dienstfreien Stunden gerade im Hause verbrachten. Alarmrufe hören zu können. - Die vier Erstgenannten waren bald mit mir ständig in Fühlung und unterstützten mich als wertvolle Helfer. Ich habe auch den Napf Suppe nicht vergessen, den mir Herr Crepaz eines Tages aus dem Fenster reichte, als der Fliegeralarm vor der Mittags- zeit begann und bis in den Nachmittag dauerte. Hiefür will ich hiemit nochmals danken. Es war damals kalt, ich fror und der Magen war schon lange leer. Die Haferschleimsuppe erwärmte mich und sie war gut und kräftig. gern. Die Wenn, wie so oft, vom weiblichen Dienstpersonal ein Kleeblatt zugegen war, kamen die Soldaten immer in gute Stimmung. Ich denke an eine kleine, schlagfertige Tirolerin mit schwarzem Wuschelhaar, enganliegender Dienstuniform mit Hose. Sie war sehr munter, lachte viel und andere, auch eine Tirolerin, von gleicher Größe wie die mit dem schwarzen Wuschelhaar, war blond, ruhig, gelassen und stets freundlich lächelnd. Dann war noch eine große, schwarzhaarige Norddeutsche da, eine Schaff- nerin, mit Dienstbluse, Rohrstiefeln und guter Figur und kurzem Röckchen, eine Meisterin des Worts, die angeblich fünf Sprachen beherrschte. Schnell fanden sich Soldaten zum Hofdienst, umzingelten die drei, um humorvoll für die kurze Zeit kameradschaftlich um die Gunst zu werben. Alle guten Absichten und Worte blieben oberflächlich, wie keck die Sol- datensprüche auch waren. Immerhin aber mußte sich in dieser Lage jeder Dritte an dieser natürlichen und unbekümmerten Art erfreuen. Die Worte fielen harmlos, ungeschminkt. Es war Natur, ehrliche Zwiegespräche, welche an noch stammelnde Kinder erinnern, die mit leuchtenden Augen nach ihrer Art die Trommel schlagen. Wie erwähnt, saß ich zumeist auf einem Feldsessel in der Mitte des Bahnhofplatzes, um nach allen Seiten Aussicht zu haben; an solchen Plau- dertagen besonders, denn das fröhliche Reden und Lachen hätte über alle Geräusche getäuscht. Auch diese frohe Sorglosigkeit, der Übermut, erfreute mich im stillen, denn diese Gutgelaunten können nur gedacht haben: Der dort drüben paßt schon auf für uns. Diese heitere Unterhaltung mußte ich leider oft stören mit meinem Ruf: Oberinspektor Haensel hatte ebenerdig seine Kanzlei. Von meinem Platz aus sah ich ihn, wenn das Fenster offen stand, am Schreibtisch weiterarbei- ten und zur Prüfung meines Verhaltens zeitweise zu mir herüberschauen,,,Achtung, Achtung! Flieger! Keller gehen! Keller gehen! Rasch! Rasch!" was mir auch eine Genugtuung war. Auch in der Tischlerei wurde weitergearbeitet. Zur Sicherheit blieb die Tür vom Stiegenhaus in Gang und Werkstätte offen, um allenfalls meine 30 Das war dann, wenn fernes Rollen und dumpfes Dröhnen in der Luft näher kam. Bei trübem Wetter sank das Brausen und Mahlen der Motore aus den Wolken herab und wurde immer deutlicher. An klaren Tagen sah man die 31 Flugzeuge wie wuchtige Pfeile Richtung auf die Stadt nehmen. Das gab dann ein jähes Erwachen; alles sah sich plötzlich in Lebensgefahr. Der Warnruf zerriẞ die Atmosphäre des dolce far niente. Gerade mein sonstiges Schweigen überzeugte vom Ernst des Augenblicks. Alles kam in Bewegung, die Keller füllten sich, der Platz wurde leer. Dann durfte auch ich gehen. Wie oft sahen wir die Geschwader, von Süden kommend, das Unterinntal gegen Norden überqueren. An manchen Tagen schien die Kette nicht ab- reißen zu wollen. Dieser Anblick stimmte alle ernst. Wohin ging die tod- bringende Reise? Wird nicht das eine oder andere Geschwader hinter der Nordkette mit einer Schleife sich gegen Innsbruck kehren? Oder werden diese Bomber am Rückwege einen Rest der Ladung über Innsbruck ab- werfen? Die nächsten Stunden werden Antwort geben. Bis dort lähmte die lange und bange Erwartung. Als Hall, Brixlegg und Wörgl angegriffen wurden, drang das Bersten der Bomben wie grimmiger Donner herauf. Wir suchten den Himmel ab- alle, die herumstanden, taten es, ob nicht jetzt und jetzt Innsbruck in einem Angriff an die Reihe käme. Arme Men- schen dort. Wir haben wenigstens starke, hohe Häuser über den L.-S.- Kellern, aber dort! Wir hörten das Gewitter der Angriffe auf die Mitten- waldbahn. Die Bergwände warfen wie entsetzt das höllische Krachen bis Innsbruck zurück. Die Explosionen erreichten uns als ferne Donnerschläge. Das zwischen den Felswänden mit Getöse wild herumirrende Echo wälzte sich in die Stadt herunter wie die Brandung einer fernen tobenden See. Das galt den Brücken der Mittenwaldbahn, dachte ich mir, aber es war die be- klagenswerte Gemeinde Reith, die überaus hart getroffen wurde. Auch an jenem Tage waren die Blicke wie gebannt dorthin gerichtet und an anderen Tagen gegen den Brenner, als das Donnern wie Lawinen herunterrollte. - Im übrigen verliefen alle die harten Stunden und auch jene bei harm- losem Fliegeralarm, wie bisher und in der Folge geschildert. Woher die vielen Menschen an der Hand des Schicksales auch kamen, sie standen sich alle bald nahe. Auch die Fremdarbeiter und Flüchtlinge fühlten sich ge- borgen inmitten der Wehrmachtsangehörigen. Es gab nicht einen Miẞton in all diesen Jahren. Bis zu den höchsten Rangstufen waren sie alle gleich. Ich sah in diesen Augenblicken keinen, von dem man hätte denken können: 32 ,,Wie tief mußt du geboren sein, daß dich dein Rang von heute so berauscht." Die Stunden vergingen für alle wie im Kreise guter Kameraden. Es war ein harmonisches Durcheinander der mannigfaltigsten Menschen. Sie waren ehrlich, gutwillig und genügsam. Es gab keine ,,Gebärdenspäher und Geschichtenträger" ,,Des Übels mehr auf dieser Welt getan, - die Als Gift und Dolch in Mördershand nicht konnten..." Schiller,,,Don Carlos", I. 1. 3 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter 33 SCHLUSSBETRACHTUNG Am Rande des Kars Das Alarmsignal hat nicht nur mitunter schwache Nerven gelähmt, nein, auch alle Arme, die trotz der Entkräftung willens waren zu schaffen, sie waren verurteilt, müßig zu verharren. Die belebenden, rührigen Hände, sie halten und wenden, tasten und greifen, lenken und tragen, stemmen, pressen, fassen die bleckenden Zangen, prüfen und wagen, bewirken das nützliche Heben und Senken des großen Gewoges. Hämmer auf dem Amboẞ klingen, Feuerbogen blenden, losgelassene Kräfte stampfen, dröhnen, Funken sprühen und Kolosse wandern leicht bewegt von schwachen Händen. Arbeit, Arbeit, Arbeit ist des Lebens Rhythmus, soll es nicht im Sand verlaufen. Dann sind Ruhepausen nur Erquickung, bringen Freude, neue Kraft; Lust und Freiheit sich erleben, sich dem Drang und Sehnen zu ergeben. Sie befreit von müß'gem Suchen, sie befreit von andrer Lust. Sie ist des Lebens Preis und Wert, bringet Freude, neue Kraft; macht des Lebens Inhalt aus, gibt dem Regen neue Pulse, immer wieder neuen Halt. Sie ist der Wissenschaften Wegbereiter, die neuen Lohn den Händen schafft. Möge eine güt'ge Fügung jedem dort zu schaffen gönnen, wo die Neigung liegt. Alle, alle Sorgen brechen, jeden Schaffens Bleigewicht, ohne Sorge, ohne Mangel, daß sie uns zur Freude werde. Kraft erlebe sich am eignen Werke, jedem Regen sei vergönnt, sich darin als Schöpfer zu erkennen, erfüllt zu sehen seines Daseins Zweck, am Werk der zarten und der schweren Hände. Wertvoll wird das Mittel selbst. Zum Geliebten wird der Hammer, Sichel, Kelle und der Frauen Hausgerät. Geliebtes Werkzeug mein, Vollstrecker meines Willens vieler Jahre, folgst willig meinem Streben, führst mich gefällig an mein Ziel. Werkzeug meiner Hand, innig ihr von Jugend auf verwandt, trägst sichtbar ihrer Griffe Spuren. Wir beide wollen täglich mit neuem Mute neuerdings beginnen. - Ich halte die Treue, Bleibet erhalten! Wem das Höchste aller Güter, die Gesundheit eigen un'd doch dem Zwecke sich versagt, zu höh'rem Nichts Berufung fühlt, dem wird und darf die Arbeit Strafe sein. Das Schaffen aller Künste ist des Lebens inneres Geschmeide. Doch, klagen die Gestalter des Worts: ,,- ist es zu schwach, den Gleichklang in dir auszulösen, verhallt es leer im Raum." Der Bildner dann: - " mein Werk ist tot, erkennt Dein Auge nicht, was ich damit erschaut." Und der Töne Meister: flehende Chöre werden zu Tränen vor dem Herzenstor, wenn es verschlossen bleibt." 34 35 35 36 Verwaist sind alle Stätten emsigen Schaffens! Der leise andere Rhythmus des Lebens, des geistigen Wirkens, verstummt bis in die Höhe der Forschung. Es ist die ganz leise sich quälende andere Welt, die Quelle aller Erkenntnis. Wenn die späte Stund zur Morgenstunde wird, der Geist erschöpft die Last der letzten Frage wälzt, endlich der Punkt der Arbeit Ende zeigt, war ein Geheimnis aus dem großen All, uns eine Offenbarung oft geschenkt; dann, wenn er erlöst im Traume sich zur Ruhe bettet, die überstandnen Klippen noch einmal zurückeilt, die erquälte Lösung nochmals auf des Geistes Waage prüft und froh bejaht. Arbeit, Arbeit, Arbeit ist auch hier des Lebens Fülle. Sie ergründet der Seele bewegende Triebe, ergründet den Inhalt und formet die Welt, dringt in das Wesen aller Fragen der Dinge, erforscht und bejahet sich selbst. Durchleuchtet das neidische Dunkel dem Wissen, schafft fruchtbar, fortwirkend im sichtbaren Leben. Im nimmermüden Pendelschlag beschenken sich so beide, es pendeln die Gaben hin und zurück. Der ew'ge Kreislauf der Natur, worin der Mensch zweieinig sich bewähren muß in brüderlicher Harmonie, wie das Geheimnis der Natur fortzeugend sich erlebt. In der eigenen Sonne reifet die Saat, wirken des Geistes und der Arme Kraft, Der Seele und der Arbeit Adel dem Ganzen als Ahnen, ersehnt die neue Welt zu schenken. Dann wird aus allen Eins, die höchste Schöpfung der Natur - der Mensch. Wer sich abseits verhält, muß beides missen, des Geistes und der Hände Nahrung, Impulse für den Geist, wie dieser für die Hand sie schafft. Der führende ordnende Geist im Getriebe des täglichen Lebens wirket als Schöpfung, lenket die Hände im emsigen Tun und überwachet sie alle, das Ende zu prüfen, des Anfang er war. Der Landmann auf der Scholle waltet, das Samenkorn mit Schweiß betaut, immer rüstig vorwärts schreitet, unser täglich Brot bereitet. Der Werkmann mit der Hände Kraft, des Geistes stillen Plänen Form und Leben schafft. Es glimmen verborgen die Keime und werden zu Strahlen der Gloriole des Glücks. Dann darf der neidisch schlichte Schrein alles siegreich enden, zu neuem Auferstehn der andern. Der mächtig aufstrebenden Tanne vergleichbar, stehet der Mensch im Sturme des Lebens. Die stark ausladenden Äste tragen und heben als mächtige Flügel den darüber leichteren Fittich. Sie liegen geschichtet wie Schwingen, zum Flug in die Höhe bereit. Immer wieder erheben sich alle, als Pyramide zum Gipfel herrlich verjüngt. Der Wipfel über dem Mühn im täglichen Staub überschauet das Ganze. Wir sehen von fern nur, unsere Gipfel tasten, schwanken und suchen in höh'ren Regionen die Rätsel dort oben. Sie tragen die Früchte der mächtigen Stämme, senden sie wieder alljährlich im Herbste herab, mit neuem Leben erfüllt zurück in den eigenen Schoß, willig bereit zu neuer Empfängnis. Freilich, wir stehen hier nicht auf ergiebigen Gründen und Hängen, Nein! - 37 38 Wir stehen gekrallt mit den Wurzeln im spärlich Gestein am Rande des Kars. Die Ringe der Jahre sind enger geschmiegt, zu festem, nicht schwammigen Holz. Ein Gewinn, den wir behalten. Wir sind und werden aufrecht verbleiben im Sturm am Rande, im Kampf um das tägliche Leben, erfreut von sonnigen Tagen, wie sie beschieden auch Bäumen auf steinigem Grund. Die gelehrte Durchdringung aller Probleme entschleiert fortschreitend der Schöpfung Geheimnis, schenket uns alles mit offenen Händen. - Und dennoch die Arme ermüden immer aufs neue. Sie schaffen und ringen neues Leben zu gewinnen dem Geiste und Leib. Allein, der Mensch, er brauchte nicht im Schweiße sich zu baden. Gebet die Maschine ihrem Zweck allerseits zurück! Sie sei der Knecht der Menschheit wieder. Sie erzeuge über den Bedarf nicht, um den Überfluß im Streit und Hader zu verteilen, um nach Krieg und Tod, Geschlagene als Hunger zu gewinnen. Sie sei die Ursach einer einz'gen Müh': den goldnen Schlüssel aufzufinden, - die Erzeugung und Verbrauch gerecht an alle zu verteilen. Dann mag auch der Arbeit Riesenheer erlöset sich entspannen und halbe Mühen tragen. Des Lebens andre Hälfte gehör ihm wieder selbst, zur eignen Pflege und Erbauung. Der Mensch sei wieder sich zurückgegeben, damit er sich im Erdenparadies bewähre. Der Angriff vom 15. Dezember 1943 Der Alarm erfolgte etwa um 11 Uhr. Ich machte meinen Rundgang über den Bahnhofplatz, verwies auf die verschiedenen Keller, verweilte da und dort im Gespräch und begab mich endlich nach Hause in den Keller, um auch dort nachzusehen. Kurz darauf erfolgte für Innsbruck der erste An- griff, der viele Opfer forderte, denn niemand dachte damals ernsthaft daran, daß Innsbruck angegriffen würde. Die einander rasch folgenden Einschläge wurden zu einem Brodeln von Donnerschlägen. Die vier Ventilationsrohre verzerrten die Töne. Die Explo- sionen wurden zu einem Heulen, zu einem steigenden und verebbenden Auf und Nieder eines langgezogenen, hohlen Durcheinanderstöhnens. Die Rohre wirkten wie infernalische Orgelpfeifen. Der Druck der Detonationen, das Bersten der Bomben und der darauf folgende Sog wurden zu einem Röhren vorsintflutlicher Ungeheuer. Ein Atemholen wie durch strangulierte Kehlen kam zu uns, als wäre oben eine Herde von Riesentieren an einem furchtbaren Verenden. Neben den donnernden Schlägen klagte und seufzte es dumpf drohend aus allen Rohren herunter. Eine furchtbare Tonleiter für das Ohr. Dazu ein Beben und Rollen, als wären im Erdinnern Kräfte frei geworden. Die ersten Treffer gingen in die Bahnanlagen und auf den Bahnhofplatz. Meine 84jährige Mutter war zu Beginn des Angriffes in ihrem Zimmer. Sie erzählte nachher:,,Ich war gerade beim Fortgehen. Auf einmal hat es gekracht und die Fensterscheiben sind mir nachgeflogen, dann hab ich mir gedacht, jetzt ist es höchste Zeit." Meine Frau war bereits im Keller, ging jedoch noch einmal zurück in die Wohnung im 1. Stockwerk, wo sie überrascht wurde. Der Qualm der vor dem Haus niedergegangenen Bomben füllte den Raum mit Nacht. Nach der kurzen Flucht in die Ofenecke, eilte sie im Staubnebel in den Keller zurück, mit dem Gefühl, unter den Füßen keinen Boden zu haben. Bald folgte ein neues Dröhnen und eine gelbrote Staubwolke wälzte sich durch die offenstehende Tür in den Keller. Ich rief: 39 ,,Kinnschleuder umbinden! Mund zuhalten!" Der Schreck führte zu ziellosen Bewegungen der Anwesenden, die mit entsetzten Gesichtern weitere Einschläge erwarteten. Aber der Angriff war vorbei. Ich ging mit meinem Hausgenossen Rudolf Pfund hinauf, um zu sehen, wo geholfen werden könnte. Vor dem L.-S.-Keller befanden sich auch Leute. Am Türstock zur Stiege kauerte angstvoll eine junge Frau mit ihrem Kind, die Augen auf mich gerichtet. Ich sah sie unversehrt und eilte mit Pfund weiter. Ich schaute im Stiegenhaus in die Höhe, aber alles in Ordnung; also vermutete ich, der Vorderteil des Hauses wäre getroffen. In der Einfahrt lagen schon Steine und Erdreich, diese waren aber durch die Einschläge auf dem gegenüberliegenden Bahnhofplatz hereingeschleudert worden. Auch von außen waren das Haus und die ganze Häuserreihe unver- sehrt, nur die Fenster aller Häuser am Bahnhofplatz lagen in Scherben am Gehsteig. Ein Straßenbahnwagen vor dem Hause war schwer beschä- digt. Von dort rief eine Frauenstimme:,,Zu Hilfe, zu Hilfe!" Zwei Männer liefen bereits dorthin und andere folgten. Pfund und ich gingen daher wei- ter, um nach den Häusern in der Sterzinger Straße zu schauen, wo die Kel- ler stets überfüllt waren. Im Vorbeigehen schauten wir in die Häuser Süd- tiroler Platz 10 und 12. Auch deren Inneres war unversehrt. Bei der Sa- lurner Straße angekommen, sah ich Frau Zeitelhofer mit verschränkten Ar- men vor der Einfahrt des Hauses Sterzinger Straße 6 stehen. Ich fragte durch Gesten, ob dort etwas geschehen sei, aber sie verneinte lächelnd. Ich sah jedoch Leute aus der Salurner Straße in die Adamgasse laufen. ,,Herr Pfund, dort laufen Leute, mir scheint, dort ist etwas geschehen, gehen wir dorthin." Richtig, das Haus Nr. 20 war getroffen und aus zwei Fenstern des dritten Stockwerkes drang Rauch. Davor befanden sich bereits eine Steigleiter und zwei Soldaten mit Fliegerabzeichen. Auf den Hydranten war das Rohr aufgeschraubt und daneben lagen zwei eingerollte Schläuche. Ich fragte: ,,Warum spritzt ihr nicht? Es ist ja alles da?" ,,Wir haben kein Wasser, es ist abgestellt oder die Leitung ist irgendwo getroffen." ,,Dann schaut doch gleich um eine Motorpumpe, da hinten, hinter dieser Holztür, fließt die Sill. Dort unten, wo der Kupferschmied steht, kommt ihr auch durch." 40 ,,Wir haben schon um eine Pumpe geschickt und warten darauf." - Wir schauten in das Innere des Hauses Nr. 20 und sahen in der Einfahrt die ersten vier Toten liegen mit verdeckten Gesichtern. Wie ich hörte, waren es Hausbewohner, die in den Keller eilen wollten, gerade als das Stiegenhaus getroffen wurde. Sie stürzten mit ihm in die Tiefe. Auf die Straße zurückgekehrt, traf ich Wiesinger, der das Mögliche bereits veranlaßt hatte und auch auf die Pumpe wartete. Nun fragte Pfund: ,Wissen Sie, daß das Rückgebäude vom,Hotel Viktoria' getroffen wurde und bei uns hinten im Hofe liegt?" ,,Was, getroffen und bei uns im Hof liegt alles?" ,,Ja freilich." Rudolf Pfund sagte mir nachträglich, er sei in der ersten Zeit benom- men gewesen und habe sich erst in der Adamgasse gesammelt. Mir ging es offenbar ähnlich und in der Meinung, ein Treffer auf unser Haus hätte die Staubwolke verursacht, hatte ich nur ein Auge für das Vorderhaus und konnte nicht rasch genug auf die Straße kommen, mich zu überzeugen. An die Rückseite dachte ich gar nicht in meiner Hast. Darauf gingen wir rasch zurück. Nun sah ich das ganze vierstöckige, langgestreckte Rückgebäude des „Hotels Viktoria" zertrümmert in sich zusammengebrochen. Die Trümmer rissen den angrenzenden Teil meiner Magazine nieder. Ich stieg auf diesen Berg von Ziegeln, aus welchem an der Stelle, wo vorher das Hotelgebäude stand, die Sparren und Balken des Dachstuhles herausragten. Aus diesem Gebälk züngelten bereits kleine Flammen. Eine Gefahr für den ganzen Gebäudeblock, wenn ein Brand auf den restlichen Teil meines aufgerissenen Magazines übergreifen sollte. Ich trug die Teile der vorhandenen Schläuche zusammen, aber leider war auch Also rasch eine Eimerkette von der Woh- diese Leitung ohne Wasser. nung herunter aus der gefüllten Badewanne. Von der Straße fanden sich sofort Hilfsbereite, besonders ein unbekanntes Fräulein bemühte sich sehr. Rudolf Pfund gab die Anleitung und ich lief um die Feuerwehr. Ein Schutz- mann in der Wachstube beim Polizeipräsidium, Bahnhofplatz 16, gab meine Feuermeldung telephonisch weiter. - Nun stürzte ein Soldat herein: ,,Bitte, könnten wir nicht ein Seil bekommen? In der Adamgasse brennt es, das Stiegenhaus ist zertrümmert und die Leute können nicht herunter." ,,Ja, Mensch, woher soll ich ein Seil nehmen, die Polizei hat kein Seil." 41 Ich unterbrach: ,,Warten Sie hier, ich komme gleich mit unserem Seil aus dem Luftschutz- keller. Also hier warten, bis ich komme." ,,Jawohl, ich bleibe da." Ich machte Laufschritt in den Keller und brachte das Seil. ,,Hier, bitte, aber wieder an mich zurück ins Haus Nr. 8, gleich dort unten." ,,Jawohl", und er rast damit in die Adamgasse. Das Seil habe ich in dem Wirbel nicht mehr zurückbekommen, aber als ich nach Wochen da und dort nachfragte, schickte man mich endlich zur Feuerwehr, die mir ein gutes, altes Seil als Ersatz gab. Nach Hause zurückgekehrt, sah ich bereits drei Schlauchlinien vom Polizeipräsidium herüber gelegt. Sie liefen über den niederen Teil meines Stöcklgebäudes und über den Hof zur Brandstelle. Im Hof des Polizei- präsidiums stand nämlich glücklicherweise eine große Motorspritze. Das Feuer hatte bereits den ganzen Dachstuhl, soweit er herausragte, erfaßt. Es bestand die große Gefahr eines Übergreifens auf das Magazin und dadurch auf den ganzen Gebäudeblock, weshalb ich ständig daranblieb und die Bekämpfung auf den rückwärtigen Teil lenkte. Der Hausgenosse, Zahnarzt Dr. Haas, rief mir zu, daß im ,,Hotel Viktoria" im Vorderhaus vom Dachboden Wasser in Strömen durch alle Stockwerke fließe. Ich ging hinüber, traf die Eheleute Schlegel gefaßt im Haupteingang stehen und bat Rudolf Pfund, mit Schlegel auf den Dachboden zu schauen. Vom Eingreifen der Feuerwehr beruhigt, ging ich weiter. Vor dem Hause Nr. 4 stand die Bewohnerin, Fräulein Flecksberger, heute Frau Hohenauer; auf meine Frage, ob dort etwas geschehen sei, verneinte sie. In der Brixner Straße Nr. 4 war das Rückgebäude beim Lodenbaur getroffen. Die Hausbewohnerin Frau Dr. Schuler kam gerade die Stiege herunter und meinte auf meine Frage, daß nichts getan werden könne. Ein Teil der Schneiderei und des gegenüberliegenden Rückgebäudes mit der Wohnung des Hausmeisters Kofler war zertrümmert. Das Haus Brixner Straße Nr. 2 war schwer getroffen, der ganze Flügel links der Einfahrt zusammengestürzt. Ich ging in den Keller, rief wieder- holt,,Hallo" und erhielt von oben aus der Einfahrt Antwort. Eine Haus- bewohnerin belehrte mich, daß nichts mehr zu tun sei. Zwei Tote lägen unter den Trümmern, Frau Barbara Brusser und die Hausgehilfin Johanna 42 Stern, die nie in den Keller gingen. Ich machte mich erbötig, hinaufzu- schauen, in der Hoffnung, daß vielleicht noch zu helfen sei. ,,Nein, nein, da ist nichts mehr zu retten. Die Frauen sind unter den Trümmern erschlagen, übrigens kommen Sie nicht hinauf, denn die Stiege fehlt; und außerdem brennt es oben. Es waren schon Soldaten hier, die hinauf wollten, aber es war ihnen auch unmöglich." Indessen hatte sich der Brand unter den Trümmern des rückwärtigen ,,Hotels Viktoria" richtig entwickelt, denn die zugeführten Wassermengen kamen infolge der Trümmer nicht zur Wirkung. Die von unten kommende Hitze wirkte dagegen. Es brauchte alle Anstrengung, eine Ausdehnung des Feuers zu verhindern, obzwar drei Schlauchlinien gelegt waren. Drei Män- ner standen der Reihe nach frontal gegen das Feuer gerichtet. Ein vierter Helfer kam von der Straße und bediente den von mir an den Hofbrunnen angeschlossenen Gartenschlauch. Das zufolge des Angriffes gesperrte Wasser stand nämlich nach einiger Zeit wieder zur Verfügung. - - fiel mir auf, daß der Als es schon dunkelte es war ja Dezember eigene Schlauch immer noch von derselben Hand bedient wurde. Ich fragte den Mann, ob er zur Feuerwehr gehöre. ,,Nein, nein, ich kam nur zufällig von der Straße herein." 37 ,Wollen Sie nicht nach Hause gehen? Ich schicke eine Ablösung. ,,Ich mache das ganz gerne, ich bitte aber, meiner Mutter zu telepho- nieren, denn sie weiß nicht, wo ich bin. Mein Name ist Ingenieur Zewaro- witsch, Anichstraße Nr. 24/I, Rufnummer...." Ich ging wieder in die Polizeiwachstube, um zu telephonieren. Aber die Leitung war gestört. Um die Botschaft mündlich ausrichten zu können, erbot sich ein Schutzmann, mich dorthin zu begleiten, denn die Straßen seien wegen Blindgängergefahr gesperrt. Zurückgekehrt, vermißte ich den dritten Mann der Feuerwehr, weshalb ich in den Hof des Polizeipräsidiums ging, um nachzufragen, warum die dritte Schlauchlinie nun fehle. Am Motorwagen traf ich einen Feuerwehr- regu- mann aufmerksam an einem Ventil nach dem Manometer den Druck lieren. Er meinte, daß nach wie vor alle drei Schläuche liegen müßten, ich könne ja den Schlauchlinien folgen. Ich folgte daher dem vom Motor aus- gehenden mächtigen Schlauch. Nach einer Strecke lag eine dreiteilige Schlauchgabel also doch drei. Alle drei führten über das Dach des niederen Rückgebäudes. Eine Leiter führte auf das Gartenhaus im Hofe - 43 des Polizeipräsidiums, von dort eine zweite auf das erwähnte Rückgebäude. Oben angekommen, traf ich einen Feuerwehrmann. ,,Ja, was machen denn Sie da?" fragte er mich. ,,Ich muß nachschauen, wie die Schläuche laufen, denn ich sehe drüben nur zwei in Tätigkeit." ,,Na, na, es sind schon drei." ,,Jetzt bin ich nur neugierig, wohin der dritte führt, denn ich sehe drüben nur zwei." Hofraum und Brandstelle waren von einem kleinen Scheinwerfer be- leuchtet. Ich glitt nun vom Dache des Rückgebäudes auf ein zertrümmertes Flug- dach hinunter, kletterte von dort auf einen Balkon und kam über eine Stiege in den Hofraum. Die Schläuche führten über die Trümmer zur Brandstelle und nun sah ich, daß der dritte an einer geschützten Stelle über den Feuer- herd hinüberführte, um das Feuer auch von der anderen Seite bekämpfen zu können. Nun war ich zufrieden. Gegen 20 Uhr war das Feuer einigermaßen niedergekämpft und die Feuerwehr ging zum Abendessen. Die Ablösung sollte gleich kommen, wie mir ein Mann sagte. Ich ging daher auch zum Essen. Nach kurzer Zeit klingelte Rudolf Pfund und fragte erregt, ob ich wohl wisse, daß die Feuer- wehr fort und das Feuer wieder in voller Entwicklung sei. Ich konnte mit dem Mannschaftswechsel aufklären und wir gingen zur Brandstelle. Tat- sächlich war das Feuer in dieser kurzen Zeit wieder kräftig aufgelodert, aber es kam auch gerade die Ablösung, um die ganze Nacht über am Feuer zu bleiben, das immer durch die verschütteten Holzmassen Nahrung fand. Bald nach Mitternacht war die Ruhe wiederhergestellt, so daß ich um 3 Uhr früh zu Bette ging. Ich fand jedoch keinen Schlaf. Das fortwährende Auf und Nieder über den Berg von Trümmern hatte den Puls zu sehr erregt. Um 6 Uhr früh stand ich auf. Die Feuerwehr stand noch wacker auf der Brandstelle und richtete den Wasserstrahl auf die noch glimmenden Balken und Nester. Bald zog sie mit dem sicheren Bewußtsein ab, die Ausdehnung auf die Umgebung und damit ein Großfeuer-verhütet zu haben. Am Abend des 16. Dezember 1943 erhob sich ein leichter, andauernder Wind, blies in die Trümmernischen und entfachte neuerdings einzelne Feuerstellen. Auf meine Meldung erschien gleich ein Löschzug, um die Brandstelle,,abzuwaschen", wie sich einer der Wackeren ausdrückte. - In den folgenden Tagen richtete ich immer wieder den Strahl aus dem Gartenschlauche gegen jede Rauchentwicklung unter den Trümmern. Die tief liegende Hitze ließ das glimmende Holz nicht verlöschen. Am ersten Weihnachtstage gelang es mir erst, die letzte Stelle zur Ruhe zu bringen. Wie harmlos und erträglich ist trotz allem dieses Geschehen für mich noch abgelaufen, während drüben in den Bahnanlagen sieben Menschen in Ausübung ihres Dienstes vom Leben in den Tod gingen. Der Bahnhof- vorstand, Oberamtmann Ignaz Metzler, wurde auf dem Bahnsteig von herumfliegenden Trümmern am Kopfe schwer verletzt und starb auf dem Wege ins Krankenhaus. Mit ihm schied ein pflichtbewußter, allseits geach- teter und bei seinem Personal sehr beliebter Chef aus dem Leben. Weiter wurden durch einfallende Bomben der diensthabende Fahrdienst- leiter, Inspektor Valentin Fuchs, im Telegraphenbüro die beiden dienst- habenden Fernschreiber Johann Bachmeier und Frau Steiner sofort tödlich getroffen. In der Gepäckshalle fiel der Träger Anton Leitner. Den Namen eines Verschiebers, der auf der Bremse überrascht wurde, sowie den Namen des siebenten Opfers konnte ich nicht erfahren. Im Bahnpostamt gab es nur drei Leichtverletzte. Das schwer getroffene Gebäude wäre zum Grabe der Beamtenschaft geworden, hätte nicht Post- Oberinspektor Ernst Kerber, einer gerade an diesem Tage besonders drän- genden Eingebung gehorchend, mit ganz besonderem Nachdruck auf das Verlassen des Amtsgebäudes und Aufsuchen der Luftschutzkeller hinge- wirkt. Darin wurde er tatkräftig vom Postassistenten Rudolf Moll unter- stützt, der am Ende noch am Oberarm verletzt wurde. Frau Luise Kostner, die in einem Raume des III. Stockwerkes verblieb, konnte nachträglich unversehrt heruntergeholt werden. In der Brunecker Straße starb eine Gruppe junger Burschen, die im Freien verblieben war. Das konzentrierte Elend und Unglück fand sich im Krankenhause zusam- men. Dorthin eilten ununterbrochen die Transporte mit den Schwerverwun- deten und Sterbenden, bis über zweihundert zusammengetragen waren. Eine Straßenbahnschaffnerin freute sich des Lebens. Ihr Pflichtbewußt- sein triumphierte: ,,Ja, ja", rief sie,,,der Wagen liegt oben auf den Häusern, aber das Geld hab ich alles da", und sie klopfte auf die Tasche. Dabei fehlte ihr die Nase samt Wurzel, so daß die Reihe der Backenzähne durch diese Öffnung sicht- bar war. Ein sprechender Totenkopf. - 44 45 An einer anderen Stelle stand ein Mann neben seiner mit aufgerissenem Leib auf die Tragbahre gebetteten Frau. Er stürzte sich auf den heran- kommenden Arzt und faßte ihn an der Schulter: ,,Herr Doktor, ich bitte, retten Sie meine Frau, hören Sie, retten Sie meine Frau, Sie müssen sie retten, sie ist noch warm." Der Arzt mußte verneinen:,,... hier ist keine Rettung mehr möglich, ich kann Ihnen nur mein Beileid sagen." " Und ein starker Mann, für den es keine Erschütterung zu geben schien, brach zusammen. - Personal. ganze Ein unvergeßlich schwerer Tag für die Ärzte und für das Nachdem das Schwerste vollbracht war, dankte Prof. Dr. Burghard Breitner der versammelten Ärzteschaft und allen Helfern: ,,Ich danke Ihnen allen, Sie haben fast Unmögliches geleistet, Tag und Nacht. Ich danke allen aufs herzlichste. In diesen schweren Stunden hat die Klinik bewiesen, daß sie wirklich eine Klinik ist.“ Der Angriff vom 19. Dezember 1943 Dieser zweite Angriff auf Innsbruck erfolgte wieder während der Mit- tagszeit. Diesmal wurde der Westbahnhof angeflogen, der Treffer in die Bahnanlagen bekam. Auch ein dort stehender Militärzug wurde getroffen. Wie Dr. Leo Unterrichter im Amtsblatte der Landeshauptstadt Innsbruck berichtet, wurden sechs Soldaten, die glaubten, in jenem Zug die Ent- warnung abwarten zu können, Opfer des Angriffes. Besonders schwer wurde das dortige Stadtviertel bis hinunter in die Speckbacherstraße heimgesucht. Es war noch ein großes Glück, daß eine große Zahl von Bomben in die Felder von Wilten und Amras fiel. In den Kellern am Hauptbahnhof waren die Einschläge gut zu hören. Die Bevölkerung besichtigte in den folgenden Tagen die zerstörten Häuser und auch die Bombentrichter in den Feldern. Nachdem sich mein Standplatz am Hauptbahnhofe befand, kann ich über Angriffe auf andere Stadtgebiete nur wenig berichten. Damit möchte ich die Kürze dieser Berichte begründen und meine eingangs ausgesprochene Hoffnung wiederholen, daß sich ein Beobachter dieser Stadtteile mit einer ausführlichen Beschreibung finden möge. 46 Der Angriff vom 13. Juni 1944 ganze Bomben- Auch dieser Angriff dürfte dem Westbahnhof zugedacht gewesen sein oder der Bahnstrecke vor dem Berg-Isel-Tunnel, denn die lage ging rings um die Stiftskirche von Wilten nieder. Dadurch wurde der zweite Turm dieser Kirche, der nie existierte, zum Stadtgespräch. Allgemein wurde angenommen, daß er den Bomben zum Opfer gefallen sei. Der Irrtum war so allgemein, daß die Tagesblätter ihn zum Anlaß nahmen, darauf hinzuweisen, daß seinerzeit dessen Erbauung wohl geplant war, die Durchführung aber wegen Geldmangels unterbleiben mußte. Angriff vom 20. Oktober 1944 Der Fliegeralarm hatte die Räumung eines oder mehrerer in der Station stehender Züge zur Folge, so daß sich viel Militär am Bahnhofplatze befand. Es dauerte längere Zeit, bis Fliegergeschwader sichtbar wurden, die aus der Richtung der Nordkette das Oberinntal schräg überflogen. Andere Ge- schwader zogen etwa in der Höhe von Schwaz quer über das Unterinntal gegen Süden. Ich beobachtete daher abwechselnd einmal von der Rückseite des Hauses Nr. 8 und dann wieder von der Vorderseite aus diese Bewegung in der Luft. Ich stand gerade vor dem Hause, als mir ein Geschwader auffiel, das über dem Unterinntal zu stehen schien, d. h. es hatte Richtung gegen den Beschauer. Ich machte daher die Umgebung auf diesen Umstand aufmerk- sam, wie auch, daß dieses Geschwader in einer Wolkenbank vor der Nord- kette verschwand und somit jeden Augenblick aus diesem Nebel heraus die Bomben werfen könne. Ein vor mir stehender Major bestätigte die Richtigkeit meiner Darstellung. Ich eilte darauf nach rückwärts in den Hofraum, wo sich gleichfalls viel Militär befand, das früher auch nicht zum Aufsuchen des Kellers zu bewegen war. Ich zeigte auf die Wolkenbank, teilte meine Beobachtung vor dem Hause mit und gab den dringenden Rat, rasch in den Keller zu gehen. Ich fand wohl aufmerksames Gehör, aber keiner konnte sich entschließen, als erster zu gehen. Plötzlich war ein scharfes Brausen hörbar, die Ursache kann ein Bomben- wurf oder ein Sturzflug gewesen sein. Darauf kam Bewegung in die Menge, 47 und auch ich eilte in den Keller unter der Einfahrt. - Unten angekommen, waren auch schon die ersten Detonationen hörbar. ,,Das sind aber keine schweren Bomben heute", sagte ich zu meinem Nachbar. ,,Ich weiß nicht", war die Antwort. Aber dann brach der Sturm los. Schlag auf Schlag folgte und die Schläge wurden zu einem wilden Wirbel. Vor mir stand dicht gedrängt eine Gruppe von Soldaten bis an das Ende des Kellers. Rechts von mir auf einer Bank saß ein kräftiger, großer Mann, der sich mit zitternden Fingern die Ohren zuhielt. Das Zittern erfaßte den ganzen Körper, aber ich schwieg wie alle, denn ich sah, er suchte sich zu halten, soweit es seine Nerven gestatteten. Ein Major hinter mir aber sagte: ,,Achten Sie auf den Mann dort." ,,Schon gesehen, schon gesehen." Damit war die Selbstbeherrschung aus. Der Mann wußte sich beobachtet, das Zittern wurde zu einem Schütteln und wimmernd fiel er von der Bank auf den Boden. ,,Aufheben, aufheben!" rief jemand. ,,Nein, nein", antwortete ich,,,den lassen wir liegen, sonst fällt er uns nur noch einmal herunter; da liegt er gut und kann nicht weiterfallen." Ich wollte ihm einen der herumliegenden Soldatenrucksäcke unter den Kopf schieben, aber der Eigentümer meldete sich: ,,Der gehört mir." Ich griff nach einem Handkoffer, der still genehmigt wurde. Es krachte immerfort und ich suchte den Mann zu beruhigen: ,,Was ist denn nur! Das ist ja nur ein Luftgefecht, deshalb brauchen Sie keine Angst zu haben." - Diese Täuschung konnte mir freilich nicht gelingen, er lag ja am Boden und mußte die Erschütterungen deutlich fühlen. Er führte den ge- krümmten Daumen in den Mund und es gelang mir gerade noch, ihn vor dem Zubeißen zu retten und den kräftigen Arm zurückzureißen. ,,Ja, was fällt Ihnen ein, das ist ja Ihr eigener Finger! Wollen Sie viel- leicht etwas trinken?" ,,Ja, bitte-Wasser." Ich öffnete eine der stets vorrätig gehaltenen Mineralwasserflaschen und hielt sie ihm an den Mund. Die Ablenkung gelang, aber er trank nur mäßig. Als die Einschläge aufhörten, beruhigte er sich allmählich. Ich machte 48 meinen Rundgang, der mich zuerst in den Keller der Sterzinger Straße Nr. 4 führte, wo ich vom harmlosen Verlauf des Angriffs für die nächste Um- gebung berichtete. Als ich aus diesem Keller heraufkam, standen bereits Hermann Riebler und Jakob Vones auf der Straße. Von dort fuhr ich mit dem Rad in die Brixner Straße, um in den dortigen Kellern über den Ver- lauf des Angriffes zu berichten. Dabei sah ich auch den Einschlag in das Dach vom,,Hotel Kreid"; er lag über der Einfahrt. Ich machte im dortigen Luftschutzkeller auch sofort Mitteilung und empfahl, sofort wegen etwaiger Brandbomben nachzuschauen und gleich gefüllte Wassereimer mitzu- nehmen. Von meinem Rundgang zurückgekehrt, fand ich den oben erwähnten Mann gebrochen in der Einfahrt sitzen. ,,Und wie geht es jetzt, haben Sie sich schon erholt, sind Sie von Inns- bruck?" ,,Nein, komme von München." ,,Kann ich etwas für Sie tun, wollen Sie etwas trinken?" ,,Nein, danke schön!" Nach Akzent und Aussehen dürfte er ein Fremdarbeiter oder Flüchtling in guter Kleidung aus dem Osten gewesen sein. - Am Bahnhofplatz, dem Hause Nr. 8 gegenüber, stak das Rohr des Bom- benleitwerkes im Pflaster. Ich vermutete einen Blindgänger und ersuchte einen Mann, zum Schutze gegen Berührung aus übergebenem Holz und Nägeln einen Dreifuß zu zimmern und darüberzustellen. Das Gestell machte er wohl, übergab es mir aber,,zur weiteren Veranlassung“ mit einer Gönnermiene, als wollte er sagen:,,Da hast du und mit dem kannst du nun machen, aber ganz, was du willst." Ich stellte es über die vermeintliche Gefahrenstelle, das Leitwerk einer Splitterbombe. Wie sich aber herausstellte, explodierten diese kleinen Splitterbomben sofort beim Aufschlag. Das Rohr des Leitwerkes als einziger Rest der Bombe bohrte sich hingegen in das Pflaster. Eine solche Splitterbombe fiel auch mit entsprechender Schadenswirkung an den Dächern in den rückwärtigen Teil des Daches vom Haus Bahnhof- platz Nr. 4 in den Garten des,,Lodenbaur", Brixner Straße Nr. 4, und auf das Dach des Rückgebäudes bei Gedeon von Hibler, Adamgasse Nr. 5. In der Museumstraße zählte ich vom Bahnviadukt bis zum ,,Wilden Mann" rund 40 Einschläge. 4 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter 49 - Im Garten des,,Lodenbaur" ragten die Flügel des Leitwerkes zur Hälfte aus der aufgewühlten Gartenerde und machten auch den Eindruck eines Blindgängers. Als auf die Meldung nach zwei Tagen noch niemand gekom- men war, wollte ich selbst den,,Blindgänger" freilegen. Mit einem schmalen Werkzeug räumte ich ringsum die Gartenerde fort und befestigte, als diese Flügel gelockert waren, einen Haken, um die Bombe mittels einer langen Rebschnur herauszureißen. Zwei junge Burschen im Geschäfte des ,,Lodenbaur" wollten unbedingt dabei sein. Nachdem es sich nur um eine kleine Bombe handelte, glaubte ich es verantworten zu können, und ließ sie hinter einem großen Trümmerhaufen in Deckung gehen. An ihrer Seite zog ich die Schnur, aber es krachte nicht.,,Leider", dürften die zwei gedacht haben. Die Schnur spannte sich, gab nach, aber es kamen nur die merk- würdigerweise ganz unbeschädigten Flügel des Leitwerkes wie eine tote Henne heran. Schwere Bomben fielen in den Stadtteil vor dem Westbahnhofe und ver- ursachten größere Schäden. Splitterbomben fielen, wie ich hörte, auch in der Gegend von Amras, Lans, Lanserkopf und Natters. Viktor Rhomberg in Igls wurde in seiner Villa ein Opfer des Angriffs. In der Völser Straße verlor das Haus Nr. 29 die linke vordere Hausecke der Länge nach herunter. In der Mandelsbergerstraße Nr. 7 kam das Rück- gebäude schwer zu Schaden und neuerdings das Vorderhaus, das bereits am 15. Dezember 1943 getroffen wurde. Der Angriff vom 26. Oktober 1944 Es war etwa 11.30 Uhr, als ich in der Tabaktrafik Rudolf Gräßl, Meraner Straße, eine Zeitung kaufte und vom Geschäftsinhaber die soeben ergangene Radiomeldung erfuhr, nach welcher sich Flugzeuge über Tirol im Anfluge nach Bayern befänden. In der Absicht, noch rasch eine Be- sorgung zu erledigen, beeilte ich mich, mit dem Rade in die Maria-There- sien-Straße zu kommen. Ich war kaum auf dem Rade, als auch schon Flakgeschosse über Inns- bruck krachten und eine Serie leichter Bomben fiel. Nach meiner Vor- stellung traf sie in nächste Nähe, etwa in der Museumstraße oder Altstadt. Ich hoffte daher, daß die Flieger nicht gerade in den Raum über mir ein- schwenken werden und ich noch rechtzeitig in den Luftschutzkeller der nahegelegenen Sparkasse käme. Ich bog in die Erlerstraße ein, und bevor 50 ich bis zur Gilmstraße kam, hörte das Krachen auf. Nun wollte ich die Pause benutzen, um auf meinen Platz zu kommen, schwenkte wieder nach rechts in die Gilmstraße und raste gegen den Bahnhof. Dort öffnete ich die Luftschutzkeller im Hause Nr. 8 und stürmte über die Stiege in die Woh- nung, um die Fenster zu öffnen, damit sie, falls es noch zu einem Angriff auf die Bahnanlagen kommen sollte, nicht durch den Luftdruck zertrüm- mert würden. Mir schien nämlich der Angriff von wenigen Sekunden nur ein Vorspiel kommender Dinge. Ich hatte mich nicht getäuscht, denn als ich etwa nur die Hälfte der Fen- ster geöffnet hatte, fielen schon wieder und diesmal schwere Bomben in die Bahnanlagen. Somit mußte ich die Fenster bleiben lassen und sprang über die Stiegen noch schneller hinunter, als ich gerade darüber heraufgekom- men. Unten angekommen, sagte ich lachend:,,So schnell bin ich noch nie die Stiege heruntergekommen" und biß mir den Fetzen Haut vom kleinen Finger der rechten Hand, den ich mir beim,,Bremsen" an der Wand her- untergestoßen hatte. Auch dieser Angriff war von kurzer Dauer. Nun wollte ich sehen, was geschehen war. An der Ecke der Salurner Straße angelangt, bemerke ich vor dem Hause Nr. 3 den Einschlag in die Straßenbahngeleise mit den hochgebogenen Schienen. Hinter dem Lagerhause stieg Rauch auf, ebenso hinter dem Adambräu. Die Straße dorthin war nicht getroffen, so daß ich das Fahrrad benützen konnte. Vor allem wollte ich die Kellerinsassen in der Sterzinger Straße vom Brande in der Lagerhausnähe unterrichten, denn bei einem Lagerhausbrande schien mir ein Verbleiben in den gegenüberlie- genden Kellern unmöglich. Ich überlegte noch, ob ich eine voreilige Verständigung nicht unterlassen sollte. Nachdem ich aber weiterzufahren hatte, dachte ich wieder an die Möglichkeit eines auch nur kleinen Unfalles, der mich ausschalten könnte, und entschloß mich zur Benachrichtigung. Also, rasch hinunter in den Keller Sterzinger Straße Nr. 4. Alle schauten mich erwartungsvoll an, denn die Einschläge waren zu nahe gelegen und im Keller fühlbar. Ich konnte aber Beruhigendes berichten: ,,Hinter dem Lagerhause scheint es zu brennen, ich weiß noch nicht, wo. Gleichfalls brennt es hinter dem Adambräu. Den Häusern ist nichts ge- schehen. Das Lagerhaus selbst brennt nicht. Sollte der Brand gefährlich werden, komme ich schon wieder. Ich gehe jetzt, um genau zu schauen, was geschehen ist und gebe dann wieder Nachricht." 51 Dann fuhr ich rasch zum Adambräu hinauf, denn in der Luft war es ruhig. In einer Nische der Mauer gegen den Gehsteig lag eine abbrennende Stabbrandbombe, die ich liegen ließ, denn dort konnte sie nicht schaden. Aus dem Dachraum des Kesselhauses qualmte von allen Seiten Rauch heraus, also auch Brandbomben. Schäden schwerer Bomben sah ich in die- sem Gebiete nicht. Nun also zurück, um die Feuerwehr zu verständigen, bevor sich der Brand richtig entwickelt. Am Rückwege wollte ich noch an den Brand hinter dem Landeslager- hause heran, fuhr in den Hofraum und sah in der Verlängerung desselben eine Baracke brennen. Ein Feuerwehrmann der Betriebsfeuerwehr des Lan- deslagerhauses, Anton Haselwanter, einer der besten Männer dieser Feu- erwehr, bediente bereits eine Schlauchlinie. Ein zweiter Schlauch war schon am Hydranten angeschlossen und wurde gerade eiligst vom Kellermeister Josef Pfeifer ausgerollt. Ferner beteiligten sich an der Bekämpfung des Brandes besonders der Magazineur Ferdinand Hekele, Heinrich Willi und andere Leute der Betriebsfeuerwehr. Das ist wirklich rasches Eingreifen, dachte ich mir, in welchem Keller waren diese Männer wohl? ,,Braucht's Helfer", rufe ich den Leuten zu, dann bringe ich einige vom Keller da drüben." ,,Na, na, Leute hätten wir schon genug." Wie ich später erfuhr, waren bei allen Fliegeralarmen und damals wäh- rend der ganzen Nacht stets 6-8 Mann der Lagerhausbelegschaft als Brandwache und Werkschutz im Luftschutzkeller des Betriebes bereit- gestellt, um bei eintretender Gefahr sofort eingesetzt zu werden. Ich prüfte den Himmel, aber es war still. Auf der Straße neben dem Di- rektionsgebäude der Bahn hielt ein motorisierter Schutzmann, dem ein an- derer zu Fuß scheinbar Meldung machte, denn der Motorisierte schrieb. Ich frage:,,Ist die Feuerwehr schon verständigt?" ,,Jawohl, ist bereits verständigt", lautet die knappe Antwort, mit ent- sprechendem Ton, so daß ich verstand, meine,,Einmengung" war nicht erwünscht. Darauf ging ich gleich in den Keller Sterzinger Straße Nr. 4 und berichtete: ,,Also, hinter dem Lagerhause brennt eine Baracke der Reichsbahn. Es ist bereits Feuerwehr daran, aber immerhin wird es gut sein, dann und wann nachzuschauen, ob das Feuer nicht etwa durch Funkenflug auf das Lagerhaus übergreift, wenn ich etwa nicht mehr sollte kommen können." Kaum war ich wieder auf der Straße, krachte lebhaft heftiges Flakfeuer. 52 Nun war die Hölle wieder los, sie waren wieder da. Ich fand es nicht mehr ratsam, in den Keller am Bahnhofplatz Nr. 8 zu gehen, nahm nicht einmal mehr Zeit nach den Fliegern auszuschauen, denn die Sprache der Flak- geschütze war zu deutlich. Ich sprang über die Stufen hinauf in die Wach- stube beim Polizeipräsidium und hinunter in den Keller. Gleich hinter mir der Oberwachtmeister Kürner, von Beruf Malermeister. Zwei bis drei Zi- vilpersonen waren bereits unten und standen vor der Tür zum Luftschutz- keller. Ich bildete mir ein, es werde nun der richtige schwere Angriff kom- men, wollte mich überzeugen, wo der Mauerdurchbruch ins Nebenhaus Nr. 14 vorgesehen ist und öffnete die Türe zum Luftschutzkeller. ,,Was wollen Sie?" fragte ein Schutzmann. ,,Ich bin nur gekommen, Deckung zu suchen." ,,Hier ist alles voll", war die Antwort und die Tür war auch schon zu. Der Keller war auch tatsächlich vollgepfropft, und ich sagte mir, da drinnen werden sich wohl andere um den Durchbruch bekümmern, wenn er ge- braucht wird, mir ist der Keller vor der Türe auch gut genug und es krachte und bebte schon. Ein Mann neben mir bekreuzigte sich. Es waren zwei Einschläge, als wären sie auf das Haus niedergegangen, so daß ich zur Stiege schaute, ob nicht Trümmer herunterrollen, und sagte, zu Oberwacht- meister Kürner gewendet,,,mir scheint, wir haben höchste Zeit gehabt." Es wurde bald wieder ruhig und ich ging nach oben. Aus den Fenstern des Lagerhauses stieg Rauch auf; dies beunruhigte mich und veranlaßte mich wieder, im Keller des Hauses Sterzinger Straße Nr. 4 Mitteilung zu machen: ,,Aus den Kellerfenstern vom Lagerhause steigen mäßige Rauchwolken auf, nicht stark, aber immerhin zu beachten, was daraus wird. Sollte es ärger und der Rauch fühlbar werden, dann wird es besser sein, den Keller bald zu verlassen und einen anderen am Bahnhofplatz aufzusuchen, bevor die Luft schlecht wird. Dann wäre es auch gut, wegen Brandbomben am Dache nachzuschauen, es sind heute einige gefallen." Eine Frau - Helene Schmidt meldete sich für die Kontrolle. - ,,Ich geh schon gleich", sagte sie und drängte sich durch die Leute hin- durch. Im Hause Nr. 2 war der öffentliche Luftschutzkeller untergebracht, wo ich in aller Ruhe dieselbe Mitteilung machte. Es schlossen sich trotzdem gleich mehrere Zivilisten und Soldaten an. Ich verteilte sie auf die zwei Keller im Hause Bahnhofplatz Nr. 8. 53 53 Durch den Rauch aus den Kellerfenstern beunruhigt und vom Verlangen getrieben, Genaues zu wissen-schon wegen des Feuers hinter dem Lan- deslagerhause-fuhr ich wieder zurück und in den Hofraum, um das La- gerhaus von rückwärts zu besehen. Nun wußte ich sofort alles. Ich stand bald vor dem eingestürzten Kellergewölbe unter dem Hofe, das ein schwe rer Einschlag zertrümmert hatte. Es waren also die Explosionsgase, die aus den Fenstern strömten. Das Lagerhaus blieb zum Glück unversehrt. Die Betriebsfeuerwehr des Landeslagerhauses war schon wieder wacker am Platze und kämpfte gegen den Brand der in nächster Nähe gelegenen Baracke der Bahn. Diese Männer müssen wie ich auf das Flakfeuer raschest gewesen. in Deckung gegangen sein, sonst wären sie nicht mehr Nachdem von der Berufsfeuerwehr nach meinem Wissen noch niemand erschienen war (die Zeit war auch zu kurz dazu, denn das zuletzt Geschil- derte spielte sich sehr rasch ab), wollte ich für alle Fälle Meldung machen. Vor der Wachstube stand ein Mann mit einer blauen Armbinde, den ich fragte, ob er zum Lagerhauspersonal gehöre; er verneinte. Auf meine Be- merkung, daß ich mich gerne überzeugen möchte, ob die Feuerwehr wirk- lich von den zwei Bränden verständigt wurde, ging er mit mir zum Appa- rat, um meine Meldung gleich selbst weiterzugeben. Ich sagte: ,,Hinter dem Lagerhaus brennt eine Baracke, aber der Brand wird schon mit zwei Schläuchen bekämpft. Es brennt auch hinter dem Adambräu.“ Er meldete:,,Es brennt das Lagerhaus und die Adambrauerei." ,,Nein, nein", unterbrach ich,,,hinter dem Lagerhaus und hinter der Brauerei." Der Mann berichtigte auch in diesem Sinne, aber wie ich später durch Zufall erfuhr, hielt die erste Meldung und wurde so weitergegeben. Hierauf fuhr ich zum Luftschutzkeller Brixner Straße Nr. 4 (Lodenbaur), um zu berichten, und empfahl, am Dachboden wegen Brandbomben nach- zuschauen. Nun noch hinüber in den Keller des,,Hotel Tyrol". Diesen sah ich an- gefüllt mit Verwundeten auf Tragbahren. Wie ich hörte, waren diese aus einem Lazarettzug, der während des Angriffes in der Station stand, her- übergeschafft worden. Waggons neben diesem Zug wurden zertrümmert, dem Lazarettzug ist glücklicherweise nichts geschehen. In allen Räumen standen Tragbahre neben Tragbahre. Es kamen gerade Pfleger mit wei- teren Verwundeten von der Bahn herüber und standen ratlos. Ich führte sie hinüber zum Keller im,,Hotel Europa", wo ich am Eingang zur Stiege 54 bereits den Bahnbeamten Schlotterbeck antraf, der die Tür öffnete. Nun war der Eingang zu eng, um mit den Tragbahren zwischen zwei Mauern durchkommen zu können. Eine Schwester vom Roten Kreuz zeigte sich sehr bekümmert darüber, denn es waren noch viele Verwundete unterzubringen. Ich sah das Hindernis, hob die schwere Tür zum Stiegenhause aus den An- geln, stellte sie in den Hofraum hinaus, und nun ging es geradeaus zur Kellerstiege hinunter. Es wurde viel besprochen, wieso ein Lazarettzug bei Alarm in der Station stehenbleiben konnte. Man hörte von Befehlen und verstopften Geleisen usw. Heimgekehrt, ging ich auf den Dachboden nes Hauses Bahnhofplatz Nr. 8, um auch wegen Brandbomben nachzuschauen. Bald darauf kam die Vorentwarnung. Die im rückwärtigen öffentlichen Luftschutzkeller befind- lichen Leute, darunter viele von der Wehrmacht, strömten schon herauf. ,,Langsam, langsam", rief ich ihnen zu,,,das ist nur erst die Vorentwar- nung, nicht die volle Entwarnung, es können noch Überraschungen kom- men", und alles zog sich wieder zurück. Es gab aber keinen Angriff mehr und der Tag war für mich wieder einmal zu Ende. Außer in den Bahnanlagen gab es in der nächsten Umgebung die er- wähnten Einschläge in der Salurner Straße, in den Keller unter dem Hof- raume des Landeslagerhauses und weiter vor das Nordende des Bahn- hofgebäudes, vor der Bahnpost in die Straße und nochmals in die Brun- ecker Straße vor der Einmündung in die Museumstraße. Die Einschläge in der Altstadt habe ich nicht festgestellt. Der Angriff vom 15. November 1944 Nach dem Voralarm um halb 10 Uhr folgte bald der Vollalarm und nach einiger Zeit waren aus größerer Entfernung Einschläge und Flakfeuer zu hören. Ein Teil der Bomben fiel in die Höttinger Au, der Großteil aber hinter die Nordkette, so daß angesichts des harmlosen Ablaufes auch humorvoll von,,Gamsbraten" gesprochen wurde, der jenseits der Berge zu holen wäre. Die Landschaft war in dichten Nebel gehüllt und bot kein richtiges Ziel. Die Vorentwarnung erfolgte um halb 12 Uhr und etwa 15 Minuten spä- ter die volle Entwarnung. 55 Der Angriff vom 16. November 1944 Nach dem Alarmzeichen um 11.15 Uhr waren bald Gruppen von sechs Flugzeugen zu sehen und jeweils auch 3 bis 6 solcher Gruppen hinter- einander als ganze Geschwader. Sie zogen, aus Süden kommend, über die Nordkette und wieder in umgekehrter Richtung, als wäre hinter der Nord- kette die Richtung gewechselt worden. Auch der Raum über Innsbruck wurde überflogen. Es war ein beständiges Kommen und Abfliegen in gro- Ber Höhe mit den Kondensstreifen als gleichgerichtete, langgestreckte Fah- nen, deren Enden zu leichten Wolken und Dunst wurden. Ich hatte bald die Empfindung, es könnte ein schwerer Tag werden, und überblickte den Platz. Vor dem „,Hotel Tyrol" standen wie zumeist eine Menge Soldaten, ebenso vor dem „,Hotel Viktoria" und zwei beim Kiosk gegenüber. Ein Hauptmann der Flugwaffe eilte gerade an mir vorbei. ,,Herr Hauptmann, bitte nicht weiterzugehen, es können jeden Augen- blick Bomben fallen und hier ist ein guter Luftschutzkeller." Er verblieb dankend und ging auch später mit mir hinunter. Gegen 12.30 Uhr kamen drei leichte Flugzeuge aus der Richtung über dem Patscherkofel, die bald die Ordnung verließen und ausschwärmten. Es war ein Auf und Nieder, ein eiliges Wechseln der Richtung. Die Kondensstreifen gaben einen wirren Schlepp aus lockerem Gewebe. ,,Schau, schau!" rief jemand hinter mir wie entzückt. Mir war dieses Bild neu. Bomber konnten es nicht sein, dazu waren sie zu leicht und hurtig. Aber was bedeutete diese spielende Beweglichkeit? Es sind doch keine Kunstflieger, um die Menge einer Festwiese zu unterhalten. Sollten etwa die Blicke von einer anderen Richtung abgelenkt werden oder was ist von diesen Fliegern dort zu erwarten? Ich prüfte scharf den ganzen Horizont und besonders den Luftraum über dem Patscherkofel, woher die Vorboten kamen. Die Aufklärung zu diesem anmutigen Spiel in den Lüften ließ nicht lange auf sich warten. Von dort, ja, von dort kamen sie: Eine Gruppe schwerer Flugzeuge schob sich über den Berg heran. Kein Zweifel mehr, schwer und wuchtig kam diese unheildrohende Wolke von Riesenvögeln, gelassen wie Panzer- schiffe auf glatter See; geradlinig ging die Fahrt in den Raum über der Stadt. Die munteren Vorläufer waren die Aufklärer für die drohend schwer beladenen Kolosse. Das ferne Brummen wurde rasch immer deutlicher, grollend brummten die Motore der schweren Maschinen in ihrem tiefen 56 Baß: Hunger, Hunger, Hunger. Die schwere Kavallerie der Luft trommelte ihren dumpfen Motorenwirbel, wie Reiterei, die mit 1000 Hufen über eine Holzbrücke stampft. Die zahllosen Stöße wurden zum Getöse, wie unge- zählte Infanterieschüsse in langgestreckter Front zu einem Brodeln und Kochen werden. Die einzelnen Flugzeuge wuchsen mit dem Getöse, die Gruppe schien immer mehr Raum einzunehmen und in die Breite zu gehen. Es gab keinen Zweifel mehr, also rasch! Ich stand vor dem Hause Nr. 12 des Bahnhofplatzes und rief nach links und rechts, die Hände an den Mund gelegt: ,,Schwere Flieger kommen, Richtung Bahnhof, rasch in die Keller, rasch, rasch!" Die Bomber wuchsen, als wollten sie mir zuvorkommen. Ich schrie noch- mals über den Platz: ,,Flieger, Flieger, sie kommen, Keller gehen, rasch, rasch!" Die Menschen drängten sich zu Trauben vor den verschiedenen Haus- toren, die zu den Luftschutzkellern führten. Es gab kein Herumirren; da- gegen zu sorgen fand ich genügend Zeit. Ich sah alles in Bewegung. Der Platz wurde leer, die Menschentrauben vor den Häusern immer kleiner. Nun wußte ich alle geborgen. Der erwähnte Hauptmann stand noch ne- ben mir. ,,Herr Hauptmann, ich glaube, es ist Zeit zu verschwinden. Heute gibt's was." Wir gingen, die anderen in der Luft kamen. Der Sturm brach sogleich los. Die harte Nervenprobe begann. Sie säten die schweren Bomben in die Bahnanlagen und in unsere nächste Umgebung. Es begann die Miẞhand- lung der Erde mit Keulenschlägen in ihr Angesicht. Im Keller wurde es sofort dunkel. Ich brannte meine Sturmlaterne an. Die Schläge pochten an Tür und Wände, begehrten Einlaß auch von oben, hoben und schaukelten das Ganze zu einem rollenden Beben. Vier Venti- lationsrohre hauchten ihre gespenstisch drohende Symphonie vom Verge- hen und Sterben herunter. Die Einschläge folgten einander rasch. Einmal gab es eine ganze Serie. Der ganze Angriff verlief in verhältnismäßig kur- zer Zeit. Als es still wurde, ging ich aufmerksam horchend hinauf, um gleich we- gen der Brandbomben auszuschauen und ob sonst irgendwo Hilfe vonnöten wäre, denn einige Einschläge waren deutlich vom Rumpeln einstürzender Häuser begleitet. Ein besonderer Blick galt immer dem Lagerhause. Gleich 57 mir gegenüber sah ich den Saal der Bahnhofgastwirtschaft getroffen, die schwere Eisenkonstruktion darüber zusammengebrochen. Dieser Saal diente seit einiger Zeit schon als ,,Expreßgut-Aufgabe". Vor der Ankunfthalle lag ein Einschlag im Pflaster. Das Haus Nr. 7, das Reichsbahn-Direktions- gebäude, war im bahnseitigen Flügel getroffen. Vor der Salurner Straße, gegenüber der Ecke des Hauses Nr. 16 (damals Polizeipräsidium) waren die Gas-, Wasser- und Kabelleitung durch zwei Einschläge zerstört. Der,,Arl- berger Hof" wurde oberhalb des zweiten Stockwerkes durch einen Blind- gänger getroffen, der in der Sterzinger Straße schräg die Vorderwand und das ganze Haus bis zum Keller durchschlug. Einige Bomben fielen an der Ecke des,,Hotel Europa" in die Geleise der Straßenbahn und ebenso ins Straßenpflaster vor dem Gehsteig. In der Brunecker Straße war auch das Haus Nr. 2 getroffen. Nachträglich hörte ich, daß einige Häuser in der Nähe des Gaswerkes zerstört wurden. Eine Anzahl Bomben fiel in die Fel- der bei Amras, Thaur und ins Gebirge. Als ich vom Keller heraufkam, sah ich auch sofort die Sterzinger Straße mit den Trümmern des schwer getroffenen Landes-Lagerhauses angefüllt. Aufsteigender leichter Rauch bannte mich einen Augenblick an die Stelle. Ein Lagerhausbrand war nämlich für mich schon immer eine stille Sorge. Ich wußte, daß die Stockwerke innerhalb der vier Wände nur und restlos aus Holzkonstruktion bestanden (das Lagerhaus stand seit 1884). Ein Feuer in diesem Wald von trockenem Holz müßte furchtbar wüten, die Hitze unerträglich auch für die Umgebung werden. Ein Übergreifen des Feuers auf die gegenüberliegenden Häuser der Sterzinger Straße erschien mir unvermeidbar. Dabei dachte ich an die Insassen der Luftschutzkeller in den Häusern Nr. 2, 4 und 6. Nr. 8 war kaum bewohnt. Es war immer meine feste Absicht, vor der Entwicklung eines Feuers die Leute sofort heraus- und in andere Keller zu führen. Es war doch immer wieder zu hö- ren, daß in andern Städten die Menschen bei Bränden in Kellern oft durch die Hitze allein umkamen. Das zu verhindern war mein Vorsatz und jedes- mal, wenn ich nach einem Angriff vom Keller heraufkam, galt mein erster Blick der Sterzinger Straße, sobald ich das eigene Haus unversehrt fand. Nun war das von mir gefürchtete Ereignis eingetreten. Ich stand plötz- lich vor dieser Tatsache, aber ebenso rasch war mein Entschluß gefaßt. Im Laufschritt strebte ich der Sterzinger Straße zu - wegen der herumliegen- den Gesteinsmassen kam das Fahrrad nicht in Frage-immerfort den Luft- raum prüfend. Auf halbem Wege, nach dem Hause Nr. 14, begann die Flak 58 in Richtung gegen den Bahnhof zu feuern. Die Sprengwolken ballten sich hinter einem Flugzeug zu einer Riesentraube zusammen. Die Maschine be- wegte sich auf mich zu, konnte jeden Augenblick den Bahnhof neuerdings angreifen. In einer Sekunde mußte ich überlegen und mich entschließen, ob ich den Weg zurück vorziehen oder doch dem Flugzeug entgegen fortsetzen sollte. Schnell vorwärts dem Ziele zu, durch den nächsten Eingang an der Ecke des Hotels in das Café des,,Arlberger Hofes", um das Haus über mir zu haben. Sollten vorzeitig Bomben fallen, dann rasch zur Erde und ,,Gut Glück". Das war die Überlegung eines Augenblicks. - Als ich über die Stufen ins Café sprang, sah ich etwa an der Stelle des Lagerhaus-Warenaufzuges ein bereits 10 Meter hoch aufloderndes Flam- menbündel, wie von unten angefacht, fast rauchlos gierig um sich greifen. Immerhin war das Feuer noch auf eine Stelle beschränkt, wie furchtbar dro- hend es auch begann. Sollte ich nicht doch vorerst wieder über die Straße in die gegenüberliegende Polizeiwachstube zum Fernsprecher eilen, um die Feuerwehr zu verständigen? Wenn aber ein neuer Angriff erfolgen sollte, bin ich genötigt, für die Dauer des Angriffes in den dortigen Luftschutz- keller zu flüchten. Indessen wird der Brand rasend um sich greifen, die ge- genüberliegenden Häuser erfassen und den vielen Menschen in den Kellern das stets befürchtete Schicksal bereiten. Nein, das Lagerhaus ist nicht mehr zu retten, das riesige hölzerne Einge- weide wird zur Gänze in Flammen stehen, bis die Feuerwehr kommen kann. Daher weiter! Ich stürmte durchs Café in den Hofraum, um den zur Fa. Schmidt füh- renden Mauerdurchbruch mit der im Rucksack stets mitgeführten Beilpicke zu öffnen, und räumte die davorstehenden Müllkübel fort. Währenddessen besann ich mich aber, daß damit nichts getan sei. Ich mußte doch die Kel- lerinsassen aus den Kellern der Feuerzone besser unterirdisch in den Kel- ler des Hotels herüberführen und, falls dieser übervoll werden sollte, den Durchbruch zum vorzüglich ausgebauten Keller des Nebenhauses, Salurner Straße 3, öffnen. Also weiter in den Keller des Hotels, in den die Stiege hinter mir hinunterführte. Dieser Keller war schon stark besetzt. Ich drängte mich durch die Leute zum Durchbruch und brach mit dem dort bereitste- henden Pickel die Wand zum öffentlichen Luftschutzkeller Sterzinger Straße Nr. 2 auf. Die Keller waren bereits ohne Licht. Mir diente meine Taschen- lampe. Ich kroch durch die Doppelmauer hinüber und leuchtete in die auch 59 hier dicht gedrängten Menschen, um in Ruhe das Notwendige mitzuteilen, ohne durch Überängstliche etwa eine Panik auszulösen. ,,Achtung, bitte. Ich habe gerade den Durchbruch zum,,Arlberger Hof" hinüber geöffnet, und es wird gut sein, dort hinüberzugehen, denn das Lagerhaus brennt. Es könnte hier später vielleicht heiß werden. Jetzt ist noch keine Gefahr." ,,Dann gehn wir lieber gleich", meinte einer, und sofort strömte Zivil und Militär heraus. Ich ging weiter zum nächsten Durchbruch, der zum Hause Sterzinger Straße Nr. 4 führte, hinüber, brach wieder raschest auf und machte die- selbe Mitteilung. Während dieser Zeit fielen keine Bomben mehr und es sollten auch keine mehr fallen, was im voraus niemand wissen konnte. Frau Helene Schmidt meinte daher in ihrer oft bewährten Ruhe:,,Ich glaube, wir können gleich über die Stiege hinausgehen.",,Wenn Sie glauben. Einstweilen ist es ruhig, ich bitte aber, auf Fliegergeräusche zu achten." Sie führte die Gruppe von Frauen über die Stiege hinauf. Ich eilte vor- aus, um nun die Feuerwehr zu verständigen. In der Polizeiwachstube an der Ecke gegenüber traf ich Oberwachtmeister Kürner, der von einer Mel- dung nichts wußte und diese daher sofort weitergab an den Notruf Nr. 02. Ich fügte noch rasch hinzu:,,Großfeuer steht zu erwarten", was auch noch weitergegeben wurde. Dies war um 12.40 nach der Turmuhr auf dem Bahngebäude gegen- über dem,,Tiroler Hof". Diese Uhr kam um 12.45 zum Stillstehen. Dann eilte ich wieder den Frauen nach, die zum Luftschutzkeller Bahnhofplatz Nr. 8 unterwegs waren. Ein Auto brachte bald den Feuerwehroffizier, von dessen Umsicht und Erfahrung gesprochen wurde. Er besah sich kurz die Lage und verschwand wieder, um seine Anordnungen zu treffen. Indessen kamen die Kellerinsassen - von Frau Helene Schmidt geführt - auf die Straße, sahen an der Stelle des Einschlages die mächtigen Mauern des Lagerhauses aufgebrochen und die Trümmer wie Eingeweide bis auf die andere Straßenseite herausquellen. Ein Übergreifen des Feuers auf die Häuserreihe gegenüber fanden auch sie für selbstverständlich. Auch ihnen als Benachbarten war die Beschaffenheit des Brandobjektes von unten bis zum Dachstuhle bekannt. Sie wußten, dieses mächtige innere Gerippe 60 aus Holz mußte bald in hell auflodernden Flammen ein Feuermeer ohne- gleichen nähren. So plötzlich kam der Abschied von allem, was sie in den Wohnungen zurücklassen mußten. Den Durchbruch zum Hause Sterzinger Straße 6 hatte ich nicht geöffnet, in der Meinung, die Hausbewohner von Nr. 4 hätten von sich aus die Kel- lernachbarn zum Aufbrechen der Wand durch die Öffnung am Boden auf- gefordert, und folgte nach der Feuermeldung den Frauen und führte sie in die Keller Südtiroler Platz Nr. 8 und 12. Vor dem Hause Nr. 8 stand der mehrfach erwähnte Hauptmann. Er meinte: ,,Sie haben wohl als Erster den Keller verlassen?" ,,Dazu bin ich ja da und bin auch schon daran gewöhnt." ,,Der Anblick wird mir unvergeßlich sein, als Sie mit den vielen Frauen kamen, alle bleich, aber gefaßt und vertrauensvoll hinter Ihnen. Das ist ein guter Schlag." ,,Alles Tiroler", erwiderte ich lächelnd und dachte dazu: Was wirst Du aber wohl von mir gedacht haben, daß ich keiner der Frauen etwas von ihrem Luftschutz-Gepäck abnahm? Ich war nämlich physisch fertig und vertrug keine Belastung mehr, wie gerne ich mich sonst immer aufs äußerste anspannte. Es spielte sich alles pausenlos rasch ab: Den Verlauf des Angriffs konnte ich im Keller abwar- ten, aber dann die Erregung wegen des stets gefürchteten und nun ein- getretenen Brandes, mein Laufschritt gegen den,,Arlberger Hof" angesichts des Fliegers im Flakfeuer, für den ich auch kein Opfer werden wollte, mein Stürmen durch die ebenerdigen Räume des Hotels, durch den Hof und Kel- ler, das Aufschlagen des ersten Durchbruches, die vorsätzliche Sammlung, um die Weisungen ruhig geben zu können und wieder das Öffnen des zweiten Durchbruches, die andauernde Spannung und der Zwang zur Fas- sung plötzlicher Entschlüsse. - Ich brauchte eine Atempause und ging da- her wie ein Schwerfälliger neben den beladenen Frauen einher. Mit dieser rücksichtslosen Rücksicht auf meine Verfassung hatte ich übri- gens gut getan, denn bald vermißte ich im Keller Haus Nr. 8 die Bewohner des Hauses Sterzinger Straße Nr. 6, weshalb ich wieder zurück in den Kel- ler Nr. 12 eilte, aber hier meldete sich auf mein Rufen niemand. Nun wurde mir angst. Ich hatte ja selbst nicht aufgebrochen, sondern nur an- genommen, die Insassen von Nr. 4 würden gemeinsam mit jenen von Nr. 6 61 - aufbrechen. Also Laufschritt zurück und hinunter, um den dritten Durch- bruch zu öffnen. Die Räume waren bereits mit hinabgesunkenem Rauch geschwängert. Wahrhaftig, die Wand von Nr. 4 zu Nr. 6 stand noch unberührt und ich hörte ahnungslos plaudern. Meine Schläge an die dünne Mauer gaben die Öffnung bald frei und ich mahnte zur Eile. Der Dienst- mann Nr. 8 von den ,,Grünen" namens Alois Zelger machte sich noch zu schaffen, weshalb ich durch die Öffnung rief: ,,Herr Zelger, wir gehen, kommen Sie nicht?" ,,Ich komme schon, ich will nur noch Verschiedenes mitnehmen." ,,Sie kennen sich ja aus da herunten, nicht wahr? Dann kann ich also gehen, aber machen Sie rasch, man weiß nicht, was noch kommt." ,,Ja, ja, ich komme gleich." Als wir vor dem Hause Nr. 8 ankamen, traf ich eine Frau bekümmert nach ihrem Mann herumfragen. Wie sich herausstellte, war es Frau Zelger, die ich mit meinem Bericht beruhigen und ihr versichern konnte, daß er schon in einem der Keller landen werde. Der zweite Angriff, von dem gesprochen wurde, erfolgte nicht, es dürften die während meines Weges zum „,,Arlberger Hof" erfolgten Flaksalven mit einem solchen verwechselt worden sein. So war es für Frau Gisela Rainer möglich, nach ihrem Geschäft zu sehen, um das Wichtigste zu bergen. Die Schwester der Genannten und die Angestellten, ganz auf sich selbst ange- wiesen, übertrafen sich in ihrer Bemühung und Sorge. Ein Mädchen schleppte die Kartothek und die Lebensmittelkarten zur Verwahrung an einen besonders sicheren Platz, wie sie vertrauensvoll meinte. Nun noch rasch in den Keller des,,Arlberger Hofes", um zu sehen, ob die Öffnung der Durchbruchstelle zum Nebenhause, Salurner Str. Nr. 3, notwendig sei, denn als ich ein zweites Mal durch diesen Keller gegangen war, stand be- reits Wasser auf dem Boden. Die Ursache war ein Wasserrohrbruch, wie sich nachher herausstellte. Nein, die Öffnung des Durchbruches konnte un- terbleiben, die Insassen waren schon in den Keller des Polizeipräsidiums gegenüber geflüchtet, als das Wasser ständig stieg. Dieser Umstand mag erinnert haben an Nachrichten aus anderen Städten, nach welchen die Men- schen in Kellern mit verrammeltem Ausgang einen langsamen Ertrinkungs- tod erleiden mußten. Nun stand das Wasser bereits 10 cm hoch. - Als ich zurückging, begegnete ich auf der Stiege dem Hotelier Albert Woldrich, der herunterkam und berichtete, daß im Raume neben dem Luftschutzkeller eine Bombe liege. Ich rief statt aller Antwort in den Keller: 62 ,,Achtung, Achtung! Zeitzünder im Hause, alles heraus, rasch, rasch!" Darauf kam der Monteur des Hauses Martin Hamedinger mit entblößtem Oberkörper und meinte, er müsse nur noch das Feuer aus dem Kessel räu- men, ansonsten der Kessel explodieren könnte, falls das Wasser weiter steigen sollte. ,,Machen Sie rasch, denn wir können jeden Augenblick mit dem Hause in die Luft fliegen. Wir gehen auch, Sie sind nun allein." Der Wackere ging zurück, um zu retten, was seiner Obhut anvertraut war. Es war in der letzten Zeit öfter von Zeitzündern zu hören, besonders aus Brixen kamen solche Nachrichten. Albert Woldrich machte sofort Meldung, worauf die Bombe entschärft wurde. Sie hatte ihren Weg schräg durch die Frontmauer in der Sterzinger Straße zwischen dem 3. und 4. Stockwerk in den Keller genommen und dürfte wohl ein Blindgänger gewesen sein. Nach meiner Gewohnheit wollte ich nun in den anderen Kellern (,,Hotel Europa",,,Hotel Tyrol") über die Lage berichten. - Beim,,Hotel Europa" angekommen, merke ich Gasgeruch. Ich roch an den Kellerfenstern, aus welchen der Geruch zu kommen schien. Daher sofort hinunter, aber merk- würdigerweise war der Geruch hier weniger stark. Dieser bahnseitige Kel- ler des Hauses war als Luftschutzkeller nicht herangezogen, sondern nur der Teil in der Brixner Straße Nr. 6. In diesem Keller fand ich eine An- zahl Leute und die Hausmeisterin, welche mir aber den Gashahn nicht zu zeigen vermochte. Ich empfahl daher, den Keller sofort zu verlassen, wenn Gasgeruch herüberdringen sollte. Sodann ging es in den Keller des Hauses Brixner Straße Nr. 4 (Loden- baur), wo ich auch über die Wirkung des Angriffes berichtete, daß dieses Haus unversehrt blieb und alles im Keller bleiben könne. Betreffend das Gas empfahl ich, auf den Keller des Nachbarhauses zu achten. Wieder oben angekommen, sah ich bereits auf der Straße befindliche Neugierige plötzlich gegen die innere Stadt laufen. Wie ich hörte, war ein neuer Anflug gemeldet und Befehl zur Deckung gegeben worden. Ich rief und wies auf die Luftschutzkeller im,,Hotel Europa" und,,Hotel Tyrol". Ich selbst zog mich wieder in den soeben verlassenen Keller zurück. Nach einer Weile ging ich wieder hinauf. Motorengeräusche waren nicht zu hören. Auf dem Heimweg kam ich an den Bombentrichter an der Ecke des,,Hotel Europa" heran, wo ich nun deutlich das Ausströmen von Gas feststellte, das in kleinen Mengen auch in den nahegelegenen Keller zog und meinen Irrtum verursachte. 63 Herumstehende hieß ich mit der Zigarette ferne zu bleiben und ging wieder um die Ecke herum in die Maria-Theresien-Straße zur Befehls- stelle im Rathaus in den tief gelegenen Keller hinunter. Dort traf ich wieder, wie so oft im Luftschutzdienst, den Hauptwacht- meister Teuchmann. Sein angeborener Ernst, die Sicherheit und Ruhe, mit der er seinen Dienst versah, ließen mich immer glauben, er stehe in seinem Berufe. Erst nach dem Kriege erfuhr ich, daß der Genannte nur für den Kriegsdienst zu dieser Dienstleistung einberufen war und schon Jahr- zehnte in Innsbruck ansässig sei. Hauptwachtmeister Teuchmann nahm die Meldung in seinem kabinen- artigen Kellerabteil entgegen, um sie sofort weiterzuleiten. Vor dem Rathaus traf ich einen Bekannten, der hören wollte, was am Bahnhof geschehen sei. Nach dem Bericht meinte er:,,Blaẞ bist heute". Ich ergänzte daher meinen kurzen Bericht mit der Bemerkung: ,,Ja, mein Lieber, ich habe nur in größter Hast drei Durchbrüche aufge- brochen und renne seit dem Angriff herum. Nach solcher Arbeit ist ein anderer auch blaẞ." Auf den Bahnhofplatz zurückgekehrt, sah ich bereits einige Männer den Bombentrichter mit dem ausgeworfenen Material anfüllen, um die Straße zwischen Trichter und Gehsteig für den Verkehr freizumachen. Sektions- leiter beim Kriegsopferverband Hugo Blattner stand als Ordner dabei und ich bat ihn, die Rauchenden fernzuhalten. Der Inhaber der Bahnhof-Gastwirtschaft, Leopold Biegler, bekannt durch die vorzügliche Leitung dieser Gaststätte, war auch bereits zur Stelle und gab seine Weisungen zur Bergung der Einrichtung, so weit dies noch mög- lich war. Vor dem Hause Nr. 8 angelangt, sah ich die Bombengeschädigten der Sterzinger Straße in Gruppen beisammenstehen, die Blicke starr und sorgen- voll gegen das nun lichterloh brennende Lagerhaus gerichtet, in Erwartung des Unterganges auch der gegenüberliegenden Häuserreihe mit den Woh- nungen und ihrem Inhalt. Es blieb nur das Glück, keine Angehörigen ver- loren zu haben. Ein Bild, das Dichterworte ernst beschreiben: Einen Blick Nach dem Grabe Seiner Habe Was Feuers Wut ihm auch geraubt, Ein süßer Trost ist ihm geblieben: Er zählt die Häupter seiner Lieben Sendet noch der Mensch zurück... Und sieh', ihm fehlt kein teures Haupt. Schiller,,Das Lied von der Glocke" 64 Die Geflüchteten wurden nicht müde, das Bild der Vernichtung mit kum- mervollen Augen zu betrachten, um es mitzunehmen als Abschied von allem, was von der lieben Habe dort oben zurückblieb. Nur ein Augen- sah ich müde und zum Quell zweier Tränen werden, um gefaßt dann paar wieder zu versiegen. - Sie galten wohl all der Mühe und dem Fleiß, mit dem ein junges Ge- schäft zum eigenen Lohn, der ganzen Umgebung zur Freude, aufgebaut wurde. Viele Widerwärtigkeiten, die treuen Begleiter aller Strebsamen, waren sicher zu überwinden, damit endlich doch Bienenfleiß obsiege und wahr werden können die Dichterworte: ,,Es wachsen die Räume, es dehnt sich das Haus." Schiller Die bald auffahrende Feuerwehr in hellgrünen Uniformen stürzte sich mit Eifer auf das rasende Element. Schlauchlinien wurden in die gefährde- ten und schon verloren gegebenen Häuser gelegt, um die Dächer zu schüt- zen und ein Weitergreifen des Feuers von den bereits brennenden Fenster- stöcken zu verhindern. Dabei sprang Gustav Riebler ein, als ein Fremd- arbeiter sich mit dem Schlauch der Hitze wegen vom Fenster zurückzog, und verhinderte ein Übergreifen in das Innere. Schon das zielbewußte Eingreifen der Feuerwehr hatte eine stille nieder- gehaltene Hoffnung geweckt. Wurde doch der Kampf gegen das vernich- tende, unersättliche Element aufgenommen. Die Unmöglichkeit, diese Feuersbrunst zu löschen, war leicht einzusehen, aber die Hoffnung, daß es gelingen könnte, die gierige Ausbreitung auf weitere Objekte zu ver- hindern, stieg. In den Fenstern und auf den Dächern sah man überall Män- ner als Helfer gegen das Feuer wirken. In die starre Gruppe vor dem Hause Bahnhofplatz Nr. 8 kam bald Bewegung. Einzelne, und schließlich fast alle kehrten in ihre Wohnungen zurück, um nachzusehen, um fortzuschaffen, was noch möglich war. Die Frauen Gisela Rainer (heute Gattin des Zahnarztes Dr. Connert), Paula Riebler, Helene Schmidt und Antonie Zeitelhofer machten den An- fang. Frau Riebler kam gerade zurecht, einen Wohnungsbrand zu verhin- dern, der eine Gefahr für das ganze Haus geworden wäre. Aus allen Woh- nungen wurde Hausrat über Stiegen und Balkone heruntergeschafft. Die jungen Leute Ernst Bliem, Rosa Gaßner, Martha Polt, Karl Klausner und Franz Schröder stellten sich als eifrige Helfer und erschöpften sich im 5 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter 65 Bergen von Hausrat wie im Kampf gegen das Feuer so wie die Männer Hans Seir, Alexander Vones und Johann Zeitelhofer. Fräulein Marie Andreatta hatte durch die Zertrümmerung des Rück- gebäudes des Hauses Nr. 6 bereits alles verloren und kam daher nach vorne zu Hilfe. Das betagte Ehepaar Karoline und Johann Jenewein stellte gleich- falls seine Kraft in den Dienst des Hilfswerkes. Am Ende des harten Tages übernahm Frau Gisela Rainer, trotz ihrer schwachen Nerven, die Brandwache für die Dauer der ganzen Nacht. Indessen tobte das Feuer gegenüber, ergriff das massige Gebälk des ganzen 100 m langen und 16 m breiten Landeslagerhauses vom Erdgeschoß bis zum Dachgiebel. Trotz energischen, sofortigen Eingreifens der während des Angriffes im Lagerhause verbliebenen Gefolgschaft einschließlich des Direktors Erwin Plankensteiner konnte der von einem Bündel von 70 bis 80 Brandbomben hervorgerufene Großbrand infolge Zerstörung sämtlicher Wasserleitungen im Gebäude und den angrenzenden Straßenzügen nicht mehr eingedämmt werden. Durch drei Sprengbomben wurde ein Teil des Lagerhauses aufgerissen, sämtliche Fenster durch die Explosion zerstört. Die vorhandenen Aufzugs- schächte förderten die rasche Entwicklung des Brandes, so daß das Gebäude innerhalb von 30 Minuten in hellen Flammen stand. Die Feuersäulen schlugen hoch über den Giebel gegen den blauen Himmel. Dampf wallt auf! Flackernd steigt die Feuersäule, Durch der Straße lange Zeile Wächst es fort mit Windeseile; Kochend wie aus Ofens Rachen Glühn die Lüfte, Balken krachen, Pfosten stürzen, Fenster klirren, ... Hoch im Bogen Spritzen Quellen Wasserwogen. Schiller, Das Lied von der Glocke Als ich endlich wieder zu den Leuten im eigenen Keller, Bahnhofplatz Nr. 8, schaute, wo ich alles in Ordnung fand, meinte eine Frau:,,Jetzt kommt unser Schutzengel" und die daneben sitzende Frau Pfund:,,Ja, ich bin immer froh, wenn er da ist.“ 66 Das Räumen, bzw. Verlassen der Keller in der Sterzinger Straße war, nachträglich gesehen, überflüssig, wie ich mich auch einer der betroffenen Frauen gegenüber geäußert hatte. ,,Wir waren doch alle froh, daß Sie uns herausgeholt haben", erhielt ich zur Antwort. So durfte ich mir sagen, daß alle meine Vorkehrungen in größter Eile, ohne Überlegungsfrist, als instinktive Eingebung, für richtig befunden wurden. Indessen wüteten die gierigen Flammen, schlugen aus all den großen Fenstern und hinaus über die hochaufragenden Mauern. Diese überragten die gefährdeten Häuser beträchtlich, umschlossen als riesige Esse die bren- nende Hölle und führten die züngelnd verzehrende Hitze himmelwärts über die Häuser hinweg. Das war ein Umstand, der die Abwehrarbeiten in und auf den bedrohten Häusern möglich machte. Weiter drückte ein leichter Westwind die glühenden Schwaden gegen Osten von den Häusern hinweg und schließlich bewirkte der Sauerstoffverbrauch dieses Feuer- meeres ein hungriges Ansaugen der Luft aus der nächsten Umgebung, welcher Feuersturm ständig Frischluft heranführte. Das Landeslagerhaus wurde zur Ruine. Ein Beitrag zur Summe der Bilder, die Hans Märk mit folgenden Zeilen beschreibt: Versunken Was mich von Kindesbeinen an begleitet, was mich entzückt auf mancher Fahrt, ist nun dahin.. Zerstört sind Türme, Brunnen und Paläste, in Trümmern liegt manch himmelstürmend hoher Dom. Viel traute Winkel zwischen Giebelhäusern, einst eingesponnen in Geborgenheit, in Fachwerk träumend und Gesimsen, zur Walstatt wurden nun des Grauns. Der leere Himmel starrt aus Fensterhöhlen und hinter Erkern wohnt das Nichts. Geborstne Mauern nur und Pfeiler und eingestürzte Keller sind der Rest... Das die Umgebung bedrohende Schicksal schien sich zu besinnen, um endlich noch Einsehen und Nachsicht zu haben mit all den strebsamen, 5* 67 schaffenden, schwer geprüften Menschen der Sterzinger Straße. Die Häuser blieben erhalten; angekohlt und mit verbrannten Fensterstöcken. Die Adambrauerei wurde mit 12 bis 13 Brandbomben bedacht. Sie fielen in den Malzsilo im dortigen Hochhaus, in den Vorratsboden, ins Kesselhaus und in das Stiegenhaus des Wohnhauses. Dem raschen Eingreifen der im Luftschutzdienste stehenden Gefolg- schaft mit dem Betriebsleiter Direktor Hubert v. Huymann ist die Unter- drückung eines Großbrandes zu danken. Vier gleichfalls anwesende Feld- webel der Wehrmacht griffen auch tatkräftig ein. Einer davon bediente trotz seines Holzarmes das Strahlrohr. Als besonders glücklicher Umstand erwies sich das eigene Wasser- und Kraftwerk der Brauerei, das unbeschädigt blieb. Die städtische Wasser- leitung der ganzen Umgebung war nämlich durch Bombentreffer ausge- schaltet. Umsichtig legten die Leute auch gleich eine Schlauchlinie in den Hof- raum des gegenüberliegenden Objektes Adamgasse Nr. 28, um den Brand im Stöcklgebäude niederzukämpfen. In gleicher Weise wurde der Brand im,,Hotel Union" in der Adamgasse angegriffen und im Verein mit der dann eingetroffenen städtischen Feuer- wehr gelöscht. Nach der Entwarnung konnte das Malz aus dem Silo abgelassen und der angebrannte Teil abgeschieden werden. Nun lasse ich noch ein heiteres Zwiegespräch folgen, das ich nachträglich mit einem Insassen aus dem öffentlichen Luftschutzkeller Sterzinger Straße Nr. 2 führte. Mein damaliger Kellerbursche Josef Schmitzberger, ein Oberösterreicher, Jahrgang 1879, hatte die Gewohnheit, als Bewohner der Templstraße bei Fliegeralarm mitunter den Berg-Isel-Stollen aufzusuchen, auch wenn er gerade im Betriebe am Bahnhofplatz beschäftigt war. Nach diesem An- griff fragte ich ihn: ,,Herr Schmitzberger, in welchem Keller waren Sie?" ,,Jo, dösmoij hob i draufzoijt, dösmoij hots mi schiach dawischt. I hob zum Berg Isel aufiwoijn, aber wia i zur Sterzinger Straßn kemma bin, hot die Polizei glei ganz narrisch gschriarn. Marsch obi da in Kella, hats gsogt und dann bin ich holt obi in erschtn Kella durt. Es hot nit long dauert und glei hots gonz damisch kracht. Die Weiber homt angfongen zwanen (was ich nie gesehen habe) und auf amoij ischt aner kemma und hot gschriarn, 68 alles aussi gian, 's Logerhaus brennt. Nocha seimer alle unten durchi in Keller vom,Arlberger Hof eini, obn wärn ma scho gar nimma durch- kemma." ,,Na, na, so ganz stimmt das nicht. Der da kommen ist, hat gar nit gschriern und die Frau Schmidt ist mit den Leuten vom Nebenhauskeller ganz schön über die Stiege hinauf und über die Trümmer zu uns daher gekommen. Haben Sie den nicht gekannt, der gerufen hat, den Keller zu verlassen?" ,,Woher denn, 's ischt jo glei ganz dunkl gwedn." ,,Haben Sie die Stimme nicht gekannt?" ,,Na, i hob nit lang glost, i hon gschaut, daß i weiter kimm, und bin unten durchikraijt (durchgekrochen)." ,,Ich war ja droben den Durchbruch aufmachen. Dann waren wir also sehr nahe beinander, ohne es zu wissen." ,,Wos, Sie, Sie seins gwedn, hahaha, jo, in dera Dunklheit siagt ma nix. I hob nit long aupaẞt. I bin durch und umi durchs Loch, hahaha. Aber wia gsogt, do am Bahnhofplatz siagt mi koa Keller mehr und gwiß nit, hahaha, na, na, do bleib i nimma, wenn Alarm ischt." Der Angriff vom 25. November 1944 Um 3.45 Uhr nachts wurde Innsbruck durch das Voralarmzeichen ge- weckt. Bereits während des Ankleidens waren die über der Stadt kreisenden oder darüber hinwegziehenden Flugzeuge zu hören. Johann Sailer, der zufällig um 3 Uhr wach war, hörte sie schon um 3.15 Uhr. Es war eine besonders finstere Nacht. Der noch wärmere Atem der ruhenden Erde, der Dunst des gemächlichen Inn, werden, vereinigt im Hauche beginnenden Winters, ein über dem Lande schwebendes Meer. Des zarten Gewebes Spitzen und Zacken greifen herunter in Straßen und Gassen der scheinbar gestorbenen Stadt. Behutsam senkt sich herab der herbstliche Nebel, umfasset alles ringsum, verbirgt das ferne Geschehen. - 69 69 Meinst du es ehrlich? Kommst du als gütiger, schützender Mantel auch uns zu entrücken tödlicher, naher Gefahr? Solln wir dir danken? Solln Argwohn wir hegen? Schleichest so lautlos einher! Bist du im Bunde, die Erde zu täuschen? Heißen dich freundliche Geister uns zu verhüllen, heißen dich böse nahenden Tod zu verschleiern? - Du liegst als Geheimnis über dem Land. Dunkler noch wird die drohende Nacht durch dein Grau, das uns des Mondes Schimmer und der Sterne Glanz beraubt. Ich fühle die nahe Gefahr. Lege dich innig und dichter über die Stadt in dieser gefahrenschwangeren Nacht! Wird es Arges, das du verbirgst? Willst dich gesellen dem nahenden Tod? Willst uns am Ende beweinen mit Tränen der Lüfte, den zarten, derweil uns noch fröstelnde Kälte durchrieselt? Geliebte Silhouette meiner Heimatstadt! Wird sich dein Bild wohl arg verändern diese Nacht, werd ich dich wiederkennen? Gute Nacht! Trauter, gespensterhafter Gefährte, bring sie auch uns! Der vertraulich drängende Nebel, der heimlich tuende Dunst meinte es ehrlich mit uns, wie sich noch zeigte. Ich ging gleich auf die Straße, um einzelne Schutzsuchende in die Keller zu weisen. Aus dem Wehrmachtsheim im ,,Hotel Viktoria" strömten viele Soldaten heraus, denen ich empfahl, um die Ecke herum in die Keller des ,,Hotel Europa" und,,Hotel Tyrol" zu gehen. Es kamen aber immer wieder Nachzügler heraus, die ich dann in die nahegelegenen Keller der Häuser Nr. 10 und 12 führte. Das Tor zu Nr. 12 war gesperrt, die Keller beider Häuser waren jedoch unterirdisch verbunden. Nachkommende und Herum- stehende mahnte ich zur Eile, machte auf die Geräusche in der Luft auf- merksam und daß jeden Augenblick Bomben fallen könnten. Hierauf ging ich selbst in den Keller des Hauses Nr. 8. 70 Bald waren einige Schläge zu hören, die wir im Keller für Flakschüsse hielten. Darauf blieb es für längere Zeit ruhig, nur Motorengeräusche waren immer wieder vernehmbar. Als auch diese ausblieben, machte ich einen Rundgang durch die Keller, um mich zu überzeugen, wieweit sie besetzt seien. Im,,Hotel Europa" war nur wenig Wehrmacht vertreten, in jenem vom ,,Hotel Tyrol" waren alle Räume wie auch der Gang mehr oder weniger besetzt. Im letzten Raum befand sich auch eine Gruppe von Eisenbahnern, die mit einem mitgebrachten Fernsprechapparat Verbindung zu einer Nachrichten- oder Radiostelle hatten. In diese Räume brachte ich die Nach- richt, daß es,,oben" wieder ruhig wäre. Beim Verlassen des Kellers kam ich im Gang vor der Stiege wieder an einer kleinen Gruppe von singenden Soldaten mit einem Mädchen und einigen Zuhörern vorbei. Als Stimmungsmacher schien eine Flasche Wein zu wirken. Die,,erste Stimme" gab die höchsten Töne, überbot die anderen mit einer seltenen Begeisterung und Hingebung an die heiteren,,Gstan- zeln". Als ich vorbei und gegen die Stiege ging, rief mir der gute Mann zu: ,,Nacher, ischt das Stimmung?" ,,Jawohl, das ist richtige Stimmung", und ich schaute in ein Paar nasse Augen. War es Rührung über die augenblickliche Glückseligkeit, die nicht lange dauern kann, die neidvoll gleich an Vergänglichkeit gemahnt; oder war es stiller Abschiedsschmerz, der unter Tränen mit frohem Gesang ge- täuscht werden sollte? In diesem Manne war etwas unter der Maske des Übermuts gestorben. Oben angekommen, hörte ich wieder deutliches Brummen. Vor mir ging ein Eisenbahner mit einem Telephonapparat und schickte sich an, auf die Straße zu gehen. ,,Bleiben S' besser da, wohin wollen S' denn? Hören Sie nicht, wie sie brummen, die sind nicht weit von uns, jeden Augenblick kann's krachen." Er murmelte etwas von Dienst und Müssen, obzwar er in diesem Augen- blick nur die Pflicht zum Selbstschutz hatte. Aber die Möglichkeit einer Frage nach seinem Verbleib, morgen am hellen Tage,,,wenn alles vorbei", schien ihm wohl unerträglich zu sein. Er verzichtete auf sich und ging trotz der Warnung in die dunkle Nacht, gegen sein Dienstgebäude, den Bahnhof. ,,Hören S' nicht, Sie brauchen nur kurze Zeit zu warten, bis die Flieger vorbei sind. Bei mir ist es etwas anderes. Ich habe mein Rad und fahre zu 71 einem anderen Keller, wo ich immer bin." Er ging weiter, ein pflichtbewuß- ter Mann, der mehr an Pflicht und Müssen dachte als an seine Sicherheit. Eine von den vielen unbeachteten Säulen im Dienste des Staates, auf welchen die Last der Verantwortung sicher ruht. Ich schwang mich aufs Rad und fuhr raschest in der Dunkelheit über die freie Straße zum Haus Nr. 8. Wir hatten übrigens beide viel Glück, denn wir hörten vermutlich die Flugzeuge, die mit der Bombenlast vielleicht über uns hinweg gegen die Karwendelbahn zogen. Der Dunst über der Stadt scheint auch die Ursache gewesen zu sein für den unsicheren, verzettelten Abwurf, der kein richtiges Ziel erreichte. - In etwa 15 Sekunden war ich bereits auf der Kellerstiege, horchte zum Fenster hinaus und es krachte und knatterte, als würden riesige Feuer- werksfrösche abgebrannt. Seltsam, kein Donnern und Rollen von ferne her, nur ein furchtbar dröhnendes, gewaltiges Knacken. Ich verschwand im Keller, dessen Türe offen stand. Die Insassen hörten dieses Knallen und Brechen des Stahls der Bomben. Herr und Frau Pfund fragen wie aus einem Munde: ,,Ja, was ist denn das jetzt?" ,,Es dürfte in der Richtung von Kranebitten sein, ich weiß nicht, was das für ein Knallen ist." Das war um 4.45 Uhr. Tags darauf wurde bekannt, daß in der Karwendelstraße die Häuser Nr. 16 und 18 zerstört und der Karwendelbahnbogen stark beschädigt wurde. Beim Ausgang der Kranebitterklamm soll ein,,Zeitzünder" nieder- gegangen und nach zwei Stunden explodiert sein. Aus diesem Gebiet war das Platzen der Bomben, wie geschildert, vernehmbar. Vermutlich vertrug eine Luftströmung den Donner der Explosionen, so wie ja an anderen Tagen sogar das dröhnende Rollen vom Brenner her- unter deutlich zu hören war, so gut wie jenes der Angriffe auf die hoch- gelegene Mittenwaldbahn und auf Gebiete im Unterinntal. Der Angriff auf die entgegengesetzt liegende Reichenau erfolgte offenbar zuerst, als wir Flakschüsse vermuteten. Dort sollen in der Nähe der Schemmschule vier Villen von schweren Bomben getroffen worden sein. Angeblich war das Schulgebäude (das damals militärischen Zwecken diente) schlecht verdunkelt, welcher Umstand jedoch kaum eine Bedeutung haben konnte, denn über Innsbruck lag Morgennebel. In der Roseggerstraße soll eine Bombe mit Zeitzündung festgestellt worden sein. 72 Der Bombenwurf auf die in Zeitabständen gewählten, militärisch ganz unwichtigen Ziele läßt mich vermuten, daß die Stadt durch die Nebeldecke von oben kaum ausgemacht werden konnte und lange gesucht wurde. So schützte uns der Nebel vor größeren Schäden und manchen vor Tod. Es naht der Tag. Er wirft sein spärlich Licht voran, die finstere Nacht verdrängend. - Es eilet still die Fledermaus zur letzten Jagd. Im Schlummer reget schon die Lerche sich, beim ersten Sonnenglanz voll Lust den jungen Tag mit ihrem Triller selig zu begrüßen, berauscht das Lied der Freiheit hochzutragen, jubelnd zu verkünden: - - wenn Sommer wäre. Der Angriff vom 30. November 1944 Um 4.45 Uhr wurde Innsbruck durch das Voralarmzeichen aus tiefem Schlummer geweckt und bald darauf durch den Vollalarm in die Keller gerufen. Das Wehrmachtsheim im ,,Hotel Viktoria" schien vollbesetzt. Immer wieder strömten Gruppen heraus, die ich auf die Keller in Nr. 10 und 12 und auf jene im,,Hotel Europa" und ,,Hotel Tyrol" aufmerksam machte. Ein Teil begab sich in den erst im Ausbau befindlichen Keller im Hause Nr. 4. Als Motorengeräusche hörbar wurden, lief ich auch in den Keller Nr. 8. Nach einiger Zeit, als ich Ruhe in der Luft feststellte, ging ich wieder auf die Straße, um einen Rundgang zu machen. Dabei bemerkte ich durch die Verdunkelung hindurch Licht aus dem Saal und der Kanzlei des,,Hotels Viktoria". Ich ging daher hinein und warnte die anwesenden etwa fünfzehn Soldaten. ,,Wenn ihr nicht in den Keller geht, könnt ihr sehr leicht daraufzahlen. Wir sind doch am Bahnhofplatz hier. Es braucht auch nur da drüben irgendwo einzuschlagen, dann zerreißt der Luftdruck die ganze Verdunke- lung, das Licht fällt hinaus wie ein Signal und die nächste Lage kommt aufs Dach. Es sind doch genug Keller hier herum. Wo ist denn der Unter- offizier vom Hause?" Nachdem niemand Aus- 78 Die Soldaten waren müde und verschlafen. - kunft geben konnte, vermutete ich ihn in einem der Keller und begann die Suche. Aber umsonst. Also weiter, um die Ecke herum in den Keller des ,,Hotel Europa", aber ebenso erfolglos. Nun fielen die ersten Bomben, so daß ich dort verweilen mußte. Ich vermutete nach der Fernwirkung einen Angriff auf den Westbahnhof. Nach eingetretener Ruhe setzte ich die Suche nach dem Unteroffizier im Keller des,,Hotel Tyrol" fort. Ich fürchtete einen Angriff auf den Hauptbahnhof, dem vermutlich alle Insassen im oben- erwähnten Saale zum Opfer fallen müßten, wenn auch nur durch den Luft- druck etwa in der Nähe niedergehender Bomben. Ich ging durch alle Räume des Kellers im,,Hotel Tyrol", aber auch hier umsonst. Nun wollte ich es neuerdings selbst versuchen, die Soldaten aus dem ,,Hotel Viktoria" heraus und in einen Keller zu bringen. Dorthin zurück- gekehrt, fand ich alle noch vor, mehr schlafend als wach. ,,Ja, was ist denn, ihr seid ja alle noch hier. Geht doch in einen Keller. Mir scheint, am Westbahnhof hat es gerade früher eingeschlagen. Wie leicht können sie noch den Hauptbahnhof anfliegen." Ein durchreisender Unter- offizier meinte: ,,Ich reise jetzt schon die zweite Nacht, komme nicht zum Schlafen und bin lieber hier im warmen Raum als unten im kalten Keller. Wenn Sie an meiner Stelle wären, würden Sie es sicher auch so machen." ,,Sie können vielleicht schon recht haben, aber ich muß heute schauen, daß es hier keine Opfer gibt." - ,,Und wenn die Bomben fallen, wird bald ener 'nen Sessel gegen die Lampe werfen. Da vorne, sehn Sie, ist das Licht schon wech." Da schaltete er die dort befindliche Lampe aus.,,So, ist es schon gut, nicht wahr?" doch noch Ich glaubte den Unteroffizier vom Hause - den ich kannte finden zu müssen und ging wieder ins ,,Hotel Europa" zurück. Nun ent- deckte ich einen Unteroffizier, der früher einmal im ,,Hotel Viktoria" den Dienst versah. Der jetzige Unteroffizier vom Dienst sei ein Innsbrucker und werde wahrscheinlich nach Hause gefahren sein und sich nun dort im Keller befinden. Nachdem in dem Raum der Frontdienstleitstelle im ,,Hotel Europa" auch Licht brannte, wie trotz der Verdunkelung zu sehen war, suchte ich auch jemanden von dem mir unbekannten Personal im Keller, aber auch ver- geblich. Nun, vielleicht sind die Leute hinüber in den Keller des,,Hotel Tyrol", dachte ich mir und ging somit nochmals dorthin. Durch eine Um- frage stellte ich fest, daß von diesem Personal niemand hier war. Ein Un- 74 bekannter sagte:,,Die Leute von dort werden wohl in einen Bunker gangen sein." ge- ,,Das ist gut“, erwiderte ich,,,und da drüben brennt das Licht. Das kann böse Folgen haben, ich kann nicht einbrechen, falls es zu einem Angriff hierher kommen sollte." Darauf ein Eisenbahner zu einer Schaffnerin: ,,Bei euch in der Fahrdienstleitung brennt auch immer das Licht", was die Frau in Abrede stellte.,,Ja freilich, ich bin doch durch die Zimmer gegangen, als alle schon weg waren." Ich bat den Mann, darüber Meldung zu machen und zu veranlassen, daß bei Alarm immer das Licht ausgeschaltet werde. Währenddessen erfolgte ein zweiter Angriff von ganz kurzer Dauer, der schon näher lag. Darauf fuhr ich wieder heim in den Keller von Nr. 8, setzte mich ver- ärgert und antwortete auf die Frage, wo ich denn gewesen sei: ,,Im,Hotel Viktoria' und in allen Kellern zweimal. Im Hotel Viktoria' wird es einmal ein großes Unglück geben; wie oft habe ich dort schon Mel- dung gemacht, daß immer wieder Leute im Saal bleiben und daß Licht brennt. Immer wieder wurde versprochen, daß ein Hauptschalter montiert wird, mit dem die Leitungen des ganzen Hauses stromlos gemacht werden können, aber bis heute ist nichts geschehen." Dieses geahnte Unglück sollte beim letzten Angriff auf Innsbruck noch eintreten und drei Todesopfer kosten. Um 5.45 Uhr erfolgte die Entwarnung und ich suchte für eine Stunde noch das Bett auf. Dieser Angriff traf zwei Häuser in der Karwendelstraße, verlief also verhältnismäßig harmlos, ohne Menschenverluste. Der Angriff vom 3. Dezember 1944 Um halb 11 Uhr vormittag wurde das Vor- und kurz darauf das Voll alarmzeichen gegeben. Bald, nachdem ich in den Keller gegangen war, un nachzuschauen, erfolgte eine Serie von Einschlägen ohne jede Erschütte rung, als wären es kleine Bomben gewesen. Nach einer kurzen Pause schaute ich vor das Haus, ohne Schäden z sehen. Ich ging daher auf den Dachboden und bemerkte zwei starke Raud fahnen in den Bahnanlagen. In der Luft blieb es ruhig, weshalb ich in die Wachstube im Hause Nr. 16 (Polizeipräsidium) eilte, um an die Rufnum- mern 2311 und 02 Meldung zu machen. Nachdem ich ohne Antwort blieb, ging ich in den Luftschutzkeller hinunter. Am Ende des Kellers waren in einer Art Bunker Radio und Telephon untergebracht. Ich bat den Bedie- nungsmann, meine Beobachtung weiterzugeben, doch auch er blieb ohne Antwort. ,,Es meldet sich niemand, sie dürften im Luftschutzkeller sein." ,,Aber eine Stelle muß doch erreichbar sein, Sie sind ja auch da." ,,Ich will es nochmals versuchen." Nach einer Weile:,,Ja, hier, bitte, sprechen Sie selbst." Ein Fräulein meldet sich.,,Hier Zimmermann, vom Südtiroler Platz. Fräulein, ich möchte einstweilen nur melden, daß in den Bahnanlagen zwei Rauchfahnen sichtbar sind. Eine in der Mitte der Geleise, Richtung auf das Lagerhaus Unterberger, gesehen vom Bahnhofplatz aus, die zweite hinter dem Stift Wilten, Richtung Bretterkeller. Es können harmlos ab- brennende Brandbomben sein oder Dampfmaschinen. Ich beobachte weiter und melde wieder, wenn es mir möglich ist." Da der demolierte Teil des Bahnhofs eingeplankt war, versuchte ich ein Brett wegzubrechen, um raschest zu den Geleisen zu kommen, aber vergeblich. Daher versuchte ich es durch die Ausgangshalle. Glänzend! Alle Türen standen offen und zum ersten Male komme ich ohne Fahrkarte hin- durch. Ringsum keine Seele. Sonst ist das Überschreiten der Geleise selbst- verständlich verboten. Nun aber ging ich eilends darüber, von keinem Zug bedroht, und ich sah die erste Rauchfahne als Zeichen wohltätigen Feuers. Es war der niedere Rauchfang einer kleinen Baracke, deren Ofen offenbar noch vor dem Verlassen reichlich mit gut qualmender Braunkohle versehen wurde. Angenehm enttäuscht, zog ich mich rasch zurück, um zur zweiten zu schauen. Dieser Weg war, wenn auch mit dem Rade, etwas weit, zudem entfernte ich mich von den nahen Luftschutzkellern. Die Luft war rein. Es mußte aber rasch gehen, denn ich sollte fast bis zum Stift Wilten und, falls Flieger erschienen, noch vor ihrer Einwirkung zurück im Keller sein. Es würde schon gehen, dachte ich, und so fuhr ich durch die Sterzinger Straße, Südbahnstraße, Karmelitergasse bis zum alten ehemaligen,,Stie- gele", Neurauthgasse 16. Ich prüfte ringsum. Kein Mensch, kein Laut, ich schien wieder einmal allein auf der Welt zu sein. 76 Die Landschaft Ist, wie ich sie mir wünsche. - Alles ist Hier still wie ein Geheimnis. Wie der Eintritt Ins andre Leben. Schiller, Don Carlos II. 14. Vom,,Stiegele" ging ich ein Stück in die Felder und entdeckte zwei Dampflokomotiven, gleichfalls vor dem Verlassen mit Kohle reichlich be- schickt. Also wußte ich genug. Ich stellte gerade meine Betrachtung an, wie seltsam die Welt anspricht, wenn man so ganz allein darauf herumwandert, als aus der Karmelitergasse ein Soldat gemächlich gegen die Neurauthgasse kam. ,,Ja, was machen denn Sie da, es ist doch Alarm und gerade ein Angriff niedergegangen." ,,Ich bin auf Urlaub und möchte zu meinen Leuten." ,,Ja, ja, aber Sie hätten im Keller warten sollen bis zur Entwarnung. Da herum gibt's keinen Keller, was machen Sie, wenn's auf einmal kracht?" ,,Sie sein ja a da." ,,Ich hab aber ein Rad und bin bald dahin, wenn's oben rauscht." ,,Aber hoffentlich kommen sie heute nicht mehr. Auf Wiedersehen!" Somit oblag mir noch die Meldung meiner Feststellung. Bald war ich beim Apparat. ,,Fräulein, hier bin ich wieder. Ich war inzwischen in der Nähe der Rauchquellen und habe festgestellt, daß die Heizung einer Baracke starken Rauch entwickelt und die anderen Rauchfahnen rühren von Dampfmaschi- nen her. Hier herum ist also nichts geschehen." Am Eingang zu diesem Kellerabteil stand ein General. ,,Ist es oben ruhig?" ,,Ja, Herr General, derzeit ganz ruhig." Der mann: ganze Keller war übervoll. Als ich zur Türe kam, meinte ein Schutz- ,,Herr Zimmermann, gehn S' jetzt nicht hinauf, es sind neue Anflüge aus dem Unterinntale gemeldet." ,,So, so, dann komme ich schon wieder, wenn ich es oben rauschen höre." Die Flieger kamen an diesem Tage nicht mehr. Der Angriff hatte sich die Strecke der Mittenwaldbahn gerichtet. gegen gegen Hötting und 77 Der Angriff vom 7. Dezember 1944 Um 4.45 Uhr früh weckte das Alarmsignal die Stadt. Ich ging sogleich ins,,Hotel Viktoria", wo ich den Saal und das Stiegenhaus wieder be- leuchtet fand. Der Saal war leer, so daß ich ausschalten konnte. Den Schal- ter zur Deckenbeleuchtung konnte ich nicht finden, weshalb ich auf den Tisch stieg und die Lampen lockerte. Vor dem Hause standen zwei orts- fremde Soldaten, die im Hause nicht Bescheid wußten. Ich veranlaßte einen davon, mit mir zu gehen, um das Stiegenhauslicht im III. Stock auszu- schalten, während ich im II. Stockwerke auf ihn wartete, um dann dort und im I. Stockwerk auszuschalten. Im eigenen Hause Nr. 8 sah ich durch die Verdunkelung im III. Stockwerk ein Zimmer beleuchtet. Nachdem mir die abwesende Wohnpartei für alle Fälle den Schlüssel dazu übergeben hatte, konnte ich hinein und ausschalten. Hierauf ging ich in den Luftschutzkeller in Nr. 8 und bald darauf war eine große Zahl von Schlägen zu hören. Alle Kellerinsassen waren der Meinung, es handle sich um Einschläge in größerer Entfernung als Folge eines ausgedehnten Angriffes. Nach eingetretener Ruhe ging ich hinauf und erfuhr, daß die Flak leb- haft gefeuert hatte. Tags darauf wurde von einzelnen Bomben gesprochen, die in Aichat bei Absam, bei Hall in der Nähe der neuen Bahnbrücke, Landeshauptschießstand, in Igls und bei Mutters niedergingen. In Igls wurde eine Villa getroffen, wobei es vier Todesopfer gab. Nachprüfen konnte ich diese umlaufenden Berichte nicht. Im Laufe des Tages sprach ich auch wieder mit den zwei Unteroffizieren vom Wehrmachtsheim im,,Hotel Viktoria", die Ausschaltung des Lichtes betreffend. Mir wurde neuerdings versichert, daß bereits ein Elektriker beauftragt sei, in der Einfahrt, gleich hinter dem Haustor, einen Haupt- schalter für das ganze Haus einzubauen. Wegen der fehlenden Arbeits- kräfte wäre jedoch der Tag der Durchführung ganz unbestimmt. Es sollte leider auch nie mehr dazu kommen, denn beim letzten Angriff brach das ganze Haus zusammen. Der Angriff vom 15. Dezember 1944 Einige Zeit vor 12 Uhr ertönte das Alarmzeichen. Im Bahnhof müssen mehrere Züge gestanden sein, denn eine große Menge von Menschen strömte auf den Platz heraus. Ich machte die einen auf die Luftschutzkeller 78 in den Häusern Nr. 10 und 12 aufmerksam, während sich die übrigen auf die anderen Keller, besonders auf jenen im ,,Hotel Tyrol", verteilten. Wie immer begab sich ein Teil sofort in die Keller, während andere vorzogen, auf der Straße in der Nähe der Keller zu verbleiben. Ein Marineunteroffizier ging ständig unbekümmert auf der Straße vom Hause Nr. 8 bis gegen den,,Arlberger Hof" auf und nieder. Ich ging auf ihn zu und sagte: ,,Ich möchte Ihnen für alle Fälle nur sagen, daß sich die Luftschutzkeller gleich hier befinden, und zwar in den Häusern Nr. 8, 10 und 12. Es ist ratsam, sich in deren Nähe aufzuhalten." Er nickte freundlich lächelnd: ,,Ach, das brauche ich doch nicht." ,,Bitte nicht zu übersehen, daß wir uns hier am Bahnhofplatz befinden, gegen den sich die Angriffe zumeist richten. Die Angriffe erfolgen auch sehr überraschend, denn die Sicht ist durch die Berge behindert und auf einmal sind sie da, und dann ist es gut, gleich in der Nähe eines Kellers zu sein." und er ging ,,Ich danke schön, sehr liebenswürdig, danke schön" lächelnd weiter. - Nach dem Angriff wurde er tot auf dem Platze vor dem Haus Nr. 7 ge- funden. — Vor dem Hause Nr. 8 stand eine Frau mit ihrem Manne, einem Soldaten, und einem etwa fünfjährigen Mädchen, die ich fragte: ,,Auf was warten Sie da?" ,,Auf die Entwarnung." ,,Es können aber auch plötzlich die Flieger kommen, wissen Sie dann, wo die Luftschutzkeller sind?" ,,Na, wo sind sie denn?" Ich zeige die Straße aufwärts und auf den Keller, vor dem sie stehen. ,,Gleich hier im Hause ist einer und dort oben in Nr. 10 und 12. Dort finden Sie Bänke, und wenn Sie jetzt hinuntergehen, können Sie bequem sitzen, warten und sind sicher. Wenn Sie aber hier warten und es kommen auf einmal die Flieger, dann werden Sie die letzten sein, bis Sie hinkom- men. Sie sehen ja die Leute dort stehen, diese werden dann weder auf Sie noch auf das Kind Rücksicht nehmen; jeder will dann zuerst hinunterkom- men und Sie sind in der größten Gefahr. ,,Es wird wohl öpper nix sein heut." ,,Jeden Tag kann etwas sein, deshalb gehen Sie am besten gleich jetzt 79 in den Keller hinunter, jetzt geht es ohne Aufregung, jetzt finden Sie noch einen Sitzplatz." Die Frau wies stumm auf das Gepäck, weshalb ich mich an die Kleine wende: ,,Aber das kleine Fräulein will in den Keller gehen, nicht wahr, Kleine?" Darauf erst erwachte die Mutter, die sich nun an den Vater wendet: ,,Solln wir nicht doch gescheiter hinuntergehen?" ,,Ja, selbstverständlich, ich helfe Ihnen schon." Der Soldat antwortet wie verärgert über die Belästigung: ,,Geh, hilf mir auf!" Die Frau und ich hoben ihm die sechs Pakete, die mit einer Schnur ver- bunden waren, auf die Schulter, deren drei sodann nach vorne und drei nach hinten zu hängen kamen, und sie gingen in den Keller Nr. 12. Es war ihre Rettung. - Kurz vor dem Alarm hatte mich im Geschäft der Kunde Johann Gredler aus Hippach besucht. Er ging gleich darauf zur Bahn, um heimzufahren. Der Alarm überraschte aber auch ihn, so daß er auch einen Luftschutzkeller aufsuchen mußte. Er mochte wohl gedacht haben, daß er im Weinkeller beim Zimmermann am sichersten wäre, und kam wieder herüber und ging stracks die Kellerstiegen hinunter vor die verschlossene Tür. Josef Sailer bemerkte ihn, machte aufmerksam, daß sich der Luftschutzkeller im Vorder- haus befände usw. Aber er war nicht zu bewegen, heraufzukommen. Josef Sailer verständigte mich davon. Ich ging nach hinten, schaute die Stiege hinunter und tatsächlich, der Mann stand allein vor der verschlossenen Tür. Ich ging die Stiege hinunter, umfaßte ihn und drängte nach oben. ,,Aber Herr Gredler, da unten ist kein Luftschutzkeller mehr (er war es vor einiger Zeit noch). Kommen Sie nur schnell hinüber, wo wir alle vom Hause sind, auch ich bin dort. Da unten sind Sie in größter Gefahr, wenn es nur in der Nähe einschlägt." Nun kam er herauf und ging mit mir in den vorderen Keller. - Dies war seine Rettung, denn er wäre von den gerade auf diese Stelle herabgestürzten Quadern zermalmt worden. ,,Ja, so hascht mi packt, gell", meinte der wackere Zillertaler später einmal,,,sunsch war i sauber hin gwesn, wenn d' mi nit gholt häscht." Rudolf Pfund ging indessen nochmals in die Wohnung zurück, um etwas zu holen. Zurückgekehrt, meinte er etwas aufgeregt: 80 ,,Herr Zimmermann, man hört schon die Flugzeuge und die Leute stehen noch alle oben herum." - Ich eilte daher hinauf und bereits auf der Kellerstiege hörte ich das Brummen der Motore. In der Einfahrt wurde das Geräusch so deutlich, daß ich erkannte, die Flugzeuge müßten schon in nächster Nähe sein. Sollte ich rückwärts oder vorne nach den Fliegern ausschauen? Aus welcher Richtung mochten sie kommen? Sie waren sehr nahe, kein Zweifel. Ein Zeitverlust konnte verhängnisvoll werden. Sollten sie bereits über mir sein, war die Gefahr vorbei. Etwa abgeworfene Bomben würden zufolge der Fluggeschwindigkeit in der Fahrtrichtung in weitem Bogen nach vorne getragen werden. Ich lief instinktiv nach vorne auf den Bahnhofplatz. - Vor dem Hause angelangt, stand ich einen Augenblick wie gebannt. Da waren sie ja schon, vor mir, aus der Richtung von Hall direkt auf mich zu. - Drei Flugzeuge, nein, nur die Führerkabine sah ich, keinen Rumpf und keine Tragflächen. Der Neigungswinkel gegen die Bahnanlagen ließ die Tragflächen nur als einen Strich erscheinen, der mir verschwand angesichts der rasch wachsenden, auf mich zukommenden drei Haifischköpfe. Ja, wie die Schnauzen von Haifischköpfen standen sie oben. Die Fenster der Kabinen, in der Sonne spiegelnd, glotzten mich an wie riesige, netzartige Augen. Die führende Maschine etwas voraus, die zwei anderen, rechts und links davon, etwas tiefer fliegend. Ich schaute ringsum und die Leute, besonders Soldaten, standen unbe- kümmert. Vor dem „,Tyroler Hofe", von der Ecke bis in die Brixner Straße hinein, sitzend und stehend, Mann an Mann. Rechts von mir, vor den Kellern der Häuser Nr. 10 und 12, ebenso, wenn auch weniger. Mein erster Gedanke war: Zu spät, diese sind verloren, es geht um Sekunden, wenn ich nur selbst noch rechtzeitig in den Keller komme. Aber dann: vielleicht gelingt es doch noch, die Bomben brauchen eine gewisse Fallzeit und sie fallen ja noch nicht, sie müßten sonst bei dieser Nähe zu sehen sein. Gedanken, die sich in einer Sekunde übereilen. Ich wandte den Kopf nach links gegen das,,Hotel Tyrol", schielte nach rechts gegen die Flugzeuge, legte die Hände an den Mund und rief: ,,Aaachtung, Aaachtung, sie kommen, sie kommen, Keller gehen, rasch, rasch!"" In gleicher Weise rief ich nach rechts hinauf, zu den Flugzeugen nach links schielend. Auf mein Rufen sah ich noch, wie vor dem,,Tyroler Hof" alles wie auf ein Kommando Wendung nach rechts machte mit der 81 6 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter nach vorne geneigten Haltung zum Laufschritt. Rechts von mir hatte bereits mein erster Ruf gewirkt und ich sah noch das Nachdrängen vor dem Haus- eingang, nur die Letzten hatten noch zu verschwinden. Ich war zufrieden und lief nun selbst. Im Keller angekommen, sagte ich zu Rudolf Pfund: ,,Das war höchste Zeit, sie müssen jetzt fast über uns sein. Noch ein paar Sekunden und sie sind vorbei oder es kracht." Ich hatte kaum ausgesprochen, als es auch schon krachte und bebte. Zu Rudolf Pfund gewendet: ,,Hören Sie, ich hab's geahnt." Die Erde erzittert, alles verstummt. Das Licht verlöscht. Ich entzünde meine Handlampe. Durch die Ventilationsschächte heult, stöhnt und don- nert es herunter, wie schon einmal geschildert. Es fehlen nur noch gegen die Tür hämmernde Eisenfäuste und die Donnerstimme, die,,Aufmachen" brüllt. Die Welt über uns liegt wieder einmal im Sterben. Sie bebt und windet sich in Krämpfen. Wir fühlen die Stöße und jeder fragt sich still, ob wir hier herunten am Ende auch noch an die Reihe kommen werden, ob nicht zuletzt die kalte Knochenhand auch nach uns herunterlangen wird. - Ruhe tritt wieder ein. Vorbei. Oder ist es nur eine Pause, werden sie wiederkommen? - - Ich will mich vergewissern, öffne die Türe und lausche hinauf. - -,,Sie sind noch oben sie kreisen über uns es brummt beständig." Keine Antwort, alles blieb stumm und wartete die stundenlangen Minuten. - Ich schloß die Türe wieder; lehnte mich daran und horchte angespannt hinauf. Das krachende Ungewitter hob neuerdings an. Ein furchtbarer Schlag auf das Haus ließ es erzittern, es schien zu knicken wie ein auf das Haupt ge- schlagener Mann. Ja, ja, es polterte und stieß, als würden die Trümmer des Gebäudes in das Stiegenhaus durch einen Riesentrichter vor den Keller geschüttet. Der Schlag warf mich von der Türe zurück gegen Frau Schindler vom Nachbarhause, die mit Mädchen und Kind heute bei uns herüben war. ,,Jesus, Maria, mein Kind!" Ich beruhigte: ,,Es ist nichts geschehen, es ist schon vorbei, aber das Haus ist sicher getroffen." 82 Fräulein Dr. Haas rief aus ihrer Ecke: ,,Es kommt Staub herein." Frau Pfund antwortete in Seelenruhe: ,,Ja, wenn der Herr Zimmermann immer die Tür aufmacht." ,,Nein, nein, ich habe sie schon wieder zugemacht, sie ist von selbst wieder aufgegangen." Frau Schindler bestätigt mit den Worten: ,,Ja, ich habe es gesehen, Herr Zimmermann hat die Tür schon wieder zugemacht." Die Türe war wohl geschlossen, aber wie sich nachträglich herausstellte, hatte der Sog die obere Riegelbacke mit einem Stück vom Türstock losge- rissen. Damit war auch das Flattern der Türe erklärt, die mit dem oberen Teil, trotz des unteren Riegels, mit den Druckschwankungen der serien- weisen Explosionen, gegen den Türstock trommelte. Nun trat wieder Ruhe ein. Ich wollte sehen, was geschehen war, öffnete die Türe und sah den ganzen Raum davor angefüllt mit Trümmern. Von den 80 Marmorstufen lagen 66 zertrümmert herunten. ,,Hier kommen wir einmal nicht hinaus. Der Aufgang ist verschüttet, heute müssen wir zum,Hotel Viktoria' hinüber durchbrechen." Ich besann mich aber, daß auch der Durchbruch zum andern Keller im Hause möglich war, wenn er in Ordnung und der Ausgang freiblieb. ,,Wo haben wir das Werkzeug, wo ist der Pickel?" Ich greife an der dafür vorgesehenen Stelle ins Leere. - Rudolf Pfund meinte, die Hacke sei drüben beim Durchbruch, ging auch schon hinüber und ich nahm den mit einer Drahtschlinge versehenen losen Ziegel heraus. ,,Da drüben scheint alles in Ordnung zu sein, die Luft ist rein und der Keller unversehrt, also brechen wir hier durch." Rudolf Pfund schlug schon gegen die Wand. Ich nahm die letzten locke- ren Ziegel heraus und stieg hinüber in den anderen Keller, der unbeschädigt war. Rudolf Pfund folgte und wir gingen mißtrauisch, langsam hindurch bis zur Kellerstiege, die Blicke immer gegen das Gewölbe gerichtet. Bei der Stiege angelangt, sahen wir die Tür, vor der Gredler gestanden war, von schweren Quadern aufgeschlagen und diese bis in den Keller gerollt. Wir klettern darüber, um in den Hof zu gelangen. In diesem lagen die Balken und Sparren des hofseitigen Dachstuhles und das ganze Mauerwerk mit den Quadern von der Rückseite des Hauses. 6° 83 Nach der Sprengwirkung muß eine Bombe über den Küchen eingeschlagen haben, denn diese durchschlug noch die Decke der Küche des zweiten Stockwerkes und füllte diese mit Trümmern voll. Eine zweite Bombe schlug in das Stiegenhaus, denn von 80 Marmorstufen blieben nur 8 unversehrt, alle übrigen fielen wie ausrasiert vor den Zugang zum Luftschutzkeller. Sie dürfte auf einer der obersten Stufen aufgeschlagen haben und die Last der folgenden Trümmer schlug bis zum Keller durch. Ein Glück, daß die Bombe nicht den Weg durch den freien Raum zwischen den Stufen nahm, sonst wäre sie neben dem Luftschutzkeller gelandet, um das ganze Haus zu heben. Die dritte Bombe fiel in die Straße, drei Meter vor der Feuer- mauer gegen das,,Hotel Viktoria", also fast vor die Einfahrt. Meine Vor- sicht, bei Alarm stets das Haustor weit zu öffnen, hatte sich diesmal sehr bewährt, denn die Torflügel blieben bis auf einen Durchschlag unversehrt und konnten wieder geschlossen werden, sonst wären sie wohl restlos zer- trümmert worden, wie in einem ähnlichen Falle die Tore des ,,Hotels Europa". Im Hofe angelangt, sahen wir das 3. Stockwerk restlos zerstört, den Dach- stuhl vollständig abgetragen. Ich dachte sofort an die Möglichkeit einer Feuersbrunst, denn in meiner Wohnung im 1. Stock brannte ein Dauer- brandofen. Ich stieg daher über die im Hofe liegenden Trümmer, holte von rückwärts eine Leiter, trug diese auf die Straßenseite über alle Trümmer und Balken und stieg durchs Fenster in die Wohnung, Rudolf Pfund gleich hinter mir. In das Vorderzimmer über der Einfahrt hatte die Explosion des Einschlages vor dem Hause eine Menge Erde geworfen. Mit Genugtuung konnte ich die ausgehängten und gegen die Wand gelehnten Fenster un- versehrt sehen. Die Fenster im Speisezimmer auszuhängen hatte ich mir nicht mehr Zeit genommen, weil bei Alarm um die Mittagszeit stets Züge im Bahnhof standen, die verlassen werden mußten und ich daher gleich am Platz sein wollte, um die Leute in die Keller weisen zu können. Im übrigen war die Wohnung grau in grau, alles mit feinem Staub überzogen, die Tü- ren zum Teil zerstört. Der Ofen aber brannte ungestört in voller Glut, denn die Türchen waren aufgeprellt. Ich schloß diese und folgte Rudolf Pfund wieder durch das Fenster auf die Straße, denn es bestand noch Alarm- zustand und ein zweiter Angriff war möglich. Unten angelangt, nahm ich meinen Weg wieder dem Hause entlang über die Trümmer, über welche ich früher die Leiter getragen hatte. Jetzt, ohne Leiter, mit freien Händen, sollte dies nicht mehr gelingen. Ich machte einen 84 Fehltritt, fühlte durch den Körper bis ins Ohr ein Brechen und Knirschen im rechten Fuß und rief: ,,Herr Pfund, jetzt habe ich mir noch den Fuß gebrochen - nein, nein, nur verstaucht, verstaucht wird er sein, ich kann ja noch auftreten." Ich klettere langsam weiter, denn Rudolf Pfund rief mir zu, es seien wieder Flieger gemeldet. Ich humpelte nach rückwärts in den Hof, die Kellerstiege hinunter über die Quadern in den Keller. Dort wartete ich. Als es still blieb, ging ich denselben Weg wieder hinauf, setzte mich auf den Wehrstein links der Einfahrt und wartete auf die Entwarnung. Vor mir im Bombentrichter brodelte aus der geborstenen Wasserleitung das Wasser, wurde vom gelockerten Erdreich aufgenommen, stieg aber doch langsam immer höher. Es kamen bereits immer mehr Leute auf die Straße. Auf der anderen Seite des Platzes ging jemand mit blauer Armbinde, die Hände auf dem Rücken. Ich hielt die Hände an den Mund und rief hinüber:,,Der Polizei Wasserrohrbruch melden - Rohrbruch vor dem Hause Nr. 8." Der Mann nickte und spazierte weiter. Bald aber kam ein junger Ausländer über das Wirrwarr herübergeklettert auf mich zu und fragte in recht gutem Deutsch: ,,Was soll ich melden und wo?",,Wissen Sie, wo das Rathaus ist?" -,,Kennen Sie die Maria-Theresien-Straße?" - ,,Nein, weiß ich nicht." ,,Nein, kenne ich nicht." -,,Dann danke ich vielmals für den guten Willen, aber Sie sollen nicht umsonst herumlaufen, es wird schon jemand kommen, nochmals vielen Dank." - So saß ich auf dem Wehrstein und wartete auf die Entwarnung, um mir dann mit essigsaurer Tonerde Umschläge zu machen, denn ich hoffte immer noch mit einer argen Verstauchung davongekommen zu sein. Bald kam der Nationalbank-Beamte Karl Papsch vorbei, sah mich an und fragte, ob mir etwas fehle. Ich glaubte versichern zu können, daß es sich nur um eine Verstauchung handle. Der Genannte gab mir dann - ,,für alle Fälle", wie er meinte eine Verbandrolle, die er als oft bewähr- ter Helfer in den Bergen für solche Zwecke immer bei sich trug. - Vom Wehrstein an der Hauseinfahrt aus hatte ich den Eindruck, als wäre die ganze Ecke des Hauses Nr. 16 (Polizeipräsidium) zusammengestürzt, also samt Eingang und Zugang zum Luftschutzkeller. Ich bat daher Rudolf Pfund, dort den Durchbruch von einem der Nachbarhäuser aus aufzubre- chen, damit die Leute aus dem Luftschutzkeller herauskämen. Wie sich aber 85 zeigte, war nur ein Teil der Vorderseite des Hauses eingestürzt und Rudolf Pfund konnte berichten, daß der Keller von allen bereits verlassen sei. Die Häuser Nr. 2 und 4 in der Sterzinger Straße waren auch zerstört. Nachträglich hörte ich erst von der Zertrümmerung jenes Teiles des,,Hotel Tyrol", unter welchem der Luftschutzkeller lag. Es soll dort auch Ver- letzte gegeben haben. Infolge meiner dreiwöchigen Abwesenheit konnte ich darüber nichts mehr erfahren. Nach diesem Angriff verzogen die weni- noch verbliebenen Bewohner dieses Viertels. gen Zu allem unangenehmen Überfluẞ kam nun eine Fliegerwarnung. - Nun war es ratsam, wieder in den Keller zu kriechen. Der Fuß wurde immer schmerzhafter und ich humpelte neuerdings den Weg zurück in den Hof- raum und kroch über die Trümmer auf der Kellerstiege in den Keller, in dem nun auch bereits Insassen des angrenzenden Luftschutzkellers durch den Durchbruch herübergewandert waren. Der Durchbruch in das Neben- haus Nr. 10 wurde geöffnet, während ich oben vor der Einfahrt saẞ. Ich setzte mich, um von der mühseligen Wanderung auszuruhen. Ein Soldat von der Sanität zog mir den Schuh aus und machte mir einen Notverband. Mit dem Schuh in der Hand kroch ich in das Nebenhaus hinüber, gestützt auf die herübergereichten hilfreichen Hände von Herrn und Frau Leo Schindler. Über die Stiege half mir auch das gefällige Mädchen Fini der genannten Familie. In der Wohnung wurde ich auf den Diwan genötigt und Fräulein Dr. Haas eilte zur Rettungsgesellschaft. Bald war Obermedizinalrat Doktor Viktor Tschamler, Chefarzt der Rettungsgesellschaft, zur Stelle, besichtigte meinen Fuß, während ich versicherte: ,,Ich kann aber noch ganz gut auftreten." ,,Ja, ja, aber heute brauchen Sie schon nicht mehr aufzutreten." Das war alles, obzwar ich gerne mehr gewußt hätte, denn der Fuß schwoll an, verfärbte sich und wurde immer schmerzhafter. Genauen Be- scheid aber kann nur die Röntgenaufnahme geben. Nun gab es wieder eine Fliegerwarnung. Also wieder hinunter in den Keller. Frau Josefine Pfund gab mir gleich ihren Stock, den sie damals sicher selbst notwendig hatte, und das Kindermädchen stützte mich neuerdings. Die kleine Karawane zog wieder gegen den Keller. Auf der Stiege noch kam mir ein lebhafter, entschlossener Sanitäter ent- gegen und lud mich ein, seinen Rücken zu besteigen. 86 ,,Aber es geht ganz gut so. Ich halte mich an der Griffstange und das Fräulein hilft mir auch." ,,Ja, ja, aber so kommen wir nicht weiter und oben bei der Salurner Straße wartet der Wagen." Meine Berufung auf das Körpergewicht usw. galt nicht, und wie mit einem Rucksack eilte er mit mir über die Stiege, den Häusern entlang bis zur Ecke an der Salurner Straße, wo mich der Rettungswagen aufnahm. - Nun war ich also wieder darin. Wiewohl ich dieses Fahrzeug oft als wert- volle Hilfe und Lebensretter auf seinen Fahrten schätzte, hatte ich aber immer den stillen Wunsch, seiner für mich persönlich nie bedürfen zu müssen. Das erstemal nahm mich ein solcher, vielleicht derselbe Wagen auf, als im Jahre 1938 Prof. Dr. Chiari meine sofortige Überführung ins Sanato- rium veranlaßte und mir durch eine gründliche Operation nicht nur das Bein, sondern das Leben rettete. Eine nicht beachtete und dann vorge- schrittene Blutvergiftung gab den Anlaẞ. Ich bin vielleicht zu ausführlich, aber es ist mir ein Bedürfnis zu sagen, welche Hilfe ich fand und welches Dankes ich mich schuldig weiß. - Es blieb bei der Fliegerwarnung. Im Krankenhaus kam ich auf einen Rollwagen vor die Röntgenstation. Ich verstand. Nun wird sich herausstel- len, wo es fehlte. Ich wartete lange, es gab sicher viele Fälle nach einem Angriff, der besonders schwer war, wie ich später aus nächster Nähe sehen konnte. Ein harter Tag für die Ärzte und nur innerhalb dieser Mauern war zu sehen, wie Tag und Nacht aufopfernd gekämpft wurde um die Wieder- herstellung der Gesundheit, um die Erhaltung des Lebens. Der Alltag drau- Ben rannte vorbei, ahnte nichts von den Leiden in diesen Räumen, dachte nicht an das verdienst- und sorgenvolle Wirken einer Schar von Ärzten und Hilfskräften. Zwei junge heitere Soldaten kamen neben mich mit erhobenen Armen. ,,Was fehlt denn Ihnen, daß Sie die Arme hochhalten müssen?" ,,Ja, wir sind Blutspender. I bin ganz damisch, aber dös geht vorbei. I hab das schon öfter gmacht." ,,Dann bekommen Sie sicher bessere Verpflegung zur Stärkung." ,,Freilich, das und das und das und eine Flasche Wein." Den Wein sauf i auf einmal, daß i wenigstens was spür davon." Der andere: 87 ,,Du, aber gell, wenn's dem da drinnen amal besser geht, dann suchen wir'n auf, er wird wohl a neugierig sein, von wem er das Blut hat." Ich wurde geholt. Aufnahme, und nach einer Wartezeit ins Ambulato- Der Arzt, wie ich nachträglich er- rium. Gipsbrei wird vorbereitet usw. - fuhr, Dr. Alois Danner, wickelt die in den Brei getauchte Bandage um den Fuß. ,,Ist doch etwas gebrochen, Herr Doktor?" ,,Ja, ein Wadenbeinbruch." ,,Wie lange muß ich wohl hier bleiben?" ,,Einige Tage wird es schon dauern." Aha, dachte ich, bis der Gips getrocknet ist usw., und dann kann ich wie- der gehen, wie alle die im Winter herumsteigenden,,Skihaxen". . . Ein kunstgerechter Druck- und ich fühlte, das war die Bruchstelle. Die Kno- chenenden wurden damit aneinandergefügt und mit der Gipsbinde in die- ser Lage gehalten. Kein Zweifel, das ging in Ordnung, ich war hier in guter Hand.-Inzwischen kam auch Medizinalrat Dr. Franz Erhart heran, besprach sich mit dem behandelnden Arzt und warf beim Weggehen einen flüchtigen Blick auf mich und erkannte mich. ,,Ja, ja, Sie, wie ist denn das passiert?" Ich berichte kurz und schon meldet sich die bekannte Hilfbereitschaft dieses Arztes, der durch den Angriff vom 15. Dezember 1943 gleichfalls schwer getroffen wurde. ,,Sagen Sie nur, kann ich etwas für Sie tun, ist etwas zu veranlassen?" ,,Ich danke vielmals, Herr Doktor, wenn ich nur bald wieder gehen kann. Und doch hätte ich ein Anliegen. Wenn ich Herrn Doktor bitten darf, wäre ich sehr dankbar, wenn Sie so freundlich sein wollten, dem Stadtbauamt zu telephonieren, daß ich selbst nicht kommen kann, aber ich möchte bitten, doch so bald als möglich auf mein Haus ein Notdach zu setzen." ,,So, so, ein Notdach, gut, gut. Ich werde dem Bauamt gleich telephonie- ren. Sonst haben Sie keine Wünsche?" ,,Nein, nein, danke vielmals, Herr Doktor, sonst keine, nur ein Dach hätte ich gerne bald auf dem Haus." Zwei Wärter schoben mich auf dem Rollwagen wieder hinaus und ich landete in einem unterirdischen Krankensaal. Gleichviel wo, dachte ich, wegen der ,,paar Tage", ohne zu ahnen, daß genau drei Wochen daraus werden sollten. - Nach einiger Zeit wurden die Personaldaten aufgenommen, mein Name genannt und eine Stimme aus der Ecke erkundigt sich: ,,Zimmermann, vom Südtiroler Platz, dann haben Sie wohl meinen Vater gekannt, den Briefträger Sturm?" ,,Ja freilich, vor Jahren, Ihr Vater hat uns ein oder gar zwei Jahrzehnte die Post gebracht. Damals gab es keinen Wechsel. Was fehlt Ihnen, Herr Sturm?" ,,Oberschenkelbruch, den ich mir auf der eisigen Straße holte, aber es wird schon wieder recht werden." Eine andere Stimme: ,,Dann kennen wir uns auch, Schartner (Magistratsbeamter), ist mein Name. Ich habe mir den Fuß gebrochen auf dem Weg von Lans nach Igls, ganz überflüssig." Ein dritter vor mir: ,,Ich war auch beim Angriff am Bahnhof und weiß nur noch, daß ich in einen Keller beim Arlberger Hof gelaufen bin, dann war es aus. Ich bin Elek aus Preßburg und wohnte im,Hotel Arlberger Hof.' Wie sich heraus- stellte, war der Genannte vor dem Kellereingang mit Kopfverletzungen und einem Handrückenbruch bewußtlos gefunden worden. Bald war eine Unterhaltung im Gange, ohne daß wir uns sahen. Zufolge Alarm vor 12 Uhr war und blieb ich ohne Essen, das damals auch schon immer bescheiden war, daher stellte sich ein entsprechender Hunger ein. Prof. Dr. Bartsch kam, ging von Bett zu Bett, fragte nach dem Befinden, gab Anordnungen und jeder Patient mußte die Empfindung haben, der Besuch gelte ihm besonders. Bekannte fanden sich ein, um nachzufragen, darunter die Hausgenos- sin Frl. Palme, wissenschaftliche Hilfskraft im Krankenhaus, mit dem gut- gemeinten Rat: ,,.Wenn Sie hergestellt sind, dann gehen Sie auch aufs Land zu Ihrer Familie und erholen sich 14 Tage." ,,Ich danke für den guten Rat, aber ich gehe gleich wieder zum Bahn- hofplatz zurück. Dort kann man mich auch brauchen und ich muß schauen, daß ich ein Dach auf das Haus bekomme." Bis zum guten Abendessen stellte sich Fieber ein und damit Appetitlosig- keit. Mir war ganz leid. Eine junge Ärztin kam mit der,,Spritze“. ,,Sie bekommen eine Injektion." ,,Nein, nein, danke vielmals, das brauche ich nicht." 88 89 ,,Aber der Herr Professor hat es angeordnet. Sie werden Schmerzen be kommen und nicht schlafen können." ,,Die werden schon nicht so arg sein. Bitte, mich beim Herrn Professor zu entschuldigen." " ,Wie Sie meinen." Es war nicht klug von mir. Der Arzt mußte es doch besser wissen. Die Nacht verlief auch schlaflos. Als die Fenster verdunkelt wurden, brachten, so gut ich sehen konnte, Wärter ein großes, schweres Paket herein, und legten es auf ein Bett Merkwürdig, das kann doch kein Patient sein, so klein und lautlos. - Rechts von mir an der Wand ein stiller, älterer Patient, namens Jung wie ich von der Kopftafel lese. Rechts hinter mir ein serbischer Kriegs gefangener, der als Fuhrmann beschäftigt war und von einem Auto in Arzl an die Wand gedrückt wurde. Er erlitt Rippenbrüche und einen Fuß- bruch und stöhnte während der ganzen Nacht, obzwar ein Ukrainer sehr lebhaft auf Russisch herüberschimpfte. Nach einiger Zeit begann es aus der Richtung, wo das,,Paket" lag, zu wimmern und stöhnen. Die Schwestern waren dauernd daran. Also doch ein Patient, der noch in Narkose lag, u. zw. ohne Füße, wie ich endlich be Ich sah die Last der Jahre ihre Schultern drücken, ich sah sie nimmermüde eig'ne Müdigkeit bekämpfen. Wer Augen hatte, um zu seh'n, nahm ihr Bild als des Opferwillens Denkmal mit. Der geplagte Leib war ohne Nachsicht ihrem starken Willen untertan. Ich war davon gerührt. Schwester Amonaria! Sie standen bei zu manchem neuen Leben. Sie haben manches aufgegeb'ne wieder lebenswert, Sie haben manches Sterben leicht gemacht. Sie trugen neues Licht den Irrenden voran, die Menschlichkeit verloren hielten. Ich weiß, Ihr Opfermut läßt eines Tages Sie noch selbst zerbrechen, um anderen zu helfen. Ich will damit nur danken in meinem und der anderen, Ihres Lebens- laufes Schutzbefohlenen Namen. Es waren ja alle vorbildlich als Helfer in der Not, in der sich Kranke stets befinden, aber die Hingebung der Schwester Amonaria war ergrei- griff, und dieser Unglückliche hatte wohl die zwei Blutspender gebraucht fend. Deschwere Dienst an den Kranken wurde von allen wie von selbst Ich sollte ihn bald kennenlernen. Es war der erste Morgen, der für mich im Krankenhaus das Licht des Tages wiederbrachte. Die lange Nacht war langsam vorbeigegangen. Die besorgten Krankenschwestern huschten von Bett zu Bett, diese zu ordnen, die Kranken zu waschen, die dazu nicht fähig waren, und das Frühstück zu bringen, alles mit der Aufmerksamkeit, wie in einem gut geleiteten Hotel. Hier sah ich die Schwester Amonaria 90 vom Orden der Barmherzigen Schwestern wirken, der Bürde ihrer Jahre trotzend, mit neuen Bürden immer wieder sich beladen, mit kummervollem Angesicht nach ihren kranken Kindern als treubesorgte Mutter schaun. Ich sah in wenig Stunden ihres großen Herzens Pulsschlag durch tausend güt'ge Hände schaffen, in tausend seelenvollen Augen leuchten, sich wie zur täglichen Erschöpfung unterjochend. ober verri Berichtigung: Di erhel früh Seite 90, vor dem zweiten Absatz von unten, soll folgender Titel aufscheinen: der Der Angriff vom 16. Dezember 1944 Nur Eile rettet mich, Verzug ist 10a. triebe. en, die mit ihrem ann den Raum zu e-auch an einem ibertragenen Sinne h'n, Shakespeare,,,Romeo und Julia", IV., 1. Der Magistratsbeamte Schartner bekam Besuch von Amtskollegen und bald vom,,Roten Kreuz", darunter auch von August Riebler, der mir von der Auffindung des Obermaats Paul Hamblock berichtete, der vor dem Hause Nr. 7 beim Angriff auf den Bahnhof (vom 15. Dezember 1943) töd- lich getroffen worden war. Auch meinen ehemaligen Schul- und Militär- 91 ,,Aber der Herr Professor hat es angeordnet. Sie werden Schmerzen be- kommen und nicht schlafen können." ,,Die werden schon nicht so arg sein. Bitte, mich beim Herrn Professor zu entschuldigen." " ,Wie Sie meinen." " Es war nicht klug von mir. Der Arzt mußte es doch besser wissen. Die Nacht verlief auch schlaflos. Als die Fenster verdunkelt wurden, brachten, so gut ich sehen konnte, Wärter ein großes, schweres Paket herein, und legten es auf ein Bett. Merkwürdig, das kann doch kein Patient sein, so klein und lautlos. - Rechts von mir an der Wand ein stiller, älterer Patient, namens Jung, wie ich von der Kopftafel lese. Rechts hinter mir ein serbischer Kriegs gefangener, der als Fuhrmann beschäftigt war und von einem Auto in Arzl an die Wand gedrückt wurde. Er erlitt Rippenbrüche und einen Fuß- bruch und stöhnte während der ganzen Nacht, obzwar ein Ukrainer sehr lebhaft auf Russisch herüberschimpfte. Nach einiger Zeit begann es aus der Richtung, wo das,,Paket" lag, zu wimmern und stöhnen. Die Schwestern waren dauernd daran. Also doch ein Patient, der noch in Narkose lag, u. zw. ohne Füße, wie ich endlich be- griff, und dieser Unglückliche hatte wohl die zwei Blutspender gebraucht. Ich sollte ihn bald kennenlernen. Es war der erste Morgen, der für mich im Krankenhaus das Licht des Tages wiederbrachte. Die lange Nacht war langsam vorbeigegangen. Die besorgten Krankenschwestern huschten von Bett zu Bett, diese zu ordnen, die Kranken zu waschen, die dazu nicht fähig waren, und das Frühstück zu bringen, alles mit der Aufmerksamkeit, wie in einem gut geleiteten Hotel. Hier sah ich die Schwester Amonaria 90 vom Orden der Barmherzigen Schwestern wirken, der Bürde ihrer Jahre trotzend, mit neuen Bürden immer wieder sich beladen, mit kummervollem Angesicht nach ihren kranken Kindern als treubesorgte Mutter schaun. Ich sah in wenig Stunden ihres großen Herzens Pulsschlag durch tausend güt'ge Hände schaffen, in tausend seelenvollen Augen leuchten, sich wie zur täglichen Erschöpfung unterjochend. Ich sah die Last der Jahre ihre Schultern drücken, ich sah sie nimmermüde eig'ne Müdigkeit bekämpfen. Wer Augen hatte, um zu seh'n, nahm ihr Bild als des Opferwillens Denkmal mit. Der geplagte Leib war ohne Nachsicht ihrem starken Willen untertan. Ich war davon gerührt. Schwester Amonaria! Sie standen bei zu manchem neuen Leben. Sie haben manches aufgegeb'ne wieder lebenswert, Sie haben manches Sterben leicht gemacht. Sie trugen neues Licht den Irrenden voran, die Menschlichkeit verloren hielten. Ich weiß, Ihr Opfermut läßt eines Tages Sie noch selbst zerbrechen, um anderen zu helfen. Ich will damit nur danken in meinem und der anderen, Ihres Lebens- laufes Schutzbefohlenen Namen. Es waren ja alle vorbildlich als Helfer in der Not, in der sich Kranke stets befinden, aber die Hingebung der Schwester Amonaria war ergrei- fend. Der schwere Dienst an den Kranken wurde von allen wie von selbst verrichtet. Alles griff ineinander - wie ein stilles Uhrgetriebe. - Die Verdunklung wurde von den Fenstern genommen, die mit ihrem oberen Teil über der Erde lagen. Der neue Tag begann den Raum zu erhellen und ich erinnerte mich poetischer Abschiedsworte - auch an einem frühen Morgen gesprochen ohne zu ahnen, daß im übertragenen Sinne der ernste Teil beinahe meine Lage traf. - ,,Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt, Der munt're Tag erklimmt die dunst'gen Höh'n, Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod." Shakespeare,,,Romeo und Julia", IV., 1. Der Magistratsbeamte Schartner bekam Besuch von Amtskollegen und bald vom,,Roten Kreuz", darunter auch von August Riebler, der mir von der Auffindung des Obermaats Paul Hamblock berichtete, der vor dem Hause Nr. 7 beim Angriff auf den Bahnhof (vom 15. Dezember 1943) töd- lich getroffen worden war. Auch meinen ehemaligen Schul- und Militär- 91 kameraden St.-B.-Insp. Tobias Sieberer sah ich unter den Besuchern. Ich bat ihn, den Nationalbank-Beamten Karl Papsch von meinem Miẞgeschick zu verständigen und zu bitten, er möge mich besuchen. Er kam bald nach dem inzwischen erfolgten Fliegerangriff. Derweil viele Bomben auf Zeit ringsum verborgen lauerten, um das Werk der Zerstörung ohne Warnung tückisch fortzusetzen, nahm er seinen Weg zu mir. Mit seiner Hilfe konnte ich also meine Angehörigen, die nach dem ersten Angriff vom 15. Dezember 1943 Innsbruck verlassen hatten, mit einer auf dem Knie geschriebenen Postkarte verständigen. Als das Auto vom,,Roten Kreuz" eintraf, wurde Schartner nach Seefeld überführt, wohin er bestimmt war. Der Wagen dürfte Innsbruck noch nicht weit hinter sich gelassen haben, als das jammervolle Heulen der Si- rene zu uns in den Krankensaal herunterdrang. Was wird kommen? Soll dem gestrigen Angriff schon wieder einer folgen? Wohin wird er sich rich- ten? Im Krankenhaus dürfen wir uns wohl alle sicher fühlen, obzwar sich über uns nur ein einstöckiges Gebäude befand. Aber Krankenhäuser wer- den nicht angegriffen. Ich dachte an die so nahegelegene Innbrücke und - wir sind im Bereich der Streuung. Wenn es wieder dem Hauptbahnhof gilt, liege ich untätig im Bett, für mich eine unangenehme Vorstellung. Alle Überlegungen und Fragen fanden zu bald ihre Antwort. Gerade im Bereiche des Innrain fiel die Mehrzahl der Bomben. Eine traf sogar den Ostflügel des Gebäudes, in dem wir lagen, und die nahegelegene Medizinische Klinik, was für uns sehr fühlbar wurde. Der Luftdruck zertrümmerte alle Fenster des Saales. Die Splitter flogen über alle Betten. Erdreich und von der Explosion hochgeworfenes Material rieselte durch die Schächte des vor die Fenster gebauten Splitterschutzes. Das Getöse und Krachen erreichte uns unmittelbar durch die nun offenen Fenster, deren Oberteil ins Freie ging, was die Empfindung gab, ungeschützt inmitten des Bombenregens zu sein. Im Saal blieb alles ruhig. Einige schauten prüfend herum, andere zogen die Decke über den Kopf, ein Junge von etwa 14-15 Jahren mit einem Armbruch legte sich, wie sich nachher herausstellte, auf den Steinboden an die Wand geschmiegt, und ich setzte mich auf und hielt mir ein Kissen über den Kopf für den Fall, daß von der Decke Verputz herunterbrechen sollte, gegen mehr konnte es nicht nützen. Im übrigen fühlte ich mich etwa wie ein Mann, der den Urteilsspruch auf Leben oder Tod erwartet. 92 Ich lag in der Mitte des Saales mit dem Blick gegen den dunklen Gang, in dem ich drei Krankenschwestern betend beisammenstehen sah. Die be- jahrte Schwester Amonaria wendete sich nach jedem besonders starken Krach, also nahen Einschlag, gegen den Saal und machte das Kreuzzeichen hinein, um gleich wieder weiterzubeten. Sie blieben alle auf ihrem Platz, bereit, auch ein übles Schicksal mit den Kranken zu teilen, als treue Be- treuer in der Stunde größter Gefahr. Die Bomben fielen der Reihe nach durch längere Zeit. Nach meiner Einbildung war der Angriff gegen die zwei Innbrücken gerichtet. Ich erfuhr später, daß die Einschläge von der Markthalle herauf über den Innrain bis zur inneren Stadt reichten, wo nebst anderen Gebäuden das Landesgericht schwer getroffen wurde. In großer Zahl fielen auch Bomben mit Zeitzündern, die besonders in der fol- genden Nacht zur Explosion kamen. Es gab auch mehrere Brände. Als es Nacht wurde, fiel der Feuerschein durch die Schächte vor den Fenstern in unseren Saal. ,,Brennt's Krankenhaus?" fragte einer. ,,Nein, nein, das ist nicht da", lautete die beruhigende Antwort. Dieser Angriff zog sich in die Länge. Endlich trat Ruhe ein. Nun be- gann eine furchtbare Arbeit für das Pflegepersonal. Vor allem stürzte Schwester Amonaria herein, gefolgt von den anderen, und vermißt den jungen Burschen, sein Bett war leer. - ,,Ja, wo ist denn der Bua, wo ist denn der hingangen?" Bis sie ihn end- lich, wie schon erwähnt, entdeckte, im Hemd, ohne Decke am Boden lie- gend, Mitte Dezember, bei zertrümmerten Fenstern.. ,,Ja, was machst denn da? So steh doch auf! Auf dem Steinboden rich- test dich ja zugrunde." Und sie bettete ihn wieder in das von den Glas- splittern gereinigte Bett. Der ganze Saal war übersät mit Glassplittern. Ein Italiener, vor mir liegend, wurde durch das herabrinnende Blut auf die lange Schramme an seiner Stirn aufmerksam und wurde verbunden. Die dreißig Betten wur- den von den Glasscherben freigemacht. Der Fußboden mußte warten. Die emsigen Pfleger und Schwestern knirschten und klirrten darüber hinweg, denn es gab wichtigere Arbeit. Wir schrieben den 16. Dezember und die Fensterrahmen beiderseits des Saales waren ohne Glas, gähnten uns hohl an und Bäche kalter Luft ström- ten herunter. Vor allem kamen Arme voll Decken, für jeden so viele er wünschte. Zu frieren brauchte keiner. Dann brachte man Decken, die Fensterhöhlen zu 93 verhängen, Pappe und Papier, soweit vorhanden. Eine riesige Mehrarbeit zur andern dazu. Sie wurde mit Eifer gemacht. Eine junge Schwester vom Roten Kreuz stürzte sich auf die Fensterreihe rechts von mir, als wollte sie sagen: das will ich allein machen. Sie kletterete, hob und hämmerte die Decken über die Rahmen. Auf der andern Seite mühte sich ein Pfleger mit zerbrochenen Verdunklungs- und Fensterrahmen ab. „Teigl, Teigl, alles ischt hin, wia soll i denn dös machen?" aber er hat es unverdrossen trotz- dem gemacht für uns, die wir nur zuschauen, aber nicht helfen konnten; es sollte nicht nur die Kälte abgehalten werden, sondern bis zum Abend auch verdunkelt sein. Die Arbeit wurde wiederholt durch neue Fliegeralarme unterbrochen. Wer das Bett verlassen und gehen konnte, wanderte über die Scherben in den Gang mit seinem Leitungssystem von über 10 Kabeln, Wasserleitungs- und Dampfrohren an der Decke. Man glaubte dort besser geborgen zu sein, weil ihn Personal und andere Patienten bei Alarm aufsuchten, und so führte auch ich meinen jungen Gipsverband in Versuchung, und es ging ganz gut. Dort saßen wir in Decken gehüllt auf Bänken und harrten der Dinge. Vom anderen Ende warf ein kleiner Scheinwerfer sein Licht durch den unterirdischen Gang, ohne ihn richtig zu beleuchten. Es war mehr eine kleine Sonne, die aus der weiten Ferne schillernd glänzte, um das Ende des Ganges zu verraten, bis sie erlosch. Wir sahen das Licht, aber unseren Be- reich beleuchtete es nicht. Nun zeichnete das aus dem Saale hereinfallende Licht die knappen Um- risse der lebenden Mumien. Neues Leben trat herein. Aus der Richtung der unterirdischen Sonne kam es. ,,Ja, Kinder, macht doch Licht! Warum schaltet ihr denn den Schein- werfer nicht ein?" ,Wegen der Batterie, Herr Professor, daß sie nicht ausgeht." ,,Ja, ja, aber ihr könnt doch nicht im Dunkeln bleiben." Und dieser schaffende, belebende Geist war wieder so rasch fort, wie er kam. Prof. Dr. Bartsch war auf seinem Rundgang. Den einen und anderen Alarm sollten wir am Tage des Angriffes in die- ser Katakombe verbringen. Darauf kam die Nacht. 94 Wie berechnet, erfolgten in Zeitabschnitten die dröhnenden Explosionen der,,Zeitzünder" während der ganzen Nacht als Drohung für kommende Tage. Von Elek aus Preßburg, ein Opfer von gestern, lag vor mir und meldete sich fast nach jeder dieser Erschütterungen in der stets gleichen monotonen Art: ,,Herr Zimmermann!" ,,Ja, bitte?" ,,Was war das wieder?" ,,Nur ein Zeitzünder." ,,Danke schön." So ging es bis zur frühen Morgenstunde vom 16. auf den 17. Dezember, vielleicht zehnmal. Ein,,Zeitzünder" forderte 24 Todesopfer aus dem Luftschutzkeller unter dem Rathause in der Fallmerayerstraße. Die Bombe fiel auf der Seite ge- gen den Adolf-Pichler-Platz in die Anschüttung, drang bis an die Grund- mauer des Luftschutzkellers ein, zertrümmerte diese und verursachte dieses Massengrab. Aus Vorsicht gegen Zeitzünder wurden die Kellerinsassen sein Opfer, denn sie verblieben über die Zeit im Keller, weil die Meldung über zahlreiche Zeitzünder im Bereiche der Stadt zu ihnen gelangt war. Einer der Verletzten kam im Krankenhause in das Bett hinter mir zu lie- gen. Das war die zweite schlaflose Nacht. Am Morgen nahm ich das ge- reichte Frühstück, nachdem mir auch am Vortage noch der Appetit zu den Mahlzeiten fehlte. Ich hoffte, dafür zu Mittag alles restlos zu verspeisen. Es kam aber anders. Auf den letzten Angriff erging der Auftrag, das Krankenhaus tunlichst zu räumen. Ein Teil der Patienten sollte nach Seefeld kommen, ein anderer nach Natters. Die Vorbereitungen wurden gleich am Morgen getroffen und damit das Vorhaben bekannt. Einige der Patienten wurden von einer Unruhe ergrif- fen und konnten ihre Verladung kaum erwarten, in der Meinung, ein neuer Angriff stünde bevor und anderswo wären sie unbedingt sicher davor. Der Saal wurde immer leerer. Ein Ukrainer wurde besonders lebendig.,,Ich auch, ich auch", meinte er, indem er von einer plötzlich aufgetauchten Landsmännin gestützt und ge- führt wurde. Ich lag auf einer Tragbahre, zu einem Paket vergurtet am Boden und hatte so zu warten, bis ich an die Reihe käme. Das Paar kam 95 wieder an mir vorbei. Sie hatte nur Augen für ihren Schützling und stieg mir unbekümmert auf den Gipsfuß, der sich aber sehr bewährte. ,,Achtung", sagte ich,,,das ist mein Fuß", und sie wanderte weiter, vom Bett seine Sachen zu holen für seine Abfahrt. Ich kam auch daran. Zwei der stets Hilfsbereiten nahmen die Bahre auf und schafften sie in den Hof zu einem Sanitätswagen. Hier sah ich den um- sichtigen Rettungsmann wieder, der mich am 15. Dezember auf den Rücken genommen hatte. Im Schweiße des Angesichts, vor Anstrengung dampfend, griff er zu, hob die schweren,,Pakete", gab seine Weisungen,,der kommt daher, der dorthin", bis alle hinter- und übereinander verstaut, neuer- dings mit dem Wagen vergurtet und das Fahrzeug mit seiner Menschen- last gefüllt war. Schon schwang er sich, immer behende, vorne hinauf. Wie ein ungeduldiges Pferd zog uns der schnaubende Motor hinaus. Vor dem Krankenhaus in der Anichstraße sah ich Rudolf Pfund mit sei- nem Mädchen Mitzi gegen die Universitätsbrücke einbiegen. Auf einem kleinen Handwagen hatte er Hausrat aufgeladen, den er aus seiner Woh- nung im Hause Südtiroler Platz 8 über eine Leiter heruntergeholt hatte, denn die Stiege fehlt für uns alle, die wir dort wohnten. Mitzi erspähte ge- rade noch mein Kopfnicken, mehr ließ die mit mir festgeschnallte Trag- bahre nicht zu. Ich sah sie noch die Hand nach dem Wagen ausstrecken, die suchenden Blicke ihres Begleiters und aus war das erste Wiedersehen nach der gemeinsamen Not vom 15. Dezember. Auf der raschen Fahrt sah ich einige Brände und Verheerungen des An- griffes vom Vortage, am Landesgerichtsgebäude und andere. Der Fahrer hatte Eile. Wer weiß, wie oft er heute schon den Weg von Innsbruck nach Natters machte und wie oft er noch zu machen war. Unbestimmt war nur, ob er nicht auf der Strecke von einem Angriff noch überrascht würde. Das Krankenhaus in Natters war untergebracht in den Baracken der ehemaligen Polizei-Hochgebirgsschule, die in einer Waldblöße standen. Assistenzarzt Dr. Stainer löste die schwere Aufgabe der Aufstellung und Einrichtung mit seltener Umsicht und persönlichem Einsatz. Außer den spä- ter noch genannten Ärzten waren dort tätig Frau Dr. Lore von Klebelsberg, die Praktikantinnen Gretl Tinkhauser, heute verehelichte Frau Dr. Seidl, Frl. Helmi (Frau Dr. Braumann). Als Pflegeschwestern wirkten Brunhilde, Erika, Maria, Vera und Veronika. Hier waren wir Neuangekommenen Ursache einer ganzen Umwälzung. Es kam ja alles so unerwartet plötzlich. Die Kranken mußten vom ärztlichen 96 Gesichtspunkt aus nach der Art des Gebrechens in die Zimmer aufgeteilt werden; daher brachte der umfangreiche Zuwachs überdies manche Um- siedlung. Mehr fleißige als viele Hände schafften alles mit Umsicht und Ruhe. Hier haben wirs auch gut, wird sich jeder gedacht haben. Im Namen meines Magens frage ich:,,Was ist, Schwester, kommt schon bald das Essen?" ,,Essen? Ja, habt ihr nicht unten gegessen? Bei uns ist erst für abends angetragen." Also, sei still, mein Herz, sei ruhig, dafür wird es am Abend schmecken. Eine Mahlzeit für vier versäumte. Hunger ist der beste Koch, dachte ich beim Vertilgen der Abendration. Die Küche war übrigens gut. Freilich mit den Kartoffeln in natürlicher Größe waren keine großen Künste aufzuführen. Mag man sie noch so vor- nehm pommes de terre nennen oder potatos, sie bleiben doch die braven, schlichten Kartoffeln, ohne das Aussehen zu ändern, wie auch die hierzu- lande geringschätzige Bezeichnung patate ihren begehrten Nährwert nicht zu beeinträchtigen vermag. Man kann sie nur einnehmen und samt den tief- liegenden, biologisch bedeutungsvollen Augen verzehren, wie sie der liebe Gott geschaffen hat. Aber wenn die Fleischtage kamen, war alles voll Geschmack, sichtbar und vom Gaumen fühlbar, zubereitet von kundiger Hand, bei Verwendung aller vorhandenen Zutaten. Auch die Mehlspeisen verrieten die Lust, alles zu bieten, was Kochkunst mit den bescheidenen Mitteln zu leisten ver- mochte. Ging ja auch damals alles auf Karten und keiner in den Betten konnte behaupten, Schwerarbeiter zu sein. Die Unterhaltung von Bett zu Bett kam bald in Fluß und begann wie gestern mit der Schilderung des Mißgeschickes, das den einzelnen hierhergeführt hat. Der Ehrenobmann vom Kriegsopferverband Max Sturm blieb nur einige Tage in diesem Zim- mer. Seine Anwesenheit war für uns übrigen von großem Vorteil. Seine in Innsbruck verbliebene Frau brachte nämlich gelegentlich ihrer Besuche die ersten Nachrichten über die neuen Bombenschäden in Innsbruck. Sie ver- sorgte uns auch mit Briefpapier und Bleistiften, Dinge, die damals in Nat- ters nicht erreichbar waren. Sie brachte uns Briefmarken und übernahm die Übermittlung unserer Briefe an die Post in Innsbruck für die fern von Inns- bruck weilenden Angehörigen. Für diese gewissenhafte Besorgung waren wir alle besonders dankbar, denn in Innsbruck wurden viele Briefkästen wegen Personalmangels und Bombenschäden gar nicht mehr ausgehoben 7 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter 97 Eingeworfene Briefe blieben darin liegen. Frau Sturm blieb die treue Helferin und fragte nach unseren Wünschen, auch als ihr Mann in ein an- deres Zimmer verlegt wurde. Links von mir lag Wilhelm Jäger, mit einer Riesenbeule über dem rech- ten Auge nebst Gehirnerschütterung. Ihm war nur bekannt, daß er damals die Wohnung verließ, um noch für den Magen zu sorgen. Aufgefunden wurde er in einem zum Teil wassergefüllten Bombentrichter. ,,Herr Jäger, Sie kommen mir übrigens bekannt vor", sagte ich,,,und doch weiß ich nicht woher." ,,Sie dürften mich mit meinem Bruder verwechseln, der Magistrats- beamter war, wir wurden schon immer verwechselt." ,,Ja, ja, stimmt, so ist es. Ihr Bruder und ich wir waren Schulkollegen in der Oberrealschule am Adolf-Pichler-Platz. Sie sehen ihm zum Verwech- seln ähnlich." Von der Schwester wegen der Gehirnerschütterung zur Ruhe und wieder zur Ruhe gemahnt, sagte der bewegliche Patient:,,Ja, meinen Sie vielleicht, Schwester, daß ich gar so am Leben hänge, wenn's morgen aus ist, ist's mir auch gleich. Mir fehlt schon nix mehr, hi, hi, hi, laẞt's mich nur bald gehn." Den zweiten links, 16 Jahre alt, fragte Professor Dr. Bartsch: ,,Wie bist denn du zu dieser Verletzung gekommen?" ,,Ich bin nach dem Angriff mit der Mutter schauen gangen, und als wir an dem Krankenhaus vorbeigegangen sind, ist ein Zeitzünder losgangen. Die Mutter hat dann g'sagt: Du blutest ja am Kopf, gehn wir gleich eini, und dann hab ich dortbleiben müssen." ,,Das kommt davon, solche Buam soll'n z'hausbleiben, nicht umeinander- lauf'n. Hast übrigens noch Glück gehabt, aber ruhig halten, sehr ruhig, sonst bleibt was fürs ganze Leben." Von der Kopftafel las der Junge lachend herunter: Gehirnerschütterung mit Knochensplitter.,,Dös ischt guat und i gspür gar nix." Es dürfte gerade die Gehirnhaut noch unverletzt geblieben sein. Gegenüber links lag ein Lokalbahnangestellter an einem Lungendefekt schon lange in Behandlung, wurde aber bald nach unserem Kommen ausgeheilt entlassen. An seinen Platz kam ein Patient zwecks Magenoperation, die erst nach meiner Ent- lassung durchgeführt worden sein dürfte. 98 Dann kam, mir fast gegenüber, ein Dolmetscher aus Preßburg. Neben diesen ein französischer Kriegsgefangener, der bei einem Bauern in Völs beschäftigt war. Er jammerte immer und wollte nur nach Völs zurück. ,,Dort gesund", meinte er,,,nicht hier, nein." Von einem bestimmten Leiden war nichts zu hören. Es muß nicht arg gewesen sein. Für den Nachbarn allerdings wurde es ärger, als dieser Patient aus Völs heftigen Durchfall bekam. Er hatte es immer wieder dringend, die Leibschüssel war ständig zur Hand, ständiger als die Schwe- ster, und so wurde der andere ganz gegen seinen Willen Nutznießer von all dem, was flüchtig war. Er beobachtete zuerst den Betrieb, dann genüg- - Düfte sind international gleich abgestimmt ten ihm die Riechorgane und endlich kehrte er seinem Nächsten den Rücken. Dann kam noch die Papiernot. Er schaute wieder miẞvergnügt auf die Sparmaßnahmen des Verzweifelten, schien sich aber zu beruhigen, weil bei solchen Anlässen kein Staub auffliegt. - Nachdem ich meine Fachblätter nachgeschickt erhielt, stellte ich diese für alle Zwecke zur Verfügung. Eine Schwester meinte wohl:,,Ja, was wearn mer denn machen, wenn wir Ihre Zeitungen nimmer haben?" In ihrer Abwesenheit erzählte und erklärte ich bei allgemeiner Heiterkeit durch einen Witz, wie man in allen Lagen mit einem ganz kleinen Stück, sagen wir wieder Papier, auskommen kann. Ein Patient, mutiger als ich, wollte auch die Krankenschwester lachen sehen und brachte in ihrer Anwesenheit die zweite Auflage.,,Na, hearn S", meinte sie,,,aber es kann schon sein, ja, ja, es kann schon sein, wenn's so weitergeht, kemma ma so weit, daß nix mehr." gar man's so machen muß. Wir hab'n schon bald Rechts in der Ecke vor mir lag der Patient Jung mit dem Schenkelhals- bruch still versonnen, für sich allein, und es freut mich heute noch, daß ich ihn anregen und ins Gespräch ziehen konnte. ,,Herr Jung, ich habe Sie schon in Innsbruck beobachtet und gefunden, daß Sie in einer eigenen Welt leben und damit zufrieden sind. Sie haben sich sicher viel mit schöner Literatur befaßt." ,,Ja, das stimmt." ,,Sehen Sie, ich hab's gewußt. Nach Willen und Stimmung lassen Sie lebendig werden, was Sie um sich wünschen, so ist man nie allein." ,,Ja, so ist es." ,,Mit Ihrem Äußeren könnten Sie als Faust auf die Bühne gehen. Mir kam gleich vor, als würden Sie diese Rolle im Innern erleben." 7* 99 ,,Ja, auch das stimmt, ich habe mich als junger Mensch sehr für das Theater interessiert, aber es blieb nur in mir. Den Faust kenne ich genau." So war ich diesem Schweiger näher gekommen. Er versprach, mich zu besuchen. Ich habe vergeblich gewartet. Wie ich hörte, soll er gestorben sein. Mir ist leid um ihn. Ich hätte ihn gerne noch gesprochen. Bei einer seiner Visiten bemerkte Professor Dr. Bartsch auf dem Nachtkästchen des Jung eine Latein-Grammatik. ,,Was studieren Sie denn da? Latein?" ,,Ja, Herr Professor, auffrischen." ,,Was für einen Beruf haben Sie denn?" ,,Schneider bin ich geworden. In meiner Jugendzeit habe ich studiert." Innerlich und räumlich mir sehr nahe und unvergessen war der Mann, der am 15. Dezember beide Füße verlor und nach der Operation wie ein ,,Paket" in den Saal getragen wurde. Er kam zwei Meter von mir neben die Türe rechts zu liegen. Von scheuem Mitleid erfüllt, schwiegen alle ergriffen und die eigene Sorge wurde jedem zu einem kleinen Nichts. Nach erstaunlich wenigen Tagen hatte sich dieser schwer verstümmelte Organismus erholt, unter- stützt von der unversehrt gebliebenen, großen, willensstarken Seele. Eines Tages sollten wir den Hergang des Unglücks erfahren. Rechts von mir ging die stets offenstehende Tür in den Gang, in welchem gerade vor meinen Augen Tisch und Stuhl für etwaige Besucher standen. Ich sah sie warten, bis ihre Zeit gekommen war. Einmal schien mir eine Frau übermäßig lange zu warten und schweren Kummer zu tragen. Ich glaubte sie an- sprechen zu sollen. ,,Bitte, auf wen warten Sie?" ,,Ich möchte meinen Mann besuchen", hörte ich hauchartig sprechen. ,,Wissen Sie, in welchem Zimmer er ist?" ,,Nein, ich komme gerade aus München." ,,Wie ist Ihr Name?" ,,Artmeier." ,,Ja, der ist hier herinnen. Kommen Sie doch herein." ,,Es ist noch keine Besuchszeit." ,,Das macht nichts. Sie werden doch nicht von München herreisen und hier warten. Sagen Sie allenfalls nur, ich habe Sie hereingerufen." 100 Zögernd steht sie auf und zaghaft gehemmt kommt sie näher. ,,Frau Artmeier, jetzt müssen Sie stark sein. Dort ist Ihr Mann. Sie haben einen tapferen Mann und Sie müssen nur froh sein, daß Sie ihn noch haben. Sie wissen doch schon." Sie nickt und kommt langsam, behutsam näher, am Fußende des Bettes vorbei. Zwei Augenpaare finden sich, ein Händedruck spricht für sie. ,,Wie geht's dir?" Auch die Frau bleibt stark, aber die stille Träne klingt aus der verhalte- nen dünnen Stimme. ,,Ja, sigst scho, wias geht, aber 's ischt jetzt scho besser. Ist vom Buam Nachricht kemma?" ,,Ja, es geht ihm gut." ,,Schreib ihm nix vo mir oder nur von oam Fuaß, verstehst, nur vo oam, verstehst scho, gej?" ,,Ja, sag, wie ist denn dös kemma?" - ,,Wie d'woaẞt, hots dösmal mi troffa, mit'm Postwaga z'fahra. In Inns- bruck is Alarm gwesn. Es wär nit notwendig gwesn, gar nit. Der Kame- rad hat d'Nervn verlorn. I bin nimma ausakemma und glei is der Angriff auf'n Bahnhof kemma und da hat's mi erwischt, ja." - Pause. - Die Frau will noch mit dem Arzt sprechen; leise, traumhaft geht sie hinaus und setzt sich wieder an den Tisch am Gang. Nun war sie allein, die Kraft zu Ende. Der Schmerz fand die Linderung in Tränen einer starken Seele in schlichtem Gewande. Der Patient kräftigte und erholte sich sichtbar, wie schon erwähnt, in wenigen Tagen, die er noch mit uns im gleichen Raume verblieb. Uner- wartet bald aber sahen wir die Frau den Besuch wiederholen. Ein Tele- gramm rief sie, und doch zu spät. Eine Rippenfellentzündung war die Verbündete eines frühen Todes. - Er ist auf seinem Posten gefallen, im Dienste für alle, nach einem Mar- tyrium. Er fiel in seinem Berufe, also ein Opfer seiner eigenen Sache, kann man sagen. Richtig, aber wie viele haben und konnten ihre Sache ver- lassen - waren nicht gezwungen, sich mit ihr auf Gedeih und Verderben zu verbinden. Er fiel, wie Soldaten auf Befehl zu sterben haben, aufrecht, ohne Klage. Ein gut gearbeitetes Grabkreuz aus Holz am Friedhofe links der Kirche von Natters sagt einfach und schlicht: 101 Hier ruht in Frieden Herr Lorenz Artmeier geb. 15. X. 1896 gest. 5. I. 1945 Dort liegt der vom Leben so gequälte mutige Mann. Ihm war wenigstens das letzte Glück zuteil: er war behütet während seines Leidens von treuen Händen, bis zum letzten Atemzug. Er starb unter dem Auge des Arztes, der alle Mittel der Wissenschaft erschöpfte, um das Leben zu erhalten. Aber die Lebensuhr war abgelaufen. - Die Erde von Tirol sei ihm leicht. Auch in Natters hatten wir einmal, und zwar am 25. Dezember 1944, Gelegenheit, einen Angriff, von dort aus gesehen, mitzumachen. - Alarm gab es wohl öfters, aber so nahe kamen uns die Bomber nur damals, denn Natters liegt um 219 Meter höher als Innsbruck. Zum Brummen war auch das mahlende Geräusch sehr deutlich hörbar. Wir befanden uns bis auf das Holzdach und die -wände sozusagen schutzlos im Freien. Die Flieger schie- nen zu kreisen. Ich hörte die Kurbelwelle stampfen, das Getriebe mahlen. Dann begann die sehr nahe gelegene Flak ihre Salven zu feuern, daß der Boden bebte, die Fenster klirrten und einzelne sprangen. Die Bomben folgten sofort. Den Bahnanlagen vom Westbahnhof in Innsbruck bis zum Schloß Mentlberg waren sie zugedacht, aber viele gingen auf die Um- gebung des,,Eichhof" von Natters nieder, ohne mehr Schaden anzurichten, als mit dem Höllenkrawall die ganze Gemeinde um Haus und Hof zittern zu machen. Drei Verletzte sollen eingebracht worden sein. Die Patienten in den Betten wußten sich schutzlos unter dem Himmel dem Zufall aus- geliefert. Das Rumoren der Maschinen bohrte in den Ohren nebst dem Pfeifen niedersausender Bomben, bis der Krach des Berstens sagte, daß sie vorbeigingen. Eine gefaßte Schwester eilte von Raum zu Raum, versah ihren Beruhigungsdienst. Ich schrieb im Bett sitzend einen Brief auf dem Knie, unterstrich beim Einschlag das gerade hingesetzte Wort, als sie unter der Türe erschien. ,,Und was ist da?" fragte sie. ,,Da ist nichts, Schwester, alles in Ordnung", antwortete ich. Und sie eilte weiter, um sich in allen Räumen der Baracke als wachsamer Geist zu zeigen. Nach dem Angriff fragte ich sie: 102 ,Warum sind Sie nicht in den Luftschutzkeller gegangen, Schwester?" ,,Weil jemand immer da sein muß, schon wegen der Frauenabteilung drüben." Die Barackensiedlung war wohl vom Walde umgeben, aber ein Angriff auf die Flakstellung hätte ungewollt auch herübergegriffen. Zudem wurde der Gedanke geäußert, daß die ganze Anlage von oben auch für ein aus- gedehntes Munitionslager gehalten werden könnte, denn ein einheimischer Flieger habe festgestellt, daß die einzelnen Objekte von „oben" ganz gut auszunehmen sind. Professor Dr. Bartsch soll auch dringend für eine Verlegung der Anstalt eingetreten sein, aber erfolglos, mit der Begründung, nicht die Flakstellung wurde neben das Krankenhaus verlegt, sondern sie war zuerst da und das Krankenhaus sei nachher gekommen. Im übrigen erlitt der Betrieb keinerlei Störung. Professor Dr. Bartsch beherrschte die Mißgunst der Verhältnisse, erschien ungeachtet der Flieger- angriffe mit seinem Stab von Ärzten und angehenden Ärztinnen zur ,,Visite". Bei diesem Anlasse drängt sich mir die Erinnerung auf an die so äußerst hingebungsvolle Fürsorge und ärztliche Behandlung der Patienten, wie an die von manchem geäußerte Scheu vor dem Krankenhause. Möge nur jeder im Notfalle immer die Fürsorge finden, wie ich sie als Selbstverständlichkeit sah. Ich erstaunte, als bei einem leicht veränderten Verhalten des kranken Jung sofort ein Spezialarzt zur Untersuchung bei erster Autogelegenheit von Innsbruck nach Natters geholt wurde. Hierauf folgte ein Nervenarzt, ohne daß von einer Seite eine besondere Feststellung möglich gewesen wäre. Trotzdem aber verzichtete einmal ein Patient auf die ganze fürsorgliche Behandlung, zu der er sich ausdrücklich von Innsbruck nach Natters be- mühte, um ja nur aus Innsbruck heraußen zu sein und um sich einer vor- beugenden Operation zu unterziehen. Im übrigen pumperlgesund, machte er sich zu Fuß auf den Weg. Die Bahn verkehrte unregelmäßig, andere Fahrgelegenheiten gab es nur durch Zufall. Unterwegs ereilte ihn ein Mißgeschick. Auf halbem Wege erschienen Bomber über ihm mit dem Brausen der Propeller und Brummen der Mo- tore. Vor ihm dröhnten die Salven der Flakbatterie über ihn hinweg. hinter ihm barsten die auf Innsbruck abgeworfenen Bomben. Sollte die Flakstellung angegriffen werden, ergab sich die unerwünschte Aussicht, in 103 den Streuungsbereich zu kommen. Deckung gab es im Freien keine, und so strebte und stürmte er auf gut Glück Natters zu. Angekommen, wurde ihm ein Bett zugewiesen und, wie schon üblich, Temperatur und Puls als die am leichtesten greifbaren ersten Merkmale einer nahenden Krankheit gemessen. „Ja, was ist denn dös?" meinte die Schwester vor dem so beruhigend aussehenden Jüngling.,,115 Puls, ja wieso denn?" Darauf erzählte er sein Abenteuer. ,,Ah so, aber die 115 schreib i auf." „Ja, ja, die können S' schon schreiben, dös is mir gleich." Sie schrieb, er aber verließ Natters noch am selben Tage. Innsbruck oder nächste Um- gebung war ihm doch noch sympathischer. Die Flakstellung war ein unan- genehmer Nachbar, kein Zweifel, für die ganze Gemeinde Natters, an deren Rande sie feuerte. Ein Angriff auf die Batterie mußte auch die Ge- meinde treffen. Zum Glück kam es nie dazu. Und die Soldaten der Batterie? Als ich nach meiner Entlassung auf dem noch zu erwähnenden Schlitten heimwärts fuhr, habe ich sie gesehen, wie sie in der eisigen Kälte, aus der Ruhestellung unseren Weg kreuzend, wohl- gelaunt, mit und ohne Zigaretten, mit geschlossenen und flatternden Män- teln zur Batterie schlenderten, um sie zu bedienen. Ungarn waren es. Ja, das sind Soldaten, wird manch einer sagen. Und er hat recht - das waren sie. - Es soll öfter vorgekommen sein, daß es Enttäuschte gab unter jenen, die Natters für Abrahams Schoß hielten. Diese dürften auch gedacht haben: ,,Teigl, Teigl, was ischt denn dös, da ist ja die Flak a no fast vorm Fenster und schiaßt, daß alles wackelt, und über uns koa Haus, nur a Bretterdach. Zu dem sein mir do auffer kemmen, da sein mir ja vom Regen in die Traf kemmen. Wenn i nur schon wieder unten war." Auch ich wünschte mich hinunter, wenn auch aus einem anderen Grunde. Das Haus ohne Dach und unbewohnt, alles etwaigen Zugriffen ausgesetzt. Die Wasserleitungen nicht entleert. Zum großen Schaden sah ich eine Summe anderer Schäden kommen. Einer meiner Besucher dürfte mein Verlangen verraten haben, oder war es Zufall oder Übung, die Patienten zu trösten, denn Professor Dr. Bartsch meinte bald nach den ersten ,,Visiten":,,Ende der Woche bekommen Sie den Gehgips." Fein, dachte ich, das heißt ja gehen können. Die Woche ging vorbei, dann hieß es,,vor Weihnachten". Fein, gerade 104 auf Weihnachten. Dann wieder,,nach den Feiertagen". Auch gut, dieses Mal wird es ja stimmen, dann bin ich am 26., 27. Dezember in Innsbruck. Das Jahr sollte zu Ende gehen, indem ich von Tag zu Tag hoffte, in der naiven Vorstellung, daß der Gipsverband beim Gehen nur alles zusam- menzuhalten habe, damit die Knochenenden zusammenheilen können. Daß die Heilung nur in Ruhe möglich ist, verstand ich erst nach den Aus- wirkungen. Nach Neujahr erst wurde die Röntgen-Kontrollaufnahme angeordnet, was mich nun ganz zuversichtlich stimmte. Am 4. Jänner 1945 kam der alte Gipsverband vom Fuß herunter und Assistenzarzt Dr. Edmund Seidl erfreute mich mit einem neuen. Dieser mußte nachtsüber unter der Bett- decke trocknen. Tags darauf kam die zweite Auflage samt Eisenbügel von der kundigen Hand des Pflegers Siegfried Hörmann darübergewickelt, um wieder über Nacht zu trocknen. Damit wurden die drei Wochen voll, während ich von Tag zu Tag hoffte, entlassen zu werden. Diese Zeit verbrachte ich merkwürdigerweise schlaf- los, ausgenommen die erste Nacht. Eine zweite Nacht nahm mich nur vier Stunden in ihren Schlummer und eine dritte vergönnte mir ihn nur dann und wann. Dann war es aus damit, aber restlos aus, auch bei Tag. Meine Hoffnung von Tag zu Tag erstreckte sich auch auf die Wiederkehr des Schlafes in Innsbruck. So verbrachte ich die vielen Nächte, ohne einen Nachteil zu fühlen, und erlebte diese Zeit somit zweifach, nicht ohne die rings um mich Schlummernden auch um den Rhythmus des Schnarchens bei Tag und Nacht zu beneiden. Es waren stille Nächte, nur von den leise sorgenden Schwestern belebt. Vor meinem Abgang in der Nacht vom 4. auf den 5. Jänner war ich nicht ganz umsonst wach. Von Elek aus Preßburg rief seinen Nachbarn umsonst dringend beim Namen. Ich frage: ,,Was ist, Herr von Elek?" ,,Oh, ich habe einen bösen Traum gehabt. Ich habe geträumt, mir wurde bei einem neuen Angriff der zweite Arm weggerissen. Werden die Flieger wieder kommen?" ,,Nein, nein, Herr von Elek, schlafen Sie ruhig weiter, jetzt bei Nacht kommen keine Flieger." ,,Ist dies auch sicher, ganz sicher?" ,,Ja, ja, Herr von Elek, das ist ganz sicher, schlafen Sie nur ruhig weiter." 105 Tag ,,Danke schön!" und neuer Schlaf umfing den Müden bis zum neuen Vor dem Weihnachtsabend kam der Pfleger Heinrich mit seinem Rasier- zeug von Bett zu Bett und befreite uns von den üppigen Stoppeln. Das war die erste Vorbereitung zur Feier. Die Schwestern brachten und putzten einen Christbaum zurecht und zur Feierstunde bekam jeder einen Extra- teller mit guten Sachen. Die Kerzen des Baumes wurden angezündet, das elektrische Licht ausgeschaltet. Nun konnte jeder zurückdenken bis in seine Kindheit, an die Spielsachen, die ihn erfreuten, an die Eltern, denen unsere freudige Erregung Freude war, was wir damals gar nicht verstanden. Das vergangene Leben läuft vor unserem geistigen Auge in wenigen Minuten ab, das weitere sehen wir nach Wunsch mit vielen Fragezeichen umrankt und schreiten mit dem Wanderstab der Hoffnung weiter. Was war aber das? Wer singt in diesen Räumen? Wahrhaftig, Mädchen- ja Weih- stimmen! Sie kommen näher durch den langen Gang. Das sind nachtslieder! Nun halten sie vor unserer offen stehenden Tür, singen für uns, wie sie vor jedem Zimmer sangen, Friedensboten gleich, vom hellen Licht des Ganges bestrahlt, derweil wir im Lichte der Christbaumkerzen liegen. Damit ging auch dieser Abend in herzlicher Verbundenheit mit der Außenwelt in weicher Harmonie zu Ende. Der Jahresabschluß, der 31. Dezember 1944, verlief ohne Feststimmung. Mir schien nur, daß in den anderen Räumen, so wie bei uns, das Licht nicht verlöschen wollte. Die Patienten waren gesprächig, plauderten und schienen, wie nach einem stillen Übereinkommen, die zwölfte Stunde noch wach verbringen zu wollen. Dann allerdings war die Ruhe erwünscht. Das betonte ein unsichtbarer Nachbar vom Nebenzimmer, der an die Holz- wand klopfte, als der Junge mit dem Knochensplitter am Kopf mit seinem übermütigen Lachen nicht verstummen wollte. Die Ursache gaben meine lustigen kurzen Erzählungen, die das jugendliche Gemüt zum Überschäu- men brachten. Der 5. Jänner 1945 brachte mir die ersehnte Eröffnung, daß ich nun endlich entlassen sei und der folgende Tag auch eine Fahrgelegenheit bieten dürfte. Daraufhin machte ich meine ersten Gehversuche im Krankenzimmer und am nächsten Morgen brachte der Pfleger Siegfried Hörmann die Nach- richt, daß ein Schlitten nach Innsbruck fahre, aber rasch, er stehe vor der Abfahrt. 106 Ich hatte mich gerade angekleidet, nahm den Rucksack, mit dem ich bei Fliegeralarm die Wohnung immer verließ, und fand auf der linken Längs- seite der dicht besetzten Brücke des Schlittens Platz. Am Kutschbock hinter mir konnte ich mich mit einer Hand festhalten. Als ich während der Fahrt Natters zurückbleiben, meinen Blicken ent- schwinden sah, wurde mir das tägliche Bild lebendig, wie ich es durch drei Wochen abrollen sah. Die Ärzte, sie sah ich jetzt wieder herstellen das höchste der Güter, die Gesundheit dem Menschen, freudig bewegt und sich sorgen. Die anderen sich wenden und plagen ohne Ruh und Rast. Des stillen Dankes Fülle im Herzen, schlich ich wie leise davon, die Schuld auf der Seele fürs Leben. Aufragen sah ich die freudigen Retter über anderes Wirken der Menschen. Damit will auch ich mich zur Dankesschuld bekennen, die vor dem Arzt nie abgetragen wird. Es war ein kalter Tag, der mich ins Freie führte. Unterwegs vor dem Sonnenburgerhof winkte eine italienische Arbeiterin und bat um Fahr- gelegenheit. Alles rückte zusammen und es ging noch. Am Ende der Bren- nerstraße, bzw. an ihrem Anfang in Innsbruck mußte ich mich auf meine gegen Beine verlassen, denn der Schlitten nahm seinen Weg nach links Westbahnhof. den Die Italienerin ließ sich nicht abhalten, mich zu begleiten. Wir wander- ten die Leopoldstraße hinunter durch die Mentlgasse und Sterzinger Straße. Ich hatte den kürzesten Weg genommen, aber vergessen, daß am Ende vor dem Lagerhause ein Berg von Trümmern stand. Dieser war also zu über- winden. Dabei kam mir bis zum Scheitel des Haufens der altbekannte Schmiedmeister Kuschei zu Hilfe, obzwar er damals selbst schwach auf den Beinen war. Von der anderen Seite kam mir ein Soldat entgegen und reichte mir die Hand. Die Italienerin hatte auf diesem eisigen, schmalen Pfad mit sich selbst zu tun. 107 Frau Zeitlhofer war gerade am Fenster und ich konnte versichern, daß ich mich wieder wohlauf fühlte. Dieser für die in drei Wochen im Bett schlaff gewordene Muskulatur un- gewohnte Marsch verursachte für einige Tage einen heftigen Muskelkater und einen Puls von 90 bis 100 Schlägen. Anderseits stellte sich bereits in der ersten Nacht tiefer Schlaf ein. Zu Hause angekommen, schaute ich in die Kanzlei, was von meiner Brille am Schreibtisch übriggeblieben sei. Die Decke war stellenweise von Quadern durchschlagen. Die Brocken lagen am Boden, andere zum Her- abstürzen bereit zwischen den Deckenbalken eingeklemmt. Am Schreib- tisch nur der Verputz der Decke und darunter die unversehrte Brille. ,,Hallo!" ruft es gerade vom Hof herein,,,wer ist denn hier?" Ich erkenne die Stimme des Hausgenossen Rudolf Pfund. ,,Ich bin es, Herr Pfund, gerade angekommen." Das wichtigste hatten wir gelegentlich seines Besuches in Natters be- sprochen. Meine plötzliche Ankunft im Hause hatte ihn doch überrascht. Er selbst kam zufällig, um sich aus seiner Wohnung auf dem Umwege über das Bürodach vor dem 1. Stockwerke Notwendiges zu holen. Mir kam da- her die auf der Rückseite zum Balkon gestellte Leiter zustatten, um dar- über in meine Wohnung zu kommen, wie ich meinte. Nach den ersten Sprossen fürchtete ich für den Gipsfuß, vielleicht unbegründet, aber ich glaubte ihm das Auf- und Niedersteigen, Tag für Tag, nicht zumuten zu dürfen, denn für drei Wochen mußte ich den Gipsverband noch tragen. Über allen Erwägungen stand die Angst einer Verlängerung der drei Wochen und so stieg ich wieder herunter und folgte der Einladung einer befreundeten Familie am Saggen, um dort zu wohnen, bis ich ordentlich gehen konnte. Als am 26. Jänner 1945 der Gipsverband abgenommen wurde und ich das inzwischen fast steif gewordene Fußgelenk ratenweise vergewaltigt hatte, fand damit das harmlose, aber höchst überflüssige Abenteuer mit dem Fuß sein Ende. Die Angriffe vom 19., 25. und 29. Dezember 1944 Wie erwähnt, dauerte mein Aufenthalt in Natters vom 17. Dezember 1944 bis zum 6. Jänner 1945. In dieser Zeit erlebte Innsbruck diese drei Angriffe. 108 Beim Angriff vom 19. Dezember 1944 wurde der Viadukt am Ende der Museumstraße stark beschädigt. Alle im Lazarett hatten hart auf die ersten Nachrichten gewartet, ob die in Innsbruck zurückgelassene Habe wohl un- versehrt geblieben sei. Wir hörten nur die fernen Detonationen. Der Angriff vom 25. Dezember war zufolge der in der Nähe von Natters niedergegangenen Bomben auch für uns sehr fühlbar. Das Ziel dürfte wohl der Westbahnhof von Innsbruck gewesen sein. Die Bomben trafen aber den nahegelegenen Friedhof, wo sie starke Verwüstungen anrichteten. Eine große Zahl von Gräbern, darunter auch jenes meiner Eltern, wurden zer- stört. Die Arkaden erlitten an mehreren Stellen große Schäden. Das Haus in der Mandelsbergerstraße Nr. 6 wie auch das ganze Innraingebiet wurden stark heimgesucht. Vom Angriff des 29. Dezember hörten wir nur die fernen Einschläge, die auf die Umgebung des Marktplatzes niedergingen. Die Markthalle selbst und einige Objekte in Mariahilf wurden schwer beschädigt. Vermut- lich sollte die dortige Innbrücke getroffen werden. Über weitere Zerstö- rungen dieser Angriffe erfuhr ich erst nachträglich, weshalb es mir nicht möglich ist, Näheres darüber zu berichten. Der Angriff vom 14. Februar 1945 Ich befand mich gerade im Sanatorium der Barmherzigen Schwestern, um dort eine Röntgen-Aufnahme abzuholen. Als ich noch am Gang wartete, fielen plötzlich ohne jede Fliegerwarnung einige Bomben. Nach meiner Vorstellung waren es 3-4 Stück. Man hatte den Eindruck, die Einschläge müßten in nächster Nähe liegen. Nun gab die Sirene das Alarmzeichen. Alles eilte durcheinander und die Verbringung der Kranken in den Keller war auch schon im Gange. Ich fragte nach dem Luftschutzkeller, aber die Schwester meinte, der Raum wäre zu beschränkt, ich möge in den Stollen jenseits des Inn gehen. Bei diesem Anlaẞ sah ich, wie wohl fast die ganze Bevölkerung dieses Ge- bietes den Weg über die Brücke zu den Stollen machte. Tiefflieger hätten in einem solchen Augenblick große Massen in freier Bahn vor sich gefunden. Der erste Stollen links der großen Brücke nach Mühlau war für einen militärischen Befehlsstab vorbehalten. Als ich gerade beim zweiten an- langte, erfolgte die Entwarnung. 109 Der Angriff hatte sich gegen den Flugplatz in der Reichenau gerichtet. Wie zu hören war, soll es von der beim Exerzieren befindlichen Flieger- mannschaft elf Tote gegeben haben. Der Angriff vom 16. Februar 1945 Wegen des Fußbruches wohnte ich noch am Haydn-Platz, war jedoch vormittags in meiner Wohnung am Bahnhofplatz, um an der Beseitigung des da und dort heruntergebrochenen Verputzes weiterzuarbeiten. Gleich- falls hatte ich noch einige zertrümmerte Türen nach Möglichkeit zusammen- zuflicken. Um 11.45 Uhr traf ich wieder am Haydn-Platz ein und verließ gerade die Straßenbahn, als das Alarmsignal gegeben wurde. Nachdem ich das Luftschutzgepäck in den Keller geschafft hatte, waren bald darauf Explo- sionen in rascher Folge zu hören. Wir waren alle im Zweifel, ob es sich um Einschläge oder Geschosse der Flak handle. Als es ruhig wurde, ging ich hinauf, sah über Pradl eine riesige Rauch- wolke liegen und vermutete zuerst einen Brand. Ich wunderte mich nur über die rasche Entwicklung und dachte an Öl- oder Benzinvorräte. Dies traf jedoch nicht zu, sondern die Summe aller Einschläge gab eine geschlos- sene Wolke großen Umfanges. Gleich nach der Entwarnung um 14.25 Uhr ging ich durch das Gebiet der großen Verwüstungen, die der Angriff angerichtet hatte. Dieser Angriff war vermutlich den Bahnanlagen des Hauptbahnhofes zugedacht. Die Trefferlage wurde aber durch die Luftströmung oder durch Zielfehler zu weit nach Osten verlegt. Damit ging manches Leben und Hab und Gut verloren, das Arbeit und Fleiß in Jahrzehnten zusammengetragen und wozu Väter und Mütter schon den Anfang gemacht hatten mit dem materiellen Ertrag ihrer Lebens- arbeit. Der Angriff vom 27. Februar 1945 Mit Rücksicht auf die bereits seit Monaten sehr häufigen Alarme wurde es Brauch, dringende Angelegenheiten in den ersten Vormittagsstunden zu erledigen, denn ab 10 Uhr war mit Alarm zu rechnen. Trotzdem ent- schloß ich mich, gegen 10 Uhr noch rasch wegen eines Notdaches auf mein 110 zerstörtes Haus in einem Amte vorzusprechen. Dort mußte ich fast eine Stunde warten, um dann in wenigen Sekunden zu wissen, daß mein Weg zwecklos war. Am Heimweg kaufte ich mir in der Anichstraße eine Tageszeitung und hörte dabei die Bemerkung:,,Das Radio hat gerade einen starken Verband gemeldet im Anflug aus dem Süden nach Norden. Unterinntal hat schon Alarm." Also höchste Zeit, mit dem Rad heimzukommen, dachte ich mir. begannen In der Maria-Theresien-Straße angelangt es war 11 Uhr die Sirenen mit ihrer heulenden Klage. - - Ich strebte als einziger eilends gegen den Bahnhofplatz, während eine Menschenmenge aus dieser Richtung mir entgegenströmte. Fußgänger lie- fen am Gehsteig. Auf der Fahrbahn rasten Autos und Radfahrer durchein- ander, so daß es alle Aufmerksamkeit erforderte, gegen diesen rasenden Strom zu fahren. Am Bahnhofplatz angekommen, fluteten mir vom Bahn- hof her zahlreiche Soldaten entgegen. Einen Teil führte ich in den Keller des,,Hotel Europa", den anderen Teil in die Keller Südtirolerplatz Nr. 4 und 12. Die Mehrzahl kam, wie immer, bald wieder herauf, andere blieben gleich vor jenen Häusern. Heute gab es auch bald etwas zu sehen: Geschwader kamen, wie gemeldet, aus dem Süden und zogen, für uns gut sichtbar, über das Unterinntal gegen Norden, eine Kette ohne Ende. Furchtbar, nur an den Zweck dieser Flüge, an die Menge der Bomben zu denken, die irgend- wo niedergehen werden. Nach einer Weile begann ich die Flugzeuge einer Staffel zu zählen. Die Staffeln gruppierten sich zu Geschwadern, die als geschlossene Formation dahinzogen. In größeren Abständen folgte dann ein Geschwader dem andern in der Ordnung dahinziehender Vögel, wie Ge- spensterschiffe. So zählte ich etwa 300 Flugzeuge. Da war der Tod auf Reisen. Wo wird er sich niederlassen, eine reiche Ernte halten, ein Massen- sterben fordern? Was bliebe von unserer Stadt noch übrig, wenn alle über Innsbruck kä- men? Wird nicht jetzt und jetzt eines dieser Geschwader Richtung auf Innsbruck nehmen oder hinter der Nordkette eine Schleife ziehen, um überraschend von Norden her aufzutauchen und anzugreifen, kaum, daß es über den Bergen sichtbar wird? Wird etwa ein anderes aus anderer Richtung Innsbruck zum Ziele nehmen, weil heute schon Großkampftag ist? Heute standen fast nur Soldaten herum. Alles schaute ringsum so wie 111 ich. Heute herrschte Ernst und Stille, kein Übermut, die Blicke waren auf die endlose Kette von Flugzeugen gerichtet. Die Gespräche wurden mit gedämpfter Stimme geführt im Schatten der Vorstellung von Ziel und Zweck der endlos dahinziehenden Flugzeuge. In der schwülen Stille solcher Stunden möchten vielleicht auch jene das Lispeln erlernen, die sonst aus ihrer Geborgenheit heraus in freundlichen Stunden des Lebens die Gewohnheit haben, ein Zwiegespräch mit einem mündlichen F..z einzuleiten und ebenso zu beenden, wenn die Milch der frommen Denkart des andern zu gerinnen beginnt. Ich wende mich immer wieder von der Kette dieser Zugvögel und suche stundenlang den Horizont, besonders den Raum über der Nordkette ab. Ich wartete geradezu auf einen Angriff, denn jener vom 16. Februar hatte die Bahnanlagen verfehlt, die wohl heute gründlich,,hergerichtet" werden sollen. Unbestimmt war mir nur die Richtung, aus der er kommen wird. Die lange Kette von Geschwadern war nach langer Zeit zu Ende. Ich sah und hörte nichts mehr. Wieviel Tod und Verderben mögen sie dort- hin gebracht haben, wo sie nach mir gesehen wurden? Dann, nachdem dieses Werk vollendet war, erschienen sie wieder auf ihrem Rückfluge. Sie zogen in derselben Ordnung gegen Süden, zu ihrer Operationsbasis zurück. Es war ein sonniger Tag, weshalb sich mehr Leute heroben als in den Kellern befanden. Drüben am Bahnhof stand eine Gruppe von Italienern. Gleich zu Beginn des Alarmes machte ich wie immer meinen Rundgang und auch diese Italiener aufmerksam auf die verschiedenen Luftschutzkeller. Sie meinten, mit dem Zug wieder weiterfahren zu wollen, und wiesen auf ihr Handgepäck. ,,Gut, gut“, sagte ich in ihrer Muttersprache,,,aber achtet auf die Menge Flugzeuge dort unten, und wenn ich rufe, sofort hinüber in den Keller." So machte ich meine Runde, die Blicke auch während eines Gespräches nach oben gerichtet. Fast dreieinhalb Stunden verweilte ich dann in der Mitte des Platzes, immer in der Einbildung, wir würden heute nicht ver- schont bleiben. Der Magen knurrte, und von oben hörte ich nun auf einmal ein böses Brummen, sonst von niemandem beachtet. - - Ja, ja, da kommen sie, da sind sie schon. Um 14.30 Uhr sah ich drei Flieger über die Nordkette mit der Richtung über den ,,Tiroler Hof“ auf 112 den Bahnhof zukommen. Kein Zweifel, diese kommen zum Angriff. Ich schreie nach allen Seiten: ,,Aaachtung! Aaachtung! Flieger über uns, rasch in die Keller, rasch, rasch!" Zu den Italienern gewendet:,,Attenzione, pericolo, venite subito in cantina!" (,,Achtung, Gefahr, kommt schnell in den Keller!") Alles rannte, auch oben bei den Häusern Nr. 10 und 12, wo sich die Kanzleien des Bahnhofoffiziers befanden. Die Tore verschlangen alle eilends. Ich sah den Platz menschenleer und beruhigt stieg ich die Stiege hinunter, in der festen Erwartung der wohlbekannten Schläge. Im Keller des Hauses Nr. 4 setzte ich mich neben einen jungen Leut- nant, den ich bereits früher unten sah er las in einem Buche wie früher. - Wie lange noch, dachte ich, und das Beben und Donnern begann schon. ,,So, es kracht schon, nun seht ihr, was herausschaut mit dem Herum- stehen vor den Kellern, aber mir scheint, das ist die Flak." Hinter mir, — ich war inzwischen aufgestanden und unter die Leute gegangen-antwor- tet jemand:,,Es wäre besser, die Flak würde nicht schießen." 66 Es wurde wieder ruhig. Ich drückte mich durch das Gedränge, um oben nachzuschauen. Ein Soldat, an dem ich mich unten vorbeischob, meinte freundschaftlich und mit frohem Gesicht: ,,Sie haben recht jesehen und haben uns auch rechtzeitig jewarnt." ,,Ja", antwortete ich,,,das war aber schon höchste Zeit." Diese spontane Anerkennung hat mich gefreut, sehr gefreut, und am liebsten hätte ich gesagt:,,Und du bist mein Freund, der Beifall schenkt, für Dich und Deinesgleichen bin ich ja hier." Wie viele mögen an allen Fronten um eines Beifalles, einer Anerken- nung wegen gefallen sein? Was vermag der Beifall auf den Gebieten aller Kunst! Er schenkt dem Schaffenden den Glauben an sich selbst, verleiht den Mut zu neuer Tat, die Zuversicht, vor fremden Augen sein zu dürfen wie ihm ist. Neugeboren schickt er voraus mit leichter Hand - - das Bild der Phantasie das Werk muß folgen. Was ist dem Künstler auf der Bühne der Applaus! Er macht aus jedem Zoll heut einen König und morgen einen Bettler. 8 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter 113 114 Als Held reißt er den Hörer mit, jugendlich stürmt er für die geliebte Frau, um erschütternd für diese auch zu fallen! Nur des Beifalls heller Jubel heißt ihn wirken, andere zu rühren, bis zur Träne. Oh, es gibt der Empfindungen viele, die schlummernd nur im stillen Wort verborgen liegen, bis der Rede Meister mit warmem Herzen in die Saiten greift, den Ton zum Klingen bringt, das schlichte Kleid zum Festgewande macht und selbst den Schalen zwingt, dem Stichwort sich zu unterwerfen. Wenn dann die Flamme der Begeisterung zum Hörer hin, zurück zum Sprecher auf der Bühne flutet und bald lichterloh das erhab'ne Werk des Dichters in dem Busen brennt, dann wird der Künstler tränenden Auges sein Herz mit beiden Hän- den schenken, aufs neu dem Dichterworte Seele, Glanz und Kraft verleih'n, und sich wünschen, am Ende seiner Tage, wenn seine Lebensuhr bald ausgeschlagen, am Boden seiner Siege, das letztemal und wahr zu sterben. - Pflegt es mit Liebe das köstliche Wort, ihr glücklichen Künder, ihr traget die Seele der Schöpfer auf Lippen. Beginnet piano, ihr rhythmisches Leben, denn forte beginnt nur Gewalt. Lasset sie flattern behende, die zierlichen Falter, ans Ohr des begierigen Lauschers. Sie tändeln, sie gaukeln die trunkene Rede heran, sie führen zum Garten der Dichtung, pflücken verborgene Blumen heraus; - sie winden die ersten Kränze und Sträuße dem willig folgenden Hörer: Horch! Sie spricht. O, sprich noch einmal, holder Engel! Denn über meinem Haupt erscheinest du Der Nacht so glorreich, wie ein Flügelbote Des Himmels, dem erstaunten, über sich Gekehrten Aug' der Menschensöhne, die Sich rückwärts beugen, um nach ihm zu schaun, Wenn er dahin fährt auf den trägen Wolken Und auf der Luft gewölbtem Busen schwebt. Romeo und Julia II, Shakespeare. II, 1. Führet allmählich andante hinein, in die wechselnde Handlung, bringet die Ahnung von kommenden Dingen, schlaget in Fesseln den Lauen, zwinget den Beifall, sich selbst zu berauschen, steiget empor die Stufen zur Größe des Dichters, zu vermählen den Geist mit dem glühenden Atem des klingenden Worts. Mir ahnet Ein unglücksvoller Augenblick. Mir selbst. Wie Furien des Abgrunds folgen mir Die schauerlichsten Träume. Zweifelnd ringt Mein guter Geist mit gräßlichen Entwürfen; Durch labyrinthische Sophismen kriecht Mein unglücksel'ger Scharfsinn, bis er endlich Vor eines Abgrunds gähem Rande stutzt - O Roderich, wenn ich den Vater je In ihm verlernte - Roderich ich sehe, Dein totenblasser Blick hat mich verstanden Wenn ich den Vater je in ihm verlernte, Was würde mir der König sein? - Schiller. Don Carlos, I. 2. Weiter weben und flechten die göttlichen Meister die Worte zum furchtbaren Drama. Es ringen um Leben und Sterben das Gute und Böse. 8 115 116 Es schleichen ganz leise die Ränke des einen, aufrecht schreitet der andre. Nun zeiget euch forte in Red und Gebärde. Natur? - Ich weiß von keiner. Mord ist jetzt die Losung. Der Menschheit Bande sind entzwei. Du selbst Hast sie zerrissen, Sire, in deinen Reichen. Soll ich verehren, was du höhnst? - O seht! Seht hierher! Es ist noch kein Mord geschehen Als heute Gibt es keinen Gott? Was? Dürfen In seiner Schöpfung Könige so hausen? Ich frage, gibt es keinen Gott? Solange Mütter geboren haben, ist nur einer - einer So unverdient gestorben weißt du auch, Was du getan hast? Nein, er weiß es nicht, Weiß nicht, daß er ein Leben hat gestohlen Aus dieser Welt, das wichtiger und edler Und teurer war als er mit seinem ganzen Jahrhundert. Dann steht gelassen, riesengroß - Schiller. Don Carlos V, 4. des königlichen Vaters Despotie vor seines Sohnes Feuergeist. Junger Herzen Freiheitstraum versinkt im eignen Blut. Dahin der frühe Blütenstrauß der hoffnungsvollen Völker. Stürmisches Streben des Bessern muß brechen und sterben am Gestade anderer Welten. So war es schon immer und wird immer so sich wiederholen. Die göttliche Fügung bescheidet sich oft mit dem Range hinter den Siegen finsterer Mächte. Ein andermal fallen sie müde, die Worte; wie Flocken; betten die Toten der Bühne zur Ruh', wie Tränen und Schnee: Ich sterbe, Horatio! Das starke Gift bewältigt meinen Geist... ... Der Rest ist Schweigen. Ihr Künstler dürft dies alles sein, im höchsten Maße zeigen. Welche Wonne, den Großen der Bühne, schwelgend zu dienen dem Wort! Im Namen des Dichters Leben zu schenken, mit dem Wort sich zu freuen, zu zittern, mutig zu streiten, zu siegen, männlich zu fallen und endlich zu lispeln die Worte des Abschieds zur Welt. Sie klimmen die Leiter empor von der Erde zum Himmel, steigen sie wieder herab von der Liebe zum Tod. Kleiden in Samt der weichen Vokale das konsonantisch feste Gerippe der Sprache. Sie, das lebende Wort, das wieder ans Leben sich wendet. Das Chaos und Streben flügger Gedanken die hüpfenden, tanzenden Schatten, eingefangen in Ufer zum wiegenden Strom, meisterhaft zu Harmonie gepaart. Ihr dürfet es tragen und schaukeln, das vom Dichter gespendete Wort. Ach, dürfen ist wenig, denn ihr sollt müssen. Kraftvoll jaget Stürme des Aufruhrs zu uns, wie Orkane die Wässer zur Brandung. Bangen und Hoffen traget heran, die Empörung ob der Mißhandlung. Zahm und gelassen sollen sie wieder erklingen aus des Herzens Gleichgewicht. Jubeln in Freude, schwelgen im Glück. Ein Engel steh euch zur Seite, wenn ihr von Liebe redet, von wonnevollen Schmerzen. Am Grunde des Meeres aller Lebensstürme ruhe die wahrhafte Träne. Shakespeare, Hamlet V. 6. Haẞ möget ihr spielen, niemals empfinden. In freier Bahn schweben gesellig die Worte von der Kraft des Gedankens beschwingt, 117 hinauf die Stufen der geistigen Treppe und kehren, wie Atem verklingend, sittsam wieder zurück. Reich beladne Busen bergen alle Register. Dort bringet die Saiten zum Klingen, die zarten, und erhöht zu männlicher Kraft, das andere Geschlecht. Zum Leben rege sich das zweite Ich in dieser Sphäre berauschend auf uns wirkend. Erweckt die schlummernde Schöne - die Sprache, ganz piano, andante und forte. Ob erst das Wort oder die Tat, war die Frage. Nein, erst war des Gedankens Macht. Er schenkt des Geistes Wunderbild, das wieder zu uns spricht, sich dann befreiend von uns weiterstrebt und darin verjüngt mit neuer Kraft aufs neue sich erlebt. Ach spendet es richtig gewogen! Umkleidet mit schönstem Gefieder! Lasset uns bangen und hoffen mit euch, folgen der Handlung wie dem Erleben, innig beladen laẞt heimwärts uns tragen Kränze, die wir im Geist auch winden ums Haupt. Wenn des Herzens Pulsschlag fehlt und dein Werk dich selbst nicht rührt, darfst du von andern Rührung nicht erwarten. Und ihr schenket auch Beifall dem Fleiße, wenn schweren Proben das Können versagt. Machet Mut zu neuem Bestehn und Beginnen! - Nun wieder einmal zurück zur Sache. Ist es zu verwundern, wenn auch mich die spontane Anerkennung jenes Soldaten freute, wie alle die freund- lichen Worte, die im Laufe jener Jahre immer wieder an mich gerichtet wurden? Damit will ich auch allen danken. Also es war Ruhe eingetreten und ich drängte mich durch die Soldaten, um hinaufzuschauen. Leise horchend stieg ich die Stufen empor. Oben angelangt, sah ich durch die offenstehende Tür und vom rückwärtigen Garten aus mächtige Sprengwolken über dem Landhaus, wie ich mir ein- bildete. Ich wollte mich überzeugen, fuhr mit dem Rad am Gehsteig gegen 118 die Salurner Straße, an den Häusern Nr. 10 und 12 vorbei, wo bereits drei Soldaten vom Keller heraufgekommen waren. Alle drei lächelten freund- lich und einer rief mir zu:,,Ja, wenn Sie wegfahren, wer wird uns dann warnen?" Ich antwortete lachend zurück:,,Jetzt müßt ihr indessen selbst die Augen aufmachen, aber ich komme bald wieder zurück, ich muß nur schauen, was da drüben in der Wilhelm-Greil-Straße geschehen ist. Vor dem Hause Salurner Straße Nr. 3 stand allein ein Hauptmann, dem ich zurief:,,Herr Hauptmann, dort ist ein Luftschutzkeller." „Ja“, meint er,,,dort unten war ich ja." ,,Ist dort alles in Ordnung?" (Wegen des Sillkanals.) " ,,Ja, ich bin allein unten gewesen, es hat mich hingeworfen, weil ein Balken vor war. Der Reisesack, den ich umhabe, hat mich beim Sturz ge- schützt. Da hinten aber rauscht das Wasser ganz furchtbar, dort muß was geschehen sein." ,,Nein, nein, das ist die Turbinenanlage im Sillkanal." ,,Aber gewiß, dort muß was geschehen sein." ,,Gut, gehn wir schauen." Im Hofraum überzeugt er sich von der Richtigkeit meiner Vermutung und zeigt nun von dort aus gegen die Sterzinger Straße. ,,Dort hat es auch eine hingehaut." Ich ersparte mir aber den Weg in die Sterzinger Straße, weil diese gänz- lich unbewohnt war. Wie ich nachträglich feststellte, war die Leixner-Villa, Sterzinger Straße Nr. 8, getroffen worden und nur noch ein Trümmerhaufen. Als ich wieder auf der Straße war, sah ich aus den Kellerfenstern des Hotels,,Arlberger Hof" Rauch herausqualmen. Ich versuchte einzudringen, stieß mit den groben Schuhen gegen die vor das verschlossene Tor ge- nagelten Bretter. Darauf meldete sich der Heizer an einem Kellerfenster und sagte, er habe nur eine Menge altes Zeug im Kessel verbrannt. Nun endlich komme ich in die Wilhelm-Greil-Straße. Vor dem Stieglbräu klaffte ein großer Bombentrichter, der sich zufolge geborstener Rohrleitung mit Wasser füllte. Zwei junge Burschen standen am aufgeworfenen Rand. ,,Könnt ihr eine Meldung machen?" ,,Ja, was sollen wir melden?" ,,Den Wasserrohrbruch." ,,Der ist schon gemeldet." ,,Bravo, dann ist es schon gut." 119 Das Landhaus war nicht getroffen, aber Häuser der Umgebung. Um dem Luftschutz Meldung zu machen, fuhr ich, den Luftraum stets auf- merksam prüfend, in die Neue Universität. Die Kanzlei war jedoch ge- schlossen, August Riebler bereits unterwegs. Die somit überflüssige Mel- dung hefte ich an die Türe und berichte in der daneben befindlichen Polizeikanzlei mündlich. Als ich wieder auf der Maria-Theresien-Straße war, ertönte das Ent- warnungssignal um 15.15 Uhr, dem die Vorentwarnung um 14.45 Uhr vorausgegangen war. Es wurde allgemein angenommen, dieser Angriff hätte dem Landhaus gegolten, was nach der Lage der Einschläge auch zutreffen könnte. Nach der Flugrichtung der Maschinen hingegen möchte ich eher annehmen, daß auch dieser Angriff den Bahnanlagen zugedacht war. Die Flugzeuge kamen in großer Höhe angeflogen, so daß auch eine Luftströmung die Bomben abgedrängt haben kann. Die Gebäudeschäden waren durchwegs schwer. Getroffen wurden: die Menardi-Garage, Wilhelm-Greil-Straße Nr. 12 und 19, der rückwärtige Teil der Nationalbank, das Haus Bozner Platz Nr. 2, das Hotel-Café München, Meraner Straße Nr. 7, das Hauptbankgebäude, Erlerstraße Nr. 9, mit dem an Nr. 7 angrenzenden Teil, das Verlagsgebäude der,,Innsbrucker Nachrichten", Erlerstraße Nr. 7, und das Hotel,,Delevo", Erlerstraße Nr. 6. Der Angriff vom 7. April 1945 Es war ein trüber Tag. Die Wolken hingen tief herunter. Sie vergönnten uns gerade noch den Blick aufs Mittelgebirge, als um 10.15 Uhr der Jam- merton der Sirene in manches Mark schnitt. Heute, dachte ich, heißt es die Ohren spitzen, zu sehen ist nichts. Eine Stunde verging, eine zweite und dritte. Die Leute standen herum, und je länger es dauerte, um so eher neigte man zur Meinung, es werde auch weiter in Ruhe abgehen. Diese Zeit benützte ich, die noch verbliebenen Luftschutzkeller aufzu- suchen. Im Hofe des Hotels,,Europa" standen einige Soldaten. ,,Kennt ihr den Luftschutzkeller schon?" ,,Jawohl, aber es brennt kein Licht." ,,Ja, ja, ich weiß, ich habe schon wiederholt Meldung gemacht, aber bis 120 jetzt umsonst. Aber bitte, kommen Sie gleich mit mir, damit ich den Keller im schwachen Licht meiner Lampe zeigen kann. Sollte es notwendig wer- den, dann wissen Sie, daß Sie ohne Bedenken in die Dunkelheit hinein- gehen können. Sehen Sie, die Säulen prima ausgebaut, hier Bänke und Tisch usw. Überdies ist vorne am Bahnhofplatz im Hause Nr. 4 auch ein Keller." Ebenerdig im Hotel war die Wehrmachtskantine als Betreuungsstelle vom Roten Kreuz untergebracht. Hier saßen die Leute oft, ohne das Alarm- zeichen zu beachten, ohne zu wissen, daß sich im Hause unter ihnen der Luftschutzkeller befand. Während ich im Lazarett in Natters lag, wurde es zur Gewohnheit, aus Ordnungssinn das Tor zur Einfahrt in den Hof geschlossen zu halten und damit den vorzüglichen Luftschutzkeller auszu- schalten, so daß das beleuchtete rot-gelbe Steckschild,,Öffentlicher Luft- schutzkeller" zur Irreführung wurde - bis ich zurückkam und die richtige Ordnung wieder einrenkte. Das Wehrmachtsheim im Hotel,,Viktoria" und die obgenannte Kantine waren hinsichtlich Luftschutz selbständig, trotzdem konnte ich nicht anders als mich darum zu bekümmern. Auch heute ging ich durch die Kantine. - ,,Wiẞt ihr, daß Fliegeralarm ist?" Die Leute lächelten wie immer und aßen weiter. Einmal meinte einer: ,,Wenn's kracht, gehn wir schon." ,,Darauf braucht ihr vielleicht gar nicht lange warten, da kracht es am ehesten, denn wir sind ja am Bahnhof hier." Heute konnte ich mich darauf beschränken, wie auch sonst immer, zu sagen: ,,Hier unten ist der Luftschutzkeller. Der Eingang dazu ist da draußen im Hofe über die Stiege hinunter." Gegen 13.45 Uhr kam ich vor dem Hause Nr. 4 (Hohenauerhaus) mit einem Soldaten von der Bahnhofkommandantur ins Gespräch. Wir be- gegneten uns dann nach dem Kriege, so daß ich ihn als Sohn einer alten Tiroler Familie namens Rahm kennenlernte. Ja, wir plauderten, wenngleich ich aufmerksam blieb für Geräusche in der Luft und sogar dachte, mich nun auf den Platz hinauszusetzen, wie es ja meine Gewohnheit war, damit ich nicht abgelenkt würde. Die Umgebung war jedoch ziemlich schweig- sam, durchwegs Soldaten. Die Stimmung war ernst, wie das Wetter und die Zeit. Daher glaubte ich, es würde mir selbst im Gespräch nichts ent- gehen, und ich wußte nach meiner bisherigen Beobachtung, daß mein 121 Alarmruf ernst genommen und auch sofort beachtet wird, denn er war nie die Fortsetzung einer ständigen Belästigung und Beunruhigung, sondern er durchbrach die Ruhe. Nur nicht flau werden durch die lange müßige ⚫ Wartezeit! Ich höre auch richtig ein fernes Rollen, das näher kam. Das Rattern konnte auch an ein schweres, fernes, in der Stille näherkommendes Auto erinnern. Niemand achtete darauf, niemand rührte sich, weder um mich herum vor dem Hause Nr. 4 noch vor den Luftschutzkellern in den Häusern Nr. 10 und 12. Ich unterbreche daher unser Gespräch: ,,Moment bitte, was ist denn das? Sind das nicht Flieger?" ,,Nein, nein", meinte der Mann,,,das ist ein Auto." Ich horche noch einen Augenblick; kein Zweifel für mich, es sind Flug- zeuge. Ich springe auf die Straße und schreie: ,,Aaachtung, Aaachtung, Flieger, in die Keller, rasch, rasch!" - Alles verschwindet und ich folge. Es bleibt ruhig. - Blinder Alarm? Um so besser, nahe waren sie und tief genug, wenn auch wegen der Wolken ungesehen. Ja, die Gefahr schien vorbei. Also wieder hinauf, um zu horchen, denn Wehrmacht bliebe mir nicht lange im Keller. Keine Ge- räusche mehr, ringsum lautlose Stille. Einige Leute, die mit mir zugleich aus dem Keller kamen, lauschten auch. ,,Hört ihr etwas?" ,,Nein." ,,Ich auch nicht, aber sie waren da, wer weiß, wohin sie geflogen sind, vielleicht hat nur die Sicht gefehlt." - Auf mich wirkte der Spuk wie eine Warnung zu erhöhter Aufmerksam- keit. Ich setzte mich auch sogleich in die Mitte des Platzes hinaus. Die Leute kamen allmählich in die frische Luft herauf. Es dauerte nicht allzu- lange und die Flieger kamen wieder. Tief müssen sie geflogen sein, sehr tief, vielleicht unter den Wolken, denn das Geräusch war auf einmal da mit einem,,crescendo", bis es fast plötzlich zu einem Mahlen und Rollen wurde. In diesem Augenblicke hatte der Keller fast alle wieder aufgenom- men, denn ich schrie gleich, als ich die ersten, überraschend lauten Töne hörte: ,,Aachtung, neuer Verband im Anflug, rasch in die Keller, rasch, rasch!" Es wird wohl derselbe Verband gewesen sein, der sich früher nur orien- tierte, aber ich wählte diese Darstellung, um der Warnung eine erhöhte Wirkung zu geben, denn ich hatte ja vorhin ohne Gefahr gewarnt. 122 Und es hat gewirkt. Alle gingen sie wieder, auch ein Major mit dem Rit- terkreuz. Sie glaubten mir das zweite Mal, wie so oft und immer, sie schenkten mir Vertrauen und dafür stellte ich mich immer wieder hinaus, hätte mich immer wieder hinausgestellt, wer weiß, wie lange. - Das ist zugleich die Antwort auf eine gut gemeinte Frage: ,,Sagen Sie nur, warum tun Sie das? Wenn Ihnen etwas passiert, wird Ihnen niemand danken." Ich konnte damals nur die kurze Antwort geben: ,,Ich kann nicht anders, keiner kann aus seiner Haut heraus." Aber ich dachte dazu:,,Sie sollten nur einmal sehen, wie viele Menschen, Männer, die ihren Mann wer weiß wie oft gestanden, vertrauensvoll mir die Sorge um ihre Sicherheit überließen und vertrauensvoll auf meine Rufe hörten." Das war mir Dank genug, zu wissen, daß sie noch leben, weil sie auf mich hörten. ,,Ja", kann man sagen,,,ein Leben, das heute nicht lebenswert ist." Das ist nicht ihre Schuld, aber diese Männer und auch Frauen werden auch heute nicht versagen und es nehmen, wie es von den Umständen bereitet wird. Es wird sie auch nicht stören, wenn heute wie damals Kleine Große werden, Aufgeblasene sich immer breiter machen vor ihren Augen. Die Null, die nur mit Vorspann anderer Wert erhält, gefällt sich gerade darob ganz besonders, ansonst verbleibt sie nichts, trotz aller Blähung. Die wer- tende Zahl verharrt bei ihrem Wert, läßt sich durch keine Künste meistern. Sie kann zu nichts, bei aller List, nichts werden. Die Gunst des Schicksals verteilt sehr launenhaft das Brot und sollte auch ein Stamm im Walde fallen, so fault ein Baum, nicht Moos. Also wieder zurück zum Augenblick, als wir alle uns im Keller wieder trafen. - Kaum waren wir unten, schlugen auch schon die Bomben ein. Das Licht verlöschte und ich war ohne Lampe, weil das Glas zerbrochen war. Aber gleich kam das Licht wieder. Vermutlich hatte der Mann am Schalter sich erinnert, daß bei Tag ein Ausschalten keinen Zweck hat. Nun stürzte atemlos und keuchend ein junger Soldat herein, kommt im Gange lachend auf mich zu und sagt stoßweise: - - - - - Kreuz (also von der Kantine im vom Roten gerannt ,,Bin ich keiner im heroben Hotel Europa herüber) herüber alle waren - Keller " ,,Das könnte oft schief gehen. Na, wenn Sie nur da sind." Ich hätte ihn am liebsten umarmt, das junge, gerettete Leben. 12 Dieser Mann war offenbar früher bei uns herüben, ging dann um die Ecke in die Kantine, wußte vom dortigen Keller nichts und kam daher herübergerannt. Ein Glück, daß die Bomben in die Bahnanlagen fielen und den Bahnhofplatz verschonten. Es krachte, polterte und dröhnte, während ich mich durch alle Räume des Kellers drängte, denn der Keller war übervoll. ,,Laẞt's mich a biẞl durch da!" Nun sah ich die Türe offen stehen und mehrere Soldaten im Vorraum. ,,Hallo, hallo, alles herein von dort, darüber ist das Stiegenhaus! Türe schließen!" schreie ich über die Köpfe hinweg. ,,Nur die Ruhe kann es machen", meint ein Unteroffizier neben mir. ,,Ja, gewiß, aber die da draußen sind verloren, wenn's in das Stiegen- haus einschlägt; dann rasseln die 100 Marmorstufen alle herunter und wir da herinnen ersticken, wenn die Türe offen bleibt." Am Ende des Ganges stieß ich auf den Major mit dem Ritterkreuz. ,,Bitte, Herr Major, wollen Sie nicht da hineingehen, da steht ein Radio und bringt die Nachrichten!"-Alles macht Platz und er kommt lächelnd in den engen Raum. Als sich das Bombengewitter verzogen hatte, schaute ich hinauf und sah Rauchwolken über den Bahngeleisen in der Richtung auf Dreiheiligen. Am Bahnhofplatz und den Häusern ringsum war nichts geschehen. Ich schaute rückwärts, - auch nichts. Nun noch in die Salurner Straße, aber auch dort waren weder Schäden zu sehen, noch Rauchfahnen von Brandbomben. Somit konnte ich mich auf ein,,fremdes" Schutzgebiet begeben und ging den Rauchwolken über den Bahnanlagen nach durch das Objekt mit der Turmuhr. Jenseits der Geleise im Gebäude mit den Kanzleien der Frachtenaufgabe und des Zollamtes schlugen Flammen in der Höhe eines Fensters hoch. Unweit von mir stand ein Schutzmann, dem ich zurief:,,Hallo, ist keine Bahnfeuerwehr hier? hallo!", aber er hörte mich nicht, und so eilte ich über die Geleise hinüber, immer nach oben sichernd, indem ich mich fragte, wohin, wenn plötzlich wieder Flieger erscheinen sollten? Das Gebiet war mir nämlich fremd. Als ich dem Gebäude näher kam, sah ich auch aus einem ebenerdigen Fenster der nördlichen Stirnseite Rauch qualmen. Links von mir stand in den Geleisen ein Zivilist aus Preßburg, mir gegenüber ein Soldat. Ihnen rief ich zu:,,Feuer, Feuer, löschen helfen!" Beide kamen gleich heran, gingen mit mir in das ebenerdige Zimmer des Hauses, wo 124 ich den Eisenbahner Benell von der Güterabfertigung bereits heftig mit einem Gerät in das Feuer schlagen sah. Meine zwei Begleiter ließ ich zur Unterstützung dort und lief über die Stiege in den ersten Stock. - In jenem Raum hatte vermutlich ein glühender Bombensplitter oder ein verspritzter Zündsatz die aufgewirbelten Papiermassen entzündet, denn die Flamme ragte über die ganze Fensteröffnung und unweit vom Haus lag ein Bom- bentrichter. Als ich aber davorstand, brannten die herumliegenden Papiere am Boden weiter, hatten die Seitenwand eines kleinen Schreibtisches zum Brennen gebracht und an der Wand brannte gerade die Fußleiste. - Ich nahm die Beilpicke aus dem Rucksacke, verstreute und löschte die bren- nenden Papiere, schabte vom Schreibtisch die glimmenden, bzw. bren- nenden Stellen herunter und kratzte die Fußleiste ab. Als ich diesen Raum verließ, kam der Soldat über die Stiege, um mir zu helfen. Es war der Unteroffizier Hofmann, mit dem ich sodann auf den Dachboden ging, um nach etwaigen Brandbomben zu sehen. Dort lagen zum Trocknen ausgebreitete Waggonplachen. Unten wieder angelangt, zeigte mir Hofmann,,seinen" Waggon. ,,Sehen Sie nur, wie großartig mein Waggong behandelt wurde, der janze Waggong zerfetzt, aber der Inhalt unversehrt. Es sind Waffen für Wiener-Neustadt, die ich dorthin bringen soll. Ich kann doch damit sofort wieder weiterfahren, nicht?" ,,Ich weiß nicht, wie die Geleise dort unten aussehen, mir scheint, es hat ein paar Treffer gegeben, dann wird es wohl noch eine Weile dauern." ,,Ach, das ist doch bald alles wieder in Ordnung jebracht, indessen kann mein Waggong umjeladen werden." ,,Einstweilen müssen wir froh sein, wenn die Flieger nicht wiederkom- men, wir müssen schon darauf achten. Wo waren Sie während des Angriffs? Gibt es hier einen Luftschutzkeller?" Wir wurden unterbrochen durch die Meldung des Mannes aus Preßburg, daß der Brand im Erdgeschoß des Gebäudes gelöscht sei. Auf meine Frage, was die Ursache der starken Rauchentwicklung in der Umgebung der Auffahrt zum Frachtenbahnhof sei, meinte er, es seien einige brennende Benzinfässer, die er über den Hang hinuntergerollt habe, um sie aus dem Bereich der Waggons zu bringen. Ich habe auch Tags dar- auf zwei von Bombensplittern durchlochte und ausgebrannte Eisenfässer in der Auffahrt vorgefunden. 125 Nachdem es in der Luft ruhig blieb, fuhr ich mit dem Rad zur Polizei in der Neuen Universität, um Meldung zu machen. Die Bomben fielen hauptsächlich in der Gegend der Auffahrt zum Frachtenbahnhof. Das Haus Andreas-Hofer-Straße Nr. 9 schlug ein 1000kg- Blindgänger schräg durch und blieb in der Müllerstraße vor der anderen Seite des Hauses liegen, wo er gleich entschärft wurde. Die Medizinische Klinik soll damals auch wieder getroffen worden sein. Einige Treffer lagen im Innrain. In meiner Wohnung waren alle Pappefenster wieder zerrissen, einige Türen in Stücke zerlegt und alles wieder von Staub grau belegt. Angriff vom 10. April 1945 Um 21.30 Uhr kam ich gerade heim und machte meinen üblichen Weg durch die rückwärts ebenerdig gelegene Kanzlei, dann mittels einer Leiter durch ein Loch in der zertrümmerten Decke der zweiten Kanzlei in die Wohnung. Über die von dieser Decke verbliebenen Balken hatte ich zwei Bretter gelegt als Brücke zum anschließenden Balkon der Wohnung. Im Winter war dieser Zugang an den beiderseitigen Löchern vorbei, sobald vereist, nicht gerade bequem. Nun aber, im April, war ich ganz einverstanden damit und glücklich, daß diese Möglichkeit noch verblieb. Es war ja ein Wunder, daß am 15. Dezember 1944 die vom vierten, dritten und zweiten Stock- werk herunterstürzenden Quadern der dem Hofe zu gelegenen Haupt- mauer nicht die ganze Bedachung dieser ebenerdigen Kanzlei zerschlugen. Beim Balkon angelangt, hatte ich das Balkongitter zu übersteigen und stand nun endlich vor dem Kücheneingang. Im Wohnzimmer stellte ich meinen Rucksack mit der Beilpicke und anderen Habseligkeiten zurecht, meine blau verglaste Sturmlampe dazu und überlegte, ob es noch ratsam sei, ausgekleidet zu Bett zu gehen, denn im Frühjahr dürfte es nun wohl auch Nachtangriffe geben, und Bahnhof ist Bahnhof. Mein oben be- schriebener Weg war überdies besonders bei Nacht etwas umständlich. Ich stand und überdachte auch die Möglichkeit, das Alarmzeichen im Schlaf zu überhören. Nein, das wird wohl nicht sein, ich schlafe ja bei offenem Pappefenster, und heute will ich noch richtig schlafen können, ab morgen 126 - aber nur mehr in den Kleidern. Ich wandte mich vom Rucksack vor mir ab, machte nur zwei Schritte und schon heulte und jammerte die Sirene. Ich lächelte für mich, denn so griffbereit hatte ich die Sachen noch nie. Ich entzündete die blaue Lampe und es ging den Weg zurück, den ich soeben gekommen war. Heute bin ich rasch am Platze, sagte ich mir, noch bevor die Sirene ihren oft so gefürchteten Schreckensruf einstellte. So war's, und es war gut so, sehr gut. Das bescheidene Licht auch in den Bahnanlagen war bereits ausgeschaltet und der matte Schimmer der Sterne über uns ließ mich erkennen, daß sich auf der anderen Seite drüben vor dem Bahnhofausgang eine Menschenmasse zusammenballte. Ein oder zwei Züge standen offenbar in den Geleisen und mußten, wie in solchen Fällen immer, sofort geräumt werden. Aus einem wirren Durcheinander von Stimmen hörte ich Männerfluchen: ist denn da kein Bunker?" Eine Frauenstimme rief in die Nacht: ,,Wo ist der Luftschutzkeller? Ist niemand hier?" 339 ,,Luftschutzkeller hier, Luftschutzkeller hier!" gab ich zurück, und hielt die blaue Lampe hoch. Dieselbe Frauenstimme:,,Wo ist hier?" ,,Hier bei der blauen Lampe." Ich schwang sie im Kreise und bewegte sie dann auf und nieder. Sofort trat Ruhe ein und die Menschen strömten beruhigt an mir vorbei durch das Haus in den Keller. Zur selben Zeit wurden vor dem Bunker,,Am Rain" in Pradl fünf Kinder und eine Frau zu Tode gedrückt, niedergetreten und -gesprungen, indem einige von oben in die Masse vor dem Bunkereingang sprangen. Ein Mann soll in einem Kinderwagen gelandet sein. Tote blieben dem Bahnhofgebiet erspart, obgleich sich der Angriff bald hierher richten sollte. Bald sah ich, daß der Keller übervoll würde. Ich ging daher zum Bahn- hof hinüber, hielt die Lampe hoch und rief: ,,Mir nach, bitte, der eine Keller ist schon voll, da drüben ist ein anderer." Es waren etwa noch 20 bis 30 Leute, die ich selbst hinunterführte, um auch das Licht dort einzuschalten. Sodann stellte ich mich vor das Haustor, hielt die Lampe hoch und rief wieder in die Nacht:,,Luftschutzkeller hier, Luft- schutzkeller hier!" Zugleich hörte ich ein leichtes Brummen in der Luft, das ich für unge- fährlich hielt. Aber schon fielen Leuchtkörper, die zerplatzten und unter 127 Rauchentwicklung neues Feuerwerk ausstießen und nochmals so und wie- der. Die erste Explosion warf die Leuchtkörper in weitem Bogen ausein- ander und nach unten. In der Folge wurden die Bereiche immer enger, so daß die ganze Anordnung dieser Menge von Leuchtkörpern den Eindruck der Beleuchtung eines umgekehrten Christbaumes machte. Als dieser Vor- gang zum Stillstand gekommen war, blieb alles schwebend hoch oben über dem Bahnhofplatz und etwa den Viadukt entlang. Ich konnte drei solcher Christbäume sehen. Der Anblick und die erzeugte Tageshelle waren wohl herrlich, aber bedrohlich. Nun gab es keinen Zweifel mehr, der erste Nachtangriff dieses Jahres würde folgen. Ich hörte nun auch schon das bekannte dumpfe Brummen der schwer beladenen Bomber. Das Rumpeln und Poltern kommt rasch näher. Ja, das waren die Schweren. Die Schläge müßten bald folgen. Ich schreie nun zum Bahnhofausgang:,,Rasch, rasch, hierher in den Luftschutzkeller, rasch, rasch, hierher!" Meine Lampe konnte als Signal nicht mehr dienen, ich mußte mich hin- ausstellen in den Sonnenschein der zahllosen weißẞblauen Magnesiumlichter. Ich weiß nicht, war mein Schreien in stiller Nacht in der Unterführung drüben zu hören oder nicht, jedenfalls tauchten dort wieder drei bis vier Personen auf, die ich nochmals zur Eile mahnte. Sie trugen Handgepäck. Ein Mann trug schwer und kam eilig im Zickzack hin- und hergerissen herüber. ,,Dort rückwärts die Stiege hinunter bitte, ich komme gleich, es brummt schon oben, ist noch jemand drüben?" Die Blicke streiften mich, doch Antwort erhielt ich keine. Aber in der Unterführung waren noch Leute zurückgeblieben, wie sich später heraus- stellte. Die Gehetzten huschten nur wie Schatten, keuchend mit fliegendem Atem an mir vorbei. Noch einen Blick vor das Haus Nr. 4, dessen Keller übervoll war, noch einmal ringsum, aber ich stand allein in der,,Sonne" - alles geborgen. Alles war in die Schmelzglut getaucht: Häuser, Straße und die eigenen Hände, als müßten sie alsbald in Asche zerfallen. Werden wir alle Glück haben, welche neuen Ruinen werde ich nachher vorfinden? Über dem Zauberlicht breitete sich ohne Sterne wie ein finsteres Leichen- tuch die sonst oft so freundlich blinkende geheimnisvolle Nacht. Nun konnte ich gehen, um heute in diesem Keller einen Angriff mitzu- 128 machen, denn ich fand es nicht mehr ratsam, in jenen von Nr. 4 zu gehen, es war schon zu laut über mir. Um etwas zu sprechen, sage ich unten:,,So, jetzt wird es bald krachen, umsonst haben sie das Feuerwerk nicht abgebrannt." Es dauerte nur we- nige Sekunden und die Hölle war los. Die Einschläge waren fühlbar, als wäre es gerade nebenan. Die Bahnanlagen sind ja nur 50 bis 80 Meter ent- fernt und die Bomben fielen überdies ringsum. - Vor mir stand ein älterer Soldat, die verdrehten Augen nach oben ge- richtet, mit aufgespreiztem Mund. Ich sagte laut, wie an alle gerichtet: nicht den Atem anhalten und horchen-, tief atmen." ,,Tief atmen Ein tiefer Atemzug folgte, ich war bereit, den Mann aufzufangen, aber er hielt sich gut. Das Licht blieb nun auch im Keller aus. Der blaue Schimmer meiner Lampe mußte genügen. Das Licht war übrigens nur ausgeschaltet, denn nach dem Angriff kam es wieder. Eine alte Frau jammerte immerfort für sich:,,O Gott, o Gott, o Gott!",,O Gott, o Gott, o Gott!" Der Angriff schien vorbei und ich sagte:,,Nun möchte ich in den anderen Keller schauen, ob dort nichts geschehen ist, und ob sie mich dort nicht etwa brauchen. Hat jemand ein Licht indessen? Ich komme dann schon wieder." ,,Ich habe ein Stück Kerze", erwiderte die erwähnte Frau. ,,Bravo!" ,,Wo ist der Mann mit der Lampe?" ,,Hier, da bin ich schon", und ich leuchtete in ihre Tasche, in der sie ner- vös herumkramte, ohne etwas zu finden. ,,Ja, wo ist die Kerze?" fragte ich ungeduldig. ,,Ach, ich kann sie nicht finden, ich bin so nervös." Darauf meldete sich eine jüngere Frau:,,Ich habe auch eine, ich habe keine Angst." Und sie kam schon mit einem Stück brennender Kerze herbei. ,,So, nun kann ich gehen, will vielleicht jemand mit mir kommen, ich fürchte nämlich, heute Hilfe zu brauchen." Es waren nur Fremde und Militär um mich, die sich auf der Durchreise befanden, davon meldete sich ein Fallschirmjäger mit den Worten: ,,Ich komme mit. Ich habe zwar meine Eltern, meine Schwestern und alles verloren. Was ich an mir habe, ist alles, was mir geblieben ist, aber deshalb mache ich doch überall mit." ,,Bravo, das ist wacker, alle Achtung. Also gehen wir!" Auf der Stiege stürmt der junge Mann eilig voraus, so daß ich rief: 9 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter 129 ,,Langsam, langsam, wir müssen zuerst horchen, ob sie nicht etwa noch kreisen. Ja, freilich, hören Sie nicht das Brummen? Rasch zurück!" - Kaum im Keller angelangt, folgte die erste Lage des zweiten Angriffes. ,,Hören Sie, wir müssen auch vorsichtig sein." - Lage auf Lage folgte, es dröhnte und bebte immerfort. Es wurde wieder ruhig. ,,So, nun können wir's wieder versuchen, gehen wir!" Auf der Stiege packte ich den Stürmischen am Rock: ,,Nur langsam und horchen, sie sind noch über uns, nochmals schnell zurück!" - - hören Sie? Wir hatten gerade den Keller betreten, als der dritte Angriff erfolgte. Lage auf Lage. ,,Sie wissen gut Bescheid hier", meinte der wackere Begleiter. Ich nickte lächelnd und dachte an das Haus Nr. 4 mit den vielen Menschen im Keller und daß dort nach dem Poltern ein Haus zusammengestürzt sein muß. Während ich überlegte, von welcher Seite ich allenfalls den Durchbruch zweckmäßig öffnen könnte, wurde es ruhig. - ,,Also, versuchen wir's jetzt!" und er war schon an meiner Seite. - ,,Leise, leise, mit den Genagelten, sonst hören wir nichts", und er trat schon leise.,,Jetzt halt und horchen, mir scheint, die Luft ist rein. Schauen wir vor das Haustor. Ja, - sehen Sie, jetzt können wir gehen. Ich laufe voraus, es ist gleich das vierte Haus dort. Ich kenne mich aus und Sie sehen ja meine Lampe, jetzt Laufschritt!" Und wir liefen in die Finsternis, denn das Feuerwerk hoch in der Luft war ausgebrannt. - Das Haus Nr. 4 war von außen unversehrt, es lagen keine Trümmer davor. Ich leuchtete innen hinauf, sah auch die Stiege in Ordnung, war zu- frieden und ging in den Keller. ,,Ist hier alles in Ordnung?" "Ja, ja, ja", klang es zu meiner Freude zurück. ,,Dem Hause ist nichts geschehen. Ist jemand vom Hause hier?" ,,Ich, ich, ich auch, ich bin von der Kantine." ,,Sehr gut, Fräulein, möchten Sie nicht auf den Dachboden schauen we- gen Brandbomben?" ,,Ja, ich komme schon", und sie drängte sich heraus. Als sie aber heroben die Finsternis im Stiegenhaus sah, meinte sie: ,,Na, in der Dunkelheit trau i mi nit 'nauf, na dös geht nit." ,,Ach, Fräulein", schaltete sich mein Begleiter ein,,,was haben Sie nur, 130 ich bin ja auch noch da, mit so einem Begleiter brauchen Sie doch keine Angst zu haben, ich gehe ja mit Ihnen." ,,Sehr richtig, Fräulein, Sie brauchen ja nur die Führung zu überneh- men. Ich muß nämlich weiterschauen, ich sah über die Ecke herüber einen Feuerschein kommen." Zum Mann gewendet:,,Möchten Sie dann nicht auch rasch zum Bahnhof hinüberschauen in die Unterführung, vielleicht sind Leute dort zurückgeblieben, aber nehmen Sie von hier gleich ein paar Kameraden mit." ,,Jawohl, das mache ich schon, gehen Sie nur Ihrer Wege!" ,,Danke schön, dann auf Wiedersehen!" Wie ich nachträglich hörte, saß damals auch Hugo Hohenauer mit Fieber im Keller und wollte den Weg auf den Dachboden machen, aber andere verwehrten rücksichtsvoll die Ausführung des guten Willens und riefen: ,,Nein, nein, den alten Herrn lassen wir nicht hinauf, es soll nur jemand anderer gehen.“ Also weiter, dem Feuerscheine nach. Vor dem ,,Hotel Europa" stieß ich auf die herabgestürzten Trümmer der Vorderseite - also dieses Gepolter - dann rannte ich mit dem Gesicht in die herab- war im Keller zu hören - hängenden Verspannungsdrähte der erst fertiggestellten elektrischen Ober- leitung für Autobusse. Um die Ecke herum fand ich einen gleichen Berg der auch hier herabgestürzten Wand. In gleicher Weise geriet ich auch hier un- angenehm an die Verspanungsdrähte. Der Feuerschein aus der Meinhardstraße wurde mir minder wichtig beim Gedanken an etwaige Kellerinsassen im Hotel Europa", obzwar ich glaubte, alle vom Bahnhof Kommenden untergebracht zu haben. Es könnten aber Einheimische hinuntergeflüchtet sein. Die unteren Geschosse waren, so gut ich sehen konnte, nicht zusammengebrochen. Wie sah aber die Rückseite aus? Der Luftschutzkeller lag auch mehr unter dem unver- sehrten Teil in der Brixner Straße. Ungeduldig eilte ich durch das offen- stehende Tor in den Hof, sah schattenhaft fünf bis sechs Soldaten. ,,Ist hier alles in Ordung?" ,,Jawohl." ,,Das Hotel ist stark getroffen, aber mehr an der Ecke. Bitte, auf Ge- räusche in der Luft achten!" Nach Tagen sprach ich den Hauptmann aus der Kanzlei des Bahnhof- offiziers und erfuhr so von ihm selbst, daß er auch zu jener Gruppe gehörte. 9* 131 Nun noch rasch in den Keller beim ,,Lodenbaur", um zu berichten. Ich fand ihn aber leer, daher gleich zum Feuer in der Meinhardstraße. An dieser Front sah ich nun den schweren Treffer auf dem ,,Hotel Kreid", aber zuerst zum Feuer, dann ins Hotel. Das Feuer brannte rechts vorne an der Meinhardgarage lichterloh. Es waren schon zwei Soldaten von der Fliegertruppe daran. Ich rief hinüber: ,,Hallo, sammeln Sie in den Häusern der Umgebung Eimer und holen Sie Leute aus dem Luftschutzkeller vom Hotel dort, und machen Sie eine Eimerkette. Ich laufe zur Feuerwehr." ,,Das Feuer ist von Mauern umgeben und es brennen nur Ölfässer. Es kann nichts geschehen, wir bleiben dabei." ,,Aber Achtung auf das Dach der Villa nebenan. Wenn's zu heiß wird, werden Sie doch Eimer brauchen." ,,Wir achten schon darauf." ,,Dann verständige ich die Feuerwehr." Also jetzt ins Hotel. In der Einfahrt stand ein Mann, den ich fragte:,,Wo komme ich hier in den Luftschutzkeller?" obzwar ich früher einmal unten war. Er antwortete nur mit:,,Ja, ja." Ich frage:,,Wo geht's in den Luftschutzkeller?" „Ja, ja, ja, ja, ja.“ Gerade kam Dr. v. Andreatta in die Einfahrt. ,,Herr Doktor, Sie haben leider einen Treffer am Haus." ,,Schwer?" ,,Immerhin schwer genug, aber es geht noch." ,,Sind Sie von der Polizei?" ,,Nein, nein, nur ehrenamtlich Luftschutz. Ich wollte Sie gerade verstän- digen und bitten, daß gleich jemand auf den Dachboden geht, um wegen Brandbomben nachzuschauen." Sodann in den Keller Brixner Straße 2, denn ich hatte einmal Frau Aigner das Versprechen gegeben, nach einem Angriff auf alle Fälle hinun- terzukommen. Im Stiegenhause erschien gerade ein Mann vom Keller herauf. ,,Ist im Keller alles in Ordnung?" ,,Jawohl." ,,Ist auch Frau Aigner unten?" Mit fremdem Akzent:,,Jawohl, ist unten." 132 ,,Dann bitte ich, sagen Sie ihr, daß ich hier war. Mein Name ist Zim- mermann. Dem Hause ist nichts geschehen, aber das Hotel Kreid und Hotel Europa sind getroffen." C Später erfuhr ich vom Werkmeister der dortigen Feigenkaffeefabrik, der auch im Keller war, daß jener Mann meine Botschaft richtig ausgerichtet batte. Dann ging ich in die Adamgasse. Als mein blaues Licht an der Brücke vor dem Wasserrad sichtbar wurde, rief eine Frauenstimme jenseits des Sillkanals: ,,Ja, kommt denn niemand, wir ersaufen ja im Keller." Ich leuchtete ins Wasser, sah es aufgestaut und Trümmer herum. Die Brücke schien mir unversehrt, weshalb ich darüber- und der Stimme nach- ging. Dort, ja, hinter einem Holzgitter oder einer Wand, sah ich Köpfe, die ich anleuchtete. ,,Ach, Sie sind es, Frau Kautzky, was ist geschehen?" ,,Die Sill geht über und das Wasser dringt in den Keller." ,,Ist jemand in Gefahr?" ,,Nein, wir sind schon herauf." ,,Dann ist es schon gut, aber ich werde gleich die Feuerwehr verstän- digen. Auf Wiedersehen!" Auf der Straße folgte ich dem bereits bemerkten Feuerschein aus der Salurner Straße und sah, wie befürchtet, Feuer am Hochhaus, wenn auch nur am Dach der Werkstätte, aber in der ganzen Länge brannten am Glas- dach die angebrachten Verdunkelungsrahmen aus Holz, woraus ich auf einen Brand im Innern schloß. Nun hatte ich besondere Eile, um zur Feuerwehr zu kommen. Bei der Triumphpforte verwehrt mir ein Posten wegen eines Blindgängers, der dort lag, den Weg in die Maria-Theresien-Straße hinunter. Somit war ich zum Weg durch die Fallmerayerstraße gezwungen. Im dortigen Teil des Rat- hauses fand ich die Wachstube und meldete: ,,Ich komme gerade vom Bahnhofplatz und möchte melden, daß es von dort aus gesehen, sehr nahe am Gaswerk brennt, denn es ist starker Feuer- schein zu sehen. Das Gaswerk selbst brennt nicht, denn der Gasometer ist von der anderen Seite beleuchtet." ,,Ja, das wird wohl in Amras draußen Heu sein, man riecht's ja bis daher." ,,So, ich hab nichts gerochen, ich bin überzeugt, es ist ganz in der Nähe des Gaswerkes. - Dann brennen einige Ölfässer in der Meinhardgarage. 133 Es sind zwar schon zwei Soldaten dabei, die gesagt haben, das Feuer sei von Mauern umschlossen und ungefährlich. In der Adamgasse hat die Sill vor dem Wasserrad bei der Feigenkaffeefabrik einen Treffer, so daß das Wasser über die Ufer in die Keller fließt, und dann brennt die Werkstätte vom Hochhaus." Der Mann gab die Meldung telephonisch weiter, wiederholte für sich: ,,Die Sill weiter überlaufen lassen", und zu mir gewendet:,,Also, gerade haben wir die Meldung bekommen, am Hochhaus ist nix." ,,Jetzt weiß ich nicht, ich komme ja gerade von dort. Bitte, lassen Sie mich zum Apparat." Der Apparat schluckt, was ich wiederhole und antwortet stets mit,,Ja" und,,Ja". Als ich ausgesprochen hatte, meint mein früherer Gesprächspartner: ,,Das Dach der Werkstätte kann ja gar nicht brennen, weil alles aus Eisen ist. Die Werkstätte kenne ich gut." ,,Ich auch, das Eisen brennt auch nicht, aber die Holzverkleidungen der ganzen Länge nach. Wie es in der Werkstätte heute aussieht, weiß ich nicht, aber wenn nichts geschieht, kann das Feuer auf das Hochhaus auch über- greifen. Gute Nacht." Als ich aber am Rückweg wieder am Hochhaus vorbeikam, stand bereits ein Löschzug dort. Der Motor war schneller als ich zu Fuß und ich war wieder einmal zufrieden. Wie ich nachträglich hörte, war der Werkschutz der Stadtwerke wie bei allen Fliegerangriffen gerade zahlreich im Luftschutzkeller zum tapferen Einsatz bereit, als ein Bahnbediensteter die Stiege heruntergerannt kam und berichtete:,,Alles ist taghell beleuchtet." Wenige Augenblicke später waren auch dort die ersten Einschläge zu hören und bald verriet ein starkes Beben und Zittern der Türen die allernächste Gefahr. Darauf verließen Leute vorsichtig den Keller, um sich zu überzeugen, was geschehen war. Die Werkstätte hatte zwei Treffer erhalten und darüber stand das kni- sternde Feuer der Holzverkleidung am Dache. Die Wachhabenden Josef Winkler, Gruber, Tramposch machten sogleich mit Eimern und den anderen Löschgeräten die ersten Löschversuche. Nach kurzer Zeit kamen das Fräu- lein Winkler, die Tochter des Kupferschmiedes in der Adamgasse, und die Männer Perner, Wisiol und andere vom Werkluftschutz. Nur so konnte über alle Trümmer und brennende Splitter der Holzverkleidung hinweg eine 134 wirksame Eimerkette gebildet werden, bis der Brand dann mit mehreren Schlauchlinien gelöscht wurde. Das Feuer neben dem Gaswerk war von mir auch richtig gesehen, ob- zwar ich auf diese Entfernung nur nach dem Feuerschein urteilen konnte. Das Feuer vernichtete eine Baracke auf dem Lagerplatz der Firma Wayss & Freitag samt den Habseligkeiten der darin untergebrachten Arbeiter. In den Luftschutzkeller Nr. 4 zurückgekehrt, machte mein wackerer Helfer regelrechte Meldung über die Leistung mit Hilfe einiger Kameraden: Elf mehr oder minder Verletzte haben sie vom Bahnhof herübergeholt. ,,Einen hat's an der Schulter erwischt. Ich habe ihn beruhigt und gesagt, es wäre nur eine Verstauchung, aber ich denke, es ist schon etwas ge- brochen." ,,Ich habe mir von 'nem Herrn Hauptmann einen Mantel ausgeborgt, da- mit man den Mann zudecken kann, bis er im Krankenhaus landet. Der Herr Hauptmann war nicht ganz einverstanden, aber ich habe ihn über- zeugt, daß man den armen Teufel nicht frieren lassen kann. Brandbomben hat's hier keine gegeben." ,,Das haben Sie alles ganz ausgezeichnet gemacht. Sie waren gerade der richtige Mann für uns alle hier. Ihr Kommando soll das aber auch wissen und ich möchte darüber berichten lassen, wenn Sie mir Ihren Namen usw. angeben." ,,Ach nein, mein Name tut nichts zur Sache, ich helfe immer gerne und ich werde immer meine Pflicht tun, wo man mich hinstellt." ,,Dann danke ich Ihnen, auch im Namen aller, denen Sie heute geholfen haben." ,,Ja, was haben Sie nur, das ist doch alles ganz selbstverständlich." Um 22.30 Uhr, also nach einer Stunde, erfolgte die Entwarnung. In meiner Wohnung waren alle, nach dem Angriff vor 4 Tagen mit Pappe vernagelten Fensterrahmen wieder gähnende Höhlen der Nacht. Der Lichtstrom war inzwischen wieder eingeschaltet worden. Um ein Zim- mer benützbar zu machen, nahm ich die Fensterrahmen ins Badezimmer, das kein straßenseitiges Fenster hat. Dort konnte ich bei richtigem Licht die Rahmen wieder mit Pappe verkleiden. Endlich um 2 Uhr nachts kam ich ins Bett, in der Hoffnung, daß wenig- stens die restliche Nacht keine Überraschung mehr bringt. Tags darauf stellte ich in meiner Umgebung folgende Einschläge fest: Am Bahnhofplatz, in die Straße vor dem Hotel,,Tyrol", - zwei auf dem 185 Hotel,,Europa" an der Ecke - Brixner Str. 4 (Lodenbaur) - Meinhard- straße 3 hinter der Villa neben der Garage in die Garagenausfahrt ,,Hotel Kreid" über der Einfahrt in der Meinhardstraße Handelskammer, - - - Hofseite Gasthof,,Wilder Mann"-Wilhelm-Greil-Straße 5, Hofseite - Wilhelm-Greil-Straße 8 (Bezirkshauptmannschaft), Wilhelm-Greil-Straße Nr. 14 (zwei) Bozner Platz 6 - Bozner Platz, ein Blindgänger in die Parkanlagen in den Sillkanal neben der Einfahrt zu Oberlindober in der Adamgasse-Sillgasse 17, Hofseite Sillgasse 17, Hofseite - Adamgasse 15 (Leixner) - Adam- gasse 18-Sterzinger Straße in die Ruine des Lagerhauses. - Der Angriff vom 20. April 1945 Einmal hieß es und man glaubte an den Spruch:,,Rosen auf Wien, Bom- ben auf Berlin." Die harte Sprache der Tatsachen erzählte bald etwas an- deres. Gegen Kriegsende hatten viele, die eine Möglichkeit fanden und nicht gebunden waren, Innsbruck schon lange verlassen. Die Alarmsignale waren immer öfter zu hören, die Dauer der angezeigten Fliegergefahr ver- längerte sich an manchen Tagen auch auf vier Stunden; Pläne und Ent- schlüsse wurden dadurch gehemmt und blieben in Schwebe. Die Stimmung war schwül und gedrückt. Bei jedem Alarm wurde schon ernst mit einem Angriff gerechnet. Im April waren bereits zwei auf Innsbruck nieder- gegangen. Auch heute, als bereits um 9.30 Uhr die Alarmsirene heulte, dachte ich mir, der Tag ist noch lang, was wird er noch bringen?,,In Bereitschaft sein ist alles." Vor dem Hause Nr. 4 stand auch Oberleutnant Franz Gmelin (Wetter- inspektor) und fragte nach einer Schlafgelegenheit, um endlich einmal aus- ruhen zu können. Ich erwähnte, daß nebenan im Hotel Viktoria das Wehrmachtsheim wäre, aber während des Alarms auch geräumt sei, denn dort befände sich kein Luftschutzkeller.,,Jawohl", meinte die dabei- stehende Putzfrau des Wehrmachtsheims,,,bei Tag darf dort wegen der Angriffsgefahr auf den Bahnhof nicht geschlafen werden, sogar ein General mit seinem Stabe mußte um 7 Uhr geweckt werden." ,,Es wird aber doch eine Waschgelegenheit dort sein." ,,Diese finden Sie gleich im Saale rechts", erwiderte die Frau, und er ging-ging, ohne zu ahnen, in den Tod. 136 Die Frau folgte ihm später und wurde empfangen mit den Worten: und jetzt eine ,,Das war jetzt eine Wohltat, endlich einmal gewaschen - Jause." Sie empfahl ihm, doch besser herüber zum Keller zu kommen, aber er verblieb. Ich saẞ zumeist in der Mitte des Platzes, dem Hause Nr. 4 gegenüber, und suchte gegen 13 Uhr erfolglos den Luftraum nach Flugzeugen ab, die gerade deutlich hörbar waren. Nachdem die Häuserreihe vor mir die Aus- sicht begrenzte, ging ich durch das Haus Nr. 4 gegen die Gartenseite und sagte zum Bundesbahnpensionisten Crepaz: ,,Bitte, passen Sie hier rückwärts auf, ich höre Fliegergeräusche und gehe wieder nach vorne." Nun blieb ich unter dem Haustor und suchte den Raum über dem Unter- inntal ab. Bald aber rief der Genannte: ,,Herr Zimmermann, jetzt kommen Sie nach vorne, sie sind gerade über uns." Ich wiederholte zu meiner Umgebung:,,Sie sind über uns, rasch in den Keller!" Sodann lief ich ein Stück auf die Straße hinaus und rief: ,,Aaachtung, Aaachtung, in den Keller gehen!" Ich sah nun alle eilen, wie ich auch selbst in den Keller ging. Kaum angekommen, erfolgten nach meinem Empfinden einige Ein- schläge. Es waren aber einige Lagen, denn, wie sich herausstellte, erhiel- ten die Bahnanlagen allein 45 Treffer. Nach wenigen Sekunden der Ruhe ging ich horchend hinauf und fühlte den feinen Mörtelstaub in der Luft, das Zeichen eines Einschlages auf ein nahegelegenes Haus. Gleich neben der Türe zur Kellerstiege befand sich die Tür zum Garten auf der Rückseite des Hauses. Ich nahm daher diesen Weg, um die Häuserreihe von dieser Seite rasch zu überblicken. Richtig, vom Nebenhause, dem Hotel Viktoria, lagen die Trümmer wie ein Berg vor mir, oder sollte es auch vom nächsten, vom eigenen Haus ein Teil sein? Staub lag noch in der Luft, aber ich wollte Sicherheit haben. Also schnell nach vorne auf die Straßenseite. Nun sah ich das Hotel als Ruine, gänzlich zusammengebrochen. Die ganze Front der Dachfenster hing in der Höhe des ersten Stockwerkes weit über die Vordermauer hinaus, scheinbar für wenige Augenblicke noch vom Gebälk in dieser Lage gehalten. Von der Ruine meines angrenzenden Hau- ses war nur von der Feuermauer ein Stück mitgestürzt. Was wird aus dem Oberleutnant geworden sein? Ist der Saal auch mit- 137 verschüttet? In der Luft herrschte Ruhe. Also rasch hinüber und hinein in die Einfahrt, die Augen auf den Überhang gerichtet. Bundesbahnpensionist Hofbauer, der mit mir heraufging, rief mir zu: ,,Achtung auf oben, Achtung!" Ich nickte und war schon über die Trümmer hinweg in der Einfahrt. Das Gewölbe darüber war noch in Ordnung trotz der darauf lastenden Trümmer. Ich rief gegen das Chaos im Saal: ,,Hallo, hallo, ist jemand hier?" ,,Zu Hilfe, zu Hilfe!" rief es mit kräftiger Stimme gerade mir zu Füßen unter den Trümmern heraus, vor dem Eingang in den Saal. Ich glaubte, den Mann sehen zu müssen, so nahe war er mir. ,,Ich bin schon da, sind Sie verletzt?" ,,Zu Hilfe, zu Hilfe!" war die erschütternde, immer wiederkehrende Ant- wort. Nun kamen auch drei Jungen herein, die mit mir im Luftschutzkeller waren. ,,Bravo, da könnt ihr gleich helfen. Vor allem heben wir diesen Heiz- körper weg, aber Achtung, nicht hier darauf herumsteigen, gleich da muẞ der Verschüttete liegen." ,,Zu Hilfe, zu Hilfe!" und wir standen ohnmächtig, konnten nur Stein für Stein wegheben. Ich hieß die drei jungen Burschen weitermachen, wäh- rend ich vom Nebenhaus eine Schaufel holte und übergab. Sie gruben ernst und eifrig weiter. Ich wollte nun vom Keller des Neben- hauses Nr. 8 mit dem Keller des Hotels Viktoria Verbindung suchen. Meine Sturmlampe kam mir wieder zu Hilfe, denn der Lichtstrom war ausge- blieben. Ich schrie durch die Öffnung des losen Ziegels, der sich in jeder Durchbruchwand befinden sollte, aber es blieb still. Wieder auf der Straße, kam ein Soldat auf mich zu, bot sich als Helfer an und wollte vor allem zum Mauerdurchbruch. Obzwar ich ihm versicherte, daß ich gerade unten war, drängte er, nochmals nachzuschauen. Um ihn zufriedenzustellen, entzündete ich die Lampe nochmals, und wir gingen, diesmal auch in Begleitung der Putzfrau, die sich anschloß. Der Mann brach beim matten Schimmer des blauen Lichtes die erste Wand auf. Ich kroch an die zweite heran, klopfte und schrie nochmals, aber wieder er- folglos. Im Hofe oben angekommen, kam mir Polizeioberleutnant Mölk entgegen 138 und wollte auch zum Durchbruch. Ich klärte ihn auf, daß ich schon zweimal unten war, und er meinte: ,,Ah, Herr Zimmermann, Sie sind schon da." ,,Gewiß, gewiß." Nun wollte ich zu den drei jungen Leuten zurück und sah einen davon auf der Straße einem Polizeioffizier Meldung machen. ,,Und wie ist's?" fragte ich,,,habt ihr ihn schon ausgegraben?" ,,Nein, ich glaube, er ist schon tot. Er hat noch gesagt: es ist so schwer, und dann ist er still geworden." Nun wollte ich von der anderen Seite in den Keller des Hotels Viktoria, die der dortigen, zwar gänzlich verschütteten, Kellerstiege näher war. Der Durchbruch vom Hause Nr. 4 herüber war jedoch bereits von den bewähr- ten Helfern: Alois Crepaz, Leopold Hofbauer und Leopold Kottoschek geöffnet worden. Ein in der Reichsbahntischlerei beschäftigter französischer Arbeiter war ihnen behilflich und brach gerade die zweite Wand heraus. Nun kam Polizei-Oberwachtmeister Kürner, von Beruf Malermeister, hinzu. Ich rief in den durch die Verschüttung der Stiege vollkommen verfinsterten Keller hinüber, ohne auch hier eine Antwort zu erhalten. Von oben strömte in der ganzen Breite der Durchbruchstelle zufolge einer geborstenen Wasser- leitung Wasser herab. Ich brach noch einige Ziegel heraus, um ungehemmt und rasch durch den Wasservorhang zu kommen. Polizei-Oberwachtmeister Kürner kroch auch gleich hinter mir hinüber. Die Kellerstiege war bis her- unter angefüllt mit Trümmern, die sich noch in den Gang des Kellers er- gossen. Wir stiegen darüber und gingen durch den ganzen Keller, ohne jemanden anzutreffen. Während wir das Hauptventil der Wasserleitung suchten, kam auch der Unteroffizier Braito vom Wehrmachtsheim herunter, öffnete die Tür zum Ventil und Oberwachtmeister Kürner schloß dasselbe. Oben angekommen, war bereits auch Gustav Riebler hier und über- reichte mir eine Handvoll Zigaretten. Damit wollte ich wieder den hilfs- bereiten Franzosen erfreuen, was mir auch gelang, nachdem ich ihn im Hause Nr. 4 noch antraf. Inzwischen war die Technische Nothilfe eingetroffen, um die Leiche des Oberleutnants auszugraben. Wie ich hörte, soll die Schläfe verletzt gewesen sein. Das Opfer einer Jause. - Wehrmachtsangehörige suchten und gruben nach weiteren Opfern, denn im ebenerdigen, noch zugänglichen Raume für die Gepäcksaufbewahrung 139 im Hause blieben zwei Rucksäcke unbehoben, während sich für das ganze übrige Gepäck sofort die Eigentümer meldeten. Die Arbeiten wurden aber als ergebnislos eingestellt. Von mehreren Seiten hörte ich aber immer wieder, daß die zwei Ruck- säcke sicher weiteren Opfern gehören. Nach zwei Tagen telephonierte ich daher an die Polizei (es war Hauptwachtmeister Teuchmann am Apparat) und machte aufmerksam, daß bei Verwesungsgeruch die Arbeiten schwerer werden dürften. In einer halben Stunde wurde bereits gegraben und auch zwei Soldaten gefunden, und zwar an der Stelle, wo das erste Opfer lag, am Ausgang des Saales. Vermutlich wollten alle drei noch flüchten, aber zu spät. Es sollte der letzte Angriff auf Innsbruck sein und gerade deshalb ein tragisches Geschick für die Familie Schlegel, denn beim ersten Angriff am 15. Dezember 1943 verlor sie das Rückgebäude gänzlich, wobei es drei Tote gab, und nun beim letzten Angriff ging das Haupthaus verloren, wieder mit drei Toten. 140 Badtore EPISODEN Badions h Sein oder Nichtsein... Während ich diese Erinnerungen niederschreibe, fallen mir auch die so arg Bekümmerten in der Heimat ein, die inmitten ihrer Sorgen die Lösung aller Fragen im Sterben sahen. Sie beneideten die Todesopfer der Angriffe. Ja, auch das kam vor. Sie scheinen mir von den folgenden Zeilen poetisch erfaßt: Sprichst, wie Menschen immer sprechen, Die des Kampfes müde sind! Ehe sie im Kampf zerbrechen, Klagen sie ihr Leid dem Wind... Leben heißt: stets vorwärts schreiten Ohne Ruhe, ohne Rast, Pflichterfüllt zum Ziele reiten, Bis der eigne Stern erblaẞt; Nur im steten Mühn und Sorgen Liegt, du überkluger Tor, Höchstes Erdenglück verborgen, Reinres nie ein Mensch erkor!... F. M. Hofmann. Ich kann mich sehr gut hineindenken in eine Bedrängnis, die vor der Zeit zum letzten Ende führt. Das Leben kann zur erdrückenden Last werden, die abgeschüttelt wird. Dann, wenn das Leben seinen Sinn verlor, nicht mehr tragbar scheint, wenn es nur noch täglich im Staube der Niede- rung nachzuschleifen wäre, dann mag der Mut zum Sterben größer sein als der zum Leben. Wenn kein Lichtblick in schwerer Not mehr leuchtet oder eine Sorge besonderer Art alles andere zweck- und wertlos macht. Freilich, wer alle Probleme mit den Sprüchen eines Götz von Berlichingen erledigt, der pflegt kein Philosoph zu sein. Wer aber die Vollstreckung dieses letzten Willens von Bomben erwartet, ist nicht sehr wählerisch in der Form des Abganges von der Bühne des 141 Lebens, noch am Ende seiner Kraft. Wer möchte ernsthaft wie eine zer- tretene Kröte in einem Keller enden? Bereits geendet zu haben, war wohl der Wunsch, der Schritt aus dem Leben in den Tod sollte schon getan sein, der Übergang erspart bleiben. Nicht das Ich von heute, sondern das andere von gestern sollte bereits gefallen sein. Sterben, schlafen, nichts weiter, und zu wissen, daß der Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet... 's ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen. Shakespeare, Hamlet III, 2. Ja, ja, wie es Hamlet vorschwebt, so war es wohl gemeint, eine Reise erster Klasse. Es sollte alles gewesen sein, alles wie von selbst aufgehört haben. In diesem Falle ein Glück, daß sich rückwirkend nichts erfüllt, und für mich eine Freude, diese einst Lebensmüden heute ihres Lebens wieder froh zu sehen. Diese durch die Verhältnisse Geheilten finden ihr Gegenstück in den Verdrossenen von heute, die den baldigen Untergang der Welt erwarten, als Bereinigung und Schlußpunkt aller Schuld der Menschen. - Immerhin eine Vorliebe für Gesellschaftsreisen und mutiger als die Armen, die aus Angst vor dem Tode - vorsichtshalber gleich Hand an sich legten, damals, als Astronomen vor Jahren einen Zusammenstoß unserer Erde mit dem Halleyschen Kometen errechneten. Klüger auch als der Hundertdreizehnjährige, der vorsichtshalber gleich Selbstmord beging, als ihm der Arzt sagte, sein Leiden sei unheilbar. Blumen Auch Blumen sah ich reichen, gesenkten Haupts besinnlich sie genießen wie süßen Duft entschwundner Tage. 142 143 Ostertag An einem herrlichen, feierlichen Ostertage, im Festgewande der Natur, wie ihn Goethe im,,Faust" nicht glänzender gesehen haben mag, standen und saßen wir auch nach einem Alarm am Bahnhofplatze. Ich schaute und lauschte nach allen Seiten in den endlos tiefen, blauen Himmel. Es war aber ein ruhiger Tag, es blieb ruhig dort oben. Plötzlich aber, nach einer Weile gab es Aufregung in einer Gruppe, die in einem besseren Laufschritt vom Bahnhofgebäude herüberkam. Ich staunte über den verspäteten, neuen Zuwachs von dort herüber. ,,Eine Gemeinheit", hörte ich,,,eine solche Schweinerei, wir sitzen im Zug, mitten in den Geleisen, wie in einer Falle, und warten und warten auf die Abfahrt in den Berg-Isel-Tunnel, und zum Schlusse stellt sich her- aus, daß der Maschinführer schon heimgegangen ist." Was war geschehen? Es gab bereits zweimal Alarm, als gegen 13 Uhr ein dritter Alarm folgte. Jede Zufluchtsstätte hatte ihre bestimmten Gäste, so auch der für das Bahnpersonal stets bereitstehende Zug für den Berg- Isel-Tunnel. Der Maschinführer war aber offenbar der Meinung, daß nun um diese Zeit kein weiterer Alarm mehr folgen werde, zumal der schöne Tag noch schönere Aussichten bot als eine Fahrt in den Tunnel- und ging heim. Der Zug aber blieb an seinem Platze, den die üblichen Gäste wie gewohnt bestiegen. Als jedoch die Abfahrt nie und nimmer erfolgte, wurde das Fehlen der Hauptperson festgestellt und der Zug inmitten der Geleise um so eiliger verlassen. Der Tag verlief aber ruhig und es blieb bei der harmlosen Er- regung über die Möglichkeiten eines gehässigen Schicksals. Ich fürcht mich nicht Es war auch an einem schönen klaren Tag, mit blauem Himmel und dicker Luft". Immer wieder überquerten Geschwader das Unterinntal, von Süden gegen Norden ziehend. Ernst verfolgen die Herumstehenden die Flugrichtung. Viele Augen prüften den Horizont ringsum und hörten auf das noch vernehmbare Brummen. Es war mit einer Schleife hinter der Nordkette zu rechnen. Es war Mittagszeit. Da kam der schwerhörige, alte Bindermeister Fritz aus der Salurner Straße von seiner schweren Arbeit mit seiner geliebten kurzen Pfeife, um ganz gemächlich den Bahnhofplatz zu überqueren. Es war sein täglicher Weg nach Pradl zum Mittagstisch. Im ersten Weltkrieg hatte er als Oberjäger das Gehör verloren. Ich ging auf ihn zu und sagte ihm laut ins Ohr, an das er seine Hand legte: ,,Herr Fritz, gehen Sie jetzt nicht weiter, bleiben Sie besser bei uns hier. Es ist heut' immer etwas in der Luft - Flieger!" ,,Ah so, i fürcht mi nit, i bin a alter Kaiserjager. ,,Das ist schon gut, aber aufpassen müssen Sie doch, man hört sie brum- men." ,,I hear nix, hahaha." ,,Ich sag Ihnen schon, wenn die Luft wieder rein ist. Da drüben und dort unten sind gute Keller." ,,Guat, nacher bleib i da", und er stellte sich zu den anderen. Nach einiger Zeit hörte das Brummen auf. Ich ging gegen die Häuser- reihe und wendete mich an ihn: ,,Jetzt, glaube ich, können Sie's wagen, aber immer in die Luft schauen und überlegen, wo der nächste Luftschutzkeller hinter oder vor Ihnen ist." ,,Die Keller kenn ich schon." ,,Das ist gut. Aber immer aufpassen heute, kommen S' gut heim, auf Wiedersehn." Darauf stapfte er zufrieden schmauchend, leicht gebeugt dahin, wie der brave Mann, dem nichts geschehen kann. 144 10 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter 145 ,,Die Uniform jehört dem Staat..." Gelegentlich eines Alarmes sah ich im Hause Bahnhofplatz Nr. 4 im ebenerdigen Gange am Steinboden einen Soldaten sitzen, den Rücken an das Haustor gelehnt, die Beine ausgestreckt und den rechten Arm in Gips auf dem bekannten, weitabstehenden Traggestell. Um ihn herum standen seine Kameraden, vermutlich alles Studenten, und folgten mit lachenden Mienen seinen humorvollen, dozierenden Ausführungen. Ich hörte gerade noch im Vorbeigehen: und dann, was verbleibt dem Soldaten noch? Über Leben und Jesundheit verfücht der Staat. Die Uniform jehört dem Staat, wenn er das Leben lassen muß; von der Mütze bis zu den Stiebeln..." Ich unterbrach, auf seinen Ton eingehend:,,Ja, sehen Sie, und dabei sitzen Sie hier mit Ihrem zerschossenen Arm, und wenn plötzlich Flieger kommen, was jeden Augenblick sein kann, wird auf der engen Stiege ein großes Gedränge sein und Ihr Arm vielleicht wieder gebrochen werden. Damit wird dann der Staat nicht zufrieden sein. Jetzt können Sie in aller Ruhe in den Keller gehen, haben die ganze Stiegenbreite für den Arm frei und finden unten auch Sitzgelegenheit. Wir dürfen hier auch nie vergessen, daß da drüben der Hauptbahnhof liegt." ,,Ach, so meinen Sie? Also Kinder, dann wollen wir den Staat zufrieden- stellen und in den Keller jehn." Er setzte seine Scherzreden fort, gestikulierte mit der Linken dazu und ging, von der ganzen Gruppe begleitet, in den Keller. Ein guter Rat Wieder einmal Alarm an einem schönen Sommertag. Die Teilung der Leute in solche, die nicht weit vom Bahnhofe weg wollen, und solche, die vorziehen, sich möglichst weit zu entfernen, hatte ich bereits vollzogen. Ich stand gerade auf der Straße mit Unteroffizieren der Wehrmacht, die vom Monte Cassino und anderen Kämpfen sprachen. Auszeichnungen auf der Brust gaben den Reim. Nun kam vom Bahnhof herüber noch ein Nach- zügler direkt auf uns zu und meinte warnend: - C ,,Hier am Bahnhof sollen Sie nicht bleiben, da ist's gefährlich." es waren drei oder Es war possierlich zu sehen, wie diese Männer vier - stumm, wie verblüfft den Ratgeber anschauten. Keiner fand ein Wort, sie waren offenbar im Zweifel, ob es sich um einen wohlgemeinten Rat oder um einen Scherz handle. ,,Ja, ja", meinte er ernsthaft nickend,,,da ist's sehr gefährlich, in den Stollen außer der Stadt ist man sicher." Die Männer blieben weiter stumm und schauten mich fragend an, als wollten sie mir die Antwort überlassen. ,,Ja, dann schauen Sie nur, daß Sie bald hinkommen, der Weg ist weit", sagte ich,,,wir haben da einen guten Keller." ,,Ich geh' auch", und er ging. Die Männer schauten ihm nach, verdrossen über diese Zumutung, und schienen zu denken: Dem Manne ziemt es sich, zu wagen. Erst unter Spannung zeigt der Bogen seine Kraft. Des Hasen Stärke ist die Flucht. Das Gespräch nahm wieder seinen Fortgang bis zur Entwarnung. 146 10° 147 Die Verantwortung Es war wieder einmal Fliegeralarm. Vom Bahnhofe kamen viele Leute, die den Zug verlassen mußten oder dort auf die Ankunft ihres Zuges war- teten. Der Großteil strömte in die innere Stadt, die andern blieben an der Sonne und warteten auf die Entwarnung. Ich kam gerade vom Luftschutz- keller des Hotels Europa herauf, als eine Maschinengewehr-Abteilung vom Bahnhof kommend anmarschierte. Der Oberfeldwebel rief mir die Frage zu: ,,Gibt's hier 'nen Luftschutzkeller?" ,,Jawohl, gleich hier links und hier rechts." ,,Finden wir alle Platz?" ,,O ja, in zwei Teilen." Nun folgten ein paar Kommandoworte, die Abteilung teilte sich, um einerseits dem Oberfeldwebel in den Keller des Hotels ,,Tyrol", anderseits mir in jenen vom Hotel Europa zu folgen. Im Hofraume wurden die Ma- schinengewehre abgestellt. Ein Posten blieb dabei. Bald kam der Ober- feldwebel, um sich zu überzeugen, wo die Leute untergebracht waren. ,,Na also, hier, Kameraden, könnt ihr die Jause einnehmen, Tische und Bänke sind ja auch da, das ist ja ganz fein." Er schaute mich vergnügt und befriedigt an, worauf ich erwiderte: ,,Das ist Ordnung, dazu sind die Keller ja ausgebaut worden." ,,Ach klar, das Feuerwerk von oben kennen wir schon, ne, ne, kommt nicht in Frage, ich bin für die Leute ja verantwortlich." Zusammenstoß Eines Tages, nein, eines Abends, machte ich mit dem Rad meine Rund- fahrt durch das kleine Gebiet meines Luftschutzbereiches bei vollkommener Finsternis, wie es während des Krieges üblich war. Heute sind uns be- leuchtete Straßen wieder eine Selbstverständlichkeit und wir vergessen uns darüber zu freuen, wie sehr wir uns damals auch danach sehnten und uns vorstellten, wie schön es sein müßte, wieder Licht über uns zu haben. Mir war nur eine Lampe mit dem vorgeschriebenen kleinen Schlitz ge- stattet, der mehr den Fußgängern als mir dienen konnte. An der Ecke des Hotels Europa kam es auch zu einem richtigen Zusammenstoß mit einem munteren Spaziergänger auf der Fahrbahn, glücklicherweise, ohne daß einer von uns gestürzt wäre. Dialog: Ein Fluch, auf den ich antworte: ,,Ja, können Sie nicht auf dem Gehsteig gehen!" ,,Und du muascht mit der Hand zoagn, daß da umi wilscht." ,,Aber gehn S', das sehn Sie ja gar nicht, wenn S' mich schon samt Rad und Licht nicht sehn", und Gelächter klingt vom Gehsteig zu uns. - Dir, lieber Freund, der du dich damals als schwankende Gestalt mit schwerer Zunge nahtest, meine verspätete Entschuldigung und ich freute mich, daß dir die Freude eines mäßig-übermäßigen Genusses vergönnt war. 148 149 Selbstgespräche Ein Nachtalarm brachte drei norddeutsche Damen sie dürften es immer auch zu ihren Mitmenschen gewesen sein - in den Luftschutzkeller. Der Inhalt ist getreu dem Worte innen. Etikette ist das äußre Bild. Zur Täuschung wird das Bild, sobald der Inhalt mangelt, zu hohlem Prunk der Marionetten am eignen Gängelband. Sie kamen neben eine brave, tüchtige Frau zu sitzen, die nur den Fehler hatte, mehr oder minder laute Selbstgespräche zu führen, indem sie starr vor sich hinblickte. Zu ihrem Gesprächsthema gehörte das immer wieder- kehrende stärkste, unflätige Schimpfwort gegen Frauen, womit sie unsicht- bare Geschlechtsgenossinnen bedachte, die sie offenbar vor ihrem ver- armten geistigen Auge sah. Die drei Damen wußten um nichts, hörten aber alles aus dem Munde ihrer Nachbarin. Ich hörte nur wenig, sah aber drei Augenpaare immer größer werden und hilfesuchend die Runde ab- tasten. Ich kam mit einem freundlichen Blick entgegen. Schon kam eine der drei, entrüstet, kopfschüttelnd auf mich zugesteuert. ,,Ja, sagen Sie nur, muß man sich das ..." ,,Gnädige Frau, das dürfen Sie nicht hören, die gute Frau ist krank; heute ist sie noch zurückhaltend, gerade wegen der vielen Leute hier. Wenn sie allein ist, kennt sie keine Hemmungen, das erst sollten Sie hören können." ,,Ach so, ich habe wohl gedacht... aber das ist doch furchtbar." Trotz meiner Aufklärung hatte sie aber kein Verlangen nach ihrem Platz, um mehr zu hören, sondern blieb an meiner Seite und ihre Begleiterinnen kamen bald auch herzu. - Gelegentlich eines anderen Alarmes, als die bedauernswerte Kranke fast allein im Keller war, meinte sie ganz aufgeräumt: ,,In dem Keller, in dem ich früher war, haben die Leute immer ge- schwätzt, und das ist nicht gut, weil die Flieger dann Bomben werfen, wenn sie das hören." 150 Mir geht die Zeit ab Im Jänner 1945 wohnte ich wegen meines Gipsfußes vom 15. Dezem- ber 1944 noch im Saggen. Als die Elektrische auf dieser Strecke wieder fahrbereit wurde, fuhr ich nach Hause, um nachzusehen und zu tun, was damals gegen den Bombenschaden getan werden konnte. Am Bahnhofplatz angekommen, überraschte mich ein Voralarm. Ich befand mich gerade vor dem Hotel,,Tyrol", dessen Zugang zum Keller am 15. Dezember 1944 ver- schüttet wurde. In Erwartung des Vollalarms nahm ich daher den holpri- gen, vereisten Weg zwischen den Bombentrichtern hindurch, um den Luft- schutzkeller des Hotels Europa in der Brixner Straße aufzusuchen. Die Straßen waren damals fast menschenleer. Nur einen großen, stattlichen Sol- daten sah ich ein Stück hinter mir, vermutlich mit seiner Frau, vom Bahn- hof kommen. ,,I wear nit weit rennen", meinte er zu seiner Begleiterin,,,wenn's oan erwischen will, dann kannst rennen, wohin daß d' willscht, und es erwischt di." Ich ließ ihn herankommen und wies auf das Kennzeichen des Luft- schutzkellers.,,Dort ist gleich ein Keller, ich gehe auch dorthin." „Na, na, grad am Bahnhof muaß es nit sein." Und er ging weiter. - Im Keller sah ich mich allein. Von den vermauerten Kellerfenstern waren zwei durch einen Einschlag in die Straße aufgerissen. Im Freien war es bei hellem Sonnenschein grimmig kalt, im Keller daher nicht minder. Die Ent warnung ließ auf sich warten, zu Vollalarm kam es auch nicht. Die drei Wochen schlaflosen Aufenthaltes im Lazarett wegen des Wadenbeinbruches machten sich fühlbar. Ich fror unerträglich und entschloß mich, den Weg zum Keller des Sparkassengebäudes zu machen, denn in der Erlerstraße befand sich auch die Fa. Dipl.-Ing. Fiegl und Dipl. Ing. Spielberger, wo ich wegen einer Reparatur nach der Entwarnung vorsprechen wollte. Im Freien überfiel mich die strenge Kälte jener Tage, daß es mich Aus- gefrorenen schüttelte. Bereits am Bozner Platz glaubte ich, kaum mehr weiterzukommen. Die eisige Kälte zog mich zusammen, sie griff nach dem Herzen, das Atmen fiel mir schwer. Ich ging noch langsamer. Ich war allein auf der Straße; die fünf Fliegerangriffe vom Vormonate waren der Be- völkerung in frischer Erinnerung. Auflesen würde man mich nicht so bald, dachte ich mir, falls es zu einem Herzklaps kommen sollte, aber es wird schon gehen, und ich schlich weiter, immer langsamer. Bei der obgenannten Firma angekommen, war ich ziemlich am Ende. Ich sah Licht im Raum, 151 drückte auf die Klinke. Ja wahrhaftig, hier hat man in der Eile vergessen, zu schließen. In der Absicht, mich zum Auftauen hineinzusetzen, trat ich ein und siehe da, Ing. Fiegl saß wie immer vor seinem Schreibtisch. Er empfing mich lächelnd, wie immer: ,,Ja, was führt denn Sie jetzt her?" ,,Moment bitte, . . . nur ausschnaufen . . .!" Die Kälte wirkte wie eine enge Verschnürung um die Brust. Atmung und Bewegung waren gedrosselt. Ich wartete auf die Erholung. Ich suchte mich durch vorsätzliches Atmen zu beleben, was gar nicht recht gelingen wollte, Eine Wohltat war die ganz bescheidene Wärme des Raumes, die mich ge- radezu anfaẞte und auftaute. Die Enge um die Brust lockerte sich, und ich wurde wieder beweglich. Ing. Fiegl blieb weiter stumm, nickte lächelnd, schaute nur forschend wie ein Arzt. Nach einer Weile ging es wieder. Mit der Erwärmung kam das alte Leben wieder und ich konnte mein Anliegen vorbringen. Schließlich fragte ich noch:,,Herr Ingenieur, gehn Sie nicht in den Luft- schutzkeller zur Sparkasse hinüber, Sie haben nicht weit zu gehen?" ,,Ich habe immer Arbeit, mir geht die Zeit ab." ,,Es könnte aber doch einmal zu spät werden." ,,Wir sind fast immer hier, meine Frau auch, wir kommen einfach nicht weg. Mir scheint übrigens, Sie sind auch nicht zu erschüttern." Bald darauf kam die Entwarnung. Die Straßen, die ich vor kurzem menschenleer und verlassen sah, belebten sich wieder zum täglichen Leben zum nächsten Male. bis - Das freundliche Licht In einer schönen Sommernacht erwachte ich und hörte bald, wie schon so manchesmal, ferne Fliegergeräusche. Sie kamen nicht näher, die Flug- zeuge schienen das Unterinntal zu überqueren, weshalb Wachsamkeit von- nöten war. Ich schloß die Pappefenster und schaltete das Licht ein, um munter zu bleiben. Allein, die Müdigkeit forderte ihr Recht. Leg dich, du linder Schatten, zur Ruhe auf mein Aug, nimm mich, güt'ger Schlummer! - Und freundlich nahm mich Morpheus auf. Schlaf, wie oft hab ich - an Leib und Seele müde dich herbeigesehnt, bin in deinen weichen Armen geschwankt. Ich habe mich dir anvertraut, hab alles auch von dir erhofft. Ich fand Erquickung. Hab nach Kinderart der Träume Märchen fromm gelauscht, hab mich selbst geschaut, den zweiten Wandrer, den ich ausgesandt zur Wandlung dort in deinem Reich, derweil, von dir erquickt, das Auge ich geschlossen hielt. Du schenktest beides mir, dich selbst, dazu ein zweites Leben. Ruh dem Leib und neue Kraft für den nahenden Tag. Mut und Kraft zu neuem Bestehen schenktest du mir, daß ich rüstig erlebe den heischenden Tag, mich aufs neue bewähre dem Leben mit hoffnungsvoller Brust bis wir uns wiederfinden. Ja, du vergönntest mir, wie stets in stiller Nacht, im Husch vergang'nes Leben zu erleben. Was mich bei Tag betrübt, erfreut, ist dem Gedächtnis einverleibt und meldet sich im Schlafe selbst nach Jahren wieder. Gedanken und Träume vom Tage werden Erlebnis im Schlaf. Befreundest mich mit Traumgestalten. Nach des Tages Müh und Last, freundlicher Wegbereiter, führst du zur Wandrung in ein ander Land. 152 153 154 Läẞt mich Vergangnes neu erleben, Kommendes gar wundersam erschaun in Lieblichkeit und Graun. Manch harten Strauß durft ich auch siegreich enden. Hast öfter auch dem grimmen Nachtgespenst den Platz geräumt. - kam ich zu mir, Und gab es kein Entrinnen - in sanfte Wirklichkeit gebettet, und gerne sank ich wieder zurück zu neuem Erleben der Nacht. Was mir an Menschen eigen war und Dingen, gewann Gestalt und neues Leben, durch meines Schlafes Wirken. Wie oft sah ich in Wonn' und Glück mich selbst und sah mich diese spenden. Ach, güt'ger Schlaf, du läßt der Menschen Tränenstrom versiegen, rufst zur Ruhe, Sturm und Drang, erweckest Vater, Mutter mir, Zeit- und Weggenossen, zu kurzem Auferstehn für mich, wie tägliche Geschenke zu empfangen, wie Sonnenlicht und Luft. Du führest mich in selbstgeschaffne Wunderreiche nach des Tages Ach und Weh. Die Phantasie schafft zügellos die eigne Welt, darinnen alles schwebt, was war und neu geboren wird als Schaum. So schenkest du auf's neu der lockenden Bilder Gestalten, vergänglich alles wieder. So bin ich stets bei euch, verbunden den Menschen und Dingen. Ich halte sie alle die Wonnen und Freuden, die Grüße der anderen Welt, nehm sie als stilles Vermächtnis hinüber in den hellen, glänzenden Tag. So schenkest du in tiefem Schlummer mir oft und immer wieder in Gedankeneile die Umarmung des zweiten, oft köstlichen Lebens. Erwache ich, hatt' ich's erlebt, empfangen die Schaumgebilde, die Begegnung, die freundliche Rede, das schäumende Glück. Es klingen die Märchen verborgen in Angst vor dem Tag. Und erst der Tag erweckte mich wieder. Die eingeschaltete Lampe mahnte an Nacht und Erwachen, an die Absicht, mich wach zu erhalten, an Gedanken, die im Schlaf in das Reich der Träume führten. Das bei Nacht so herrliche Licht des glühenden Fadens schien krank nun, schwach und blaẞ in der Helle des Tages. Es hatte ausgedient und ich trennte mich, wie von einer treuen Seele. Du hieltest mir also die Treue, - Treue, die innig sonst Herzen verbindet. Du wachtest über dem Schlafenden, derweil gaukelnder Schlummer mich betörend umfing. Du kalte, so warme und treue Quelle des Lichts in stiller Nacht. Ich war nicht einsam, du bliebst, wie ich dich rief. Mit blassen Worten des Danks mußt ich dich löschen. ,,Der helle Tag bricht an, dich abzulösen. Der jubilierend zirpende Morgen ladet zu neuem Sich-Regen." Mit dem alten Werke aufs neue zu ringen, ein Gestriges zu vollbringen, ein Neues zu beginnen. Zu schaffen, sich regen, zu verdienen alle die Wonnen friedlicher Tage: Den würzig flutenden, köstlichen Atem des Morgens, die gütigen Strahlen der Sonne, die Leben schenkende Luft, den treuen Blick aus klaren Kinderaugen, all das Leben ringsum, die Zwiesprach mit Freunden, die Erinn'rung an Glück vergangener Tage, den befruchtenden, besinnlich stimmenden Regen und den geruhsamen Abend an der Neige des Tages, der wieder zur Ruhe uns bettet, kurzum das Leben - wenn wir's gestalten. Ihr Wände rings, ihr atmet der Verblichnen Leben in den Raum, ihr hauchet täglich warm mich an im Flüsterton erzählend. 155 156 Die Abgeschiednen weilen noch mit mir im Kreis zu Tisch bei Dingen ihrer Hand. Ich lausche ihrer Meinung, willens, zu gehorchen. Es ist der Jammer dieser Welt, daß auch die Besten von uns gehn, mit ihrem Können, Wissen, Wollen und ihrer Liebe. Und daß auch wir verlassen, was wir allezeit als guter Geist begleiten möchten. So rufe ich wieder die Teuren alle im Geiste zu mir. 1 Der Kuchen An einem Sonntag war es, als das Alarmzeichen viel Militär aus einem in der Bahnstation stehenden Zug rief. Der Alarm dauerte einige Stunden, und ich bemerkte bald, daß drei junge Leute immer wieder zusammen- traten und ein Problem wälzten. Schließlich wurde ich Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit, wie ihre Blicke verrieten, und richtig kamen sie auf mich zu: ,,Bitte, sagen Sie mal, is hier in der Nähe nicht ein Bäckerladen?" ,,Bäckerladen? - Heute ist doch überall geschlossen. Aber wenn Sie Brot kaufen wollen, gehen Sie am besten in ein Gasthaus, soferne Sie Brot- marken haben." ,,Brot, ach ne, das haben wir genuch. Wir möchten uns aber einen Kuchen backen lassen." ,,Das wird wohl nicht gehen", sagte ich und mußte lachen.,,Dazu ge- hört doch auch Mehl, etwas Fett oder gar Butter und am Ende noch Eier und Zucker." ,,Das hammer alles, wir haben doch unsere Urlaubspakete bei uns, davon fehlt uns nischt." ,,Ja, das wäre ganz schön, aber der Bäcker fehlt, das geht heute leider nicht." " ,Wir brochen och keenen Bäcker niich, er soll uns nur die Bratröhre zur Verfügung stellen, aufs Backen versteht sich schon mein Kamerad, nicht wahr, das kannst Du doch." ,,Klar." ,,Bratröhre?" überlegte ich lächelnd,,,wenn Sie sonst nichts brauchen, könnte vielleicht ich helfen. Eine Bratröhre kann ich schon zur Verfügung stellen, sogar elektrisch zu heizen, wenn Sie nach der Entwarnung mit mir in meine Wohnung kommen wollen." ,,Das ist ja wunderbar, aber sagen Sie nur, is das recht weit von hier, wir möchten nicht zu weit wech vom Bahnhof hier." ,,Nein, nein, nicht weit, gleich dort die Ruine, das Haus Nr. 8, dem das dritte Stockwerk samt Dach fehlt." ,,Was, gleich hier, das ist ja wunderbar, und Sie wollen uns jestatten, daß wir dort unsern Kuchen backen?" ,,Aber sehr gerne, das nötige Werkzeug ist auch vorhanden, ich kann Sie nur über keine Stiege führen, denn diese ist beim Angriff heruntergerasselt. 11 Zimmermann, Alte Stadt im Ungewitter 157 Sie müssen eben, wie ich nun immer, über eine Leiter in den ersten Stock klettern." ,,Das ist doch kein Hindernis. Aber Sie, wie können Sie hier wohnen? Im Winter kam Schnee, aber jetzt kommt das Wasser doch herunter, wenn es rechnet." ,,Nur, wenn ich im Schlafe den Regen überhöre, und das kam nur einmal vor. Sonst aber steige ich mit der Laterne hinauf und schöpfe das Wasser in Eimer, die ich dann im Bogen herunterschütte. Die Last der Quadern hat nämlich die Deckenbalken durchgebogen, so daß der dichte Parkettboden geradezu eine Wanne bildet. Darin sammelt sich das Wasser, das ich dann mit einer breiten Schaufel in den Eimer schöpfe. Das ist in jenen drei Räu- men, die wir bereits freigemacht haben. Die anderen Räume sind noch so voll von Trümmern und Material, daß davon viel Regenwasser aufgenom- men wird. Was schließlich doch durchrinnt, fange ich im zweiten Stock- werke auf. So habe ich in einer Nacht hundertneun Eimer Wasser geschöpft, das war die Höchstleistung." CC Indem wir uns noch eine Weile unterhielten, kam die Entwarnung und ich führte die Gäste über die Leiter in die Küche hinauf. Die Bratröhre wurde gleich erprobt, die Urlaubspakete ausgepackt und sogar Backpulver hatten die jungen Leute vorausschauend sichergestellt. Junge Soldatenhände mischten gute Sachen durcheinander, um noch etwas besseres daraus zu machen. Ein „,Guglhupf" sollte es werden, wie man diese Mehlspeise hier nennt. Ich räumte indessen den Tisch, dessen Stilleben gleich verriet, daß hier der einzige Bewohner des Bahnhofgebietes haust. Der,,Koch" übte sich in Geduld und mahnte zur Geduld, denn,,ein Kuchen braucht immerhin seine Zeit, wenn es ein richtiger Kuchen werden soll". Seine Miene wurde mit der Länge der Zeit immer ernster. ,,Es muß etwas nich in Ordnung sein, denn er will nicht steichn. In dieser Zeit sollte er schon hochgehn, wenn alles klappt. Aber es stimmt etwa nich." ,,Haste vielleicht zuviel Oberhitze, dann kann er ja nich hochgehn. Sieh nur zu, daß er nich verbrennt, es wäre jammerschade." ,,Ach ne, er is ja noch ganz blaẞ, davon kann kene Rede sein." 33 ,Haste das Backpulver hineingemischt?" ,,Klar, sonst wird ja überhaupt nischt daraus." ,,Haste das schon öfter jemacht?" ,,Das nich, aber ich weß doch, wie so 'n Ding jemacht wird." 158 Ich menge mich ins Verhör:,,Ich glaube, man sollte die ganze Mischung nicht gleich in die Röhre geben, sondern zuerst warm stellen, wie ich immer gesehen habe, dort am Ofen stand die Form immer und erst als er hoch- gegangen war, kam er in die Röhre." ,,Ne, ne, ich habe mich jenau an die Jebrauchsanweisung auf der Düte des Backpulvers jehalten, das muß schon stimm'n." ,,Sieh mal wieder hinaus dazu, daß er ja nich verbrennt, das wäre das Schlimmste." Und der Koch ging, um bald wiederzukommen. ,,Nachdem er schon braun jefärbt is, bring ich die Speise, wie sie is. Je- denfalls is sie jekocht in dieser Zeit, sonst könnte der Kuchen kene so schöne Farbe anjenommen haben." ,,Stimmt, die Farbe is schön, aber aufjegangen is er nich, der is ja janz zusammenjesunken." ,,Nun seht ihr, ich hab schon gleich erkannt, daß hier etwas nich in Ordnung is, entweder habe ich zu wenich Backpulver jenommen, aber ich hatte ja nich mehr, oder es is abjestanden und hat keene Wirkung mehr. Das macht aber nichts aus, der Nährwert is ja enthalten und jekocht is auch alles." Der Schmaus konnte beginnen und ich zog mich in die Küche zurück, um nicht zu stören, aber bald wurde ich geholt. ,,Wir warten auf Sie, damit wir beginnen können." ,,Keinesfalls, ich werde Ihnen nicht noch die Mehlspeise wegessen. ,,Ne, ne, das kommt nich in Frage, alleine essen wir nich." Mein Sträuben war vergeblich und ich bekam einen gleichen Anteil auf den Teller. So aßen wir festen,,Speck" aus feinem Mehl, Eiern, Butter, Zucker und Milch, die ich beistellen konnte. Es war tatsächlich alles gekocht und schmeckte ganz gut, nur nicht nach,,Guglhupf“. Zum Abschied mußte ich trotz meiner Weigerung ein Päckchen Reis nehmen. Auch meine Bemerkung, daß die Angehörigen zuhause alles gut brauchen könnten, war umsonst. ,,Wir haben noch genuch davon. Bei der Wehrmacht leben wir immer noch besser und brauchen uns um das Essen nicht zu sorgen." Der älteste dieser jungen Leute war vielleicht 22 Jahre alt. Alle drei waren Fallschirmjäger. 159 11 Rückblick Alles überdenkend, bin ich gewiß, daß die Menschheit keines Orts dies alles so gewollt, wo immer Elend sich im Kriege breiter machte. Es war der Drang nach mehr, wo Mangel herrschte, anderwärts die Angst, vom Überflusse zu verlieren. Gestirne, rasend auf derselben Bahn, vor Angst sich zu berühren, zer- schellen an dem Berg der Fragen. Wo ist der große Geist, von wo wird er uns kommen, der vermag der großen Welt das Glück zu sein, wie es ein Dichterfürst von einem Fürsten fordert: Sie, Sie können es. Wer anders? Weihen Sie - - Dem Glück der Völker die Regentenkraft, Die ach so lang des Thrones Größe nur Gewuchert hatte, stellen Sie der Menschheit Verlornen Adel wieder her. Der Bürger Sei wiederum, was er zuvor gewesen, Der Krone Zweck ihn binde keine Pflicht Als seiner Brüder gleich ehrwürd'ge Rechte! Wenn nun der Mensch, sich selbst zurückgegeben, Zu seines Werts Gefühl erwacht. der Freiheit - Erhabne, stolze Tugenden gedeihen. - Dann, Sire, wenn Sie zum glücklichsten der Welt Ihr eignes Königreich gemacht dann ist Es Ihre Pflicht, die Welt zu unterwerfen. - Schiller,,,Don Carlos", III, 10. - Und die Toten? Möge sich ihnen eine bessere Welt auftun. Sie haben um Sonne und Brot gelitten, - gestritten, geweint und gelacht und doch des ausgekämpft, Lebens sich gefreut, immer Besseres erhoffend, um endlich so zu sterben, beneidet nur von jenen,,,die des Kampfes müde sind". Sie starben neben uns, die wir ihnen noch zu folgen haben. Die Erde sei ihnen leicht, auf det sie gewandelt in Kummer und Lust. Wir können nichts als ihrer gedenken, mit dem Zeichen des Kreuzes. Warum so groß der Unterschied im Leben und Sterben? Das macht der Stern, der zur Geburt geleuchtet, des Lebens Buchverwahrer, von Gottes eigner Hand geführt. Du kannst dem Sterne deines Werdens nicht entrinnen, er ist dir Licht und Schatten seines Zeichens, Vermächtnis deiner Wiege. Er leitet empor auf die Stufen des Segens, wieder hinab auch zum Verhängnis, für dich und die andern des eigenen Kreises. Er zeichnet die Wege mit inn'ren wogenden Kräften und Mächten von außen. Sie kreisen und kreisen, die Gewaltigen des All, erfüllen den Kosmos, erleben sich selbst, wie Gedanken im Kreisen erleben ihr endliches Werk. Sie dröhnen eilend im endlosen Raum in Freiheit und dennoch gebunden zur Ordnung des Ganzen, von ewiger Weisheit gelenkt. Es fluten die Ströme hemmend und drängend herab, bestimmen Verweilen und Handeln. Sie lassen nach ihrem Ermessen uns Meister des Schicksales sein, bis endlich sich alles erfüllet, wie es geschrieben. Sie mahlen und mahlen Gedeih und Verderben, Geschicke der armen Menschheit hienieden, der lebenden Schleppe toter Gestirne, der Mächtigen über Leben und Tod im Namen des göttlichen Willens, der göttlichen Weisheit ohn' Anfang und Ende. Im Wurfe der Falten klimmen die Kinder der Sonne empor, jene der Nacht sinken verloren in das Gewoge hinab. 160 161 162 Das Streben zur Ruhe der Fältchen am Gürtel - - gelinget den einen, - näher dem Herzen nimmer den andern im fühllosen Takte des Schicksals von immer und nimmer-immer und nimmer. In des Faltenwurfes Nieder und Auf vergehen die Kinder des Lebens, in der Mühle der Leiber im Kampfe um Sonne fürs Leben. Vermeinen ihr Schicksal zu meistern, am lockeren Zügel von gelenkten Gestirnen gelenkt. Der Einzle hastet vor und zurück, webet und flechtet und glättet das Linnen zur eignen Bestattung am Ende der Tage. Es jagen die Schifflein, gehorsam dem Pulsschlag der Sterne, benetzen mit Tränen das Werk, wie von oben vergönnt und beschieden zur ewigen Ruh; verstrickt in dem Wirrsal der Pläne und Stränge des zeitlichen Schaffens, wie Spinnen am Ende verdorren im emsig gewobenen Heim, grauen Gefäde, dem endlichen Grab. dem Folg willig deinem Stern, sei treu, enteile nicht dem Zeitmaß der Bestimmung. Eile zur Zeit! Nicht eher, nicht auf schwankem Grund, behutsam setze Schritt für Schritt. Die Prüfung trage festen Muts, empfange achtsam alle Zeichen neuer Gunst und prüfe, ob Beständigkeit dir winkt! Mit beiden Händen halte dankbar fest den holden Augenblick zu neuem Auferstehn. Wenn Morgenrot dir leuchtet, setz willensstark und dankbar froh dich ein, die Gunst euch zu verdienen, um das unsichtbare Auge zu versöhnen, das unser Tun und Lassen prüft, den eingeschlagnen Wegen folgend, denn kein Stampfen noch auch Tränen bringen verlor'nes Glück zurück. Pfleg sorglich, was dir in den Schoß gelegt, und achte wohl die leblos nützlichen Dinge! Sie pflegen die Rache durch Mangel in Tagen der Not. Folge, wohin der innre Stern, dein Herz dich zieht, vermeide, was ihm widerstrebt. Erschließe Boten des Glücks dich in der Wirrnis des Lebens, gewog'ner Begegnung am täglichen Wege, den Gesandten sorglicher Sterne. Übe guten Rat, damit er haften bleibe. Die Tat bleibt dem Gedächtnis einverleibt, nicht die Erzählung! Gezerrt, gezogen, geschoben, durch des Lebens schmale Gassen geschleift, findet oft sich ein Ausgang erhellt, wie göttliches Licht nach zürnender Laune mächtiger Geister. Tragbar scheint alles, so es getragen, schien auch erdrückend die Last. Versäume nicht im Unglück auch das Glück zu sehn, wenn es darin verborgen liegt. Der Sterne schwanke Gunst, gleichet der Ebbe und Flut, dem Zorne und gütiger Laune, dem Heben und Senken, dem Rhythmus poetischer Schwingen. Sie bereiten die Berge und Täler dem Leben der Völker, das Leben und Sterben. Ist der Todesstreich dir zugedacht, so bleibt noch eine und die letzte Wahl, klagend oder stumm zu sterben. 169 IM BEREICHE DES HAUPTBAHNHOFES, BEWOHNERN DIESES GEBIETES SIND GEFALLEN: Opfer des Angriffs vom 15. Dezember 1943: Armstorfer Andreas, Oberkellner, Bachmeier Johann, Fernschreiber, Brunner Johann, Kellner, Duska Hildegard, geb. Jeszek, Abt.-Leiterin, Fuchs Valentin, Oberinspektor, Fahrdienstleiter, Gratzel Edith, Kind, Heiß Gertrude, geb. Frank, Verkäuferin, Kauth Gertrud, geb. Wagner, Kerschbaumer, Hebamme a. D., Kneringer Berta, geb. Nairz, Kneringer Erika, Schülerin, Leitner Anton, Dienstmann, Brusser Barbara, Rentnerin, Engl Else, geb. Linke, Bürokraft, Hausberger Maria, geb. Kofler, Büroangestellte, Mayerotto Adelheid, geb. Kothmair, Mayerotto Manfred, Kind, Menk Friedhold, Obergefreiter, Verkäufer, Metzler Ignatius, R.-B.-Oberamtmann, Bahnhofvorstand, Müllauer Magdalena, geb. Dag, Ehefrau, Reiter Emma, geb. Mazarana, Ehefrau, Riedmann Franziska, verw. Egger, geb. Desaler, Schaufler Johann, Schmied, Schindler Maria, geb. Kastner, Schreder Magdalena, Telephonistin, Steiner, R.-B.-Beamtin, Stern Johanna, Hausangestellte, Umlauf Comarol, Postoberadjunkt, Wannisch Marianne. 165 Opfer des Angriffs vom 19. Dezember 1943: N ME Müllauer Peter, Arbeiter. Opfer des Angriffs vom 15. Dezember 1944: Artmeier Lorenz, Postschaffner, München, Schnorr-Caroldsfeldstraße 3. Hambloch Paul, Obermaat, geb. Feber 1900, Erk.-Karte Nr. 1138, SS/KBA, Gusenleiter Walter, SS-Schütze, 1. Batl., Hallein. Opfer des Angriffs vom 16. Dezember 1944: Dietrich Hermann, Städt. Inspektor. Opfer des Angriffs vom 27. Feber 1945: Staaken Franz, Leutnant, geb. 10. Oktober 1920, Feldpost 634477 Mün- chen; Anschrift der Mutter: Bardenberg im Gröchelen 6. Opfer des Angriffs com 10. April 1945: Tanner Katharina, geb. Bernhard, Hausgehilfin. Opfer des Angriffs vom 20. April 1945: Gmelin Franz, Wetterinspektor, geb. 3. Juni 1902 in Beiningen, Mechtle Heinz, Soldat, geb. 4. Juli 1920, Spelig Friedrich, Oberfähnrich, Hochschüler, geb. 15. Juli 1920. Schlußwort Nun will ich noch danken für die in bangen Augenblicken auf mich ge- richteten Blicke des Vertrauens und der Erwartung, wenngleich ich nicht mehr tun konnte, als mich in dasselbe Schicksal einzureihen. Wie oft mußte ich vielen stumm fragenden Blicken ausweichen, denn ich wußte nicht zu sagen, wie es enden wird, konnte nicht versichern, daß die Tücke des Zu- falls keine Bombe von vorne oder hinten schräg in die Einfahrt lenken wird, durch die dünne Decke, in unsre Mitte hinein oder durch den schmalen Stiegenschacht vor unsere Türe hin. Darüber konnte ich nur schweigen, wie auch über Bomben mit einer Zündung auf Zeit, die unbeachtet das Haus durchschlagen könnten, um sich auf einige Minuten zur Ruhe zu betten, um weniges später alles zu begraben. Hingegen aber sprach ich gerne von allen Sicherheiten, die uns die Keller boten, und sie haben sich auch be- währt, trotz aller Einschläge auf die Mehrzahl dieser Häuser, am Bahnhof- platz und in der Sterzinger Straße. - Wir standen alle für einen, einer für alle. Alle bestanden die Zerreiß- probe der Nerven. In allen Kellern herrschte nur Ruhe. Dieses Gericht ging vorüber, ohne Seelen zu erschüttern, ohne viele Opfer in den Luftschutz- räumen zu fordern. Das danke ich auch den tausend Unbekannten, die, wer weiß wie oft, den Gefahren getrotzt, auf meine Rufe hörten, als der Ernst kam, und gingen. Das waren die besten Kameraden, auch jenen mit fremder Muttersprache, wenn diese in den Kellern in ihrer Mitte Schutz suchten und fanden. Im Geiste fühle ich mich heute noch allen Unbekann- ten verbunden, wo auch ihr Vaterland liegen mag. Auch sie schenkten mir ihr Vertrauen. Ich sehe sie heute noch vor mir, mit ihren großen und kleinen Bündeln und öfter mit leeren Händen. - So reiche ich hiemit allen, besonders den Helfenden, oft und innig die Hand über alle die Täler, die eine miẞhellige, sorgenvoll müde Zeit zwi- schen den einzelnen auftat, um sie zu trennen, eine Zeit, die jeden als Einzelgänger mit seiner Bürde auf den dornenvollen Weg des Einzel- 167 166 schicksales führt, den jeder wandern muß, um seine Last zu schleppen, so verschieden wie einer von dem andern ist. Die widrigen Verhältnisse eines Krieges führten uns zusammen und die widrigen der Folgezeit eines Krieges trennten uns. Vielen Dank auch der Feuerwehr und allen bekannten und unbekannten Helfern beim Brande vom 15. Dezember 1943 und jenen, die in ihrer freundlichen, teilnehmenden Sorge mich oft zur Vorsicht mahnten. Auch an die vielen Soldaten muß ich denken, die ich sah, als sie auf ihrer Reise von einer an die andere Front, bei Alarm den Zug verlassen mußten, und auch an die andern, die ich nicht sah; und dabei fällt mir die Meister- novelle des Franzosen Honoré de Balzac,,,Oberst Chabert", ein, die von Franz von Neumann-Spallart ins Deutsche übersetzt im Schlüsselverlag in Innsbruck erschienen ist, und auch ein tragisches Heimkehrerschicksal er- zählt. Balzac, ein Angehöriger der Nation, die nach dem zweiten Weltkrieg den Soldaten der deutschen Wehrmacht an Stelle der deutschen Auszeich- nungen gleichwertige französische an die Brust heftete, als sie mit der An- gliederung von Elsaß-Lothringen französische Staatsbürger wurden. Heimkehrertragödie bezeichnet Amadeus Horn die erwähnte Novelle sehr treffend in seinem mit ausgezeichneter Sachkenntnis verfaßten Vor- wort. Die in der vorliegenden Schrift namentlich Genannten sind mir stets nahe, zumeist als Spiegelbild jener harten Zeit, wie sie uns zur härtesten Bewäh- rung immer wieder zu dieser Prüfung zueinander flüchten ließ. Ich weiß, auch sie denken zurück und sprechen nicht davon. Dafür will ich der Spre- cher sein, denn sie taten ihre Pflicht in der Not. Mögen sie diese Zeilen als meine Verbeugung vor ihnen nehmen und für alle gilt das Dichterwort: 168 Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt, Der froh von ihren Taten, ihrer Größe Den Hörer unterhält und still sich freuend Ans Ende dieser schönen Reihe sich Geschlossen sieht! Goethe,,,Iphigenie" I, 3. Es werde Licht Vor der Zeit bin ich erwacht - zum köstlichen Schauspiele des Tages Erwachen. Der schwarze Trunk der Nacht empfängt die ersten Tropfen Morgenmilch. Dies Grau ist nicht des Alters Zeichen, es ist des jungen Tages erstes Kleid. Morgendämmrung hat sich angekleidet. Von jenseits naht den Bergen sich rings ein Heer von Fackelträgern. Es dampft das Flammenmeer empor und der von Bergen hochgetragne Horizont trägt den ersten Flaum des Lichts. Und sieh, heller wirds und heller. Ach, sanft verdrängt des Lebens Licht des Schlafes finsteren Begleiter. Das Wunder der Natur beginnt sich zu vollziehn, wie nach gereiftem Plane in Klugheit alles langsam, stetig sich entwickelt. Und heller, immer heller wird die Nacht. - Wohin so viel der Dunkelheit, woher das viele Licht, das uns aus Schlaf erweckt, zu neuem Leben ruft?! So viel von Gegensatz so friedlich ausgeglichen und wir erkennen 's nicht. - Es kann nicht Vorbild sein, wir achten 's nicht, denn schlummernd lassen wir den Tag uns schenken, um - kaum beglückt ihn zu genießen, wie vieles, was Natur uns schenkt, dem wachen Schläfer. - 169 170 Die Blindheit ist's, die Abkehr von Natur, was uns auf schiefe Bahnen treibt. Horch, die Amsel schlägt und sucht mit rollenden Tönen kapriziöse höhere Kunst. Dann meldet sich lockend, eintönig, der länger ruhende Fink. Pipipi - zirpipi, klingt es in die kränkelnde Nacht. Es singt der Vögel Zwiegespräch Lieder des Dankes für die glücklich überstandene Nacht - - der Freude über den nahenden Tag, der alles fürs tägliche Leben bereitet. Nur kleine Vögel singen schöne Lieder, Der Adler schreit, der Mächt'ge muẞ befehlen. Heller, heller wird es, immer wieder heller, das reiche Herz Natur will überschäumen. Es ahnt und weitet zur Empfängnis sich das breite Tal in Lust die hellen Fluten zu empfangen. Wie der ferne Wandrer immer näher kommt und am End sein Antlitz uns den alten Freund entdeckt, so naht sich uns der neue Tag. Es leuchtet vom Gebirg herab ins weite Tal der unsichtbaren Fackel Schein, bis immer wieder heller uns des Tages Licht umfängt. Voll Hoffnung dürfen wir den täglich Neugebornen schaun und sind von ihm am End beglückt. Frei tritt er herein in jeden Raum, der offen steht, ihn freundlich zu empfangen. Willig dient er uns als Knecht, so ihn unser Herz erfüllt, mit frohen Augen wir ihn schaun, wie alles Werk erst zu uns spricht, wenn mit Empfindung es geschaffen. Nun kräht schon herrisch der Hahn, Die Hausfrau Henne daneben, gluckst schluchzend in ihr Gegacker, aufgestört, den Kummer über die Pflichten des Tages. Zeitlich beginnt sie die Klage. Die ersten Laute sind 's, womit der neue Tag sich übt, das laute Tagwerk zu beginnen. Zu Pflichten geweckt, erhellen sich Räume mit künstlichem Licht. Die Fenster werden zu rötlichen Augen der scheidenden Nacht. Der siegreiche Tag hat sie verdrängt, sie, die Entspannung und Ruhe uns brachte und Entrückung in Welten der Träume. Gestirne ohne Zahl, geführt vom güt'gen Mond, mühten sich in finstrer Nacht, uns fürstlich Glanz zu senden, und dennoch blieb es Nacht, denn nur die Sonne bringt den Tag. Und nun, da sie zu nahen scheint, werden jene immer blässer, zu einem Nichts, vor ihr, der Königin. Der Morgenstern und Mond allein verharren noch zum Abschiedsgruß, bis auch diese sinken, vom neuen Tag verdrängt. Was wird er uns bringen, Freude des Lebens, den Preis ins tägliche Schaffen, wird er uns prüfen mit bitterem Kummer? Wohlan, mit frischem Mute sei's wieder gewagt, - nach kurzem Schlummer bis dort. So laßt auch uns auf Morgengrauen hoffen und auf der Sonne Wiederkehr. Der Südtiroler Platz vor dem Kriege Der Südtiroler Platz (Hauptbahnhof) nach dem Abbruch der Ruinen. Der Aufbau des Bahnhofgebäudes ist in Angriff genommen, links ist bereits die Betondecke über den ausgedehnten Kellern sichtbar. Ausführung: Bauunternehmung Innerebner & Mayer, Innsbruck 1 ND SCHAD Südtiroler Platz Nr. 8. Das Haus des Verfassers, nach dem Aufbau des III. Stockwerkes. Baumeister: Georg Auer, Innsbruck. Die Maurerarbeiten wurden von einem Mann, dem Polier Josef Schiendl, ass- geführt. Den Dachstuhl baute Alfons Scheiring, Innsbruck. Daneben die Ruine des Hotels,.,Viktoria". Haus Nr. 6 Südtiroler Platz Nr. 2. Das Hotel ..Europa". Ein Teil der Front gegen die Brixner Straße im Aufbau. 2 Baumeister: Gustav Schmid, Innsbruck. Interne Leitung: Hoteldirektor Emmerich Hochreiter 3 11 11 LLLL Südtiroler Platz Nr. 1. Das Hotel „Tyrol" mit dem in die Brixner Straße reichenden zertrümmerten Gebäudeflügel (Brixner Straße Nr. 3) Südtiroler Platz Nr. 16. In diesem Gebäude war während des Kri das Polizeipräsidium untergebracht. An der Ecke befindet sich Eingang, der zum Luftschutzkeller führte OLF BAUR Meinhardstraße Nr. 10. Diese Ruine wurde im Jahre 1949 wieder auf- gebaut. Baumeister: Ingenieure und Baumeister Seraphin Pümpel & Söhne, Hall, Tirol. Das Nebenhaus Nr. 12 nach der Wiederherstellung Brixner Straße Nr. 2 während des Aufbaues, Baumeister: Jartschitz & Co., Techn. Büro, Innsbruck uipal mil RUDOLF BAUR Brixner Straße Nr. 4.,,Lodenbaur". Die linke Haushälfte zerstört. Daneben steht der wiederaufgebaute Teil vom Hotel,,Europa" 1 Brixner Straße Nr. 3. Der auf Seite 3 bereits erwähnte Gebäudeflügel vom Hotel ..Tyrol" 5 Brixner Straße Nr. 1 nach dem Abbruch der zertrümmerten oberen Stockwerke. Anschließend wieder der auf Seite 3 und 5 erwähnte Gebäudeflügel und anschließend rechts das Hauptgebäude vom Hotel ..Tyrol" (Südtiroler Platz Nr. 1) Brixner Straße Nr. 1, Rückseite, vor dem Abbruch der Stockwerke 100 1000 100 Muscumstraße Nr. 28. Gasthof,,Wilder Mann" nach der Behebung des schweren Bombenschadens. Baumeister: Dipl.-Ing. Hubert Biedermann Museumstraße Nr. 27. Nach dem Aufbau der gänzlich zerstörten Haushälfte. Entwurf und Bauleitung: Architekturbüro Hubert Sterzinger. Baumeister: Ing. Josef Retter, Innsbruck IN Museumstraße Nr. 33. Das Gebäude der Tiroler Gebietskrankenkasse wurde gelegentlich der Be- hebung der Bombenschäden auch aufgestockt. Baumeister: Ing. A. Fellner, Innsbruck 8 Brunecker Straße Nr. 1. Das wiederhergestellte und aufgestockte Bahnpostgebäude. Baumeister Laufenböck und Baumeister Pastucha von der Postdirektion LI Museumstraße Nr. 35. Das Hotel ..Grüner Baum". Baumeister: Bauunternehmung Klabuschnig, Innsbruck Brunecker Straße Nr. 2. Der zertrümmerte Gebäudeteil erschei verkleidet S Sterzinger Straße Nr. 2 und 4. Das angrenzende Haus Nr. 6 mit den wiederhergestellten Erkern Brunecker Straße. Der zum Hotel Tyrol" gehörige östliche Gebäudeflügel ECYCHDIENST RAGE ROTHY.WIEDNER LEY EMAT BOSCH-DIENST Heiliggeiststraße Nr. 9. Die rückwärts gelegenen Werkstätten und Autogaragen wurden durch Bomben und Feuer gänzlich zerstört, ebenso das Innere des Vorderhauses, das hier nach dem Ausbau zu sehen ist. Baumeister: Anton Fritz, Innsbruck Adamgasse Nr. 18 nach Abtragung der Ruine. Der Aufbau wurde 1949 in Angriff genommen. Baumeister: Lutz Gerzabek, Kitzbühel, und Baumeister Robert Findeis, Innsbruck MOTNC Adamgasse Nr. 20. Das zerstörte und ausgebrannte Haus nach dem Wiederaufbau. Baumeister und Architekt Alois Schraffl, Innsbruck Heiliggeiststraße Nr. 13 und 14. Zwei Nebengebäude zum Hotel ..Union in der Adamgasse. Nr. 13 ist zerstört. Nr. 14 wieder bewohnba Baumeister: Dipl.-Ing. und Baumeister Retter. Innsbruck Adamgasse Nr. 2. Das Gebäude der Nationalbank, dessen rückwärtiger Teil schwer getroffen wurde ALBER BHOTEL CAFE Salurner Straße Nr. 1. Das Hotel ..Arlberger Hof" nach dem Aufbau des zerstörten rückwärti Teiles: Baumeister: Bauunternehmung A. Klabuschnig, Innsbruck. Ingenieure und Baume Seraphin Pümpel & Söhne, Hail, Tirol. Architekten Ewald und Walter Guth, Innsbruck. - Dipl - Architekt Walter Lischka, Innsbruck - ☑ Salarner Straße Nr. 11. Das Gebäude der Stadtwerke nach der Behebung der schweren Schäden. Ausführung: Bauunternehmung Innerebner & Mayer, Innsbruck Salurner Straße-Ecke Maria-Theresien-Straße Nr. 57. Das zum Teil zerstörte Peterlongo-Haus (Sarn- the in-Palais) vor dem Aufbau, Entwurf und Oberbauleitung: Architekten Z. V. Dipl.-Ingenieure Stanger und Lechleitner, Bauarbeiten: Heinrich Spirk 15 Stielzel mer Platz Nr. 5 vor dem Aufbau, der 1949 in Angriff genommen wurde. Baumeister: Ing. Max Plörer, Innsbruck Adamgasse Nr. 9a. Nach der Behebung der schweren Schäden. Baumeister: Willy Haselwanter & Co., Innsbruck Bozner Platz Nr. 6. Der Bau wieder unter Dach. Entwurf und Oberleitung: Akad. Architekt Z. V Lottersberger, Innsbruck. Baumeister: Seraphin Pümpel und Söhne, Hall in Tirol 1137 Bozner Platz Nr. 7 während des Wiederaufbaues. Entwurf und Oberleitung: Akad. Architekt Z. V. Lettersberger, Innsbruck. Baumeister: Josef Senn and Söhne, Innsbruck. (Für Innsbruck der erste Bau mit Katzenberger-Decken) - 4111 HOTEL KREAD DARFUME RIV Bozner Platz Nr. 3. Das Hotel ..Kreid" nach der Behebung der schweren Schäden an beiden Fronten. Baumeister: Grissemann & Walch, Innsbruck, und Dipl.-Ing. und Baumeister Retter. Innsbruck HOTEL KIERO == BACKEREI SCHLEMMER SPORTHALS Bozner Platz Nr. 2 INT Bozner Platz Nr. 1. Das Gebäude mit dem Kaffeehaus,,Weiß" während des Aufbaues. Baumeister: Bauunternehmung A. Klabuschnig, Innsbruck THI Meraner Straße Nr. 8. Der notdürftig überdachte Rest des einst stattlichen Gebäudes der ,,Tirolischen Landes-Hypotheken-Anstalt" 19 KALFEE RESTAURANT Meraner Straße Nr. 7. Der Rest vom Hotel-Café München RUCK SISCIARUSLAISISIGN 112 Erlerstraße Nr. 8. Das Gebäude der Sparkasse der Stadt Innsbruck wieder hergestellt und aufgestockt. Baumeister: Josei Senn und Schn Innsbruck 21 D Erierstraße Nr. 18. Der in der Erlerstraße gelegene Teil des Sporthauses Witting im Aufbau. Baumeister: Baubüro Ingenieure Mayreder, Kraus & Co., Innsbruck Erlerstraße Nr. 6. In der Mitte das Hotel Delevo" nach Behebung aller Schäden, Baumeister: Dipl.-Ing. Hubert Biedermann MANERE LINTE BUCHDRUCKEREICH HIND Sauncher Erlerstraße Nr. 5. Links das Gebäude der Wagner'schen Univ.-Buchdruckerei. Rechts Nr. 7. Das Gebäude der Bank für Tirol und Vorarlberg nach der Behebung des Schadens und am Beginne der vollständigen baulichen Neugestaltung. Gesamtplanung: Akad. Dipl.-Architekt Carl Appel, Wien. Örtliche Bauleitung: Dipl.-Ing. Ferd. Dittrich, Innsbruck. Baumeister: Grissemann & Walch, Innsbruck -- Wilhelm-Greil-Straße Nr. 14 und rechts davon das Haus Nr. 12 23 11111 BACKEREI Wilhelm-Greil-Straße Nr. 1 (das helle Haus in der Mitte) nach der Behebung des schweren Schadens. Ebenso das Nebenhaus Nr. 3 (rechts). Baumeister: Viktor Habitzel, Innsbruck Wilhelm-Greil-Straße Nr. 16. Der in dieser Straße gelegene T Gebändes der Tiroler Landesregierung nach der Behebung der sc Schäden an der Grundmauer und am Ffeiler der Einfahrt Wilhelm-Greil-Straße Nr. 8 nach der Behebung des schweren Schadens. Baumeister: Ingenieure und Baumeister Seraphin Pümpel & Söhne, Hall Wilhelm-Greil-Straße Nr. 25. Das Gebäude mit dem „Stieglbräu" nach der Behebung aller Schäden Greil Straße Stre Platz Stro B Strane LAGERHADS Sterzinge Str lotz HAUPTBAHNHOF Plan mit dem Gebiet des Hauptbahnhofes von Innsbruck mit 448 eingezeich Bambeneinschlägen Als Unterlage zu diesem Planaunchinne diente der Plan im Heftchen Innsbruck hilft sich selber", das vom Seademagistrate Innsbruck herangegeben wurde Die öfentlichen Luitschakeler Bombeneinschläge WS Brunt Str BAHNHOF FLUSS König Laurin