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·A-1845-2 1394 179
Tiroler Heimatbücher
Herausgegeben von der heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft
des Vereines für chriftliche Erziehungswissenschaft, Landesgruppe Tirol
Band II
Wilten
Nordtirols älteste Kulturstätte
2. Teil:
Die Kirchen Wiltens
Mentelberger Schloßkapelle
Zur Geschichte des Bergisels
Auf den Amrasfer Geldern
Aus der Chronik Wiltens
Geschlechterchronik
Bernhard Sander
Buch, Unnariats
and Malalienhandlung
Innsbrud, Cirol
12 Abbildungen
Lehrer.
*
No
Bibliothek
Volksschule II. Wilten.
Berlagsanstalt Tyrolia A. G.
Jnnsbruck Wien-München
6/ Haspinpischule / 17. 9. 1984
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Seiner Gnaden
Abt Heinrich Schuler
in Verehrung
von den Mitarbeitern
zugeeignet.
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Vorbemerkung
Bon vielen Heimatfreunden schon lange begehrt, legen
wir nun Band 2 den Bürgern der Heimat zum Kaufe, zum
Studium und zur ernstlichen Betrachtung vor.
Wo seit mehreren Jahrhunderten Menschen hausen,
wirken und walten, streben und streiten, da häuft sich der
Zeiten hart' Geschick, daß keine Chronik es faffen kann;
dann auch, was im kleinen Kreise groß und wichtig er-
scheint, ist klein und nichtig oft im großen Kreise. Band 2
kann darum nur Blätter aus der Chronik Wiltens
bieten, nur mit Federstrichen das Bild dieser blut- und
Schweißgeweihten deutschen Kulturstätte zeichnen.
Wenn aber glücklichere Tage einst kommen, dann soll
ein weiterer Band der „Tiroler Heimatbücher" * zurück-
erinnern an jene Zeit, da „,weiße Mönche in der wilden
Au" in rastloser Arbeit, bedroht von der Wildheit der
Natur und der Menschen, im ureigentlichsten Sinne des
Wortes eine christliche Stätte deutscher Arbeit und Kul-
tur stifteten, die zugleich auch Schutzwall gegen alle fremd-
völkischen Strömungen war.
Bei der Betrachtung der Vergangenheit unserer Hei-
matgemeinde soll nicht so sehr allerlei Weisheit den Kopf
beschweren, vielmehr möge hiebei im Herzen jener christ-
liche Bürgersinn erstarken, der sich sittlich ver-
pflichtet fühlt, den Mitbürgern zu helfen, und im be-
scheidensten Opferdienst an seine Heimatsgemeinde und sei-
nen Mitbürgern mehr Befriedigung findet, als im höchsten
Geldlohn aus fremder Hand. Wir müssen weiter-
bauen!
1*
Juni 1926.
Hans Bator
(3m Auftrage der heimatkundlichen Arbeits-
gemeinschaft d. V. f. chr. E. W.)
,,Geschichte des Stiftes Wilten".
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Die Kirchen Wiltens
Bon Blasius Marberger O. Praem.
Wer vom Bergisel auf Innsbruck herabschaut, sieht zu
seinen Füßen das Prämonstratenserstift Wilten. Breit und
wuchtig stehen Kirche und Stift da. Östlich davon steht am
Ufer der Sill ein rundes, turmartiges Gebäude, Inntals
älteftes Kirchlein „St. Bartlmä". Weftlich vom Stifte er-
hebt sich die herrliche zweitürmige Wiltener Pfarrkirche.
Über Entstehung und Bauart dieser drei Kirchen will ich
erzählen.
1. Das Bartlmä-Kirchlein.
Das Rundkirchlein „St. Bartlmä in der Kammerau"
erstand in seiner ersten Bauform um das 8. Jahrhundert.
Frühzeitig hatte das Christentum durch römische Soldaten
auch in Beldidenas Gegend Einlaß gefunden. Wo immer
der wahre Glaube festen Fuß gefaßt hatte, erschienen dann
in späterer Zeit mehrmals Bischöfe, um feierliche Taufe zu
Spenden. Zu diesem Zwecke erbaute man eigene Taufkapellen
(Baptisterien). Diese waren meist ein Rundbau, der ein
großes Wasserbecken umschloß. Aus nahegelegenen Flüssen
leitete man mittelst Röhren das Wasser hinein. Die Taufe
geschah durch Untertauchen. Das Bartlmäkirchlein, in den
ältesten Urkunden auch „die Bischofkapelle im Kloftergarten"
genannt, ist nun auch eine solche bischöfliche Tauf-
kapelle.
Da sich durch oftmalige überschwemmung der Boden um
das Kirchlein herum erhöhte, ließ Abt Johannes Lösch im
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Jahre 1479 die Mauern erhöhen. Dabei wurde an Stelle
der früheren Holzdecke das jetzt noch erhaltene gotische
Sterngewölbe aufgesetzt. Die kleinen (romanischen) Fenster
wurden zugemauert, in die erhöhte Mauer kamen die jetzigen
gotischen Fensternischen, die Wände wurden mit zierlichen
Fresken, welche leider im Laufe der Zeit durch Feuchtigkeit
zugrunde gingen, geziert.
3m Jahre 1653 kam der gotische Altar weg und an
seiner Stelle steht seither ein Barockaltar aus Stuckmarmor
(Gips) mit der Statue des Apostels Bartholomäus. Die
zwei an den Wänden hängenden gotischen Reliefbilder
stammen aus der Kirche in Lans, die zwei Renaissancetafeln
aus der Veitskirche in Ampah. Ein Votivbild aus dem
Jahre 1646 veranschaulicht uns den Brand eines zum Stifte
gehörigen Wirtschaftsgebäudes. Das Wappen in der Mitte
des Gewölbes ist das des Ritters Jakob Trapp III., der
für den Umbau (1479) größtenteils aufkommen mußte.
An jedem Aposteltag ladet das im Türmchen befindliche
Glöcklein aus dem 14. Jahrhundert zum Besuche der Messe.
Das bisher ziemlich verlassene altehrwürdige Heiligtum
kommt letzter Zeit mehr zu Ehren, da der 1920 gegründete
„Jugendhort St. Bartlmä" daselbst wöchentlich
seine Andacht verrichtet.
2. Die Stifts- oder Laurenzikirche
An Stelle der heutigen schönen Stiftskirche stand vor
1400 Jahren eine schlichte Holzkirche zu Ehren des römischen
Märtyrers Laurentius († 258). Holzkirchen waren damals
in waldreichen Gegenden gebräuchlich. Der römische Dichter
Venantius Fortunatus berichtet, daß er auf seiner Reise
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nach Tour (in Frankreich) im Jahre 565 hier vorbeikam und
eine alte baufällige Laurenzikirche sah, die eben einer gründ=
lichen Erneuerung unterzogen wurde.
An dieser Kirche mußten sich gar bald Geistliche in
Form einer klöfterlichen Familie angesiedelt haben, denn im
8. Jahrhundert geschieht schon hievon Erwähnung.
Diese Versammlung von Klerikern" bildete den
Grundstock zum späteren Benediktiner-Kloster, bezw. im
12. Jahrhundert neu besiedelten Prämonstratenser-Kloster.
In den Überlieferungsbüchern des Fürstbischofs von
Brixen, dessen weltliche Gewalt sich fast ausnahmslos im
Inntal hinaus bis zur Melach (Sellrain) und hinunter bis
zum Ziller erstreckte, kommt schon um das Jahr 1000 der
Name Wiltina und später Wiltine, Wiltin oder
Wiltan vor.
Die ersten Mönche arbeiteten zu Gottes Ehre und des
Nächsten Wohl bis herauf zum 12. Jahrhundert, um dann
den von Norbert (1120) gegründeten Prämonstraten-
sern das Gebiet von Wilten zu überlassen. Der hl. Nor=
bert, Graf von Genepp, aus der Kölner Gegend stammend,
später Erzbischof von Magdeburg, hatte von Premontre (bei
Laon in Frankreich) aus seinen Orden bald über ganz
Deutschland verbreitet; auf seinen drei Reisen nach Rom
berührte er auch Wilten. Hier sah er, daß es not tat, das
Kloster neu zu besiedeln. Auf Einladung des Bischofs Re-
gimbert von Brixen berief er seine weißen Söhne aus dem
neugegründeten Kloster Roth in Württemberg hieher. Um
das Jahr 1138 übernahm der erste Propst Marchward, Nor-
berts Schüler, aus den Händen des Brixner Bischofes Kirche
und Kloster Wilten samt der Pfarrkirche und der weit aus-
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Abb. 9, St. Bartholomäus-Kirchlein
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Abb. 10, Einweihung der Stiftskirche im Jahre 1665
Ölgemälde von Stephan Röffler
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vergoldete Rapsel (in Gestalt einer Taube), worin das Aller-
heiligste verwahrt war, herab.
Es war im 15. Jahrhundert, als diese romanische Kirche
im gofischen Stile umgebaut wurde. Das Aller-
heiligste fand in einem Sakramentshäuschen Platz. Das
Sakramentshäuschen waren eine aus Stein gehauene, an
einer Säule angebrachte Nische, mit einem Gitter verschließ-
bar und gotischen, zierlichen Türmchen überragt. Außerdem
standen in der Kirche schöne Flügelaltäre, deren Bilder in
der Sammlung des Stiftes heute noch gezeigt werden. In
der Nähe eines Seitenaltares, welcher der Muttergottes
geweiht war, befand sich das Grabdenkmal des Riesen
Haymo, eine liegende Holzstatue, welche heute in der
Michaelskapelle (neben der Pfarrkirche) steht.
Im Laufe der Zeit machten fromme Bürger und
Adelige gottselige Stiftungen und so entstanden mehrere
Kapellen, vorne am Münster angebaut, wie uns das bei-
liegende Bild zeigt. Die (vom Beschauer aus) links dem
hohen Münster angebaute Kapelle ist die oben erwähnte
Siechenhauskapelle. Borne sehen wir die hl. Geist- und die
Aufensteinkapelle, rechts der Kirchenecke angebaut die turm-
artige Dreifaltigkeitskapelle.
Obwohl Kloster und Kirche öfter von Bränden heim-
gesucht wurden, änderte sich an der malerischen Lage der-
selben wenig. Doch das Jahr 1644 zerstörte gewalt=
sam dieses Bild und machte einem neuen Platz. Der
damalige Abt Andreas Mayr wollte die Gebeine des Riesen
Haymo finden. Zu diesem Zwecke ließ er die alte Siechen-
hauskapelle niederreißen und noch einige Schuh tief in die
Erde graben. Diese Untergrabung brachte dem alters-
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Schwachen Turme bedenkliche Klüfte bei; endlich am 3. De-
zember 1644 gegen Abend fiel er um und schlug die halbe
Kirche in Trümmer.
Nach reiflicher Überlegung entschloß sich Abt Andreas,
die Stiftskirche mit allen sie umgebenden Kapellen
niederzureißen, um an deren Stelle ein Gotteshaus
im damaligen Baustil (Barock) zu erbauen. Viel Arbeit er-
forderte das Niederreißen der starken Mauern, aus welchen
das fefte Fundament der neu zu erstehenden Kirche gelegt
wurde. Dank des starken Unterbaues konnten die späteren
Erdbeben der neuen Stiftskirche nichts anhaben, während
Innsbrucks Häuser und Kirchen große Schäden erlitten.
Interessant sind die Aufschreibungen über Verpflegung
und Besoldung der beim Kirchenbau bediensteten Arbeiter.
Gearbeitet wurde von 4 Uhr früh bis 7 Uhr abends. Die
Verpflegung war folgender Art: Um 7 Uhr Frühstück:
Ziegersuppe und ½ Laib Brot; um 11 Uhr Mittagessen:
Mus, Kraut, Gerste und ½ Laib Brot. Um 3 Uhr Jause:
Buttermilch oder abgerahmte Milch (im Sommer dafür ein
Stück Käse) und ½ Laib Brot. Um 7 Uhr Abendessen:
Rübenkraut oder Gerste und ½ Laib Brot. Als Taglohn
wurden 7 bis 9 Kreuzer ausbezahlt.
Erst unter dem Nachfolger Andreas, dem Abte Do=
minikus öhr (1651-1687), konnte der eigentliche
Kirchenbau beginnen.
Nach den vom Innsbrucker Hofbaumeister Christ o ph
Gump gelieferten Plänen nahm Meister Jörg Scheff-
ler von Krößburg die Arbeit in Angriff. Am 22. April
1651 fand die Grundsteinlegung statt. Erst am
9. Juli 1657 wurde der Dachstuhl aufgesetzt; doch leider
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hatte Meister Jörg schlecht gebaut, denn schon am 6. Sep-
tember stürzte das Gewölbe ein und begrub unter seinen
Trümmern sechs Arbeiter aus Hötting. Für den flüchtig
gewordenen Scheffler übernahm Hofmaurermeister Gal=
lus Appeller die Fortsetzung und Vollendung des
Baues. Endlich am 8. Oktober 1665 weihte der
Brixner Bischof Sigmund Alfons Graf Thun
im Beisein des Kaisers Leopold und des ganzen kai-
serlichen Hofes die Kirche. Ein im Stift befindliches Bild
von Stephan Köhler veranschaulicht diesen Akt. Von den
zwei geplanten Türmen konnte nur der nördliche vollendet
werden; die dem Turme vorgebaute Fassade stammt aus
dem Jahre 1716, vom Erbauer des Innsbrucker Landhauses,
Georg Anton Gump, ausgeführt. Seit dieser Zeit
blieb die Kirche fast unverändert bis zum heutigen Tag er-
halten.
Nun beobachten wir die Kirche näher. Die zwei Sta=
tuen Haymo und Thyrsus vor dem Portal sowie die auf
dem Giebel befindlichen, etwas grob gearbeiteten Figuren
schnitzte der Innsbrucker Bildhauer Nikolaus Moll; die
seit 1907 neue Kirchtüre führt uns ins 3nnere der in
ernster Stimmung gehaltenen Kirche. Hier fällt uns das
schöne geschmiedete Eisengitter auf, welches den Vor-
raum vom eigentlichen Kirchenschiffe trennt. Es ist vom
Wiltener Schlossermeister Adam Neyer im Jahre 1709 her-
gestellt. Die hohe Kirche ist mit Stukkatur reichlich vom
Italiener Bernhard Pasquille geziert und vom Ti-
roler Raspar Waldmann in den Jahren 1702-1707
mit noch frisch erhaltenen Fresken ausgemalt. Die Fresken
im Mittelschiffe sind folgende: Ober dem Musikchor musizie-
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rende Engel, das erste Bild ober dem Hauptschiffe der
Martertod des hl. Stephanus, das nächstfolgende das Mar-
tyrium des hl. Laurentius in Rom (i. J. 258), das dritte
Bild: der hl. Norbert empfängt aus der Hand der Mutter-
gottes das Skapulier. Ober dem Presbyterium (Priester-
raum) erblicken wir Maria Himmelfahrt, umgeben von den
vier Evangelisten: Matthäus Markus, Lukas und Jo-
hannes, und den vier lateinischen großen Kirchenvätern:
Hieronymus, Gregorius d. G., Ambrosius und Auguftinus.
Die ober den zu beiden Seiten des Presbyteriums einge=
bauten Emporen befindlichen Bilder zeigen uns die Prämon-
Stratenser-Heiligen Gilbert, Evermod, Gottfried und Her-
mann Josef. Die ober und gegenüber den Seitenaltären an-
gebrachten Gresken beziehen sich auf den betreffenden Altar.
Nun machen wir einen Rundgang und beginnen links
beim Eingang. Der erste linke Seitenaltar zur
hl. Anna, der jüngste von allen, ist vom oben erwähnten
Nikolaus Moll gebaut. Ursprünglich stand hier ein Mar-
moraltar, gestiftet von Herrn v. Freising; da er im Verhält-
nis zu den anderen Seitenaltären zu klein war, wurde er ent-
fernt und steht jetzt als Ottilienaltar in Hl. Wasser. Das
kleine Altarbild „St. Anna" befand sich einft im Besitze der
heiligmäßigen Nonne Juliana Maria v. Kreuz in Rovereto,
von ihrem Vater ausgeführt. Da das Bild für den neuen
Altar zu klein war, machte der Tiroler Maler Anton Steidl
1719 die Umrahmung dazu; ober dem Altare das Fresko:
Marias Darstellung durch Joachim und Anna im Tempel.
Dem Altare gegenüber hat Waldmann dargestellt, wie durch
die Fürbitte der hl. Anna die Stadt Innsbruck beim Einfalle
des bayrischen Kurfürsten Max Emanuel (i. J. 1703) ge=
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rettet wurde. Auf diesem Bilde sehen wir die gotische
Pfarrkirche und die jetzige Stiftskirche noch ohne dem
Fassadenvorbau.
Das Bild des nächsten Altares, „Die Aus=
sendung der Apostel", wurde vom Tiroler Maler
Matthias Bußjäger (1716) hergestellt. Das Fresko ober
dem Altare zeigt Maria die Unbefleckte als Königin der
Apostel; das dem Altare gegenüber befindliche Bild ver-
anschaulicht die Bekehrung des hl. Paulus.
Der dritte Altar enthält eine gute Ropie nach
Raffael (Madonna von Foligno) von Michael Andersag:
Johannes der Täufer mit andern Heiligen zu Füßen
Mariens. Ober dem Altare sehen wir die Taufe Jefu, gegen-
über die Enthauptung des hl. Johannes.
Wir kommen nun ins Presbyterium: die schönen
hellbraunen Chorstühle, gearbeitet vom Innsbrucker
Hofbildhauer Ulrich Klieber, fanden im Jahre 1791 hier
Aufstellung. An ihrer Stelle standen vorher an den Pfeilern
angelehnt die zwei kleinen Alt är chen, die sich jetzt neben
dem Hochaltar befinden; deren Altarbilder, der sel. Her=
mann Josef, Prämonstratenser im Kloster Steinfeld, und der
hl. Nährvater Josef, malte August Liebherr aus Innsbruck
(1768).
Majestätisch erhebt sich der Hochaltar, vielleicht
Tirols größter dieser Art. Erbauer desselben sowie der
Seitenaltäre (mit Ausnahme des Annaaltares) ist Paul
Huber, Hoftischler in Innsbruck. Das große Altarbild,
Maria die Rosenkranzkönigin mit dem hl. Dominikus und
der hl. Katharina v. Siena, zu ihren Füßen die beiden Stifts-
patrone Stephanus und Laurentius, wurde vom Innsbrucker
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Meister Agid Schor (1671) ausgeführt. Die überlebens-
großen vergoldeten Holzstatuen stellen uns vor: Norbert,
Augustin, Raffian, Vigilius, letztere zwei Patrone der Diö-
zesen Brixen und Trient. Im Giebelaufsatze sehen wir den
Thron Salomons. Sechs Stufen, zu beiden Seiten mit
vergoldeten Löwen besetzt, ziehen sich hinauf zum Throne.
Hier sitzt der Friedensfürst des Neuen Bundes, Jesus Chri-
stus. Diese sinnreiche Darstellung wurde nach Entwürfen
der Brüder Hans und Ägid Sch or vom Innsbrucker
Bildhauer Ferdinand Fries ausgeführt; einst stand
hier oben zu Füßen des thronenden Christus ein Altar und
Abt Dominikus Löhr berichtet öfter in seinem Tagebuche:
,,Heute bei den Löwen Messe gelesen." Seit 1923 wird zu
Weihnachten eine auf Holz gemalte Krippendarstel=
lung aufgestellt, gemalt von Raphael Thaler in
Pradl.
Die Kanzel mit auf Gotteswort sich beziehenden
Reliefbildern (der Sämann, der reiche Fischfang) wurde um
die Mitte des 18. Jahrhunderts neu aufgestellt.
Nun beschauen wir uns die andern drei Seitenaltäre des
Schiffes.
Am Kreuzaltar steht das große andachterregende
Kruzifix; es stammt noch aus der gotischen Kirche (zirka
1510). Der reichvergoldete Tabernakel mit dem Herz-Jesu-
Bruftbilde wurde 1911 aufgestellt; es ist nach den Ent-
würfen des Architekten Roman Pircher in Innsbruck
ausgeführt ebenfalls von drei Innsbrucker Meistern:
Winkler, Beiler und Peintner. Das Fresko
über dem Altare zeigt uns die eherne Schlange als Vorbild
des Erlösers am Kreuze; dem Altare gegenüber erblicken
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wir die Auffindung des hl. Kreuzes durch Kaiserin Helena
(4. Jahrh.).
Das Bild des Norbertialtares, der hl. Norbert
und Augustin zu Füßen Mariens, malte Balthasar
Renn, der dem Stifte gegen 30 Bilder lieferte, die jetzt die
Gänge des Klosters schmücken. Das Fresko über dem Altare
stellt die Hinwegnahme des Propheten Elias, das gegenüber
dem Altar: St. Norbert und St. Bernhard vor Kaiser
Lothar. Zwei an der Mauer angebrachte Grabsteine künden
die Namen der Abte, deren Leiber in der Gruft zu Füßen
des Altares ruhen.
Das Bild des Ursula altares, lebhaft und farben-
frisch, stammt vom Innsbrucker Maler Anton Steidl.
Zur Rechten befindet sich in einer Mauernische ein Re-
liquiar, enthaltend ein Gebein der hl. Ursula; bei Prozessio-
nen wurde früher dieses kostbare Heiligtum umgetragen.
Die Gebeine der hl. Ursula deckte der hl. Norbert zu Köln
auf, wie uns das dem Altare gegenüber befindliche Fresko
zeigt; über dem Altare erblicken wir die fünf klugen Jung-
frauen als Vorbilder der hl. Jungfrau und Martyrin Ur-
Jula und ihrer Gefährtinnen. Mit den Reliquien wird am
Sonntage nach ihrem Feste (21. Oktober) der sogenannte
,,Ursula Segen" erteilt.
Unter der von Johann Gröber aus Innsbruck im Jahre
1836 erbauten Orgel befindet sich das sogenannte Prä=
latenchört, dessen Deckengemälde „Maria Verkündi-
gung" ebenfalls von Waldmann stammt.
Erwähnenswert ist das im Volke bekannte, künstlerisch
ausgeführte „Heilige Grab". Es hat die ganze Höhe
und Breite des Hochaltares. Reine modernen Grabkugeln
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erfreuen die Kinder, sondern tausend verborgene Lämpchen
erleuchten die Szenerien; es dürfte wohl das größte Heilig-
Grab in Tirol und weit darüber hinaus sein. Ausgeführt
(nach Entwurf des Architekten Johann Martin Gump)
von Ferdinand Schor, kam es 1709 das erstemal, 1909
das letztemal zur Aufstellung. Wegen der Gefahr für das
Leben der Arbeiter und der großen Unkosten, wird es sehr
Jelten aufgemacht.
Endlich sei noch ein im Chortürmchen hängendes
Glöcklein aus dem Jahre 1444 erwähnt.
So haben Wiltens Abte in der Stifts=
kirche vonjeher bis herauf zur Neuzeit die
Heimatkunst gefördert; heimatliche Mei-
ster konnten uns so ihre Werke hinterlassen,
welche ein schönes Zeugnis ablegen vom
schaffensfreudigen, kunstliebenden Tiro-
lervolke
3. Die Pfarrkirche Wilten
Die Pfarrkirche, auch Frauenkirche genannt,
kam bei Neubesiedelung des Stiftes, also sicher vor 1138
unter die Obhut der Prämonstratenser. Von da ab wurde
sie gar bald Gründerin und Mutter folgender in alten Ur-
kunden erwähnten Kirchen: St. Jakob in der Au (die
heutige Stadtpfarrkirche in Innsbruck), St. Moritam
Inn (einst in der Nähe der Ottoburg), St. Sebastian
(Mutters), St. Michael (Natters), St. Jodok (Völs)
und St. Siegmund im Tal (Sellrain).
Anmerkung: Näheres über die Stiftskirche siehe H. Schuler „Die
Stiftskirche des heiligen Laurentius in Wilten", Innsbruck, Vereinsbuch-
handlung 1920.
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Aus noch vorhandenen Urkunden entnehmen wir, daß
schon im 13. Jahrhundert die Verehrung Mariens von den
Prämonstratensern in besonderer Weise gepflegt wurde;
jeden Mittwoch begab sich die Geistlichkeit mit dem Volke
in Prozession vom Stift aus in die Pfarrkirche. Sicher
stand daselbst damals schon ein hochverehrtes Muttergottes-
bild. Die heutige auf dem Hochaltar befind-
liche Statue,,Maria mit dem Kinde" stammt
aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts und ist
aus Sandstein oder Steinguß gearbeitet.
Des immer mehr wachsenden Volkszulaufes wegen
wurde die Kirche zu klein und so finden wir im Jahre 1309
ein neu erbautes romanisches Gotteshaus mit drei
Apsiden. In der mittleren Apside stand der Ziboriumaltar
mit dem Gnadenbilde (daher der Name,,Maria unter den
vier Säulen").
Außer diesem der Muttergottes und allen Heiligen ge=
weihten Altar finden wir, wie uns der eifrige Stiftschronist
Adalbert Tsch av eller berichtet († 1749), einen
Seiten altar, dem Apostel Andreas und der
Jungfrau Margareta geweiht. Der andere Seiten-
altar dürfte zu Ehren des hl. A chatius und Gefährten
geweiht gewesen sein, da das Kirchweihfest im Jahre 1311
auf den Achatiustag (22. Juni) festgelegt wurde. An der
südlichen Kirchenecke erhob sich der hohe, starke
Glockenturm.
3m 14. Jahrhundert wurde die Kirche durch Zubau
eines gotischen Chores (Priesterraum) vergrößert.
Hiebei ließ der damalige Abt Alexius Stoll ein neues
(gotisches) Gewölbe einsetzen, die Fenster vergrößern und
2 Wilten II
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zierliche Flügelaltäre aufstellen. Einige Tafelbilder aus
dieser Zeit sind noch in der Bildersammlung des Stiftes
erhalten. Auch ein marmornes Sakramentenhäuschen
zierte das Gotteshaus.
Die Berehrung zu Maria unter den vier Säulen wuchs
so stark, daß von nun an auch an jedem Mittwoch
eine Prozession stattfand. Als im Jahre 1469 das Stift
auch Anteil an der Ausbeute der Schwazer Silbergruben
erhielt, wurde der Gnadenaltar reichlich verziert und eine
große Anzahl wertvoller Weihgeschenke in der Kirche auf-
gehängt.
1
Welch Vertrauen man der Wiltener Muttergottes ent-
gegenbrachte, beweisen die vielen Bittgänge in schwerer
Zeit; so z. B. unternahm die Stadt Innsbruck bei der
Türkenbelagerung Wiens (im Jahre 1529) hierher eine
Wallfahrt. Hohe Persönlichkeiten besuchten in schweren
Anliegen die Gnadenftätte. So Erzherzog Friedl
mit der leeren Tasche († 1439), dessen Botivbild
heute gegenüber der Kanzel hängt; Philippine
Welser († 1580), Gemahlin des Erzherzogs Ferdinand II.;
Erzherzogin Anna († 1676), Gemahlin des Landes-
fürsten Ferdinand Karl; die Familie des berühmten
Türkenbesiegers Karl Leopold von Loth-
ringen, welcher 1670-1690 Statthalter von Tirol war.
Auch das Volk strömte aus nah und fern herbei, ja
ganze Gemeinden kamen sechs bis sieben Stunden entfernt
nach Wilten. Heute noch kommen am Bittmittwoch unge-
fähr zehn Seelsorgsgemeinden, darunter auch Innsbruck,
hieher.
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3m 17. Jahrhundert, als man die Kirche teilweise
restaurierte, wurden die ersten Barockaltäre aufgestellt.
Tschaveller erwähnt, daß man damals bei Anlegung einer
Totengruft auf eine aus Roppen (Backsteine) fest zu=
Jammengefügte Mauer gestoßen sei (vielleicht über-
refte des einstigen Befestigungswerkes Beldidena).
Um diese Zeit finden wir an der Nordseite der Kirche
eine große dem hl. Johannes geweihte Kapelle angebaut.
Wegen zunehmender Baufälligkeit der alten Kirche ließ
Abt Martin v. Stickler am 14. September 1727 das
Bild der Muttergottes unter großer Beteiligung
des Volkes in die Stiftskirche übertragen und daselbst
am Norbertialtar aufstellen. Während der Übertragung
krachten die Pöller, läuteten die Glocken und Psalmen-
gefänge erschollen. Die Wiltener Felder waren bis zum
Fuße des Bergisels mit Andächtigen besetzt und manch
Auge wurde naß, als die liebe Mutter ihr altes Heim ver-
lafsen mußte. Der Pfarrgottesdienst wurde von da ab in
der Stiftskirche gehalten. Unterdessen hatte man sich
entschlossen, die dunkle und niedere Pfarrkirche gründlich
zu restaurieren. Am 26. Februar 1728 begann man
mit dem Umbau. Das gotische Gewölbe wurde einge-
Schlagen, die Säulen des Kirchenschiffes entfernt und die
Mauern um acht Schuh (zirka 2½ Meter) erhöht. Es
wurde ein Scheingewölbe auf Latten mit Barockornamenten
aufgebaut, das stehengebliebene Gewölbe des Priesterchores
demselben angepakt. Wie uns das Botivbild in Sankt
Bartlmä aus dem Jahre 1646 zeigt, stand an der nordwest-
lichen Kirchenecke an die Johanneskapelle angebaut ein
eigener hölzerner Turm für die große Löfflerglocke.
2*
Der
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damals in Navis, bestimmt. Der hochw. Herr ist Erbauer
folgender 14 schönen Kirchen: Arzl bei Innsbruck, Weer-
berg, Schönberg, Fulpmes, Gschnitz, Schmirn, Telfes, Ober-
tilliach, Anras, Gossenfah, Steinach, Neustift im Stubai,
Englische Fräulein in Brixen und endlich Wilten.
Am 9. März 1751 wurden die Altäre entfernt und sie
kamen in verschiedene Landkirchen. So steht deren einer
als Hochaltar im Blasiuskirchlein zu Böls. Nach Heraus-
nahme des Kirchenpflasters begann man mit der Beseiti-
gung des Turmes. Er war infolge seines hohen Alters
schon sehr schadhaft geworden. Schon Abt Johannes v. Grei-
fing hatte ihn im Jahre 1690 mit Eisenreifen umspannen und
Eisenschleudern durchziehen lassen. Innen war er bis zur hal-
ben Höhe mit einer jüngeren Mauer ausgefüttert, die seine
einzige Stütze bildete. Nach langer Überlegung und Entfer-
nung der Glocken nahm man die Ausfütterung heraus, um so
den Turm von selbst zum Falle zu bringen. Diese Arbeit war
halb geschehen, da machte der altersschwache Turm einen
Bückling gegen Süden, sah etwas zusammen und stürzte
endlich am Karfreitag (9. April 1751) während der Trauer-
mette mit der Spitze in das südlich befindliche Ackerfeld. In
dem auf der Turmspitze befestigten zinnernen Engel, dessen
zersprungene Höhlung den Dohlen als Nest gedient hatte,
fand sich ein hölzernes Kästchen, inhaltend mehrere latei-
nische Gebete, vor. Wie eine Anmerkung meldet, war der
romanische Turm unter Abt Alexius im Jahre
1485 erneuert (gotisiert) worden. Nun begann man
mit dem Abreißen der Kirche und dem Herbeiliefern
des Baumaterials. Als Arbeiter wurden zumeist Berg-
knappen aus Schwaz und Gossensaß verwendet. Auch das
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weibliche Geschlecht half wacker mit. Zwanzigmal des
Tages zogen Frauen und Mädchen die schwersten Lasten
vom Ferrari-Steinbruch herab und waren mit 9 Kreuzer
Löhnung und Verköftigung im Leithaus (Stiftsherberge)
zufrieden. An ihrer Spitze stand eine besonders kräftige
Person, wegen ihrer Stärke „Roßlies" genannt. Das Bau-
holz lieferte der Stiftswald ober dem Landgute Gallwies
(Schloß Mentelberg), den Sand der Reselebauer. Rüstig
schritt die Arbeit vorwärts, so daß Abt Norbert im Bei-
Jein der Adeligen, der Wiltener Schützen in roten Röcken
und vielen Volkes die feierliche Grundstein-
legung am Feste des hl. Norbert (11. Juli 1751) vor-
nehmen konnte. Bisher hatte das Stift für Abreißen,
Materiallieferung usw. 4950 Gulden & Kreuzer (1 Gulden
= 60 Kreuzer) ausgegeben. Die Arbeit ging so weit vor=
wärts, daß zu Anfang der rauhen Witterung (21. Oktober)
ein Großteil der Kirche und der beiden Türme stand. Wäh-
rend des Winters brannte man Ralk, schaffte Steine und
Holz herbei. Die in der Stiftsalpe Lifens geschlagenen 30
Zirbelkiefern wurden zu Bretter geschnitten, von den Be-
wohnern des Sellraintales, des Mittelgebirges und der
Gemeinde Völs freudigst um Gotteslohn herbeigeschafft.
Als Planzeichner und Bildhauer betätigte sich
Josef Stapf von Füssen, welcher mit dem damaligen
Stifts prior Thomas Jenner von Fennberg
dem Baumeister Penz kräftig zur Seite stand. Als
Maurermeister wird der Innsbrucker Umhauser
erwähnt. Endlich im Jahre 1756 konnte die herrliche
Kirche zu Ehren der „Unbefleckten Empfängnis Mariä"
eingeweiht werden.
22
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Nun beschauen wir uns noch kurz die Kirche. Maje-
stätisch blickt die zweitürmige Faffade mit dem von Säulen
und Engeln geschmückten Portal gegen das Oberinntal. Das
Innere der Kirche zeigt im Gegensatze zur ernstgehaltenen
Stiftskirche die helle Freude des im 18. Jahrhundert belieb-
ten Rokokoſtiles. Sie ist die höchste Blüte dieser Bauweise
und wurde in den nächsten Jahrzehnten für fast alle Kirchen-
bauten der Diözese Brixen vorbildlich. Reiche Stukka-
tur, wahrscheinlich von F. X. Feichtmayr aus Wesso-
brunn, umrahmt zierlich die freundlichen Fresken. Diese
sind Werke des Augsburger Malers Matth. Gündter
(1754), der auch die Götzner Kirche und die Schloßkapelle in
Mentelberg ausmalte. Die zwei Kuppelbilder zeigen uns
Vorbilder Mariens der Unbefleckten: Esther und Judith,
während das ober dem Hochaltar befindliche Bild uns die
Weihe der Kirche an die himmlische Fürsprecherin darstellt.
Die ober den vier Seitenkapellen befindlichen Fresken ver-
anschaulichen uns weitere Vorbilder Mariens, nämlich: die
starken Frauen des alten Bundes Jael, Ruth, Abigai und
Bethsabe. Die Bilder an den Seitenwänden beziehen sich
auf die Seitenaltäre: der Tod des hl. Josef, die Berufung
des Apostels Andreas, der hl. Johannes v. Kreuz und die
hl. Theresia, die Enthauptung der hl. Katharina. Ober dem
Orgelchor ist die uralte Ortslegende verewigt: christliche
römische Soldaten verehren zu Beldidena ein Muttergottes-
bild.
Über das gotische Gnadenbild am Hochaltar, welches bis
in die neuere Zeit herauf im Geifte des 18. Jahrhunderts
mit reichgesticktem Kleide unschön verhüllt war, erhebt sich
der im Rokokostil gehaltene Ziboriumaufbau: vier Mar-
23
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morfäulen verbinden sich oben im kühnen Schwunge zu einer
Riefenkrone. Altar und Aufbau stammen aus der
Hand des Franz R. Fischer aus Füssen. Die nach den
vereinfachten Entwürfen Stapfs erbauten Seitenaltäre mit je
zwei Marmorstatuen innerhalb der Säulen enthalten folgende
herrliche Bilder: St. Josef und St. Theresia von Michel-
angelo Unterberger (1756), St. Andreas und St.
Ratharina von Joh. Georg Grasmair.
Die
Schwungvolle Kanzel wurde 1755 aufgestellt. Die großen
Kreuzwegstationsbilder, gemalt von Balthasar Riep
(1737), zierten schon die frühere Kirche. In neuester Zeit
wurden zu beiden Seiten des Kommuniongitters die Statuen
Herz Jesu und Herz Maria, Werke des Bildhauers Alois
Winkler in Innsbruck, angebracht. Die zwei an den
Kirchenstühlen stehenden Kruzifixe stammen vom Tiroler
Rünstler Franz Pendl († 1859). Leider stören die zu
grell gehaltenen und nicht mit dem Kirchenstil übereinstim-
menden Glasgemälde das kunstgeübte Auge.
Noch zu erwähnen wären einige interessante Votiv=
tafeln: Ein Rummernusbild aus dem Jahre 1650 und das
Schon erwähnte Votivbild des Herzogs Friedl mit der leeren
Tasche und seines Freundes Hans Wilhelm von Müllinen
(1418). Von den Grabdenkmalen feien u. a. ge-
nannt das des Ferdinand Grafen v. Bissingen († 1831) und
des Malers Grasmair. Quer unter der Kirche birgt eine
helle Gruft die sterblichen Überreste vornehmer Persön-
lichkeiten. Der am 19. Mai 1922 verstorbene Abt Adrian
Zacher war der letzte, der hier seine Ruhestätte fand.
Zur Verschönerung des Gottesdienstes tragen Orgel
und Glocken das ihrige bei. Erstere wurde im Jahre 1892
24
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vom Orgelbauer Franz Reinisch aus Steinach auf-
gestellt. Der grause Weltkrieg hatte die von Johann
Grahmair gegoffenen Glocken größtenteils geraubt. Die
große, herrliche B-Glocke blieb durch die Gunst des volks-
freundlichen Kaisers Rarl nebst zwei kleinen Glöcklein
erhalten. Wiltens Bürger verschafften in letzter Zeit der
Liebfrauenkirche ein neues Geläute. Durch die eifrige Arbeit
eines löbl. Glockenkomitees, an dessen Spitze Obmann
M. Winkler und Kassier A. Hörtnagl standen,
gingen die drei schönen Glocken aus der Firma Grah=
mair hervor. Die dem Stile der Kirche angepakten Ver-
zierungen an denselben zeichnete Architekt Roman Pir-
cher von Innsbruck und modellierte 3. Wirtem-
berger von Absam. Unter großer Beteiligung und
Freude der Wiltener Einwohner weihte Abt Heinrich
Schuler am 16. März 1924 die gut klingenden Glocken.
Redaktionelle Anmerkung: Mit Absicht wurde eine leichtfaßliche Form
der Darstellung gewählt, da dieses Buch in weiten Volkskreisen verbreitet
werden soll.
Anmerkung: Benützte Quellen: Adalb. Tschaveller,,Uralter Gnaden-
thron...." 1733, Kempten bei Joh. Mayr. Adrian Zacher,,Das
Prämonstratenserstift Wilten" Wörl, Würzburg-Wien 1882.- Monats-
rojen XXVI. u. XVIII. Jahrg., Jnnsbruck, Vereinsbuchhandlung 1895-97.
Heinrich Schuler „Das Bartholomäuskirchlein in Wilten", Innsbruck,
Vereinsbuchhandlung 1913. Heinrich Schuler: „Die Stiftskirche zum
heiligen Laurentius in Wilten", Innsbruck, Vereinsbuchhandlung 1920. -
Dr. Jof. Weingartner: „Die Kirchen Jnnsbrucks", Hölzel, Wien 1921.
Persönliche Mitteilungen durch hchwft. Herrn Abt Heinr. Schuler
und hochw. H. Archivar Franz Danner im Stifte Wilten.
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Die Kapelle zur schmerzhaften Mutter
auf der Gallwiese
(Mentelberger Schloßkapelle)
Von Dr. Josef Ringler
Die Kapelle zur schmerzhaften Mutter auf der Gallwiese
verdankt ihre Bedeutung als Wallfahrtsstätte dem Obersten
Christoph von Rhuepach, der das einst vielverehrte Gna-
denbild im Jahre 1640 aus der Gegend von Ulm nach Tirol
brachte und in der von seinem Vater Ferdinand von Khue=
pach neu gebauten Kapelle auf der Gallwiese aufstellen ließ.
Christoph von Khuepach hatte das Gnadenbild in einer seit
den Tagen der Reformation völlig verödeten Waldkapelle
gefunden und mit zwei anderen Statuen, einer hl. Ratha-
rina und Barbara, an sich gebracht. Am 4. Dezember 1678
wurde die neu restaurierte Kapelle, die inzwischen mit dem
ganzen Anwesen vom Stifte Wilten erworben wurde, von
dem Brixner Fürstbischof Paulin Mayr geweiht. Ende der
Sechzigerjahre des 18. Jahrhunderts wurde unter Abt
Joseph von Lizzi Ansitz und Kapelle neu gebaut und letztere
am 5. September 1770 durch den Brixner Weihbischof
Romed Grafen Sarnthein neu konsekriert. Bei dem Neubau
dürften die beiden Statuen der hl. Katharina und Barbara
entfernt worden sein und sind seitdem verschollen. Das
Gnadenbild hingegen gelangte in der neuen Kapelle am
Hochaltar zur Aufstellung. Unter der Obhut des Stiftes
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Wilten erfreute sich die Kapelle auf der Gallwiese einer be-
sonderen Liebe bei der Bevölkerung Innsbrucks und dessen
Umgebung, bis im Jahre 1810 die Bayern Kapelle und An-
sitz an den damaligen Pächter Severin Leis verkauften und
so mit dem Übergang in Privatbesitz die Wallfahrt allmäh=
lich einschlief.
Zu dem Kirchlein, das oberhalb des Schlosses auf dem
nach Norden abfallenden Hügel liegt, führte einst eine
Steintreppe hinan, wie wir aus alten Abbildungen im
Schlosse und Votivtafeln in der Kapelle ersehen können.
Die Treppe ist heute nicht mehr vorhanden, an ihre Stelle
ist ein wohlgepflegtes Blumenbeet getreten. Von dem
Platze vor der Kirche genießt man einen schönen Ausblick
auf das Inntal und die Nordkette mit dem Solstein. Das
Äußere der Kirche ist ganz einfach gehalten, nur die Schau-
seite weist durch vier schwach aus der Fläche vortretende
gemauerte Pilaster eine bescheidene Gliederung auf. Ein
gerade durchlaufender, obenhin leicht gekehlter Gebälkftrei-
fen stellt die Verbindung mit dem geschwungenen Giebel
und dem niederen, mit einer Haube bekrönten Fassaden-
türmchen her. Das steingerahmte Rundbogenportal wird
auf gemeinsamem Sockel von zwei übereckgestellten Pilaster-
paaren mit isolierten Gebälkstücken flankiert. über dem mit
dem Khuepachschen Wappen gezierten Reilstein liegt eine
flachgezogene Volute mit einer Konsole, die die Statue eines
Engels trägt. Darüber das flachbogige Mittelfenster. Ihm
entsprechen in den seitlichen Feldern zwischen den Pilastern
zwei Nischen mit Engeln. Die weißgestrichenen Holzstatuen
stammen aus der Zeit der Erbauung der Kapelle. Unterhalb
der Nischen zwei Rechteckfenster, im Aufsatz ein Rundfenster
mit darüber aufgebogenem Simsband. An den glatt ver-
27
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putzten Langseiten zwei rundbogige und drei flachbogige
Fenster. Das Innere der Kirche macht einen freundlichen,
ruhigen Eindruck. Dem annähernd quadratischen Kuppel-
raum ist ein tonnengewölbtes Vorjoch mit seichten Stich-
kappen vorgelagert, das die kleine auf zwei Säulen ruhende
Empore aufnimmt. Die Quer- und Längsgurte, zwischen
denen das Gewölbe eingespannt ist, ruhen auf kräftig ein-
gezogenen und konkav ausgeschwungenen Pfeilern. Der ge-
rade schließende Chorraum ist in der Breite des inneren
Abstandes der Pfeiler durch eine flache Ruppel überwölbt
und wird von zwei schmalen Querarmen begleitet, die durch
die Aufnahme der Oratorien zweigeschossigen Charakter er-
halten. Den Pfeilern sind zierliche Pilaster mit gerade
durchlaufendem, nur in der Mitte über den Wandbildern
sich auflösendem Gebälk vorgelagert. Die Fenster des zen-
tralen Ruppelraumes sind mit dem durch einen stukkierten
Rahmen umschlossenen Wandbild zu einer rhythmischen
Gruppe zusammengefaßt. An den Kapitellen und Gewölbe-
zwickeln, am Thorbogen und an den Fenstern finden sich
einfache, flott hingesetzte Stukkaturen. Die Gewölbe wur-
den laut Inschrift im Jahre 1770 von Matthäus Günther
aus Augsburg mit Fresken geschmückt, und zwar wurde
im Chore die Kreuzabnahme, im Schiff die Kreuzigung und
über der Empore die Grablegung zur Darstellung gebracht.
Die Wandbilder zeigen St. Josef mit dem Jesusknaben und
Johannes den Täufer.
Von der inneren Ausstattung ist, abgesehen von den
Malereien Günthers, von denen noch die Rede sein wird,
der glänzend komponierte Altar hervorzuheben. B. Riehl
vermutet in dem skupturalen Schmuck die Hand Ignaz
Günthers, des ausgezeichneten Münchener Rokokoplasti-
28
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kers, der verschiedentlich mit Matthias Günther zusammen-
gearbeitet hat. Leider ist gegenwärtig die farbige Wirkung
des Altares, die auf den Zusammenklang von gebrochenem
Weiß, Grau, Grün und Gold abgestimmt ist, durch das rote
Tapetenmuster der Wandfläche stark beeinträchtigt. Der
Altar ist aus Holz verfertigt. Vor dem die ganze Breite
der Rückwand einnehmenden Sockel- und Zwischengeschoß
(Predella) steht die Sarkophagmensa mit dem von seitlichen
Boluten umrahmten Tabernakel. Den Mittelpunkt des
Aufbaues bildet die verglaste Rundbogennische mit dem
Gnadenbild. Seitlich davon erheben sich auf hohen Posta-
menten die grün marmorierten Säulen vor Pilastern mit
vergoldeten Kapitellen, geschweiften Gebälkstücken und den
flott geschnitten Engeln. Rechts und links vom Säulen-
aufbau St. Barbara und St. Katharina, innerhalb auf der
in Voluten auslaufenden äußeren Umrahmung der Nische
Engel mit Dornenkrone und Geißel. Im Mittelpunkt des
reichen, durchbrochenen Auffates thront Gottvater mit der
Weltkugel auf von goldenen Strahlen durchzucktem Gewölk.
Einige vorzüglich gearbeitete Kinderengel (Putten) und
Engelköpfchen sind auch noch da und dort zur Bereicherung
des Ganzen hinzugefügt.
Die Kanzel und das rocaillebekrönte Gitterwerk der
beiden Oratorien sind im Gegensatz zum Altar ganz in Weiß
gehalten mit sparsamer Vergoldung. An der flachgeschwun-
genen Kanzelbrüstung ist im Relief der gute Hirte, am
Schalldeckel der Posaunenengel zur Darstellung gebracht.
Die Stationen sind ein unbedeutendes Malwerk aus dem
Ende des 18. Jahrhunderts. Als Station XIII dient das
Gnadenbild selbst. Dieses, ein kleines, ausdrucksvolles Holz-
bildwerk, gehört dem Anfang des 16. Jahrhunderts an.
29
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Die Gruppe der Mutter mit dem Leichnam ihres Sohnes
ist gut zusammengehalten. Die starke innere Erregung, der
wilde Ausdruck des Schmerzes ist überwunden, eine ruhige,
verklärte Stimmung erhebt die Gruppe zum typischen An-
dachtsbild. Malerisch umschließt das weiße Kopftuch das
Antlitz der Mutter, ein tiefer Schatten breitet sich über
Stirne und Augen, während um den Mund ein letztes
Schmerzerfülltes Jucken spielt. Der Körper der Mutter tritt
in seiner Funktion völlig zurück. Malerisch geordnete
Faltenbausche umspielen Schoß und Unterschenkel. Weich
liegt der Leichnam mit dem ausdrucksvollen Kopf hingebettet.
Der Meister, der dies Bildwerk geschaffen, hatte ein gutes
Vorbild in Erinnerung, an das er sich gehalten hat. Gewisse
Unklarheiten in der Führung der Faltenzüge und Unbe-
stimmtheiten in der Bildung der Partien um Mund und
Nase im Kopf der Mutter laffen ihn als einen nicht ganz
Jelbständigen Künstler erkennen.
Das Gnadenbild der schmerzhaften Mutter gab das
Programm für die Ausstattung des ganzen Kirchleins, das
seiner ganzen Gestaltung nach ebenso, wenn auch in viel
bescheidenerem Maße wie anderwärts, der Ausdruck der
am Ende des 18. Jahrhunderts herrschenden künstlerischen
Ideen war. In unerreichtem Glanze und märchenhafter
Schönheit ist dieses Wollen oft in ganz kleinen schwäbischen
und bayerischen Land- und Wallfahrtskirchen zum Ausdruck
gekommen. Die Kapelle auf der Gallwiese wird in erster
Linie durch die flotten Fresken Günthers zu künstlerischer
Bedeutung emporgehoben. Aber auch in der architekto-
nischen Gestaltung spiegelt sie den Zeitgeschmack wieder,
dessen Ideal der Einheitsraum war. Der von vier Pfeilern
getragene Ruppelraum ist Raummittelpunkt. Vorjoch und
30
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Chorraum sind ihm angegliedert. Das im Ruppelraum ge=
sammelte Licht verstärkt diesen Gedanken. Das Streben
der Zeit nach Raumerweiterung ist durch die illusionistische
Deckenmalerei und durch die Auflösung der Wände auch
die Wandbilder wirken in dem Falle als Durchbrechung der
Fläche - zum Ausdruck gebracht.
Die Fresken Matthäus Günthers stammen aus der
letzten Schaffensperiode dieses ungemein viel beschäftigten
Meisters, der fünf Jahre später in den Fresken zu Götzens
noch einmal in unserem Lande, in dem er eine Reihe von
Kirchen geschmückt hat, zu einem großen und hochbedeuten-
den Werke ausholte. Die Aufgabe, der in unserem Galle
der Künstler gegenüberstand, war bedeutend einfacher als in
der geräumigen, an architektonischen Akzenten reicheren
Kirche von Götzens. Der kleine Raumkörper verlangte schon
mit Rücksicht auf die Nahsicht, eine durchaus leichtere und
maßvollere Lösung der Aufgabe. Dieser rein künstlerischen
Forderung hat Günther bei der Romposition des Haupt-
bildes Rechnung getragen. Die Mitte der Bildfläche ist
von bewölktem Luftraum eingenommen, in den völlig frei
Schwebend die drei Kreuze hineinragen. Die Zeugen der
Szene von Golgatha sind an den Rand gerückt und grup-
pieren sich frei um einen stellenweise sehr schmalen Boden-
streifen, der den Schauplatz des Ganzen bildet. Rechts zieht
der Haufe der Soldaten in gewundener Kette durch einen
halbverfallenen Torbogen gegen Jerusalem, eine phanta-
stische, echte barocke Stadtarchitektur. Links hat sich ein
Häuflein spottender Juden versammelt, die mit Fingern auf
den sterbenden Heiland hinweisen. Die Malerei reicht zu-.
sammenhängend bis zu den Gewölbeansätzen, vor die, teil-
weise von der Mauer sich ablösend, die stukkierten Zwickel-
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Zur Geschichte des Bergisels
Bon Dr. Josef Rungg
Die Gebirge im Süden von Innsbruck steigen nicht mit
derselben Unmittelbarkeit vom Tale auf wie die im Norden;
Sie haben ein größeres Mittelgebirge vorgeschoben und leiten
den Blick, seitwärts vom Patscherkofel und der Nockspite
aufgefangen, gegen den Mittelpunkt des Hintergrundes, der
Serles. Das vorgelagerte Mittelgebirge hat die Sill durch-
fressen und am linken Ufer, wo sie in das breite Inntal
hereinrauscht, steht die Felsbastei des Bergisels. Dieser be=
steht aus einer südlich gelegenen höheren Kuppe, welche
ihren Rücken gegen den Sonnenburgerhof hinstreckt, und
dem davorliegenden Plateau, auf welchem heute die Sym-
bole des Tiroler Heldentums vereinigt sind. Durch seine
natürliche Lage als Wall vor dem Wipptal bildete der
Bergisel mit seiner Umgebung seit jeher einen markanten
Punkt. Sage und Geschichte haben dort ihren Sitz aufge-
schlagen. Die Höhle des Drachen, den der Riese Haymon
erschlug, lag an seinem Gelsabhange gegen die Sillschlucht.
Schon die Römer legten zu seinen Füßen die Festung Beldi-
dena an. In den Rahmen der Weltgeschichte ist jedoch
diese Gruppe erst durch die Beifreiungskämpfe vom Jahre
1809 eingetreten, in denen sein Erdreich durch kostbares
Tiroler Blut geheiligt wurde. Es war der gewaltige Kampf
des Freiheitsdranges unseres Bergvolkes gegen fremde Un-
terdrückung. Die Tiroler waren die ersten, die sich mit Er-
3 Wilten II
33
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folg gegen den französischen Eroberer Napoleon erhoben.
Ihr Heldenmut und ihre Tapferkeit leuchtete als flammen-
des Beispiel voran der großen Befreiung Europas aus dem
korsischen Joch.
Durch den Frieden von Preßburg im Jahre 1805
kam Tirol an den König Max Josef von Bayern, der sich
mit Napoleon verbunden hatte, „mit allen Titeln, Rechten
und Vorrechten, wie sie Seine Majestät, der Kaiser von
Deutschland und Österreich besessen und anders nicht". Die
Bayern haben sich in Tirol nicht beliebt gemacht. Sie wagten
sich selbst an harmlose Gebräuche des Volkes, verfügten
Aufhebungen von Stiften und Klöstern, besonders die des
Kapuzinerordens. „Und mußten es die Landesbewohner
nicht als einen Bruch der im Friedensschlusse von Preßburg
vom Könige garantierten, alten Landesverfassung betrach-
ten, als der selbständige Wirkungskreis der Gemeinden ein-
geschränkt, die nie dagewesene Stempelsteuer, eine Militär-
aushebung der drückendsten Art und noch vieles andere ein-
geführt wurde als selbst der Name Tirol jenem „,des
bayrischen Südkreises" wich, als Bayern das Stamm-
Schloß des Landes ob Meran auf unwürdige Weise verstei-
gern ließ?" Eine mächtige Aufregung ergriff das Volk,
welche es zur Erhebung trieb.
„Es ist Zeit!" Ein geisterhaftes Raunen ging im März
1809 durch die Täler und Wälder, blutrote Sägespäne und
Bretter mit Fähnlein rannen in den Flüssen, auf Almen und
Bergspitzen flammten unruhige Feuer. Die bayerische Gar-
nison in Innsbruck durchschaute nicht sogleich den Ernst der
Lage. Und als die Verbindung über Seefeld mit Bayern
herstellen wollten, wurden sie von den Zirler Bauern zu=
34
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rückgeschlagen. Die Bayern wurden am 12. April aus
Innsbruck hinausgeworfen und gegen Hall zurückgeschlagen.
Die Schützen besetzten das Höttinger Gelände. Da kam die
Nachricht, daß die Franzosen unter General Bisson die
Brennerstraße herabmarschieren. Vom Wiltener Gottes-
acker her wurde die französische Reiterei mit einem mörde-
rischen Feuer empfangen. Dennoch rückte der französische
General am 13. bis zum unteren Dorfplate in Wilten vor.
Die Straßen waren wie ausgestorben; am Bergisel, in sei-
nem Rücken sammelten sich die Tiroler und schlossen die
Franzosen ein. Die Stadt und das nördliche Gelände war
von wackeren Schützen dicht besetzt, welche vom Sandbüchel
aus die Geschosse der am Vortage erbeuteten bayerischen
Kanonen gegen die Franzosen richteten. Biffon entschloß sich
zur Rapitulation. Um 8% Uhr vormittags unterschrieb er
auf dem Wiltener Platz das Dokument.
Tirol hatte sich aus eigener Kraft befreit. Die Österreicher
besetzten es unter Chasteler. Aber Napoleon marschierte mit
den Bayern neuerlich gegen Tirol. Der bayerische General
Wrede war über die Brandstätten von Unterinntal in Inns-
bruck eingezogen, wo nach seinem Abzug nach Salzburg De-
roy zurückblieb. Chasteler hatte Tirol feig verlassen, das
Land schien unterworfen. Da rief Andreas Hofer Passeyer
und das Burggrafenamt zu den Waffen! Im Kerschbaumer-
hof am Brenner war Kriegsrat. Der Angriff am 25. Mai
am Bergisel brachte den Tirolern wohl bedeutende Vorteile,
aber keinen entscheidenden Sieg. Andreas Hofer verlegte
sein Hauptquartier in das Gasthaus „Schupfen" auf der
Brennerstraße. Am 29. Mai begann der Kampf aufs neue.
Andreas Hofer erschien selbst auf der Höhe des Bergisels.
3"
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Als sich die Bayern schon im Rücken bedroht sahen, dauerte
das Geplänkel noch die ganze Nacht - doch als die Mor-
genröte des 30. Mai die Berge vergoldete, hatte Deroy be-
reits den Abzug angetreten.
Tirol hatte sich zum zweiten Male aus eigener Kraft be-
freit.
Nach dem Waffenstillstand von Znaim war Tirol das
drittemal preisgegeben und der Reichsmarschall Lefebre
stand mit großer Übermacht und ebenso großem Übermute
im Lande. Hier begann nun die dritte und ruhmreichste
Periode des Freiheitskampfes. Da will ich nun einem
Augenzeugen das Wort geben, dem Anton Plattner aus
Girl, der als 22jähriger Jüngling als Hauptmann der ersten
Kompagnie der Freiwilligen aus dem Gerichte Hörtenberg
,,mit Leib und Seele und aller Begeisterung, deren eine
kräftige Jugend fähig ist", die Anno-Neun-Kämpfe mit-
machte. Er gibt uns folgende Schilderung:
,,Seine (des Marschalls Lefebre) Streitmacht steht schlag-
fertig koncentrirt auf Wiltaus Gefilde. Es ist der 13.
August und 5 Uhr Morgens. Es fällt ein Kanonenschuß.
Die feindliche Heermaffe fängt an zu wogen, wie die Wetter-
nacht, wenn der Sturmwind in ihren Wolkenhaufen zu wüh=
len beginnt; es entwickeln sich weithin gedehnte Fronten.
Der lautlose Schimmerblitz ihrer Waffen bei den Wendun-
gen glich dem unheimlichen Wetterleuchten, ehe man das
Rollen des Donners hört; 24 Feuerschlünde aufgefahren,
gähnen bereits den Berg Jfel, die Stellung der Tiroler, an.
Der Berg ist ohne deckende Böschung, ohne bergende
Schluchten, ohne jähe Felsabstürze, besteht nur aus gegen
die Ebene niedersteigenden Rainen. Über den Höhenkamm
36
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ziehen sich weitgedehnte, dunkle, wolkenartige Streifen hin;
es sind dies die Tiroler in ihren Lodenjoppen: still, ruhig,
ohne alle Bewegung, wie eine hagelschwangere Gewitter-
wolke auf der Kuppe einer unserer Hochalpen gelagert. So-
eben ist ihre Feldmesse geendet; vom Pater Rothbart die
Generalabsolution erteilt; in den Gesichtszügen der Tiroler,
obwohl einem zahlreichen, furchtbar gerüsteten Feinde gegen-
über, zeigt sich Muth und Entschlossenheit, sogar Heiterkeit.
So z. B. hörte ich, während ich mit meinem Gernrohr die
Bewegungen und Anstalten des Feindes beobachtete, in
meiner Nähe folgendes Gespräch: „Hans, schau wie sie vor
uns paradieren." (Lefebre ließ nämlich noch kurz vor Beginn
der Schlacht die Sturmkolonne „Hahn in Arm" halt machen,
wahrscheinlich um durch diesen imponierenden Anblick den
Muth der Tiroler zu brechen.) „Ja, ein hübscher Haufen"
„Bürstendick stehen sie." ,,Wir wollen sie schon wie-
der dünner machen; unser Frau hilft uns!" Diese Worte
,,unser Grau hilft uns" gingen links und rechts wie ein Lauf-
feuer die ganze Linie entlang und wurden die Losung des
Tages für unser ganzes Centrum. Ich zweifle, ob Napoleons
Proklamationen vor einer Schlacht an seine Soldaten je
einmal diese nachhaltige Wirkung gehabt haben.
Ein zweiter Kanonenschuß: feierlich langsam setzen sich
die Sturmbataillone zum Angriff nach vorwärts in Be-
wegung; die Colonnen stehen, die Kanonen werden abge=
protzt, der Kanonier steht am hintern Theil, die Lunte raucht.
Und die Tiroler? Stäuben sie nicht auseinander, wie ein
Rudel leichtfüßiger Hirsche? Nein, sondern, da der An-
griffspunkt, den der Feind gewählt, aus seinen Anstalten
und Bewegungen erkennbar zu werden beginnt, steigt ihr
-
37
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Bordertreffen, lauter junge, muthige Bursche, drei Feld-
pater und die besten Schützen mit ihnen, still in fefter nicht
schwankender Bewegung auf die mittlere Hügelreihe des
Jfels herab. Lefebre im Centrum seines Mitteltreffens zu
Pferde im Kreise seiner Stabsoffiziere sieht dies und stutzt;
er streckt einen Arm gegen uns aus und ein Adjutant sprengt
im Galopp von seiner Seite weg gegen eine Batterie, die in
der Front des ersten Treffens placirt war; vier Kanonen
trennen sich und ziehen sich mehr links gegen das Kloster
Wiltau hin. Der Marschall hatte nämlich bemerkt, daß
unsere Aufstellung etwas massenhaft von dort aus seinem
Geschützfeuer eine willkommene Fläche biete. Seine An-
ordnung zeigte uns das fehlerhafte unserer Aufstellung,
schnell dehnen wir uns nach unserem linken Flügel hin aus,
und dies war unsere Rettung aus der größten Gefahr, in
der wir uns offenbar befanden, die aber nicht erkannt wurde.
Die Sachlage war diese: Unser Centrum lehnte sich an die
Schlucht der Sill an, um, wie einige meinten, dem rechten
Flügel (jenseits der Sill) näher zu sein. Dies war aber eine
irrige Ansicht; der rechte Flügel mußte ganz unabhängig
agiren, denn von uns konnte er, da die Sill hoch ging, keine
Unterstützung erwarten, und er konnte nach Belieben das
Gefecht fortsetzen oder abbrechen, ohne uns zu schaden, denn
der Feind konnte doch nie vorgehen, weil er fürchten mußte,
zwischen zwei Feuer zu kommen. Wenn wir nun in obiger
Stellung geblieben wären, nämlich mit unserem Rücken an
die Schlucht des Sillfluffes gelehnt und hätte der Feind, was
bei einem hartnäckigen Widerstande notwendig hätte ge=
schehen müssen, unseren linken Flügel rückwärts vom Huffel-
hofe umgangen oder durchbrochen, so wären wir von unse-
38
Seite 43
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rer Rückzugslinie, der Straße nach dem Schönberg, ganz
abgeschnitten und von 18.000 Bajonneten umzäunt gewesen
und diese Bajonnete in den Fäusten wuterfüllter Krieger!
Man denke sich das Schreckliche dieser Lage; ungefähr 8000
Menschen so eingekeilt, ohne sich retten oder verteidigen zu
können. Mit obiger Positionsveränderung war in taktischer
wie strategischer Beziehung des Schicksal des Tages für uns
entschieden. Wir kamen hiedurch aus der größten Gefahr
und brachten auf der anderen Seite den Kern und die Wucht
unferer Streitmacht auf jenen strategischen Punkt, von wel-
chem aus wir sowohl das Haupttreffen selbst, als auch einen
Angriff auf unseren linken Flügel basiren konnten.
Der Hohlweg vom Kloster Wiltau herauf, der einzige
Schlüssel für den Feind zu unserer Stellung, war bogenförmig
von uns umstellt, ganz im Bereich unseres Feuers, somit in
unserer Gewalt; der Feind konnte schon bei seinem Debou=
chiren von uns erfolgreich beschossen werden, ohne unser
Feuer erwiedern zu können. Die (oft mit erstaunlicher Kühn-
heit und Aufopferung) vordringenden ersten Züge der
Sturmkolonne stürzten schon an der Ausmündung des Hohl-
weges nieder, und die nachfolgenden Rotten mußten schon
über die Leichname ihrer Vormänner steigen, auf die sie
im nächsten Augenblicke selbst als Leichen niedersanken. Nie
gelang es dem Feind, so anhaltend und tapfer auch sein
Kämpfen war, das Plateau zu gewinnen und sich festzu-
Jetzen. Ich gestehe es, bis hieher war ich sehr besorgt, sogar
in Angst, weil ich die Größe der Gefahr, in der wir uns be-
fanden, nur zu gut erkannte, ohne hierüber ein Wort ver-
lauten lassen zu dürfen. Denn in der allgemeinen Aufregung,
die beim Beginn des Treffens herrschte, Bedenken zu
39
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äußern, hätte mich in Gefahr gebracht, augenblicklich als
Verräther niedergestreckt zu werden. Seltsam! der Feind
selbst drängte uns aus dieser Stellung in jene hinüber, die
ihm gefährlich wurde. Ja wohl, dachte ich: „Unser' Frau
hilft uns!" Und dieser Gedanke, diese stärkende Zuversicht
verließ auch mich während des Verlaufes des Treffens nicht
und der Abend des Tages krönte ihn mit den Siegeslorber.
Ein dritter Kanonenschuß die Schlacht beginnt und
Innsbruck sieht und hört was es noch nie gehört und ge-
sehen: eine Schlacht von 40.000 Combattanten auf dem
Flächenraum von einer halben Stunde. Der Geschützdonner
brüllte die ganze Schlachtlinie entlang, Schlag auf Schlag,
Feuerstrom an Feuerstrom gegen den Berg, die Stellung der
Tiroler. Ihre erste Linie weicht, wird aber von der zweiten
aufgenommen. Die feindlichen Sturmbataillone ermutigt,
dringen vor, aber nun sind sie außer dem Bereich ihrer Ge-
Schütze, der Kampf wird gleich. Das Kleingewehrfeuer der
Tiroler beginnt, die Vorderreihen der feindlichen Bataillone
stürzen nieder, sie verwickeln, verwirren sich, sie fliehen, stür-
zen in regelloser Eile auf die Ebene zurück. Der erste Sieg
der Tiroler in offener Feldschlacht gegen reguläre Truppen.
Ganz Innsbruck auf den Dächern und Thürmen sieht es
und staunt; einzelne weiße Fähnlein werden gehoben und
geschwungen wie klopfte mein Herz!
Die Baiern wüthend gemacht, formiren noch stärkere
Sturmbataillone, ihre Geschützlinie rückt, um die Stürmen-
den kräftiger zu unterstützen, 300 Schritte vor und beginnt
ein Preßfeuer der furchtbarsten Art, unter seinem Schutze
rücken die Bataillone vor ohne einen Schuß zu thun, nirgends
etwas anderes sicht- und hörbar als Feuerströme, Qualm
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Abb. 11, 3nneres der Stiftskirche
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riefen fei das heiligfte Herz Befu
Abb. 12, Kreuzaltar
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und Kanonendonnergebrüll, und um 9 Uhr vormittags, wo
der Kampf wahrhaft grauenhaft wüthete und bis zum mör=
derischen Handgemenge gesteigert wurde, schien es, die ganze
Gefields-Ebene sei zum weitgeöffneten Feuerpfuhl gewor=
den und der Abgrund kämpfte gegen den Himmel.
Die
Tiroler, welche in ihrem Centrum die besten Schützen und
18-22 Doppelhacken vereinigt hatten, beschossen mit gutem
Erfolge die Batterie im Centrum des Feindes und erwar=
teten stehenden Fußes den Bajonnetangriff des Feindes.
Der Kampf war gräßlich. Die Tiroler mit ihren Stutzen
gegen die Bajonnete waren im Nachteil, aber ihre dritte
Reserve, dies sehend, hieb junge, 10-12 Fuß lange Birken-
stämme ab und eilte mit einem Adler hoch!" in das Kampf-
gewühl. Jetzt augenblicklich wendete sich das Geschick; das
Bordringen des Feindes ward zum Stehen gebracht, die
Doppelhacken und Scheibenröhre wurden in ihre mittlere
Colonne gerichtet, die Wirkung war entsetzlich, die Batail-
lone geriethen in Verwirrung, ein Teil kämpfte noch sich
auf dem Plateau zu behaupten, während der andere in den
Hohlweg sich stürzte und die Ebene zu gewinnen suchte.
Es war die wildeste Flucht und schweißtriefend kehrten
die Trümmer der Sturmbataillone zurück, ihren Rückzug
mit Blutstreifen, Sterbenden und Leichnamen bezeichnend.
So grauenhaft war der Kampf gewesen, daß sich die sächsi-
schen Bataillone geradezu weigerten, sich noch einemal zu
Sturme führen zu lassen, weßhalb das Haupt eines Obersten
dieser Bataillone im Pavillon des Hofgartens in tiefer
Mitternachtsstunde unter dem Beil des Henkers als Opfer
fiel. Besonders entsetzlich war der Anblick des oben be=
zeichneten Hohlweges, wenn die Stürmenden, hart gedrängt,
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in selbem Schutz suchten und dann von unserer Reserve von
einem Rugelregen überschüttet wurden. Stundenlang stan-
den die Tiroler unabgelöst, ohne alle Labung, außer einem
Schluck Wasser oder Milch, welches Weiber und Mädchen
selbst während des heftigen Feuers bis in die vorderste
Kampfreihe trugen. Lefebre aber, der gekommen war, die
Niederlage seines Vorgängers mit dem Blute der Tiroler
zu fühnen, zog selber ohne Lorbeer, wie sein Vorgänger in
stiller Mitternachtsstunde laut- wie ruhmlos ab."
Freilich hatten die Tiroler ihr Blut umsonst vergossen:
denn Österreich hat sie wieder den Bayern ausgeliefert,
welche begreiflicherweise nach ihrer Rückkehr gegen die
Tiroler nicht die freundlichste Gesinnung hegten. Dem An-
dreas Hofer haben sie es nie vergessen können, und sie haben
ihn auch nicht in ihre Walhalla aufgenommen.
Als die Bayern in Tirol waren, hatte der Bergisel das-
selbe Aussehen wie das westlich anschließende Gelände; es
waren Wiesenraine, in denen ab und zu Stauden oder Bäume
standen, wie wir aus Bildern von 1809 (siehe Abb.) und der
Beschreibung Plattners entnehmen können; das Plateau
selbst war ohne Wald, nur Gesträucher und einige Laub=
bäume können wir bemerken; ein von solchen eingeschlosse-
ner Hohlweg führte nach Wilten herab. Die Namen Buch-
plahl für den ebenen Platz, auf dem heute das Andreas-
Hofer-Denkmal steht, und Buchhof für den Hof westlich des
Plateaus, der heute noch so genannt wird, dürften aus viel
früherer Zeit stammen, als noch der Bergisel mit Buchen-
wäldern bedeckt war. So lange die Bayern in Tirol waren,
lag das Bergiselplateau fast unbenützt; Studenten haben sich
zeitweise zum „Ballonspielen" (vielleicht dürfen wir uns das
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Fußballspiel darunter vorstellen) auf dem Buchplatz herum-
getrieben. Doch kaum war Tirol 1814 wieder an Österreich
zurückgekommen, so lesen wir, daß unser Militär auf dem
Bergisel Schießübungen vorgenommen habe. Es hat sich
dabei nicht immer sehr ruhig und schonend benommen, so
daß es öfters zu Beschwerden Anlaß gab. Auch nächtliche
Schieß- und Gefechtsübungen wurden durchgeführt. Wie
man besonders aus dem Revers vom Jahre 1838, durch
welchen das Prämonstratenserstift Wilten den Berg dem
Raiserjägerregiment zur Gründung einer Kaiserjägerschieß-
stätte überließ, ersehen kann, benützte das Regiment den
Bergisel hauptsächlich deshalb, weil es keinen günstigeren
Platz für seine Schießübungen ausfindig machen konnte".
Der große Gedanke, den Helden von 1809 auf dem Bergisel
ein dauerndes Denkmal zu setzen und dem Tiroler Helden-
tum auf diesem historischen Boden ein ewiges Sinnbild zu
schaffen, kam erst viel später auf. Bald überließ das Stift
Wilten in großmütiger Weise dem Regiment den Bergisel
zu Schießübungen ganz und später 1838 durch den bereits
genannten Revers zur Erbauung von Schießstätten. Für
diese wurden vorläufig noch keine Bauten aufgeführt. Wohl
aber wurden die beiden schlanken Obelisken aufgestellt,
die heute noch zwischen den Schießständen stehen, der eine
gekrönt durch den österreichischen Reichsadler, über den
anderen breitet der Tiroler Adler seine blutroten Schwin-
gen. Bloß nackte Jahreszahlen (1703, 1797 und 1809) sind
darauf die einzigen Erinnerungen an die Heldenkämpfe der
Tiroler; denn die lateinischen Verse, die darauf geschrieben
sind, drücken die Zuversicht aus, daß das Haus Österreich
durch die festen Schutzmauern der Herzen der Bevölkerung
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dauernd geschützt werde und allen Mißgeschicken der Zeit
werde trohen können. Die an der östlichen Flanke gegen die
Sillschlucht gelegenen Weitschießstände wurden erst 1857 er-
baut, wobei das Stift Wilten den Kaiserjägern die „Ein-
siedlerau" an der Sill unten überließ. Es wurde auch ein
großes,,Schützenhaus" errichtet, das später in das Museum
umgewandelt wurde; das erste Stockwerk schloß mit einem
flachen Dache ab. Ein wenig südlich davon baute man die
zwei kleinen Gebäude, wo heute die Kanzlei mit der Wache
untergebracht ist und gegenüber der Sommerausschank von
Getränken an die Gäste durchgeführt wird.
Man ging dann daran, das öde Gebiet wieder aufzu-
forsten; und zwar wurde „alle Sorgfalt darauf verwendet,
das reizende Gelände zu einem Lustpark umzuschaffen". Ein
bißchen westlich von der Stelle, wo heute das Andreas-
Hofer-Denkmal steht, wurde ein Pavillon, ein Lufthäuschen
verschönt durch einige Gartenanlagen, hingestellt. So wurde
der Bergisel,,zu einem sehr besuchten Vergnügungsorte für
Fremde und Einheimische". Dies waren also die leitenden
Gedanken, nach welchen der Ausbau des Bergisels in den
Bierzigerjahren durchgeführt wurde.
Wo der Weg sich östlich durch den Nadelwald der Berg-
iselschlucht zuwendet und die Terrasse verläßt, stand schon
lange abseits vom Lärm des Tages ein Muttergottesbild.
Auch heute sehen wir noch die Tuffsteingrotte mit der schwar-
zen Statue der Muttergottes und des Jeſukindes, welche
den vorbeigehenden Wanderer andächtig stimmt und zum
Beten einlädt. Einige Schritte weiter wandernd, ließ
die Erzherzogin Sophie auch eine Kapelle erbauen und
am 10. September 1849 wurde diese von einem Teile der
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kaiserlichen Familie besichtigt. Eine Zeitung fügt dem Be-
richte über dieses Ereignis hinzu: „Es ist auf beiden Seiten
(beim Raiserhaus und den Tirolern) ein schöner wetteifer,
die Bande der Liebe festzuknüpfen und sich gut und freund-
lich zu erweisen." Wir werden immer wieder wahrnehmen
können, daß das damalige Kaiserhaus seine Aufmerkſam-
keit besonders dem Ausbau des Bergisels zuwandte, weil
es fühlte, daß es da eine Scharte, die es 1809 den Tirolern
geschlagen hatte, wieder auswetzen müßte.
Manche Tiroler Kaiserjäger waren in den Kämpfen
1848, 1849 und 1859 gegen Italien auf dem Felde der Ehre
ruhmvoll liegen geblieben. Sie waren die ersten, denen man
am Berg Jsel einen Denkstein zur Erinnerung setzte. Frei-
lich mußten sie sich mit einem Plate an der östlichen Kante
des Plateaus in der Nähe der Kapelle begnügen. Am
5. Oktober 1860 sank unter den Klängen einer Symphonie
von Beethoven die Hülle des schwarz umflorten Monumen-
tes und eine hohe Pyramide aus weißem Marmor, ein
gleiches Kreuz von Tiroler Gestein tragend, zeigte auf den
vier Seiten in schwarzen Lettern eingehauen die Namen der
Mannschaft, in goldenen die der Offiziere, welche in den ge-
nannten Rämpfen Opfer auf dem Altare des Vaterlandes
geworden waren. Im gleichen Augenblicke warfen vier Hau-
bitzen einen Regen von Lorbeerblättern auf das Denkmal,
das die hellen Sonnenstrahlen beschienen. Auf den Höhen
des Berg Jsels dröhnten zahlreiche Geschützfalven. Später
wurde an diesem Gedenkstein auch die Tafel zum Andenken
an die Gefallenen im Jahre 1866 in 3talien und Südtirol
und 1878 in Herzegowina angebracht.
Die kommende Zeit bringt die Auswirkung der Jndu-
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strie, welche auch das Bild der Umgebung des Berg Jsels
nachteilig verändert. Dazu gehört vor allem der Bau der
Brennerbahn. Am 8. Jänner 1866 meldet der „Bote von
Tirol und Vorarlberg", daß der Tunnel am Bergisel auf der
Innsbruck Bozner-Bahn gestern durchbrochen wurde und
die an der entgegengesetzten Seite beschäftigten Arbeiter ge=
nau auf demselben Punkte zusammengetroffen seien. Ein
nicht unbedeutender Teil des großen Tunnels sei auch schon
eingewölbt. Bald verschwand auch die hölzerne Sillbrücke
und wurde durch eine aus Eisenkonstruktion ersetzt. Da-
durch wurde die romantische Sillschlucht-Gegend aus der
träumerischen Vergangenheit gerissen und in die Haft der
modernen Zeit gestellt. Früher hatte man auf die Schönheit
der Sillschlucht viel mehr gesehen; bei der Einsiedlerau ging
eine Brücke über den reißenden, zwischen steilen Felsgehän-
gen eingeklemmten Strom, der den vom östlichen Plateau-
rande des Berg Jfels an der Kapelle vorbeiführenden Weg
mit dem am rechten Sillufer verlaufenden Weg verband.
Weiter tiefer in der Sillschlucht drinnen wurde noch eine
zweite Brücke errichtet, welche wiederum zwei entsprechende
Spazierwege verband. Auch diese wurde dem Verfall ge-
opfert. In allerletzter Zeit wurde sogar der Spazierweg
auf dem rechten Sillufer in die romantische Wildnis der
Schlucht hinein versperrt, weil für industrielle Zwecke ein
großes, kaftenförmiges Holzgebäude gleich hinter dem Auf-
schlaghäuschen an der Sill erbaut worden war. Somit ist die
Seltene Naturschönheit dieser Gegend in der nächsten Umge-
blung von Innsbruck, welche zu den Reizen der Bergisel=
Umgebung wesentlich beigetragen hat, dem Moloch der mo-
dernen Zeit in den Rachen geworfen worden.
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Die Tiroler Kaiserjäger hatten sich seit der Überlassung
des Bergisels 1838 diese Jahre hindurch immer stärker auf
demselben eingenistet. Die Ehren- und Freudentage, wie sie
sich besonders aus dynastischem Anlasse bei einem Geburts-
oder Namenstag in der kaiserlichen Familie ergaben, wur-
den mit all den militärischen Feiern, die damals üblich wa=
ren, auf dem zu vergnüglichen Festlichkeiten hergerichteten
Platz begangen. Das Regiment hatte sich auch in den ein-
zelnen Kämpfen ausgezeichnet. In dieser allgemeinen Er-
starkung und diesem Aufstieg gewann der Gedanke immer
mehr die Oberhand, die Geschichte des Kaiserjäger-Regi-
mentes durch dauernde Denkmale auf diesem blutgetauchten
Bergabsatze würdig zu verewigen. Dieser Gedanke wurde
von 1878 an zur Ausführung gebracht. Der damalige Re-
gimentskommandant Oberst von Knöpfler wollte vor allem
die Idee des Regiments-Museums durchführen. Schon am
20. Juni 1878 wurde anläßlich eines Festschießens zu Ehren
der Jubelhochzeit Ihrer Majestät die prachtvolle Renovie-
rung" des Schützengebäudes gefeiert. Der erste Stock war
in eine Gemäldegalerie umgewandelt worden. Das Waffen-
museum war aber noch nicht fertig. Am 4. Oktober 1880
wurde die Gedenkhalle (Räume des Erdgeschosses im
Schützenhaus) im Museum feierlich eröffnet. Am 13. August
1881 erhielt,,die neue, eben erst fertig gestellte Anlage ihre
besondere Weihe durch die Anwesenheit Sr. Majestät
Kaiser Franz Josef, gelegentlich eines dem Monarchen zu
Ehren dortselbst gehaltenen Festschießens." Zugleich wurde
eine Quelle angekauft, in das wasserarme Gebiet hergeleitet,
wo sie den belebenden Springbrunnen vor dem Museum
Speist.
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Die Schießstandsgebäude, die zu dieser Zeit hergerichtet
wurden, wurden also in einer Zeit gebaut, die überhaupt
von keinem großen Gedanken durchlebt war, die wir, was
ihre künstlerischen Leistungen anbelangt, als geschmacklos
bezeichnen müssen. Das treue Abbild davon sind die Schieß-
stände am Bergisel.
Ausflügler beklagen sich 1879 und 1880 über die fast un-
erträgliche Straßenstrecke von den obersten Ausläufern des
Dorfes Wilten bis zum Fuße des Bergisel. „Mit wahrhaft
versengender Glut fallen die Strahlen der Sonne auf die
mit Kalkstein geschotterte und darum völlig weiße Straße
und machen dem Wanderer die kurze Wegstrecke zu einer
Qual." Das Ärar ließ daher 1879 vom Fuße des Bergisels
bis zur Kirche in Wilten die heute noch stehende Allee an=
legen und setzte diese im nächsten Frühjahr, ,,noch ein Stück
gegen das Dorf hin bis dort, wo die beisammen stehenden
Häuser Schatten gewähren" (beiläufig bis zur Glockengieße=
rei Graßmayr), fort.
Erst jetzt allmählich, nachdem das Regiment in dem da-
mals übertriebenen militärischen Dünkel für sich Erinne=
rungszeichen gesetzt hatte, wurde der Gedanke lebendig,,,auch
dem Repräsentanten der Tirolischen Heldengeschichte und
dem Träger des nationalen Volksbewußtseins in den Zeiten
der ruhmreichen Befreiungskämpfe, Andreas Hofer, auf
dem Berg Jsel, der historischen Ruhmesstätte Tirols, ein
Nationaldenkmal zu errichten." Auf den 29. November
1880 hat Oberst von Knöpfler hiefür die hervorragendsten
Persönlichkeiten der Landeshauptstadt zu einer Versamm-
lung einberufen. Im Mai 1881 erging an die Öffentlichkeit
der Aufruf, Beiträge zur Errichtung des Denkmals zu
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leisten. Während sieben Jahre ausdauernden Sammeleifers
wurde die für das Denkmal angesetzte Summe von 25.000
Gulden aufgebracht. Die Ausführung des Denkmals wurde
dem Tiroler Bildhauer Natter übertragen, da ihm auch vom
Komitee des Walther-Denkmals in Bozen die Ausführung
dieses Monumentes anvertraut war. Als dies bekannt
wurde und Natter bereits einen zweiten Entwurf geliefert
hatte, trat 1888 eine oppositionelle Künstlergruppe hervor,
die gegen das Komitee Anwürfe erhob, weil es bei der Denk-
malherstellung die Konkurrenz ausgeschaltet habe, gegen
Natter, weil er auch die Konkurrenz beim Walther-Denk-
mal in Bozen umgangen und einen Entwurf vorgelegt habe,
den er angeblich um den Preis von 26.000 Gulden, der vor-
geschlagen war und nicht überschritten werden durfte, er-
richten könnte, tatsächlich aber das Denkmal um einen viel
höheren Preis lieferte, eine Affäre, welche unausgesetzt
noch die Taschen von ganz Europa beunruhige"; gegen das
Denkmal selbst sie hatten das Modell allerdings nicht ge=
sehen, weil es nicht öffentlich ausgestellt worden war, son-
dern nur davon vernommen und äußerten sich darüber desto
abfälliger weil es den Helden in pathetischer Stellung
auf einem steilen Gelsblocke darstelle, eine Idee, die nichts
weniger als monumental gedacht sei, sondern sich höchstens
in einem kleineren Maßstabe als Holzschnitzerei für ein
Jagdzimmer, oder im größeren Maßstabe als Dekoration
für einen Festwagen bei einem Schießen oder aber als De-
koration für einen Garten eignen würde, der aber dann sehr
romantisch und zopfig gehalten sein müßte."
-
-
Manchen schien das Andreas-Hofer-Denkmal zur Ver-
herrlichung der großen Befreiungstat von 1809 zu wenig,
4 Wilten II
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sie wollten auch anderen Tiroler Freiheitshelden eine eherne
Erinnerung schaffen. So stellte Hermann Klotz im Jänner
1893 im Rundsaale des Museums ein Modell für ein Speck-
bacher und Haspingerdenkmal aus. Das Doppeldenkmal,
welches den Treppenaufgang zum Andreas-Hofer-Denkmal
schützen soll, zeigt zwei Gruppen, jede aus drei Figuren be-
stehend. In der rechtsfeitigen bildet Haspinger den Mittel-
punkt, zu seiner Linken hat er einen Landſtürmer, zur Rech-
ten den Wirt an der Mahr. Die linksseitige Gruppe zeigt
den Speckbacher als Hauptfigur, zur Rechten hat er einen
Schützen, der eben im Begriffe ist, die Kugel in das Tal zu
senden," zur Linken das Mädchen von Spinges, eine Figur,
der vielleicht von allen der Preis zerfällt. Beide Gruppen sind
von frischer Lebenswahrheit und in der Linie von packender
Schönheit." So weit man aus Abbildungen entnehmen kann,
muß man sagen, daß die Errichtung dieser Gruppe von Vor-
teil gewesen wäre. Andreas Hofer überragte durch seine
Größe die Figur ist 3.20 Meter hoch weit die übri-
gen Figuren, die in viel kleinerem Maßstabe gehalten wa-
ren, so daß vielleicht die Befürchtung mancher, das Andreas-
Hofer-Denkmal könnte an Geltung verlieren, kaum be-
rechtigt ist. Vielleicht stand der Ausführung dieser Denk-
malserweiterung nur die leere Geldtasche im Wege. Denn
Natter selbst erlebte schon die bald darauf stattfindende
Enthüllung seines Hoferdenkmals nicht mehr, so daß ein be-
züglicher Künstlerstreit nicht mehr hätte entbrennen können.
So blieb der Entwurf von Klotz unausgeführt.
Die Enthüllung des Andreas-Hofer-Denkmals fand am
28. September 1893 unter Anwesenheit Seiner Majestät
Kaiser Franz Josef statt. Im gleichen Momente, als die
Hüllen Janken, erfolgte die Generaldecharge der Ehren-
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kompagnie; die schmalspurige Batterie beim Buchhof, die
Gebirgsbatterie auf der Hungerburg und dem Planötzenhof
gaben je 24 Schüsse ab; zugleich krachten in 35 umgebenden
Orten und Gemeinden je 24 Pöllerschüsse. Die Benediktion
nahm der Fürsterzbischof von Salzburg mit vier infulierten
Prälaten und den Klerikern des Stiftes Wilten vor. Zei-
tungen bemerken ausdrücklich, daß von den studentischen
Rorporationen bloß die „Austria" teilgenommen habe - es
war damals die einzige katholisch-deutsche Studentender-
bindung, während die freiheitlichen Verbände von der
Feier fern geblieben sind, weil sie es ihrer Gesinnung schuldig
zu sein glaubten. Wie haben sich unterdessen die Zeiten
geändert! Der Welsche hat raubgierig Südtirol von den
deutschen Ländern getrennt und heute gilt uns mehr als je
Andreas Hofer als Freiheitsheld zur Erlösung unserer deut-
schen Gebiete vom feindlichen Joche.
Man mag über das Andreas-Hofer-Denkmal in seiner
Wucht und Überfülle von Kraft urteilen wie man will, das
eine muß man aber zugeben, daß es jeden in seinen Bann-
kreis zieht.
Das nächste Gebäude, das am Bergisel aufgeführt wurde,
war ein einstöckiges, nach Schweizerart erbautes Haus am
Westrande des Plateaus, das auch heute noch zu sehen ist.
Das Gebäude sollte die Offiziere der Garnison in den Som-
mermonaten zu gesellschaftlichen Abendzirkeln vereinen. Wei-
ters wurde zur Unterhaltung der Offiziersgesellschaften an
der Ostseite ein Tennisplatz angelegt. Die Sammlungen des
Museums wurden gleichzeitig immer mehr vergrößert.
Als Vorbereitung für die Jahrhundertfeier im Jahre
1909 follte „ein einfaches, aber immerhin den modernen An-
Sprüchen genügendes Restaurationsgebäude" errichtet wer-
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den. Es wurde daher im Februar 1908 ein Wettbewerb zur
Erlangung von Entwürfen ausgeschrieben. Das Gebäude
sollte der Umgebung und dem landschaftlichen Bilde angepakt
Jein und in heimischer Bauweise mit geringer Holzkonstruk-
tion an Stelle der „2 häßlichen kleineren Gebäude" (des
östlich an den Felsrand vorgeschobenen Marketenderei-
gebäudes, welches aus einer einfachen Kantine hervor-
gegangen ist, und eines kleineren, in dem im Sommer der
Wirtschaftsbetrieb aufrecht erhalten wird) erbaut werden.
Zur Ausführung ist es aber nicht gekommen und es stehen
die beiden „häßlichen Gebäude" heute noch.
Für die Jahrhundertfeier wurde auch südwestlich des
Andreas-Hofer-Denkmals eine Rapelle errichtet, in der die
Feldmeffe zelebriert und welche später wegen des großen
Kreuzes von Bachlechner die „Kreuzkapelle" genannt wurde.
Die „Kreuzidee" stammt eigentlich aus den Bildern von
Egger-Lienz, sie ist aber unhistorisch. Beim Festzuge 1909
wurde das Kreuz mitgetragen und eine eigene Kreuzgruppe
gebildet, die später bei Umzügen noch öfters aufgetreten ist.
Die Kapelle wurde während des Krieges vom Tiroler Maler
Raffeiner in recht feinfühlender Weise ausgemalt. Sie
besteht aus einem Mittelbau, welcher den Kapellenraum be-
herbergt, aus einem kleinen Vorbau für den Eintretenden
und später ist entsprechend diesem auf der Rückseite ein Bau
angefügt worden, welcher das Grabdenkmal zu Ehren der
im Weltkrieg gefallenen Kaiserjäger trägt, ein mächtiges
Bas-Relief in Bronze von Hans Piffrader; dieses wurde
erst im Mai 1923 enthüllt. Die Idee, der Rückseite
eine so wichtige Funktion zu verleihen und sie mit der Vor-
derseite so stark in Ronkurrenz treten zu laffen, ist gewiß
nicht glücklich. Unter der Bronzetafel ist das Kaiserjäger-
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Pofthorn angebracht mit den Jahrzahlen 1816-1918. Vor
dem Denkmal versinnbildlicht ein vierkantiger, pyramiden-
förmiger Grashügel das Grab der Namenlosen, an den!
junge Zypressen in stummer Trauer Wache halten.
Durch den Weltkrieg hat der Bergisel erneute Weihe
und Bedeutung erhalten. Während des Krieges sah man
besonders den „Tummelplatz" als Symbol der ferngelegenen
Soldatengräber in unserer Heimat an und errichtete mit
wehmütigem Herzen an diesem waldstillen Orte für die in
den Karpathen oder an der Südfront gefallenen Angehöri-
gen ein Gedenkzeichen. Nach dem Kriege aber, als Tirol
selbst durch den Verlust von Südtirol hart getroffen wurde,
erstand von neuem die große Andreas-Hofer-Idee; sein
Geift ftieg auf über den Waldungen des Bergisels und
wurde mit dem Tiroleraar erneut das Symbol des Freiheits-
gedankens, nicht bloß der Errettung Südtirols aus den
welschen Händen, sondern aller unterdrückten deutschen Ge-
biete. Wir wissen, daß alle, die für die Heimat im Kampfe
gefallen waren, als Heldenschar mit den Kämpfern von 1809
in der ewigen Siegeshalle weilen und daß uns der Bergisel,
auf dem die Helden von 1809 geblutet haben, als Symbol
der großen Begräbnisstätte entgegentritt, die uns zugleich
mahnt, das große Erbe der Heimat, wofür sie ihr kostbarstes
Erdengut, das Leben, eingesetzt haben, mit denselben reinen
Händen und wahren Mute zu behüten, wie sie es getan
haben. Daher sei uns der Bergisel eine erhabene Weihe-
stätte, die uns gemahnt, unserer Helden würdig zu sein.
Möge man beim weitern Ausbaue desselben dies beachten,
und nicht, wie es vielfach der Fall war, dieses ruhmreiche
Fleckchen Erde mit allen möglichen Gelegenheitsarbeiten
vollstopfen.
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Auf den Amraser Geldern
Eine kulturgeschichtliche Wanderung
Bon Dr. Hans Hochenegg
Wenn wir den Weg von Wilten gegen Amras-Pradl
verfolgen und zugleich die wirtschaftlichen Verhältnisse der
durchschrittenen Fluren betrachten, dann wieder kultur-
geschichtliche Beobachtungen einflechten, so tun wir es in
der Absicht, zu zeigen, wie viel Anregungen auch eine schein-
bar eintönige Fläche zu bieten imftande ist. Es sei auch gleich
eingangs erwähnt, daß es mich viel Mühe und Umfragen
gekostet hat, wenigstens eine Anzahl Flurnamen, die Be-
nennungen der zahlreichen auf den durchschrittenen Feldern
verstreuten Heiligtümer und ein paar halbvergessene Legen-
den zu erfahren, so daß ich mit diesen gewiß ergänzungsbe-
dürftigen Mitteilungen immerhin einen nicht unwesentlichen
Beitrag zur Heimatkunde geben zu können glaube.
Wir wollen also unsere Wanderung beginnen und ſam-
meln uns beim altehrwürdigen Prämonstratenserstifte Wil-
ten, dessen fleißige Mönche in Zeiten, als die ganze Gegend
nach den Stürmen der Völkerwanderung verwüftet dar-
niederlag, Kultur und Sitte verbreitet haben und das heute
noch als Erbe und Bewahrer einer tausendjährigen Tradi-
tion einer der ersten Kulturträger unseres Landes ist.
Die Namen der Riesen Haymo und Thyrfus gemahnen
uns an die uralten germanischen Gottheiten Heime und Thyr-
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Stelle des heutigen Wilten vertrat. Wie einen Weiser in
diese uralten Zeiten erblicken wir dort das Bartholomäus-
Rirchlein vor uns, das nach der Volkssage ein alter Heiden-
tempel ist, jedenfalls aber eines der ältesten Gotteshäuser
unserer Gegend sein dürfte, da es nach der eingehenden,
vom hochwürdigsten Herrn Prälaten Abt Heinrich Schuler
verfaßten Beschreibung schon im Jahre 1275 mit Ablässen
bedacht wurde.
Wir wandern also weiter, kommen an den Heimstätten
vorbei zu einem Akzishaus und gleich daneben an der Weg-
kreuzung zu einer kleinen Maria-Hilfkapelle, die nach den
nahen Sillhöfen „Sillhof-Kapelle" benannt ist. Sonft ist von
ihr ja nichts zu erwähnen außer der Nachbildung der allge=
mein verehrten und stets mit Bitten beftürmten Innsbrucker
Pfarrmuttergottes, auch noch eine Nachbildung des Gna-
denbildes von Wilten in einem aus vier Säulen gebildeten
Schreine aus dem 18. Jahrhundert. Ein kaum merklicher
Gurt, der sich an der Decke des niedrigen, fensterlosen Baues
zwischen den mit Rippen und Stichkappen versehenen Vor-
derteil und den mit flacher Tonne überwölbten Bauteil
Schiebt, deutet die Stelle an, wo die Kapelle einft gegen rück-
wärts verlängert worden ist. Votivbilder aus älterer und
neuester Zeit sind Beweise, daß sich auch zu diesem unschein-
baren Heiligtum bedrängte Herzen oft um Hilfe wandten
und in ihrem kindlichen Vertrauen nicht enttäuscht worden
sind.
Wir wollen jetzt den Feldweg einschlagen, der schnur-
gerade gegen die Amraser Kirche führt. Bevor wir uns von
der Sill abwenden, sei der Vollständigkeit halber noch er-
wähnt, daß sich der Fluß früher, vor den wiederholten Regu-
56
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lierungen, in manchen Schlingen weiterwälzte. Da mögen
sich in den Tümpeln zu beiden Seiten des Flußlaufes oft die
jungen Wiltener getummelt haben. Besonders, wenn sich
zeitweise die bekannten kleinen Fische mit den großen Köp-
fen, die „Tolme", in Maffen zeigten. Da mögen sie mit
Gabeln oder Spießen derart leidenschaftlich darauf Jagd ge-
macht haben, daß die Wiltener heute noch den Spitznamen
,,Tolmtupfer" tragen müssen.
Wir wollen nunmehr den angegebenen Feldweg ein-
Schlagen. Früher, in alten Urbaren, war er „Kirchweg" ge-
nannt. Heute hat sich diese Bezeichnung verloren. Ich hörte
ihn nur,,den mittleren Weg" nennen. Mit der Ausbreitung
des verbauten Gebietes und den zahlreichen Besitzwechseln
verlieren sich die alten Flurnamen gleichfalls mehr und mehr.
Daher wollen wir uns jetzt mit der Einteilung und den Be-
nennungen der uns umgebenden Ücker befassen.
Die mit dem landläufigen Namen „Amraser Gelder" be-
zeichnete Fläche umfaßt die Grundstücke, die zwischen der
Sill und dem Dorfe Amras in der einen Richtung, die zwi-
schen dem Paschberge und dem einstigen Dorfe Pradl in der
anderen Richtung liegen. Diese Fläche wird durch gleich-
laufende Feldwege in Streifen von annähernd gleicher Breite
geteilt, die man „Gestöße" nennt. Im Grundbuche werden
sie vom Berge angefangen fortlaufend numeriert und mit
römischen Zahlen bezeichnet. So liegt der Kern des Dorfes
Pradl im achten Gestöße, der alte Militärfriedhof aber im
fünften. Westlich der Linie Pradler Straße-Roseggerstraße
heißt der gegen die Sill zu gelegene Teil des fünften bis
neunten Gestößes, also die Gegend rechts und links der Gas-
werkbrücke, die „Gurt", was dort einen uralten Übergangs-
57
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punkt vermuten läßt. Die Furtwiesen waren in früheren
Zeiten von den Ückern des „Oberen Geldes" (so hieß der
Großteil der übrigen Fläche zwischen Pradl und Amras)
durch einen Zaun abgetrennt. Darum findet sich in alten
Ratastern mehrfach die Bezeichnung „Gurterzaunweg", auch
kurzweg „Gurter Zaun", für den Weg, der sich südlich des
Militärfriedhofes zwischen dem vierten und fünften Gestöß
gegen die Sill zieht. In früheren Zeiten, wohl wegen des
zahlreichen Wildes, war man weit vorsichtiger mit dem Um-
hegen der Weideplätze und Dorfgemarkungen. Daran er-
innert auch der alte Name „Gatterweg" für den Weg, der
das dritte Gestöß vom vierten trennt (knapp unterhalb der
Sillhöfe) und von der Sill gegen die untere (nördliche)
Kapelle am Fürstenweg, die „Panzingkapelle" genannt wird,
führt.
Weil jedes Gestöß wieder in zahlreiche, manchmal sozu-
sagen handtuchbreite Ackerstreifen zerteilt ist, die wieder
Sämtlich ihre eigenen Bezeichnungen haben, werden in alten
Schriften eine Menge von Flurnamen erwähnt, die heute
schon teilweise in Vergessenheit geraten sind. In den heuti-
gen Katastern erscheint der Flurname durch die Parzellen-
Nummer verdrängt; die älteren Kataster und Urbare aber
nennen in den halben Fällen wenigstens den Flurnamen, bie-
ten aber keine eindeutige Lagebezeichnung, so daß die Her-
stellung einer einwandfreien Flurkarte, die im Interesse der
Heimatkunde ungemein erwünscht wäre, auf große Schwie-
rigkeiten stößt. Beispielsweise sei erwähnt, daß im vierten,
dem Silber oder Siller-Gstöß ein „Hühnergartl" (dort wo
jetzt der neue Sportplatz errichtet wurde), ein „Hörler", ein
58
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,,Laicharding-Acker 2", im dritten ein „Steinacker", ein
,,Tafele", im zweiten Gestöß der „Pfeifer", der „Egglstein"-,
der „Zwerchweg 3", der „Halleracker", der „Bildacker 4",
im ersten die,,Gebraite", die „Egart" genannt werden.
So besaß das Regelhaus (das an der Stelle der heutigen
Klosterkaserne stand) laut der 1775 aufgenommenen Rusti-
kalfaffion (L.-Reg.-Archiv, Kataster 27/1) unter anderem
folgende Grundstücke bei Pradl: die große und die kleine
Peinte (eigentlich bedeutet das eingezäunte Parzellen), gegen
Amras: Ücker in der Grube und beim Furtergatter, bei der
Furt den Zieglacker und die Mahd im obern Winkel, und
auch neun „Saggen- oder Mahdstätten" zwischen der Sill
und der Reichenauerstraße, schließlich auch einige kleine An-
teile, die Besserung oder zutheilter Grund" genannt, von
denen später die Rede sein wird.
Der Sillhofbesitzer Johann Jakob Schmuck besaß „zur
Surth" folgende Parzellen: die Grießmahd, das Ständerle,
die Sulze, das buckelte Mädel, die Schoße, die Wexl-Mahd,
den unteren Anger (Grieß = grober Sand, Sulze Jaure
Wiese). Ein Teil dieser Wiesen dürfte der letzten Sillregu-
lierung zum Opfer gefallen sein.
=
Manchesmal haben die Äcker nur ein paar Schritt
Breite. Ihr Ausmaß beträgt öfter nicht mehr als ein oder
zwei „Utteln" (Uttel = Achtel der alten Jauch von 1600
Quadratklaftern). Bei der hier üblichen Ackerlänge reicht
die Breite einer solchen Uttel, die also 200 Quadratklafter
umfaßt, für sechs Zeilen Türken, deren Ertrag eine Fuhr
2 Parzelle Nr. 1807.
3 Parzelle Nr. 1711.
+ Parzelle Nr. 1707.
59
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ausmacht, freilich nur ein „Kuhfüderl", das eine Ruh leicht
ziehen kann. Statt der Bezeichnung „Uttel", die ich aus dem
Munde eines alten Pradler Bauern hörte, kommt in alten
Schriften eine andere Bezeichnung für dasselbe Ausmaß
vor. So heißt es im Amraser Urbar von 1664, Jol. 339:
„Ein Achtel oder Mutmahl aus einem Jauch, stoßt an
Sebaftian Ginners Mutmahl." In Verlaßabhandlungen von
1783 und 1793 kommt ebenfalls das „Muttmahl" vor. -
Unter „Mutt" verstand man einst ein Getreidemaß von
durchschnittlich 44 Liter Inhalt. Acker, zu deren Besamung
eine Mutt Samen erforderlich war, wurden „Muttmahl"
genannt 5.
Die Verteilung der kostbaren Ackerfläche muß in alter,
wenn auch nicht der ältesten Zeit, erfolgt sein, da das Vor-
kommen von nahezu ausschließlich deutschen Flurnamen
eher dafür zu sprechen scheint, daß die Aufteilung des
Ackergrundes erst nach der germanischen Einwanderung
erfolgt ist.
In den alten Zeiten war das Gemeingefühl
zu sehr entwickelt, als daß man dem einen nur von den
guten, dem anderen nur von den schlechten Grundstücken ge-
geben hätte. Darum mußten gerade die besten Ackerstreifen
Jo zerstückelt werden. Die nutzbare Ackerfläche, in die sich
die Pradler und Amraser teilen müffen, ist ja nicht so groß,
wenn man bedenkt, daß hinter den beiden Orten zum Groß-
5 Man könnte Jehen, wieviel praktischer Verstand aus den alten,
unverständigerweise so viel verläßterten bäuerlichen Maßeinheiten
spricht, die dem Landwirt Jo rasch einen überschlag über Flächenumfang,
Samenbedarf, Ertragsfähigkeit, Arbeitszeit (Jauch, Tagwerk, Morgen,
Ackerflächen, die man mit einem Joch Ochsen an einem Tage, resp.
Morgen umpflügen kann) ermöglichten.
60
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teile Auen und Jumpfige Wiesen sind. Und nicht nur Orts-
angehörige waren unter den Bewerbern. Auch so mancher
Bergbauer hat heute noch seinen Türkenacker tief unten
im Tale (z. B. Jei erwähnt, daß sich kürzlich bei der Aus-
Schreibung eines Amraser Feldes Jogar zwei Stubaier
Bauern als Pachtbewerber gemeldet haben!), während er
hoch oben seine Gerste baut. Hier ist fetter Boden, dort
dürrer, dort moosiger Grund; hier ein Feld, das die liebe
Sonne den ganzen Tag mit ihren Strahlen überflutet, dort
ein stets beschatteter Hang. So muß der Tiroler Bauer in
Jeiner buckligen Welt ganz andere Einteilung und Frucht-
folge treffen als der im Flachlande draußen. Und wenn er
auch an Zeit verliert beim Fahren von einem Grundstück
zum anderen und nutzbaren Boden einbüßt mit den vielen,
sonst überflüssigen Grenzrainen, so muß er sich meist wohl
oder übel hineinfinden, solang er nicht auf die eine oder die
andere Getreideart verzichten will. Sind doch nicht einmal
die Amraser Felder gleichmäßig in ihrer Bodenbeschaffen-
heit! Gehören doch die Ücker gegen Amras zur ersten und
zweiten Ertragsklasse, die gegen Pradl, wo der Boden
kreidig und schotterig ist, zur dritten und vierten Klasse.
6 Es sei damit gewiß kein Pauschalurteil gegen die oft dringend
empfohlenen Kommaffierungen ausgesprochen; solang es sich darum
handelt, aus zahlreichen zersplitterten, doch gleichwertigen Parzellen im
Taufchwege wenige, aber zusammenhängende Ackerflächen zu bilden, wird
der Vorteil nicht zu bezahlen Jein. Sonft aber kann man Versuchen, den
so verschiedenartigen Boden nach einer Schablone aufzuteilen, zweifelnd
gegenübertreten.
7 Noch eine andere, nicht zu übersehende gute Seite hat diese 3er-
Jplitterung des Grundbesitzes in unseren klimatischen Verhältniffen. So
batte beispielsweise ein Bauer in Mils im Jahre 1923 an vier verschie-
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Wenn man nun in solche Gedanken versunken über die
Felder schreitet, die schon ganz abseits liegen vom Lärme
der nahen Stadt, so wird man es kaum vermuten, daß auch
über diese stillen Fluren einst wilde, brausende Jagden vor-
übergezogen sind. Das war freilich zu einer Zeit, da zahl-
reiches Edelwild noch unsere Wälder bevölkerte. Wir lesen
davon im Jagdbuche Kaiser Maximilians, das sich dieser
begeisterte Waidmann im Jahre 1500 zusammenschreiben
ließ. Die Jagd am Paschberg ist darin folgendermaßen be-
schrieben: „Derselbe Berg liegt zwischen Wiltein und
Ombras. Daran sind spät am Herbst oder früh am Längs
(Langes Frühling) auch Hirsche. Und dieses Wildpret hett
man am Paschberg. Und es flüchtet über das weite Ombraser
Feld bis zum Inn. Dort legt man die Schützen und Wind-
warte (Wärter der Windhunde). Und das ist ein besonders
lustiges Hirschgejaid für den Landesfürsten, daran man mit-
rennen mag, auch eine lustige Hetzjagd mit den Windhunden
zu sehen und hören hat." Da mag zu Zeiten, in denen die
Fluren ruhten, manchmal eine tolle Jagd über die Amraser
Felder gegangen sein. Den Bauern mag es um diese Jahres-
zeit kaum was geschadet haben. Ein alter Volksspruch sagt
es ja, man solle dem Reiter, der im Frühjahr über die
Felder trabt, ein Goldstück nachwerfen, weil das dem Felde
eher nützen als schaden soll, wenn der Hufschlag die ver-
krusteten Erdschollen auflockert.
Vielleicht hat man bei diesen historischen Erinnerungen
einen verwitterten, im Boden halbversunkenen Schiefer-
denen Stellen Erdäpfel angepflanzt, an zweien waren nach dem Junifrost
die Pflanzen unversehrt, am dritten waren zwei Zeilen verbrannt und
die Erdäpfel nur auf dem vierten Acker zur Gänze vernichtet.
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nicht mehr losbringen konnte. So begab sich die Frau auf
den Weg und begann nach dem Bilde der himmlischen
Mutter zu suchen. Sie ging in weitem Umkreise um die
Stadt sämtliche Geldkapellen ab. Zur Schmerzhaften auf der
Gallwiese (bei Mentelberg) ging fie und nach Mühlau und
gegen Kranewitten, konnte aber nirgends ein Bild finden,
das den Zügen der im Traume geschauten Himmelskönigin
an Lieblichkeit vergleichbar gewesen wäre, bis sie endlich in
dieser Kapelle auf den Amrafer Feldern das genaue Eben-
bild der seltsamen Erscheinung fand.
Eine Anzahl Votivbilder aus neuer und neuester Zeit
geben Zeugnis von der Verehrung, deren sich die einneh-
mende Darstellung der Himmelsmutter erfreut. Es sollen
noch weit mehr solche Erinnerungszeichen dankbarer Beter
vorhanden gewesen sein, doch sind sie längst schon von gott-
losen Händen geraubt worden. Wir wollen jetzt vor allem
das Hauptbild betrachten. Es zeigt die gekrönte Himmels-
königin, die ein liegendes Kind, das gegen abwärts blickt,
in beiden Händen hält. Der Überlieferung nach soll es im
Gnadenbilde der Amraser Pfarrkirche sein Vorbild haben,
von dem folgende Legende erzählt wird:
"
Bor langer Zeit trug es sich einmal zu, daß ein Fürst
auf dem Schlosse Amras Herberg nahm. Da wurde ihm zu
Ehren im Schloßhofe viel Kurzweil getrieben und des
Fürsten Knäblein sah von einem Fenster des zweiten Stockes
zu. Plötzlich verlor es das Gleichgewicht und stürzte kopf-
über in den Hof. Aber dennoch geschah ihm vom Falle kein
Leid. Als seine bestürzten Eltern herbeieilten, sprang es
ihnen frohgemut entgegen mit dem Rufe: „Habt ihr nicht
die Frau gesehen, die mich aufgefangen hat?".
- Die dank-
64
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baren Eltern ließen nun von einem Künstler die Mutter-
gottes schnitzeln und das Christkind dazu, so als ob sie es
mit ihren Armen auffange. Dieses Bild wurde der Kirche
in Amras geschenkt und steht dort noch heute auf dem Hoch-
altar. Das Volk gewann alsbald große Andacht zu der
Gnadenmutter und viele fanden bei ihr in Gefahr und Trüb-
fal Hilfe und Erhörung." (Zum Teil nach Heyl, Sagen,
5. 42.)
Dieselbe Sage existiert auch in etwas geänderter Form
und wie sich Sagen meist an berühmte Namen hängen, so
hat die landläufige überlieferung erzählt, der junge Wallen-
stein habe als Edelknabe Erzherzog Ferdinand des Zweiten
diesen gefährlichen Fenstersturz glücklich überstanden. Dies
stimmt natürlich nicht, denn erstens war Wallenstein nach
historischen Zeugnissen niemals in Ambras, zweitens muß
sich das der Sage zugrunde liegende Ereignis um ein paar
Jahrhunderte früher abgespielt haben, da die Statue noch
aus der gotischen Zeit herstammt 8.
-
Das Vorbild der besprochenen Amraser Marienstatue
wäre also auf dem Bilde der Fieberkapelle so heißt sie
im Bolksmunde - erkennbar, so sehr sie auch in Ausdruck
und Gewanddarstellung vom gotischen Vorbilde abweichend
ist. Das Gemälde trägt die Unterschrift,,Anton Kirchebner
1864". Das Bild der anmutigen, von Engeln umschwebten
Himmelsmutter nimmt sich recht lieb und andächtig aus.
8 Diese Statue war früher mit einem reichgestickten Samtmantel
bekleidet. Nach Mitteilung des hw. Herrn Pfarrers zeigte es sich bei
der Entkleidung der Statue, daß darunter die Ausbeugungen der goti-
Jchen Figur weggehackt waren, so daß Bildhauer Bachlechner sie
ergänzen mußte.
5 Wilten II
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Der der Kapelle beigelegte Name sagt schon, in welchen
Anliegen man sie am meisten aufzusuchen pflegte. Von einer
Augenzeugin hörte ich auch, daß eine Frau, die vor etwa
zwanzig Jahren nicht weit von der Kapelle von einem Rad-
fahrer zu Boden gestoßen wurde und schwere, entstellende
Verletzungen erlitt, durch Anrufung dieses Gnadenbildes
auf wunderbare Weise und ohne kenntliche Narben von
ihren Verletzungen in kürzester Zeit geheilt worden sein soll.
Die Verehrung dieses Heiligtumes muß sich schon seit
alten Zeiten herleiten. Denn schon in der Urkunde vom
Jahre 1665, als des Verfassers Vorfahren mütterlicher-
Jeits den Acker kauften, auf dem sie steht, wird der Grund
Bildacker" genannt. Besondere Pflege erhielt die Kapelle
im abgelaufenen Jahrhundert durch die Sorgfalt einer wegen
ihrer Rechtlichkeit und Wohltätigkeit weit und breit be-
kannten 3nnsbrucker Geschäftsfrau, des sogenannten „Tyr-
ler Burgeles", die sich von meiner Großmutter die Erlaub-
nis erbeten hatte, die Kapelle versorgen zu dürfen, und die
mit nimmermüdem Fleiße an der Verschönerung der ihr be-
sonders ans Herz gewachsenen Wallfahrtsstätte tätig war.
Aber auch noch heutzutage macht mancher Wanderer, der
den eingeschlagenen Feldweg gegen Amras verfolgt oder
den Weg geht, der ihn in der Richtung vom Militärfried-
hofe her dort kreuzt, gern eine Zukehr bei der Himmels-
mutter in der Fieberkapelle.
Wir wollen den letzterwähnten Weg einschlagen, um
uns die alte, halbverfallene Bildfäule aus verwitterter Nagel-
fluhe zu betrachten, die in der Nähe der städtischen Siedlun-
gen ganz einfam am Ackerrande steht. Der ca. 3m hohe Bild-
stock ist leider schon stark zurückgeneigt und würde dringend
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einer pietätvollen Aufrichtung bedürfen! Seinem Stile nach
dürfte er aus der Übergangszeit der gotischen zur Renais-
sancekunft stammen: eine hohe, achteckige Basis, ein runder
Schaft, darüber ein vierseitiger Aufsatz mit Pyramidendach,
in den gegen Often ein Bild eingelassen ist. Es zeigt in
derber Bauernmalerei die Wetterheiligen Johann und Pau-
lus, die mit ausgestreckten Armen auf die Gelder weisen, um
vom Herrgott, der durch ein großmächtiges Augendreieck
angedeutet ist, das Wetterglück zu erbitten. An der
Steinumrahmung lassen sich noch einzelne Zeichen entziffern.
Oberhalb des Bildes die Ziffern.. 10 (wohl 1610), unter-
halb desselben die Buchstaben G. J. P. J. Das Bild
soll schon öfter herabgestohlen, aber stets wieder erneut
worden sein. Ob die Säule jedoch schon vom Anfange an
diesen beiden Fürsprechern geweiht war, möchte ich
bezweifeln, denn in einem Inventare von 1783 wird der
Grund, auf dem sie steht, „das Ackerl bei der weißen
Marter" genannt. Im Volksmunde heißt sie heute meist
„Wetterkreuz", nur selten noch die Marter"; ich hörte den
Feldweg auch „Martersteig" nennen. Diese Bezeichnung
läßt einen Schluß auf die ursprüngliche Bedeutung dieser
Bildsäule zu, obwohl die Verehrung der beiden Wetter-
herren dort schon lang eingeführt worden sein muß.
Wir stützen uns im folgenden auf einen hochinteressanten,
mit urkundlichen und bildlichen Beispielen reich belegten
Aufsatz Hans Schneters im ersten Jahrgang der „Bayeri-
schen Hefte für Volkskunde" (1914), der die verschiedenen
Arten von solchen Denkzeichen scharf unterscheidet und
unter dem Ausdrucke „Marter" im Gegensatz zu den Stein-
kreuzen solche Denkmäler versteht, die mit dem Kreuzbilde
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Christi (der Marter des Herrn) versehen sind. So dürfte
wohl auch hier ursprünglich eine Kreuzigungsdarstellung an
Stelle des Heiligenbildes zu sehen gewesen sein. Sehr inter-
effant ist auch der im erwähnten Aufsatze erfolgte Hinweis,
daß solche steinerne Martersäulen als Vorläufer unserer
heutigen,,Marterlen" meistens an Stellen aufgerichtet wur-
den, an denen Mordtaten oder tödliche Unglücksfälle vor-
gekommen sind, so daß sich ein alter Schriftsteller darüber
beklagt hat, daß es,,mehreres die Unglücksfäll als die An-
dacht verursachen, daß man pflegt Kreutz und Martersäulen
aufzustellen". Das im Ambraser Urbar mehrfach erwähnte
,,hilzen Kreuz" am Gatterwege, das nicht mehr existiert,
läßt neben den zahlreichen noch bestehenden Säulen und
Geldkapellen darauf schließen, daß sie wohl vor allem dem
ausgesprochen frommen Sinn des Tiroler Volkes ihr Da-
sein verdanken. Gleichzeitig kann man aus der Tatsache,
daß sie ihrem Stil nach meistens aus der Übergangsperiode
zur neuzeitlichen Kunst (16. Jahrh.) stammen, ersehen, wie
stark hierzulande das religiöse Empfinden zu einer Zeit ge=
wesen sein muß, in der Verrohung und Glaubensabfall
andere Länder in Wirrnis und Elend stürzten.
3m Gedanken an eine weit zurückliegende, uns uner-
forschliche Bluttat verlassen wir die „Weiße Marter" und
gehen denselben Pfad zurück, vorbei an der Fieberkapelle
bis zu einem kleinen Kirchlein, das sich am sogenannten
„Berg-Gestöße" erhebt. Wir alle kennen ja die Legende
vom unschuldigen Rinde Andreas von Rinn, das, wie be-
richtet wird, im Jahre 1462 von durchreisenden jüdischen
Kaufleuten, denen es der gewiffenlose Pate verkauft hatte,
auf grauenvolle Weise getötet worden ist. Die Mutter
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Geschichtlein aus dem Jahre 1809: Es waren die Männer
alle mit ihren Stutzen ausgezogen und oben auf den Anhöhen
in der Kampfstellung. Die Frauen waren allein zurückgeblie-
ben. Trotzdem wollten diese von ihrem frommen Herkommen
nicht abstehen und machten sich ohne männlichen Schutz mit
ihrer Fahne auf den Weg. Sie waren eben mitten auf ihrer
Wanderung von der Martersäule zur Blutskapelle, als sie
plötzlich von einer feindlichen Schar überfallen wurden. Doch
gar nicht verlegen, fielen sie über die Feinde her und prügel-
ten sie mit der Fahnenstange derart durch, daß die Franzosen
oder Bayern davonliefen und die Prozession ungehindert zu
Ende geführt werden konnte. Bald darnach wurde der
Feind nach der siegreichen Berg-3sel-Schlacht aus dem
Lande gejagt, so daß die mutige Tat der wackeren Frauen
ohne üble Folgen blieb.
Wir sind mittlerweile bei der Kapelle angekommen. Der
Acker, auf dem sie steht, im,,Berggestöße" gelegen, weil er
Schon einen Teil des Abhangs einnimmt, heißt heute noch
„Jux-Acker" nach dem früher erwähnten Landrichter.
Sonst heißt man ihn auch „Kapellenacker" oder „Bluts-
acker", so wie die Kapelle „Anderl-" oder „Blutskapelle"
heißt. Über ihre Erbauung ist leider noch kein Dokument
vorfindlich gewesen. Schon von außen muß einem der ori-
ginelle fechseckige Grundriß auffallend sein. Auch in ihrem
Innern sehen wir spätgotische Nachklänge im Gemenge mit
Elementen der neuen Zeit: Wandpfeiler mit dorischen
Kapitälen, auf denen ein Sterngewölbe geruht haben dürfte,
das aber jetzt nach späterer Umgestaltung in eine Flach-
kuppel verwandelt erscheint und jetzt Gemälde aus der
Barockzeit, Szenen aus dem Leben der Heiligen, denen das
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Kirchlein geweiht ist, erblicken läßt. Wer die Deckenbilder
der Wiltener Stiftskirche in Erinnerung hat, dem werden
das gleiche scharfe Blau, die ähnliche Zeichnung unwill-
kürlich an Raspar Waldmann erinnern, der die Stiftskirche
zwischen 1702 und 1707 ausgemalt hatte, so daß man tat-
sächlich der alten Tradition Recht geben kann, derselbe
Meister habe beide Gotteshäuser mit Fresken geschmückt.
Das ober dem Eingang der Blutskapelle angebrachte Ver-
kündigungsbild (jetzt bezeichnet: „Ren. 1913 Knofler") zeigt
ebenfalls große Verwandtschaft mit Kaspar Waldmanns
Art, der einer unserer fruchtbarsten Meister aus der spä-
teren Barockzeit war. Auch der schwarze, reich mit Ber-
goldung gezierte Barockaltar, die flott geschnitten Statuen
der bäuerlichen Heiligen machen dieses Kirchlein zur sehens-
wertesten aller der hier beschriebenen Geldkapellen.
Wir wandern weiter. Halb verdeckt durch hochragende
Bäume schaut das Schloß Ambras auf uns herunter, der
Lieblingssit unseres einstigen Landesfürsten Erzherzog Jer-
dinand II. und seiner Gemahlin Philippine Welser. Die
anschaulichen Schilderungen des glanzvollen Lebens im jetzt
so einsamen Schloffe treten einem lebendig vor die Seele,
wenn man so, mit historischen Erinnerungen beschäftigt, von
der einen geschichtlich denkwürdigen Stätte zur anderen
wandert. — Auch wäre eine Kapelle zu erwähnen, die knapp
unterhalb des Schlosses, im Tiergarten (dort, wo heute ein
Sommerhaus steht) sich erhob. Sie war dem hl. Georg
geweiht, wurde aber 1777 entweiht und später abgebrochen.
Einsam und verlassen steht jetzt das stolze Schloß, seit
Mörderhand in Sarajevo den Habsburger Franz Ferdinand
dahingerafft hat, der es zum alten Glanze erwecken wollte.
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Die kärglichen Überreste einstigen Reichtums, die Ambras
immer noch birgt, wären zwar immerhin des Besuches wert.
Auch würde der emporsteigende Pfad zum gleichzeitigen Be-
suche des Tummelplates, des träumerisch stillen Waldfried-
hofes einladen, an dem so viele Tausende tapferer Soldaten
dem Rufe des Herrn der Heerscharen entgegenharren, der es
ihnen belohnen wird, was sie gelitten, was sie geopfert haben
im treuen Kampfe für Fürst und Vaterland.
Dem heutigen Programme getreu wollen wir uns für
diesmal darauf beschränken, die auf den Amraser Feldern
liegenden Andachtsstätten aufzusuchen. Wir folgen der
Fürstenstraße, die wir gleich außerhalb der Blutskapelle
erreicht hatten, in der Richtung gegen Pradl.
Sie scheidet das Innsbrucker vom Amraser Gemeinde-
gebiet. Den Namen „Fürstenstraße" soll sie von ihrem
Erbauer, dem Erzherzog Ferdinand II. haben. Im Volk
heißt man sie die „alte" Fürstenstraße im Gegensatz zur
,,neuen", die am Fuße des Paschberges sich gegen Wilten
hinzieht und erst 1856 vom Erzherzog Karl Ludwig (dem
Bruder Kaiser Franz Josefs) erbaut wurde.
Wir gehen am neuen Kriegerfriedhof vorbei, der so un-
endlich viel Weh und Jammer des Weltkriegs in sich birgt.
In ihm war wohl auch eine Kapelle errichtet worden, doch
wurde sie unvollendet gelassen und wieder zum Abbruche
bestimmt. An ihre Stelle kam das beim Brand der Colli-
Fabrik verschont gebliebene Kruzifix.
An der Wegkreuzung mit dem Kirchweg stehen wir vor
einer kleinen, offenen Feldkapelle mit weit vorspringendem
72
9Vgl. Unterkirchner, „Chronik von Innsbruck", Nr. 3007 u. 3028.
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Abb. 13, Das große hl. Grab in der Stiftskirche
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Maria fagrarist
Abb. 14, Hochaltar in der Wiltener Pfarrkirche.
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Dach, neben der sich eine schlanke, über drei Meter hohe
gotische Säule aus Trientner Marmor erhebt. Die erstere,
Stapf-Rapelle, nach dem Bauern, der sie versorgte, benannt,
ist bald besichtigt. Die sich durchkreuzenden Grate an der
Decke, die Gebälkstücke zu Seiten des Einganges zeigen
wieder das 3neinander mittelalterlicher und neuzeitlicher
Bauformen. Weit interessanter ist die mit dem Eichhorn-
Wappen geschmückte Votivfäule des Max Getzner, die nach
der angebrachten lateinischen Inschrift im Jahre 1418 er=
richtet wurde. Max Getzner war Pfleger von Amras und
ein treuer Anhänger Herzog Friedrichs mit der leeren
Tasche. Der hw. Herr Prälat Heinrich Schuler, der die
Säule im Innsbrucker Pfarrblatt (22. Heft von 1921)
genau beschrieben hat, vermutet in ihr mit ziemlicher Wahr-
Scheinlichkeit ein Ex-Voto für die glückliche Heimkehr und
Rettung des verbannten und schwer bedrängten Landes-
herrn. Ein spätgotisches Gemälde, das Prälat Heinrich
seiner Schrift über die Stiftskirche zum hl. Laurentius
(Innsbruck 1920, 5. 19) als älteste Abbildung seines Stiftes
mitgegeben hat, zeigt im Hintergrunde wohl den Kirchweg
mit der Getznerschen Säule, sonst aber weder andere Ka-
pellen, noch den Fürstenweg, wohl ein Zeichen, daß diese erst
einer etwas späteren Zeit entstammen.
Der Mauer des neuen Pradler Friedhofes entlang kom-
men wir bald wieder zu einer Kapelle, die neben einem
Akzishäuschen steht, der schon eingangs erwähnten,,Pan-
singkapelle", bei der der „Gatterweg" in den Fürstenweg
mündet. Das Amraser Urbar von 1664 schreibt: „Am
Gatterwege vor Pänzing 10". Der Name wurde mir von den
10 Panzing von Bannzaun?
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Einheimischen folgendermaßen erklärt und ich enthalte mich
anderer Deutungsversuche: Das Dorf Pradl soll früher
keinen Brunnen besessen haben und so mußten die Leute
mit ihren Wasser-Panzen bis hieher, wo ihnen die Amraser
entgegenkamen, zum Wasserholen kommen. Wie die spitz-
bogige, abgestufte Türöffnung, die schräg aus der Wand ge=
schnittenen Spitzbogenfenster zeigen, stammt die Kapelle noch
aus der gotischen Zeit; im Innern ist sie jedoch ziemlich neu
ausgestattet. Das Altarbild zeigt die himmlische Mutter
mit dem segnenden Christuskinde und stammt aus der Mitte
des vorigen Jahrhunderts. -Diese Kapelle wird von der
Familie Engl, der früher der Pizeinhof in Amras (jetzt um-
gebaut, Sitz des Gendarmeriepostens) gehörte, in pietätvoller
Weise in Stand gehalten und bei jeder Fronleichnams=
prozession feftlich geschmückt.
Wir schlagen jetzt den Feldweg ein, der gegen den Nord-
rand des Dorfes Amras führt. Der hohe, schlanke Kirch-
turm mit seinen spätromanischen Schallfenstern grüßt zu uns
herüber und der Schall seiner aus dem Jahre 1491 stammen-
den Löffler-Glocke mahnt uns zum Abendgebet. Doch wen-
den wir uns bald vom Dorfe ab und der kleinen Kreuz-
kapelle zu, die weit sichtbar am Rande einer kleinen An-
höhe den Platz bezeichnet, an dem die vielen Opfer der Pest-
epidemie des Jahres 1611 bestattet sind. Noch heute ziehen
die Pradler alljährlich am 10. Mai zu dieser Pestkapelle,
um vom Herrgott die Abhaltung dieses Unheils zu erflehen.
Von der Pestkapelle aus haben wir schöne Aussicht hin-
über gegen den Amraser See, der jetzt freilich den größten
Teil des Jahres trockengelegt ist. Dieser See wurde einer
Überlieferung nach zu Erzherzog Ferdinands Zeiten vom
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Todelbauer (dem letzten Pradler Bauernhof in der Richtung
gegen den Amraser See) angelegt. In Wirklichkeit ist der
See weit älter, denn schon Kaiser Maximilians Fischereibuch
(verfaßt 1500) erwähnt ihn und lobt seine guten Fische: „Der-
selbe See hat innen Hechten, Kerpfen, Prachsen, Schleien
und kleine Speisfisch. Und das ist ein besonders luftiger und
nutzlicher See für den Landsfürsten, da er dem Hof und der
Ruchl zu Innsbruck ganz gelegen. Auch mag der Landes-
fürst besondere Luft daran haben, da die Hirschen gern an
denselben See laufen." In früherer Zeit muß dem Am-
raser See überhaupt mehr Bedeutung zugekommen sein.
Eine Ansicht in Braun und Hogenbergs Städtebuch, die uns
Innsbruck von dieser Seite zeigt und ungefähr aus dem
Jahre 1575 stammt, zeigt uns den See von Lufthäusern um-
geben, von reichgezierten Booten bedeckt. Doch hat die
Verödung des Schlosses auch dieser Herrlichkeit ihr Ende
bereitet.
Wir folgen nun der Straße, die sich unterhalb der er-
wähnten Anhöhe hinzieht, die, wie berichtet wird, in alten
Zeiten den Uferrand gegen die damals die ganze Au über-
deckenden Fluten des Inn gebildet haben soll. Bemerkens-
wert ist es, daß sich dieser Abfall des von der Sill aufgewor-
fenen Schuttkegels vom Dorfe Amras in weitem Bogen bis
Pradl, auf dem andern Sillufer aber von der Gaswerk-
brücke durch den Garten der Weyrerhäuser bis zum Anger-
zell erstreckt.
Während die Amraser Felder, die als Ackergründe
naturgemäß eine sorgfältige Pflege beanspruchen, seit alters
privaten Besitzern gehörten, waren die darunterliegenden
Auen bis in die neuere Zeit in gemeinsamer Nutzung aller
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Gemeindemitglieder. Erst die fortschreitende Rodung der
Erlenbestände, mehr noch die volkswirtschaftlichen Ideen der
sogenannten „Aufklärungsperiode" ließen es seit Ende des
18. Jahrhunderts manchenorts zu einer Aufteilung der Ge-
meindeweiden kommen. Vereinzelte ältere Beispiele von
Wald- und Rodland verteilungen ließen sich wohl aus der
Tiroler Geschichte erbringen. (Vgl. Dr. Wopfner, „Das
Almendregal der Tiroler Landesfürsten" 67, Anm. 3), aber
in größerem Maße setzte dieser Prozeß, der heute noch nicht
gänzlich abgeschlossen ist, erst in der Theresianischen Zeit
ein 11. Auch Teile der „Reichenau" in der Gegend des so-
genannten „Roßsprungs" kamen damals zur Aufteilung.
11 Auf eine Verleihung aus der Zeit Erzherzog Sigismunds, aus-
gestellt am Mittwoch nach Lichtmeh 1461, die ich hier auszugsweise
bringe, machte mich Prof. Dr. Stolz aufmerksam. (Liber fragmen-
torum des L.-Reg.-Archivs, V, fol. 412.) „Weil unsere getreuen Leute
von unserem Dorf Ombras am Wiesmahd und Grund, genannt der
Raut oder Reychnaw (Reichenau) unter demselben Dorf gelegen, der
sich anhebt an dem Reichenauer Gatter unter Predel (Prad) und an
der Nachbarn Sakken-(Saggen-)3aun und sich bis an unfern Rabes-
garten und denselben Zaun nach bis in der Ombrafer Gesuch (Grenz-
marke) der Holzau und von dort wiederum bis zum Reichenauergatter
erstreckt, etlich Jahr von uns auf Widerruf gehabt haben und sie
aber mit uns überein gekommen sind, daß wir ihnen aus besonderer
Gnade den benannten Raut zu ewigem Erbrechte und Bau-
rechte gelassen haben, geben wir für uns und unsere Erben in Kraft
dieses Briefes bekannt, daß die Leute, die zu Ambras anfäffig sind und
dort Güter und Lehen haben, den benannten Raut mit allen Rechten
haben, nutzen und nießen, bebauen, damit schaffen, tun und lassen sollen
nach ihren Notdurften und Gefallen. . . ( es folgen Bestimmungen über
den Grundzins und die Verpflichtung zur Offenhaltung der Wege,
Jchließlich aber etwas, was auch den Leuten der Gegenwart nicht genug
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Wer die eingeschlagene Straße in früheren Jahren öfter
gegangen ist, wird sich noch der Gedenktafel erinnern, die
sich auf schmiedeeisernem Juße zwischen zwei jungen Allee-
bäumen erhob und die sagenhafte Geschichte vom Edelknaben
erzählte, der auf dem Ritte von Amras herein mit seinem
Pferde über einen 40 Schuh breiten Graben sprengte, aber
dort tot liegen blieb. Vor einem Jahre aber haben pietät-
lose Leute auch dieses Erinnerungszeichen vernichtet! Es
wäre schon recht empfehlenswert, bald einen Ersatz für das
zerstörte Denkzeichen zu bringen und darauf wie am bisheri-
gen die Geschichte aufzuzeichnen, nur möchte ich bei dieser
Gelegenheit der älteren Form der Sage, so wie sie uns der
Tiroler Landreim des Georg Rösch von Geroldshausen
(1557) bietet, den Vorzug geben, weil sie eher der Wahr-
Scheinlichkeit entspricht. Dieser erzählt nämlich:
Ain Wunder mueß ich euch sagen
So sich begeben vor alten Tagen.
Herzog Siegismund gar lobeleich,
Von Österreich der Fürst miltreich,
Der het ein gewaltig springendes Pferd,
Davon jedermann viel Wunders hört.
Zwischen Innsprugg und dem Dorf Ombras,
Auf dem weiten Geld geschach das.
anzuempfehlen ist!). Wenn einer oder mehr Jeine Rechte aus dem
Raut verkaufen oder versehen wollte, daß er niemandem ver-
kaufen oder verfehen foll als einem Nachbarn, der
im Dorfe ansässig ist." -Herr Archivdirektor Dr. Moeser
gedenkt demnächst einige ältere Urkunden über Grundverteilungen an die
Amraser Söll-Leute (Kleinhäusler) zu veröffentlichen.
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Darauf setzt er ein edlen Knaben,
Ließ ihn damit übers Geld traben.
Zu versuechen was doch das Pferdt kundt,
Zu lauffen und springen gar rundt.
Also kams undersechen dar
An ein Graben, der gar weit war.
Im Hui gab es sich in den Sprung
Wohl mit dem edlen Knaben jung,
Übersprang den Graben gewaltiglich,
Biertig Werkschuech ist wahr sicherlich.
Die Wahrheit muß man verjehen (= bejahen)
Der die zwen Stein hat gesehen,
So drumb gesetzt und gemessen ab
Drob blieben beid, das Pferd und der Knab 12."
Die beiden Steine sind noch zu sehen, aber anscheinend
nach willkürlicher Versetzung. Es dürfte sich wohl um einen
Sprung vom steilen Rain herunter gehandelt haben. Die
andere überlieferung, die als den kühnen Reiter einen Gra-
fen Sternberg nennt, ist bedeutend jüngeren Datums und
erzählt, der Edelknabe Erzherzog Ferdinands sei beim Ritte
tödlich verunglückt, den er so eilig machte, um seinem erz-
herzoglichen, in Innsbruck weilenden Herrn zu berichten, daß
Jeine Gemahlin, die schöne Welserin, ihn mit einem Knaben
beschenkt hatte. Dieser Bericht ist also mit dem weit älteren
Zeugnisse des Tiroler Landreims im Widerspruch - und
vom ausgestopften Pferd, das man den Besuchern des
12 Soll das heißen, daß beide tot blieben, oder bestand das Wunder
vielmehr darin, daß beide unversehrt oben blieben, das Pferd am Rande
des Abgrundes, der Knabe auf seinem wackeren Rosse?
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ren Au und ein Sechsteljauch in der unteren Au. Angemerkt
war noch, daß diese Neubrüche „auf dreißig Jahre nach der
Beurbarung" zehentfrei seien. So hatten auch die übrigen
Besitzer bei dieser allmählichen Aufteilung ihre Anteile be-
kommen. Der Sillhofbesitzer Schmuck gab in der bezeichneten
Fassion auch die Jahre der Zuteilung an, nämlich 1770 und
1774; die Stücke waren winzig klein, weil eine große An-
zahl von Bewerbern jedesmal zu befriedigen war. Mehrfach
fand sich die Bezeichnung „lutheigen", das heißt, daß die
verteilten Gründe frei verkäufliches Eigentum der Empfän-
ger waren. Ähnlich erfolgte in den Dreißiger- und Vier-
zigerjahren die Verteilung des einstigen Angebiets in der Au
Richtung gegen Ampaß. Die Pradler Bauern heißen die ent-
legenften Teile,,Amerika", weil sie so weit entfernt sind, daß
man im halben Tage nur einmal hin- und zurückfahren kann.
Man mag über Verteilungen von Gemeindegrund denken
wie man will, weil es so manchem sorglosen Wirtschafter da-
durch möglich wird, sich des zugefallenen Anteils zum un-
wiederbringlichen Schaden an seiner Wirtschaft zu ent-
äußern; in dieser Gegend hatte der fleißige Landwirt früher
wenigstens gute Gelegenheit, die Augründe zu verbessern.
Mit Hilfe der in den städtischen Latrinengruben beim „Roß-
Jprung" überreichlich vorhandenen Düngermengen war er
imstande, die sauern Wiesen in fruchtbare Acker zu verwan-
deln. Zu manchen Zeiten drängten sich die Fuhrwerke Tag
und Nacht um diese Goldmühlen herum; heute müssen diese
Schätze nutzlos im Inn verrinnen 13.
13 Ich hatte mir schon im Vorjahre die Frage erlaubt, ob es denn
gar kein Mittel gäbe, dieser Verschwendung Einhalt zu tun (Tir. Anzeiger
dom 28. Dez. 1922) und möchte es hier im 3nteresse der heimischen
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Wir wenden uns wieder von solchen materialistischen Be-
trachtungen ab, gehen weiter und stehen bald wieder vor
einer neugotischen Kapelle, die aus den Fünfzigerjahren des
vorigen Jahrhunderts stammt und nach dem benachbarten
Bauernhofe Todelkapelle heißt. Sie hat in ihrem Innern
eine Nachbildung des Lukas Kranachschen Maria-Hilf-
Bildes, gleich wie die Sillhofkapelle, bei der wir unsere
Wanderung begonnen haben. Ober dem Eingange der
Todelkapelle waren ursprünglich die beiden Wetterherren
Johannes und Paulus. Alte Leute erzählen sich, es sei bei
der Einweihungsfeier dieser Kapelle ein Mann aus unglück-
lichem Zufall durch einen Pöllerschuß getötet worden.
Zugleich mit der intensiveren landwirtschaftlichen Be-
arbeitung verschwanden auch die von allerlei Unken und
Molchen bevölkerten Tümpel, die es nach Berichten in die-
Jer Gegend zahlreich gegeben haben muß. Daran erinnert
auch die Bezeichnung „Gulla" für einige Gründe, die die
Anna Told nach der mehrfach erwähnten Rustikalfaffion
von 1775 in dieser Gegend im Besitz hatte. Der Name
kommt von einem lateinischen Worte „Golla" für Lache,
Pfütze und lebt, freilich in ganz anderem Sinne gebraucht,
noch weiter im hochdeutschen Worte „Golf".
Zum Schlusse seien noch einige Flurnamen aus der
Gegend oberhalb des „Roßsprunges" erwähnt: „Tenggen-
Acker", „Piller-Jauch",,,Untere Jauch 14". Die zweite Be-
zeichnung läßt vermuten, daß auf dem Acker einst ein Heu-
Landwirtschaft nochmals wiederholen. In Remscheid (Rheinland) hatte
ich z. B. Gelegenheit, eine Anlage zu besichtigen, in der den ange-
Schwemmten Dungftoffen das überflüssige Waffer entzogen wird, so daß
Jie wieder verwendbar werden.
14 Parzelle Nr. 1412, 1407, 1405.
6 Wilten II
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Jtadel, eine Pille, stand. Mit „tengg" bezeichnete man Leute,
die Linkshänder waren; einem solchen soll nach Mitteilung
eines alten Pradlers einst der Acker gehört haben. Seit
Jahrhunderten war er jedoch schon in ingramischem Besitz.
Die Bezeichnung muß also weit älter sein. Tatsächlich wird
schon im Urbare des Landesfürsten Meinhard des Zweiten,
das um das Jahr 1285 niedergeschrieben wurde, ein Hof
in Amras erwähnt, „,,den der Tenke bauet 15".
So leben in alten Flurnamen Erinnerungen an längst ver-
schwundene Baulichkeiten, längst verstorbene Personen,
längst vergessene Ereignisse und längst außer allgemeinem
Gebrauch gekommene Ausdrücke fort. Wir sollten solche
kleine, an und für sich unbedeutende Einzelheiten nicht unter-
Schätzen, da sie in ihrer Gesamtheit doch wichtige Hilfsmittel
Jind, das Heimatgefühl zu wecken und zu erhalten.
Ich hätte damit so ziemlich alles, was ich von den Am-
raser Feldern in Erfahrung bringen konnte, erzählt und
danke allen, die mir durch freundliche Mitteilung und Hin-
weise geholfen haben, vor allem Sr. Gnaden dem hochwür-
digsten Herrn Prälaten, Abt Heinrich Schuler von Wil-
ten, dem hochwürdigen Herrn Pfarrer Hermann Blaas
von Amras, Herrn Professor Wopfner und den Herren
des Landesregierungsarchivs und des Ferdinandeums auf
das herzlichste. Vielleicht mögen diese Zeilen manchem eine
Anregung sein, auch seinerseits mit seinen heimatkundlichen
Beobachtungen herauszurücken, um diese Mitteilungen zu
ergänzen.
Jeder Schritt, den wir jetzt gegangen sind, hat uns an
ferne Vergangenheit erinnert.
15 Oswald von Zingerle, „Meinhards II. Urbare", Wien 1890,
1. Teil, Seite 39.
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Aber nicht nur dem, was einstens war, wird man sich
bei solchen Wanderungen ausschließlich widmen. Auch dem,
was sich durch alle Zeiten gleich geblieben ist, wird man seine
Blicke schenken; der ewig schönen Natur unserer Berge, die
schon seit alters empfängliche Menschen entzückt hat. Wie
schön ist es, im Frühjahr über die Amraser Felder zu wan-
dern! Fühlen wir es nicht mit, was schon vor Jahrhunderten
der Innsbrucker Hofprediger P. Didacus Lequile in einem
begeisterten Lobliede auf Innsbruck (Relazione del Tirolo,
nel Bagno di Egerdoch, 1655) gesagt hat, wenn er davon
Schreibt, wie anmutig es ins Tal gebettet liegt, befeitet von
hohen Bergen, von dichten, dunklen Wäldern? Dann lobt
er die schönen Landhäuser und Siedlungen, die Freundlich-
keit der Bewohner, den guten Wein, der in den Gaststätten
ausgeschenkt wird, die Reinlichkeit der Straßen. Vom
kleinen Hügel, der sich vor Egerdach erhebt, der mit frischem
Grün bekleidet, von Bäumen leicht beschattet ist, läßt er die
Blicke herumschweifen zu seiner Erfrischung und seinem Ver-
gnügen. Er schaut dem Fluß zu, der bald an überragend
Stolzen Bergen vorbeifließt, bald von lieblichen Hügeln um-
säumt ist. Er bewundert es, wie großartig sich das Tal
zwischen Innsbruck und Hall in riesiger Weite auftut, eine
Szenerie, die man in den schönsten Theatern nicht zu sehen
bekomme. Als ob die kunstvolle Natur einem jeden, der sich
hier befindet, das Herz erfreuen wolle.
Und er betrachtet diese Schönheit mit solcher Bewunde-
rung. Er gesteht es, daß er sie mit seiner Feder nicht schil-
dern könne, daß er aber Innsbruck - unsere Heimatstadt! —
wohl mit Recht dem wundervollen Neapel, der schönsten
Stadt der Welt, zur Seite stellen könne.
6*
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Aus der Chronik Wiltens
Das Simon- und Juda- Widderschießen in
Wilten
Schützenbräuche halten lange an, länger noch wie Jäger-
sitten! Der Zahn der Zeit ist da zu wenig scharf. Vier
Jahrhunderte lang hat sich mit dem Juda- und Simon-
Widderschießen ein alter Tiroler Schützenbrauch erhalten.
,,Ja, fast seit der Erfindung des Schießpulvers," möchte der
behaupten, dem es um einige Jahrzehnte in der Welt-
geschichte nicht drauf ankommt. Tatsächlich wird dieser alte
Schützenbrauch schon im Jahre 1524 erwähnt. Am Sonn-
tag nach Simon und Juda (28. Oktober) eilten Innsbrucker
„Püchsenschützen" nach Wilthan, um die vom Abtkonvent
des Stiftes,,aus gutem Willen" gewidmeten Bestgaben ab-
zuschießen. Es lohnte sich Gang und Schuß. Gewöhnlich gab
das Stift einen Widder mit einem,,Species-Thaler" auf dem
Horn als Zier. Manchmal wurde zum Bestwidder auch noch
ein großer Laib Alpenkäse gelegt. In alten Berichten lesen
wir darum auch vom Käseschießen.
Eine feste Vereinbarung lag aber diesem Brauche nicht
zugrunde. Die Schützen waren wohl sehr begeistert, forder=
ten von Jahr zu Jahr mehr, beriefen sich auf Leistungen ihrer
Altvorderen für das Stift. Die Übte lehnten diese,,Mehr-
forderungen" ab, denn keine Urkunde war im Archiv vor-
handen, die irgendwie eine Verpflichtung den Innsbrucker
Schützen gegenüber enthielt. Die Bestgabe war nur als Tat
der Dankbarkeit für einen Schutz zu deuten, den die Inns-
brucker Schützen wahrscheinlich einmal dem Stifte gewähr-
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ten. Einem alten Briefe von 1724 entnehmen wir, daß die
Schießgabe mit der Verbindlichkeit verabreicht wurde, sie
in Wilten abzuschießen und nur immatrikulierte Schützen zu-
zulaffen. Dem Stifte wurde stets eine Freibüchse gewährt.
Erst nach Errichtung eines neuen Schießstandes in Jnns-
bruck (1847) wurde das Simon- und Juda-Widderschießen
in Innsbruck veranstaltet.
Jetzt wurde nun der Geist der Wiltener Schützen wieder
wach und brachte den Innsbrucker Schützen die Gefahr, um
ihre Bestgabe zu kommen. Bald ersuchten sie den Abt um
Widmung des Bestwidders,,,denn sie als Wiltener
"
Die Innsbrucker Schützen wehrten sich sogleich. Es war
ein Streit um Widder, Taler, Käs und Recht. Im Stifts-
archiv ist ein Brief verwahrt, den der Unterschützenmeister
David Schönherr am 26. September 1852 an Abt
Blasius schrieb. Besonders die Schlußzeilen des Briefes
erläutern den tieferen Sinn dieses Schützenbrauches, gepflo-
gen von wetterharten, zeitfesten Tirolern.
Das Simon- und Juda-Schießen bildet ferner für
die Schützen Innsbrucks eines der alleranziehendsten Schie-
hen und jeder freut sich darauf viele Wochen zum vorhinein
und freut sich um so mehr, als dies Schießen für ihn allein
gegeben wird; es freut ihn um der schönen Sage willen, die
Jich daran knüpft, es freut ihn, daß in diesen Zeiten, wo
alte Privilegien den modernen Grundsätzen weichen müssen,
er allein noch fortwährend eines solchen sich zu freuen habe."
Die Innsbrucker Schützengesellschaft schießt heute noch am
Sonntag nach Simon und Juda den Widder... doch mit
einem Schilling (Sanierungswidder!) auf dem Horn als
Zier...
Hans Bator
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Die Freudenzüge der Innsbrucker Bürger
nach dem Kloster Wilten
Von Hans Hörtnagl
Die nachbarlichen Beziehungen zwischen Innsbruck und
Wilten reichen in die Zeit zurück, da das Gelände zwischen
dem Inn und der Sill noch völliges Eigentum des Klosters
war, da das alte Jakobskirchlein in der Aue noch stand, und
um die Innbrücke sich die ersten Ansätze zur künftigen Stadt
verdichteten.
"
Während nun der nötige Grund und Boden nach und
nach der heranwachsenden Stadt ins Eigentum überant-
wortet wurde, hielt das Stift an seinen pfarrlichen Rechten:
,Die Innsbrucker Pfarre in Hörigkeit und Abhängigkeit zu
erhalten und sie mit seinen Ordenspriestern zu versorgen",
hartnäckig feft, und als die Beistellung von Ordensleuten
zur Abhaltung des Gottesdienstes in Innsbruck im Laufe
der Zeit aus mannigfachen Gründen nicht mehr tunlich war,
und selbst das Ordensleben gefährdete, hat sich das Kloster
Wilten in einem fast zwei Jahrhunderte geltenden Vertrage
die jährliche Bestätigung des Pfarrers der Stadt vor=
behalten.
Es bedurfte eines langen Kampfes, bis es Innsbruck
gelang, seine kirchliche Freiheit und seinen eigenen Pfarrer
zu erobern.
Diese schwere Abhängigkeit vom Stifte bildete nun eine
nie versiegende Quelle gegenseitiger Reibungen, bald freund-
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schaftlicher, bald ernster Art; und da waren es insbesondere
die mit der kirchlichen Oberhoheit eng verknüpften
,,Freudenzüge nach dem Kloster Wilten", die einen lebhaften
Schriftlichen und mündlichen Verkehr zwischen Wilten und
der Stadt auslöften.
Dieser Verkehr, der der Hauptsache nach in den alten
Ratsbüchern der Stadt aufgezeichnet erscheint und der ein
Streiflicht auf die kulturellen Verhältnisse von Innsbruck
und Wilten im 16. Jahrhundert wirft und bisher ziemlich
unbekannt war, soll im nachstehenden eine kurze Schilde-
rung finden.
Nach uraltem Gebrauch und seit unvordenklichen Zeiten
beanspruchte die Stadt Innsbruck das Recht, am unsinnigen
Donnerstag jeden Jahres mit der gesamten Bürgerschaft
in Wehr und Waffen gegen das Kloster Wilten zu ziehen,
um es in nachbarlicher Freundschaft, wie es immer hieß, zu
belagern und zu erstürmen. Diesen etwas ungestümen Besuch
nannte man den Freudenzug.
Die Freudenzüge und die im Lande gebräuchlichen
Widumsstürme entstammen gemeinsamen Beweggründen, die
jedoch in der Zeit, von der hier die Rede ist, der Bevölke-
rung nicht mehr bewußt waren und die mit der Zehent-
abgabe zusammenhingen, wobei den Zehentpflichtigen zu
gewiffen Zeiten wohl ein Trunk gereicht oder ein solcher von
ihnen gefordert wurde.
Der Gebrauch ward verschieden gehandhabt; während
wir von den Rolsaßern wissen, daß sie den Pfarrer nur bei
seiner Installierung bedrängten und hernach in Ruhe ließen,
hielten die Innsbrucker an dem Rechte des jährlichen Be-
suches fest, und wenn er unterblieb, versäumten sie nie zu
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erklären, daß dadurch dem Herkommen kein Eintrag ge=
schehen dürfe 1.
Die Abhaltung des Zuges wurde in allgemeiner, eigens
zu diesem Zwecke einberufener Ratsversammlung beschlossen,
und drei Ratsherren überbrachten persönlich dem Abte den
sogenannten Absagebrief mit der rechtzeitigen Meldung der
beabsichtigten Erftürmung, unter Versicherung nachbarlicher
Freundschaft. Dieser Absagebrief war eine vorangehende
Formalität, um das Kloster zu mahnen, sich mit Wein reich-
lich vorzusorgen, denn das Ende vom Liede bildete eine aus-
giebige Heimsuchung des Stiftskellers.
Hiebei ging es, wie aus den wiederholten Klagen der
Übte zu vernehmen, selten ohne Unfug und schwere Ein-
griffe in die klösterliche Beschaulichkeit ab, von dem be-
trächtlichen Aufgang an Wein und Speisen gar nicht zu
reden, und man kann es dem Kloster nachfühlen, wenn es
diese Freundschaftsbesuche mit gemischten Gefühlen erwartete
und sie durch alle möglichen Ausreden und Vorstellungen zu
verhindern suchte.
Die Vorbereitungen zur Belagerung geschahen mit einer
Gründlichkeit, als gelte es gegen den Feind zu ziehen, und
kein Bürger, er sei denn alt und schwach gewesen, durfte
sich unentschuldigt der Teilnahme entschlagen.
3m Jahre 1511 schreibt der Kaiser Maximilian an den
Rat von Innsbruck, er habe vernommen, daß nach altem
Herkommen die Bürger der Stadt samt ihren Frauen am
Donnerstag nach Estomidi nach Wilten ziehen, um sich dort
vom Kloster mit Speise und Trank bewirten zu lassen. Nach-
1 Der jährliche Besuch hängt wohl mit der jährlichen Bestätigung
des 3nnsbrucker Pfarrers zusammen.
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dem jedoch jüngst seine Gemahlin, die Kaiserin Blanca, ver-
schieden ist und sich daher solche Freuden nicht geziemen,
solle die Stadt den Zug für diesmal einstellen.
Der Abt Lienhart, mit dem der Kaiser verhandelte, sei
bereit, dafür dieses Jahr vier Gulden rheinisch und zwei
Ahren Wein zu bezahlen und zu überantworten.
Dieser Brief ist offensichtlich über Einsprache des Abtes
Lienhart, dessen Gast der Kaiser oft war, geschrieben wor-
den, um dem läftigen Zuge auszuweichen.
3m Jahre 1538, der zweiten Nachricht, die über die
Freudenzüge zu finden ist, hat die Stadt eigene Verhal-
tungsmaßregeln hiefür verfaßt, wonach unter anderem
weder das Hofgesind, noch die Inwohner am Zuge teil-
nehmen durften, sie wären denn eingeladen worden.
Alle Parteien, seien sie zu Fuß oder zu Pferde, aber
nur die geschworene Bürgerschaft, haben das Recht, ihre
Rottmeister zu wählen, und jeder, der sich am Zuge beteiligt,
mag dem Bürgermeister und dem Rate im Verbieten und
im Befehlen gehorsam sein.
Auch soll keiner, sei er nun ein großer oder ein kleiner
Hanns gegen den anderen Haß oder Feindschaft tragen,
woraus nur Verrat und Balgereien entstehen können.
Am 2. Februar 1545 richtete der ehrsame Rat an das
Kloster Wilten ein Schreiben, worin vorausgeschickt wird,
daß der Zug gegen Wilten schon etliche Jahre abgestellt und
unterwegs geblieben ist. Nun habe der Rat jedoch be-
Schloffen, heuer hinaufzuziehen und wolle dies hiemit dem
Abte verkünden.
Auf diese Ansage erwiderte nun der Prälat, daß er
gerne einer gemeinen Stadt und einem ehrsamen Rate
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dienen und nachbarlichen Willen erzeigen möchte und er
schlage vor, statt dem Freudenzuge sollen Frauen und Herren
vom Rat und Bürgern, so bei fünf oder sechs Tischen,
wann immer heraufkommen und sich vom Kloster bewirten
laffen.
Aber für den Zug sei die Zeit ungelegen, wegen der
Türken, wegen der sterbenden Läufe, die an vielen Orten
herrschen, ferners weil er selber schwach und krank sei und
auch weil er zu wenig Wein habe.
Zu dem allem sei das Gesinde so ungezogen und sei ihm
beim letzten Zuge ziemlich viel Wein, außer Unfug und
Unluft, aufgegangen.
So gedenke er der Zeit, da er noch Kellermeister gewesen,
daß über vier Ihren nicht aufgebraucht wurden, während
das letztemal 14 Yhren, gleich zehn Hektoliter, verschwendet
worden sind.
Der ehrsame Rat, der die separate Einladung des Abtes
ficher gerne angenommen hätte, wagte dies jedoch nicht zu
tun, ohne die Bürgerschaft hierüber zu befragen. Aber als
die Versammlung den Vorschlag des Abtes hörte, entstand,
weil man dem Rate die Extraeinladung nicht gönnte und
weil man die Schaffung eines Präzedenzfalles fürchtete, ein
großes Gemurmel und wurde mit Stimmenmehrheit be-
schlossen, den Freudenzug trotz des Protestes des Abtes
abzuhalten.
Nun schickte der Rat nochmals drei Herren zum Präla-
ten, um ihm das Murmeln der Gemeinde zu melden und ihm
den Zug zu verkünden, wobei versprochen wurde, daß seine
Gnaden dabei keine Unluft widerfahren und jedermann sich
geschickt verhalten wolle.
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Am folgenden Tage kam der Richter von Wilten und der
Gerichtsschreiber von Sonnenburg im Auftrage des Abtes
zum Bürgermeister nach Innsbruck und zeigten ihm an, daß
seine Gnaden, falls die Innsbrucker auf ihrer Absicht be-
stehen würden, sich zu Recht erböte" und es darauf ankom-
men lassen will, ob die Leute gegen seinen Willen ins Klo-
fter dringen können oder nicht; sonderlich da er krank und
schwach sei.
Das war eine energische Sprache, und da er sich,,zu
Recht erbot", scheint er offenbar der Unterstützung der
Regierung sicher gewesen zu sein. Und nun blieb dem
Bürgermeister nichts übrig, als in einer weiteren Rats-
versammlung die wiederholte Ablehnung des Stiftes zu ver=
künden und in Anbetracht der Schwachheit des Abtes und,
was der Hauptgrund war, wegen des geringen Wein-
vorrates den Zug zu vertagen und dem Abte zu melden, daß
sich die Bürgerschaft zwar um die Ausreden des Klosters
wenig kümmere. Da aber wenig Wein vorhanden und
sonderlich der Schwachheit des Prälaten wegen, wolle man
den Zug anheuer unterweg laffen, doch gemeiner Stadt altem
Recht und Herkommen unvergriffen, dagegen wird die
Stadt, will's Gott, künftiges Jahr seine Gnaden in aller
Freundschaft heimsuchen.
Im Jahre darauf ließ dann der Abt, dem die vorjährige
Absage vielleicht doch etwas zu schroff erschienen sein mag,
beim Rate anfragen, ob die Bürgerschaft heuer herauf-
ziehen werde oder nicht, damit er sich darnach richten könne.
Darauf wurde ihm die Antwort zuteil, der Rat vermöchte
den Zug nicht mehr zu hindern, denn die Bürgerschaft treibe
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viel böse Reden; es soll aber der Zug in aller Ordnung
geschehen.
Der hierauf folgende Absagebrief enthielt im wesent-
lichen die Mitteilung, daß die Bürgerschaft Innsbrucks am
nächsten Donnerstag gesonnen sei, dem alten löblichen Ge-
brauch und Herkommen nach, das ehrwürdige Konvent mit
dem gewöhnlichen Zuge in aller freundlichen Wohlmeinung
heimzusuchen und zu bitten, das Kloster möge sich darnach
mit freundlicher, nachbarlicher Gegenwehr richten und den
Boten mit guter Antwort abfertigen. Und am Schlusse
dieses Schreibens hieß es: „und wollen E. G. hiemit nach
altem Gebrauch absagen."
Anderle Essigrufer überbrachte den Brief dem Abte.
Inzwischen ging das Gerücht in der Stadt herum, der
Abt habe nur aus dem Grunde beim Rate angefragt, damit
er den Wein in einem eigenen Panzen vorrichten könne,
wogegen die Innsbrucker, die eine kleine Pantscherei
fürchteten und sich den Überblick über den Stiftskeller nicht
rauben lassen wollten, Einsprache erhoben.
Am unsinnigen Donnerstag 1546 hat dann der Freuden-
zug stattgefunden und da das Ratsprotokoll nichts weiter
darüber meldet, wollen wir hoffen, daß die Befürchtungen
der Innsbrucker über die Qualität und die Besorgnisse des
Abtes über die Menge des Weines nicht eingetroffen sind.
An diesem Zuge hat der berühmte Maler und spätere
Hauptmann Paul Tax teilgenommen.
1549 unterblieb die Heimsuchung, weil die Stadt mit
Schweren Auslagen belastet war; dagegen ist man das Jahr
darnach hinaufgezogen. In den folgenden Zeiten traten
Sterbliche Läufe ein, es kam Krieg, Kriegsvolk durchzog
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unser Land und niemand dachte an Luftbarkeiten. Erst 1558
beschloß der Rat, das Gotteshaus wiederum zu besuchen,
das acht Jahre hindurch verschont geblieben.
Der Prälat erwiderte auf die Ankündigung, er habe
sich mit seinem Konvent unterredet und befunden, daß dem
Gotteshaus dieses Jahr der Zug besonders beschwerlich
fiele erstlich wegen Mißratens des Weines an der Etsch,
dessen Ernte kaum die Hälfte des Gewöhnlichen betrage,
und das Kloster selbst gezwungen sei, den Wein zu kaufen;
und außerdem habe der Prälat erfahren, daß etliche Hand-
werker bei dem Zuge die Absicht hätten, sich an dem Inns-
brucker Mörder, der im Kloster Zuflucht und Freiung ge-
sucht, zu vergreifen und die Tat zu vergelten. Außerdem
könne der Rat, trotz des besten Willens, Ordnung zu halten,
den Grevel mutwilliger Personen nicht hindern.
Der Prälat laffe demnach bitten, ihn für dieses Jahr
zu verschonen, sollte er jedoch des Zuges nicht erlassen wer-
den, so würde er das Gotteshaus zusperren und er und sein
Konvent von dannen ziehen.
Auf diesen Vorhalt hin beschloß der Rat, den Zug in
diesem Jahre zu unterlassen und auf das künftige zu ver-
schieben. Er ist aber erst 1560 verwirklicht worden, wobei
der Baumeister und der Stadtrichter sechsmal beim Prä-
laten gewesen, bis sie seine Einwilligung erreichen konnten.
Darnach trat wiederum eine achtjährige Pause ein, die
Pest spukte im Inntale herum und ließ keine Freude an
Schaustellungen aufkommen. Am 11. Februar 1568 wird
der Abt auf die Anzeige des Besuches vorstellig, daß ihm
derselbe zu spät angesagt worden sei, welche Entschuldigung
den Rat jedoch nicht zu ersättigen" vermochte und ist darauf
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der Zug, wie es hieß, mit Freuden und Glück verrichtet
worden.
Von diesem Freudenzuge hat sich eine Aufzeichnung über
die erwählten Rottmeister erhalten; es sind darin 60 Namen
genannt, die, wenn man das eingeladene Hofgesind hinzu-
zählt, einen Teilnehmerstand von über 700 Mann bedeutete,
den Rat, die Frauen, Jungfrauen und die Zuschauer unge-
rechnet.
Die nächsten Jahre brachten wiederum schwere Zeiten,
empfindliche Teuerung trat ein, die Winter waren unge-
wöhnlich kalt, Erdbeben verbreiteten Furcht und Schrecken
und die unheimliche Pest verschonte auch das Kloster nicht,
wie wir aus einem Verbot erfahren, durch das der Bar-
bierer Strohkogel verhindert wurde, das Stift zu betreten.
Im Februar 1576 schickte Erzherzog Ferdinand zwei
Hofbeamte zum Bürgermeister der Stadt mit dem Auftrage,
am kommenden Unsinnigen den Zug gegen Wilten anzu-
richten und fürzunehmen.
Der Bürgermeister entgegnete hierauf, S. D. zu Ge-
fallen und zu Ehren, bereit zu sein, heuriges Jahr den
Freudenzug gegen Wilten nach altem Gebrauche zu voll-
ziehen und dies dem Abte anzuzeigen, nur habe die Bürger-
Schaft wegen etwaiger unerwünschter Teilnahme des Hof-
gefindes an dem Zuge einiges Bedenken.
Der Oberbaumeister und der Gemeinschreiber erhielten
den Auftrag, die Meldung dem Abte zu überbringen;
worauf der Prälat freundlich und nachbarlich dagegen vor-
stellig wurde und bat, man möge ihn seiner Leibesschwach-
heit wegen damit verschonen.
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Diese Bitte des Abtes glaubten die Innsbrucker,
denen die voraussichtlich großen Roften des Zuges für dieses
Jahr recht ungelegen kamen, unterstützen zu sollen, doch der
Fürst in seiner Vorliebe für prunkhafte Aufzüge und mili-
tärische Schauspiele wollte sich diese Gelegenheit nicht ent-
gehen lassen und bestand auf die Abhaltung und der Stadt
blieb nichts übrig, als diese Botschaft nochmals dem Stifte
zu verkünden.
Die Abgesandten wurden diesmal vom Abte gar nicht
empfangen, der sich wegen seiner Leibesschwachheit ent-
schuldigen ließ, sondern vom Richter und zwei Konven-
tualen, die nochmals alle Beredungskunft aufboten, um das
Unheil vom Kloster abzuwenden.
Der Landesfürst ließ jedoch auf weitere Vorstellung
Jagen, er sei noch des Begehrens, was er früher begehrt
habe; worauf der Stadt nichts übrig blieb, als den Zug
anzurichten.
Hans Burkhart wurde zum Hauptmann erwählt, Hans
Zollner zum Fähnrich, Georg Hopfner zum Feldwaibl und
Adam Kerle zum Führer.
Der gesamte Rat mußte sich beim Bürgermeister in
voller Ausrüstung, angetan mit Wehr und Waffen, vor-
stellen.
Diesmal sollte der über Wunsch des Fürsten beschlossene
Freudenzug besonders prunkvoll werden, die Vorkehrungen
hiezu waren groß, wobei es sich zeigte, daß eine Menge
Ausrüstungsstücke der Bürgerschaft fehlten, und da wurde
der Erzherzog ersucht, das Zeughaus zu öffnen und daraus
die Entlehnung von langen Spießen, Landsknechtrüstungen,
Halbhacken, Zündftricke, Kammerbüchsen und das ganze
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hiezu nötige Pulver zu bewilligen. Über all diesen Vor-
bereitungen war der unsinnige Pfinstag herangekommen,
die Stadt konnte jedoch mit der Ausrüstung nicht fertig wer-
den, und da ordnete der Erzherzog gegen alles Herkommen,
durch einen Machtspruch, den Zug auf den Faschingsmontag
oder Freßmontag, wie er damals allgemein benannt wurde,
an; an welchem Tage er auch stattgefunden hat.
Es war dies der größte, aber auch der letzte Freudenzug,
den die Innsbrucker gegen das Wiltener Gotteshaus unter-
nahmen.
Anno 1577 starb der Kaiser, das Jahr darauf erschien
ein großer Romet am Himmel, der die Bürger beunruhigte;
die beiden folgenden Jahre waren auch nicht fügsam und erst
1580 wollte der Erzherzog die Stadt wiederum bewegen,
nach Wilten zu ziehen.
Der ehrsame Rat scheute jedoch die Kosten, die die Stadt
beim letzten Zuge ungebührlich belastet hatten; er wies auf
die Teuerung hin, die im Lande herrschte, weiters auf die
bevorstehenden großen Archen- und Straßenbauten und auf
die bedenkliche Leere des Stadtfäckels.
Auch sei die Bürgerschaft und die Gemein, meinte der
Rat, zum größten Teile geringfügigen Vermögens und nicht
im Stande, sich zum Kriegszuge ordentlich auszurüsten, noch
die Zier aufzubringen, die hiezu nötig ist, daher der Fürst
die Stadt diesmal verschonen wolle.
Auf diese trübe Schilderung hin ist der Zug unterblieben.
Das Jahr darauf starb die geliebte Landesfürstin Frau
Philippine, darnach die Herzogin von Kleve, 1583 hielt der
Erzherzog seine zweite Hochzeit und feierte ein Jahr später
die erste Kindstaufe, mit einem militärischen Schauspiele in
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der Furt, wo unter Abbrennung eines Feuerwerkes Bürger
und Inwohner gegeneinander Scharmützeln mußten.
In den nachfolgenden Jahren scheint den Innsbruckern
ebenfalls die Luft an der Belagerung des Klosters gefehlt
zu haben und der anno 1594 erfolgte Tod des Landesfürsten
hatte eine weitere lange Pause zur Folge. Erst 1599 raffte
sich die Bürgerschaft Innsbrucks wieder auf und überreichte
dem Kloster Wilten einen Absagebrief.
Dem Stifte wurde damit angezeigt, daß der Rat ent-
schlossen sei, nach altem Herkommen am unsinnigen Pfinstag
den Freudenzug gegen das Gotteshaus Wilten in die Hand
zu nehmen. Der Abt möge das Vorhaben zur Erhaltung
der alten Freiheiten nicht hindern und die Bürgerschaft
empfangen. Am nächsten Tage traf schon die Antwort
des Abtes Christoph ein.
Er wisse sich wohl zu erinnern, meinte der Abt, wie
seine Vorfahren sich gegen die Innsbrucker Bürgerschaft der
Freudenzüge wegen, verhalten haben, aber nicht aus schul-
diger Gerechtigkeit, sondern allein aus freiem Willen. Nach-
dem aber der inzwischen abgeleibte Landesfürft Erzherzog
Ferdinand im Jahre 1585 dem Kloster eine Reihe Verhal-
tungsmaßregeln vorschrieb und dabei versprach, das Got-
teshaus „mit vermeldtem Freudenzuge nicht mehr beschwe=
ren zu lassen", so getraue sich der Abt nicht, dieses Verbot
ohne Vorwissen der Regierung zu überschreiten, was die
Herren der Bürgerschaft einsehen und seine Weigerung ent-
Schuldigen wollen.
Der Abt erklärte jedoch bereit zu sein, aus gutherzigem,
nachbarlichem Willen, aber nicht aus schuldiger Gerechtig=
keit, den Bürgern einen Panzen Wein zu vier Ahren ins
7 Wilten II
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Rathaus zu überantworten, der um des Gotteshaus willen,
mit Freuden getrunken werden solle.
Diese Antwort des Klosters löfte, bei der um ihre Frei-
heiten und Privilegien besorgten Bürgerschaft die größte
Bestürzung aus; das war keine einfache Entschuldigung
mehr, das ging schon auf die Beraubung der Stadt an ihren
alten Rechten aus und die in diesem Punkte besonders
empfindlichen Innsbrucker wählten einen Ausschuß, mit dem
Auftrage, gegen die Haltung des Klosters ein Memoran-
dum auszuarbeiten und dasselbe dem ehrsamen Rate zu
überreichen.
In dieser Denkschrift, die der Gemeinderedner verfaßte,
wurde darauf hingewiesen, daß die Freudenzüge nach Wil-
ten ein uraltes Herkommen seien, das die Alten und Vor-
vorderen mit Bedacht und aus besonderen erheblichen Ur-
sachen anordneten, wonach die ganze Innsbrucker Bürger-
schaft, alle unsinnigen Pfinstage mit zierlicher Kriegsrüstung,
nach dem Vermögen jedes einzelnen von jeher nach Wilten
gezogen sind.
Diese Züge seien nicht allein beim Regiment, Kammer
und Stadt gebräuchig, sondern im ganzen Lande, von einem
Ort zum andern, also auch in Hall und den Orten hinab;
und wäre diese Sitte sicher nicht so ausgebreitet, wenn sie
nicht ihren reichlichen Vorzug hätte.
Demnach müssen diese Züge als ein altes Vorrecht der
Stadt, die sich bisher in allen Steuern und Abgaben des
schuldigen Gehorsam befliffen, angesehen werden.
Auch habe bisher jeder Untertan dem Stifte gegenüber
ftets nachbarlichen Willen gezeigt und dem Gotteshaus als
Pfarrherrn von St. Jakob, außer den schuldigen Gefällen
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und Einkommen, sich bei Brunst und Not stets dienstlich er-
wiesen.
Der jetzige regierende Abt, hieß es in der Denkschrift
weiter, wolle jedoch diese Züge der geringen Unköften willen,
die ihm daraus erwachsen, nicht mehr gestatten und errei-
chen, daß das alte Herkommen, so bei den Vorfahren ohne
Anfechtung bestand, abgelegt und beiseite gestellt werden
sollte.
Und wäre es wohl eine Schmach und Verkleinerung,
wenn dies alte und wohlhergebrachte Recht durch eine ein-
zige Person aus lauter Rargheit und übermäßiger Häus=
lichkeit und vorgeschützter unstichhaltiger Entschuldigung
der Stadt verloren gehen sollte.
Der ehrfame Rat wird schließlich gebeten, seine ganze
Kraft einzusetzen, um die von den Vorfahren hinterlassenen
Rechte zu schützen, und den Freudenzug, den die Bürgerschaft
einmal nicht aufgehen laffen kann, noch will, aufrecht zu er=
halten.
Aus diesem Memorandum geht, wie bereits erwähnt,
hervor, daß der ursprüngliche Beweggrund der Züge den
Zeitgenossen nicht mehr geläufig war, und weiters erfahren
wir daraus die Ausdehnung des Gebrauches über das ganze
Land, wobei Hall und das Unterinntal besonders genannt
ist. In eigener Ratsversamlung gelangte die Denkschrift
zur Verlesung. Die Bürgerschaft nahm dabei gegen die
Haltung des Klosters Stellung und erklärte, von einem Ver-
bote des verewigten Landesfürften, den Zug betreffend,
nichts zu wiffen und ein solches Verbot auch unwahrscheinlich
zu halten, da der Stadt gegen ihr Wissen und Willen keine
Privilegien geraubt werden können.
2*
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Was weiter das Angebot der vier Ahren Wein betrifft,
so mußte dies die Versammlung als ein „schimpfliches" be-
zeichnen. Die Bürgerschaft sei daher entschlossen, den Zug
mittels göttlicher Gnaden ins Werk zu setzen.
Dies wurde
dem Abte verkündet, der darauf lakonisch erwiderte, er
werde das Kloster verlassen, wenn die Stadt vom Zuge nicht
abstehe.
Am 8. und am 10. Februar schickte der Rat, der die
Hoffnung auf ein letztes Einlenken des Stiftes nicht aufgab,
je ein Schreiben, worin im wesentlichen immer wieder auf
das alte Recht hingewiesen und betont wird, daß die Stadt
den Zug nicht wegen dem Essen und dem Trinken anstellt,
sondern nur zur Erhaltung uralten Gebrauches und Frei-
heiten. Und es heißt darin: Der Rat hoffe, Seine Gnaden
der Abt werde sich nicht zurückziehen, sondern sich nachbar-
lich finden lassen.
3m übrigen sei der Zug bereits verkündet und könne
nicht mehr abgestellt werden, denn gemeiner Stadt Recht
und Freiheiten dürfen hier sowohl, wie anderwärts, auch
wegen der lieben Nachkommenschaft keine Schmälerung er-
fahren.
Weiters wurde im zweiten Briefe erwähnt, daß Be-
wohner von Wilten, die von der Weigerung des Klosters
den Zug zu empfangen, vernommen hatten, etliche Inns=
brucker Bürger darob hänselten und verspotteten, was der
Stadt zur Verkleinerung gereiche.
Die Hoffnung des Rates auf eine gütliche Lösung war
trügerisch. Der energische Abt Christoph bestand auf seinem
Schein und erklärte, obgleich die Stadt mit seiner Antwort
nicht befriedigt sei und sein Anerbieten als ein schimpfliches
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bezeichnete, so könne er seinen Standpunkt nicht ändern und
werde den Zug auf keinen Fall empfangen.
Und was die Schmähreden betreffe, hieß es am Schluffe
dieses Briefes, wolle der Abt dieselben schon „abstellen",
aber er verlange dafür, daß auch die „wohlvernommenen
spären (trockenen) Reden" gerügt werden, die die Inns=
brucker über die Wiltauer ausgoffen.
Auf dieses Schlußwort hin und auch aus anderen Ur-
sachen willen, wie es im Protokoll heißt, beschloß der Rat
notgedrungen, den Zug abzusagen.
Wir wollen nun versuchen, den Widerspruch aufzuklären,
der im Hinweise des Abtes auf ein fürstliches Verbot der
Freudenzüge, gegenüber der Behauptung der Stadt liegt,
von einem solchen Verbote „nichts" zu wiffen. Um die
Mitte der Achtzigerjahre des 16. Jahrhunderts hatten im
Stifte Wilten arge kirchliche und wirtschaftliche Mißstände
eingerissen. Güter und Gilten wurden verschleudert, die
Alpe verkauft, Versetzbares versetzt, Schulden auf Schulden
gehäuft, wodurch der Bestand des Klosters ernstlich gefähr-
det schien.
Da trat der Landesfürst, der am Stifte warmen Anteil
nahm und sich wohl auch an die häufigen Gastereien erin-
nert haben mag, mit denen er, aber öfter noch sein Hof-
staat", das Kloster beschwerte, energisch auf, und ließ dem
Stifte am 13. April 1585 ein langes reformierendes Dekret
zustellen, mit einer Reihe von kirchlichen und wirtschaftlichen
Berhaltungsmaßregeln.
In einem dieser vielen Punktationen hat nun der Fürst
das sogenannte Bauernmahl sowie die übrigen gebräuchigen
Mahlzeiten und Einladungen aufgehoben und hat ferners
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versprochen, daß er bedacht sein wolle,,,das Gotteshaus mit
dem Zuge fernerhin zu verschonen". Das war die Stelle,
worauf der Abt sich der Stadt gegenüber berief. Nun hat
wohl der Fürst als auch die Regierung vergessen, diese Zu-
sage einzulösen, denn der Erfüllung seines Versprechens
hätte die Verständigung und Verhandlung mit der Stadt
vorausgehen müssen, was aber, wie wir bereits hörten,
nicht geschah und so konnten wohl beide Parteien den guten
Glauben für sich in Anspruch nehmen, mit ihrem Verhalten
im Rechte zu sein.
Das Reichen von Mahlzeiten scheint jedoch, trotz fürst-
lichen Verbotes, noch geraume Zeit hindurch bestanden zu
haben. In dem Büchlein, das der Hofprediger des Erz-
herzogs Ferdinand Karl im Jahre 1658 herausgab, wird
erzählt, daß alle Jahre am Tage des „Heiligen Lorenz" die
Haller Salinenarbeiter samt ihren Frauen nach Wilten zogen
und sich im Stifte reichlich mit Essen und Wein bewirten
ließen.
Der Verfasser schildert dann weiter, wie die Schar beim
Bade Egerdach auf ihrer Rückkehr vorüberzog und die
Teilnehmer in einer Verfassung waren, wobei sie nicht mehr
gewußt haben, ob sie Manndl, Weibl oder wilde Tiere seien.
Und schließlich wird bemerkt, falls das Stift diese Mahl-
zeit nicht reiche, so gehen die Salzlieferungen nicht in Ord-
nung.
Nach dieser kleinen Abschweifung kehren wir wieder zu
unseren Freudenzügen zurück und erfahren von dem Fortbe-
stand der Mißhelligkeiten zwischen Stift und Stadt, die es
2 Diese Mitteilung verdankt der Verfasser Herrn Dr. Hans
Hohenegg.
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in keinem der folgenden Jahre unterließ, ihr altes Recht
zu betonen, aber es blieb bei der platonischen Ein-
Sprache und man wird die Empfindung nicht los, als glaub=
ten die Innsbrucker selber nicht mehr an die nochmalige
Verwirklichung des alten Gebrauches.
Diese Vorbehalte zogen sich bis „,1631" hin, in welchem
Jahre die Stadt wohl oder übel erklärte:,,Die Ratsver-
sammlung habe erkannt und angesehen, daß die in den Vor-
jahren abgehaltenen Freudenzüge oder Widumsstürmung
nach Wilten, die ohnehin schon seit Mannesgedenken nicht
mehr observiert worden sind, sowie auch der Protest da-
gegen, hinfüro nicht mehr angestellt werden mögen, weil die
Pfarrkirche von Innsbruck zur Hauptkirche erklärt, und
einen eigenen ständigen Pfarrer erhalten solle (was übri-
gens noch 12 Jahre gedauert hat). Damit ist der bereits
erwähnte Zusammenhang der Freudenzüge mit der kirch-
lichen Abhängigkeit bekundet, die Gleichartigkeit mit den
Widumsstürmen festgestellt und der förmliche Verzicht auf
das alte Recht ausgesprochen. Mit dem Jahre 1631 waren
wohl die Freudenzüge der Stadt endgültig beseitigt, nicht
aber die Widumsstürme des Landes.
Nach freundlicher Mitteilung S. G. des Herrn Prälaten
Schuler haben noch fünfzig Jahre später,,Wiltauer Weiber"
das Stift gestürmt und mußten reichlich mit Speise und
Trank abgefertigt werden.
Auch in Kaltern fand noch im Jahre 1680, nach einer
kleinen Beröffentlichung in der Ferdinandeumszeitschrift von
Herrn von Inama, ein Widumssturm statt, bei dem der
Mesner angeschossen wurde. Der Freudenzug in seiner
Zusammensetzung ist schon wiederholt Gegenstand von Ab-
103
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handlungen gewesen, zuletzt durch die Feder des Stiftarchi-
vars P. Danner, trotzdem wird die Schilderung des letzten
Zuges nicht entraten werden können, um das vorgeführte
Bild abzurunden und zu beenden.
Am Nachmittag des Freßmontags, den 5. März 1576,
stellte sich der Zug an der oberen Anbrücke zusammen.
Unsere Vorfahren pflegten etwas früher aufzustehen; die
Geschäfte wurden schon um sechs Uhr morgens geöffnet,
die Amtsstunden begannen um sieben Uhr, um eilf as man
bereits zu mittag und so dürfen wir wohl annehmen, daß
die ersten Trüpplein schon gleich nach zwölf Uhr ihre Auf-
stellungsplätze an der oberen Anbrücke einnahmen.
Die Vorbereitungen dauerten bis zwei Uhr, worauf sich
der Zug in Bewegung setzte.
Die Spitze bildete ein Häuflein Reiter,
dann kam zu Roß der Herr Stadtrichter, angetan mit
seinem Hammer und umgeben von seinen Trabanten.
Drauf ritten in ihrer Amtstracht der Herr Bürgermei-
ster und hinter ihm der Stadtschreiber und sämtliche Rats-
freunde.
Und gleich dahinter zogen die Schanzknechte mit ihren
Hacken.
Dann fuhr die Arkelei, die Artillerie, einher, mit ihren
Geschützen und Büchsenmeistern.
3hnen folgte auf einem Schimmel der Hauptmann Herr
Hans Burkart; dahinter wiederum ein Trüpplein Reiter,
hernach der Geldweibel und die gemeinen Weibel; „der
Führer Adam Kerle aber, ritt allein",
und hinter ihm marschierten die Hackenschützen und das
ganze Pendl Knechte, in Rotten zu neun Mann, geteilt in
Fünferreihen und je von einem Rottenführer begleitet.
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Abb. 15, Schloßkapelle Mentelberg
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Abb. 16, Kreuzigungsbild. Fresko von Gündter in der Schloßkapelle von Mentelberg
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Diese Abteilung beschloß der Frauenweibel er trug
einen etwas derberen Namen mit den Marketenderinnen
und dem Troß.
Darnach tänzelten die sattelfesten Frauen und Jung-
frauen in festlichem Gewande, auf geschmückten Pferden,
einher und hinter ihnen fuhren die Wägen der Ratsfrauen,
die der gemein Hausfrauen und der geladenen Gäste, ihnen
nach zog die Landschaft ebenfalls in vorgeschriebener Kriegs-
ordnung.
Das Manndl und das Weibl auf dem Rad, und der Kar-
ren mit den jungen Narren, machte den Beschluß.
In dem Zuge verteilt marschierten ferners Trommler,
Pfeifer und was an Musikanten aufzutreiben war.
Sobald das erste Glied das Innbrückentor passierte, be-
gannen die Haggenschützen zu feuern. Die Büchsen und die
Geschütze durften, um keinen Schaden anzurichten, nur mit
schwachbenetztem Papier geladen sein, und die Kanonen
setzte man erst außer der Stadt in Tätigkeit, um die Dächer
und Fenster nicht zu gefährden.
Der Zug nahm nun seinen Weg durch die Kirchgassen,
die heutige Pfarrgasse, über den Freithof, durchzog die
Burg, ging die Hofgassen wieder herab, auf den Stadtplatz,
und bei der Vorstadt hinauf, der Wiltener Pfarrkirche zu.
Vor dem Hoftor auf dem Greithof, auf dem Stadtplatz
und in Wilten wurden Salven abgegeben.
Der Zug hielt still, als die Spitze bei der Wiltener
Pfarrkirche angelangt war. Die Schanzknechte mit ihren
Hacken rückten nun vor die verrammelte untere Kloster-
porten, dann aus der Reihe tretend, folgte die Landschaft,
105
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der das Recht mitzustürmen eingeräumt war, ebenso ritten
der Bürgermeister und die Räte vor; alle des Befehls des
Hauptmanns zum Angriffe gewärtig.
Sobald nun der Befehl zum Angriff gegeben ward, such-
ten die Schanzknechte mit ihren Hacken die Scheinbarrikade
vor dem Tore zu zertrümmern, während der übrige Zug
samt den Frauen und Jungfrauen um das ganze Kloster her-
umzog. Und als sie wieder zurück kamen, war „die Porten
gewunnen“ und die Frauen und Jungfrauen sollten darauf
ihren Einzug ins Kloster halten.
Aber das ging nicht ohne Hindernisse von statten, ob-
gleich drei Rotten Bürger bei der Porten Polizeidienste
versahen, war das Gedränge dort so groß, daß es den Da-
men nur mit Mühe gelang, sich durchzuzwängen, um das
Hofftübele und die Schusterstuben zu erreichen.
Dort standen, fein säuberlich gedeckt, die Tische und drei
von der Stadt eigens beigestellte Diener, hatten nun die
Hände voll zu tun, um die zarte Weiblichkeit mit Wein,
Brot, Braten, Salat und Kiechl zu versehen. Und der Herr
Prälat ließ sichs nicht nehmen, die Honneurs zu machen und
die schönen Innsbruckerinnen zum Zugreifen zu ermuntern.
Und nachdem alles gegessen und getrunken, richteten die
hiezu erwählten Tanzmeister im Mueßhause ein Tänzlein
zurecht, zu dem sich die jungen Bürgersöhne schlichen.
Indessen hatte der Hauptmann nach erfolgtem Sturme
die Truppen zu einer Lagerstelle geführt, wo die Mann-
schaft die Waffen ablegte und ruhte. Die Rottmeister be-
gaben sich hierauf mit den nötigen Geschirren in den Stifts-
keller, wo bereits der Richter und der Hauptmann anwe-
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send waren, um die Verteilung von Wein und Brot zu
überwachen.
Die Ausfolgung geschah gegen Abgabe von Rottzetteln;
wer vom Stadtschreiber keinen Zettel hatte, wurde abge-
wiesen.
Und als die Rottmeister mit dem Trunke zu ihren Rot-
ten zurückkehrten, entfaltete sich ein fröhliches Lagerleben.
Nachdem der Wein getrunken und das Brot verzehrt
war, und der Rat seiner Gnaden, dem Abte, den schuldigen
Dank gesagt, zog man in der alten Reihenfolge den gleichen
Weg wieder in die Stadt zurück.
Am Stadtplate verabschiedete der Hauptmann seine
Truppen mit einem kräftigen Wörtlein oder wie der Aus-
druck hieß, „er dankte sie ab" und der Zug ging auseinander.
Der Freudenzug am 5. März 1576 war nicht nur der
größte, sondern auch der glanzvollste aller seiner Vorgän-
ger. Schon die Anwesenheit des Fürsten, die als sicher an-
genommen werden kann und des gesamten Hofftaates,
dürfte der Schaustellung eine besondere feierliche Note ge=
geben haben, und ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß selbst
die Fürstin Philippine, die geborene Welserin, von ihrem
Schloffe Ambras herübergeritten war, um sich das prunk-
volle Schauspiel anzusehen.
Leider hat uns keine Künstlerhand diesen letzten Rest
mittelalterlicher Romantik im Bilde festgehalten.
Nach der Abdankung durch den Hauptmann zeigten die
Innsbrucker wenig Luft heimzukehren; das große Ereignis
des Tages, die einzelnen Phasen des Verlaufes, wollten noch
bei einem Trunke nachbesprochen sein.
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An diesem Abend erfreuten sich die Gasthäuser der Stadt
eines regen Betriebes und mancher Zinnkrug edlen Saftes
wurde geleert, der glücklichen Belagerung willen.
Der Herr Richter ließ es sich nicht nehmen, den gesam-
ten ehrsamen Rat beim Maquard zu einer Abendmahlzeit
und einer Maß Malvasiers einzuladen; in der stillen Hoff-
nung, daß die Stadt ihm die Kosten ersetzen werde.
Alles war gehobener Stimmung und selbst der gestrenge
Herr Bürgermeister vergaß der gehabten Mühen und spülte
mit dem feinen Tropfen die Gedanken an die Rechnungen
hinunter, die des Zugs wegen in sicherer Aussicht standen.
Während nun Innsbrucks Bürgerschaft den Tag gemüt=
lich ausklingen ließ, standen über dem Stifte einige Wolken.
Trotz aller Disziplin, trotz Energie der Führer, konnten
Ausschreitungen nicht ganz vermieden werden und war es
einer wilden Rotte geglückt, bei der oberen Porten einzu-
dringen und damit dem Kloster ziemlichen Schaden zuzufügen.
Sorgenvoll nahm noch am selben Abend der Abt die
Berichte seiner Getreuen über den Mutwillen und die Un-
zucht der Menge entgegen, aber noch größere" Sorge
spiegelte sich im Antlitz des Herrn Prälaten, als der Pater
Kellermeister die Erleichterungen aufzählte, die der Freu-
denzug am Freßmontag 1576 dem Klosterkeller angetan
hatte.
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In der Freiung Wilten
Von Heinrich v. Schullern
Es gab heute kein so fröhliches Zusammensein der
beiden Freunde beim Abendtrunk wie andermalen. Der
Abt saß in der Fremdenstube unter dem großen Saal recht
sorgenvoll beim gestürzten Hofkanzler. Dieser fuhr sich tief
ergrimmt, nicht aber von Kleinmut völlig zermürbt, durch
fein langes graues Gelock.
In den schönen, wappengeschmückten Tonhumpen stand
das Bier aus Büchsenhaus beinahe unberührt.
Nach langem Schweigen ergriff Bienner seinen Krug
und nahm lachend einen kräftigen Schluck, als wolle er ab-
schließen mit aller Kopfhängerei und Besorgnis vor der
Zukunft. Abt Andreas tat ihm zögernd Bescheid. Vor-
wurfsvoll aber ruhte dabei der Blick des alten geistlichen
Würdenträgers auf dem Flüchtling. Er glaube es wohl,
daß Bienner keine ernstliche Schuld bedrücke, daß man
alles nur aufbausche, um ihn auch weiterhin von der Gnade
des Fürsten auszuschließen. Ein Staatsmann aber, wie jeder
Mann, der draußen im Getriebe der großen Welt stehe,
bedürfe nicht nur der Rechtschaffenheit in allem Gehaben,
auch der
Klugheit, der Vorsicht. Und die habe sein
Freund stets außer acht gelaffen, habe ganz unnötig allen
vor den Kopf gestoßen, sich eine Unmenge Feinde gemacht
und diesen durch seine Hoffart gar noch Waffen in die Hand
gedrückt. Sei er auch in der Streitfache wegen des Brugger
-
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Weingartens fälschlich in Verdächte gekommen, da er ihm
doch laut Urkunde aus dem Jahre 1636 schon von der Erz-
herzogin Claudia rechtens überlassen worden, so hätte er
doch nicht den gegnerischen Regimentsadvokaten, den
Schwegerle, durch Wegnahme der Garben von dessen strit-
tigem Acker reizen sollen. Durch solche Gewalttat habe er
sich nun das Mißfallen des Fürsten auf den Hals geladen.
Recht unklug auch sei es gewesen, den rückständigen Rats-
sold gerade zu der Zeit zu fordern, da man von ihm als Be-
sitzer der Brauerei Büchsenhaus die fälligen Schankgelder
verlangte. Das habe dem Erzherzog, dem er doch demütige
Ergebenheit schulde, als Trotz erscheinen müssen. Er könne
mithin dem Fürsten nicht für übel haben, daß er sich von
Jeinen, Bienners, grimmigsten Feinden, dem neuen Kanzler
Volmar, den Vizekanzlern und geheimen Räten Girardi,
Schmauß, Mohr, auch dem Oberstkämmerer Künigl um-
garnen ließ.
Hätte allsamt nichts verschlagen, meinte Bienner auf-
springend, würde man nicht bei der Durchwühlung seiner
Raften und Schreibtischladen auf die unseligen Scherz-
gedichte und Gloffen, die carmina und dicteria gestoßen
sein, aus denen man gar Beleidigungen der Fürstlichkeiten
und mithin Verletzungen seines Eides gedrechselt habe.
Zu solcher Durchsuchung seiner Wohnräume aber wäre
es ja gar nicht gekommen, unterbrach ihn der Abt. Seine
fürstliche Gnaden Ferdinand Karl hätte sich der heim-
tückischen Berufung Bienners in das Paradeiszimmer der
Burg und der ganzen während dessen in die Wege ge-
leiteten Spitzelei bestimmt widersetzt. Nun freilich besitze
man die Handhabe zur kriminellen Verfolgung. Hätte er
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retiriert, bin jedoch bereit, auf alles Red und Antwort zu
geben. E. J. D. wird mir das hoffentlich nicht verdenken.
Ebenso hoffe ich, E. D. werden den Ministern alle Tätlich-
keiten gegen mich untersagen. . . Wenn wider Verhoffen
Er. D. aus meinen konfiszierten Schriften etwas ver-
dächtiges vorgebracht würde, so bitte ich, es mir zu ent-
decken. E. D. soll sonnenklar disinganniert werden und
finden, was ich Er. D. zum Besten gemeint und daß ich von
andern, die auf Böses sinnen, detorquirt werde."
Und noch einen Brief schrieb er, an Michl Klein, den
Kammerdiener des Erzherzogs, er möge auswirken, daß die
Exekution unterbleibe.
*
Am nächsten Morgen kam Abt Andreas wieder zu
Bienner, gedrückter noch als bis dahin. Was man so in
der Stadt vernehme, drohten schwere Gefahren. Der
Kastner des Klosters, Andreas Altstetter, Bienners Gersten-
lieferer, anderseits eifriger Bezieher des Biers für das
Kloster und eine Schenke in Wilten, gefellte sich in heller
Aufregung zu den Beiden und riet dem Exhofkanzler, daß
er gleich nachts außer Landes flüchte. Beim Besuch eines
Serviten sei er eben mit dem Vizekanzler Schmauß zu-
Jammengetroffen. Befagter habe gar etwas von einer durch
Bienner verübten Majestätsbeleidigung gesprochen.
Der Exhofkanzler lachte, ein wenig gekünstelt wohl, und
meinte, so lange er im Kloster site, komme ihm auch der
Raiser nicht an.
5) Bon Täuschung befreit.
6) Mit Absicht mißdeutet.
8 Wilten
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Mit bitterer Miene bemerkte hierauf Altstetter,
Bienner habe vom Kloster stets glücklich das Visitations=
recht des Bischofs von Brixen abgewendet, und zwar zur
vollen Befriedigung des Erzherzogs. Nun aber spreche man
in der Stadt davon, daß der Fürst geneigt sei, dem Bischof
zu eben dieser Visitation seine Hilfe, das brachium faeculare,
zur Verfügung zu stellen.
Bienner fuhr auf, glaubte seinen Ohren nicht zu trauen.
Als er aber zu solchem Bericht den Abt in schwerer Sorge
nicken Jah, da griff er sich mit beiden Händen in die Haare
und starrte mit weit aufgeriffenen Augen stumm vor sich hin.
Doch vermochte er, den Entschluß zur Flucht noch immer
nicht zu fassen.
Es verging ein fterbensbanger Tag.
Am 1. September brachten Kundschafter die Nachricht
ins Kloster, der Lizentiat Rudolf Mayr sei zum Exekutions-
kommiffär in Bienners Wohnräumen zu Büchsenhausen und
in der Stadt bestellt.
Schlag auf Schlag erhielt der gewefene Kanzler ein
Schreiben Karl Ferdinands aus Klausen, wo sich der Fürst
mit der Jagd vergnügte:
,,Michael Klein hat uns deine Verantwortung übergeben.
Wir haben daraus mit absonderlichem Mißfallen verstanden,
daß du, anstatt unfern hinterlassenen geheimen Räten Ge-
horsam zu leisten, auf deren Erforderung nicht allein unge-
horsam ausbliebst, sondern dich sogar von deiner Habitation
absentiert haft und in die Freiheit 8 nach Wilten geflohen bist.
Wir befehlen dir angesichts dessen und bei Vermeidung un-
1) Wohnung.
*) Ajul.
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serer schweren Ungnade und Konfiskation aller deiner Güter,
dich auf Erfordern unserer Räte sogleich einzustellen und
demjenigen nachzukommen, was sie dir in unserm Namen be-
fehlen, damit wir widrigen unverhofften Falls wider dich
anderweitige ernste Mittel, als sich wider dergleichen landes-
fürstliche Gebote Verachtende geziemt und recht sein würde,
vorzunehmen nit Ursache haben."
Und Schmauß schürte mit all den andern Feinden des
Gestürzten um die Wette. Wie eine Kreuzspinne hielt sich
Volmar, der neue Hofkanzler, im Hintergrunde und zog
Jeine Fäden um den verhaßten und noch immer gefürchteten
Nebenbuhler.
Eine weitere Hiobsbotschaft langte ein: Der Erzherzog
habe an den Kaiser Punkt für Punkt alles gemeldet, womit
man Bienner belafte. Am 6. September meldeten sich Hof-
sekretär Max Ingram und Registrator Kreuzer im Stift.
Sie forderten vom Exhofkanzler unzweideutige Antwort,
ob er Gehorsam leisten und sich in die Burg verfügen wolle.
Bienner hatte beiden Herrn den Eintritt in sein Zimmer ver-
wehrt. Auf dem Gang sagte er ihnen, daß er seinen Sohn
Rudolf Bienner senden, selbst aber das Kloster nicht ver-
laffen werde.
Darauf gingen fie wortlos von dannen.
Nächsten Tages kam Rudolf mit einer Rifte und zwei
Säcken voll von Kleinodien und Familienpapieren, über-
brachte auch heiße Grüße und Segenswünsche seiner ver-
härmten Mutter und klagte blaß und hohläugig, er sei in
der Burg zurückgewiesen worden. Nicht Rudolf Bienner
verlange man dort zu sehen, vielmehr Wilhelm.
8*
Da ballte der gewesene Günstling des Erzherzogs die
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Fäuste, eilte zum Schreibtisch und warf ein Schreiben an
diesen aufs Papier, worin er zu bedenken gab, man könne
ihn nicht zwingen, einer Abrechnung halber persönlich zu er-
scheinen. Auch gebe es keinen Rechtstitel zur Beschlag-
nahme seiner Güter.
Abt Andreas erschrak, als er die Zeilen überflog. Er
warnte vor solch schroffem Ton. Vergebens. Der Brief
ging seinen Weg.
Als der Morgen des 10. September graute, kam der
Diener des Exhofkanzlers aus dem Vorzimmer und meldete
ihm, das Kloster sei von Wache umstellt.
-
Nun war jeder Verkehr mit der Außenwelt unter-
brochen.
Und immer dunkleres Gewölk stieg empor. Es langte
die Kunde ein, Kriegssekretär Bonnet habe sich jüngst von
Klausen nach Brixen begeben und in einem fürstlichen
Schreiben das Angebot überbracht, falls der Bischof eine
Visitation in Wilten vornehmen wolle, sei man bereit, die
weltliche Beihilfe zu gewähren. Jesse Perkhofer, der
Brixner Weihbischof, beim Ausschußlandtag zu Innsbruck
anwesend, habe denn auch am 10. September schon in die
Aufhebung der Immunität gewilligt.
Nicht nur der Abt, auch Bienner selbst war entsetzt über
solche Nachricht. Nun mußte man auf das Schlimmste gefaßt
sein. Den Gedanken an eine Flucht aber wies der Verfolgte
auch jetzt zurück, seines Weibes wegen, das er nicht in Un-
sicherheit zurücklaffen wollte und weil er ein solches Vorgehen
als Einbekenntnis seiner Schuld empfand. Einen Funken
Hoffnung sah er noch immer glimmen, während Abt Andreas
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im stillen alles verloren gab, als er sich des Abends von
Jeinem Freunde trennte, um zur Ruhe zu gehen. Deffen
Kleinodien und Familienpapiere hatte er selbst in Verwah-
rung genommen.
Bienners Gedanken weilten bei seiner edlen Lebens-
gefährtin und den Kindern, während er sich vergebens auf
Jeinem Lager mühte, Schlaf zu finden. Es würde sich wohl
doch noch alles klären, hoffte er und suchte sich zu beruhigen,
um endlich der Wohltat des Hinübergleitens in die Traum-
welt teilhaftig zu werden. Aber es gelang nicht. Seine Ge-
danken bewegten sich in jene Zeit zurück, als er mit hoch-
gespannten Hoffnungen aus Wien nach Innsbruck ge-
kommen war und sich in der fürstlichen Gunst Leopolds und
Claudias sonnte. Er gab wohl damals dem Hasse seines zu-
rückgesetzten schwäbischen Landsmannes Volmar, zur selben
Zeit vorländischen Kanzlers, nicht die gebührende Beach-
tung. Nun war es zu spät, darüber nachzugrübeln, wie er
sich vor dessen Ränken hätte schützen können. Er schlug sich
denn alle quälenden Selbstvorwürfe aus dem Kopfe. Schon
verschwammen die Bilder aus Vergangenheit und Gegen-
wart im beginnenden Schlummer, da schrak er jäh empor.
Ein wüfter Lärm hatte sich draußen auf dem Gange erhoben.
Es stürzte der Diener Endorfer aus dem Vorzimmer herein
und mit verängstigtem Gesicht meldete er, der erzherzogliche
Untermarschall Thomas Sailer stehe vor der Tür und be-
gehre Einlaß. Da erkannte Bienner auch schon dessen Stimme
inmitten des Klirrens von Waffen und rief:
,,Die Sergeanten sind draußen, daß Gott erbarm, was
ist's denn!"
Wie angewurzelt stand der getreue Endorfer. Es fiel
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ihm nicht ein zu öffnen, da er von seinem Herrn keinen Be-
fehl dazu bekam.
Noch einmal wurde draußen im Namen des Fürsten Ein-
laß gefordert. Vergebens. Eine kleine Weile, da schlug ein
schweres Instrument, eine Hacke, ein Hammer an die ver-
riegelte Tür. Sie krachte, splitterte und öffnete sich angel-
weit.
Sailer stand dem halbangekleideten Bienner gegenüber.
Ein Wald von Hellebarden folgte, verteilte sich im Halb-
kreise um den Flüchtling. Der Untermarschall erklärte
Bienner im Namen des Fürsten für verhaftet.
Abt Andreas war durch das Sprengen der Türe geweckt
worden. Man berichtete ihm, was geschah. Er konnte nur
noch eine Rutsche aus dem Klosterhof fahren sehen, der
etliche berittene Knechte folgten. Stöhnend ließ sich der
geistliche Würdenträger auf seinen Betschemel sinken, ver-
barg sein Gesicht von düsterer Ahnung erfüllt und flehte zum
Erlöser um Gnade für die Seele des unglücklichen Freundes.
Nach vielmonatelangem Prozesse schloß Bienner sein Da-
sein am 17. Juli des Jahres 1651 unter dem Henkerschwert.
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Abt Konrad
Abt Konrad aus dem Wiltner Stifte lag
Zu Klamm gefangen, harrend jeden Tag
Des Urteils, das Raubritter Milfer spricht
Ob Jeinen Opfern, haltend Blutgericht. —
Des letzten Leidgenoffen letzter Schrei
Schlug an fein Ohr. Nun ist an ihm die Reih!
Fünfhundert Klafter tief ist das Verließ -
Gott Jei dem gnädig, den hinab man stieß!
Der Abt bereitet sich zum Tode vor -
Wird heut noch knarren Jeines Rerkers Tor?
Sein ganzes Leben zieht an ihm vorbei:
Des Kindes Glück, der Jugend Einerlei,
Der frommen Mutter Jel'ge Seligkeit
Des Tags, als er zum Priester ward geweiht
Und in der Heimat trautem Rirchlein las
Die erste Meß. O, Glückes Uebermaß!
Der Inful Bürde dann, der krumme Stab,
Berfäumte Pflicht vielleicht und nun - das Grab!
Gott nehme gnädig Leid und Reue hin!
Dem Räuber Jei die Untat mild verzieh'n. --
Horch! horch! Der Türmer stößt gar hell ins Horn.
Bedeutets Beuteglück, bedeutets Zorn?
Da öffnet langfam fich des Kerkers Tür,
Und Oswald Milfer steht barhaupt dafür
Und grüßt, und feine Stimme klingt so weich:
„Mit Gottes Hilfe bring ich Freiheit Euch
Und gebe mich dem Stift gefangen ganz!"—
Der Abt verließ die Burg. Im Sonnenglanz
Erhoben sich dem Tal entlang die Höhn,
Wie nie so feierlich, Jo stolz, Jo schön!
Und Oswald Milfer gab im Büßerkleid
3hm zum Stifte Stams treulich das Geleit
Und blieb darin, von allem Glück entblößt,
Ein Büßer, bis der Tod ihn Janft erlöst.
Bartholomäus Del-Pero.
Stams
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Wilten im Jahre 1809'
a) Am 13. April früh um 2 Uhr ertönte in allen Gassen
der Stadt Innsbruck der Ruf der eingerückten Landesver=
teidiger, Licht an die Fenster zu schaffen, die Sturmglocken
wurden geläutet und die ganze Volksmaffe rückte dem Berg
Jfel zu.
Die Bauern aus der Gegend von Brixen hatten die
Nachricht mitgeteilt, daß eine Kolonne Franzosen und das
Bataillon Bayern, welches in Brixen lag, gegen Innsbruck
im Anmarsche seien. Die Bauern besetzten deshalb den Berg
Jsel so, daß sich sämtliches Militär durch ein anhaltendes
Stutzenfeuer bis in die Ebene durchschlagen mußte.
Die Bayern stellten sich auf den Geldern gegen Gernegg
(Hußlhof), die Franzosen näher gegen Wilten auf.
Nun fing das Militär und die Bauern wieder aufeinan-
der zu feuern an, allein, da ersteres von allen Seiten um-
rungen war, so verlangte es bald zu kapitulieren. Die fran-
zösische und bayerische Infanterie streckte das Gewehr und
die Kavallerie stieg von den Pferden. Die Bauern machten
große Beute. Die Mannschaft wurde nach einigen Stun=
den nach Salzburg abgeführt und dort dem österreichischen
Militär übergeben.
Handschrift aus dem Itenerarium (Reisebuch), Tirol, 9 (Wilten).
Bom Ruftos des Ferdinandeums freundlich zur Verfügung gestellt. Wir
geben diefen handschriftlichen Bericht wörtlich wieder.
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b) Am 23. Mai brach General Wieden auf Befehl Na-
poleons mit dem größten Teile seines Armeekorps, mit wel-
chem er über Strub dem abgebrannten Schwaz darauf und
am 19. Mai um 1 Uhr nachmittags bei dem anbefohlenen
Geläute aller Glocken in Innsbruck eingerückt war, über
Salzburg nach Österreich auf. Er ließ nur die Divison von
1000 Mann unter dem Kommando der Generäle Siegwein
und Vinzenti zurück.
Gegen das südliche Tirol kamen die Bayern damals nur
vier Stunden weit, weil die österreichischen Truppen und
Bauern den Brenner besetzt hatten.
Am 25. Mai wurden auf dieser Seite die Vorposten der
Bayern angegriffen, da es aber zu regnen anfing, zogen
sich Soldaten und Bauern zurück.
Am 28. Mai wurde aber der Angriff unter dem Kom-
mando des Andreas Hofer desto lebhafter erneuert.
Auf der ganzen Berglänge, von der Gallwiese an bis Hall,
wurde aus kleinen Gewehren vom Berg Jsel und von dem
Amrafer Schloffe, aber auch aus vier österreichischen Ka-
nonen gefeuert.
Am 29. Mai, in aller Frühe, griff man neuerlich an.
Um die Mittagszeit kam der Major Teimer mit der Ober-
inntaler Sturmmasse den Höttingerberg nachgezogen und nun
wurde von allen Seiten eingedrungen.
Die Bayern verloren viele Leute und gegen 300 Ver-
wundete wurden in dem Servitenkloster untergebracht. Um
nicht gänzlich abgeschnitten zu werden, zogen sich die Bayern
um 1 Uhr nachts in aller Stille am linken 3nnufer bis Ruf-
stein mit bedeutendem Verluste zurück.
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c) Am 30. Juni um 6 Uhr abends rückte der französische
Marschall Lefever in Innsbruck ein, das österreichische Mi-
litär zog sich auf die erhaltene, von dem Landvolke aber nicht
für wahr gehaltene Nachricht von dem Waffenstillstande zu-
rück und Lefever drang bis Sterzing vor.
Am 11. Auguft ging der Marschall, nachdem er vorzüg-
lich bei Oberau und bei dem versuchten Vorrücken gegen
Passeier sehr viele Leute verloren hatte, nach Sterzing zu=
rück und retirierte nach dem Brenner. Die Kolonne mußte
Jich bis 3nnsbruck durchschlagen; an beiden Seiten waren die
Berge mit Schützen besetzt, die auf die gedrängte Truppe un-
ausgesetzt feuerten. Die Truppen, das Juhrwesen und die
Kavallerie gerieten untereinander und der Marschall selbst
war gezwungen, eine große Strecke Weges zwischen zwei
Pferden zu Fuß zu gehen. Am Gärberbache wurde noch ein
bayerischer Oberst gefangen. Eine Staubwolke verkündete
die Zurückkunft der geschlagenen Truppen, die sich bis Jnns-
bruck und in ebenen Umgebungen der Stadt zurückzog. Die
Bauern setzten sich wieder am Berg Isel fest.
Am 13. Auguft früh um 9 Uhr griffen die Bauern an
allen Seiten an. Die Bayern stürmten dreimal den Berg
Jsel, wurden aber jedesmal zurückgeschlagen. Nachmittags
wurden durch die bayerischen Haubitzen der Chorethof, das
Wirtshaus zu Kranebitten, der Dalle Torre-Hof ober Höt-
ting und mehrere andere Häuser abgebrannt.
Am 14. Auguft früh, sendete Hofer einen Bauern auf die
Vorposten, mit dem Bedeuten, der Herr Marschall soll bis
15. die Stadt räumen, widrigenfalls er gefonnen wäre, solche
mit Sturm zu nehmen. An demselben Abende zogen sich die
Truppen auf den Ebenen vor Wilten zusammen und reti-
rierten von 10 Uhr nachts bis zum 15. um 2 Uhr früh.
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Am 15. Auguft früh rückten die Bauern in Masse und
um 9 Uhr früh der Sandwirt mit den Paffeiern und Mera-
nern in die Stadt. Nun wurden am Vorsprunge des ganzen
Mittelgebirges, von der Gallwiese bis Hall Schanzen und
Berhaue angelegt.
d) Während man diese Befestigungen vornahm, am
4. Oktober den Sandwirt in der Hofkirche mit der goldenen
Rette schmückte und sich mit Regierungsmaßregeln beschäf-
tigte, rückte der Marschall Wreden wieder in das Land.
Am 21. Oktober langte die Nachricht ein, daß Strub von
ihm genommen wurde und einige Tage später stand er in
Hall. Die Bauern begaben sich nach und nach in die Schan-
zen und der Sandwirt verlegte sein Hauptquartier nach
Steinach.
Am 25. Oktober, um 2 Uhr nachmittags, rückte der
Kronprinz von Bayern mit der ganzen Generalität in die
Stadt und nahm gegen die Schanzen selbst eine Rekognos-
zierung vor. Um 5 Uhr abends ging derselbe samt dem Mili-
tär nach Hall zurück und ließ nur bei der Mühlauer Brücke
und dem Löwenhause starke Piquete zurück. Abends kamen
mehrere Sandwirts-Dragoner und Bauern in die Stadt,
die sich am 26. vermehrten. Viele Bauern postierten sich in
dem Hofgarten und beschossen die bayerischen Vorposten.
Drei Tage lang dauerte dieses zwecklose Feuern fort.
Am 29. Oktober erschien um 10 Uhr früh ein bayerischer
Offizier und forderte, daß jemand an die bayerischen Vor-
posten kommen sollte. Dies geschah und es wurde dem in Be-
gleitung zweier Sandwirts-Dragoner erschienenen Bürger
von einem bayerischen Offizier eine Rolle Papier übergeben,
mit dem Bedeuten, daß der Inhalt den Bauern bekannt ge-
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Adelsgeschlechter und berühmte
Bürger in Wilten
Von Dr. Hans Bruner
I. Mittelalter
Der schon aus der Römerzeit stammende Siedlungsort
Wilten (Veldidena) wurde durch die Klostergründung eine
Kultus- und Kulturstätte ersten Ranges für das mittlere
Inn- und Wipptal. Er bietet daher auch eine reiche Fund-
grube für den Geschlechter- und Familienforscher. Weder
aus den ersten Jahrhunderten des Mittelalters noch weni-
ger aus der Römerzeit ist uns darüber zwar etwas über-
liefert worden mit Ausnahme der Sagen über den Riesen
Haymo, den angeblichen Gründer des Klosters Wilten,
welcher in dem von ihm gegründeten Kloster im Jahre 878
gestorben und auch dortselbst begraben sein soll. Doch sind
uns aus dem späteren Mittelalter manch wichtige Urkunden
und sonstige Erinnerungszeichen (Grab-, Wappensteine) über
das wirken und Walten, Leben und Vergehen von im Kul-
turkreise Wiltens hausenden Geschlechtern überliefert wor-
den, wenn auch durch Brände, Einsturz und die Kloster-
aufhebungen vieles hievon leider zugrunde- oder verloren-
gegangen ist. Diese Geschlechter erscheinen in den alten
Stiftsurkunden über Schenkungen und Verleihungen als
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Siegler (Zeugen) oder waren wohl selbst Wohltäter des
Klosters, indem sie an dasselbe Hufen (Höfe) oder Ländereien
für Stiftungen verschenkten; ferner treffen wir sie als Stif-
ter von Messen oder Jahrestagen in den von ihnen erbauten
Gruftkapellen an oder sie waren Beamtete des Stiftes
(Vögte, d. i. Schutz- und Schirmherren, Hofrichter). Die
Träger dieser Namen waren meistenteils in der alten Kirche,
in den damaligen Nebenkapellen, von denen sie manche selbst
erbaut und worin sie Erbbegräbnisse für ihre Familien er-
richtet hatten, oder im Kreuzgange begraben.
Schon unter dem mächtigen Herzogshause der
Welfen (Heinrich der Stolze, Heinrich der Löwe), welches
damals über den Inntalgau (zwischen Ziller und Melach)
die Grafengewalt innehatte, erfolgten in der ersten Hälfte
des 12. Jahrhunderts Schenkungen an das neugegründete
Prämonstratenser-Kloster Wilten. Als das Haus der Wel-
fen wegen der Treulosigkeit gegen den römisch-deutschen
Raiser Konrad III. abgesetzt ward, erschienen als Lehens-
inhaber des Inntalgaues in Nachbelehnung durch die Fürst-
bischöfe von Brixen die Grafen von Wolfratshausen und
ihre Nachkommen, die Grafen von Andechs, auch ge-
nannt,,Markgrafen von Istrien und Herzoge von Mera-
nien" (nach ihren Besitzungen längs der dalmatinischen Küste
am Meere), ein reiches und mächtiges oberbayerisches Ge-
Schlecht, welches das Schloß Ambras erbaute und auch dort
residierte. Berthold III. von Andechs schenkte dem Kloster
den noch vorhandenen romanischen sog. Wiltener Relch aus
vergoldetem Silber, ein einzig dastehendes Kunstwerk aus
dem Anfange des 13. Jahrhunderts.
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berg und Straßfried", einer der Pfleger von Tirol und erster
Rat des Jog. Königs Heinrich, Grafen von Tirol und Görz.
Dieser Konrad stiftete an der Begräbnisstätte Jeines Hauses
einen reichlichen Jahrestag und starb 1351. Er war einer der
gewalttätigsten Ritter Jeiner Zeit, drangfalierte die Inns-
brucker Bürgerschaft, belagerte die vom König den Inns-
bruckern eingeräumte Sonnenburg an der Brennerstraße
und nahm sie ein, bis endlich 1319 durch vergleichsweise Be-
zahlung der ihm gegen König Heinrich zustehenden Forderung
ein allgemeiner Friede zustande kam. Das einft zahlreiche
Geschlecht verfank bald in Bedeutungslosigkeit und ging
kurz darauf seinem Ende entgegen, wie es das Schicksal vie-
ler bedeutender Häuser damals in Tirol war. Es starb an-
fangs des 15. Jahrhunderts aus.
In einem Teil der Hl. Geistkapelle oder in einer eigenen
Kapelle, St. Georgkapelle genannt, hatten auch die
Herren von Spies (Spi) ihr Erbbegräbnis mit
manch schönen Monumenten. Die Spies waren ein uraltes
Unterinntaler Geschlecht und bekleideten am Hofe der tiro-
lischen Landesfürsten zu Innsbruck und Hall Ämter, waren
Burgvögte und später Pfandinhaber des Schlosses Fried-
berg bei Volders sowie verschiedener Lehen in der Um-
gebung Halls, bekleideten das Pflegeamt auf Taur, am Rit-
ten und in der Burg Persen (in Welschtirol). Ein Heinrich
von Spies war Mitglied des dem Landesfürsten Herzog
Friedl mit der leeren Tasche feindlich gesinnten Elephanten-
bundes und wurde daher auf seinem Schlosse Friedberg be-
lagert und gefangen genommen (1404). Ein Leopold v. Spies
war Obersthofmeister der Herzogin Eleonore, Gemahlin
Herzogs Sigmund des Münzreichen, und dessen Rat. Sie
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begaben ihre Erbgruft an der St. Laurentiuskirche in Wil-
ten mit reichlichen Widmungen und starben 1549 aus.
=
Ein weiteres angesehenes Geschlecht, das der Aufen-
Steiner (Auf Eule am Stein, daher auch ihr Wappenbild),
taucht mit Heinrich und Kuno (= Konrad) anfangs des
13. Jahrhunderts im Gebiete von Wilten auf. Sie wurden
Dienstmannen der Grafen von Görz-Tirol, an die sie sich
enge anschlossen und durch die sie zu großer Macht, Reich-
tum und Ansehen gelangten. Sie erbauten um die Mitte
des 13. Jahrhunderts auf einem senkrecht aufstehenden
Felfen am Eingang des Navistales zwischen Matrei und
Steinach die Burg Aufenstein, in deren Ruinen heute das
Kirchlein St. Kathrein (ehemalige Schloßkapelle) und die
Schule (wahrscheinlich der alte Rittersaal, weil noch alte
gotische Fresken vorhanden) eingebaut sind. Sie besaßen
auch zahlreiche Besitzungen im Navis-, Wipp- und mitt-
leren Inntale, wie sie auch mit den berühmtesten Tiroler
Geschlechtern der damaligen Zeit, wie Trautson, Villanders,
durch Heirat verwandt waren. Sie siegelten in wichtigen
Urkunden der Landesfürsten, Klöster, des Adels und Bür-
gertums an vorderster Stelle als Zeugen. Die Aufensteiner
erbauten um 1280 herum an dem ehemaligen Kirchturm des
Münsters Wilten eine eigene Aufensteiner Rapelle
mit einer Erbgruft für ihr Geschlecht, stifteten einen feier-
lichen Jahrtag und beschenkten ihre Gründung und das
Kloster reichlich. Im Kampfe des Grafen Meinhard II.
von Tirol um das ihm vom König Rudolf verliehene Her=
zogtum Kärnten gegen den dortigen aufständischen Adel er-
warb Konrad III. von Aufenstein durch treue Anhänglich-
keit an seinen Landesfürsten, Tapferkeit und glückliches Ge-
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lingen der Fehden großen Ruhm und Reichtum. Er erhielt
das Marschallamt und die Hauptmannschaft in Kärnten ver-
liehen (1293) und war der Begründer der kärntnerischen
Linie seines Hauses, die jedoch in seinem Enkel Friedrich II.
ein trauriges Ende fand, nachdem die tirolische Linie schon
1334 mit Heinrich III. ausgestorben war. Als nämlich
Friedrich II. von Aufenstein, Volks- und Landesverrat ver-
übend, sich im Bunde mit der venetianischen Republik gegen
die Herzöge von Österreich erhoben hatte, wurde er besiegt
und gefangen genommen und starb, aller seiner Güter be-
raubt, 1395 in der Gefangenschaft als der letzte seines Ge-
Schlechtes.
In Verbindung mit dem Stifte Wilten ist noch das be=
rühmte uralte Geschlecht der Herren von Matrey
und Trautson zu nennen, das durch seine rühmlichen
Schicksale und verwandtschaftlichen Beziehungen nicht nur in
Tirol, sondern auch in ganz Österreich zum größten Einflusse
und höchsten Ansehen gekommen ist. Schon um 1150 herum
stand in Matrei, der uralten römischen Militärstation Ma-
treium, ein Schloß gleichen Namens, welches einem Edel-
geschlechte den Namen gegeben hat. Die Herren von
Matre y siegeln öfters Urkunden des Klosters Bilten mit
ihrem Wappen (einem Hahn) und erscheinen als Wohltäter
des Stiftes. Im Jahre 1313 stiftet in der am Turme ange=
bauten St. Johanneskapelle des alten Klosters Frau
Gerwig von Matrey für ihren verstorbenen Gemahl Auto
(Otto) eine tägliche Stiftmesse. Von da an erscheint diese
Kapelle als Erbbegräbnisstätte der Herren von Matrey und
ihrer Erbnachfolger, der Herren von Trautson. Nachdem
schon früher verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den
9*
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marschallamtes in Tirol. Die letzte ihres Geschlechtes,
Maria Josepha von Trautson, vermählte sich 1744 mit Karl
Josef Fürst v. Auersperg, welches Geschlecht hiedurch die
sämtlichen Matreyischen und Trautsonschen Güter samt dem
Erbmarschallamte in Tirol erwarb und bis auf den heutigen
Tag noch besitzt. Die Häuser von Matrey und Trautson hat-
ten eine ganze Reihe von Jahrtagen zu Wilten gestiftet und
sie reichlich ausgestattet, welche im Jahre 1512 zu einem ein-
zigen, aber sehr feierlichen Jahrestage zusammengelegt wur-
den, wozu die gesamte Verwandt- und Freundschaft immer
eingeladen wurde. Im Jahre 1644 wurde die St. Johannes-
kapelle mit der alten Erbgruft dieser Geschlechter leider
niedergerissen, um nach den Gebeinen des Riesen Haymo
zu graben. In der linken dritten Seitenkapelle der jetzigen
Stiftskirche befindet sich noch vor dem St. Johannesaltar
ein Grabstein aus weißem Marmor mit den Wappen der
Familien von Matrey und Trautson. Er stammt aber wahr-
Scheinlich aus dem 17. Jahrhundert.
Es sei noch zweier uralter Tiroler Geschlechter gedacht,
die urkundlich schon im 12. Jahrhundert vorkommen, das
Kloster Wilten reichlich begabten und auch dort heute nicht
mehr vorhandene Familiengrabstätten besaßen. Das eine
sind die Kolbe v. Rolbenturm, im mittleren Inntale
anfäffig. 3hr Stammsitz war ob dem Gasteig zwischen Hall
und Bolders am rechten Ufer des Inns, von dem jetzt noch
ein viereckiger Turm, „Kolbenturm" genannt, vorhanden ist.
Auch in der Stadt Innsbruck besaßen sie im Mittelalter
einen festen Ansitz gleichen Namens, der im 16. Jahrhundert
vom Freiherrn Karl v. Schurff umgebaut wurde (Karls-
burg) und dessen turmartige überbrückung der Schlosser-
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Kleeblattbogen erhebt. Ein Engele Engelschalk wurde in der
Gehde der Stadt Innsbruck mit Konrad v. Straßfried als
Burgoogt auf Sonnenburg gesetzt und geriet bei der Erobe-
rung derselben in die Gefangenschaft (siehe oben das Ge-
Schlecht der Helblinge).
2. Ebenfalls in die Kirchenmauer des Kreuzganges ein-
gefügt ist ein Grabmal aus grauem Sandstein, das uns mit
dem 1310 gestorbenen Konrad Kammerer und seiner
Frau Anna bekannt macht. Das Wappenbild, wie oben an-
gemacht, ist ein Dreieckschild mit zwei etwas schmalen, links-
schrägen Balken. Konrad Kammerer war 1293-1303
Kammermeister der drei Brüder Ludwig, Otto und Heinrich,
der Söhne Meinhart II., Grafen von Tirol-Görz und Her-
zogs von Kärnten.
3. Ein weiterer Grabstein aus grauem Kalkstein daneben
ist der eines Freiherrn Artisius (Sighard?) de
Rubeis, latinisiert aus de Roffis, gestorben 1330. Das
Wappenbild, an einem stilisierten Kreuze aufgehängt, bildet
eine sechsblättrige Rose. Die de Rubeis stammen aus Flo-
renz, wie auch die Inschrift am Grabsteine angibt, und kamen
1278 nach Tirol, um sich, wie heutzutage die Ostjuden, als
Bankier und Geldmäkler der Münzstätten und Zölle zu be=
mächtigen und ungeheure Reichtümer zu erwerben. Sie star-
ben Ende des 14. Jahrhunderts aus.
4. An der Westseite des Kreuzganges in der Kellermauer
befindet sich ein Wappenstein aus schwarzgrauem Marmor
ohne Inschrift und stellt im Schilde einen gebogenen Fisch
dar. Die einen vermuten, daß dies der Grabstein der hab-
süchtigen und undankbaren Brüder Wiguleus und Bern-
hard Gradner, Kammerräte des Herzogs Sigmund des
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Münzreichen, sei (1460), die anderen weisen ihn, und zwar
mit größerer Wahrscheinlichkeit, einem Rummers-
brucker zu, welches Geschlecht unter Markgrafen Ludwig
von Brandenburg, Grafen von Tirol und Gemahl der Mar-
gareta Maultasch, aus Bayern nach Tirol kam (um 1350)
und viele Güter und Pfandschaften hier erwarb. Mit Hans
von Kummersbruck und seiner Gemahlin Anna von Kastel-
barko, den Stiftern von Kloster und Kirche zu Rattenberg,
woselbst heute noch ein kunstvoller, frühgotischer Wappen-
stein mit den Abbildnissen des Stifterpaares an deren Be-
gräbnisstätte erinnert, starb 1398 das Geschlecht aus.
5. Ebenfalls in der Kellermauer des Kreuzganges der
Quere nach angebracht ist ein Grabstein aus grauem Kalk-
stein, der uns den Tod des Alrich (Ulrich) Bellfar
(Velser oder Völser), † 16. April 1417, angibt. Das
Wappenschild zeigt eine auf einem Dreiberge aufrechte Ge-
treidegarbe. Aus dem auf dem Wappenschilde aufruhenden
Stechhelm streckt eine Hand mit dem Richterstabe heraus.
Der Verstorbene war, wie aus alten Wiltener Urkunden
hervorgeht, Richter der nahen Stadt Innsbruck. Die Völser
hatten ihren Stammsitz auf dem Blasiusberg bei Völs in
der Nähe Innsbrucks, erwarben später den Freiherrnstand
und starben Mitte des 17. Jahrhunderts aus.
6. In der südlichen Kirchenmauer des Kreuzganges ist
ferner die Grabplatte für die Margret Vegler, geb.
Zengerin, Sigmund Veglers Weib, † 1. Geber 1434, einge=
fügt. Den Grabstein nehmen drei Wappenschilde ein: Zenger
(eine Zange), Vegler (eine Base mit nach außen sich neigen-
den Lilien) und Dieperskircher (eine Kirche). Die Zenger
waren ein altes bayerisches Adelsgeschlecht. Die Begler
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Was
Abb. 17, Berg 3fel bei 3nnsbruck im Jahre 1805
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Legende
1 Sillhofkapelle
2 Meilenstein am Kirchweg
3 Fieberkapelle
4 Weiße Marter
5 Alter Militärfriedhof
6 Spielplatz am Hühnergart!
7 Garnisonsspital
8 Neuer Pradler Friedhof
9 Kriegerfriedhof
10 Getzner Säule und Stapfkapelle
11 Anderlkapelle
12 Panzingkapelle
13 Pestkapelle
14 Roß-Sprung
15 Dodlkapelle
Sill Fl
St. Bartlmä
Pradi
591
15
Reichenau
14
50
°
a
x72
Amras
11
Abb. 18.
nach Schl. Amras
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