Wilten Nordtirols älteste Kulturstätte Teil 2 ============================================= ·A-1845-2 1394 179 Tiroler Heimatbücher Herausgegeben von der heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft des Vereines für chriftliche Erziehungswissenschaft, Landesgruppe Tirol Band II Wilten Nordtirols älteste Kulturstätte 2. Teil: Die Kirchen Wiltens Mentelberger Schloßkapelle Zur Geschichte des Bergisels Auf den Amrasfer Geldern Aus der Chronik Wiltens Geschlechterchronik Bernhard Sander Buch, Unnariats and Malalienhandlung Innsbrud, Cirol 12 Abbildungen Lehrer. * No Bibliothek Volksschule II. Wilten. Berlagsanstalt Tyrolia A. G. Jnnsbruck Wien-München 6/ Haspinpischule / 17. 9. 1984 Seiner Gnaden Abt Heinrich Schuler in Verehrung von den Mitarbeitern zugeeignet. Vorbemerkung Bon vielen Heimatfreunden schon lange begehrt, legen wir nun Band 2 den Bürgern der Heimat zum Kaufe, zum Studium und zur ernstlichen Betrachtung vor. Wo seit mehreren Jahrhunderten Menschen hausen, wirken und walten, streben und streiten, da häuft sich der Zeiten hart' Geschick, daß keine Chronik es faffen kann; dann auch, was im kleinen Kreise groß und wichtig er- scheint, ist klein und nichtig oft im großen Kreise. Band 2 kann darum nur Blätter aus der Chronik Wiltens bieten, nur mit Federstrichen das Bild dieser blut- und Schweißgeweihten deutschen Kulturstätte zeichnen. Wenn aber glücklichere Tage einst kommen, dann soll ein weiterer Band der „Tiroler Heimatbücher" * zurück- erinnern an jene Zeit, da „,weiße Mönche in der wilden Au" in rastloser Arbeit, bedroht von der Wildheit der Natur und der Menschen, im ureigentlichsten Sinne des Wortes eine christliche Stätte deutscher Arbeit und Kul- tur stifteten, die zugleich auch Schutzwall gegen alle fremd- völkischen Strömungen war. Bei der Betrachtung der Vergangenheit unserer Hei- matgemeinde soll nicht so sehr allerlei Weisheit den Kopf beschweren, vielmehr möge hiebei im Herzen jener christ- liche Bürgersinn erstarken, der sich sittlich ver- pflichtet fühlt, den Mitbürgern zu helfen, und im be- scheidensten Opferdienst an seine Heimatsgemeinde und sei- nen Mitbürgern mehr Befriedigung findet, als im höchsten Geldlohn aus fremder Hand. Wir müssen weiter- bauen! 1* Juni 1926. Hans Bator (3m Auftrage der heimatkundlichen Arbeits- gemeinschaft d. V. f. chr. E. W.) ,,Geschichte des Stiftes Wilten". 3 Die Kirchen Wiltens Bon Blasius Marberger O. Praem. Wer vom Bergisel auf Innsbruck herabschaut, sieht zu seinen Füßen das Prämonstratenserstift Wilten. Breit und wuchtig stehen Kirche und Stift da. Östlich davon steht am Ufer der Sill ein rundes, turmartiges Gebäude, Inntals älteftes Kirchlein „St. Bartlmä". Weftlich vom Stifte er- hebt sich die herrliche zweitürmige Wiltener Pfarrkirche. Über Entstehung und Bauart dieser drei Kirchen will ich erzählen. 1. Das Bartlmä-Kirchlein. Das Rundkirchlein „St. Bartlmä in der Kammerau" erstand in seiner ersten Bauform um das 8. Jahrhundert. Frühzeitig hatte das Christentum durch römische Soldaten auch in Beldidenas Gegend Einlaß gefunden. Wo immer der wahre Glaube festen Fuß gefaßt hatte, erschienen dann in späterer Zeit mehrmals Bischöfe, um feierliche Taufe zu Spenden. Zu diesem Zwecke erbaute man eigene Taufkapellen (Baptisterien). Diese waren meist ein Rundbau, der ein großes Wasserbecken umschloß. Aus nahegelegenen Flüssen leitete man mittelst Röhren das Wasser hinein. Die Taufe geschah durch Untertauchen. Das Bartlmäkirchlein, in den ältesten Urkunden auch „die Bischofkapelle im Kloftergarten" genannt, ist nun auch eine solche bischöfliche Tauf- kapelle. Da sich durch oftmalige überschwemmung der Boden um das Kirchlein herum erhöhte, ließ Abt Johannes Lösch im 5 Jahre 1479 die Mauern erhöhen. Dabei wurde an Stelle der früheren Holzdecke das jetzt noch erhaltene gotische Sterngewölbe aufgesetzt. Die kleinen (romanischen) Fenster wurden zugemauert, in die erhöhte Mauer kamen die jetzigen gotischen Fensternischen, die Wände wurden mit zierlichen Fresken, welche leider im Laufe der Zeit durch Feuchtigkeit zugrunde gingen, geziert. 3m Jahre 1653 kam der gotische Altar weg und an seiner Stelle steht seither ein Barockaltar aus Stuckmarmor (Gips) mit der Statue des Apostels Bartholomäus. Die zwei an den Wänden hängenden gotischen Reliefbilder stammen aus der Kirche in Lans, die zwei Renaissancetafeln aus der Veitskirche in Ampah. Ein Votivbild aus dem Jahre 1646 veranschaulicht uns den Brand eines zum Stifte gehörigen Wirtschaftsgebäudes. Das Wappen in der Mitte des Gewölbes ist das des Ritters Jakob Trapp III., der für den Umbau (1479) größtenteils aufkommen mußte. An jedem Aposteltag ladet das im Türmchen befindliche Glöcklein aus dem 14. Jahrhundert zum Besuche der Messe. Das bisher ziemlich verlassene altehrwürdige Heiligtum kommt letzter Zeit mehr zu Ehren, da der 1920 gegründete „Jugendhort St. Bartlmä" daselbst wöchentlich seine Andacht verrichtet. 2. Die Stifts- oder Laurenzikirche An Stelle der heutigen schönen Stiftskirche stand vor 1400 Jahren eine schlichte Holzkirche zu Ehren des römischen Märtyrers Laurentius († 258). Holzkirchen waren damals in waldreichen Gegenden gebräuchlich. Der römische Dichter Venantius Fortunatus berichtet, daß er auf seiner Reise 6 nach Tour (in Frankreich) im Jahre 565 hier vorbeikam und eine alte baufällige Laurenzikirche sah, die eben einer gründ= lichen Erneuerung unterzogen wurde. An dieser Kirche mußten sich gar bald Geistliche in Form einer klöfterlichen Familie angesiedelt haben, denn im 8. Jahrhundert geschieht schon hievon Erwähnung. Diese Versammlung von Klerikern" bildete den Grundstock zum späteren Benediktiner-Kloster, bezw. im 12. Jahrhundert neu besiedelten Prämonstratenser-Kloster. In den Überlieferungsbüchern des Fürstbischofs von Brixen, dessen weltliche Gewalt sich fast ausnahmslos im Inntal hinaus bis zur Melach (Sellrain) und hinunter bis zum Ziller erstreckte, kommt schon um das Jahr 1000 der Name Wiltina und später Wiltine, Wiltin oder Wiltan vor. Die ersten Mönche arbeiteten zu Gottes Ehre und des Nächsten Wohl bis herauf zum 12. Jahrhundert, um dann den von Norbert (1120) gegründeten Prämonstraten- sern das Gebiet von Wilten zu überlassen. Der hl. Nor= bert, Graf von Genepp, aus der Kölner Gegend stammend, später Erzbischof von Magdeburg, hatte von Premontre (bei Laon in Frankreich) aus seinen Orden bald über ganz Deutschland verbreitet; auf seinen drei Reisen nach Rom berührte er auch Wilten. Hier sah er, daß es not tat, das Kloster neu zu besiedeln. Auf Einladung des Bischofs Re- gimbert von Brixen berief er seine weißen Söhne aus dem neugegründeten Kloster Roth in Württemberg hieher. Um das Jahr 1138 übernahm der erste Propst Marchward, Nor- berts Schüler, aus den Händen des Brixner Bischofes Kirche und Kloster Wilten samt der Pfarrkirche und der weit aus- I 0 Abb. 9, St. Bartholomäus-Kirchlein Abb. 10, Einweihung der Stiftskirche im Jahre 1665 Ölgemälde von Stephan Röffler vergoldete Rapsel (in Gestalt einer Taube), worin das Aller- heiligste verwahrt war, herab. Es war im 15. Jahrhundert, als diese romanische Kirche im gofischen Stile umgebaut wurde. Das Aller- heiligste fand in einem Sakramentshäuschen Platz. Das Sakramentshäuschen waren eine aus Stein gehauene, an einer Säule angebrachte Nische, mit einem Gitter verschließ- bar und gotischen, zierlichen Türmchen überragt. Außerdem standen in der Kirche schöne Flügelaltäre, deren Bilder in der Sammlung des Stiftes heute noch gezeigt werden. In der Nähe eines Seitenaltares, welcher der Muttergottes geweiht war, befand sich das Grabdenkmal des Riesen Haymo, eine liegende Holzstatue, welche heute in der Michaelskapelle (neben der Pfarrkirche) steht. Im Laufe der Zeit machten fromme Bürger und Adelige gottselige Stiftungen und so entstanden mehrere Kapellen, vorne am Münster angebaut, wie uns das bei- liegende Bild zeigt. Die (vom Beschauer aus) links dem hohen Münster angebaute Kapelle ist die oben erwähnte Siechenhauskapelle. Borne sehen wir die hl. Geist- und die Aufensteinkapelle, rechts der Kirchenecke angebaut die turm- artige Dreifaltigkeitskapelle. Obwohl Kloster und Kirche öfter von Bränden heim- gesucht wurden, änderte sich an der malerischen Lage der- selben wenig. Doch das Jahr 1644 zerstörte gewalt= sam dieses Bild und machte einem neuen Platz. Der damalige Abt Andreas Mayr wollte die Gebeine des Riesen Haymo finden. Zu diesem Zwecke ließ er die alte Siechen- hauskapelle niederreißen und noch einige Schuh tief in die Erde graben. Diese Untergrabung brachte dem alters- 9 Schwachen Turme bedenkliche Klüfte bei; endlich am 3. De- zember 1644 gegen Abend fiel er um und schlug die halbe Kirche in Trümmer. Nach reiflicher Überlegung entschloß sich Abt Andreas, die Stiftskirche mit allen sie umgebenden Kapellen niederzureißen, um an deren Stelle ein Gotteshaus im damaligen Baustil (Barock) zu erbauen. Viel Arbeit er- forderte das Niederreißen der starken Mauern, aus welchen das fefte Fundament der neu zu erstehenden Kirche gelegt wurde. Dank des starken Unterbaues konnten die späteren Erdbeben der neuen Stiftskirche nichts anhaben, während Innsbrucks Häuser und Kirchen große Schäden erlitten. Interessant sind die Aufschreibungen über Verpflegung und Besoldung der beim Kirchenbau bediensteten Arbeiter. Gearbeitet wurde von 4 Uhr früh bis 7 Uhr abends. Die Verpflegung war folgender Art: Um 7 Uhr Frühstück: Ziegersuppe und ½ Laib Brot; um 11 Uhr Mittagessen: Mus, Kraut, Gerste und ½ Laib Brot. Um 3 Uhr Jause: Buttermilch oder abgerahmte Milch (im Sommer dafür ein Stück Käse) und ½ Laib Brot. Um 7 Uhr Abendessen: Rübenkraut oder Gerste und ½ Laib Brot. Als Taglohn wurden 7 bis 9 Kreuzer ausbezahlt. Erst unter dem Nachfolger Andreas, dem Abte Do= minikus öhr (1651-1687), konnte der eigentliche Kirchenbau beginnen. Nach den vom Innsbrucker Hofbaumeister Christ o ph Gump gelieferten Plänen nahm Meister Jörg Scheff- ler von Krößburg die Arbeit in Angriff. Am 22. April 1651 fand die Grundsteinlegung statt. Erst am 9. Juli 1657 wurde der Dachstuhl aufgesetzt; doch leider 10 hatte Meister Jörg schlecht gebaut, denn schon am 6. Sep- tember stürzte das Gewölbe ein und begrub unter seinen Trümmern sechs Arbeiter aus Hötting. Für den flüchtig gewordenen Scheffler übernahm Hofmaurermeister Gal= lus Appeller die Fortsetzung und Vollendung des Baues. Endlich am 8. Oktober 1665 weihte der Brixner Bischof Sigmund Alfons Graf Thun im Beisein des Kaisers Leopold und des ganzen kai- serlichen Hofes die Kirche. Ein im Stift befindliches Bild von Stephan Köhler veranschaulicht diesen Akt. Von den zwei geplanten Türmen konnte nur der nördliche vollendet werden; die dem Turme vorgebaute Fassade stammt aus dem Jahre 1716, vom Erbauer des Innsbrucker Landhauses, Georg Anton Gump, ausgeführt. Seit dieser Zeit blieb die Kirche fast unverändert bis zum heutigen Tag er- halten. Nun beobachten wir die Kirche näher. Die zwei Sta= tuen Haymo und Thyrsus vor dem Portal sowie die auf dem Giebel befindlichen, etwas grob gearbeiteten Figuren schnitzte der Innsbrucker Bildhauer Nikolaus Moll; die seit 1907 neue Kirchtüre führt uns ins 3nnere der in ernster Stimmung gehaltenen Kirche. Hier fällt uns das schöne geschmiedete Eisengitter auf, welches den Vor- raum vom eigentlichen Kirchenschiffe trennt. Es ist vom Wiltener Schlossermeister Adam Neyer im Jahre 1709 her- gestellt. Die hohe Kirche ist mit Stukkatur reichlich vom Italiener Bernhard Pasquille geziert und vom Ti- roler Raspar Waldmann in den Jahren 1702-1707 mit noch frisch erhaltenen Fresken ausgemalt. Die Fresken im Mittelschiffe sind folgende: Ober dem Musikchor musizie- 11 rende Engel, das erste Bild ober dem Hauptschiffe der Martertod des hl. Stephanus, das nächstfolgende das Mar- tyrium des hl. Laurentius in Rom (i. J. 258), das dritte Bild: der hl. Norbert empfängt aus der Hand der Mutter- gottes das Skapulier. Ober dem Presbyterium (Priester- raum) erblicken wir Maria Himmelfahrt, umgeben von den vier Evangelisten: Matthäus Markus, Lukas und Jo- hannes, und den vier lateinischen großen Kirchenvätern: Hieronymus, Gregorius d. G., Ambrosius und Auguftinus. Die ober den zu beiden Seiten des Presbyteriums einge= bauten Emporen befindlichen Bilder zeigen uns die Prämon- Stratenser-Heiligen Gilbert, Evermod, Gottfried und Her- mann Josef. Die ober und gegenüber den Seitenaltären an- gebrachten Gresken beziehen sich auf den betreffenden Altar. Nun machen wir einen Rundgang und beginnen links beim Eingang. Der erste linke Seitenaltar zur hl. Anna, der jüngste von allen, ist vom oben erwähnten Nikolaus Moll gebaut. Ursprünglich stand hier ein Mar- moraltar, gestiftet von Herrn v. Freising; da er im Verhält- nis zu den anderen Seitenaltären zu klein war, wurde er ent- fernt und steht jetzt als Ottilienaltar in Hl. Wasser. Das kleine Altarbild „St. Anna" befand sich einft im Besitze der heiligmäßigen Nonne Juliana Maria v. Kreuz in Rovereto, von ihrem Vater ausgeführt. Da das Bild für den neuen Altar zu klein war, machte der Tiroler Maler Anton Steidl 1719 die Umrahmung dazu; ober dem Altare das Fresko: Marias Darstellung durch Joachim und Anna im Tempel. Dem Altare gegenüber hat Waldmann dargestellt, wie durch die Fürbitte der hl. Anna die Stadt Innsbruck beim Einfalle des bayrischen Kurfürsten Max Emanuel (i. J. 1703) ge= 12 rettet wurde. Auf diesem Bilde sehen wir die gotische Pfarrkirche und die jetzige Stiftskirche noch ohne dem Fassadenvorbau. Das Bild des nächsten Altares, „Die Aus= sendung der Apostel", wurde vom Tiroler Maler Matthias Bußjäger (1716) hergestellt. Das Fresko ober dem Altare zeigt Maria die Unbefleckte als Königin der Apostel; das dem Altare gegenüber befindliche Bild ver- anschaulicht die Bekehrung des hl. Paulus. Der dritte Altar enthält eine gute Ropie nach Raffael (Madonna von Foligno) von Michael Andersag: Johannes der Täufer mit andern Heiligen zu Füßen Mariens. Ober dem Altare sehen wir die Taufe Jefu, gegen- über die Enthauptung des hl. Johannes. Wir kommen nun ins Presbyterium: die schönen hellbraunen Chorstühle, gearbeitet vom Innsbrucker Hofbildhauer Ulrich Klieber, fanden im Jahre 1791 hier Aufstellung. An ihrer Stelle standen vorher an den Pfeilern angelehnt die zwei kleinen Alt är chen, die sich jetzt neben dem Hochaltar befinden; deren Altarbilder, der sel. Her= mann Josef, Prämonstratenser im Kloster Steinfeld, und der hl. Nährvater Josef, malte August Liebherr aus Innsbruck (1768). Majestätisch erhebt sich der Hochaltar, vielleicht Tirols größter dieser Art. Erbauer desselben sowie der Seitenaltäre (mit Ausnahme des Annaaltares) ist Paul Huber, Hoftischler in Innsbruck. Das große Altarbild, Maria die Rosenkranzkönigin mit dem hl. Dominikus und der hl. Katharina v. Siena, zu ihren Füßen die beiden Stifts- patrone Stephanus und Laurentius, wurde vom Innsbrucker 13 Meister Agid Schor (1671) ausgeführt. Die überlebens- großen vergoldeten Holzstatuen stellen uns vor: Norbert, Augustin, Raffian, Vigilius, letztere zwei Patrone der Diö- zesen Brixen und Trient. Im Giebelaufsatze sehen wir den Thron Salomons. Sechs Stufen, zu beiden Seiten mit vergoldeten Löwen besetzt, ziehen sich hinauf zum Throne. Hier sitzt der Friedensfürst des Neuen Bundes, Jesus Chri- stus. Diese sinnreiche Darstellung wurde nach Entwürfen der Brüder Hans und Ägid Sch or vom Innsbrucker Bildhauer Ferdinand Fries ausgeführt; einst stand hier oben zu Füßen des thronenden Christus ein Altar und Abt Dominikus Löhr berichtet öfter in seinem Tagebuche: ,,Heute bei den Löwen Messe gelesen." Seit 1923 wird zu Weihnachten eine auf Holz gemalte Krippendarstel= lung aufgestellt, gemalt von Raphael Thaler in Pradl. Die Kanzel mit auf Gotteswort sich beziehenden Reliefbildern (der Sämann, der reiche Fischfang) wurde um die Mitte des 18. Jahrhunderts neu aufgestellt. Nun beschauen wir uns die andern drei Seitenaltäre des Schiffes. Am Kreuzaltar steht das große andachterregende Kruzifix; es stammt noch aus der gotischen Kirche (zirka 1510). Der reichvergoldete Tabernakel mit dem Herz-Jesu- Bruftbilde wurde 1911 aufgestellt; es ist nach den Ent- würfen des Architekten Roman Pircher in Innsbruck ausgeführt ebenfalls von drei Innsbrucker Meistern: Winkler, Beiler und Peintner. Das Fresko über dem Altare zeigt uns die eherne Schlange als Vorbild des Erlösers am Kreuze; dem Altare gegenüber erblicken 14 wir die Auffindung des hl. Kreuzes durch Kaiserin Helena (4. Jahrh.). Das Bild des Norbertialtares, der hl. Norbert und Augustin zu Füßen Mariens, malte Balthasar Renn, der dem Stifte gegen 30 Bilder lieferte, die jetzt die Gänge des Klosters schmücken. Das Fresko über dem Altare stellt die Hinwegnahme des Propheten Elias, das gegenüber dem Altar: St. Norbert und St. Bernhard vor Kaiser Lothar. Zwei an der Mauer angebrachte Grabsteine künden die Namen der Abte, deren Leiber in der Gruft zu Füßen des Altares ruhen. Das Bild des Ursula altares, lebhaft und farben- frisch, stammt vom Innsbrucker Maler Anton Steidl. Zur Rechten befindet sich in einer Mauernische ein Re- liquiar, enthaltend ein Gebein der hl. Ursula; bei Prozessio- nen wurde früher dieses kostbare Heiligtum umgetragen. Die Gebeine der hl. Ursula deckte der hl. Norbert zu Köln auf, wie uns das dem Altare gegenüber befindliche Fresko zeigt; über dem Altare erblicken wir die fünf klugen Jung- frauen als Vorbilder der hl. Jungfrau und Martyrin Ur- Jula und ihrer Gefährtinnen. Mit den Reliquien wird am Sonntage nach ihrem Feste (21. Oktober) der sogenannte ,,Ursula Segen" erteilt. Unter der von Johann Gröber aus Innsbruck im Jahre 1836 erbauten Orgel befindet sich das sogenannte Prä= latenchört, dessen Deckengemälde „Maria Verkündi- gung" ebenfalls von Waldmann stammt. Erwähnenswert ist das im Volke bekannte, künstlerisch ausgeführte „Heilige Grab". Es hat die ganze Höhe und Breite des Hochaltares. Reine modernen Grabkugeln 15 erfreuen die Kinder, sondern tausend verborgene Lämpchen erleuchten die Szenerien; es dürfte wohl das größte Heilig- Grab in Tirol und weit darüber hinaus sein. Ausgeführt (nach Entwurf des Architekten Johann Martin Gump) von Ferdinand Schor, kam es 1709 das erstemal, 1909 das letztemal zur Aufstellung. Wegen der Gefahr für das Leben der Arbeiter und der großen Unkosten, wird es sehr Jelten aufgemacht. Endlich sei noch ein im Chortürmchen hängendes Glöcklein aus dem Jahre 1444 erwähnt. So haben Wiltens Abte in der Stifts= kirche vonjeher bis herauf zur Neuzeit die Heimatkunst gefördert; heimatliche Mei- ster konnten uns so ihre Werke hinterlassen, welche ein schönes Zeugnis ablegen vom schaffensfreudigen, kunstliebenden Tiro- lervolke 3. Die Pfarrkirche Wilten Die Pfarrkirche, auch Frauenkirche genannt, kam bei Neubesiedelung des Stiftes, also sicher vor 1138 unter die Obhut der Prämonstratenser. Von da ab wurde sie gar bald Gründerin und Mutter folgender in alten Ur- kunden erwähnten Kirchen: St. Jakob in der Au (die heutige Stadtpfarrkirche in Innsbruck), St. Moritam Inn (einst in der Nähe der Ottoburg), St. Sebastian (Mutters), St. Michael (Natters), St. Jodok (Völs) und St. Siegmund im Tal (Sellrain). Anmerkung: Näheres über die Stiftskirche siehe H. Schuler „Die Stiftskirche des heiligen Laurentius in Wilten", Innsbruck, Vereinsbuch- handlung 1920. 16 Aus noch vorhandenen Urkunden entnehmen wir, daß schon im 13. Jahrhundert die Verehrung Mariens von den Prämonstratensern in besonderer Weise gepflegt wurde; jeden Mittwoch begab sich die Geistlichkeit mit dem Volke in Prozession vom Stift aus in die Pfarrkirche. Sicher stand daselbst damals schon ein hochverehrtes Muttergottes- bild. Die heutige auf dem Hochaltar befind- liche Statue,,Maria mit dem Kinde" stammt aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts und ist aus Sandstein oder Steinguß gearbeitet. Des immer mehr wachsenden Volkszulaufes wegen wurde die Kirche zu klein und so finden wir im Jahre 1309 ein neu erbautes romanisches Gotteshaus mit drei Apsiden. In der mittleren Apside stand der Ziboriumaltar mit dem Gnadenbilde (daher der Name,,Maria unter den vier Säulen"). Außer diesem der Muttergottes und allen Heiligen ge= weihten Altar finden wir, wie uns der eifrige Stiftschronist Adalbert Tsch av eller berichtet († 1749), einen Seiten altar, dem Apostel Andreas und der Jungfrau Margareta geweiht. Der andere Seiten- altar dürfte zu Ehren des hl. A chatius und Gefährten geweiht gewesen sein, da das Kirchweihfest im Jahre 1311 auf den Achatiustag (22. Juni) festgelegt wurde. An der südlichen Kirchenecke erhob sich der hohe, starke Glockenturm. 3m 14. Jahrhundert wurde die Kirche durch Zubau eines gotischen Chores (Priesterraum) vergrößert. Hiebei ließ der damalige Abt Alexius Stoll ein neues (gotisches) Gewölbe einsetzen, die Fenster vergrößern und 2 Wilten II 17 zierliche Flügelaltäre aufstellen. Einige Tafelbilder aus dieser Zeit sind noch in der Bildersammlung des Stiftes erhalten. Auch ein marmornes Sakramentenhäuschen zierte das Gotteshaus. Die Berehrung zu Maria unter den vier Säulen wuchs so stark, daß von nun an auch an jedem Mittwoch eine Prozession stattfand. Als im Jahre 1469 das Stift auch Anteil an der Ausbeute der Schwazer Silbergruben erhielt, wurde der Gnadenaltar reichlich verziert und eine große Anzahl wertvoller Weihgeschenke in der Kirche auf- gehängt. 1 Welch Vertrauen man der Wiltener Muttergottes ent- gegenbrachte, beweisen die vielen Bittgänge in schwerer Zeit; so z. B. unternahm die Stadt Innsbruck bei der Türkenbelagerung Wiens (im Jahre 1529) hierher eine Wallfahrt. Hohe Persönlichkeiten besuchten in schweren Anliegen die Gnadenftätte. So Erzherzog Friedl mit der leeren Tasche († 1439), dessen Botivbild heute gegenüber der Kanzel hängt; Philippine Welser († 1580), Gemahlin des Erzherzogs Ferdinand II.; Erzherzogin Anna († 1676), Gemahlin des Landes- fürsten Ferdinand Karl; die Familie des berühmten Türkenbesiegers Karl Leopold von Loth- ringen, welcher 1670-1690 Statthalter von Tirol war. Auch das Volk strömte aus nah und fern herbei, ja ganze Gemeinden kamen sechs bis sieben Stunden entfernt nach Wilten. Heute noch kommen am Bittmittwoch unge- fähr zehn Seelsorgsgemeinden, darunter auch Innsbruck, hieher. 18 3m 17. Jahrhundert, als man die Kirche teilweise restaurierte, wurden die ersten Barockaltäre aufgestellt. Tschaveller erwähnt, daß man damals bei Anlegung einer Totengruft auf eine aus Roppen (Backsteine) fest zu= Jammengefügte Mauer gestoßen sei (vielleicht über- refte des einstigen Befestigungswerkes Beldidena). Um diese Zeit finden wir an der Nordseite der Kirche eine große dem hl. Johannes geweihte Kapelle angebaut. Wegen zunehmender Baufälligkeit der alten Kirche ließ Abt Martin v. Stickler am 14. September 1727 das Bild der Muttergottes unter großer Beteiligung des Volkes in die Stiftskirche übertragen und daselbst am Norbertialtar aufstellen. Während der Übertragung krachten die Pöller, läuteten die Glocken und Psalmen- gefänge erschollen. Die Wiltener Felder waren bis zum Fuße des Bergisels mit Andächtigen besetzt und manch Auge wurde naß, als die liebe Mutter ihr altes Heim ver- lafsen mußte. Der Pfarrgottesdienst wurde von da ab in der Stiftskirche gehalten. Unterdessen hatte man sich entschlossen, die dunkle und niedere Pfarrkirche gründlich zu restaurieren. Am 26. Februar 1728 begann man mit dem Umbau. Das gotische Gewölbe wurde einge- Schlagen, die Säulen des Kirchenschiffes entfernt und die Mauern um acht Schuh (zirka 2½ Meter) erhöht. Es wurde ein Scheingewölbe auf Latten mit Barockornamenten aufgebaut, das stehengebliebene Gewölbe des Priesterchores demselben angepakt. Wie uns das Botivbild in Sankt Bartlmä aus dem Jahre 1646 zeigt, stand an der nordwest- lichen Kirchenecke an die Johanneskapelle angebaut ein eigener hölzerner Turm für die große Löfflerglocke. 2* Der 19 damals in Navis, bestimmt. Der hochw. Herr ist Erbauer folgender 14 schönen Kirchen: Arzl bei Innsbruck, Weer- berg, Schönberg, Fulpmes, Gschnitz, Schmirn, Telfes, Ober- tilliach, Anras, Gossenfah, Steinach, Neustift im Stubai, Englische Fräulein in Brixen und endlich Wilten. Am 9. März 1751 wurden die Altäre entfernt und sie kamen in verschiedene Landkirchen. So steht deren einer als Hochaltar im Blasiuskirchlein zu Böls. Nach Heraus- nahme des Kirchenpflasters begann man mit der Beseiti- gung des Turmes. Er war infolge seines hohen Alters schon sehr schadhaft geworden. Schon Abt Johannes v. Grei- fing hatte ihn im Jahre 1690 mit Eisenreifen umspannen und Eisenschleudern durchziehen lassen. Innen war er bis zur hal- ben Höhe mit einer jüngeren Mauer ausgefüttert, die seine einzige Stütze bildete. Nach langer Überlegung und Entfer- nung der Glocken nahm man die Ausfütterung heraus, um so den Turm von selbst zum Falle zu bringen. Diese Arbeit war halb geschehen, da machte der altersschwache Turm einen Bückling gegen Süden, sah etwas zusammen und stürzte endlich am Karfreitag (9. April 1751) während der Trauer- mette mit der Spitze in das südlich befindliche Ackerfeld. In dem auf der Turmspitze befestigten zinnernen Engel, dessen zersprungene Höhlung den Dohlen als Nest gedient hatte, fand sich ein hölzernes Kästchen, inhaltend mehrere latei- nische Gebete, vor. Wie eine Anmerkung meldet, war der romanische Turm unter Abt Alexius im Jahre 1485 erneuert (gotisiert) worden. Nun begann man mit dem Abreißen der Kirche und dem Herbeiliefern des Baumaterials. Als Arbeiter wurden zumeist Berg- knappen aus Schwaz und Gossensaß verwendet. Auch das 21 weibliche Geschlecht half wacker mit. Zwanzigmal des Tages zogen Frauen und Mädchen die schwersten Lasten vom Ferrari-Steinbruch herab und waren mit 9 Kreuzer Löhnung und Verköftigung im Leithaus (Stiftsherberge) zufrieden. An ihrer Spitze stand eine besonders kräftige Person, wegen ihrer Stärke „Roßlies" genannt. Das Bau- holz lieferte der Stiftswald ober dem Landgute Gallwies (Schloß Mentelberg), den Sand der Reselebauer. Rüstig schritt die Arbeit vorwärts, so daß Abt Norbert im Bei- Jein der Adeligen, der Wiltener Schützen in roten Röcken und vielen Volkes die feierliche Grundstein- legung am Feste des hl. Norbert (11. Juli 1751) vor- nehmen konnte. Bisher hatte das Stift für Abreißen, Materiallieferung usw. 4950 Gulden & Kreuzer (1 Gulden = 60 Kreuzer) ausgegeben. Die Arbeit ging so weit vor= wärts, daß zu Anfang der rauhen Witterung (21. Oktober) ein Großteil der Kirche und der beiden Türme stand. Wäh- rend des Winters brannte man Ralk, schaffte Steine und Holz herbei. Die in der Stiftsalpe Lifens geschlagenen 30 Zirbelkiefern wurden zu Bretter geschnitten, von den Be- wohnern des Sellraintales, des Mittelgebirges und der Gemeinde Völs freudigst um Gotteslohn herbeigeschafft. Als Planzeichner und Bildhauer betätigte sich Josef Stapf von Füssen, welcher mit dem damaligen Stifts prior Thomas Jenner von Fennberg dem Baumeister Penz kräftig zur Seite stand. Als Maurermeister wird der Innsbrucker Umhauser erwähnt. Endlich im Jahre 1756 konnte die herrliche Kirche zu Ehren der „Unbefleckten Empfängnis Mariä" eingeweiht werden. 22 Nun beschauen wir uns noch kurz die Kirche. Maje- stätisch blickt die zweitürmige Faffade mit dem von Säulen und Engeln geschmückten Portal gegen das Oberinntal. Das Innere der Kirche zeigt im Gegensatze zur ernstgehaltenen Stiftskirche die helle Freude des im 18. Jahrhundert belieb- ten Rokokoſtiles. Sie ist die höchste Blüte dieser Bauweise und wurde in den nächsten Jahrzehnten für fast alle Kirchen- bauten der Diözese Brixen vorbildlich. Reiche Stukka- tur, wahrscheinlich von F. X. Feichtmayr aus Wesso- brunn, umrahmt zierlich die freundlichen Fresken. Diese sind Werke des Augsburger Malers Matth. Gündter (1754), der auch die Götzner Kirche und die Schloßkapelle in Mentelberg ausmalte. Die zwei Kuppelbilder zeigen uns Vorbilder Mariens der Unbefleckten: Esther und Judith, während das ober dem Hochaltar befindliche Bild uns die Weihe der Kirche an die himmlische Fürsprecherin darstellt. Die ober den vier Seitenkapellen befindlichen Fresken ver- anschaulichen uns weitere Vorbilder Mariens, nämlich: die starken Frauen des alten Bundes Jael, Ruth, Abigai und Bethsabe. Die Bilder an den Seitenwänden beziehen sich auf die Seitenaltäre: der Tod des hl. Josef, die Berufung des Apostels Andreas, der hl. Johannes v. Kreuz und die hl. Theresia, die Enthauptung der hl. Katharina. Ober dem Orgelchor ist die uralte Ortslegende verewigt: christliche römische Soldaten verehren zu Beldidena ein Muttergottes- bild. Über das gotische Gnadenbild am Hochaltar, welches bis in die neuere Zeit herauf im Geifte des 18. Jahrhunderts mit reichgesticktem Kleide unschön verhüllt war, erhebt sich der im Rokokostil gehaltene Ziboriumaufbau: vier Mar- 23 morfäulen verbinden sich oben im kühnen Schwunge zu einer Riefenkrone. Altar und Aufbau stammen aus der Hand des Franz R. Fischer aus Füssen. Die nach den vereinfachten Entwürfen Stapfs erbauten Seitenaltäre mit je zwei Marmorstatuen innerhalb der Säulen enthalten folgende herrliche Bilder: St. Josef und St. Theresia von Michel- angelo Unterberger (1756), St. Andreas und St. Ratharina von Joh. Georg Grasmair. Die Schwungvolle Kanzel wurde 1755 aufgestellt. Die großen Kreuzwegstationsbilder, gemalt von Balthasar Riep (1737), zierten schon die frühere Kirche. In neuester Zeit wurden zu beiden Seiten des Kommuniongitters die Statuen Herz Jesu und Herz Maria, Werke des Bildhauers Alois Winkler in Innsbruck, angebracht. Die zwei an den Kirchenstühlen stehenden Kruzifixe stammen vom Tiroler Rünstler Franz Pendl († 1859). Leider stören die zu grell gehaltenen und nicht mit dem Kirchenstil übereinstim- menden Glasgemälde das kunstgeübte Auge. Noch zu erwähnen wären einige interessante Votiv= tafeln: Ein Rummernusbild aus dem Jahre 1650 und das Schon erwähnte Votivbild des Herzogs Friedl mit der leeren Tasche und seines Freundes Hans Wilhelm von Müllinen (1418). Von den Grabdenkmalen feien u. a. ge- nannt das des Ferdinand Grafen v. Bissingen († 1831) und des Malers Grasmair. Quer unter der Kirche birgt eine helle Gruft die sterblichen Überreste vornehmer Persön- lichkeiten. Der am 19. Mai 1922 verstorbene Abt Adrian Zacher war der letzte, der hier seine Ruhestätte fand. Zur Verschönerung des Gottesdienstes tragen Orgel und Glocken das ihrige bei. Erstere wurde im Jahre 1892 24 vom Orgelbauer Franz Reinisch aus Steinach auf- gestellt. Der grause Weltkrieg hatte die von Johann Grahmair gegoffenen Glocken größtenteils geraubt. Die große, herrliche B-Glocke blieb durch die Gunst des volks- freundlichen Kaisers Rarl nebst zwei kleinen Glöcklein erhalten. Wiltens Bürger verschafften in letzter Zeit der Liebfrauenkirche ein neues Geläute. Durch die eifrige Arbeit eines löbl. Glockenkomitees, an dessen Spitze Obmann M. Winkler und Kassier A. Hörtnagl standen, gingen die drei schönen Glocken aus der Firma Grah= mair hervor. Die dem Stile der Kirche angepakten Ver- zierungen an denselben zeichnete Architekt Roman Pir- cher von Innsbruck und modellierte 3. Wirtem- berger von Absam. Unter großer Beteiligung und Freude der Wiltener Einwohner weihte Abt Heinrich Schuler am 16. März 1924 die gut klingenden Glocken. Redaktionelle Anmerkung: Mit Absicht wurde eine leichtfaßliche Form der Darstellung gewählt, da dieses Buch in weiten Volkskreisen verbreitet werden soll. Anmerkung: Benützte Quellen: Adalb. Tschaveller,,Uralter Gnaden- thron...." 1733, Kempten bei Joh. Mayr. Adrian Zacher,,Das Prämonstratenserstift Wilten" Wörl, Würzburg-Wien 1882.- Monats- rojen XXVI. u. XVIII. Jahrg., Jnnsbruck, Vereinsbuchhandlung 1895-97. Heinrich Schuler „Das Bartholomäuskirchlein in Wilten", Innsbruck, Vereinsbuchhandlung 1913. Heinrich Schuler: „Die Stiftskirche zum heiligen Laurentius in Wilten", Innsbruck, Vereinsbuchhandlung 1920. - Dr. Jof. Weingartner: „Die Kirchen Jnnsbrucks", Hölzel, Wien 1921. Persönliche Mitteilungen durch hchwft. Herrn Abt Heinr. Schuler und hochw. H. Archivar Franz Danner im Stifte Wilten. 25 Die Kapelle zur schmerzhaften Mutter auf der Gallwiese (Mentelberger Schloßkapelle) Von Dr. Josef Ringler Die Kapelle zur schmerzhaften Mutter auf der Gallwiese verdankt ihre Bedeutung als Wallfahrtsstätte dem Obersten Christoph von Rhuepach, der das einst vielverehrte Gna- denbild im Jahre 1640 aus der Gegend von Ulm nach Tirol brachte und in der von seinem Vater Ferdinand von Khue= pach neu gebauten Kapelle auf der Gallwiese aufstellen ließ. Christoph von Khuepach hatte das Gnadenbild in einer seit den Tagen der Reformation völlig verödeten Waldkapelle gefunden und mit zwei anderen Statuen, einer hl. Ratha- rina und Barbara, an sich gebracht. Am 4. Dezember 1678 wurde die neu restaurierte Kapelle, die inzwischen mit dem ganzen Anwesen vom Stifte Wilten erworben wurde, von dem Brixner Fürstbischof Paulin Mayr geweiht. Ende der Sechzigerjahre des 18. Jahrhunderts wurde unter Abt Joseph von Lizzi Ansitz und Kapelle neu gebaut und letztere am 5. September 1770 durch den Brixner Weihbischof Romed Grafen Sarnthein neu konsekriert. Bei dem Neubau dürften die beiden Statuen der hl. Katharina und Barbara entfernt worden sein und sind seitdem verschollen. Das Gnadenbild hingegen gelangte in der neuen Kapelle am Hochaltar zur Aufstellung. Unter der Obhut des Stiftes 26 Wilten erfreute sich die Kapelle auf der Gallwiese einer be- sonderen Liebe bei der Bevölkerung Innsbrucks und dessen Umgebung, bis im Jahre 1810 die Bayern Kapelle und An- sitz an den damaligen Pächter Severin Leis verkauften und so mit dem Übergang in Privatbesitz die Wallfahrt allmäh= lich einschlief. Zu dem Kirchlein, das oberhalb des Schlosses auf dem nach Norden abfallenden Hügel liegt, führte einst eine Steintreppe hinan, wie wir aus alten Abbildungen im Schlosse und Votivtafeln in der Kapelle ersehen können. Die Treppe ist heute nicht mehr vorhanden, an ihre Stelle ist ein wohlgepflegtes Blumenbeet getreten. Von dem Platze vor der Kirche genießt man einen schönen Ausblick auf das Inntal und die Nordkette mit dem Solstein. Das Äußere der Kirche ist ganz einfach gehalten, nur die Schau- seite weist durch vier schwach aus der Fläche vortretende gemauerte Pilaster eine bescheidene Gliederung auf. Ein gerade durchlaufender, obenhin leicht gekehlter Gebälkftrei- fen stellt die Verbindung mit dem geschwungenen Giebel und dem niederen, mit einer Haube bekrönten Fassaden- türmchen her. Das steingerahmte Rundbogenportal wird auf gemeinsamem Sockel von zwei übereckgestellten Pilaster- paaren mit isolierten Gebälkstücken flankiert. über dem mit dem Khuepachschen Wappen gezierten Reilstein liegt eine flachgezogene Volute mit einer Konsole, die die Statue eines Engels trägt. Darüber das flachbogige Mittelfenster. Ihm entsprechen in den seitlichen Feldern zwischen den Pilastern zwei Nischen mit Engeln. Die weißgestrichenen Holzstatuen stammen aus der Zeit der Erbauung der Kapelle. Unterhalb der Nischen zwei Rechteckfenster, im Aufsatz ein Rundfenster mit darüber aufgebogenem Simsband. An den glatt ver- 27 putzten Langseiten zwei rundbogige und drei flachbogige Fenster. Das Innere der Kirche macht einen freundlichen, ruhigen Eindruck. Dem annähernd quadratischen Kuppel- raum ist ein tonnengewölbtes Vorjoch mit seichten Stich- kappen vorgelagert, das die kleine auf zwei Säulen ruhende Empore aufnimmt. Die Quer- und Längsgurte, zwischen denen das Gewölbe eingespannt ist, ruhen auf kräftig ein- gezogenen und konkav ausgeschwungenen Pfeilern. Der ge- rade schließende Chorraum ist in der Breite des inneren Abstandes der Pfeiler durch eine flache Ruppel überwölbt und wird von zwei schmalen Querarmen begleitet, die durch die Aufnahme der Oratorien zweigeschossigen Charakter er- halten. Den Pfeilern sind zierliche Pilaster mit gerade durchlaufendem, nur in der Mitte über den Wandbildern sich auflösendem Gebälk vorgelagert. Die Fenster des zen- tralen Ruppelraumes sind mit dem durch einen stukkierten Rahmen umschlossenen Wandbild zu einer rhythmischen Gruppe zusammengefaßt. An den Kapitellen und Gewölbe- zwickeln, am Thorbogen und an den Fenstern finden sich einfache, flott hingesetzte Stukkaturen. Die Gewölbe wur- den laut Inschrift im Jahre 1770 von Matthäus Günther aus Augsburg mit Fresken geschmückt, und zwar wurde im Chore die Kreuzabnahme, im Schiff die Kreuzigung und über der Empore die Grablegung zur Darstellung gebracht. Die Wandbilder zeigen St. Josef mit dem Jesusknaben und Johannes den Täufer. Von der inneren Ausstattung ist, abgesehen von den Malereien Günthers, von denen noch die Rede sein wird, der glänzend komponierte Altar hervorzuheben. B. Riehl vermutet in dem skupturalen Schmuck die Hand Ignaz Günthers, des ausgezeichneten Münchener Rokokoplasti- 28 kers, der verschiedentlich mit Matthias Günther zusammen- gearbeitet hat. Leider ist gegenwärtig die farbige Wirkung des Altares, die auf den Zusammenklang von gebrochenem Weiß, Grau, Grün und Gold abgestimmt ist, durch das rote Tapetenmuster der Wandfläche stark beeinträchtigt. Der Altar ist aus Holz verfertigt. Vor dem die ganze Breite der Rückwand einnehmenden Sockel- und Zwischengeschoß (Predella) steht die Sarkophagmensa mit dem von seitlichen Boluten umrahmten Tabernakel. Den Mittelpunkt des Aufbaues bildet die verglaste Rundbogennische mit dem Gnadenbild. Seitlich davon erheben sich auf hohen Posta- menten die grün marmorierten Säulen vor Pilastern mit vergoldeten Kapitellen, geschweiften Gebälkstücken und den flott geschnitten Engeln. Rechts und links vom Säulen- aufbau St. Barbara und St. Katharina, innerhalb auf der in Voluten auslaufenden äußeren Umrahmung der Nische Engel mit Dornenkrone und Geißel. Im Mittelpunkt des reichen, durchbrochenen Auffates thront Gottvater mit der Weltkugel auf von goldenen Strahlen durchzucktem Gewölk. Einige vorzüglich gearbeitete Kinderengel (Putten) und Engelköpfchen sind auch noch da und dort zur Bereicherung des Ganzen hinzugefügt. Die Kanzel und das rocaillebekrönte Gitterwerk der beiden Oratorien sind im Gegensatz zum Altar ganz in Weiß gehalten mit sparsamer Vergoldung. An der flachgeschwun- genen Kanzelbrüstung ist im Relief der gute Hirte, am Schalldeckel der Posaunenengel zur Darstellung gebracht. Die Stationen sind ein unbedeutendes Malwerk aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Als Station XIII dient das Gnadenbild selbst. Dieses, ein kleines, ausdrucksvolles Holz- bildwerk, gehört dem Anfang des 16. Jahrhunderts an. 29 Die Gruppe der Mutter mit dem Leichnam ihres Sohnes ist gut zusammengehalten. Die starke innere Erregung, der wilde Ausdruck des Schmerzes ist überwunden, eine ruhige, verklärte Stimmung erhebt die Gruppe zum typischen An- dachtsbild. Malerisch umschließt das weiße Kopftuch das Antlitz der Mutter, ein tiefer Schatten breitet sich über Stirne und Augen, während um den Mund ein letztes Schmerzerfülltes Jucken spielt. Der Körper der Mutter tritt in seiner Funktion völlig zurück. Malerisch geordnete Faltenbausche umspielen Schoß und Unterschenkel. Weich liegt der Leichnam mit dem ausdrucksvollen Kopf hingebettet. Der Meister, der dies Bildwerk geschaffen, hatte ein gutes Vorbild in Erinnerung, an das er sich gehalten hat. Gewisse Unklarheiten in der Führung der Faltenzüge und Unbe- stimmtheiten in der Bildung der Partien um Mund und Nase im Kopf der Mutter laffen ihn als einen nicht ganz Jelbständigen Künstler erkennen. Das Gnadenbild der schmerzhaften Mutter gab das Programm für die Ausstattung des ganzen Kirchleins, das seiner ganzen Gestaltung nach ebenso, wenn auch in viel bescheidenerem Maße wie anderwärts, der Ausdruck der am Ende des 18. Jahrhunderts herrschenden künstlerischen Ideen war. In unerreichtem Glanze und märchenhafter Schönheit ist dieses Wollen oft in ganz kleinen schwäbischen und bayerischen Land- und Wallfahrtskirchen zum Ausdruck gekommen. Die Kapelle auf der Gallwiese wird in erster Linie durch die flotten Fresken Günthers zu künstlerischer Bedeutung emporgehoben. Aber auch in der architekto- nischen Gestaltung spiegelt sie den Zeitgeschmack wieder, dessen Ideal der Einheitsraum war. Der von vier Pfeilern getragene Ruppelraum ist Raummittelpunkt. Vorjoch und 30 Chorraum sind ihm angegliedert. Das im Ruppelraum ge= sammelte Licht verstärkt diesen Gedanken. Das Streben der Zeit nach Raumerweiterung ist durch die illusionistische Deckenmalerei und durch die Auflösung der Wände auch die Wandbilder wirken in dem Falle als Durchbrechung der Fläche - zum Ausdruck gebracht. Die Fresken Matthäus Günthers stammen aus der letzten Schaffensperiode dieses ungemein viel beschäftigten Meisters, der fünf Jahre später in den Fresken zu Götzens noch einmal in unserem Lande, in dem er eine Reihe von Kirchen geschmückt hat, zu einem großen und hochbedeuten- den Werke ausholte. Die Aufgabe, der in unserem Galle der Künstler gegenüberstand, war bedeutend einfacher als in der geräumigen, an architektonischen Akzenten reicheren Kirche von Götzens. Der kleine Raumkörper verlangte schon mit Rücksicht auf die Nahsicht, eine durchaus leichtere und maßvollere Lösung der Aufgabe. Dieser rein künstlerischen Forderung hat Günther bei der Romposition des Haupt- bildes Rechnung getragen. Die Mitte der Bildfläche ist von bewölktem Luftraum eingenommen, in den völlig frei Schwebend die drei Kreuze hineinragen. Die Zeugen der Szene von Golgatha sind an den Rand gerückt und grup- pieren sich frei um einen stellenweise sehr schmalen Boden- streifen, der den Schauplatz des Ganzen bildet. Rechts zieht der Haufe der Soldaten in gewundener Kette durch einen halbverfallenen Torbogen gegen Jerusalem, eine phanta- stische, echte barocke Stadtarchitektur. Links hat sich ein Häuflein spottender Juden versammelt, die mit Fingern auf den sterbenden Heiland hinweisen. Die Malerei reicht zu-. sammenhängend bis zu den Gewölbeansätzen, vor die, teil- weise von der Mauer sich ablösend, die stukkierten Zwickel- 31 Zur Geschichte des Bergisels Bon Dr. Josef Rungg Die Gebirge im Süden von Innsbruck steigen nicht mit derselben Unmittelbarkeit vom Tale auf wie die im Norden; Sie haben ein größeres Mittelgebirge vorgeschoben und leiten den Blick, seitwärts vom Patscherkofel und der Nockspite aufgefangen, gegen den Mittelpunkt des Hintergrundes, der Serles. Das vorgelagerte Mittelgebirge hat die Sill durch- fressen und am linken Ufer, wo sie in das breite Inntal hereinrauscht, steht die Felsbastei des Bergisels. Dieser be= steht aus einer südlich gelegenen höheren Kuppe, welche ihren Rücken gegen den Sonnenburgerhof hinstreckt, und dem davorliegenden Plateau, auf welchem heute die Sym- bole des Tiroler Heldentums vereinigt sind. Durch seine natürliche Lage als Wall vor dem Wipptal bildete der Bergisel mit seiner Umgebung seit jeher einen markanten Punkt. Sage und Geschichte haben dort ihren Sitz aufge- schlagen. Die Höhle des Drachen, den der Riese Haymon erschlug, lag an seinem Gelsabhange gegen die Sillschlucht. Schon die Römer legten zu seinen Füßen die Festung Beldi- dena an. In den Rahmen der Weltgeschichte ist jedoch diese Gruppe erst durch die Beifreiungskämpfe vom Jahre 1809 eingetreten, in denen sein Erdreich durch kostbares Tiroler Blut geheiligt wurde. Es war der gewaltige Kampf des Freiheitsdranges unseres Bergvolkes gegen fremde Un- terdrückung. Die Tiroler waren die ersten, die sich mit Er- 3 Wilten II 33 folg gegen den französischen Eroberer Napoleon erhoben. Ihr Heldenmut und ihre Tapferkeit leuchtete als flammen- des Beispiel voran der großen Befreiung Europas aus dem korsischen Joch. Durch den Frieden von Preßburg im Jahre 1805 kam Tirol an den König Max Josef von Bayern, der sich mit Napoleon verbunden hatte, „mit allen Titeln, Rechten und Vorrechten, wie sie Seine Majestät, der Kaiser von Deutschland und Österreich besessen und anders nicht". Die Bayern haben sich in Tirol nicht beliebt gemacht. Sie wagten sich selbst an harmlose Gebräuche des Volkes, verfügten Aufhebungen von Stiften und Klöstern, besonders die des Kapuzinerordens. „Und mußten es die Landesbewohner nicht als einen Bruch der im Friedensschlusse von Preßburg vom Könige garantierten, alten Landesverfassung betrach- ten, als der selbständige Wirkungskreis der Gemeinden ein- geschränkt, die nie dagewesene Stempelsteuer, eine Militär- aushebung der drückendsten Art und noch vieles andere ein- geführt wurde als selbst der Name Tirol jenem „,des bayrischen Südkreises" wich, als Bayern das Stamm- Schloß des Landes ob Meran auf unwürdige Weise verstei- gern ließ?" Eine mächtige Aufregung ergriff das Volk, welche es zur Erhebung trieb. „Es ist Zeit!" Ein geisterhaftes Raunen ging im März 1809 durch die Täler und Wälder, blutrote Sägespäne und Bretter mit Fähnlein rannen in den Flüssen, auf Almen und Bergspitzen flammten unruhige Feuer. Die bayerische Gar- nison in Innsbruck durchschaute nicht sogleich den Ernst der Lage. Und als die Verbindung über Seefeld mit Bayern herstellen wollten, wurden sie von den Zirler Bauern zu= 34 rückgeschlagen. Die Bayern wurden am 12. April aus Innsbruck hinausgeworfen und gegen Hall zurückgeschlagen. Die Schützen besetzten das Höttinger Gelände. Da kam die Nachricht, daß die Franzosen unter General Bisson die Brennerstraße herabmarschieren. Vom Wiltener Gottes- acker her wurde die französische Reiterei mit einem mörde- rischen Feuer empfangen. Dennoch rückte der französische General am 13. bis zum unteren Dorfplate in Wilten vor. Die Straßen waren wie ausgestorben; am Bergisel, in sei- nem Rücken sammelten sich die Tiroler und schlossen die Franzosen ein. Die Stadt und das nördliche Gelände war von wackeren Schützen dicht besetzt, welche vom Sandbüchel aus die Geschosse der am Vortage erbeuteten bayerischen Kanonen gegen die Franzosen richteten. Biffon entschloß sich zur Rapitulation. Um 8% Uhr vormittags unterschrieb er auf dem Wiltener Platz das Dokument. Tirol hatte sich aus eigener Kraft befreit. Die Österreicher besetzten es unter Chasteler. Aber Napoleon marschierte mit den Bayern neuerlich gegen Tirol. Der bayerische General Wrede war über die Brandstätten von Unterinntal in Inns- bruck eingezogen, wo nach seinem Abzug nach Salzburg De- roy zurückblieb. Chasteler hatte Tirol feig verlassen, das Land schien unterworfen. Da rief Andreas Hofer Passeyer und das Burggrafenamt zu den Waffen! Im Kerschbaumer- hof am Brenner war Kriegsrat. Der Angriff am 25. Mai am Bergisel brachte den Tirolern wohl bedeutende Vorteile, aber keinen entscheidenden Sieg. Andreas Hofer verlegte sein Hauptquartier in das Gasthaus „Schupfen" auf der Brennerstraße. Am 29. Mai begann der Kampf aufs neue. Andreas Hofer erschien selbst auf der Höhe des Bergisels. 3" 35 Als sich die Bayern schon im Rücken bedroht sahen, dauerte das Geplänkel noch die ganze Nacht - doch als die Mor- genröte des 30. Mai die Berge vergoldete, hatte Deroy be- reits den Abzug angetreten. Tirol hatte sich zum zweiten Male aus eigener Kraft be- freit. Nach dem Waffenstillstand von Znaim war Tirol das drittemal preisgegeben und der Reichsmarschall Lefebre stand mit großer Übermacht und ebenso großem Übermute im Lande. Hier begann nun die dritte und ruhmreichste Periode des Freiheitskampfes. Da will ich nun einem Augenzeugen das Wort geben, dem Anton Plattner aus Girl, der als 22jähriger Jüngling als Hauptmann der ersten Kompagnie der Freiwilligen aus dem Gerichte Hörtenberg ,,mit Leib und Seele und aller Begeisterung, deren eine kräftige Jugend fähig ist", die Anno-Neun-Kämpfe mit- machte. Er gibt uns folgende Schilderung: ,,Seine (des Marschalls Lefebre) Streitmacht steht schlag- fertig koncentrirt auf Wiltaus Gefilde. Es ist der 13. August und 5 Uhr Morgens. Es fällt ein Kanonenschuß. Die feindliche Heermaffe fängt an zu wogen, wie die Wetter- nacht, wenn der Sturmwind in ihren Wolkenhaufen zu wüh= len beginnt; es entwickeln sich weithin gedehnte Fronten. Der lautlose Schimmerblitz ihrer Waffen bei den Wendun- gen glich dem unheimlichen Wetterleuchten, ehe man das Rollen des Donners hört; 24 Feuerschlünde aufgefahren, gähnen bereits den Berg Jfel, die Stellung der Tiroler, an. Der Berg ist ohne deckende Böschung, ohne bergende Schluchten, ohne jähe Felsabstürze, besteht nur aus gegen die Ebene niedersteigenden Rainen. Über den Höhenkamm 36 ziehen sich weitgedehnte, dunkle, wolkenartige Streifen hin; es sind dies die Tiroler in ihren Lodenjoppen: still, ruhig, ohne alle Bewegung, wie eine hagelschwangere Gewitter- wolke auf der Kuppe einer unserer Hochalpen gelagert. So- eben ist ihre Feldmesse geendet; vom Pater Rothbart die Generalabsolution erteilt; in den Gesichtszügen der Tiroler, obwohl einem zahlreichen, furchtbar gerüsteten Feinde gegen- über, zeigt sich Muth und Entschlossenheit, sogar Heiterkeit. So z. B. hörte ich, während ich mit meinem Gernrohr die Bewegungen und Anstalten des Feindes beobachtete, in meiner Nähe folgendes Gespräch: „Hans, schau wie sie vor uns paradieren." (Lefebre ließ nämlich noch kurz vor Beginn der Schlacht die Sturmkolonne „Hahn in Arm" halt machen, wahrscheinlich um durch diesen imponierenden Anblick den Muth der Tiroler zu brechen.) „Ja, ein hübscher Haufen" „Bürstendick stehen sie." ,,Wir wollen sie schon wie- der dünner machen; unser Frau hilft uns!" Diese Worte ,,unser Grau hilft uns" gingen links und rechts wie ein Lauf- feuer die ganze Linie entlang und wurden die Losung des Tages für unser ganzes Centrum. Ich zweifle, ob Napoleons Proklamationen vor einer Schlacht an seine Soldaten je einmal diese nachhaltige Wirkung gehabt haben. Ein zweiter Kanonenschuß: feierlich langsam setzen sich die Sturmbataillone zum Angriff nach vorwärts in Be- wegung; die Colonnen stehen, die Kanonen werden abge= protzt, der Kanonier steht am hintern Theil, die Lunte raucht. Und die Tiroler? Stäuben sie nicht auseinander, wie ein Rudel leichtfüßiger Hirsche? Nein, sondern, da der An- griffspunkt, den der Feind gewählt, aus seinen Anstalten und Bewegungen erkennbar zu werden beginnt, steigt ihr - 37 Bordertreffen, lauter junge, muthige Bursche, drei Feld- pater und die besten Schützen mit ihnen, still in fefter nicht schwankender Bewegung auf die mittlere Hügelreihe des Jfels herab. Lefebre im Centrum seines Mitteltreffens zu Pferde im Kreise seiner Stabsoffiziere sieht dies und stutzt; er streckt einen Arm gegen uns aus und ein Adjutant sprengt im Galopp von seiner Seite weg gegen eine Batterie, die in der Front des ersten Treffens placirt war; vier Kanonen trennen sich und ziehen sich mehr links gegen das Kloster Wiltau hin. Der Marschall hatte nämlich bemerkt, daß unsere Aufstellung etwas massenhaft von dort aus seinem Geschützfeuer eine willkommene Fläche biete. Seine An- ordnung zeigte uns das fehlerhafte unserer Aufstellung, schnell dehnen wir uns nach unserem linken Flügel hin aus, und dies war unsere Rettung aus der größten Gefahr, in der wir uns offenbar befanden, die aber nicht erkannt wurde. Die Sachlage war diese: Unser Centrum lehnte sich an die Schlucht der Sill an, um, wie einige meinten, dem rechten Flügel (jenseits der Sill) näher zu sein. Dies war aber eine irrige Ansicht; der rechte Flügel mußte ganz unabhängig agiren, denn von uns konnte er, da die Sill hoch ging, keine Unterstützung erwarten, und er konnte nach Belieben das Gefecht fortsetzen oder abbrechen, ohne uns zu schaden, denn der Feind konnte doch nie vorgehen, weil er fürchten mußte, zwischen zwei Feuer zu kommen. Wenn wir nun in obiger Stellung geblieben wären, nämlich mit unserem Rücken an die Schlucht des Sillfluffes gelehnt und hätte der Feind, was bei einem hartnäckigen Widerstande notwendig hätte ge= schehen müssen, unseren linken Flügel rückwärts vom Huffel- hofe umgangen oder durchbrochen, so wären wir von unse- 38 rer Rückzugslinie, der Straße nach dem Schönberg, ganz abgeschnitten und von 18.000 Bajonneten umzäunt gewesen und diese Bajonnete in den Fäusten wuterfüllter Krieger! Man denke sich das Schreckliche dieser Lage; ungefähr 8000 Menschen so eingekeilt, ohne sich retten oder verteidigen zu können. Mit obiger Positionsveränderung war in taktischer wie strategischer Beziehung des Schicksal des Tages für uns entschieden. Wir kamen hiedurch aus der größten Gefahr und brachten auf der anderen Seite den Kern und die Wucht unferer Streitmacht auf jenen strategischen Punkt, von wel- chem aus wir sowohl das Haupttreffen selbst, als auch einen Angriff auf unseren linken Flügel basiren konnten. Der Hohlweg vom Kloster Wiltau herauf, der einzige Schlüssel für den Feind zu unserer Stellung, war bogenförmig von uns umstellt, ganz im Bereich unseres Feuers, somit in unserer Gewalt; der Feind konnte schon bei seinem Debou= chiren von uns erfolgreich beschossen werden, ohne unser Feuer erwiedern zu können. Die (oft mit erstaunlicher Kühn- heit und Aufopferung) vordringenden ersten Züge der Sturmkolonne stürzten schon an der Ausmündung des Hohl- weges nieder, und die nachfolgenden Rotten mußten schon über die Leichname ihrer Vormänner steigen, auf die sie im nächsten Augenblicke selbst als Leichen niedersanken. Nie gelang es dem Feind, so anhaltend und tapfer auch sein Kämpfen war, das Plateau zu gewinnen und sich festzu- Jetzen. Ich gestehe es, bis hieher war ich sehr besorgt, sogar in Angst, weil ich die Größe der Gefahr, in der wir uns be- fanden, nur zu gut erkannte, ohne hierüber ein Wort ver- lauten lassen zu dürfen. Denn in der allgemeinen Aufregung, die beim Beginn des Treffens herrschte, Bedenken zu 39 äußern, hätte mich in Gefahr gebracht, augenblicklich als Verräther niedergestreckt zu werden. Seltsam! der Feind selbst drängte uns aus dieser Stellung in jene hinüber, die ihm gefährlich wurde. Ja wohl, dachte ich: „Unser' Frau hilft uns!" Und dieser Gedanke, diese stärkende Zuversicht verließ auch mich während des Verlaufes des Treffens nicht und der Abend des Tages krönte ihn mit den Siegeslorber. Ein dritter Kanonenschuß die Schlacht beginnt und Innsbruck sieht und hört was es noch nie gehört und ge- sehen: eine Schlacht von 40.000 Combattanten auf dem Flächenraum von einer halben Stunde. Der Geschützdonner brüllte die ganze Schlachtlinie entlang, Schlag auf Schlag, Feuerstrom an Feuerstrom gegen den Berg, die Stellung der Tiroler. Ihre erste Linie weicht, wird aber von der zweiten aufgenommen. Die feindlichen Sturmbataillone ermutigt, dringen vor, aber nun sind sie außer dem Bereich ihrer Ge- Schütze, der Kampf wird gleich. Das Kleingewehrfeuer der Tiroler beginnt, die Vorderreihen der feindlichen Bataillone stürzen nieder, sie verwickeln, verwirren sich, sie fliehen, stür- zen in regelloser Eile auf die Ebene zurück. Der erste Sieg der Tiroler in offener Feldschlacht gegen reguläre Truppen. Ganz Innsbruck auf den Dächern und Thürmen sieht es und staunt; einzelne weiße Fähnlein werden gehoben und geschwungen wie klopfte mein Herz! Die Baiern wüthend gemacht, formiren noch stärkere Sturmbataillone, ihre Geschützlinie rückt, um die Stürmen- den kräftiger zu unterstützen, 300 Schritte vor und beginnt ein Preßfeuer der furchtbarsten Art, unter seinem Schutze rücken die Bataillone vor ohne einen Schuß zu thun, nirgends etwas anderes sicht- und hörbar als Feuerströme, Qualm 40 Abb. 11, 3nneres der Stiftskirche riefen fei das heiligfte Herz Befu Abb. 12, Kreuzaltar und Kanonendonnergebrüll, und um 9 Uhr vormittags, wo der Kampf wahrhaft grauenhaft wüthete und bis zum mör= derischen Handgemenge gesteigert wurde, schien es, die ganze Gefields-Ebene sei zum weitgeöffneten Feuerpfuhl gewor= den und der Abgrund kämpfte gegen den Himmel. Die Tiroler, welche in ihrem Centrum die besten Schützen und 18-22 Doppelhacken vereinigt hatten, beschossen mit gutem Erfolge die Batterie im Centrum des Feindes und erwar= teten stehenden Fußes den Bajonnetangriff des Feindes. Der Kampf war gräßlich. Die Tiroler mit ihren Stutzen gegen die Bajonnete waren im Nachteil, aber ihre dritte Reserve, dies sehend, hieb junge, 10-12 Fuß lange Birken- stämme ab und eilte mit einem Adler hoch!" in das Kampf- gewühl. Jetzt augenblicklich wendete sich das Geschick; das Bordringen des Feindes ward zum Stehen gebracht, die Doppelhacken und Scheibenröhre wurden in ihre mittlere Colonne gerichtet, die Wirkung war entsetzlich, die Batail- lone geriethen in Verwirrung, ein Teil kämpfte noch sich auf dem Plateau zu behaupten, während der andere in den Hohlweg sich stürzte und die Ebene zu gewinnen suchte. Es war die wildeste Flucht und schweißtriefend kehrten die Trümmer der Sturmbataillone zurück, ihren Rückzug mit Blutstreifen, Sterbenden und Leichnamen bezeichnend. So grauenhaft war der Kampf gewesen, daß sich die sächsi- schen Bataillone geradezu weigerten, sich noch einemal zu Sturme führen zu lassen, weßhalb das Haupt eines Obersten dieser Bataillone im Pavillon des Hofgartens in tiefer Mitternachtsstunde unter dem Beil des Henkers als Opfer fiel. Besonders entsetzlich war der Anblick des oben be= zeichneten Hohlweges, wenn die Stürmenden, hart gedrängt, 41 in selbem Schutz suchten und dann von unserer Reserve von einem Rugelregen überschüttet wurden. Stundenlang stan- den die Tiroler unabgelöst, ohne alle Labung, außer einem Schluck Wasser oder Milch, welches Weiber und Mädchen selbst während des heftigen Feuers bis in die vorderste Kampfreihe trugen. Lefebre aber, der gekommen war, die Niederlage seines Vorgängers mit dem Blute der Tiroler zu fühnen, zog selber ohne Lorbeer, wie sein Vorgänger in stiller Mitternachtsstunde laut- wie ruhmlos ab." Freilich hatten die Tiroler ihr Blut umsonst vergossen: denn Österreich hat sie wieder den Bayern ausgeliefert, welche begreiflicherweise nach ihrer Rückkehr gegen die Tiroler nicht die freundlichste Gesinnung hegten. Dem An- dreas Hofer haben sie es nie vergessen können, und sie haben ihn auch nicht in ihre Walhalla aufgenommen. Als die Bayern in Tirol waren, hatte der Bergisel das- selbe Aussehen wie das westlich anschließende Gelände; es waren Wiesenraine, in denen ab und zu Stauden oder Bäume standen, wie wir aus Bildern von 1809 (siehe Abb.) und der Beschreibung Plattners entnehmen können; das Plateau selbst war ohne Wald, nur Gesträucher und einige Laub= bäume können wir bemerken; ein von solchen eingeschlosse- ner Hohlweg führte nach Wilten herab. Die Namen Buch- plahl für den ebenen Platz, auf dem heute das Andreas- Hofer-Denkmal steht, und Buchhof für den Hof westlich des Plateaus, der heute noch so genannt wird, dürften aus viel früherer Zeit stammen, als noch der Bergisel mit Buchen- wäldern bedeckt war. So lange die Bayern in Tirol waren, lag das Bergiselplateau fast unbenützt; Studenten haben sich zeitweise zum „Ballonspielen" (vielleicht dürfen wir uns das 42 Fußballspiel darunter vorstellen) auf dem Buchplatz herum- getrieben. Doch kaum war Tirol 1814 wieder an Österreich zurückgekommen, so lesen wir, daß unser Militär auf dem Bergisel Schießübungen vorgenommen habe. Es hat sich dabei nicht immer sehr ruhig und schonend benommen, so daß es öfters zu Beschwerden Anlaß gab. Auch nächtliche Schieß- und Gefechtsübungen wurden durchgeführt. Wie man besonders aus dem Revers vom Jahre 1838, durch welchen das Prämonstratenserstift Wilten den Berg dem Raiserjägerregiment zur Gründung einer Kaiserjägerschieß- stätte überließ, ersehen kann, benützte das Regiment den Bergisel hauptsächlich deshalb, weil es keinen günstigeren Platz für seine Schießübungen ausfindig machen konnte". Der große Gedanke, den Helden von 1809 auf dem Bergisel ein dauerndes Denkmal zu setzen und dem Tiroler Helden- tum auf diesem historischen Boden ein ewiges Sinnbild zu schaffen, kam erst viel später auf. Bald überließ das Stift Wilten in großmütiger Weise dem Regiment den Bergisel zu Schießübungen ganz und später 1838 durch den bereits genannten Revers zur Erbauung von Schießstätten. Für diese wurden vorläufig noch keine Bauten aufgeführt. Wohl aber wurden die beiden schlanken Obelisken aufgestellt, die heute noch zwischen den Schießständen stehen, der eine gekrönt durch den österreichischen Reichsadler, über den anderen breitet der Tiroler Adler seine blutroten Schwin- gen. Bloß nackte Jahreszahlen (1703, 1797 und 1809) sind darauf die einzigen Erinnerungen an die Heldenkämpfe der Tiroler; denn die lateinischen Verse, die darauf geschrieben sind, drücken die Zuversicht aus, daß das Haus Österreich durch die festen Schutzmauern der Herzen der Bevölkerung 43 dauernd geschützt werde und allen Mißgeschicken der Zeit werde trohen können. Die an der östlichen Flanke gegen die Sillschlucht gelegenen Weitschießstände wurden erst 1857 er- baut, wobei das Stift Wilten den Kaiserjägern die „Ein- siedlerau" an der Sill unten überließ. Es wurde auch ein großes,,Schützenhaus" errichtet, das später in das Museum umgewandelt wurde; das erste Stockwerk schloß mit einem flachen Dache ab. Ein wenig südlich davon baute man die zwei kleinen Gebäude, wo heute die Kanzlei mit der Wache untergebracht ist und gegenüber der Sommerausschank von Getränken an die Gäste durchgeführt wird. Man ging dann daran, das öde Gebiet wieder aufzu- forsten; und zwar wurde „alle Sorgfalt darauf verwendet, das reizende Gelände zu einem Lustpark umzuschaffen". Ein bißchen westlich von der Stelle, wo heute das Andreas- Hofer-Denkmal steht, wurde ein Pavillon, ein Lufthäuschen verschönt durch einige Gartenanlagen, hingestellt. So wurde der Bergisel,,zu einem sehr besuchten Vergnügungsorte für Fremde und Einheimische". Dies waren also die leitenden Gedanken, nach welchen der Ausbau des Bergisels in den Bierzigerjahren durchgeführt wurde. Wo der Weg sich östlich durch den Nadelwald der Berg- iselschlucht zuwendet und die Terrasse verläßt, stand schon lange abseits vom Lärm des Tages ein Muttergottesbild. Auch heute sehen wir noch die Tuffsteingrotte mit der schwar- zen Statue der Muttergottes und des Jeſukindes, welche den vorbeigehenden Wanderer andächtig stimmt und zum Beten einlädt. Einige Schritte weiter wandernd, ließ die Erzherzogin Sophie auch eine Kapelle erbauen und am 10. September 1849 wurde diese von einem Teile der 44 kaiserlichen Familie besichtigt. Eine Zeitung fügt dem Be- richte über dieses Ereignis hinzu: „Es ist auf beiden Seiten (beim Raiserhaus und den Tirolern) ein schöner wetteifer, die Bande der Liebe festzuknüpfen und sich gut und freund- lich zu erweisen." Wir werden immer wieder wahrnehmen können, daß das damalige Kaiserhaus seine Aufmerkſam- keit besonders dem Ausbau des Bergisels zuwandte, weil es fühlte, daß es da eine Scharte, die es 1809 den Tirolern geschlagen hatte, wieder auswetzen müßte. Manche Tiroler Kaiserjäger waren in den Kämpfen 1848, 1849 und 1859 gegen Italien auf dem Felde der Ehre ruhmvoll liegen geblieben. Sie waren die ersten, denen man am Berg Jsel einen Denkstein zur Erinnerung setzte. Frei- lich mußten sie sich mit einem Plate an der östlichen Kante des Plateaus in der Nähe der Kapelle begnügen. Am 5. Oktober 1860 sank unter den Klängen einer Symphonie von Beethoven die Hülle des schwarz umflorten Monumen- tes und eine hohe Pyramide aus weißem Marmor, ein gleiches Kreuz von Tiroler Gestein tragend, zeigte auf den vier Seiten in schwarzen Lettern eingehauen die Namen der Mannschaft, in goldenen die der Offiziere, welche in den ge- nannten Rämpfen Opfer auf dem Altare des Vaterlandes geworden waren. Im gleichen Augenblicke warfen vier Hau- bitzen einen Regen von Lorbeerblättern auf das Denkmal, das die hellen Sonnenstrahlen beschienen. Auf den Höhen des Berg Jsels dröhnten zahlreiche Geschützfalven. Später wurde an diesem Gedenkstein auch die Tafel zum Andenken an die Gefallenen im Jahre 1866 in 3talien und Südtirol und 1878 in Herzegowina angebracht. Die kommende Zeit bringt die Auswirkung der Jndu- 45 strie, welche auch das Bild der Umgebung des Berg Jsels nachteilig verändert. Dazu gehört vor allem der Bau der Brennerbahn. Am 8. Jänner 1866 meldet der „Bote von Tirol und Vorarlberg", daß der Tunnel am Bergisel auf der Innsbruck Bozner-Bahn gestern durchbrochen wurde und die an der entgegengesetzten Seite beschäftigten Arbeiter ge= nau auf demselben Punkte zusammengetroffen seien. Ein nicht unbedeutender Teil des großen Tunnels sei auch schon eingewölbt. Bald verschwand auch die hölzerne Sillbrücke und wurde durch eine aus Eisenkonstruktion ersetzt. Da- durch wurde die romantische Sillschlucht-Gegend aus der träumerischen Vergangenheit gerissen und in die Haft der modernen Zeit gestellt. Früher hatte man auf die Schönheit der Sillschlucht viel mehr gesehen; bei der Einsiedlerau ging eine Brücke über den reißenden, zwischen steilen Felsgehän- gen eingeklemmten Strom, der den vom östlichen Plateau- rande des Berg Jfels an der Kapelle vorbeiführenden Weg mit dem am rechten Sillufer verlaufenden Weg verband. Weiter tiefer in der Sillschlucht drinnen wurde noch eine zweite Brücke errichtet, welche wiederum zwei entsprechende Spazierwege verband. Auch diese wurde dem Verfall ge- opfert. In allerletzter Zeit wurde sogar der Spazierweg auf dem rechten Sillufer in die romantische Wildnis der Schlucht hinein versperrt, weil für industrielle Zwecke ein großes, kaftenförmiges Holzgebäude gleich hinter dem Auf- schlaghäuschen an der Sill erbaut worden war. Somit ist die Seltene Naturschönheit dieser Gegend in der nächsten Umge- blung von Innsbruck, welche zu den Reizen der Bergisel= Umgebung wesentlich beigetragen hat, dem Moloch der mo- dernen Zeit in den Rachen geworfen worden. 46 Die Tiroler Kaiserjäger hatten sich seit der Überlassung des Bergisels 1838 diese Jahre hindurch immer stärker auf demselben eingenistet. Die Ehren- und Freudentage, wie sie sich besonders aus dynastischem Anlasse bei einem Geburts- oder Namenstag in der kaiserlichen Familie ergaben, wur- den mit all den militärischen Feiern, die damals üblich wa= ren, auf dem zu vergnüglichen Festlichkeiten hergerichteten Platz begangen. Das Regiment hatte sich auch in den ein- zelnen Kämpfen ausgezeichnet. In dieser allgemeinen Er- starkung und diesem Aufstieg gewann der Gedanke immer mehr die Oberhand, die Geschichte des Kaiserjäger-Regi- mentes durch dauernde Denkmale auf diesem blutgetauchten Bergabsatze würdig zu verewigen. Dieser Gedanke wurde von 1878 an zur Ausführung gebracht. Der damalige Re- gimentskommandant Oberst von Knöpfler wollte vor allem die Idee des Regiments-Museums durchführen. Schon am 20. Juni 1878 wurde anläßlich eines Festschießens zu Ehren der Jubelhochzeit Ihrer Majestät die prachtvolle Renovie- rung" des Schützengebäudes gefeiert. Der erste Stock war in eine Gemäldegalerie umgewandelt worden. Das Waffen- museum war aber noch nicht fertig. Am 4. Oktober 1880 wurde die Gedenkhalle (Räume des Erdgeschosses im Schützenhaus) im Museum feierlich eröffnet. Am 13. August 1881 erhielt,,die neue, eben erst fertig gestellte Anlage ihre besondere Weihe durch die Anwesenheit Sr. Majestät Kaiser Franz Josef, gelegentlich eines dem Monarchen zu Ehren dortselbst gehaltenen Festschießens." Zugleich wurde eine Quelle angekauft, in das wasserarme Gebiet hergeleitet, wo sie den belebenden Springbrunnen vor dem Museum Speist. 47 Die Schießstandsgebäude, die zu dieser Zeit hergerichtet wurden, wurden also in einer Zeit gebaut, die überhaupt von keinem großen Gedanken durchlebt war, die wir, was ihre künstlerischen Leistungen anbelangt, als geschmacklos bezeichnen müssen. Das treue Abbild davon sind die Schieß- stände am Bergisel. Ausflügler beklagen sich 1879 und 1880 über die fast un- erträgliche Straßenstrecke von den obersten Ausläufern des Dorfes Wilten bis zum Fuße des Bergisel. „Mit wahrhaft versengender Glut fallen die Strahlen der Sonne auf die mit Kalkstein geschotterte und darum völlig weiße Straße und machen dem Wanderer die kurze Wegstrecke zu einer Qual." Das Ärar ließ daher 1879 vom Fuße des Bergisels bis zur Kirche in Wilten die heute noch stehende Allee an= legen und setzte diese im nächsten Frühjahr, ,,noch ein Stück gegen das Dorf hin bis dort, wo die beisammen stehenden Häuser Schatten gewähren" (beiläufig bis zur Glockengieße= rei Graßmayr), fort. Erst jetzt allmählich, nachdem das Regiment in dem da- mals übertriebenen militärischen Dünkel für sich Erinne= rungszeichen gesetzt hatte, wurde der Gedanke lebendig,,,auch dem Repräsentanten der Tirolischen Heldengeschichte und dem Träger des nationalen Volksbewußtseins in den Zeiten der ruhmreichen Befreiungskämpfe, Andreas Hofer, auf dem Berg Jsel, der historischen Ruhmesstätte Tirols, ein Nationaldenkmal zu errichten." Auf den 29. November 1880 hat Oberst von Knöpfler hiefür die hervorragendsten Persönlichkeiten der Landeshauptstadt zu einer Versamm- lung einberufen. Im Mai 1881 erging an die Öffentlichkeit der Aufruf, Beiträge zur Errichtung des Denkmals zu 48 leisten. Während sieben Jahre ausdauernden Sammeleifers wurde die für das Denkmal angesetzte Summe von 25.000 Gulden aufgebracht. Die Ausführung des Denkmals wurde dem Tiroler Bildhauer Natter übertragen, da ihm auch vom Komitee des Walther-Denkmals in Bozen die Ausführung dieses Monumentes anvertraut war. Als dies bekannt wurde und Natter bereits einen zweiten Entwurf geliefert hatte, trat 1888 eine oppositionelle Künstlergruppe hervor, die gegen das Komitee Anwürfe erhob, weil es bei der Denk- malherstellung die Konkurrenz ausgeschaltet habe, gegen Natter, weil er auch die Konkurrenz beim Walther-Denk- mal in Bozen umgangen und einen Entwurf vorgelegt habe, den er angeblich um den Preis von 26.000 Gulden, der vor- geschlagen war und nicht überschritten werden durfte, er- richten könnte, tatsächlich aber das Denkmal um einen viel höheren Preis lieferte, eine Affäre, welche unausgesetzt noch die Taschen von ganz Europa beunruhige"; gegen das Denkmal selbst sie hatten das Modell allerdings nicht ge= sehen, weil es nicht öffentlich ausgestellt worden war, son- dern nur davon vernommen und äußerten sich darüber desto abfälliger weil es den Helden in pathetischer Stellung auf einem steilen Gelsblocke darstelle, eine Idee, die nichts weniger als monumental gedacht sei, sondern sich höchstens in einem kleineren Maßstabe als Holzschnitzerei für ein Jagdzimmer, oder im größeren Maßstabe als Dekoration für einen Festwagen bei einem Schießen oder aber als De- koration für einen Garten eignen würde, der aber dann sehr romantisch und zopfig gehalten sein müßte." - - Manchen schien das Andreas-Hofer-Denkmal zur Ver- herrlichung der großen Befreiungstat von 1809 zu wenig, 4 Wilten II 49 sie wollten auch anderen Tiroler Freiheitshelden eine eherne Erinnerung schaffen. So stellte Hermann Klotz im Jänner 1893 im Rundsaale des Museums ein Modell für ein Speck- bacher und Haspingerdenkmal aus. Das Doppeldenkmal, welches den Treppenaufgang zum Andreas-Hofer-Denkmal schützen soll, zeigt zwei Gruppen, jede aus drei Figuren be- stehend. In der rechtsfeitigen bildet Haspinger den Mittel- punkt, zu seiner Linken hat er einen Landſtürmer, zur Rech- ten den Wirt an der Mahr. Die linksseitige Gruppe zeigt den Speckbacher als Hauptfigur, zur Rechten hat er einen Schützen, der eben im Begriffe ist, die Kugel in das Tal zu senden," zur Linken das Mädchen von Spinges, eine Figur, der vielleicht von allen der Preis zerfällt. Beide Gruppen sind von frischer Lebenswahrheit und in der Linie von packender Schönheit." So weit man aus Abbildungen entnehmen kann, muß man sagen, daß die Errichtung dieser Gruppe von Vor- teil gewesen wäre. Andreas Hofer überragte durch seine Größe die Figur ist 3.20 Meter hoch weit die übri- gen Figuren, die in viel kleinerem Maßstabe gehalten wa- ren, so daß vielleicht die Befürchtung mancher, das Andreas- Hofer-Denkmal könnte an Geltung verlieren, kaum be- rechtigt ist. Vielleicht stand der Ausführung dieser Denk- malserweiterung nur die leere Geldtasche im Wege. Denn Natter selbst erlebte schon die bald darauf stattfindende Enthüllung seines Hoferdenkmals nicht mehr, so daß ein be- züglicher Künstlerstreit nicht mehr hätte entbrennen können. So blieb der Entwurf von Klotz unausgeführt. Die Enthüllung des Andreas-Hofer-Denkmals fand am 28. September 1893 unter Anwesenheit Seiner Majestät Kaiser Franz Josef statt. Im gleichen Momente, als die Hüllen Janken, erfolgte die Generaldecharge der Ehren- 50 kompagnie; die schmalspurige Batterie beim Buchhof, die Gebirgsbatterie auf der Hungerburg und dem Planötzenhof gaben je 24 Schüsse ab; zugleich krachten in 35 umgebenden Orten und Gemeinden je 24 Pöllerschüsse. Die Benediktion nahm der Fürsterzbischof von Salzburg mit vier infulierten Prälaten und den Klerikern des Stiftes Wilten vor. Zei- tungen bemerken ausdrücklich, daß von den studentischen Rorporationen bloß die „Austria" teilgenommen habe - es war damals die einzige katholisch-deutsche Studentender- bindung, während die freiheitlichen Verbände von der Feier fern geblieben sind, weil sie es ihrer Gesinnung schuldig zu sein glaubten. Wie haben sich unterdessen die Zeiten geändert! Der Welsche hat raubgierig Südtirol von den deutschen Ländern getrennt und heute gilt uns mehr als je Andreas Hofer als Freiheitsheld zur Erlösung unserer deut- schen Gebiete vom feindlichen Joche. Man mag über das Andreas-Hofer-Denkmal in seiner Wucht und Überfülle von Kraft urteilen wie man will, das eine muß man aber zugeben, daß es jeden in seinen Bann- kreis zieht. Das nächste Gebäude, das am Bergisel aufgeführt wurde, war ein einstöckiges, nach Schweizerart erbautes Haus am Westrande des Plateaus, das auch heute noch zu sehen ist. Das Gebäude sollte die Offiziere der Garnison in den Som- mermonaten zu gesellschaftlichen Abendzirkeln vereinen. Wei- ters wurde zur Unterhaltung der Offiziersgesellschaften an der Ostseite ein Tennisplatz angelegt. Die Sammlungen des Museums wurden gleichzeitig immer mehr vergrößert. Als Vorbereitung für die Jahrhundertfeier im Jahre 1909 follte „ein einfaches, aber immerhin den modernen An- Sprüchen genügendes Restaurationsgebäude" errichtet wer- 51 den. Es wurde daher im Februar 1908 ein Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen ausgeschrieben. Das Gebäude sollte der Umgebung und dem landschaftlichen Bilde angepakt Jein und in heimischer Bauweise mit geringer Holzkonstruk- tion an Stelle der „2 häßlichen kleineren Gebäude" (des östlich an den Felsrand vorgeschobenen Marketenderei- gebäudes, welches aus einer einfachen Kantine hervor- gegangen ist, und eines kleineren, in dem im Sommer der Wirtschaftsbetrieb aufrecht erhalten wird) erbaut werden. Zur Ausführung ist es aber nicht gekommen und es stehen die beiden „häßlichen Gebäude" heute noch. Für die Jahrhundertfeier wurde auch südwestlich des Andreas-Hofer-Denkmals eine Rapelle errichtet, in der die Feldmeffe zelebriert und welche später wegen des großen Kreuzes von Bachlechner die „Kreuzkapelle" genannt wurde. Die „Kreuzidee" stammt eigentlich aus den Bildern von Egger-Lienz, sie ist aber unhistorisch. Beim Festzuge 1909 wurde das Kreuz mitgetragen und eine eigene Kreuzgruppe gebildet, die später bei Umzügen noch öfters aufgetreten ist. Die Kapelle wurde während des Krieges vom Tiroler Maler Raffeiner in recht feinfühlender Weise ausgemalt. Sie besteht aus einem Mittelbau, welcher den Kapellenraum be- herbergt, aus einem kleinen Vorbau für den Eintretenden und später ist entsprechend diesem auf der Rückseite ein Bau angefügt worden, welcher das Grabdenkmal zu Ehren der im Weltkrieg gefallenen Kaiserjäger trägt, ein mächtiges Bas-Relief in Bronze von Hans Piffrader; dieses wurde erst im Mai 1923 enthüllt. Die Idee, der Rückseite eine so wichtige Funktion zu verleihen und sie mit der Vor- derseite so stark in Ronkurrenz treten zu laffen, ist gewiß nicht glücklich. Unter der Bronzetafel ist das Kaiserjäger- 52 Pofthorn angebracht mit den Jahrzahlen 1816-1918. Vor dem Denkmal versinnbildlicht ein vierkantiger, pyramiden- förmiger Grashügel das Grab der Namenlosen, an den! junge Zypressen in stummer Trauer Wache halten. Durch den Weltkrieg hat der Bergisel erneute Weihe und Bedeutung erhalten. Während des Krieges sah man besonders den „Tummelplatz" als Symbol der ferngelegenen Soldatengräber in unserer Heimat an und errichtete mit wehmütigem Herzen an diesem waldstillen Orte für die in den Karpathen oder an der Südfront gefallenen Angehöri- gen ein Gedenkzeichen. Nach dem Kriege aber, als Tirol selbst durch den Verlust von Südtirol hart getroffen wurde, erstand von neuem die große Andreas-Hofer-Idee; sein Geift ftieg auf über den Waldungen des Bergisels und wurde mit dem Tiroleraar erneut das Symbol des Freiheits- gedankens, nicht bloß der Errettung Südtirols aus den welschen Händen, sondern aller unterdrückten deutschen Ge- biete. Wir wissen, daß alle, die für die Heimat im Kampfe gefallen waren, als Heldenschar mit den Kämpfern von 1809 in der ewigen Siegeshalle weilen und daß uns der Bergisel, auf dem die Helden von 1809 geblutet haben, als Symbol der großen Begräbnisstätte entgegentritt, die uns zugleich mahnt, das große Erbe der Heimat, wofür sie ihr kostbarstes Erdengut, das Leben, eingesetzt haben, mit denselben reinen Händen und wahren Mute zu behüten, wie sie es getan haben. Daher sei uns der Bergisel eine erhabene Weihe- stätte, die uns gemahnt, unserer Helden würdig zu sein. Möge man beim weitern Ausbaue desselben dies beachten, und nicht, wie es vielfach der Fall war, dieses ruhmreiche Fleckchen Erde mit allen möglichen Gelegenheitsarbeiten vollstopfen. 53 Auf den Amraser Geldern Eine kulturgeschichtliche Wanderung Bon Dr. Hans Hochenegg Wenn wir den Weg von Wilten gegen Amras-Pradl verfolgen und zugleich die wirtschaftlichen Verhältnisse der durchschrittenen Fluren betrachten, dann wieder kultur- geschichtliche Beobachtungen einflechten, so tun wir es in der Absicht, zu zeigen, wie viel Anregungen auch eine schein- bar eintönige Fläche zu bieten imftande ist. Es sei auch gleich eingangs erwähnt, daß es mich viel Mühe und Umfragen gekostet hat, wenigstens eine Anzahl Flurnamen, die Be- nennungen der zahlreichen auf den durchschrittenen Feldern verstreuten Heiligtümer und ein paar halbvergessene Legen- den zu erfahren, so daß ich mit diesen gewiß ergänzungsbe- dürftigen Mitteilungen immerhin einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Heimatkunde geben zu können glaube. Wir wollen also unsere Wanderung beginnen und ſam- meln uns beim altehrwürdigen Prämonstratenserstifte Wil- ten, dessen fleißige Mönche in Zeiten, als die ganze Gegend nach den Stürmen der Völkerwanderung verwüftet dar- niederlag, Kultur und Sitte verbreitet haben und das heute noch als Erbe und Bewahrer einer tausendjährigen Tradi- tion einer der ersten Kulturträger unseres Landes ist. Die Namen der Riesen Haymo und Thyrfus gemahnen uns an die uralten germanischen Gottheiten Heime und Thyr- 54 Stelle des heutigen Wilten vertrat. Wie einen Weiser in diese uralten Zeiten erblicken wir dort das Bartholomäus- Rirchlein vor uns, das nach der Volkssage ein alter Heiden- tempel ist, jedenfalls aber eines der ältesten Gotteshäuser unserer Gegend sein dürfte, da es nach der eingehenden, vom hochwürdigsten Herrn Prälaten Abt Heinrich Schuler verfaßten Beschreibung schon im Jahre 1275 mit Ablässen bedacht wurde. Wir wandern also weiter, kommen an den Heimstätten vorbei zu einem Akzishaus und gleich daneben an der Weg- kreuzung zu einer kleinen Maria-Hilfkapelle, die nach den nahen Sillhöfen „Sillhof-Kapelle" benannt ist. Sonft ist von ihr ja nichts zu erwähnen außer der Nachbildung der allge= mein verehrten und stets mit Bitten beftürmten Innsbrucker Pfarrmuttergottes, auch noch eine Nachbildung des Gna- denbildes von Wilten in einem aus vier Säulen gebildeten Schreine aus dem 18. Jahrhundert. Ein kaum merklicher Gurt, der sich an der Decke des niedrigen, fensterlosen Baues zwischen den mit Rippen und Stichkappen versehenen Vor- derteil und den mit flacher Tonne überwölbten Bauteil Schiebt, deutet die Stelle an, wo die Kapelle einft gegen rück- wärts verlängert worden ist. Votivbilder aus älterer und neuester Zeit sind Beweise, daß sich auch zu diesem unschein- baren Heiligtum bedrängte Herzen oft um Hilfe wandten und in ihrem kindlichen Vertrauen nicht enttäuscht worden sind. Wir wollen jetzt den Feldweg einschlagen, der schnur- gerade gegen die Amraser Kirche führt. Bevor wir uns von der Sill abwenden, sei der Vollständigkeit halber noch er- wähnt, daß sich der Fluß früher, vor den wiederholten Regu- 56 lierungen, in manchen Schlingen weiterwälzte. Da mögen sich in den Tümpeln zu beiden Seiten des Flußlaufes oft die jungen Wiltener getummelt haben. Besonders, wenn sich zeitweise die bekannten kleinen Fische mit den großen Köp- fen, die „Tolme", in Maffen zeigten. Da mögen sie mit Gabeln oder Spießen derart leidenschaftlich darauf Jagd ge- macht haben, daß die Wiltener heute noch den Spitznamen ,,Tolmtupfer" tragen müssen. Wir wollen nunmehr den angegebenen Feldweg ein- Schlagen. Früher, in alten Urbaren, war er „Kirchweg" ge- nannt. Heute hat sich diese Bezeichnung verloren. Ich hörte ihn nur,,den mittleren Weg" nennen. Mit der Ausbreitung des verbauten Gebietes und den zahlreichen Besitzwechseln verlieren sich die alten Flurnamen gleichfalls mehr und mehr. Daher wollen wir uns jetzt mit der Einteilung und den Be- nennungen der uns umgebenden Ücker befassen. Die mit dem landläufigen Namen „Amraser Gelder" be- zeichnete Fläche umfaßt die Grundstücke, die zwischen der Sill und dem Dorfe Amras in der einen Richtung, die zwi- schen dem Paschberge und dem einstigen Dorfe Pradl in der anderen Richtung liegen. Diese Fläche wird durch gleich- laufende Feldwege in Streifen von annähernd gleicher Breite geteilt, die man „Gestöße" nennt. Im Grundbuche werden sie vom Berge angefangen fortlaufend numeriert und mit römischen Zahlen bezeichnet. So liegt der Kern des Dorfes Pradl im achten Gestöße, der alte Militärfriedhof aber im fünften. Westlich der Linie Pradler Straße-Roseggerstraße heißt der gegen die Sill zu gelegene Teil des fünften bis neunten Gestößes, also die Gegend rechts und links der Gas- werkbrücke, die „Gurt", was dort einen uralten Übergangs- 57 punkt vermuten läßt. Die Furtwiesen waren in früheren Zeiten von den Ückern des „Oberen Geldes" (so hieß der Großteil der übrigen Fläche zwischen Pradl und Amras) durch einen Zaun abgetrennt. Darum findet sich in alten Ratastern mehrfach die Bezeichnung „Gurterzaunweg", auch kurzweg „Gurter Zaun", für den Weg, der sich südlich des Militärfriedhofes zwischen dem vierten und fünften Gestöß gegen die Sill zieht. In früheren Zeiten, wohl wegen des zahlreichen Wildes, war man weit vorsichtiger mit dem Um- hegen der Weideplätze und Dorfgemarkungen. Daran er- innert auch der alte Name „Gatterweg" für den Weg, der das dritte Gestöß vom vierten trennt (knapp unterhalb der Sillhöfe) und von der Sill gegen die untere (nördliche) Kapelle am Fürstenweg, die „Panzingkapelle" genannt wird, führt. Weil jedes Gestöß wieder in zahlreiche, manchmal sozu- sagen handtuchbreite Ackerstreifen zerteilt ist, die wieder Sämtlich ihre eigenen Bezeichnungen haben, werden in alten Schriften eine Menge von Flurnamen erwähnt, die heute schon teilweise in Vergessenheit geraten sind. In den heuti- gen Katastern erscheint der Flurname durch die Parzellen- Nummer verdrängt; die älteren Kataster und Urbare aber nennen in den halben Fällen wenigstens den Flurnamen, bie- ten aber keine eindeutige Lagebezeichnung, so daß die Her- stellung einer einwandfreien Flurkarte, die im Interesse der Heimatkunde ungemein erwünscht wäre, auf große Schwie- rigkeiten stößt. Beispielsweise sei erwähnt, daß im vierten, dem Silber oder Siller-Gstöß ein „Hühnergartl" (dort wo jetzt der neue Sportplatz errichtet wurde), ein „Hörler", ein 58 ,,Laicharding-Acker 2", im dritten ein „Steinacker", ein ,,Tafele", im zweiten Gestöß der „Pfeifer", der „Egglstein"-, der „Zwerchweg 3", der „Halleracker", der „Bildacker 4", im ersten die,,Gebraite", die „Egart" genannt werden. So besaß das Regelhaus (das an der Stelle der heutigen Klosterkaserne stand) laut der 1775 aufgenommenen Rusti- kalfaffion (L.-Reg.-Archiv, Kataster 27/1) unter anderem folgende Grundstücke bei Pradl: die große und die kleine Peinte (eigentlich bedeutet das eingezäunte Parzellen), gegen Amras: Ücker in der Grube und beim Furtergatter, bei der Furt den Zieglacker und die Mahd im obern Winkel, und auch neun „Saggen- oder Mahdstätten" zwischen der Sill und der Reichenauerstraße, schließlich auch einige kleine An- teile, die Besserung oder zutheilter Grund" genannt, von denen später die Rede sein wird. Der Sillhofbesitzer Johann Jakob Schmuck besaß „zur Surth" folgende Parzellen: die Grießmahd, das Ständerle, die Sulze, das buckelte Mädel, die Schoße, die Wexl-Mahd, den unteren Anger (Grieß = grober Sand, Sulze Jaure Wiese). Ein Teil dieser Wiesen dürfte der letzten Sillregu- lierung zum Opfer gefallen sein. = Manchesmal haben die Äcker nur ein paar Schritt Breite. Ihr Ausmaß beträgt öfter nicht mehr als ein oder zwei „Utteln" (Uttel = Achtel der alten Jauch von 1600 Quadratklaftern). Bei der hier üblichen Ackerlänge reicht die Breite einer solchen Uttel, die also 200 Quadratklafter umfaßt, für sechs Zeilen Türken, deren Ertrag eine Fuhr 2 Parzelle Nr. 1807. 3 Parzelle Nr. 1711. + Parzelle Nr. 1707. 59 ausmacht, freilich nur ein „Kuhfüderl", das eine Ruh leicht ziehen kann. Statt der Bezeichnung „Uttel", die ich aus dem Munde eines alten Pradler Bauern hörte, kommt in alten Schriften eine andere Bezeichnung für dasselbe Ausmaß vor. So heißt es im Amraser Urbar von 1664, Jol. 339: „Ein Achtel oder Mutmahl aus einem Jauch, stoßt an Sebaftian Ginners Mutmahl." In Verlaßabhandlungen von 1783 und 1793 kommt ebenfalls das „Muttmahl" vor. - Unter „Mutt" verstand man einst ein Getreidemaß von durchschnittlich 44 Liter Inhalt. Acker, zu deren Besamung eine Mutt Samen erforderlich war, wurden „Muttmahl" genannt 5. Die Verteilung der kostbaren Ackerfläche muß in alter, wenn auch nicht der ältesten Zeit, erfolgt sein, da das Vor- kommen von nahezu ausschließlich deutschen Flurnamen eher dafür zu sprechen scheint, daß die Aufteilung des Ackergrundes erst nach der germanischen Einwanderung erfolgt ist. In den alten Zeiten war das Gemeingefühl zu sehr entwickelt, als daß man dem einen nur von den guten, dem anderen nur von den schlechten Grundstücken ge- geben hätte. Darum mußten gerade die besten Ackerstreifen Jo zerstückelt werden. Die nutzbare Ackerfläche, in die sich die Pradler und Amraser teilen müffen, ist ja nicht so groß, wenn man bedenkt, daß hinter den beiden Orten zum Groß- 5 Man könnte Jehen, wieviel praktischer Verstand aus den alten, unverständigerweise so viel verläßterten bäuerlichen Maßeinheiten spricht, die dem Landwirt Jo rasch einen überschlag über Flächenumfang, Samenbedarf, Ertragsfähigkeit, Arbeitszeit (Jauch, Tagwerk, Morgen, Ackerflächen, die man mit einem Joch Ochsen an einem Tage, resp. Morgen umpflügen kann) ermöglichten. 60 teile Auen und Jumpfige Wiesen sind. Und nicht nur Orts- angehörige waren unter den Bewerbern. Auch so mancher Bergbauer hat heute noch seinen Türkenacker tief unten im Tale (z. B. Jei erwähnt, daß sich kürzlich bei der Aus- Schreibung eines Amraser Feldes Jogar zwei Stubaier Bauern als Pachtbewerber gemeldet haben!), während er hoch oben seine Gerste baut. Hier ist fetter Boden, dort dürrer, dort moosiger Grund; hier ein Feld, das die liebe Sonne den ganzen Tag mit ihren Strahlen überflutet, dort ein stets beschatteter Hang. So muß der Tiroler Bauer in Jeiner buckligen Welt ganz andere Einteilung und Frucht- folge treffen als der im Flachlande draußen. Und wenn er auch an Zeit verliert beim Fahren von einem Grundstück zum anderen und nutzbaren Boden einbüßt mit den vielen, sonst überflüssigen Grenzrainen, so muß er sich meist wohl oder übel hineinfinden, solang er nicht auf die eine oder die andere Getreideart verzichten will. Sind doch nicht einmal die Amraser Felder gleichmäßig in ihrer Bodenbeschaffen- heit! Gehören doch die Ücker gegen Amras zur ersten und zweiten Ertragsklasse, die gegen Pradl, wo der Boden kreidig und schotterig ist, zur dritten und vierten Klasse. 6 Es sei damit gewiß kein Pauschalurteil gegen die oft dringend empfohlenen Kommaffierungen ausgesprochen; solang es sich darum handelt, aus zahlreichen zersplitterten, doch gleichwertigen Parzellen im Taufchwege wenige, aber zusammenhängende Ackerflächen zu bilden, wird der Vorteil nicht zu bezahlen Jein. Sonft aber kann man Versuchen, den so verschiedenartigen Boden nach einer Schablone aufzuteilen, zweifelnd gegenübertreten. 7 Noch eine andere, nicht zu übersehende gute Seite hat diese 3er- Jplitterung des Grundbesitzes in unseren klimatischen Verhältniffen. So batte beispielsweise ein Bauer in Mils im Jahre 1923 an vier verschie- 61 Wenn man nun in solche Gedanken versunken über die Felder schreitet, die schon ganz abseits liegen vom Lärme der nahen Stadt, so wird man es kaum vermuten, daß auch über diese stillen Fluren einst wilde, brausende Jagden vor- übergezogen sind. Das war freilich zu einer Zeit, da zahl- reiches Edelwild noch unsere Wälder bevölkerte. Wir lesen davon im Jagdbuche Kaiser Maximilians, das sich dieser begeisterte Waidmann im Jahre 1500 zusammenschreiben ließ. Die Jagd am Paschberg ist darin folgendermaßen be- schrieben: „Derselbe Berg liegt zwischen Wiltein und Ombras. Daran sind spät am Herbst oder früh am Längs (Langes Frühling) auch Hirsche. Und dieses Wildpret hett man am Paschberg. Und es flüchtet über das weite Ombraser Feld bis zum Inn. Dort legt man die Schützen und Wind- warte (Wärter der Windhunde). Und das ist ein besonders lustiges Hirschgejaid für den Landesfürsten, daran man mit- rennen mag, auch eine lustige Hetzjagd mit den Windhunden zu sehen und hören hat." Da mag zu Zeiten, in denen die Fluren ruhten, manchmal eine tolle Jagd über die Amraser Felder gegangen sein. Den Bauern mag es um diese Jahres- zeit kaum was geschadet haben. Ein alter Volksspruch sagt es ja, man solle dem Reiter, der im Frühjahr über die Felder trabt, ein Goldstück nachwerfen, weil das dem Felde eher nützen als schaden soll, wenn der Hufschlag die ver- krusteten Erdschollen auflockert. Vielleicht hat man bei diesen historischen Erinnerungen einen verwitterten, im Boden halbversunkenen Schiefer- denen Stellen Erdäpfel angepflanzt, an zweien waren nach dem Junifrost die Pflanzen unversehrt, am dritten waren zwei Zeilen verbrannt und die Erdäpfel nur auf dem vierten Acker zur Gänze vernichtet. 62 nicht mehr losbringen konnte. So begab sich die Frau auf den Weg und begann nach dem Bilde der himmlischen Mutter zu suchen. Sie ging in weitem Umkreise um die Stadt sämtliche Geldkapellen ab. Zur Schmerzhaften auf der Gallwiese (bei Mentelberg) ging fie und nach Mühlau und gegen Kranewitten, konnte aber nirgends ein Bild finden, das den Zügen der im Traume geschauten Himmelskönigin an Lieblichkeit vergleichbar gewesen wäre, bis sie endlich in dieser Kapelle auf den Amrafer Feldern das genaue Eben- bild der seltsamen Erscheinung fand. Eine Anzahl Votivbilder aus neuer und neuester Zeit geben Zeugnis von der Verehrung, deren sich die einneh- mende Darstellung der Himmelsmutter erfreut. Es sollen noch weit mehr solche Erinnerungszeichen dankbarer Beter vorhanden gewesen sein, doch sind sie längst schon von gott- losen Händen geraubt worden. Wir wollen jetzt vor allem das Hauptbild betrachten. Es zeigt die gekrönte Himmels- königin, die ein liegendes Kind, das gegen abwärts blickt, in beiden Händen hält. Der Überlieferung nach soll es im Gnadenbilde der Amraser Pfarrkirche sein Vorbild haben, von dem folgende Legende erzählt wird: " Bor langer Zeit trug es sich einmal zu, daß ein Fürst auf dem Schlosse Amras Herberg nahm. Da wurde ihm zu Ehren im Schloßhofe viel Kurzweil getrieben und des Fürsten Knäblein sah von einem Fenster des zweiten Stockes zu. Plötzlich verlor es das Gleichgewicht und stürzte kopf- über in den Hof. Aber dennoch geschah ihm vom Falle kein Leid. Als seine bestürzten Eltern herbeieilten, sprang es ihnen frohgemut entgegen mit dem Rufe: „Habt ihr nicht die Frau gesehen, die mich aufgefangen hat?". - Die dank- 64 baren Eltern ließen nun von einem Künstler die Mutter- gottes schnitzeln und das Christkind dazu, so als ob sie es mit ihren Armen auffange. Dieses Bild wurde der Kirche in Amras geschenkt und steht dort noch heute auf dem Hoch- altar. Das Volk gewann alsbald große Andacht zu der Gnadenmutter und viele fanden bei ihr in Gefahr und Trüb- fal Hilfe und Erhörung." (Zum Teil nach Heyl, Sagen, 5. 42.) Dieselbe Sage existiert auch in etwas geänderter Form und wie sich Sagen meist an berühmte Namen hängen, so hat die landläufige überlieferung erzählt, der junge Wallen- stein habe als Edelknabe Erzherzog Ferdinand des Zweiten diesen gefährlichen Fenstersturz glücklich überstanden. Dies stimmt natürlich nicht, denn erstens war Wallenstein nach historischen Zeugnissen niemals in Ambras, zweitens muß sich das der Sage zugrunde liegende Ereignis um ein paar Jahrhunderte früher abgespielt haben, da die Statue noch aus der gotischen Zeit herstammt 8. - Das Vorbild der besprochenen Amraser Marienstatue wäre also auf dem Bilde der Fieberkapelle so heißt sie im Bolksmunde - erkennbar, so sehr sie auch in Ausdruck und Gewanddarstellung vom gotischen Vorbilde abweichend ist. Das Gemälde trägt die Unterschrift,,Anton Kirchebner 1864". Das Bild der anmutigen, von Engeln umschwebten Himmelsmutter nimmt sich recht lieb und andächtig aus. 8 Diese Statue war früher mit einem reichgestickten Samtmantel bekleidet. Nach Mitteilung des hw. Herrn Pfarrers zeigte es sich bei der Entkleidung der Statue, daß darunter die Ausbeugungen der goti- Jchen Figur weggehackt waren, so daß Bildhauer Bachlechner sie ergänzen mußte. 5 Wilten II 65 Der der Kapelle beigelegte Name sagt schon, in welchen Anliegen man sie am meisten aufzusuchen pflegte. Von einer Augenzeugin hörte ich auch, daß eine Frau, die vor etwa zwanzig Jahren nicht weit von der Kapelle von einem Rad- fahrer zu Boden gestoßen wurde und schwere, entstellende Verletzungen erlitt, durch Anrufung dieses Gnadenbildes auf wunderbare Weise und ohne kenntliche Narben von ihren Verletzungen in kürzester Zeit geheilt worden sein soll. Die Verehrung dieses Heiligtumes muß sich schon seit alten Zeiten herleiten. Denn schon in der Urkunde vom Jahre 1665, als des Verfassers Vorfahren mütterlicher- Jeits den Acker kauften, auf dem sie steht, wird der Grund Bildacker" genannt. Besondere Pflege erhielt die Kapelle im abgelaufenen Jahrhundert durch die Sorgfalt einer wegen ihrer Rechtlichkeit und Wohltätigkeit weit und breit be- kannten 3nnsbrucker Geschäftsfrau, des sogenannten „Tyr- ler Burgeles", die sich von meiner Großmutter die Erlaub- nis erbeten hatte, die Kapelle versorgen zu dürfen, und die mit nimmermüdem Fleiße an der Verschönerung der ihr be- sonders ans Herz gewachsenen Wallfahrtsstätte tätig war. Aber auch noch heutzutage macht mancher Wanderer, der den eingeschlagenen Feldweg gegen Amras verfolgt oder den Weg geht, der ihn in der Richtung vom Militärfried- hofe her dort kreuzt, gern eine Zukehr bei der Himmels- mutter in der Fieberkapelle. Wir wollen den letzterwähnten Weg einschlagen, um uns die alte, halbverfallene Bildfäule aus verwitterter Nagel- fluhe zu betrachten, die in der Nähe der städtischen Siedlun- gen ganz einfam am Ackerrande steht. Der ca. 3m hohe Bild- stock ist leider schon stark zurückgeneigt und würde dringend 66 einer pietätvollen Aufrichtung bedürfen! Seinem Stile nach dürfte er aus der Übergangszeit der gotischen zur Renais- sancekunft stammen: eine hohe, achteckige Basis, ein runder Schaft, darüber ein vierseitiger Aufsatz mit Pyramidendach, in den gegen Often ein Bild eingelassen ist. Es zeigt in derber Bauernmalerei die Wetterheiligen Johann und Pau- lus, die mit ausgestreckten Armen auf die Gelder weisen, um vom Herrgott, der durch ein großmächtiges Augendreieck angedeutet ist, das Wetterglück zu erbitten. An der Steinumrahmung lassen sich noch einzelne Zeichen entziffern. Oberhalb des Bildes die Ziffern.. 10 (wohl 1610), unter- halb desselben die Buchstaben G. J. P. J. Das Bild soll schon öfter herabgestohlen, aber stets wieder erneut worden sein. Ob die Säule jedoch schon vom Anfange an diesen beiden Fürsprechern geweiht war, möchte ich bezweifeln, denn in einem Inventare von 1783 wird der Grund, auf dem sie steht, „das Ackerl bei der weißen Marter" genannt. Im Volksmunde heißt sie heute meist „Wetterkreuz", nur selten noch die Marter"; ich hörte den Feldweg auch „Martersteig" nennen. Diese Bezeichnung läßt einen Schluß auf die ursprüngliche Bedeutung dieser Bildsäule zu, obwohl die Verehrung der beiden Wetter- herren dort schon lang eingeführt worden sein muß. Wir stützen uns im folgenden auf einen hochinteressanten, mit urkundlichen und bildlichen Beispielen reich belegten Aufsatz Hans Schneters im ersten Jahrgang der „Bayeri- schen Hefte für Volkskunde" (1914), der die verschiedenen Arten von solchen Denkzeichen scharf unterscheidet und unter dem Ausdrucke „Marter" im Gegensatz zu den Stein- kreuzen solche Denkmäler versteht, die mit dem Kreuzbilde 67 Christi (der Marter des Herrn) versehen sind. So dürfte wohl auch hier ursprünglich eine Kreuzigungsdarstellung an Stelle des Heiligenbildes zu sehen gewesen sein. Sehr inter- effant ist auch der im erwähnten Aufsatze erfolgte Hinweis, daß solche steinerne Martersäulen als Vorläufer unserer heutigen,,Marterlen" meistens an Stellen aufgerichtet wur- den, an denen Mordtaten oder tödliche Unglücksfälle vor- gekommen sind, so daß sich ein alter Schriftsteller darüber beklagt hat, daß es,,mehreres die Unglücksfäll als die An- dacht verursachen, daß man pflegt Kreutz und Martersäulen aufzustellen". Das im Ambraser Urbar mehrfach erwähnte ,,hilzen Kreuz" am Gatterwege, das nicht mehr existiert, läßt neben den zahlreichen noch bestehenden Säulen und Geldkapellen darauf schließen, daß sie wohl vor allem dem ausgesprochen frommen Sinn des Tiroler Volkes ihr Da- sein verdanken. Gleichzeitig kann man aus der Tatsache, daß sie ihrem Stil nach meistens aus der Übergangsperiode zur neuzeitlichen Kunst (16. Jahrh.) stammen, ersehen, wie stark hierzulande das religiöse Empfinden zu einer Zeit ge= wesen sein muß, in der Verrohung und Glaubensabfall andere Länder in Wirrnis und Elend stürzten. 3m Gedanken an eine weit zurückliegende, uns uner- forschliche Bluttat verlassen wir die „Weiße Marter" und gehen denselben Pfad zurück, vorbei an der Fieberkapelle bis zu einem kleinen Kirchlein, das sich am sogenannten „Berg-Gestöße" erhebt. Wir alle kennen ja die Legende vom unschuldigen Rinde Andreas von Rinn, das, wie be- richtet wird, im Jahre 1462 von durchreisenden jüdischen Kaufleuten, denen es der gewiffenlose Pate verkauft hatte, auf grauenvolle Weise getötet worden ist. Die Mutter 68 Geschichtlein aus dem Jahre 1809: Es waren die Männer alle mit ihren Stutzen ausgezogen und oben auf den Anhöhen in der Kampfstellung. Die Frauen waren allein zurückgeblie- ben. Trotzdem wollten diese von ihrem frommen Herkommen nicht abstehen und machten sich ohne männlichen Schutz mit ihrer Fahne auf den Weg. Sie waren eben mitten auf ihrer Wanderung von der Martersäule zur Blutskapelle, als sie plötzlich von einer feindlichen Schar überfallen wurden. Doch gar nicht verlegen, fielen sie über die Feinde her und prügel- ten sie mit der Fahnenstange derart durch, daß die Franzosen oder Bayern davonliefen und die Prozession ungehindert zu Ende geführt werden konnte. Bald darnach wurde der Feind nach der siegreichen Berg-3sel-Schlacht aus dem Lande gejagt, so daß die mutige Tat der wackeren Frauen ohne üble Folgen blieb. Wir sind mittlerweile bei der Kapelle angekommen. Der Acker, auf dem sie steht, im,,Berggestöße" gelegen, weil er Schon einen Teil des Abhangs einnimmt, heißt heute noch „Jux-Acker" nach dem früher erwähnten Landrichter. Sonst heißt man ihn auch „Kapellenacker" oder „Bluts- acker", so wie die Kapelle „Anderl-" oder „Blutskapelle" heißt. Über ihre Erbauung ist leider noch kein Dokument vorfindlich gewesen. Schon von außen muß einem der ori- ginelle fechseckige Grundriß auffallend sein. Auch in ihrem Innern sehen wir spätgotische Nachklänge im Gemenge mit Elementen der neuen Zeit: Wandpfeiler mit dorischen Kapitälen, auf denen ein Sterngewölbe geruht haben dürfte, das aber jetzt nach späterer Umgestaltung in eine Flach- kuppel verwandelt erscheint und jetzt Gemälde aus der Barockzeit, Szenen aus dem Leben der Heiligen, denen das 70 Kirchlein geweiht ist, erblicken läßt. Wer die Deckenbilder der Wiltener Stiftskirche in Erinnerung hat, dem werden das gleiche scharfe Blau, die ähnliche Zeichnung unwill- kürlich an Raspar Waldmann erinnern, der die Stiftskirche zwischen 1702 und 1707 ausgemalt hatte, so daß man tat- sächlich der alten Tradition Recht geben kann, derselbe Meister habe beide Gotteshäuser mit Fresken geschmückt. Das ober dem Eingang der Blutskapelle angebrachte Ver- kündigungsbild (jetzt bezeichnet: „Ren. 1913 Knofler") zeigt ebenfalls große Verwandtschaft mit Kaspar Waldmanns Art, der einer unserer fruchtbarsten Meister aus der spä- teren Barockzeit war. Auch der schwarze, reich mit Ber- goldung gezierte Barockaltar, die flott geschnitten Statuen der bäuerlichen Heiligen machen dieses Kirchlein zur sehens- wertesten aller der hier beschriebenen Geldkapellen. Wir wandern weiter. Halb verdeckt durch hochragende Bäume schaut das Schloß Ambras auf uns herunter, der Lieblingssit unseres einstigen Landesfürsten Erzherzog Jer- dinand II. und seiner Gemahlin Philippine Welser. Die anschaulichen Schilderungen des glanzvollen Lebens im jetzt so einsamen Schloffe treten einem lebendig vor die Seele, wenn man so, mit historischen Erinnerungen beschäftigt, von der einen geschichtlich denkwürdigen Stätte zur anderen wandert. — Auch wäre eine Kapelle zu erwähnen, die knapp unterhalb des Schlosses, im Tiergarten (dort, wo heute ein Sommerhaus steht) sich erhob. Sie war dem hl. Georg geweiht, wurde aber 1777 entweiht und später abgebrochen. Einsam und verlassen steht jetzt das stolze Schloß, seit Mörderhand in Sarajevo den Habsburger Franz Ferdinand dahingerafft hat, der es zum alten Glanze erwecken wollte. 71 Die kärglichen Überreste einstigen Reichtums, die Ambras immer noch birgt, wären zwar immerhin des Besuches wert. Auch würde der emporsteigende Pfad zum gleichzeitigen Be- suche des Tummelplates, des träumerisch stillen Waldfried- hofes einladen, an dem so viele Tausende tapferer Soldaten dem Rufe des Herrn der Heerscharen entgegenharren, der es ihnen belohnen wird, was sie gelitten, was sie geopfert haben im treuen Kampfe für Fürst und Vaterland. Dem heutigen Programme getreu wollen wir uns für diesmal darauf beschränken, die auf den Amraser Feldern liegenden Andachtsstätten aufzusuchen. Wir folgen der Fürstenstraße, die wir gleich außerhalb der Blutskapelle erreicht hatten, in der Richtung gegen Pradl. Sie scheidet das Innsbrucker vom Amraser Gemeinde- gebiet. Den Namen „Fürstenstraße" soll sie von ihrem Erbauer, dem Erzherzog Ferdinand II. haben. Im Volk heißt man sie die „alte" Fürstenstraße im Gegensatz zur ,,neuen", die am Fuße des Paschberges sich gegen Wilten hinzieht und erst 1856 vom Erzherzog Karl Ludwig (dem Bruder Kaiser Franz Josefs) erbaut wurde. Wir gehen am neuen Kriegerfriedhof vorbei, der so un- endlich viel Weh und Jammer des Weltkriegs in sich birgt. In ihm war wohl auch eine Kapelle errichtet worden, doch wurde sie unvollendet gelassen und wieder zum Abbruche bestimmt. An ihre Stelle kam das beim Brand der Colli- Fabrik verschont gebliebene Kruzifix. An der Wegkreuzung mit dem Kirchweg stehen wir vor einer kleinen, offenen Feldkapelle mit weit vorspringendem 72 9Vgl. Unterkirchner, „Chronik von Innsbruck", Nr. 3007 u. 3028. Abb. 13, Das große hl. Grab in der Stiftskirche Maria fagrarist Abb. 14, Hochaltar in der Wiltener Pfarrkirche. Dach, neben der sich eine schlanke, über drei Meter hohe gotische Säule aus Trientner Marmor erhebt. Die erstere, Stapf-Rapelle, nach dem Bauern, der sie versorgte, benannt, ist bald besichtigt. Die sich durchkreuzenden Grate an der Decke, die Gebälkstücke zu Seiten des Einganges zeigen wieder das 3neinander mittelalterlicher und neuzeitlicher Bauformen. Weit interessanter ist die mit dem Eichhorn- Wappen geschmückte Votivfäule des Max Getzner, die nach der angebrachten lateinischen Inschrift im Jahre 1418 er= richtet wurde. Max Getzner war Pfleger von Amras und ein treuer Anhänger Herzog Friedrichs mit der leeren Tasche. Der hw. Herr Prälat Heinrich Schuler, der die Säule im Innsbrucker Pfarrblatt (22. Heft von 1921) genau beschrieben hat, vermutet in ihr mit ziemlicher Wahr- Scheinlichkeit ein Ex-Voto für die glückliche Heimkehr und Rettung des verbannten und schwer bedrängten Landes- herrn. Ein spätgotisches Gemälde, das Prälat Heinrich seiner Schrift über die Stiftskirche zum hl. Laurentius (Innsbruck 1920, 5. 19) als älteste Abbildung seines Stiftes mitgegeben hat, zeigt im Hintergrunde wohl den Kirchweg mit der Getznerschen Säule, sonst aber weder andere Ka- pellen, noch den Fürstenweg, wohl ein Zeichen, daß diese erst einer etwas späteren Zeit entstammen. Der Mauer des neuen Pradler Friedhofes entlang kom- men wir bald wieder zu einer Kapelle, die neben einem Akzishäuschen steht, der schon eingangs erwähnten,,Pan- singkapelle", bei der der „Gatterweg" in den Fürstenweg mündet. Das Amraser Urbar von 1664 schreibt: „Am Gatterwege vor Pänzing 10". Der Name wurde mir von den 10 Panzing von Bannzaun? 73 Einheimischen folgendermaßen erklärt und ich enthalte mich anderer Deutungsversuche: Das Dorf Pradl soll früher keinen Brunnen besessen haben und so mußten die Leute mit ihren Wasser-Panzen bis hieher, wo ihnen die Amraser entgegenkamen, zum Wasserholen kommen. Wie die spitz- bogige, abgestufte Türöffnung, die schräg aus der Wand ge= schnittenen Spitzbogenfenster zeigen, stammt die Kapelle noch aus der gotischen Zeit; im Innern ist sie jedoch ziemlich neu ausgestattet. Das Altarbild zeigt die himmlische Mutter mit dem segnenden Christuskinde und stammt aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. -Diese Kapelle wird von der Familie Engl, der früher der Pizeinhof in Amras (jetzt um- gebaut, Sitz des Gendarmeriepostens) gehörte, in pietätvoller Weise in Stand gehalten und bei jeder Fronleichnams= prozession feftlich geschmückt. Wir schlagen jetzt den Feldweg ein, der gegen den Nord- rand des Dorfes Amras führt. Der hohe, schlanke Kirch- turm mit seinen spätromanischen Schallfenstern grüßt zu uns herüber und der Schall seiner aus dem Jahre 1491 stammen- den Löffler-Glocke mahnt uns zum Abendgebet. Doch wen- den wir uns bald vom Dorfe ab und der kleinen Kreuz- kapelle zu, die weit sichtbar am Rande einer kleinen An- höhe den Platz bezeichnet, an dem die vielen Opfer der Pest- epidemie des Jahres 1611 bestattet sind. Noch heute ziehen die Pradler alljährlich am 10. Mai zu dieser Pestkapelle, um vom Herrgott die Abhaltung dieses Unheils zu erflehen. Von der Pestkapelle aus haben wir schöne Aussicht hin- über gegen den Amraser See, der jetzt freilich den größten Teil des Jahres trockengelegt ist. Dieser See wurde einer Überlieferung nach zu Erzherzog Ferdinands Zeiten vom 74 Todelbauer (dem letzten Pradler Bauernhof in der Richtung gegen den Amraser See) angelegt. In Wirklichkeit ist der See weit älter, denn schon Kaiser Maximilians Fischereibuch (verfaßt 1500) erwähnt ihn und lobt seine guten Fische: „Der- selbe See hat innen Hechten, Kerpfen, Prachsen, Schleien und kleine Speisfisch. Und das ist ein besonders luftiger und nutzlicher See für den Landsfürsten, da er dem Hof und der Ruchl zu Innsbruck ganz gelegen. Auch mag der Landes- fürst besondere Luft daran haben, da die Hirschen gern an denselben See laufen." In früherer Zeit muß dem Am- raser See überhaupt mehr Bedeutung zugekommen sein. Eine Ansicht in Braun und Hogenbergs Städtebuch, die uns Innsbruck von dieser Seite zeigt und ungefähr aus dem Jahre 1575 stammt, zeigt uns den See von Lufthäusern um- geben, von reichgezierten Booten bedeckt. Doch hat die Verödung des Schlosses auch dieser Herrlichkeit ihr Ende bereitet. Wir folgen nun der Straße, die sich unterhalb der er- wähnten Anhöhe hinzieht, die, wie berichtet wird, in alten Zeiten den Uferrand gegen die damals die ganze Au über- deckenden Fluten des Inn gebildet haben soll. Bemerkens- wert ist es, daß sich dieser Abfall des von der Sill aufgewor- fenen Schuttkegels vom Dorfe Amras in weitem Bogen bis Pradl, auf dem andern Sillufer aber von der Gaswerk- brücke durch den Garten der Weyrerhäuser bis zum Anger- zell erstreckt. Während die Amraser Felder, die als Ackergründe naturgemäß eine sorgfältige Pflege beanspruchen, seit alters privaten Besitzern gehörten, waren die darunterliegenden Auen bis in die neuere Zeit in gemeinsamer Nutzung aller 75 Gemeindemitglieder. Erst die fortschreitende Rodung der Erlenbestände, mehr noch die volkswirtschaftlichen Ideen der sogenannten „Aufklärungsperiode" ließen es seit Ende des 18. Jahrhunderts manchenorts zu einer Aufteilung der Ge- meindeweiden kommen. Vereinzelte ältere Beispiele von Wald- und Rodland verteilungen ließen sich wohl aus der Tiroler Geschichte erbringen. (Vgl. Dr. Wopfner, „Das Almendregal der Tiroler Landesfürsten" 67, Anm. 3), aber in größerem Maße setzte dieser Prozeß, der heute noch nicht gänzlich abgeschlossen ist, erst in der Theresianischen Zeit ein 11. Auch Teile der „Reichenau" in der Gegend des so- genannten „Roßsprungs" kamen damals zur Aufteilung. 11 Auf eine Verleihung aus der Zeit Erzherzog Sigismunds, aus- gestellt am Mittwoch nach Lichtmeh 1461, die ich hier auszugsweise bringe, machte mich Prof. Dr. Stolz aufmerksam. (Liber fragmen- torum des L.-Reg.-Archivs, V, fol. 412.) „Weil unsere getreuen Leute von unserem Dorf Ombras am Wiesmahd und Grund, genannt der Raut oder Reychnaw (Reichenau) unter demselben Dorf gelegen, der sich anhebt an dem Reichenauer Gatter unter Predel (Prad) und an der Nachbarn Sakken-(Saggen-)3aun und sich bis an unfern Rabes- garten und denselben Zaun nach bis in der Ombrafer Gesuch (Grenz- marke) der Holzau und von dort wiederum bis zum Reichenauergatter erstreckt, etlich Jahr von uns auf Widerruf gehabt haben und sie aber mit uns überein gekommen sind, daß wir ihnen aus besonderer Gnade den benannten Raut zu ewigem Erbrechte und Bau- rechte gelassen haben, geben wir für uns und unsere Erben in Kraft dieses Briefes bekannt, daß die Leute, die zu Ambras anfäffig sind und dort Güter und Lehen haben, den benannten Raut mit allen Rechten haben, nutzen und nießen, bebauen, damit schaffen, tun und lassen sollen nach ihren Notdurften und Gefallen. . . ( es folgen Bestimmungen über den Grundzins und die Verpflichtung zur Offenhaltung der Wege, Jchließlich aber etwas, was auch den Leuten der Gegenwart nicht genug 76 Wer die eingeschlagene Straße in früheren Jahren öfter gegangen ist, wird sich noch der Gedenktafel erinnern, die sich auf schmiedeeisernem Juße zwischen zwei jungen Allee- bäumen erhob und die sagenhafte Geschichte vom Edelknaben erzählte, der auf dem Ritte von Amras herein mit seinem Pferde über einen 40 Schuh breiten Graben sprengte, aber dort tot liegen blieb. Vor einem Jahre aber haben pietät- lose Leute auch dieses Erinnerungszeichen vernichtet! Es wäre schon recht empfehlenswert, bald einen Ersatz für das zerstörte Denkzeichen zu bringen und darauf wie am bisheri- gen die Geschichte aufzuzeichnen, nur möchte ich bei dieser Gelegenheit der älteren Form der Sage, so wie sie uns der Tiroler Landreim des Georg Rösch von Geroldshausen (1557) bietet, den Vorzug geben, weil sie eher der Wahr- Scheinlichkeit entspricht. Dieser erzählt nämlich: Ain Wunder mueß ich euch sagen So sich begeben vor alten Tagen. Herzog Siegismund gar lobeleich, Von Österreich der Fürst miltreich, Der het ein gewaltig springendes Pferd, Davon jedermann viel Wunders hört. Zwischen Innsprugg und dem Dorf Ombras, Auf dem weiten Geld geschach das. anzuempfehlen ist!). Wenn einer oder mehr Jeine Rechte aus dem Raut verkaufen oder versehen wollte, daß er niemandem ver- kaufen oder verfehen foll als einem Nachbarn, der im Dorfe ansässig ist." -Herr Archivdirektor Dr. Moeser gedenkt demnächst einige ältere Urkunden über Grundverteilungen an die Amraser Söll-Leute (Kleinhäusler) zu veröffentlichen. 77 Darauf setzt er ein edlen Knaben, Ließ ihn damit übers Geld traben. Zu versuechen was doch das Pferdt kundt, Zu lauffen und springen gar rundt. Also kams undersechen dar An ein Graben, der gar weit war. Im Hui gab es sich in den Sprung Wohl mit dem edlen Knaben jung, Übersprang den Graben gewaltiglich, Biertig Werkschuech ist wahr sicherlich. Die Wahrheit muß man verjehen (= bejahen) Der die zwen Stein hat gesehen, So drumb gesetzt und gemessen ab Drob blieben beid, das Pferd und der Knab 12." Die beiden Steine sind noch zu sehen, aber anscheinend nach willkürlicher Versetzung. Es dürfte sich wohl um einen Sprung vom steilen Rain herunter gehandelt haben. Die andere überlieferung, die als den kühnen Reiter einen Gra- fen Sternberg nennt, ist bedeutend jüngeren Datums und erzählt, der Edelknabe Erzherzog Ferdinands sei beim Ritte tödlich verunglückt, den er so eilig machte, um seinem erz- herzoglichen, in Innsbruck weilenden Herrn zu berichten, daß Jeine Gemahlin, die schöne Welserin, ihn mit einem Knaben beschenkt hatte. Dieser Bericht ist also mit dem weit älteren Zeugnisse des Tiroler Landreims im Widerspruch - und vom ausgestopften Pferd, das man den Besuchern des 12 Soll das heißen, daß beide tot blieben, oder bestand das Wunder vielmehr darin, daß beide unversehrt oben blieben, das Pferd am Rande des Abgrundes, der Knabe auf seinem wackeren Rosse? 78 ren Au und ein Sechsteljauch in der unteren Au. Angemerkt war noch, daß diese Neubrüche „auf dreißig Jahre nach der Beurbarung" zehentfrei seien. So hatten auch die übrigen Besitzer bei dieser allmählichen Aufteilung ihre Anteile be- kommen. Der Sillhofbesitzer Schmuck gab in der bezeichneten Fassion auch die Jahre der Zuteilung an, nämlich 1770 und 1774; die Stücke waren winzig klein, weil eine große An- zahl von Bewerbern jedesmal zu befriedigen war. Mehrfach fand sich die Bezeichnung „lutheigen", das heißt, daß die verteilten Gründe frei verkäufliches Eigentum der Empfän- ger waren. Ähnlich erfolgte in den Dreißiger- und Vier- zigerjahren die Verteilung des einstigen Angebiets in der Au Richtung gegen Ampaß. Die Pradler Bauern heißen die ent- legenften Teile,,Amerika", weil sie so weit entfernt sind, daß man im halben Tage nur einmal hin- und zurückfahren kann. Man mag über Verteilungen von Gemeindegrund denken wie man will, weil es so manchem sorglosen Wirtschafter da- durch möglich wird, sich des zugefallenen Anteils zum un- wiederbringlichen Schaden an seiner Wirtschaft zu ent- äußern; in dieser Gegend hatte der fleißige Landwirt früher wenigstens gute Gelegenheit, die Augründe zu verbessern. Mit Hilfe der in den städtischen Latrinengruben beim „Roß- Jprung" überreichlich vorhandenen Düngermengen war er imstande, die sauern Wiesen in fruchtbare Acker zu verwan- deln. Zu manchen Zeiten drängten sich die Fuhrwerke Tag und Nacht um diese Goldmühlen herum; heute müssen diese Schätze nutzlos im Inn verrinnen 13. 13 Ich hatte mir schon im Vorjahre die Frage erlaubt, ob es denn gar kein Mittel gäbe, dieser Verschwendung Einhalt zu tun (Tir. Anzeiger dom 28. Dez. 1922) und möchte es hier im 3nteresse der heimischen 80 Wir wenden uns wieder von solchen materialistischen Be- trachtungen ab, gehen weiter und stehen bald wieder vor einer neugotischen Kapelle, die aus den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts stammt und nach dem benachbarten Bauernhofe Todelkapelle heißt. Sie hat in ihrem Innern eine Nachbildung des Lukas Kranachschen Maria-Hilf- Bildes, gleich wie die Sillhofkapelle, bei der wir unsere Wanderung begonnen haben. Ober dem Eingange der Todelkapelle waren ursprünglich die beiden Wetterherren Johannes und Paulus. Alte Leute erzählen sich, es sei bei der Einweihungsfeier dieser Kapelle ein Mann aus unglück- lichem Zufall durch einen Pöllerschuß getötet worden. Zugleich mit der intensiveren landwirtschaftlichen Be- arbeitung verschwanden auch die von allerlei Unken und Molchen bevölkerten Tümpel, die es nach Berichten in die- Jer Gegend zahlreich gegeben haben muß. Daran erinnert auch die Bezeichnung „Gulla" für einige Gründe, die die Anna Told nach der mehrfach erwähnten Rustikalfaffion von 1775 in dieser Gegend im Besitz hatte. Der Name kommt von einem lateinischen Worte „Golla" für Lache, Pfütze und lebt, freilich in ganz anderem Sinne gebraucht, noch weiter im hochdeutschen Worte „Golf". Zum Schlusse seien noch einige Flurnamen aus der Gegend oberhalb des „Roßsprunges" erwähnt: „Tenggen- Acker", „Piller-Jauch",,,Untere Jauch 14". Die zweite Be- zeichnung läßt vermuten, daß auf dem Acker einst ein Heu- Landwirtschaft nochmals wiederholen. In Remscheid (Rheinland) hatte ich z. B. Gelegenheit, eine Anlage zu besichtigen, in der den ange- Schwemmten Dungftoffen das überflüssige Waffer entzogen wird, so daß Jie wieder verwendbar werden. 14 Parzelle Nr. 1412, 1407, 1405. 6 Wilten II 81 Jtadel, eine Pille, stand. Mit „tengg" bezeichnete man Leute, die Linkshänder waren; einem solchen soll nach Mitteilung eines alten Pradlers einst der Acker gehört haben. Seit Jahrhunderten war er jedoch schon in ingramischem Besitz. Die Bezeichnung muß also weit älter sein. Tatsächlich wird schon im Urbare des Landesfürsten Meinhard des Zweiten, das um das Jahr 1285 niedergeschrieben wurde, ein Hof in Amras erwähnt, „,,den der Tenke bauet 15". So leben in alten Flurnamen Erinnerungen an längst ver- schwundene Baulichkeiten, längst verstorbene Personen, längst vergessene Ereignisse und längst außer allgemeinem Gebrauch gekommene Ausdrücke fort. Wir sollten solche kleine, an und für sich unbedeutende Einzelheiten nicht unter- Schätzen, da sie in ihrer Gesamtheit doch wichtige Hilfsmittel Jind, das Heimatgefühl zu wecken und zu erhalten. Ich hätte damit so ziemlich alles, was ich von den Am- raser Feldern in Erfahrung bringen konnte, erzählt und danke allen, die mir durch freundliche Mitteilung und Hin- weise geholfen haben, vor allem Sr. Gnaden dem hochwür- digsten Herrn Prälaten, Abt Heinrich Schuler von Wil- ten, dem hochwürdigen Herrn Pfarrer Hermann Blaas von Amras, Herrn Professor Wopfner und den Herren des Landesregierungsarchivs und des Ferdinandeums auf das herzlichste. Vielleicht mögen diese Zeilen manchem eine Anregung sein, auch seinerseits mit seinen heimatkundlichen Beobachtungen herauszurücken, um diese Mitteilungen zu ergänzen. Jeder Schritt, den wir jetzt gegangen sind, hat uns an ferne Vergangenheit erinnert. 15 Oswald von Zingerle, „Meinhards II. Urbare", Wien 1890, 1. Teil, Seite 39. 82 Aber nicht nur dem, was einstens war, wird man sich bei solchen Wanderungen ausschließlich widmen. Auch dem, was sich durch alle Zeiten gleich geblieben ist, wird man seine Blicke schenken; der ewig schönen Natur unserer Berge, die schon seit alters empfängliche Menschen entzückt hat. Wie schön ist es, im Frühjahr über die Amraser Felder zu wan- dern! Fühlen wir es nicht mit, was schon vor Jahrhunderten der Innsbrucker Hofprediger P. Didacus Lequile in einem begeisterten Lobliede auf Innsbruck (Relazione del Tirolo, nel Bagno di Egerdoch, 1655) gesagt hat, wenn er davon Schreibt, wie anmutig es ins Tal gebettet liegt, befeitet von hohen Bergen, von dichten, dunklen Wäldern? Dann lobt er die schönen Landhäuser und Siedlungen, die Freundlich- keit der Bewohner, den guten Wein, der in den Gaststätten ausgeschenkt wird, die Reinlichkeit der Straßen. Vom kleinen Hügel, der sich vor Egerdach erhebt, der mit frischem Grün bekleidet, von Bäumen leicht beschattet ist, läßt er die Blicke herumschweifen zu seiner Erfrischung und seinem Ver- gnügen. Er schaut dem Fluß zu, der bald an überragend Stolzen Bergen vorbeifließt, bald von lieblichen Hügeln um- säumt ist. Er bewundert es, wie großartig sich das Tal zwischen Innsbruck und Hall in riesiger Weite auftut, eine Szenerie, die man in den schönsten Theatern nicht zu sehen bekomme. Als ob die kunstvolle Natur einem jeden, der sich hier befindet, das Herz erfreuen wolle. Und er betrachtet diese Schönheit mit solcher Bewunde- rung. Er gesteht es, daß er sie mit seiner Feder nicht schil- dern könne, daß er aber Innsbruck - unsere Heimatstadt! — wohl mit Recht dem wundervollen Neapel, der schönsten Stadt der Welt, zur Seite stellen könne. 6* 83 Aus der Chronik Wiltens Das Simon- und Juda- Widderschießen in Wilten Schützenbräuche halten lange an, länger noch wie Jäger- sitten! Der Zahn der Zeit ist da zu wenig scharf. Vier Jahrhunderte lang hat sich mit dem Juda- und Simon- Widderschießen ein alter Tiroler Schützenbrauch erhalten. ,,Ja, fast seit der Erfindung des Schießpulvers," möchte der behaupten, dem es um einige Jahrzehnte in der Welt- geschichte nicht drauf ankommt. Tatsächlich wird dieser alte Schützenbrauch schon im Jahre 1524 erwähnt. Am Sonn- tag nach Simon und Juda (28. Oktober) eilten Innsbrucker „Püchsenschützen" nach Wilthan, um die vom Abtkonvent des Stiftes,,aus gutem Willen" gewidmeten Bestgaben ab- zuschießen. Es lohnte sich Gang und Schuß. Gewöhnlich gab das Stift einen Widder mit einem,,Species-Thaler" auf dem Horn als Zier. Manchmal wurde zum Bestwidder auch noch ein großer Laib Alpenkäse gelegt. In alten Berichten lesen wir darum auch vom Käseschießen. Eine feste Vereinbarung lag aber diesem Brauche nicht zugrunde. Die Schützen waren wohl sehr begeistert, forder= ten von Jahr zu Jahr mehr, beriefen sich auf Leistungen ihrer Altvorderen für das Stift. Die Übte lehnten diese,,Mehr- forderungen" ab, denn keine Urkunde war im Archiv vor- handen, die irgendwie eine Verpflichtung den Innsbrucker Schützen gegenüber enthielt. Die Bestgabe war nur als Tat der Dankbarkeit für einen Schutz zu deuten, den die Inns- brucker Schützen wahrscheinlich einmal dem Stifte gewähr- 84 ten. Einem alten Briefe von 1724 entnehmen wir, daß die Schießgabe mit der Verbindlichkeit verabreicht wurde, sie in Wilten abzuschießen und nur immatrikulierte Schützen zu- zulaffen. Dem Stifte wurde stets eine Freibüchse gewährt. Erst nach Errichtung eines neuen Schießstandes in Jnns- bruck (1847) wurde das Simon- und Juda-Widderschießen in Innsbruck veranstaltet. Jetzt wurde nun der Geist der Wiltener Schützen wieder wach und brachte den Innsbrucker Schützen die Gefahr, um ihre Bestgabe zu kommen. Bald ersuchten sie den Abt um Widmung des Bestwidders,,,denn sie als Wiltener " Die Innsbrucker Schützen wehrten sich sogleich. Es war ein Streit um Widder, Taler, Käs und Recht. Im Stifts- archiv ist ein Brief verwahrt, den der Unterschützenmeister David Schönherr am 26. September 1852 an Abt Blasius schrieb. Besonders die Schlußzeilen des Briefes erläutern den tieferen Sinn dieses Schützenbrauches, gepflo- gen von wetterharten, zeitfesten Tirolern. Das Simon- und Juda-Schießen bildet ferner für die Schützen Innsbrucks eines der alleranziehendsten Schie- hen und jeder freut sich darauf viele Wochen zum vorhinein und freut sich um so mehr, als dies Schießen für ihn allein gegeben wird; es freut ihn um der schönen Sage willen, die Jich daran knüpft, es freut ihn, daß in diesen Zeiten, wo alte Privilegien den modernen Grundsätzen weichen müssen, er allein noch fortwährend eines solchen sich zu freuen habe." Die Innsbrucker Schützengesellschaft schießt heute noch am Sonntag nach Simon und Juda den Widder... doch mit einem Schilling (Sanierungswidder!) auf dem Horn als Zier... Hans Bator 85 Die Freudenzüge der Innsbrucker Bürger nach dem Kloster Wilten Von Hans Hörtnagl Die nachbarlichen Beziehungen zwischen Innsbruck und Wilten reichen in die Zeit zurück, da das Gelände zwischen dem Inn und der Sill noch völliges Eigentum des Klosters war, da das alte Jakobskirchlein in der Aue noch stand, und um die Innbrücke sich die ersten Ansätze zur künftigen Stadt verdichteten. " Während nun der nötige Grund und Boden nach und nach der heranwachsenden Stadt ins Eigentum überant- wortet wurde, hielt das Stift an seinen pfarrlichen Rechten: ,Die Innsbrucker Pfarre in Hörigkeit und Abhängigkeit zu erhalten und sie mit seinen Ordenspriestern zu versorgen", hartnäckig feft, und als die Beistellung von Ordensleuten zur Abhaltung des Gottesdienstes in Innsbruck im Laufe der Zeit aus mannigfachen Gründen nicht mehr tunlich war, und selbst das Ordensleben gefährdete, hat sich das Kloster Wilten in einem fast zwei Jahrhunderte geltenden Vertrage die jährliche Bestätigung des Pfarrers der Stadt vor= behalten. Es bedurfte eines langen Kampfes, bis es Innsbruck gelang, seine kirchliche Freiheit und seinen eigenen Pfarrer zu erobern. Diese schwere Abhängigkeit vom Stifte bildete nun eine nie versiegende Quelle gegenseitiger Reibungen, bald freund- 86 schaftlicher, bald ernster Art; und da waren es insbesondere die mit der kirchlichen Oberhoheit eng verknüpften ,,Freudenzüge nach dem Kloster Wilten", die einen lebhaften Schriftlichen und mündlichen Verkehr zwischen Wilten und der Stadt auslöften. Dieser Verkehr, der der Hauptsache nach in den alten Ratsbüchern der Stadt aufgezeichnet erscheint und der ein Streiflicht auf die kulturellen Verhältnisse von Innsbruck und Wilten im 16. Jahrhundert wirft und bisher ziemlich unbekannt war, soll im nachstehenden eine kurze Schilde- rung finden. Nach uraltem Gebrauch und seit unvordenklichen Zeiten beanspruchte die Stadt Innsbruck das Recht, am unsinnigen Donnerstag jeden Jahres mit der gesamten Bürgerschaft in Wehr und Waffen gegen das Kloster Wilten zu ziehen, um es in nachbarlicher Freundschaft, wie es immer hieß, zu belagern und zu erstürmen. Diesen etwas ungestümen Besuch nannte man den Freudenzug. Die Freudenzüge und die im Lande gebräuchlichen Widumsstürme entstammen gemeinsamen Beweggründen, die jedoch in der Zeit, von der hier die Rede ist, der Bevölke- rung nicht mehr bewußt waren und die mit der Zehent- abgabe zusammenhingen, wobei den Zehentpflichtigen zu gewiffen Zeiten wohl ein Trunk gereicht oder ein solcher von ihnen gefordert wurde. Der Gebrauch ward verschieden gehandhabt; während wir von den Rolsaßern wissen, daß sie den Pfarrer nur bei seiner Installierung bedrängten und hernach in Ruhe ließen, hielten die Innsbrucker an dem Rechte des jährlichen Be- suches fest, und wenn er unterblieb, versäumten sie nie zu 87 erklären, daß dadurch dem Herkommen kein Eintrag ge= schehen dürfe 1. Die Abhaltung des Zuges wurde in allgemeiner, eigens zu diesem Zwecke einberufener Ratsversammlung beschlossen, und drei Ratsherren überbrachten persönlich dem Abte den sogenannten Absagebrief mit der rechtzeitigen Meldung der beabsichtigten Erftürmung, unter Versicherung nachbarlicher Freundschaft. Dieser Absagebrief war eine vorangehende Formalität, um das Kloster zu mahnen, sich mit Wein reich- lich vorzusorgen, denn das Ende vom Liede bildete eine aus- giebige Heimsuchung des Stiftskellers. Hiebei ging es, wie aus den wiederholten Klagen der Übte zu vernehmen, selten ohne Unfug und schwere Ein- griffe in die klösterliche Beschaulichkeit ab, von dem be- trächtlichen Aufgang an Wein und Speisen gar nicht zu reden, und man kann es dem Kloster nachfühlen, wenn es diese Freundschaftsbesuche mit gemischten Gefühlen erwartete und sie durch alle möglichen Ausreden und Vorstellungen zu verhindern suchte. Die Vorbereitungen zur Belagerung geschahen mit einer Gründlichkeit, als gelte es gegen den Feind zu ziehen, und kein Bürger, er sei denn alt und schwach gewesen, durfte sich unentschuldigt der Teilnahme entschlagen. 3m Jahre 1511 schreibt der Kaiser Maximilian an den Rat von Innsbruck, er habe vernommen, daß nach altem Herkommen die Bürger der Stadt samt ihren Frauen am Donnerstag nach Estomidi nach Wilten ziehen, um sich dort vom Kloster mit Speise und Trank bewirten zu lassen. Nach- 1 Der jährliche Besuch hängt wohl mit der jährlichen Bestätigung des 3nnsbrucker Pfarrers zusammen. 88 dem jedoch jüngst seine Gemahlin, die Kaiserin Blanca, ver- schieden ist und sich daher solche Freuden nicht geziemen, solle die Stadt den Zug für diesmal einstellen. Der Abt Lienhart, mit dem der Kaiser verhandelte, sei bereit, dafür dieses Jahr vier Gulden rheinisch und zwei Ahren Wein zu bezahlen und zu überantworten. Dieser Brief ist offensichtlich über Einsprache des Abtes Lienhart, dessen Gast der Kaiser oft war, geschrieben wor- den, um dem läftigen Zuge auszuweichen. 3m Jahre 1538, der zweiten Nachricht, die über die Freudenzüge zu finden ist, hat die Stadt eigene Verhal- tungsmaßregeln hiefür verfaßt, wonach unter anderem weder das Hofgesind, noch die Inwohner am Zuge teil- nehmen durften, sie wären denn eingeladen worden. Alle Parteien, seien sie zu Fuß oder zu Pferde, aber nur die geschworene Bürgerschaft, haben das Recht, ihre Rottmeister zu wählen, und jeder, der sich am Zuge beteiligt, mag dem Bürgermeister und dem Rate im Verbieten und im Befehlen gehorsam sein. Auch soll keiner, sei er nun ein großer oder ein kleiner Hanns gegen den anderen Haß oder Feindschaft tragen, woraus nur Verrat und Balgereien entstehen können. Am 2. Februar 1545 richtete der ehrsame Rat an das Kloster Wilten ein Schreiben, worin vorausgeschickt wird, daß der Zug gegen Wilten schon etliche Jahre abgestellt und unterwegs geblieben ist. Nun habe der Rat jedoch be- Schloffen, heuer hinaufzuziehen und wolle dies hiemit dem Abte verkünden. Auf diese Ansage erwiderte nun der Prälat, daß er gerne einer gemeinen Stadt und einem ehrsamen Rate 89 dienen und nachbarlichen Willen erzeigen möchte und er schlage vor, statt dem Freudenzuge sollen Frauen und Herren vom Rat und Bürgern, so bei fünf oder sechs Tischen, wann immer heraufkommen und sich vom Kloster bewirten laffen. Aber für den Zug sei die Zeit ungelegen, wegen der Türken, wegen der sterbenden Läufe, die an vielen Orten herrschen, ferners weil er selber schwach und krank sei und auch weil er zu wenig Wein habe. Zu dem allem sei das Gesinde so ungezogen und sei ihm beim letzten Zuge ziemlich viel Wein, außer Unfug und Unluft, aufgegangen. So gedenke er der Zeit, da er noch Kellermeister gewesen, daß über vier Ihren nicht aufgebraucht wurden, während das letztemal 14 Yhren, gleich zehn Hektoliter, verschwendet worden sind. Der ehrsame Rat, der die separate Einladung des Abtes ficher gerne angenommen hätte, wagte dies jedoch nicht zu tun, ohne die Bürgerschaft hierüber zu befragen. Aber als die Versammlung den Vorschlag des Abtes hörte, entstand, weil man dem Rate die Extraeinladung nicht gönnte und weil man die Schaffung eines Präzedenzfalles fürchtete, ein großes Gemurmel und wurde mit Stimmenmehrheit be- schlossen, den Freudenzug trotz des Protestes des Abtes abzuhalten. Nun schickte der Rat nochmals drei Herren zum Präla- ten, um ihm das Murmeln der Gemeinde zu melden und ihm den Zug zu verkünden, wobei versprochen wurde, daß seine Gnaden dabei keine Unluft widerfahren und jedermann sich geschickt verhalten wolle. 90 Am folgenden Tage kam der Richter von Wilten und der Gerichtsschreiber von Sonnenburg im Auftrage des Abtes zum Bürgermeister nach Innsbruck und zeigten ihm an, daß seine Gnaden, falls die Innsbrucker auf ihrer Absicht be- stehen würden, sich zu Recht erböte" und es darauf ankom- men lassen will, ob die Leute gegen seinen Willen ins Klo- fter dringen können oder nicht; sonderlich da er krank und schwach sei. Das war eine energische Sprache, und da er sich,,zu Recht erbot", scheint er offenbar der Unterstützung der Regierung sicher gewesen zu sein. Und nun blieb dem Bürgermeister nichts übrig, als in einer weiteren Rats- versammlung die wiederholte Ablehnung des Stiftes zu ver= künden und in Anbetracht der Schwachheit des Abtes und, was der Hauptgrund war, wegen des geringen Wein- vorrates den Zug zu vertagen und dem Abte zu melden, daß sich die Bürgerschaft zwar um die Ausreden des Klosters wenig kümmere. Da aber wenig Wein vorhanden und sonderlich der Schwachheit des Prälaten wegen, wolle man den Zug anheuer unterweg laffen, doch gemeiner Stadt altem Recht und Herkommen unvergriffen, dagegen wird die Stadt, will's Gott, künftiges Jahr seine Gnaden in aller Freundschaft heimsuchen. Im Jahre darauf ließ dann der Abt, dem die vorjährige Absage vielleicht doch etwas zu schroff erschienen sein mag, beim Rate anfragen, ob die Bürgerschaft heuer herauf- ziehen werde oder nicht, damit er sich darnach richten könne. Darauf wurde ihm die Antwort zuteil, der Rat vermöchte den Zug nicht mehr zu hindern, denn die Bürgerschaft treibe 91 viel böse Reden; es soll aber der Zug in aller Ordnung geschehen. Der hierauf folgende Absagebrief enthielt im wesent- lichen die Mitteilung, daß die Bürgerschaft Innsbrucks am nächsten Donnerstag gesonnen sei, dem alten löblichen Ge- brauch und Herkommen nach, das ehrwürdige Konvent mit dem gewöhnlichen Zuge in aller freundlichen Wohlmeinung heimzusuchen und zu bitten, das Kloster möge sich darnach mit freundlicher, nachbarlicher Gegenwehr richten und den Boten mit guter Antwort abfertigen. Und am Schlusse dieses Schreibens hieß es: „und wollen E. G. hiemit nach altem Gebrauch absagen." Anderle Essigrufer überbrachte den Brief dem Abte. Inzwischen ging das Gerücht in der Stadt herum, der Abt habe nur aus dem Grunde beim Rate angefragt, damit er den Wein in einem eigenen Panzen vorrichten könne, wogegen die Innsbrucker, die eine kleine Pantscherei fürchteten und sich den Überblick über den Stiftskeller nicht rauben lassen wollten, Einsprache erhoben. Am unsinnigen Donnerstag 1546 hat dann der Freuden- zug stattgefunden und da das Ratsprotokoll nichts weiter darüber meldet, wollen wir hoffen, daß die Befürchtungen der Innsbrucker über die Qualität und die Besorgnisse des Abtes über die Menge des Weines nicht eingetroffen sind. An diesem Zuge hat der berühmte Maler und spätere Hauptmann Paul Tax teilgenommen. 1549 unterblieb die Heimsuchung, weil die Stadt mit Schweren Auslagen belastet war; dagegen ist man das Jahr darnach hinaufgezogen. In den folgenden Zeiten traten Sterbliche Läufe ein, es kam Krieg, Kriegsvolk durchzog 92 unser Land und niemand dachte an Luftbarkeiten. Erst 1558 beschloß der Rat, das Gotteshaus wiederum zu besuchen, das acht Jahre hindurch verschont geblieben. Der Prälat erwiderte auf die Ankündigung, er habe sich mit seinem Konvent unterredet und befunden, daß dem Gotteshaus dieses Jahr der Zug besonders beschwerlich fiele erstlich wegen Mißratens des Weines an der Etsch, dessen Ernte kaum die Hälfte des Gewöhnlichen betrage, und das Kloster selbst gezwungen sei, den Wein zu kaufen; und außerdem habe der Prälat erfahren, daß etliche Hand- werker bei dem Zuge die Absicht hätten, sich an dem Inns- brucker Mörder, der im Kloster Zuflucht und Freiung ge- sucht, zu vergreifen und die Tat zu vergelten. Außerdem könne der Rat, trotz des besten Willens, Ordnung zu halten, den Grevel mutwilliger Personen nicht hindern. Der Prälat laffe demnach bitten, ihn für dieses Jahr zu verschonen, sollte er jedoch des Zuges nicht erlassen wer- den, so würde er das Gotteshaus zusperren und er und sein Konvent von dannen ziehen. Auf diesen Vorhalt hin beschloß der Rat, den Zug in diesem Jahre zu unterlassen und auf das künftige zu ver- schieben. Er ist aber erst 1560 verwirklicht worden, wobei der Baumeister und der Stadtrichter sechsmal beim Prä- laten gewesen, bis sie seine Einwilligung erreichen konnten. Darnach trat wiederum eine achtjährige Pause ein, die Pest spukte im Inntale herum und ließ keine Freude an Schaustellungen aufkommen. Am 11. Februar 1568 wird der Abt auf die Anzeige des Besuches vorstellig, daß ihm derselbe zu spät angesagt worden sei, welche Entschuldigung den Rat jedoch nicht zu ersättigen" vermochte und ist darauf 93 der Zug, wie es hieß, mit Freuden und Glück verrichtet worden. Von diesem Freudenzuge hat sich eine Aufzeichnung über die erwählten Rottmeister erhalten; es sind darin 60 Namen genannt, die, wenn man das eingeladene Hofgesind hinzu- zählt, einen Teilnehmerstand von über 700 Mann bedeutete, den Rat, die Frauen, Jungfrauen und die Zuschauer unge- rechnet. Die nächsten Jahre brachten wiederum schwere Zeiten, empfindliche Teuerung trat ein, die Winter waren unge- wöhnlich kalt, Erdbeben verbreiteten Furcht und Schrecken und die unheimliche Pest verschonte auch das Kloster nicht, wie wir aus einem Verbot erfahren, durch das der Bar- bierer Strohkogel verhindert wurde, das Stift zu betreten. Im Februar 1576 schickte Erzherzog Ferdinand zwei Hofbeamte zum Bürgermeister der Stadt mit dem Auftrage, am kommenden Unsinnigen den Zug gegen Wilten anzu- richten und fürzunehmen. Der Bürgermeister entgegnete hierauf, S. D. zu Ge- fallen und zu Ehren, bereit zu sein, heuriges Jahr den Freudenzug gegen Wilten nach altem Gebrauche zu voll- ziehen und dies dem Abte anzuzeigen, nur habe die Bürger- Schaft wegen etwaiger unerwünschter Teilnahme des Hof- gefindes an dem Zuge einiges Bedenken. Der Oberbaumeister und der Gemeinschreiber erhielten den Auftrag, die Meldung dem Abte zu überbringen; worauf der Prälat freundlich und nachbarlich dagegen vor- stellig wurde und bat, man möge ihn seiner Leibesschwach- heit wegen damit verschonen. 94 Diese Bitte des Abtes glaubten die Innsbrucker, denen die voraussichtlich großen Roften des Zuges für dieses Jahr recht ungelegen kamen, unterstützen zu sollen, doch der Fürst in seiner Vorliebe für prunkhafte Aufzüge und mili- tärische Schauspiele wollte sich diese Gelegenheit nicht ent- gehen lassen und bestand auf die Abhaltung und der Stadt blieb nichts übrig, als diese Botschaft nochmals dem Stifte zu verkünden. Die Abgesandten wurden diesmal vom Abte gar nicht empfangen, der sich wegen seiner Leibesschwachheit ent- schuldigen ließ, sondern vom Richter und zwei Konven- tualen, die nochmals alle Beredungskunft aufboten, um das Unheil vom Kloster abzuwenden. Der Landesfürst ließ jedoch auf weitere Vorstellung Jagen, er sei noch des Begehrens, was er früher begehrt habe; worauf der Stadt nichts übrig blieb, als den Zug anzurichten. Hans Burkhart wurde zum Hauptmann erwählt, Hans Zollner zum Fähnrich, Georg Hopfner zum Feldwaibl und Adam Kerle zum Führer. Der gesamte Rat mußte sich beim Bürgermeister in voller Ausrüstung, angetan mit Wehr und Waffen, vor- stellen. Diesmal sollte der über Wunsch des Fürsten beschlossene Freudenzug besonders prunkvoll werden, die Vorkehrungen hiezu waren groß, wobei es sich zeigte, daß eine Menge Ausrüstungsstücke der Bürgerschaft fehlten, und da wurde der Erzherzog ersucht, das Zeughaus zu öffnen und daraus die Entlehnung von langen Spießen, Landsknechtrüstungen, Halbhacken, Zündftricke, Kammerbüchsen und das ganze 95 hiezu nötige Pulver zu bewilligen. Über all diesen Vor- bereitungen war der unsinnige Pfinstag herangekommen, die Stadt konnte jedoch mit der Ausrüstung nicht fertig wer- den, und da ordnete der Erzherzog gegen alles Herkommen, durch einen Machtspruch, den Zug auf den Faschingsmontag oder Freßmontag, wie er damals allgemein benannt wurde, an; an welchem Tage er auch stattgefunden hat. Es war dies der größte, aber auch der letzte Freudenzug, den die Innsbrucker gegen das Wiltener Gotteshaus unter- nahmen. Anno 1577 starb der Kaiser, das Jahr darauf erschien ein großer Romet am Himmel, der die Bürger beunruhigte; die beiden folgenden Jahre waren auch nicht fügsam und erst 1580 wollte der Erzherzog die Stadt wiederum bewegen, nach Wilten zu ziehen. Der ehrsame Rat scheute jedoch die Kosten, die die Stadt beim letzten Zuge ungebührlich belastet hatten; er wies auf die Teuerung hin, die im Lande herrschte, weiters auf die bevorstehenden großen Archen- und Straßenbauten und auf die bedenkliche Leere des Stadtfäckels. Auch sei die Bürgerschaft und die Gemein, meinte der Rat, zum größten Teile geringfügigen Vermögens und nicht im Stande, sich zum Kriegszuge ordentlich auszurüsten, noch die Zier aufzubringen, die hiezu nötig ist, daher der Fürst die Stadt diesmal verschonen wolle. Auf diese trübe Schilderung hin ist der Zug unterblieben. Das Jahr darauf starb die geliebte Landesfürstin Frau Philippine, darnach die Herzogin von Kleve, 1583 hielt der Erzherzog seine zweite Hochzeit und feierte ein Jahr später die erste Kindstaufe, mit einem militärischen Schauspiele in 96 der Furt, wo unter Abbrennung eines Feuerwerkes Bürger und Inwohner gegeneinander Scharmützeln mußten. In den nachfolgenden Jahren scheint den Innsbruckern ebenfalls die Luft an der Belagerung des Klosters gefehlt zu haben und der anno 1594 erfolgte Tod des Landesfürsten hatte eine weitere lange Pause zur Folge. Erst 1599 raffte sich die Bürgerschaft Innsbrucks wieder auf und überreichte dem Kloster Wilten einen Absagebrief. Dem Stifte wurde damit angezeigt, daß der Rat ent- schlossen sei, nach altem Herkommen am unsinnigen Pfinstag den Freudenzug gegen das Gotteshaus Wilten in die Hand zu nehmen. Der Abt möge das Vorhaben zur Erhaltung der alten Freiheiten nicht hindern und die Bürgerschaft empfangen. Am nächsten Tage traf schon die Antwort des Abtes Christoph ein. Er wisse sich wohl zu erinnern, meinte der Abt, wie seine Vorfahren sich gegen die Innsbrucker Bürgerschaft der Freudenzüge wegen, verhalten haben, aber nicht aus schul- diger Gerechtigkeit, sondern allein aus freiem Willen. Nach- dem aber der inzwischen abgeleibte Landesfürft Erzherzog Ferdinand im Jahre 1585 dem Kloster eine Reihe Verhal- tungsmaßregeln vorschrieb und dabei versprach, das Got- teshaus „mit vermeldtem Freudenzuge nicht mehr beschwe= ren zu lassen", so getraue sich der Abt nicht, dieses Verbot ohne Vorwissen der Regierung zu überschreiten, was die Herren der Bürgerschaft einsehen und seine Weigerung ent- Schuldigen wollen. Der Abt erklärte jedoch bereit zu sein, aus gutherzigem, nachbarlichem Willen, aber nicht aus schuldiger Gerechtig= keit, den Bürgern einen Panzen Wein zu vier Ahren ins 7 Wilten II 97 Rathaus zu überantworten, der um des Gotteshaus willen, mit Freuden getrunken werden solle. Diese Antwort des Klosters löfte, bei der um ihre Frei- heiten und Privilegien besorgten Bürgerschaft die größte Bestürzung aus; das war keine einfache Entschuldigung mehr, das ging schon auf die Beraubung der Stadt an ihren alten Rechten aus und die in diesem Punkte besonders empfindlichen Innsbrucker wählten einen Ausschuß, mit dem Auftrage, gegen die Haltung des Klosters ein Memoran- dum auszuarbeiten und dasselbe dem ehrsamen Rate zu überreichen. In dieser Denkschrift, die der Gemeinderedner verfaßte, wurde darauf hingewiesen, daß die Freudenzüge nach Wil- ten ein uraltes Herkommen seien, das die Alten und Vor- vorderen mit Bedacht und aus besonderen erheblichen Ur- sachen anordneten, wonach die ganze Innsbrucker Bürger- schaft, alle unsinnigen Pfinstage mit zierlicher Kriegsrüstung, nach dem Vermögen jedes einzelnen von jeher nach Wilten gezogen sind. Diese Züge seien nicht allein beim Regiment, Kammer und Stadt gebräuchig, sondern im ganzen Lande, von einem Ort zum andern, also auch in Hall und den Orten hinab; und wäre diese Sitte sicher nicht so ausgebreitet, wenn sie nicht ihren reichlichen Vorzug hätte. Demnach müssen diese Züge als ein altes Vorrecht der Stadt, die sich bisher in allen Steuern und Abgaben des schuldigen Gehorsam befliffen, angesehen werden. Auch habe bisher jeder Untertan dem Stifte gegenüber ftets nachbarlichen Willen gezeigt und dem Gotteshaus als Pfarrherrn von St. Jakob, außer den schuldigen Gefällen 98 und Einkommen, sich bei Brunst und Not stets dienstlich er- wiesen. Der jetzige regierende Abt, hieß es in der Denkschrift weiter, wolle jedoch diese Züge der geringen Unköften willen, die ihm daraus erwachsen, nicht mehr gestatten und errei- chen, daß das alte Herkommen, so bei den Vorfahren ohne Anfechtung bestand, abgelegt und beiseite gestellt werden sollte. Und wäre es wohl eine Schmach und Verkleinerung, wenn dies alte und wohlhergebrachte Recht durch eine ein- zige Person aus lauter Rargheit und übermäßiger Häus= lichkeit und vorgeschützter unstichhaltiger Entschuldigung der Stadt verloren gehen sollte. Der ehrfame Rat wird schließlich gebeten, seine ganze Kraft einzusetzen, um die von den Vorfahren hinterlassenen Rechte zu schützen, und den Freudenzug, den die Bürgerschaft einmal nicht aufgehen laffen kann, noch will, aufrecht zu er= halten. Aus diesem Memorandum geht, wie bereits erwähnt, hervor, daß der ursprüngliche Beweggrund der Züge den Zeitgenossen nicht mehr geläufig war, und weiters erfahren wir daraus die Ausdehnung des Gebrauches über das ganze Land, wobei Hall und das Unterinntal besonders genannt ist. In eigener Ratsversamlung gelangte die Denkschrift zur Verlesung. Die Bürgerschaft nahm dabei gegen die Haltung des Klosters Stellung und erklärte, von einem Ver- bote des verewigten Landesfürften, den Zug betreffend, nichts zu wiffen und ein solches Verbot auch unwahrscheinlich zu halten, da der Stadt gegen ihr Wissen und Willen keine Privilegien geraubt werden können. 2* 99 Was weiter das Angebot der vier Ahren Wein betrifft, so mußte dies die Versammlung als ein „schimpfliches" be- zeichnen. Die Bürgerschaft sei daher entschlossen, den Zug mittels göttlicher Gnaden ins Werk zu setzen. Dies wurde dem Abte verkündet, der darauf lakonisch erwiderte, er werde das Kloster verlassen, wenn die Stadt vom Zuge nicht abstehe. Am 8. und am 10. Februar schickte der Rat, der die Hoffnung auf ein letztes Einlenken des Stiftes nicht aufgab, je ein Schreiben, worin im wesentlichen immer wieder auf das alte Recht hingewiesen und betont wird, daß die Stadt den Zug nicht wegen dem Essen und dem Trinken anstellt, sondern nur zur Erhaltung uralten Gebrauches und Frei- heiten. Und es heißt darin: Der Rat hoffe, Seine Gnaden der Abt werde sich nicht zurückziehen, sondern sich nachbar- lich finden lassen. 3m übrigen sei der Zug bereits verkündet und könne nicht mehr abgestellt werden, denn gemeiner Stadt Recht und Freiheiten dürfen hier sowohl, wie anderwärts, auch wegen der lieben Nachkommenschaft keine Schmälerung er- fahren. Weiters wurde im zweiten Briefe erwähnt, daß Be- wohner von Wilten, die von der Weigerung des Klosters den Zug zu empfangen, vernommen hatten, etliche Inns= brucker Bürger darob hänselten und verspotteten, was der Stadt zur Verkleinerung gereiche. Die Hoffnung des Rates auf eine gütliche Lösung war trügerisch. Der energische Abt Christoph bestand auf seinem Schein und erklärte, obgleich die Stadt mit seiner Antwort nicht befriedigt sei und sein Anerbieten als ein schimpfliches 100 bezeichnete, so könne er seinen Standpunkt nicht ändern und werde den Zug auf keinen Fall empfangen. Und was die Schmähreden betreffe, hieß es am Schluffe dieses Briefes, wolle der Abt dieselben schon „abstellen", aber er verlange dafür, daß auch die „wohlvernommenen spären (trockenen) Reden" gerügt werden, die die Inns= brucker über die Wiltauer ausgoffen. Auf dieses Schlußwort hin und auch aus anderen Ur- sachen willen, wie es im Protokoll heißt, beschloß der Rat notgedrungen, den Zug abzusagen. Wir wollen nun versuchen, den Widerspruch aufzuklären, der im Hinweise des Abtes auf ein fürstliches Verbot der Freudenzüge, gegenüber der Behauptung der Stadt liegt, von einem solchen Verbote „nichts" zu wiffen. Um die Mitte der Achtzigerjahre des 16. Jahrhunderts hatten im Stifte Wilten arge kirchliche und wirtschaftliche Mißstände eingerissen. Güter und Gilten wurden verschleudert, die Alpe verkauft, Versetzbares versetzt, Schulden auf Schulden gehäuft, wodurch der Bestand des Klosters ernstlich gefähr- det schien. Da trat der Landesfürst, der am Stifte warmen Anteil nahm und sich wohl auch an die häufigen Gastereien erin- nert haben mag, mit denen er, aber öfter noch sein Hof- staat", das Kloster beschwerte, energisch auf, und ließ dem Stifte am 13. April 1585 ein langes reformierendes Dekret zustellen, mit einer Reihe von kirchlichen und wirtschaftlichen Berhaltungsmaßregeln. In einem dieser vielen Punktationen hat nun der Fürst das sogenannte Bauernmahl sowie die übrigen gebräuchigen Mahlzeiten und Einladungen aufgehoben und hat ferners 101 versprochen, daß er bedacht sein wolle,,,das Gotteshaus mit dem Zuge fernerhin zu verschonen". Das war die Stelle, worauf der Abt sich der Stadt gegenüber berief. Nun hat wohl der Fürst als auch die Regierung vergessen, diese Zu- sage einzulösen, denn der Erfüllung seines Versprechens hätte die Verständigung und Verhandlung mit der Stadt vorausgehen müssen, was aber, wie wir bereits hörten, nicht geschah und so konnten wohl beide Parteien den guten Glauben für sich in Anspruch nehmen, mit ihrem Verhalten im Rechte zu sein. Das Reichen von Mahlzeiten scheint jedoch, trotz fürst- lichen Verbotes, noch geraume Zeit hindurch bestanden zu haben. In dem Büchlein, das der Hofprediger des Erz- herzogs Ferdinand Karl im Jahre 1658 herausgab, wird erzählt, daß alle Jahre am Tage des „Heiligen Lorenz" die Haller Salinenarbeiter samt ihren Frauen nach Wilten zogen und sich im Stifte reichlich mit Essen und Wein bewirten ließen. Der Verfasser schildert dann weiter, wie die Schar beim Bade Egerdach auf ihrer Rückkehr vorüberzog und die Teilnehmer in einer Verfassung waren, wobei sie nicht mehr gewußt haben, ob sie Manndl, Weibl oder wilde Tiere seien. Und schließlich wird bemerkt, falls das Stift diese Mahl- zeit nicht reiche, so gehen die Salzlieferungen nicht in Ord- nung. Nach dieser kleinen Abschweifung kehren wir wieder zu unseren Freudenzügen zurück und erfahren von dem Fortbe- stand der Mißhelligkeiten zwischen Stift und Stadt, die es 2 Diese Mitteilung verdankt der Verfasser Herrn Dr. Hans Hohenegg. 102 in keinem der folgenden Jahre unterließ, ihr altes Recht zu betonen, aber es blieb bei der platonischen Ein- Sprache und man wird die Empfindung nicht los, als glaub= ten die Innsbrucker selber nicht mehr an die nochmalige Verwirklichung des alten Gebrauches. Diese Vorbehalte zogen sich bis „,1631" hin, in welchem Jahre die Stadt wohl oder übel erklärte:,,Die Ratsver- sammlung habe erkannt und angesehen, daß die in den Vor- jahren abgehaltenen Freudenzüge oder Widumsstürmung nach Wilten, die ohnehin schon seit Mannesgedenken nicht mehr observiert worden sind, sowie auch der Protest da- gegen, hinfüro nicht mehr angestellt werden mögen, weil die Pfarrkirche von Innsbruck zur Hauptkirche erklärt, und einen eigenen ständigen Pfarrer erhalten solle (was übri- gens noch 12 Jahre gedauert hat). Damit ist der bereits erwähnte Zusammenhang der Freudenzüge mit der kirch- lichen Abhängigkeit bekundet, die Gleichartigkeit mit den Widumsstürmen festgestellt und der förmliche Verzicht auf das alte Recht ausgesprochen. Mit dem Jahre 1631 waren wohl die Freudenzüge der Stadt endgültig beseitigt, nicht aber die Widumsstürme des Landes. Nach freundlicher Mitteilung S. G. des Herrn Prälaten Schuler haben noch fünfzig Jahre später,,Wiltauer Weiber" das Stift gestürmt und mußten reichlich mit Speise und Trank abgefertigt werden. Auch in Kaltern fand noch im Jahre 1680, nach einer kleinen Beröffentlichung in der Ferdinandeumszeitschrift von Herrn von Inama, ein Widumssturm statt, bei dem der Mesner angeschossen wurde. Der Freudenzug in seiner Zusammensetzung ist schon wiederholt Gegenstand von Ab- 103 handlungen gewesen, zuletzt durch die Feder des Stiftarchi- vars P. Danner, trotzdem wird die Schilderung des letzten Zuges nicht entraten werden können, um das vorgeführte Bild abzurunden und zu beenden. Am Nachmittag des Freßmontags, den 5. März 1576, stellte sich der Zug an der oberen Anbrücke zusammen. Unsere Vorfahren pflegten etwas früher aufzustehen; die Geschäfte wurden schon um sechs Uhr morgens geöffnet, die Amtsstunden begannen um sieben Uhr, um eilf as man bereits zu mittag und so dürfen wir wohl annehmen, daß die ersten Trüpplein schon gleich nach zwölf Uhr ihre Auf- stellungsplätze an der oberen Anbrücke einnahmen. Die Vorbereitungen dauerten bis zwei Uhr, worauf sich der Zug in Bewegung setzte. Die Spitze bildete ein Häuflein Reiter, dann kam zu Roß der Herr Stadtrichter, angetan mit seinem Hammer und umgeben von seinen Trabanten. Drauf ritten in ihrer Amtstracht der Herr Bürgermei- ster und hinter ihm der Stadtschreiber und sämtliche Rats- freunde. Und gleich dahinter zogen die Schanzknechte mit ihren Hacken. Dann fuhr die Arkelei, die Artillerie, einher, mit ihren Geschützen und Büchsenmeistern. 3hnen folgte auf einem Schimmel der Hauptmann Herr Hans Burkart; dahinter wiederum ein Trüpplein Reiter, hernach der Geldweibel und die gemeinen Weibel; „der Führer Adam Kerle aber, ritt allein", und hinter ihm marschierten die Hackenschützen und das ganze Pendl Knechte, in Rotten zu neun Mann, geteilt in Fünferreihen und je von einem Rottenführer begleitet. 104 Abb. 15, Schloßkapelle Mentelberg Abb. 16, Kreuzigungsbild. Fresko von Gündter in der Schloßkapelle von Mentelberg Diese Abteilung beschloß der Frauenweibel er trug einen etwas derberen Namen mit den Marketenderinnen und dem Troß. Darnach tänzelten die sattelfesten Frauen und Jung- frauen in festlichem Gewande, auf geschmückten Pferden, einher und hinter ihnen fuhren die Wägen der Ratsfrauen, die der gemein Hausfrauen und der geladenen Gäste, ihnen nach zog die Landschaft ebenfalls in vorgeschriebener Kriegs- ordnung. Das Manndl und das Weibl auf dem Rad, und der Kar- ren mit den jungen Narren, machte den Beschluß. In dem Zuge verteilt marschierten ferners Trommler, Pfeifer und was an Musikanten aufzutreiben war. Sobald das erste Glied das Innbrückentor passierte, be- gannen die Haggenschützen zu feuern. Die Büchsen und die Geschütze durften, um keinen Schaden anzurichten, nur mit schwachbenetztem Papier geladen sein, und die Kanonen setzte man erst außer der Stadt in Tätigkeit, um die Dächer und Fenster nicht zu gefährden. Der Zug nahm nun seinen Weg durch die Kirchgassen, die heutige Pfarrgasse, über den Freithof, durchzog die Burg, ging die Hofgassen wieder herab, auf den Stadtplatz, und bei der Vorstadt hinauf, der Wiltener Pfarrkirche zu. Vor dem Hoftor auf dem Greithof, auf dem Stadtplatz und in Wilten wurden Salven abgegeben. Der Zug hielt still, als die Spitze bei der Wiltener Pfarrkirche angelangt war. Die Schanzknechte mit ihren Hacken rückten nun vor die verrammelte untere Kloster- porten, dann aus der Reihe tretend, folgte die Landschaft, 105 der das Recht mitzustürmen eingeräumt war, ebenso ritten der Bürgermeister und die Räte vor; alle des Befehls des Hauptmanns zum Angriffe gewärtig. Sobald nun der Befehl zum Angriff gegeben ward, such- ten die Schanzknechte mit ihren Hacken die Scheinbarrikade vor dem Tore zu zertrümmern, während der übrige Zug samt den Frauen und Jungfrauen um das ganze Kloster her- umzog. Und als sie wieder zurück kamen, war „die Porten gewunnen“ und die Frauen und Jungfrauen sollten darauf ihren Einzug ins Kloster halten. Aber das ging nicht ohne Hindernisse von statten, ob- gleich drei Rotten Bürger bei der Porten Polizeidienste versahen, war das Gedränge dort so groß, daß es den Da- men nur mit Mühe gelang, sich durchzuzwängen, um das Hofftübele und die Schusterstuben zu erreichen. Dort standen, fein säuberlich gedeckt, die Tische und drei von der Stadt eigens beigestellte Diener, hatten nun die Hände voll zu tun, um die zarte Weiblichkeit mit Wein, Brot, Braten, Salat und Kiechl zu versehen. Und der Herr Prälat ließ sichs nicht nehmen, die Honneurs zu machen und die schönen Innsbruckerinnen zum Zugreifen zu ermuntern. Und nachdem alles gegessen und getrunken, richteten die hiezu erwählten Tanzmeister im Mueßhause ein Tänzlein zurecht, zu dem sich die jungen Bürgersöhne schlichen. Indessen hatte der Hauptmann nach erfolgtem Sturme die Truppen zu einer Lagerstelle geführt, wo die Mann- schaft die Waffen ablegte und ruhte. Die Rottmeister be- gaben sich hierauf mit den nötigen Geschirren in den Stifts- keller, wo bereits der Richter und der Hauptmann anwe- 106 send waren, um die Verteilung von Wein und Brot zu überwachen. Die Ausfolgung geschah gegen Abgabe von Rottzetteln; wer vom Stadtschreiber keinen Zettel hatte, wurde abge- wiesen. Und als die Rottmeister mit dem Trunke zu ihren Rot- ten zurückkehrten, entfaltete sich ein fröhliches Lagerleben. Nachdem der Wein getrunken und das Brot verzehrt war, und der Rat seiner Gnaden, dem Abte, den schuldigen Dank gesagt, zog man in der alten Reihenfolge den gleichen Weg wieder in die Stadt zurück. Am Stadtplate verabschiedete der Hauptmann seine Truppen mit einem kräftigen Wörtlein oder wie der Aus- druck hieß, „er dankte sie ab" und der Zug ging auseinander. Der Freudenzug am 5. März 1576 war nicht nur der größte, sondern auch der glanzvollste aller seiner Vorgän- ger. Schon die Anwesenheit des Fürsten, die als sicher an- genommen werden kann und des gesamten Hofftaates, dürfte der Schaustellung eine besondere feierliche Note ge= geben haben, und ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß selbst die Fürstin Philippine, die geborene Welserin, von ihrem Schloffe Ambras herübergeritten war, um sich das prunk- volle Schauspiel anzusehen. Leider hat uns keine Künstlerhand diesen letzten Rest mittelalterlicher Romantik im Bilde festgehalten. Nach der Abdankung durch den Hauptmann zeigten die Innsbrucker wenig Luft heimzukehren; das große Ereignis des Tages, die einzelnen Phasen des Verlaufes, wollten noch bei einem Trunke nachbesprochen sein. 107 An diesem Abend erfreuten sich die Gasthäuser der Stadt eines regen Betriebes und mancher Zinnkrug edlen Saftes wurde geleert, der glücklichen Belagerung willen. Der Herr Richter ließ es sich nicht nehmen, den gesam- ten ehrsamen Rat beim Maquard zu einer Abendmahlzeit und einer Maß Malvasiers einzuladen; in der stillen Hoff- nung, daß die Stadt ihm die Kosten ersetzen werde. Alles war gehobener Stimmung und selbst der gestrenge Herr Bürgermeister vergaß der gehabten Mühen und spülte mit dem feinen Tropfen die Gedanken an die Rechnungen hinunter, die des Zugs wegen in sicherer Aussicht standen. Während nun Innsbrucks Bürgerschaft den Tag gemüt= lich ausklingen ließ, standen über dem Stifte einige Wolken. Trotz aller Disziplin, trotz Energie der Führer, konnten Ausschreitungen nicht ganz vermieden werden und war es einer wilden Rotte geglückt, bei der oberen Porten einzu- dringen und damit dem Kloster ziemlichen Schaden zuzufügen. Sorgenvoll nahm noch am selben Abend der Abt die Berichte seiner Getreuen über den Mutwillen und die Un- zucht der Menge entgegen, aber noch größere" Sorge spiegelte sich im Antlitz des Herrn Prälaten, als der Pater Kellermeister die Erleichterungen aufzählte, die der Freu- denzug am Freßmontag 1576 dem Klosterkeller angetan hatte. 108 In der Freiung Wilten Von Heinrich v. Schullern Es gab heute kein so fröhliches Zusammensein der beiden Freunde beim Abendtrunk wie andermalen. Der Abt saß in der Fremdenstube unter dem großen Saal recht sorgenvoll beim gestürzten Hofkanzler. Dieser fuhr sich tief ergrimmt, nicht aber von Kleinmut völlig zermürbt, durch fein langes graues Gelock. In den schönen, wappengeschmückten Tonhumpen stand das Bier aus Büchsenhaus beinahe unberührt. Nach langem Schweigen ergriff Bienner seinen Krug und nahm lachend einen kräftigen Schluck, als wolle er ab- schließen mit aller Kopfhängerei und Besorgnis vor der Zukunft. Abt Andreas tat ihm zögernd Bescheid. Vor- wurfsvoll aber ruhte dabei der Blick des alten geistlichen Würdenträgers auf dem Flüchtling. Er glaube es wohl, daß Bienner keine ernstliche Schuld bedrücke, daß man alles nur aufbausche, um ihn auch weiterhin von der Gnade des Fürsten auszuschließen. Ein Staatsmann aber, wie jeder Mann, der draußen im Getriebe der großen Welt stehe, bedürfe nicht nur der Rechtschaffenheit in allem Gehaben, auch der Klugheit, der Vorsicht. Und die habe sein Freund stets außer acht gelaffen, habe ganz unnötig allen vor den Kopf gestoßen, sich eine Unmenge Feinde gemacht und diesen durch seine Hoffart gar noch Waffen in die Hand gedrückt. Sei er auch in der Streitfache wegen des Brugger - 109 Weingartens fälschlich in Verdächte gekommen, da er ihm doch laut Urkunde aus dem Jahre 1636 schon von der Erz- herzogin Claudia rechtens überlassen worden, so hätte er doch nicht den gegnerischen Regimentsadvokaten, den Schwegerle, durch Wegnahme der Garben von dessen strit- tigem Acker reizen sollen. Durch solche Gewalttat habe er sich nun das Mißfallen des Fürsten auf den Hals geladen. Recht unklug auch sei es gewesen, den rückständigen Rats- sold gerade zu der Zeit zu fordern, da man von ihm als Be- sitzer der Brauerei Büchsenhaus die fälligen Schankgelder verlangte. Das habe dem Erzherzog, dem er doch demütige Ergebenheit schulde, als Trotz erscheinen müssen. Er könne mithin dem Fürsten nicht für übel haben, daß er sich von Jeinen, Bienners, grimmigsten Feinden, dem neuen Kanzler Volmar, den Vizekanzlern und geheimen Räten Girardi, Schmauß, Mohr, auch dem Oberstkämmerer Künigl um- garnen ließ. Hätte allsamt nichts verschlagen, meinte Bienner auf- springend, würde man nicht bei der Durchwühlung seiner Raften und Schreibtischladen auf die unseligen Scherz- gedichte und Gloffen, die carmina und dicteria gestoßen sein, aus denen man gar Beleidigungen der Fürstlichkeiten und mithin Verletzungen seines Eides gedrechselt habe. Zu solcher Durchsuchung seiner Wohnräume aber wäre es ja gar nicht gekommen, unterbrach ihn der Abt. Seine fürstliche Gnaden Ferdinand Karl hätte sich der heim- tückischen Berufung Bienners in das Paradeiszimmer der Burg und der ganzen während dessen in die Wege ge- leiteten Spitzelei bestimmt widersetzt. Nun freilich besitze man die Handhabe zur kriminellen Verfolgung. Hätte er 110 retiriert, bin jedoch bereit, auf alles Red und Antwort zu geben. E. J. D. wird mir das hoffentlich nicht verdenken. Ebenso hoffe ich, E. D. werden den Ministern alle Tätlich- keiten gegen mich untersagen. . . Wenn wider Verhoffen Er. D. aus meinen konfiszierten Schriften etwas ver- dächtiges vorgebracht würde, so bitte ich, es mir zu ent- decken. E. D. soll sonnenklar disinganniert werden und finden, was ich Er. D. zum Besten gemeint und daß ich von andern, die auf Böses sinnen, detorquirt werde." Und noch einen Brief schrieb er, an Michl Klein, den Kammerdiener des Erzherzogs, er möge auswirken, daß die Exekution unterbleibe. * Am nächsten Morgen kam Abt Andreas wieder zu Bienner, gedrückter noch als bis dahin. Was man so in der Stadt vernehme, drohten schwere Gefahren. Der Kastner des Klosters, Andreas Altstetter, Bienners Gersten- lieferer, anderseits eifriger Bezieher des Biers für das Kloster und eine Schenke in Wilten, gefellte sich in heller Aufregung zu den Beiden und riet dem Exhofkanzler, daß er gleich nachts außer Landes flüchte. Beim Besuch eines Serviten sei er eben mit dem Vizekanzler Schmauß zu- Jammengetroffen. Befagter habe gar etwas von einer durch Bienner verübten Majestätsbeleidigung gesprochen. Der Exhofkanzler lachte, ein wenig gekünstelt wohl, und meinte, so lange er im Kloster site, komme ihm auch der Raiser nicht an. 5) Bon Täuschung befreit. 6) Mit Absicht mißdeutet. 8 Wilten 113 Mit bitterer Miene bemerkte hierauf Altstetter, Bienner habe vom Kloster stets glücklich das Visitations= recht des Bischofs von Brixen abgewendet, und zwar zur vollen Befriedigung des Erzherzogs. Nun aber spreche man in der Stadt davon, daß der Fürst geneigt sei, dem Bischof zu eben dieser Visitation seine Hilfe, das brachium faeculare, zur Verfügung zu stellen. Bienner fuhr auf, glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Als er aber zu solchem Bericht den Abt in schwerer Sorge nicken Jah, da griff er sich mit beiden Händen in die Haare und starrte mit weit aufgeriffenen Augen stumm vor sich hin. Doch vermochte er, den Entschluß zur Flucht noch immer nicht zu fassen. Es verging ein fterbensbanger Tag. Am 1. September brachten Kundschafter die Nachricht ins Kloster, der Lizentiat Rudolf Mayr sei zum Exekutions- kommiffär in Bienners Wohnräumen zu Büchsenhausen und in der Stadt bestellt. Schlag auf Schlag erhielt der gewefene Kanzler ein Schreiben Karl Ferdinands aus Klausen, wo sich der Fürst mit der Jagd vergnügte: ,,Michael Klein hat uns deine Verantwortung übergeben. Wir haben daraus mit absonderlichem Mißfallen verstanden, daß du, anstatt unfern hinterlassenen geheimen Räten Ge- horsam zu leisten, auf deren Erforderung nicht allein unge- horsam ausbliebst, sondern dich sogar von deiner Habitation absentiert haft und in die Freiheit 8 nach Wilten geflohen bist. Wir befehlen dir angesichts dessen und bei Vermeidung un- 1) Wohnung. *) Ajul. 114 serer schweren Ungnade und Konfiskation aller deiner Güter, dich auf Erfordern unserer Räte sogleich einzustellen und demjenigen nachzukommen, was sie dir in unserm Namen be- fehlen, damit wir widrigen unverhofften Falls wider dich anderweitige ernste Mittel, als sich wider dergleichen landes- fürstliche Gebote Verachtende geziemt und recht sein würde, vorzunehmen nit Ursache haben." Und Schmauß schürte mit all den andern Feinden des Gestürzten um die Wette. Wie eine Kreuzspinne hielt sich Volmar, der neue Hofkanzler, im Hintergrunde und zog Jeine Fäden um den verhaßten und noch immer gefürchteten Nebenbuhler. Eine weitere Hiobsbotschaft langte ein: Der Erzherzog habe an den Kaiser Punkt für Punkt alles gemeldet, womit man Bienner belafte. Am 6. September meldeten sich Hof- sekretär Max Ingram und Registrator Kreuzer im Stift. Sie forderten vom Exhofkanzler unzweideutige Antwort, ob er Gehorsam leisten und sich in die Burg verfügen wolle. Bienner hatte beiden Herrn den Eintritt in sein Zimmer ver- wehrt. Auf dem Gang sagte er ihnen, daß er seinen Sohn Rudolf Bienner senden, selbst aber das Kloster nicht ver- laffen werde. Darauf gingen fie wortlos von dannen. Nächsten Tages kam Rudolf mit einer Rifte und zwei Säcken voll von Kleinodien und Familienpapieren, über- brachte auch heiße Grüße und Segenswünsche seiner ver- härmten Mutter und klagte blaß und hohläugig, er sei in der Burg zurückgewiesen worden. Nicht Rudolf Bienner verlange man dort zu sehen, vielmehr Wilhelm. 8* Da ballte der gewesene Günstling des Erzherzogs die 115 Fäuste, eilte zum Schreibtisch und warf ein Schreiben an diesen aufs Papier, worin er zu bedenken gab, man könne ihn nicht zwingen, einer Abrechnung halber persönlich zu er- scheinen. Auch gebe es keinen Rechtstitel zur Beschlag- nahme seiner Güter. Abt Andreas erschrak, als er die Zeilen überflog. Er warnte vor solch schroffem Ton. Vergebens. Der Brief ging seinen Weg. Als der Morgen des 10. September graute, kam der Diener des Exhofkanzlers aus dem Vorzimmer und meldete ihm, das Kloster sei von Wache umstellt. - Nun war jeder Verkehr mit der Außenwelt unter- brochen. Und immer dunkleres Gewölk stieg empor. Es langte die Kunde ein, Kriegssekretär Bonnet habe sich jüngst von Klausen nach Brixen begeben und in einem fürstlichen Schreiben das Angebot überbracht, falls der Bischof eine Visitation in Wilten vornehmen wolle, sei man bereit, die weltliche Beihilfe zu gewähren. Jesse Perkhofer, der Brixner Weihbischof, beim Ausschußlandtag zu Innsbruck anwesend, habe denn auch am 10. September schon in die Aufhebung der Immunität gewilligt. Nicht nur der Abt, auch Bienner selbst war entsetzt über solche Nachricht. Nun mußte man auf das Schlimmste gefaßt sein. Den Gedanken an eine Flucht aber wies der Verfolgte auch jetzt zurück, seines Weibes wegen, das er nicht in Un- sicherheit zurücklaffen wollte und weil er ein solches Vorgehen als Einbekenntnis seiner Schuld empfand. Einen Funken Hoffnung sah er noch immer glimmen, während Abt Andreas 116 im stillen alles verloren gab, als er sich des Abends von Jeinem Freunde trennte, um zur Ruhe zu gehen. Deffen Kleinodien und Familienpapiere hatte er selbst in Verwah- rung genommen. Bienners Gedanken weilten bei seiner edlen Lebens- gefährtin und den Kindern, während er sich vergebens auf Jeinem Lager mühte, Schlaf zu finden. Es würde sich wohl doch noch alles klären, hoffte er und suchte sich zu beruhigen, um endlich der Wohltat des Hinübergleitens in die Traum- welt teilhaftig zu werden. Aber es gelang nicht. Seine Ge- danken bewegten sich in jene Zeit zurück, als er mit hoch- gespannten Hoffnungen aus Wien nach Innsbruck ge- kommen war und sich in der fürstlichen Gunst Leopolds und Claudias sonnte. Er gab wohl damals dem Hasse seines zu- rückgesetzten schwäbischen Landsmannes Volmar, zur selben Zeit vorländischen Kanzlers, nicht die gebührende Beach- tung. Nun war es zu spät, darüber nachzugrübeln, wie er sich vor dessen Ränken hätte schützen können. Er schlug sich denn alle quälenden Selbstvorwürfe aus dem Kopfe. Schon verschwammen die Bilder aus Vergangenheit und Gegen- wart im beginnenden Schlummer, da schrak er jäh empor. Ein wüfter Lärm hatte sich draußen auf dem Gange erhoben. Es stürzte der Diener Endorfer aus dem Vorzimmer herein und mit verängstigtem Gesicht meldete er, der erzherzogliche Untermarschall Thomas Sailer stehe vor der Tür und be- gehre Einlaß. Da erkannte Bienner auch schon dessen Stimme inmitten des Klirrens von Waffen und rief: ,,Die Sergeanten sind draußen, daß Gott erbarm, was ist's denn!" Wie angewurzelt stand der getreue Endorfer. Es fiel 117 ihm nicht ein zu öffnen, da er von seinem Herrn keinen Be- fehl dazu bekam. Noch einmal wurde draußen im Namen des Fürsten Ein- laß gefordert. Vergebens. Eine kleine Weile, da schlug ein schweres Instrument, eine Hacke, ein Hammer an die ver- riegelte Tür. Sie krachte, splitterte und öffnete sich angel- weit. Sailer stand dem halbangekleideten Bienner gegenüber. Ein Wald von Hellebarden folgte, verteilte sich im Halb- kreise um den Flüchtling. Der Untermarschall erklärte Bienner im Namen des Fürsten für verhaftet. Abt Andreas war durch das Sprengen der Türe geweckt worden. Man berichtete ihm, was geschah. Er konnte nur noch eine Rutsche aus dem Klosterhof fahren sehen, der etliche berittene Knechte folgten. Stöhnend ließ sich der geistliche Würdenträger auf seinen Betschemel sinken, ver- barg sein Gesicht von düsterer Ahnung erfüllt und flehte zum Erlöser um Gnade für die Seele des unglücklichen Freundes. Nach vielmonatelangem Prozesse schloß Bienner sein Da- sein am 17. Juli des Jahres 1651 unter dem Henkerschwert. 118 Abt Konrad Abt Konrad aus dem Wiltner Stifte lag Zu Klamm gefangen, harrend jeden Tag Des Urteils, das Raubritter Milfer spricht Ob Jeinen Opfern, haltend Blutgericht. — Des letzten Leidgenoffen letzter Schrei Schlug an fein Ohr. Nun ist an ihm die Reih! Fünfhundert Klafter tief ist das Verließ - Gott Jei dem gnädig, den hinab man stieß! Der Abt bereitet sich zum Tode vor - Wird heut noch knarren Jeines Rerkers Tor? Sein ganzes Leben zieht an ihm vorbei: Des Kindes Glück, der Jugend Einerlei, Der frommen Mutter Jel'ge Seligkeit Des Tags, als er zum Priester ward geweiht Und in der Heimat trautem Rirchlein las Die erste Meß. O, Glückes Uebermaß! Der Inful Bürde dann, der krumme Stab, Berfäumte Pflicht vielleicht und nun - das Grab! Gott nehme gnädig Leid und Reue hin! Dem Räuber Jei die Untat mild verzieh'n. -- Horch! horch! Der Türmer stößt gar hell ins Horn. Bedeutets Beuteglück, bedeutets Zorn? Da öffnet langfam fich des Kerkers Tür, Und Oswald Milfer steht barhaupt dafür Und grüßt, und feine Stimme klingt so weich: „Mit Gottes Hilfe bring ich Freiheit Euch Und gebe mich dem Stift gefangen ganz!"— Der Abt verließ die Burg. Im Sonnenglanz Erhoben sich dem Tal entlang die Höhn, Wie nie so feierlich, Jo stolz, Jo schön! Und Oswald Milfer gab im Büßerkleid 3hm zum Stifte Stams treulich das Geleit Und blieb darin, von allem Glück entblößt, Ein Büßer, bis der Tod ihn Janft erlöst. Bartholomäus Del-Pero. Stams 119 Wilten im Jahre 1809' a) Am 13. April früh um 2 Uhr ertönte in allen Gassen der Stadt Innsbruck der Ruf der eingerückten Landesver= teidiger, Licht an die Fenster zu schaffen, die Sturmglocken wurden geläutet und die ganze Volksmaffe rückte dem Berg Jfel zu. Die Bauern aus der Gegend von Brixen hatten die Nachricht mitgeteilt, daß eine Kolonne Franzosen und das Bataillon Bayern, welches in Brixen lag, gegen Innsbruck im Anmarsche seien. Die Bauern besetzten deshalb den Berg Jsel so, daß sich sämtliches Militär durch ein anhaltendes Stutzenfeuer bis in die Ebene durchschlagen mußte. Die Bayern stellten sich auf den Geldern gegen Gernegg (Hußlhof), die Franzosen näher gegen Wilten auf. Nun fing das Militär und die Bauern wieder aufeinan- der zu feuern an, allein, da ersteres von allen Seiten um- rungen war, so verlangte es bald zu kapitulieren. Die fran- zösische und bayerische Infanterie streckte das Gewehr und die Kavallerie stieg von den Pferden. Die Bauern machten große Beute. Die Mannschaft wurde nach einigen Stun= den nach Salzburg abgeführt und dort dem österreichischen Militär übergeben. Handschrift aus dem Itenerarium (Reisebuch), Tirol, 9 (Wilten). Bom Ruftos des Ferdinandeums freundlich zur Verfügung gestellt. Wir geben diefen handschriftlichen Bericht wörtlich wieder. 120 b) Am 23. Mai brach General Wieden auf Befehl Na- poleons mit dem größten Teile seines Armeekorps, mit wel- chem er über Strub dem abgebrannten Schwaz darauf und am 19. Mai um 1 Uhr nachmittags bei dem anbefohlenen Geläute aller Glocken in Innsbruck eingerückt war, über Salzburg nach Österreich auf. Er ließ nur die Divison von 1000 Mann unter dem Kommando der Generäle Siegwein und Vinzenti zurück. Gegen das südliche Tirol kamen die Bayern damals nur vier Stunden weit, weil die österreichischen Truppen und Bauern den Brenner besetzt hatten. Am 25. Mai wurden auf dieser Seite die Vorposten der Bayern angegriffen, da es aber zu regnen anfing, zogen sich Soldaten und Bauern zurück. Am 28. Mai wurde aber der Angriff unter dem Kom- mando des Andreas Hofer desto lebhafter erneuert. Auf der ganzen Berglänge, von der Gallwiese an bis Hall, wurde aus kleinen Gewehren vom Berg Jsel und von dem Amrafer Schloffe, aber auch aus vier österreichischen Ka- nonen gefeuert. Am 29. Mai, in aller Frühe, griff man neuerlich an. Um die Mittagszeit kam der Major Teimer mit der Ober- inntaler Sturmmasse den Höttingerberg nachgezogen und nun wurde von allen Seiten eingedrungen. Die Bayern verloren viele Leute und gegen 300 Ver- wundete wurden in dem Servitenkloster untergebracht. Um nicht gänzlich abgeschnitten zu werden, zogen sich die Bayern um 1 Uhr nachts in aller Stille am linken 3nnufer bis Ruf- stein mit bedeutendem Verluste zurück. 121 c) Am 30. Juni um 6 Uhr abends rückte der französische Marschall Lefever in Innsbruck ein, das österreichische Mi- litär zog sich auf die erhaltene, von dem Landvolke aber nicht für wahr gehaltene Nachricht von dem Waffenstillstande zu- rück und Lefever drang bis Sterzing vor. Am 11. Auguft ging der Marschall, nachdem er vorzüg- lich bei Oberau und bei dem versuchten Vorrücken gegen Passeier sehr viele Leute verloren hatte, nach Sterzing zu= rück und retirierte nach dem Brenner. Die Kolonne mußte Jich bis 3nnsbruck durchschlagen; an beiden Seiten waren die Berge mit Schützen besetzt, die auf die gedrängte Truppe un- ausgesetzt feuerten. Die Truppen, das Juhrwesen und die Kavallerie gerieten untereinander und der Marschall selbst war gezwungen, eine große Strecke Weges zwischen zwei Pferden zu Fuß zu gehen. Am Gärberbache wurde noch ein bayerischer Oberst gefangen. Eine Staubwolke verkündete die Zurückkunft der geschlagenen Truppen, die sich bis Jnns- bruck und in ebenen Umgebungen der Stadt zurückzog. Die Bauern setzten sich wieder am Berg Isel fest. Am 13. Auguft früh um 9 Uhr griffen die Bauern an allen Seiten an. Die Bayern stürmten dreimal den Berg Jsel, wurden aber jedesmal zurückgeschlagen. Nachmittags wurden durch die bayerischen Haubitzen der Chorethof, das Wirtshaus zu Kranebitten, der Dalle Torre-Hof ober Höt- ting und mehrere andere Häuser abgebrannt. Am 14. Auguft früh, sendete Hofer einen Bauern auf die Vorposten, mit dem Bedeuten, der Herr Marschall soll bis 15. die Stadt räumen, widrigenfalls er gefonnen wäre, solche mit Sturm zu nehmen. An demselben Abende zogen sich die Truppen auf den Ebenen vor Wilten zusammen und reti- rierten von 10 Uhr nachts bis zum 15. um 2 Uhr früh. 122 Am 15. Auguft früh rückten die Bauern in Masse und um 9 Uhr früh der Sandwirt mit den Paffeiern und Mera- nern in die Stadt. Nun wurden am Vorsprunge des ganzen Mittelgebirges, von der Gallwiese bis Hall Schanzen und Berhaue angelegt. d) Während man diese Befestigungen vornahm, am 4. Oktober den Sandwirt in der Hofkirche mit der goldenen Rette schmückte und sich mit Regierungsmaßregeln beschäf- tigte, rückte der Marschall Wreden wieder in das Land. Am 21. Oktober langte die Nachricht ein, daß Strub von ihm genommen wurde und einige Tage später stand er in Hall. Die Bauern begaben sich nach und nach in die Schan- zen und der Sandwirt verlegte sein Hauptquartier nach Steinach. Am 25. Oktober, um 2 Uhr nachmittags, rückte der Kronprinz von Bayern mit der ganzen Generalität in die Stadt und nahm gegen die Schanzen selbst eine Rekognos- zierung vor. Um 5 Uhr abends ging derselbe samt dem Mili- tär nach Hall zurück und ließ nur bei der Mühlauer Brücke und dem Löwenhause starke Piquete zurück. Abends kamen mehrere Sandwirts-Dragoner und Bauern in die Stadt, die sich am 26. vermehrten. Viele Bauern postierten sich in dem Hofgarten und beschossen die bayerischen Vorposten. Drei Tage lang dauerte dieses zwecklose Feuern fort. Am 29. Oktober erschien um 10 Uhr früh ein bayerischer Offizier und forderte, daß jemand an die bayerischen Vor- posten kommen sollte. Dies geschah und es wurde dem in Be- gleitung zweier Sandwirts-Dragoner erschienenen Bürger von einem bayerischen Offizier eine Rolle Papier übergeben, mit dem Bedeuten, daß der Inhalt den Bauern bekannt ge- 123 Adelsgeschlechter und berühmte Bürger in Wilten Von Dr. Hans Bruner I. Mittelalter Der schon aus der Römerzeit stammende Siedlungsort Wilten (Veldidena) wurde durch die Klostergründung eine Kultus- und Kulturstätte ersten Ranges für das mittlere Inn- und Wipptal. Er bietet daher auch eine reiche Fund- grube für den Geschlechter- und Familienforscher. Weder aus den ersten Jahrhunderten des Mittelalters noch weni- ger aus der Römerzeit ist uns darüber zwar etwas über- liefert worden mit Ausnahme der Sagen über den Riesen Haymo, den angeblichen Gründer des Klosters Wilten, welcher in dem von ihm gegründeten Kloster im Jahre 878 gestorben und auch dortselbst begraben sein soll. Doch sind uns aus dem späteren Mittelalter manch wichtige Urkunden und sonstige Erinnerungszeichen (Grab-, Wappensteine) über das wirken und Walten, Leben und Vergehen von im Kul- turkreise Wiltens hausenden Geschlechtern überliefert wor- den, wenn auch durch Brände, Einsturz und die Kloster- aufhebungen vieles hievon leider zugrunde- oder verloren- gegangen ist. Diese Geschlechter erscheinen in den alten Stiftsurkunden über Schenkungen und Verleihungen als 126 Siegler (Zeugen) oder waren wohl selbst Wohltäter des Klosters, indem sie an dasselbe Hufen (Höfe) oder Ländereien für Stiftungen verschenkten; ferner treffen wir sie als Stif- ter von Messen oder Jahrestagen in den von ihnen erbauten Gruftkapellen an oder sie waren Beamtete des Stiftes (Vögte, d. i. Schutz- und Schirmherren, Hofrichter). Die Träger dieser Namen waren meistenteils in der alten Kirche, in den damaligen Nebenkapellen, von denen sie manche selbst erbaut und worin sie Erbbegräbnisse für ihre Familien er- richtet hatten, oder im Kreuzgange begraben. Schon unter dem mächtigen Herzogshause der Welfen (Heinrich der Stolze, Heinrich der Löwe), welches damals über den Inntalgau (zwischen Ziller und Melach) die Grafengewalt innehatte, erfolgten in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts Schenkungen an das neugegründete Prämonstratenser-Kloster Wilten. Als das Haus der Wel- fen wegen der Treulosigkeit gegen den römisch-deutschen Raiser Konrad III. abgesetzt ward, erschienen als Lehens- inhaber des Inntalgaues in Nachbelehnung durch die Fürst- bischöfe von Brixen die Grafen von Wolfratshausen und ihre Nachkommen, die Grafen von Andechs, auch ge- nannt,,Markgrafen von Istrien und Herzoge von Mera- nien" (nach ihren Besitzungen längs der dalmatinischen Küste am Meere), ein reiches und mächtiges oberbayerisches Ge- Schlecht, welches das Schloß Ambras erbaute und auch dort residierte. Berthold III. von Andechs schenkte dem Kloster den noch vorhandenen romanischen sog. Wiltener Relch aus vergoldetem Silber, ein einzig dastehendes Kunstwerk aus dem Anfange des 13. Jahrhunderts. 127 berg und Straßfried", einer der Pfleger von Tirol und erster Rat des Jog. Königs Heinrich, Grafen von Tirol und Görz. Dieser Konrad stiftete an der Begräbnisstätte Jeines Hauses einen reichlichen Jahrestag und starb 1351. Er war einer der gewalttätigsten Ritter Jeiner Zeit, drangfalierte die Inns- brucker Bürgerschaft, belagerte die vom König den Inns- bruckern eingeräumte Sonnenburg an der Brennerstraße und nahm sie ein, bis endlich 1319 durch vergleichsweise Be- zahlung der ihm gegen König Heinrich zustehenden Forderung ein allgemeiner Friede zustande kam. Das einft zahlreiche Geschlecht verfank bald in Bedeutungslosigkeit und ging kurz darauf seinem Ende entgegen, wie es das Schicksal vie- ler bedeutender Häuser damals in Tirol war. Es starb an- fangs des 15. Jahrhunderts aus. In einem Teil der Hl. Geistkapelle oder in einer eigenen Kapelle, St. Georgkapelle genannt, hatten auch die Herren von Spies (Spi) ihr Erbbegräbnis mit manch schönen Monumenten. Die Spies waren ein uraltes Unterinntaler Geschlecht und bekleideten am Hofe der tiro- lischen Landesfürsten zu Innsbruck und Hall Ämter, waren Burgvögte und später Pfandinhaber des Schlosses Fried- berg bei Volders sowie verschiedener Lehen in der Um- gebung Halls, bekleideten das Pflegeamt auf Taur, am Rit- ten und in der Burg Persen (in Welschtirol). Ein Heinrich von Spies war Mitglied des dem Landesfürsten Herzog Friedl mit der leeren Tasche feindlich gesinnten Elephanten- bundes und wurde daher auf seinem Schlosse Friedberg be- lagert und gefangen genommen (1404). Ein Leopold v. Spies war Obersthofmeister der Herzogin Eleonore, Gemahlin Herzogs Sigmund des Münzreichen, und dessen Rat. Sie 9 Wilten II 129 begaben ihre Erbgruft an der St. Laurentiuskirche in Wil- ten mit reichlichen Widmungen und starben 1549 aus. = Ein weiteres angesehenes Geschlecht, das der Aufen- Steiner (Auf Eule am Stein, daher auch ihr Wappenbild), taucht mit Heinrich und Kuno (= Konrad) anfangs des 13. Jahrhunderts im Gebiete von Wilten auf. Sie wurden Dienstmannen der Grafen von Görz-Tirol, an die sie sich enge anschlossen und durch die sie zu großer Macht, Reich- tum und Ansehen gelangten. Sie erbauten um die Mitte des 13. Jahrhunderts auf einem senkrecht aufstehenden Felfen am Eingang des Navistales zwischen Matrei und Steinach die Burg Aufenstein, in deren Ruinen heute das Kirchlein St. Kathrein (ehemalige Schloßkapelle) und die Schule (wahrscheinlich der alte Rittersaal, weil noch alte gotische Fresken vorhanden) eingebaut sind. Sie besaßen auch zahlreiche Besitzungen im Navis-, Wipp- und mitt- leren Inntale, wie sie auch mit den berühmtesten Tiroler Geschlechtern der damaligen Zeit, wie Trautson, Villanders, durch Heirat verwandt waren. Sie siegelten in wichtigen Urkunden der Landesfürsten, Klöster, des Adels und Bür- gertums an vorderster Stelle als Zeugen. Die Aufensteiner erbauten um 1280 herum an dem ehemaligen Kirchturm des Münsters Wilten eine eigene Aufensteiner Rapelle mit einer Erbgruft für ihr Geschlecht, stifteten einen feier- lichen Jahrtag und beschenkten ihre Gründung und das Kloster reichlich. Im Kampfe des Grafen Meinhard II. von Tirol um das ihm vom König Rudolf verliehene Her= zogtum Kärnten gegen den dortigen aufständischen Adel er- warb Konrad III. von Aufenstein durch treue Anhänglich- keit an seinen Landesfürsten, Tapferkeit und glückliches Ge- 130 lingen der Fehden großen Ruhm und Reichtum. Er erhielt das Marschallamt und die Hauptmannschaft in Kärnten ver- liehen (1293) und war der Begründer der kärntnerischen Linie seines Hauses, die jedoch in seinem Enkel Friedrich II. ein trauriges Ende fand, nachdem die tirolische Linie schon 1334 mit Heinrich III. ausgestorben war. Als nämlich Friedrich II. von Aufenstein, Volks- und Landesverrat ver- übend, sich im Bunde mit der venetianischen Republik gegen die Herzöge von Österreich erhoben hatte, wurde er besiegt und gefangen genommen und starb, aller seiner Güter be- raubt, 1395 in der Gefangenschaft als der letzte seines Ge- Schlechtes. In Verbindung mit dem Stifte Wilten ist noch das be= rühmte uralte Geschlecht der Herren von Matrey und Trautson zu nennen, das durch seine rühmlichen Schicksale und verwandtschaftlichen Beziehungen nicht nur in Tirol, sondern auch in ganz Österreich zum größten Einflusse und höchsten Ansehen gekommen ist. Schon um 1150 herum stand in Matrei, der uralten römischen Militärstation Ma- treium, ein Schloß gleichen Namens, welches einem Edel- geschlechte den Namen gegeben hat. Die Herren von Matre y siegeln öfters Urkunden des Klosters Bilten mit ihrem Wappen (einem Hahn) und erscheinen als Wohltäter des Stiftes. Im Jahre 1313 stiftet in der am Turme ange= bauten St. Johanneskapelle des alten Klosters Frau Gerwig von Matrey für ihren verstorbenen Gemahl Auto (Otto) eine tägliche Stiftmesse. Von da an erscheint diese Kapelle als Erbbegräbnisstätte der Herren von Matrey und ihrer Erbnachfolger, der Herren von Trautson. Nachdem schon früher verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den 9* 131 marschallamtes in Tirol. Die letzte ihres Geschlechtes, Maria Josepha von Trautson, vermählte sich 1744 mit Karl Josef Fürst v. Auersperg, welches Geschlecht hiedurch die sämtlichen Matreyischen und Trautsonschen Güter samt dem Erbmarschallamte in Tirol erwarb und bis auf den heutigen Tag noch besitzt. Die Häuser von Matrey und Trautson hat- ten eine ganze Reihe von Jahrtagen zu Wilten gestiftet und sie reichlich ausgestattet, welche im Jahre 1512 zu einem ein- zigen, aber sehr feierlichen Jahrestage zusammengelegt wur- den, wozu die gesamte Verwandt- und Freundschaft immer eingeladen wurde. Im Jahre 1644 wurde die St. Johannes- kapelle mit der alten Erbgruft dieser Geschlechter leider niedergerissen, um nach den Gebeinen des Riesen Haymo zu graben. In der linken dritten Seitenkapelle der jetzigen Stiftskirche befindet sich noch vor dem St. Johannesaltar ein Grabstein aus weißem Marmor mit den Wappen der Familien von Matrey und Trautson. Er stammt aber wahr- Scheinlich aus dem 17. Jahrhundert. Es sei noch zweier uralter Tiroler Geschlechter gedacht, die urkundlich schon im 12. Jahrhundert vorkommen, das Kloster Wilten reichlich begabten und auch dort heute nicht mehr vorhandene Familiengrabstätten besaßen. Das eine sind die Kolbe v. Rolbenturm, im mittleren Inntale anfäffig. 3hr Stammsitz war ob dem Gasteig zwischen Hall und Bolders am rechten Ufer des Inns, von dem jetzt noch ein viereckiger Turm, „Kolbenturm" genannt, vorhanden ist. Auch in der Stadt Innsbruck besaßen sie im Mittelalter einen festen Ansitz gleichen Namens, der im 16. Jahrhundert vom Freiherrn Karl v. Schurff umgebaut wurde (Karls- burg) und dessen turmartige überbrückung der Schlosser- 133 Kleeblattbogen erhebt. Ein Engele Engelschalk wurde in der Gehde der Stadt Innsbruck mit Konrad v. Straßfried als Burgoogt auf Sonnenburg gesetzt und geriet bei der Erobe- rung derselben in die Gefangenschaft (siehe oben das Ge- Schlecht der Helblinge). 2. Ebenfalls in die Kirchenmauer des Kreuzganges ein- gefügt ist ein Grabmal aus grauem Sandstein, das uns mit dem 1310 gestorbenen Konrad Kammerer und seiner Frau Anna bekannt macht. Das Wappenbild, wie oben an- gemacht, ist ein Dreieckschild mit zwei etwas schmalen, links- schrägen Balken. Konrad Kammerer war 1293-1303 Kammermeister der drei Brüder Ludwig, Otto und Heinrich, der Söhne Meinhart II., Grafen von Tirol-Görz und Her- zogs von Kärnten. 3. Ein weiterer Grabstein aus grauem Kalkstein daneben ist der eines Freiherrn Artisius (Sighard?) de Rubeis, latinisiert aus de Roffis, gestorben 1330. Das Wappenbild, an einem stilisierten Kreuze aufgehängt, bildet eine sechsblättrige Rose. Die de Rubeis stammen aus Flo- renz, wie auch die Inschrift am Grabsteine angibt, und kamen 1278 nach Tirol, um sich, wie heutzutage die Ostjuden, als Bankier und Geldmäkler der Münzstätten und Zölle zu be= mächtigen und ungeheure Reichtümer zu erwerben. Sie star- ben Ende des 14. Jahrhunderts aus. 4. An der Westseite des Kreuzganges in der Kellermauer befindet sich ein Wappenstein aus schwarzgrauem Marmor ohne Inschrift und stellt im Schilde einen gebogenen Fisch dar. Die einen vermuten, daß dies der Grabstein der hab- süchtigen und undankbaren Brüder Wiguleus und Bern- hard Gradner, Kammerräte des Herzogs Sigmund des 135 Münzreichen, sei (1460), die anderen weisen ihn, und zwar mit größerer Wahrscheinlichkeit, einem Rummers- brucker zu, welches Geschlecht unter Markgrafen Ludwig von Brandenburg, Grafen von Tirol und Gemahl der Mar- gareta Maultasch, aus Bayern nach Tirol kam (um 1350) und viele Güter und Pfandschaften hier erwarb. Mit Hans von Kummersbruck und seiner Gemahlin Anna von Kastel- barko, den Stiftern von Kloster und Kirche zu Rattenberg, woselbst heute noch ein kunstvoller, frühgotischer Wappen- stein mit den Abbildnissen des Stifterpaares an deren Be- gräbnisstätte erinnert, starb 1398 das Geschlecht aus. 5. Ebenfalls in der Kellermauer des Kreuzganges der Quere nach angebracht ist ein Grabstein aus grauem Kalk- stein, der uns den Tod des Alrich (Ulrich) Bellfar (Velser oder Völser), † 16. April 1417, angibt. Das Wappenschild zeigt eine auf einem Dreiberge aufrechte Ge- treidegarbe. Aus dem auf dem Wappenschilde aufruhenden Stechhelm streckt eine Hand mit dem Richterstabe heraus. Der Verstorbene war, wie aus alten Wiltener Urkunden hervorgeht, Richter der nahen Stadt Innsbruck. Die Völser hatten ihren Stammsitz auf dem Blasiusberg bei Völs in der Nähe Innsbrucks, erwarben später den Freiherrnstand und starben Mitte des 17. Jahrhunderts aus. 6. In der südlichen Kirchenmauer des Kreuzganges ist ferner die Grabplatte für die Margret Vegler, geb. Zengerin, Sigmund Veglers Weib, † 1. Geber 1434, einge= fügt. Den Grabstein nehmen drei Wappenschilde ein: Zenger (eine Zange), Vegler (eine Base mit nach außen sich neigen- den Lilien) und Dieperskircher (eine Kirche). Die Zenger waren ein altes bayerisches Adelsgeschlecht. Die Begler 136 Was Abb. 17, Berg 3fel bei 3nnsbruck im Jahre 1805 Legende 1 Sillhofkapelle 2 Meilenstein am Kirchweg 3 Fieberkapelle 4 Weiße Marter 5 Alter Militärfriedhof 6 Spielplatz am Hühnergart! 7 Garnisonsspital 8 Neuer Pradler Friedhof 9 Kriegerfriedhof 10 Getzner Säule und Stapfkapelle 11 Anderlkapelle 12 Panzingkapelle 13 Pestkapelle 14 Roß-Sprung 15 Dodlkapelle Sill Fl St. Bartlmä Pradi 591 15 Reichenau 14 50 ° a x72 Amras 11 Abb. 18. nach Schl. Amras