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VERÖFFENTLICHUNGEN AUS DEM STADTARCHIV INNSBRUCK
Herausgeber: Karl Schadelbauer
Nr. 15
50 Jahre schulärztlicher Dienst
in
Volks- und Hauptschulen
von
Stadtphysikus Dr. Leopold Unterrichter
INNSBRUCK 1957
IM SELBSTVERLAG DES STADT MAGISTRATES
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Vo n den
VERÖFFENTLICHUNGEN AUS DEM S T A D T A R C H I V INNSBRUCK
sind ber ei t s e r s c h i e n e n :
Nr. 1 Innsbrucks stadtgeschichtliches Schrifttum bis zum Jahre 1950 (1. Teil: Nr. 1—2000)
von Wilhelm Eppacher und Karl Schadelbauer. 1950.
Nr. 2 Innsbrucker Urkunden aus dem Stiftsarchiv Wilten (1238— 1350) von Karl Schadelbauer.
1951.
Nr. 3 Die Wohltäter der Landeshauptstadt Innsbruck von Wilhelm Eppacher. 1951.
Nr. 4 Briefe aus Alt-Innsbruck (1461— 1873) von Karl Schadelbauer. 1952.
Nr. 5 Innsbrucker Geschichtsblätter (1. Folge) von Karl Schadelbauer. 1952.
Nr. 6 Verzeichnis der Urkunden des Stiflsarchives Wilten von 1138— 1299 von Karl Schadel
bauer. 1953.
Nr. 7 Innsbrucks stadtgeschichtliches Schrifttum bis zum Jahre 1950 (2. Teil: Nr. 2001—4770).
1953.
Nr. 8 Beiträge zur Innsbrucker Kirchengeschichte für Propst Dr. Josef Weingartner. 1954.
Nr. 9 Lesebuch aus Innsbrucker Stadtgeschichtsquellen. 1955.
Nr. 10 Die gefälschten Urkunden des Bischofs Reginbert von Brixen für das Kloster Wilten von
Dr. Fritz Steinegger. 1956.
Nr. 11 Innsbrucker Geschichtsblätter (2. Folge). 1956.
Nr. 12 Die St.-Jakobs-Kirche in Innsbruck im Lichte der Rechtsgeschichte von Univ.-Prof. Doktor
H. Lentze.
Nr. 13 Geschichte der Raum- und Grenzbildung der Stadtgemeinde Innsbruck von Otto Stolz.
Nr. 14 Die Kleinstbände der „Dipauliana“ — Ein Bücherverzeichnis (Band 1 bis 100) von
Karl Schadelbauer.
D ruck: Tyrolia Innsbruck «88 n
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V E R Ö F F E N T L I C H U N G E N AUS DEM S T A D T A R C H I V I N N S B R U C K
H e r a u s g e b e r : Karl S c h a d e l b a u e r
Nr. 15
50 Jahre schulärztlicher Dienst
in
Volks- und Hauptschulen
von
Stadtphysikus Dr. Leopold Unterrichter
I NNS B R UC K 195 7
IM S E L B S T V E R L A G DES S T A D T MA G I S T R AT E S
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Einführung
Die Forderung nach einer regelmäßigen ärztlichen Betreuung der Schuljugend geht
schon etwa 100 Jahre zurück. 1869 forderte die in Innsbruck tagende N aturforscher
versammlung, daß ein A rzt in der Schulbehörde Sitz und Stimme habe. 1877 wurden
ähnliche Forderungen beim Hygienischen Kongreß zu N ürnberg aufgestellt. 1897
brachte das „W iesbadener System “ die Grundlagen für den heutigen Schul- oder eigent
lich besser Schülerarzt.
Innsbruck war eine der ersten Städte des alten Österreich, welche einen ständigen
schulärztlichen Dienst einführte. Seit 1907 werden die Pflichtschulkinder von Ärzten
des Stadtphysikates, dem späteren Gesundheitsamt, m it Ausnahme der Kriegsjahre
ununterbrochen bis heute betreut. Anfänglich war der W iderstand der Lehrerschaft
gegen den eindringenden A rzt nicht gering, fürchtete man doch einen ungünstigen E in
fluß auf die A u torität des Lehrkörpers. Diese Befürchtungen haben sich nicht bewahr
heitet, im Gegenteil, es hat sich daraus eine gute Zusammenarbeit entwickelt. Auch der
W iderstand der praktizierenden Ä rzte war zunächst unverkennbar. Auf jeden Fall be
währte es sich in Innsbruck sehr, daß der A m tsarzt auch den schulärztlichen Dienst ver
sah. E r hat beim Durchdrücken größerer Forderungen gegenüber der Gemeinde einen
stärkeren Nachdruck; die Bekäm pfung der Infektionskrankheiten liegt ohnehin in seiner
Hand und therapeutisch tritt er nicht in K onkurrenz m it den praktizierenden Ä rzten.
So entwickelte sich eine ersprießliche schulärztliche T ätig k eit und ihre 50jährige G e
schichte ist in gewisser Weise ein Spiegelbild der Milieuwandlung unserer Schulen.
In der vorliegenden Darstellung soll nicht die T ätig k eit des Schularztes bis ins Detail
erörtert und eine Menge Statistik vorgebracht werden. Einige allgemein interessante
Punkte müssen jedoch genauer in ihren Zusammenhängen dargestellt werden. Literatur
über den Schularzt liegt ohnedies heute eine Menge vor und in den Jahren nach dem
zweiten W eltkrieg wurden mehrere internationale Kongresse über das Schulärztewesen
abgehalten und auch Program me aufgestellt, die manchmal das Erwachen einer gewissen
Polypragmasie befürchten ließen. 50jährige Erfahrung läßt auch hier ein vernünftiges
Maß einnehmen.
Eine solche Institution aus dem Nichts gegen mancherlei W iderstände aufzubauen,
bedarf eines begeisterten V orkäm pfers. Dieser war für uns D r. V ik to r T s c h a m l e r ,
heute Stadtphysikus i. R ., welcher sich von Beginn des schulärztlichen Dienstes an bis
zu seiner Pensionierung im Jahre 1934 vornehmlich dieser Aufgabe widmete und der
eine T rad ition schuf, die sich bestens bewährte.
Auch die wohlwollende Förderung der übergeordneten Stellen ist erforderlich,
welche w ir heute in Vizebürgerm eister Hans F l ö c k i n g e r genießen.
D er Verfasser
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Historische Daten
Am 1. Jänn er 1907 begannen die ersten schulärztlichen Untersuchungen. Leider
existieren die Gesundheitsbogen von 1907 bis 1945 nicht mehr, die enthaltenen N otizen
hätten uns sicher w ertvolle Vergleichsmöglichkeiten geboten. W ohl aber sind die jä h r
lichen Tätigkeitsberichte der Schulärzte zu einem großen T eil noch vorhanden, aus
denen wir folgende „Historische D aten“ entnehm en:
1906: D er A kt, m it dem die Schuluntersuchungen in Innsbruck eingeführt wurden,
lautet:
Innsbruck, am 30. N ovem ber 1906.
21. 2152
Sch
An die
Leitungen sämtlicher städtischen Volksschulen
in
Innsbruck.
V om 1. Jänn er 1907 angefangen wird an allen städtischen Volksschulen ein
schulärztlicher Dienst eingeführt.
Die Aufgaben des Schularztes werden sein:
a) Untersuchung der Schulkinder einmal in jedem Semester;
b) Führung eines Gesundheitsscheines für jedes Schulkind (nach beiliegendem
Muster I);
c) Abhaltung einer Sprechstunde monatlich einmal in jeder Schule;
d) Teilnahm e an mindestens einer Lehrkörperversam m lung in jedem Semester;
e) Teilnahm e an den Sitzungen des Stadtschulrates m it beratender Stim m e;
f) Besichtigung der bestehenden und Beurteilung der Pläne künftiger Schul-,
gebäude, Stellung entsprechender Anträge.
Dem Schularzt ist es untersagt, die Behandlung kranker Schulkinder zu über
nehmen, er hat nur Ratschläge zu erteilen und in allen Fällen, welche ärztliche
Behandlung erheischen, die Schüler bzw. deren E ltern an einen A rzt oder an die
K linik zu verweisen.
(Es folgen organisatorische Anweisungen.)
Stadtschulrath Innsbruck
D er V orsitzende: W . G r e i l mp.
W ie man aus dem Rundschreiben ersieht, hatte man schon vor 50 Jahren die wesent
lichen Funktionen des Schularztes völlig erfaßt.
1907: Bericht über die Untersuchungen der ersten Klassen m it Angaben über K räfte
zustand und pathologische Befunde. Die Ä rzte m ußten sich erst in das völlig
unbekannte Gebiet einarbeiten, Erfahrungsberichte standen damals noch wenige
zur Verfügung. Es wurden 727 Kinder untersucht.
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1908: Die ersten und zweiten Volksschulklassen sind untersucht. Bericht über den A ll
gemeinzustand: G ut je nach Stadtteil 63,9 bis 5 2 ,4 % , schwächlich oder blutarm
36,1 bis 4 7 ,6 % ; der Schwächezustand wird im wesentlichen auf ungünstige Milieu
verhältnisse zurückgeführt. Die Behandlungsbedürfti^keit der verschiedenen
Sprachstörungen wird betont. Zahnkaries in den ersten Klassen 2 5 % , in den zwei
ten Klassen 4 4 % . Häufige Unsauberkeit. D rucksorten zur Elternbenachrichtigung
werden bereitgestellt.
1909: Statistik über Untersuchungen aller Volksschulkinder. Ausführlicher Bericht
über festgestellte Mängel und Erkrankungen. Erstes Schulbad in der Pradler
Volksschule wurde eröffnet. Vorschläge der Schulärzte zur Kinderverschickung
auf Kosten des D r.-G latz-Fonds nach Grado.
In dieser Zeit wird immer wieder die Anämie der Schulkinder betont (27%
bei Knaben, 29,9% bei Mädchen), wobei wohl zu bemerken ist, daß blasses Aus
sehen nicht im m er eine sichere Anämie bedeutet.
1910: Mehrere Fälle von Infektionskrankheiten und eine Scharlachepidemie in Schulen
waren der Anlaß, eine Aufklärungskampagne bei Lehrern und E ltern über Infek
tionskrankheiten der Kinder zu arrangieren. G rößere Unsauberkeit, bei Knaben
1 5 ,4 % , bei Mädchen 1 1 ,2 % . Kopfläuse bei Knaben 2 ,2 % , bei Mädchen 2 4 ,5 % .
Gebrechen und Mängel werden wiederum detailliert angeführt. Am 10. Septem
ber 1910 wird eine richtiggehende Dienstordnung für die Schulärzte eingeführt.
1911: In diesem Jahre wurde m it den Untersuchungen für evtl. zurückzustellende,
noch nicht schulreife Kinder begonnen. Eine Masern- und anschließende Schar
lachepidemie, die vom W inter 1910 bis Som mer 1911 dauerte, beeinflußte den
Schulbetrieb sehr und veranlaßte die Schulärzte zu zahlreichen Klassensperrungen.
1912: Die schulärztliche T ätig k eit wird nunm ehr auch auf die Bürger- (späteren H aupt-)
schulen übertragen. Eine entsprechende D ienstordnung wird ausgearbeitet.
Einen erheblichen Raum nim m t der Bericht über die B ett- und Hosennässer
ein und das Vorgehen gegen die brutalen Erziehungsmethoden, um sie abzu
gewöhnen.
1919: D en ganzen W eltkrieg hindurch ruhte jede ärztliche T ätig k eit in den Schulen,
erst 1919 wurde sie, zunächst in bescheidenem Um fange, wieder auf genommen
und im folgenden Jahre weiter ausgebaut.
1921: Eine große Förderung erfuhr der schulärztliche D ienst, als den Ärzten Jugend
amtspflegerinnen zur Verfügung gestellt wurden. Jede dieser bald unentbehr
lichen Fürsorgerinnen erhielt einen Stadtteil zugewiesen, dessen Schulen sie für
sorgerisch zu betreuen hatte.
1922: Da Ernährungs- und Kräftezustand der K inder in den N achkriegsjahren sehr
schlecht waren, hatte die Allgemeinbeurteilung große W ichtigkeit für die E in
reihung in die Kinderausspeisungen. U m ein möglichst treffendes U rteil zu er
reichen, faßte man Blutzustand, Fettansatz, Gewebsspannung und M uskulatur zu
sammen (Sacratama nach Pirquet).
Die besonders von den Am erikanern durchgeführten Schulausspeisungen wa
ren eine große H ilfe, doch konnte eine erhebliche Zahl von Bedürftigen daran
nicht teilnehmen. Auch die Lebertranausgabe wurde durch die Schulärzte geregelt.
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In diesem Jahre wurde auch der „Tuberkuloseverein für T iro l“ , so, wie in an
deren Bundesländern, unter Leitung von Prof. D r. H a y e k gegründet; die K o
sten wurden vom Land getragen. E rst 1939 übernahm die Stadt Innsbruck diese
Fürsorgestelle. 1922 wurde sogleich auch m it den Untersuchungen von tbc-ver-
dächtigen und -gefährdeten Kindern begonnen.
An Elternabenden wurden V orträge über die „Frage der Sexualerziehung“
gehalten.
1923: D er Kropfanfälligkeit der Schuljugend wird besondere A ufm erksam keit gewid
met. M it W a g n e r - J a u r e g g wurde Verbindung aufgenommen; er hatte
damals die Jodprophylaxe in Österreich ins Leben gerufen.
Eine Schokolade-Jodostarintablettenbehandlung von schwerer betroffenen
Kindern unter K ontrolle des Schularztes wurde eingeleitet. D er Verbrauch von
Vollsalz wurde propagiert.
Die Schulbrausen wurden zum erstenmal nach dem Krieg wieder in B enüt
zung genommen (3 Schulen), sie werden von den Mädchen bedeutend weniger
frequentiert als von den Knaben.
An den Hauptschulen wurde der ungeteilte U n terricht eingeführt, die Schul
ärzte scheinen sich damals lebhaft dafür eingesetzt zu haben.
D ie Sprachstörungen wurden einer eingehenden Untersuchung unterzogen
und ihre Behandlung erörtert; damals gab es noch keinen besonders geschulten
U n terricht hiefür.
1924: Im Vordergründe des Interesses steht die Errichtung einer neuen Hilfsschule,
welche zuerst nur eine Klasse besitzt, im nächsten Jahre aber schon durch zwei
weitere verm ehrt wird. Die heute selbstverständlichen V orteile mußten damals
erst in langen Diskussionen begreiflich gemacht werden. D r. S t e i d 1 als N erven-
facharzt (1955 als Stadtphysikus verstorben) setzte sich besonders für diesen
Zweig des schulärztlichen Dienstes ein. Die Reste der Com m onw ealthfonds-
Spende wurden für die Anschaffung von Badebehelfen, Anfertigung von T u rn -
patschen und Ankauf von Turngeräten verwendet.
D er Schularzt w irkt nun auch bei den Schülerbeschreibungen (Berufsberatung)
m it.
Elternvorträge über Ferienbeschäftigung der Kinder.
1925: Turnberatung durch geschulte T urnleh rer auch in den Volksschulen wurde vor
geschlagen, ein gesondertes Haltungsturnen wurde eingeführt.
1926: Vergleich m it amerikanischen Schulverhältnissen. In diesem Jahre wird auch von
einem A rzt des Physikats und einem H errn des Jugendamtes eine Studienreise
durch mehrere Städte Deutschlands und der Schweiz unternom m en, um die dort
gewonnenen Erfahrungen zu verwerten.
1927: Einführung der Schulzahnklinik; ein V ertrag m it der U niversitätszahnklinik
bestim m t, daß diese gegen eine Pauschalzahlung die Behandlung unbem ittelter
Schüler übernim m t.
1928: N eueinführung der Milchausgabe in den Schulen während der großen V o rm it
tagspause.
V on diesem Ja h r an werden auch die Kindergartenkinder in die R eihenunter
suchungen einbezogen.
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1929: M it dem Kam pf gegen die H altungsfehler m ußte natürlich auch der Kam pf um
die Verbesserung der Schulbänke beginnen, welcher sich durch viele Jahre hinzog.
Eine große Zahl von V arianten wurde im Laufe der Jahrzehn te vorgeschlagen
und teilweise erprobt.
1931 wurde ein großer Bericht über die seit 25 Jahren bestehenden Schuluntersuchun
gen zusammengestellt. Besonders ausführlich wurden behandelt: die Zahnsanie
rung, Bericht über die Schulbäder, K ropf im Schulalter, Fußdeform ität- und In
suffizienz, Fußgym nastik, Sprachstörungen, das freie Schulgestühl, Berufsberatung,
das nervöse Schulidnd.
1935: D r. Steidl verfaßte abermals einen Bericht über die gesamten Leistungen im
Schulgesundheitsdienst, wobei alle neuen Gesichtspunkte berücksichtigt wurden.
In den Jahren des 2. W eltkrieges wurden zwar Schuluntersuchungen durchgeführt,
doch konnten natürlich aus den gewonnenen Erfahrungen nur wenige verw ertet wer
den. So wurde z. B. ein Sprechtag für körperbehinderte Kinder eingeführt, der jedoch
in der Nachkriegszeit bald wieder aufgelassen wurde. Die Lebensm ittelzubußen für
Kinder wurden, soweit vorhanden, vom K artenam t generell geregelt.
Nach dem ersten Bom benangriff auf Innsbruck am 15. Dezember 1943 wurden die
meisten Schulen geschlossen auf das Land evakuiert, w om it jede Schulfürsorge hinfällig
wurde.
1945: Nach Kriegsende begann man, die evakuierten Schulen wieder in die Stadt zu
rückzuverlegen. Eine Reihe von Schulgebäuden und besonders Turnsälen war
teil- oder totalbeschädigt, mehrere Schulen waren von der Besatzungsmacht be
schlagnahmt.
Im H erbst dieses Jahres wurden die Schuluntersuchungen wenigstens teilweise
wieder aufgenommen. Unterernährung und Mangelerscheinungen machten sich
stark bem erkbar. Besonders hart war es, daß Kinder ab dem 6. Lebensjahr keine
Milchzuteilung m ehr erhielten.
1946: V on den rund 8000 untersuchten Schulkindern sind 45% deutlich unterernährt,
viele auch blutarm . Für Auslandshilfe (besonders für das R o te Kreuz, D änem ark
und die Schweiz) wurden Listen der Bedürftigsten zusammengestellt. Die K om
missionen stellten alsbald die außerordentliche O bjek tiv ität der Beurteilung durch
das städtische Gesundheitsamt fest und zogen es auch zu allen möglichen anderen
Lebensm ittelverteilungen heran.
1947: D er schulärztliche Dienst wird weiter ausgebaut und alle wiedereröffneten Schu
len werden einbezogen. Auch die zahnärztliche Betreuung der Schulkinder wird
von der Schulzahnklinik wieder aufgenommen. Deutliche Zeichen der mangel
haften Ernährung und Blutarm ut sind immer noch in erhöhtem Maße festzu
stellen.
1948: N unm ehr erstreckt sich der schulärztliche Dienst auf sämtliche Schulen in der
Stadt sowie die Kindergärten. Eine sichtliche Besserung des Allgemeinzustandes
gegenüber den V orjahren ist festzustellen.
1949: Sämtliche Kindergärten und Schulen der Stadt werden durch das Gesundheitsamt
betreut. Außerdem wird noch ein G roßteil der Lehrlinge untersucht und an
diese ebenso wie für die Schüler Elternbenachrichtigungen ausgegeben, die E r
holungsbedürftigkeit einzelner festgestellt usw. Durch einen A rzt des Gesund
heitsamtes wird auch das Lehrlingserholungsheim in Mösern betreut.
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1950: Untersuchungen der Schuljugend wie bisher. Die Lehrlingsbetreuung fällt nun
fo rt.
1951: Keine wesentliche Änderung. Besondere Bedeutung hat die nachgehende Fürsorge,
welche zwar große Mühe verursacht, jedoch auch schöne Erfolge zeitigt. Bei nun
m ehr rund 14.000 Schüleruntersuchungen waren etwas über 1200 Hausbesuche
und Dienstwege der Fürsorgerinnen nötig.
1952: Auch in diesem Jahre wird wiederum die ganze Schuljugend Innsbrucks vom Ge
sundheitsamt betreut.
1953: Die Belastung der Ä rzte des Gesundheitsamtes durch die immer größer werdende
Zahl der Schuluntersuchungen ist schwer, so daß die Neueinstellung eines Arztes
dringend erforderlich erscheint. Die bisherige Höchstzahl der untersuchten Schü
ler und Schülerinnen von 15.627 wurde erreicht.
V om neuen Chef der U niversitäts-Z ahnklinik wird der V ertrag m it der Stadt
gekündigt. W ir besitzen keine Schulzahnklinik mehr, es muß eine N otlösung
gefunden werden.
1954: Keine wesentliche Änderung des schulärztlichen Dienstes gegenüber dem V o r
jahre. Sämtliche Schüler wurden durchuntersucht.
1955: Die Betreuung aller Mittelschulen wurde vom Gesundheitsamt losgetrennt und
die einzelnen Schulen als vom Bund honorierte Schularztstellen ausgeschrieben.
Leider ist dadurch die Einheitlichkeit der Betreuung zerstört. N ur einen Teil
dieser Anstalten betreuen Ärzte des Gesundheitsamtes je tz t nebenamtlich.
Da im m er wieder die große Anzahl von Fußdeform itäten festgestellt werden
m ußte, wurde ein M erkblatt m it zahlreichen Fußübungen ausgearbeitet, welche
in den Turnstunden der ersten Volksschulklassen geübt werden sollten.
Die festgestellte Erholungsbedürftigkeit von Schulkindern hat gegenüber den
ersten Nachkriegsjahren stark an Bedeutung verloren.
1956: Die Zahl der Untersuchungen ist durch die Abgabe der Mittelschulen deutlich
zurückgegangen (9440 Untersuchungen).
Am Ende dieser Ausführungen soll noch kurz das heute viel diskutierte Problem
erörtert werden, ob haupt- oder nebenamtliche Schulärzte bestellt werden sollen, und
zwar ganz abgesehen von der finanziellen Frage.
D er hauptamtliche Schularzt, wie ihn z. B. K ärnten besitzt und propagiert, hat sich
ausschließlich den Schuluntersuchungen und den sich daraus ergebenden Aufgaben zu
widmen, der nebenamtliche widmet sich außerdem einer Praxis oder sonst einer ärzt
lichen Tätigkeit. D er hauptamtliche Schularzt wird damit zum Facharzt m it allen V o r-
und Nachteilen des Spezialisten. Jedenfalls ist zu erwarten, daß er den K o n tak t m it dem
gesundheitlichen Geschehen der aus der Schule Entlassenen viel eher verliert und damit
nicht die Auswirkungen seiner T ätig k eit beobachten kann. Fast ausschließliche R ou tin e
untersuchungen müssen ja zum Überdruß und zur Einseitigkeit führen, welche gerade
in diesem ärztlichen Bereiche gewiß nicht wünschenswert ist. Andererseits ist die schul
ärztliche T ätigkeit viel zu wichtig, als daß man sie ohne V orkenntnisse nur so nebenbei
erledigen könnte.
V o r allem aber wäre zu fordern, daß der gleiche A rzt die gleichen Schulen möglichst
viele Jahre betreut; dadurch erlangt er einen Überblick der Entwicklungs- und Prophy-
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laxemöglichkeiten der Heranwachsenden Jugend, wie sie m it Maßband und Waage nie
zu erreichen sind.
Noch ein W o rt über die Statistik verschiedener Befunde. H ier gehen in den ein
zelnen Ländern die Ansichten, was als pathologisch aufzuzeichnen ist, so weit auseinan
der, daß Vergleiche nicht möglich sind (ein augenscheinliches Beispiel sind die K ropf-
statistiken). Diese Abweichungen machen sogar unseren Schulärzten, welche doch jahre
lang Zusammenarbeiten, manchmal zu schaffen und müssen erst koordiniert werden.
Die Untersuchung
Die unerläßliche Basis für eine erfolgreiche schulärztliche T ätig k eit ist das klaglose
Zusamm enarbeiten von Schularzt, Fürsorgerin und Lehrkörper. Je besser dieses ist, je
mehr sie aufeinander eingespielt sind, desto erfolgreicher wird die T ätig k eit sein. Basis
für alle folgenden M aßnahmen ist die jährlich mindestens einmal durchzuführende
Reihenuntersuchung sämtlicher Schüler. Nachstehend sollen der Gang der Untersuchung
und die sich daraus ergebenden M aßnahmen geschildert werden, wie sie sich in Inns
bruck seit Jahren bew ährt haben.
Die Schuluntersuchungen beginnen eigentlich schon am Ende des vorhergehenden
Schuljahres m it den Einschreibungen für den H erbst bzw. m it der Einschreibung in die
erste Volksschulklasse. Besteht irgendein Zweifel über die Schulreife des Sechsjährigen,
•wird er dem Schularzt vorgeführt, der bei uns dann ein entscheidendes W o rt bei der
Einschulung oder Rückstellung "sowie bei einer eventuellen Altersdispens zu sprechen
hat. V erhältnism äßig leicht ist die Entscheidung bei körperlich und geistig noch nicht
reifen Kindern, viel schwerer aber, wenn eine D iskrepanz besteht zwischen geistiger
und körperlicher Entwicklung. H ier müssen sorgfältig die N achteile, welche vielleicht
auch erst später auftreten können, erwogen werden. W ir haben uns seit Jahren eine
gewisse Großzügigkeit der Rückstellung zu eigen gemacht und die Resultate werden uns
recht geben. Dem Kind kann im Zweifelsfalle ein Ja h r länger im Kindergarten gewiß
nicht schaden.
Zu Beginn eines jeden Schuljahres wird einige Zeit vor den Reihenuntersuchungen
an die Schulneulinge vom Klassenlehrer der „Fragebogen an die Eltern der K inder“
ausgegeben; er soll die gesundheitliche Vorgeschichte des Kindes erbringen. Bis die aus
gefüllten B lätter zurückkomen, werden die Gesundheitsbogen vorbereitet, welche jedes
Kind durch seine ganze Schulzeit begleiten sollen. Innsbruck hat für sich ein Form blatt
entwickelt, das dem A rzt verhältnismäßig viel Freiheit läßt und für individuelle Bem er
kungen sehr geeignet ist. Es gibt davon in Österreich die verschiedensten A barten,
manche m it vielen Unterabteilungen. Sie zwingen den Untersuchenden in ein starres
System, das für den Neuling gut, für den Geübten hemmend ist. Für die Untersuchung
selbst sollen womöglich zwei Räum e, einer zum Ausziehen, Messen und W iegen, der
andere zum Untersuchen, zur Verfügung stehen, denn die U m u he z. B. in den Klassen
zim m ern und die vielen zuschauenden Mitschüler beeinträchtigen zweifellos die U n ter
suchung. G rößter W ert ist darauf zu legen, daß der Klassenlehrer anwesend ist und auch
ungefragt Auskünfte über das gerade untersuchte Kind gibt (Auffälligkeiten somatischer .
oder psychischer N atu r beim U n terricht, Besonderheiten im Familienleben usw.).
Die bis auf die U nterhose entkleideten Kinder werden zunächst gewogen und ge
messen und dann dem A rzt vorgestellt. Dieser untersucht das Kind, wobei es natürlich
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ist, daß sich jeder ein gewisses Schema aneignet. Die Resultate werden diktiert und von
der Fürsorgerin in die entsprechende R u b rik des Gesundheitsscheines eingetragen. W ird
eine Veränderung festgestellt, welche behandlungsbedürftig erscheint, so wird am besten
sofort eine vorgedruckte M itteilung an die E ltern ausgefüllt. In dieser werden sie auf
gefordert, aus diesem oder jenem Grunde den H ausarzt, einen Facharzt oder eine Klinik
aufzusuchen. Nachdem auch der Schulleiter diese M itteilung unterzeichnet hat, bekom m t
das Kind das B latt m it nach Hause. Außerdem erhält jede Klasse noch ein D oppelblatt,
die Überwachungs- und die Fürsorgeliste. Auf ersterer werden die Kinder eingetragen,
welche einen Mitteilungsschein für zu Hause bekom m en haben. Es ist späterhin eine
besonders wichtige Aufgabe der Fürsorgerin, an Hand dieser Aufschreibungen zu ver
folgen, ob die Eltern diese M itteilung auch tatsächlich zur Kenntnis genommen haben.
Im Laufe der Jahre ist es gelungen, die E ltern unserer Stadt zu einem erheblichen Teil
dazu zu bringen, diesen Scheinen auch Beachtung zu schenken.
Die Fürsorgeliste hingegen ist ein Verzeichnis derjenigen körperlich und auch sozial
bedürftigen Schulkinder, welche für eine eventuelle Fürsorgemaßnahme (sommerliche
Landverschickung) im laufenden Jah r in Betracht kom m en.
Besondere Sorgfalt ist den ersten Volksschulklassen zu widmen, um festgestellte
Mängel möglichst frühzeitig einer Behandlung zuzuführen. Die ersten Klassen werden
daher auch immer möglichst zum Schulbeginn vorgenomm en. Bei allen Kindern wird
eine M oroprobe gemacht, außer bei jenen, die schon im Kindergarten positiv waren.
Ebenso müssen die Schüler, welche im laufenden Schuljahr 14 Jahre alt werden, beson
ders sorgfältig überprüft werden; bei ihnen ist ja auch die Gesundheitskarte für die
Berufsberatung auszufüllen. Die auf dem Gesundheitsbogen in allen Schuljahren gesam
melten D aten müssen noch einmal kurz überprüft werden, ob sie nicht wichtige H in
weise für den künftigen Beruf geben können. Es wäre zu wünschen, daß der Schularzt
auch etwas näher über die gesundheitlichen Erfordernisse der verschiedenen Berufe und
ihre Gefahren orientiert ist (siehe Kartei des Institutes für Arbeitskunde und Berufs
forschung in W ien). Durch die sorgfältige und möglichst lückenlose Durchführung der
Reihenuntersuchungen erhalten wir die M öglichkeit:
Schulrückstellungen durchzuführen,
in die Berufswahl einzugreifen,
bei Krankheiten und Gebrechen das Kind einer raschen Behandlung zuzuführen
bzw. Verschlechterungen vorzubeugen,
Auslese für Ferienaktionen zu treffen,
die Grundlagen zur Em pfehlung von G roßaktionen zu schaffen, z. B. für ver
schiedene freiwillige Impfungen, Fluorprophylaxe zur Bekäm pfung der Zahn-
caries, orthopädisches T u rnen, Strum aprophylaxe usw.
Es muß betont werden, daß die Reihenuntersuchungen für A rzt und Fürsorgerin
ausgesprochen anstrengend sind, da sie konzentrierteste Aufm erksam keit verlangen, soll
die Untersuchung sich nicht endlos dahinschleppen. Es empfiehlt sich, an einem Halbtag
nie mehr als zwei Klassen vorzunehm en.
N unm ehr soll auf einzelne der wichtigsten erhobenen Befunde näher eingegangen
werden.
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Der Allgemeinzustand
Körpergröße, Gewicht und Entwicklung bilden die ersten Punkte der Untersuchung.
Sie sind von nicht geringer W ichtigkeit vor allem für die statistische Erfassung des
Entwicklungsverlaufes unserer Jugend. Sie spielen aber auch praktisch eine wesentliche
R olle, denn sie bildeten in den Nachkriegszeiten die Grundlage für die Zuteilung von
ausländischen Lebensmittelspenden und die Verschickung ins Ausland. Auch später
wurde ein Erholungsaufenthalt m ehr oder weniger von diesen D aten abhängig gemacht.
Auf den ersten Blick erscheint es einfach, auf Grund von G röße, Gewicht und A lter
den Allgemeinzustand bzw. die Entwicklung zu beurteilen. Eine große Zahl von F o r
schern hat sich schon lange m it diesem Problem beschäftigt und versucht, N orm zahlen
für die verschiedenen Altersklassen aufzustellen; wir besitzen eine R eihe von Tabellen
m it Sollgröße und Sollgewicht der Jugendlichen. In Österreich dürfte die von P i r q u e t
auf gestellte Tabelle die bisher am meisten benützte sein. Alle diese nach einer möglichst
großen Zahl von Kindern errechneten M ittelw erte befriedigen in der Praxis durchaus
nicht. Die Entwicklung ist von vornherein individuell so verschieden, beeinflußt durch
M ilieu- und Erbverhältnisse, daß m it einer linearen Aufstellung nicht das Auslangen zu
finden ist. Dazu kom m t noch, daß schon seit einigen Jahrzehnten ein überwiegender
T eil der Nachkommenschaft absolut größer wird als seine E ltern, daß aber auch sein
Wachstum zeitlich beschleunigt (accelleriert) ist. Es hat sich gezeigt, daß seit den Mes
sungen von S p i e ß 1887 die Größenzunahm e in allen Altersklassen bis heute m ehr
als 10 cm beträgt.
Betrachten wir heute die gleichaltrigen Schüler einer Klasse, so müssen wir erstaun
liche G rößen- und Gewichtsunterschiede feststellen. K ärnten suchte dieser Schwierigkeit
H err zu werden, indem es von einer möglichst großen Zahl von Kindern aus Gewicht,
Größe und A lter eine Kurve bildete, m it der dann die Untersuchungsergebnisse ein
zelner verglichen werden konnten. Schließlich kom m t man zur Feststellung, daß jede
Stadt und jedes Land sich selbst solche Maßstäbe für den „lokalen Bedarf“ anfertigen
m üßte, um der Situation gerecht zu werden. N atürlich versuchte auch das Städtische
Gesundheitsamt Innsbruck, sich dieser Lage anzupassen; zwei Versuche sollen kurz dar
gelegt werden.
V on den im Jahre 1952/53 untersuchten Schülern und Schülerinnen (rund 9000)
wurden die Durchschnittsgrößen und Gewichte der Jahrgänge errechnet und den D urch
schnittszahlen von Pirquet gegenübergestellt (siehe Fig. 1). Es zeigte sich schon von der
ersten Klasse an (Sechsjährige) eine deutliche Differenz zwischen den Zahlen. Die Kinder
von 1952 zeigten sich m erklich größer und schwerer, wenn im Durchschnitt auch der
Unterschied nicht so beträchtlich erscheinen mag. N un erheben sich die weiteren Fragen,
wie viele von den Kindern diese Beschleunigung mitmachen und ob auch die Gewichts
zunahme Schritt hält bzw. ob sie hinter dem Längenwachstum zurückbleibt. Auch dies
wurde zu errechnen versucht; in der entsprechenden K olonne sehen wir, daß von den
Sechsjährigen 95,1% (bzw. 9 2 ,1 % ) die Durchschnittsgröße von Pirquet überschritten
und daher nur 4,9% bzw. 7,9% gleich groß oder kleiner waren. Dieser hohe P rozent
satz nim m t im Laufe der Jah re ab und erreicht im 14. Lebensjahre nur m ehr 71,3%
bzw. 7 2 % .
Schlußfolgerung: Die Kinder zeigen beschleunigtes W achstum in einem sehr hohen
Prozentsatz, doch ist schon gegen das 14. Lebensjahr ein gewisser Rückgang dieser Be
schleunigung festzustellen. W as die Gewichtszunahme anlangt, so ist aus den entspre
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Seite 14
14/36
JW
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P irqu ets Maße
Prozent in P ro zen t in P ro zen t
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95.1 119.5 111.5 42.9 21.3 21.5 05 118.3 109.5 92.1 20.8 8*61 4 6 .4
to
CO to
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94.1 125.7 117.0 50.5 2 4.2 2 3 .8 123.7 115.0 93 .4 if* oo 52.4
.
95.1 129.7 122.0 4 6.9 2 6 .4 2 6 .0 00 to
00 120.0 94 .0 25 .6 2 3.8 6 6 .4
CO
CO
9 1 .3 135.9 127.0 4 7 .5 29.7 2 8 .5 134.6 125.0 95.6 28 .8 2 5 .8 0500
9 3 .2 139.1 132.0 49.1 3 1.3 3 1 .0 o 139.5 1 30.0 6*96 32.0 27.3 9*18
93.1 143.9 137.0 4 6 .9 3 4.5 33.5 146.5 135.5 96.7 36.8 30.2 79.2
00 to
o 149.1 142.0 51.9 3 7 .5 36 .0 151.3 142.0 85.7 40.5 34.1 8 0 .5
. j
0° h-‘ 00 00
154.7 147.0 50.9 4 2 .7 38.9 CO 154.7 149.0 44.1 3 9.4 7 1.2
_______ 1
71.3 1 59.0 153.5 48.7 4 5 .8 4 2 .6 158.1 155.0 72.0 48.1 45 .0 5 7 .6
Figur 1: Durchschnittszahlen für Größe und Gewicht der Schüler und Schülerinnen im Schuljahre 1952/53, verglichen mit den D u rch
schnittszahlen nach P irq u et.
Perzentuelle Angaben, von wievielen Kindern die alten Maße überschritten wurden. 12
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chenden K olonnen deutlich zu ersehen, daß diese beiweitem nicht m it dem stürmischen
Längenwachstum Schritt hält. N ur 43 bis 52% der Knaben übertreffen die ihnen ent
sprechenden Gewichte Pirquets. Es entsteht also nach alten Begriffen eine Disharm onie
zwischen Längenwachstum und Leibesfülle, die sich bei den Knaben noch viel deutlicher
als bei den Mädchen offenbart. U nw illkürlich kom m t man zum Vergleich zwischen
einer „Treibhauspflanze“ und einer Ackerfrucht.
Eine weitere Untersuchung soll noch kurz geschildert und in Fig. 2 dargestellt wer
den. Nach der Methode von R o u t i 1 und C o r r e n t i s , welche D o s i n g schon in
ausgedehntem Maße erprobte, wurden G röße und Gewicht von 300 elfjährigen Mäd
chen in einer Fläche eingetragen, auf deren Abszisse die G röße und deren O rdinate das
Gewicht angeordnet ist. Im jeweiligen Schnittpunkt wurde das Kind angekreuzt. Man
müßte nun erwarten, daß sich die 300 auf einem verhältnismäßig kleinen Feld zusam
menballen. In W irklichkeit sehen wir eine kolossale Streuung. Noch augenfälliger wird
diese Erscheinung, wenn wir nach dem gleichen System die Sollgrößen und Gewichte
der C a m e r e r - Pirquet - Tabelle vom 7. bis 16. Lebensjahr eintragen. Eigentlich
m üßten sich nun die Markierungen für die Kinder um die Strecke IOV2 bis I I V 2 be
wegen, doch sieht man, daß weitaus die M ehrzahl sich zwischen 11. und 16. Lebensjahr
verstreut hat.
Durch diese beiden Untersuchungen ist eenügend dem onstriert, daß es heute wohl
noch viel schwerer als seinerzeit ist, eine allgemein gültige N orm tabelle aufzustellen.
Unerläßlich wird immer noch die Beurteilung des Schularztes bleiben, der die Bevöl
kerung möglichst eingehend kennen soll.
Was die Gedanken anlangt, welche man sich über die Ursachen der A ccelleration
machte, so sind hier schon die verschiedensten Theorien vorgebracht worden. Sie soll
durch stärkere Körperbestrahlung, durch mehr Vitam indarreichung und überhaupt ge
eignetere Ernährung verursacht sein; der erhöhte Lärm , die gesteigerten Gesichtsein
drücke und die gesamte Häufung der äußeren Reize sollen beteiligt sein. Manche neh
men diese Erscheinung als Degenerationszeichen. So sieht z. B. B o 1 k in der beim M en
schen gegenüber den anderen Säugern ausgeprägten Entwicklungsverzögerung gerade
dasjenige M om ent, welches dem Menschen sein geistiges Übergewicht gegeben hat.
Abgesehen von den theoretischen Erwägungen fällt diese A ccelleration auch prak
tisch für den Schularzt stark ins Gewicht. Die betreffenden Kinder machen häufig einen
körperlich kräftigeren Eindruck, als sie in W irklichkeit sind und können daher z. B. bei
summarischer Feststellung der Erholungsbedürftigkeit leicht gegenüber den anderen zu
kurz kom m en. Auch bei der Beurteilung der sportlichen Leistungsfähigkeit ist darauf
zu achten, daß der Accellerierte in gewissen Stadien im N achteil ist (H erz- und G efäß
system kom m en im W achstum nicht so schnell m it). Nicht zu vernachlässigen für
Lehrer und Schularzt ist auch die Tatsache, daß körperliche und sexuelle Entwicklung
und Reifung der intellektuellen und besonders der charakterlichen E ntfaltung weit
vorauseilen können und so Konfliktstoffe in reichem Maße entstehen.
Noch einige W orte über die Erholungsverschickung der Schulkinder während der
großen Ferien. Im Laufe der Jahrzehnte wurde diese in Innsbruck sehr gut ausgebaut
und heute haben wir zehn m ehr oder weniger offiziöse Stellen, welche für den E rh o
lungsaufenthalt der Kinder sorgen. Außerdem besteht für viele Kinder die M öglichkeit,
bei Verw andten auf dem Lande unterzukom m en. Bei Rundfragen in den Klassen ist es
erstaunlich, den hohen Prozentsatz der Kinder festzustellen, welche die Ferien ganz oder
teilweise außerhalb der Stadt verbringen können. Im m erhin bleibt noch ein gewisser
13
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V
T eil wirklich erholungsbedürftiger Kinder übrig, welche nirgends Unterkommen kön
nen; von diesen soll noch bei der Tbc-P rophylaxe gesprochen werden. Verhältnism äßig
leicht zu erwirkende Beiträge der Krankenkassen erleichtern diese A ktionen. Bei solchen
Gelegenheiten ergibt sich nicht selten die Frage, soll man bei diesem oder jenem Kind
zu einem A ufenthalt auf dem Land, z. B. im M ittelgebirge oder am Meer (Adria) raten.
Für unsere Gegend ist natürlich das Meer ein radikalerer Klimawechsel und ist die
Meeresluft besonders für Kinder zu empfehlen, die in irgendeinem T eil des Respirations
weges anfällig sind. Ansonsten haben wir aber auch nicht selten weniger ermutigende
R esultate des Meeraufenthaltes gesehen. Die oft große H itze und der radikale K o st
wechsel in den italienischen Heim en stellen doch große Anforderungen an ohnehin ge
schwächte Kinder.
Anomalien und Erkrankungen der Schüler
Es würde zu weit führen, auf alle Veränderungen und Erkrankungen einzugehen,
welche bei den Reihenuntersuchungen festzustellen sind. W ir teilen, wie schon erwähnt,
unsere Beobachtungen den Eltern oder Erziehungsberechtigten m it, schicken die Schüler
zum Haus- bzw. Facharzt und dieser soll bei einer Nachuntersuchung seine therapeu
tischen Schlüsse daraus ziehen. Dieser V organg hat sich im Laufe der Zeit in Innsbruck
schon gut eingespielt und im allgemeinen werden die Hinweise des Schularztes beachtet;
diejenigen Familien, welche sich nicht darum küm m ern, kennt eine gute Fürsorgerin in
ihrem Sprengel bald.
W ir übergehen daher die Besprechung aller jener Erkrankungen, welche nur für den
einzelnen Schüler von Interesse sind. In Fig. 3 sehen wir die wichtigsten Ergebnisse der
Untersuchungen zahlenmäßig und nach Prozenten dargestellt. Man beachte vor allem
die Verschiebung der Ergebnisse zwischen V olks- und Hauptschulen.
N un einige Bem erkungen über wenig stark verbreitete Veränderungen; hier sind
z. B. die Augenfehler. Die möglichst frühzeitige Feststellung von Brechungsfehlern der
Augen ist im wesentlichen von den Angaben der Lehrer abhängig. Im m erhin erreichen
wir doch in den Hauptschulen bei Knaben 10,4% und bei Mädchen 14% festgestellte
Augenveränderungen, wobei natürlich die Brechungsfehler bei weitem überwiegen.
Ebenso bildet die Angabe des Lehrers eine wichtige Grundlage bei Feststellung der be
hinderten Nasenatmung, deren Behebung bekanntlich für die Entwicklung des Kindes
von größter Bedeutung ist. Eine wie große R olle die Rachenorgane in der Jugend spie
len, bewies uns eine Zählung in den Hauptschulen, wo bei den Knaben 7 % , bei den
Mädchen 13,5% behandlungsbedürftige Veränderungen festgestellt wurden. In diesem
A lter waren bereits bei den Knaben in 9 % , bei den Mädchen in 6,4% operative E in
griffe im Rachenraum vorgenomm en worden. Durch die A ccelleration der Entwicklung
müssen wir heute m it Erkrankungen und Veränderungen bei Jugendlichen rechnen,
welche vor 30 Jahren in den Schulen noch völlig unbekannt waren. Gastritis und Ulcus
ventriculi finden wir heute in den Hauptschulen gar nicht m ehr so selten.
Die Reihenuntersuchungen bedingen zwangsläufig eine gewisse Zurückhaltung, be
sonders wenn sie in Klassenzimmern bei vielen Zuschauern erfolgen müssen. Man unter
lasse es aber trotzdem auf keinen Fall, zumindest einmal im Laufe der Schuljahre
eine Untersuchung auch der Leistengegend und Genitalsphäre, besonders bei der m änn
lichen Jugend, vorzunehm en. H ernien, Kryptorchismus und Phimosen sind erstaunlich
14
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Figur 2
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25 3o 35 4o 45 5o 55 6o
Gewicht in Kgi
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häufig. Eltern und Hausarzt müssen darauf aufmerksam gemacht werden, um eventuell
eine konservative Therapie einzuleiten oder den geeigneten Z eitpunkt eines Eingriffes
nicht zu versäumen. Gerade beim Kryptorchismus bestehen allerdings sehr verschiedene
Ansichten, ob und wann operiert werden soll; diese Veränderung ist häufig nicht bloß
eine anatomische, sondern das Zeichen einer allgemeinen horm onalen D ysregulation. Im
ersteren Falle werden wir einen selbständigen Descensus, wenn auch verspätet, erwar
ten können, im anderen wird auch die frühzeitige O peration keinen vollen Erfolg
bringen.
Die Schilddrüse der Jugendlichen
Innsbruck befindet sich in einem mehr oder weniger starken Endemiegebiet der
Strum a und es ist daher verständlich, wenn schon von vornherein auch der jugend
lichen Schilddrüse große Aufm erksam keit geschenkt wurde, da ja ihre V ergrößerung
und Funktionsstörung nicht nur von lokaler Bedeutung für den Hals, sondern auch eine
wesentliche Störung des Horm onhaushaltes bedeuten kann. Jedoch erst im Jahre 1923,
als Prof. W a g n e r - Jauregg zu einem allgemeinen Kam pf gegen die endemische
Struma aufrief, kam es zu geordneten Untersuchungen und A ktionen. Das Gesundheits
amt setzte sich m it W ien in Verbindung und nahm an den Bemühungen von Professor
W agner-Jauregg teil. Damals gab auch das A m t für Volksgesundheit ein M erkblatt m it
Bildern heraus, an Hand dessen man erst eine ziemlich einheitliche Untersuchung durch
führen konnte und dadurch verwertbares Zahlenm aterial geschaffen wurde. Nach die
sem M erkblatt unterscheidet man vier verschiedene Phasen der Schilddrüsenver
größerung:
1. Die normale, welche keine sichtbare Veränderung am Hals aufweist; die Schilddrüse
ist entweder gar nicht tastbar oder man findet nur eine minimale Substanz bei der
Schluckbewegung.
2. Bei seitlicher Betrachtung ist eine flache diffuse V orw ölbung zu sehen. Bei der Pal
pation ist die Verm ehrung der Substanz deutlich (Adoleszentenstruma).
3. Die diffuse V erm ehrung ist sowohl bei Inspektion als Palpation auffallend (sogenann
ter Blähhals).
4. Die Schilddrüse ist deutlich knotig verdickt.
Trotzd em bestehen immer noch uneinheitliche Auffassungen hierüber, was als K ropf
zu bezeichnen ist oder nicht, und diese führen zu den riesigen Differenzen des statisti
schen Materials, wie wir sie auch jetzt noch zwischen den einzelnen Bundesländern er
leben müssen. In Fig. 4 werden die entsprechenden Zahlen, welche in den für uns wich
tigen Jahren in Innsbruck erhoben wurden, dargestellt.
Für die Strum aentstehung wird bekanntlich die Jodm angeltheorie von den meisten
anerkannt und ist am verbreitetsten, wenn sich auch die Ansichten über den Mechanis
mus der Kropfentstehung etwas gewandelt haben und schon lange nicht m ehr geglaubt
wird, daß K rop f gleich Jodm angelkropf zu setzen sei. Dementsprechend wurde auch in
Innsbruck von 1923 bis 1927 eine A ktion zur Bekäm pfung des Jugendkropfes durch
geführt. Zahlreiche von den Schulärzten ausgewählte Schüler und Schülerinnen erhielten
unter entsprechender K on trolle Jodostarin tabletten. Außerdem wurde für die ganze
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Stadt die Verwendung von jodiertem Salz (Vollsalz) stark propagiert. Nach ungefährer
Feststellung machte damals der Vollsalzverbrauch ein V iertel des gesamten Konsums
aus. Die Zahl der norm alen Schilddrüsen bei ‘den Jugendlichen stieg damals von 41 %
auf 6 0 % . 1927 wurde die A ktion eingestellt, denn die große Propaganda in ganz Ö ster
reich hatte auch zahlreiche energische Gegner auf den Plan gerufen. D rei Jahre nach
Einstellung der A ktion im Jahre 1930 war der Vollsalzverbrauch auf ein Achtel ab
gesunken. Anscheinend wurde er in dem darauffolgenden Jahrzehn t nicht näher k on
trolliert. Jedenfalls sank die Anlieferung zu Beginn des 2. W eltkrieges stark ab und war
gegen Kriegsende gleich N ull. Die ersten größeren Untersuchungen der Nachkriegsjahre
zeigten einen deutlichen W iederanstieg des Jugendkropfes. Im Jahre 1947 betrug p lötz
lich die Anlieferung von Vollsalz 26% der Gesamtmenge; dies ist auf die Initiative aus
ländischer H ilfsaktionen zurückzuführen, besonders auf die der Schweizer, welche be
kanntlich in ihrem Lande größten W ert auf den Konsum von V ollsalz legen. Schon im
darauffolgenden Jahre schwand diese Initiative wieder. Eine W irkung dieses „ Jo d
stoßes“ konnten wir bei den Untersuchungen des darauffolgenden Jahres jedoch nicht
feststellen, es muß dabei allerdings zugegeben werden, daß wir umständehalber durch
aus nicht inform iert sind, wieviel von diesem jodhaltigen Salz in Innsbruck selbst ver
braucht wurde. In den späteren Jahren wurde es wieder sehr still um die Strum a
bekämpfung.
H eute kann man zwar überall wieder Vollsalz kaufen, doch liegt der Verbrauch
derzeit nicht über 7% des Gesamtkonsums. Trotzd em sehen wir die Jugendstruma stark
schwinden und können je tz t einen Tiefstand verzeichnen, der ohne unser^Zutun en t
standen ist.
V erfolgt man das Auf und Ab der Schilddrüsenschwellung im Verlaufe der Ja h r
zehnte, so kom m t man, wie ja auch anderwärts bekannt ist, zur Überzeugung, daß
nicht nur der Jodm angel die Ursache derselben ist. Man weiß heute, daß außer dem
Jod noch andere exogene M om ente vorhanden sind, z. B. Mangel an V itam in A und
verschiedene strumigene Stoffe, welche auch in manchen Lebensm itteln vorhanden sind.
So erklärt es sich wohl auch, daß bei der einförmigen K ost der Kriegs- und Nachkriegs
jahre sich diese Stoffe anreicherten und zu Kropfw ellen führten. N orm alisiert sich die
K ost, besonders durch Zufuhr von auswärtigen Lebensm itteln, so sinkt die Zahl der
Strum en teilweise auch von selbst.
W enn auch heute in Innsbruck die Situation des Kropfbefalles in den Schulen relativ
günstig erscheint, so können wir uns m it dieser Lage doch nicht zufrieden geben. In
unserem Schema wird Größe II als Adoleszentenstruma angesprochen und wir erwarten,
daß sie, weil entwicklungsbedingt (und daher auch bei den Mädchen doppelt so häufig),
in entsprechender Zeit verschwinden werde. N un können wir aber nie sagen, wann die
medikamentös beeinflußbare Parenchymstruma in die Kolloidstrum a übergeht, die nur
operiert werden kann. Nach Beobachtungen der Chirurgischen U niversitätsklinik Inns
bruck tritt diese W andlung früher ein, als man in der Vergangenheit annahm, vielleicht
auch eine W irkung der Entwicklungsbeschleunigung.
Da zur Zeit G roßaktionen gegen die Strum a in Österreich nicht zu erwarten sind,
raten unsere Schulärzte bei geeignet erscheinenden Kindern zu einer Vollsalzdarreichung
oder zu interner M edikation durch den H ausarzt. Entsprechende Vordrucke liegen bei
jeder Schuluntersuchung bereit. Leider muß häufig festgestellt werden, daß interne Be-
handlung|versuche allzufrüh als erfolglos abgebrochen werden. Da die dargereichten
Tagesdosen klein sein müssen (etwa 150 y pro die), so kann ein E rfolg natürlich nicht
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in wenigen W ochen erw artet werden. Eine andere Frage, die allerdings mehr den be
handelnden A rzt angeht, ist, ob man anorganisches oder organisch gebundenes Jod ver
abreichen soll. Es scheint, daß sich die M ehrzahl der A utoren für das organisch gebun
dene Jod ausspricht, obwohl dieses durch seine kom plizierten Resorptionsverhältnisse
eine exakte Dosierung bedeutend erschwert. Außerdem wird heute von den Kennern
der Schilddrüsenveräriderungen großer W ert darauf gelegt, werdenden M üttern ent
sprechende Mengen von Schilddrüsenpräparaten zu verabfolgen, um eine Strumabildung
bei ihnen und dem werdenden Kind zu verhindern. Auch bei Strum ektom ierten wird
die protrahierte Joddarreichung zur sicheren Verhinderung von Recidiven empfohlen.
Es ist also eine Reihe von Möglichkeiten vorhanden, auch ohne obligatorische Einfüh
rung des Vollsalzes in der Bevölkerung gegen die Strum a zu w irken; auch ist es unsere
Aufgabe, die W eiterentw icklung scharf zu überwachen, denn die Schilddrüse spielt bei
den im m er häufiger werdenden Störungen des vegetativen Systems gewiß eine erheb
liche Rolle.
Das Gebiß der Schulkinder
Es bedarf nicht erst längerer Ausführungen, um darzulegen, daß die Zahnkaries in
allen zivilisierten Ländern der Erde eine schwere ärztliche Sorge bildet. N icht nur, daß
der spätere Zahnverlust den K auakt m ehr oder weniger behindert, sondern auch als
Fokalherd für zahlreiche Allgemeinerkrankun^en ist die Zahn- und besonders W urzel
erkrankung gefürchtet. Diese Zahnfäule befällt schon in großem Ausmaße auch das
jugendliche Gebiß und der Prozentsatz der E rkrankten hat im Laufe der Jahrzehnte
y deutlich zugenommen. Auch schiebt sich von Ja h r zu Ja h r der Befall im m er mehr in
die Kindheit vor. In unserer Aufstellung werden Untersuchungen an Hauptschülern
von 1912/13 denen von 1955/56 gegenübergestellt; die Zunahme ist völlig eindeutig,
wenn auch der auffallende Sprung bei den Mädchen m om entan nicht erklärbar ist.
1912/13 1955/56
Hauptschüler
Knaben Mädchen Knaben Mädchen
Zähne tadellos in Prozent ................. 36,9 57,2 22,3 19,7
Zähne behandelt oder behandlungs
63,1 42,8 77,7 80,3
bedürftig in P r o z e n t ...............................
Bei diesem großen Kariesbefall war es von vornherein klar, daß man sich m it E in
zelaktionen bei den Schülern nicht begnügen könne. Auch m ußte man sich etwas um die
orthodontische Behandlung der Kiefer küm m ern, wenn auch seinerzeit die technischen
Voraussetzungen hiefür noch weit zurück waren.
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D a vor Jahrzehnten die Zahnärzte sich gegenüber der Behandlung von Kindern bis
auf einzelne Ausnahmen völlig ablehnend verhielten, griff man in Innsbruck wie auch
in anderen Städten zur Schulzahnklinik. Im Jänn er 1927 wurde von der Stadt m it dem
damaligen V orstand der U niversitäts-Z ahnklinik, P rof. M a y e r h o f e r, ein V ertrag
geschlossen, daß dort die von den Schulärzten zugewiesenen Kinder gegen eine Pauschal
vergütung behandelt würden. So entstand die „Schulzahnklinik“ , in welcher die Kinder
zu gewissen Stunden behandelt wurden und diese Einrichtung bew ährte sich sehr, denn
sowohl die Chefs der Zahnklinik trugen Sorge für den geordneten Ablauf als auch die
E ltern der kleinen Patienten, welche von vornherein gerade für diese M aßnahme großes
Verständnis hatten. E rst die zunehmende R aum verknappung. zwang den C hef der
Z ahnklinik, im Jahre 1953 den V ertrag zu kündigen. So ist die Stadt seit diesem Jahre
ohne Zahnklinik. Bis es gelingen wird, eine eigene neue Schulzahnklinik aufzubauen,
was natürlich m it großen K osten verbunden ist, wurde folgendes Provisorium ein
geführt:
D er Schularzt schickt jedes behandlungsbedürftige Kind von zahlungskräftigen oder
krankenversicherten E ltern m it entsprechendem Vordruck zum Zahnarzt, evtl. auch in
das Zahnam bulatorium der Kasse. Dies ist möglich, weil heute ein G roßteil der Zahn
ärzte der Behandlung von Kindern nicht m ehr so ablehnend gegenübersteht wie seiner
zeit. Für die kleine Zahl der K inder von armen und nichtversicherten Eltern über
nim m t die Stadt die Behandlungskosten in der W eise, daß m it mehreren Zahnärzten in
verschiedenen Stadtteilen V erträge geschlossen wurden, nach denen sie Kinder m it ent
sprechender Zuweisung der Schulärzte gegen Kassentarif behandeln. Diese Einrichtung
hat sich gut eingeführt und sie wird wohl auch noch längere Z eit bestehen müssen,
wenngleich sie gegenüber einer richtigen Schulzahnklinik eine R eihe von Nachteilen
aufweist. Auch die orthodontische Behandlung, welche in den letzten Jahrzehn ten so
große Fortschritte machte, wird durch das Gesundheitsamt soweit als möglich ge
fördert. Bei M ittellosen werden Behandlungszuschüsse gewährt, die gewöhnlich ein
D rittel der aufzubringenden Kosten ausmachen; die weiteren beiden D rittel bezahlen
Eltern und Fürsorge.
Unsere Bemühungen an den Kindern wären unvollständig, wenn nicht auch an die
Sanierung des Milchgebisses gedacht würde. Besonders ist dies wichtig für die M ahl
zähne, um zu verhindern, daß die ersten bleibenden M olaren schon von vornherein
verloren gehen.
D ie Anstrengungen seit Ende des zweiten W eltkrieges haben dazu geführt, daß sich
der damals desolate Zustand erstaunlich gebessert hat und wir heute m it Befriedigung
auf die gute Gebißpflege des überwiegenden Teiles unserer Schuljugend hinweisen
können.
Auf dem Gebiet der Kariesvorbeugung ist^ in den letzten Jahren eine neue wich
tige Frage an uns herangetreten, es ist dies die Fluorprophylaxe. M it der Fluordarrei
chung, natürlich in minimalsten Mengen auf lange Zeit, soll die Resistenz des Zahn
schmelzes wesentlich verbessert und damit der Kariesbefall bedeutend verm indert wer
den können. Aus der L iteratur, besonders der amerikanischen, ist fast nur Lobendes
über die Fluorprophylaxe zu entnehmen. Es wird eine hochprozentige Verm inderung
der Zahnfäule gemeldet. Die A pplikation erfolgt entweder durch Pinselung der Zähne
m it entsprechenden Lösungen, durch Zusatz des Fluors zum Trinkw asser in den Städten
oder durch Darreichung in T abletten form . Es wurde natürlich auch eine R eihe von G e
genstimmen erhoben, da ja bekanntlich Fluor in größeren Mengen als ausgesprochen
19
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S C H U L S T A T IS T IK 1950/57
Volksschulen ( 6 - bis 1 0 j ä h r i g e )
Zähne Schilddrüse Turnbe-
H al- Fuß E lte rn F ü r
Schüler U n te r freiung
Schulen saniert, tungs- deform i v e rstä n sorge
zahl suchte und
gut rep.-bed. 1 2 3 und 4 anom . tä te n digung kinder
Schong.
K naben 2644 2538 942 1596 1966 550 22 254 248 720 115 1
M ädchen 2450 2314 857 1457 1623 661 30 266 451 819 94 2
Summe 5094 4852 1799 3053 3589 1211 52 520 699 1539 209 3
P rozent 9 5 .2 5 % 3 7 .0 8 % 62.92 % 7 3 .9 6 % 2 4 .9 7 % 1 .0 7 % 10.71 % 14.40 % 31.69 % 4 .3 0 % 0.06 %
H a u p t s c h u l e n ( 1 0 - bis 1 5 j ä h r i g e )
K naben 2197 2106 606 1500 1456 610 40 250 262 404 50 51
M ädchen 2570 2410 525 1885 1267 964 179 464 527 730 37 55
Summe 4767 451 6 1131 3385 2723 1574 219 714 789 1134 87 106
P rozent 9 6 .8 3 % 2 5 .0 6 % 74.94 % 6 0 .3 0 % 3 4 .8 5 % 4 .8 5 % 15.81 % 17.69 % 2 5 .1 3 % 1 9 .2 6 % 2.3 4 %
F ig u r 3 zeigt die Ü b ersich t einiger w ich tig er Erhebungen des letzten Schuljahres. Die erste Prozentzahl stellt den H un dertsatz der U n te r
suchten gegenüber den tatsäch lich eingeschriebenen Schülern d ar. Alle übrigen P rozentsätze beziehen sich au f die Zahl der t a t
sächlich u ntersu chten K inder. Die Ü bersicht läßt den schweren Zahnkariesbefall m it zunehmendem A lter, die Ju g en d stru m a m it
B evorzugung der M ädchen, deutlich erkennen. A uch zaigen die Zahlen der E ltern verständ igu ngen deutlich die W ichtigkeit einer
Zusam m enarbeit des Schularztes m it dem E ltern h au s.
Seite 23
23/36
schädlich gelten muß. Jedenfalls hat man vor einer derartigen A ktion festzustellen, ob
nicht ohnehin der Bevölkerung genügend Fluor (im Trinkw asser oder in der N ah
rung) geboten wird. Da ein w irklicher E ffekt nur bei den im Entstehen begriffenen Zäh
nen zu erhoffen ist, muß die A pplikation möglichst in früher Kindheit erfolgen, ja
manche Ä rzte propagieren die Fluordarreichung überhaupt nur in der Schwangerschaft.
Nach längerer Beobachtung hat sich der österreichische Staat entschlossen, die Fluor
prophylaxe in T ab lettenfo rm zu propagieren und unter gewissen Bedingungen das
M edikam ent kostenlos beizustellen, allerdings bisher in sehr beschränktem Ausmaße.
Für das städtische Gesundheitsamt war diese M öglichkeit von großem Interesse, hatte
man sich doch schon längere Zeit m it dem Gedanken getragen, eventuell eine derartige
A ktion zu starten. Das Trinkw asser von Innsbruck war schon lange vorher untersucht
und als praktisch nahezu fluorfrei befunden worden. Allerdings war noch zu bedenken,
daß wir in einem Endemiegebiet für den K ropf liegen, und es bestand die strittige
Frage des eventuellen Antagonismus zwischen Jo d und Fluor. Diese Bedenken sind in
zwischen durch eingehende Studien in der Schweiz zerstreut worden; eine Förderung
des Kropfes durch Fluorgaben in dem für die Zähne nötigen Ausmaße ist nicht zu be
fürchten.
Das Gesundheitsamt hat also zu Beginn des laufenden Jahres m it der Fluoraktion
begonnen. Die Propaganda in den Kindergärten fand bei der Bevölkerung überraschend
guten W iderhall und in kurzer Zeit waren m ehr Kinder, als eigentlich gewollt, ange
meldet. W ir hatten m it etwa 50% Ablehnungen gerechnet, diese Kinder sollten dann
als K ontrolle m it den m it Fluor versorgten m itlaufen. Da sich aber oft in den K inder
gärten 95% meldeten, müssen wir uns diesbezüglich anders behelfen. M it 1600 Kindern
wurde die A ktion begonnen. Für jedes Kind wurde eine K arteikarte m it mehreren
Zahnschemata angelegt und das erste davon bei einer Untersuchung durch eine Zahn
ärztin sogleich ausgefüllt. Jeder Kindergarten erhielt außerdem eine Liste der beteiligten
Kinder, auf welcher die tägliche Ausgabe angehakt wird. Sonn- und Feiertage, W eih
nachten und O stern usw. fallen aus, für die großen Ferien wurden entsprechende Ferial-
packungen an die E ltern ausgegeben. Die gute D urchführung der A ktion hängt natü r
lich fast ausschließlich vom guten W illen und der Ausdauer der Kindergärtnerinnen und
später des Lehrkörpers ab. Drei Jahre hindurch sollen nämlich täglich die kleinen
T ab letten verabreicht werden. U m eine regelmäßige Abgabe zu gewährleisten, wurde
die A ktion in die Kindergärten bzw. ersten Volksschulklassen verlegt, da diese wohl
größere G arantie für die Regelm äßigkeit geben als die Verabreichung in der Familie.
Jedes Ja h r mindestens einmal werden die Kinder einer K ontrolle unterzogen. Die E r
weiterung dieser prophylaktischen Maßnahme in den kom menden Jahren ist beabsich
tigt. D ie durch die Firm a G E B R O gelieferten Z im a-Flu or-Tabletten stehen unter
staatlicher K ontrolle.
Wirbelsäulen Veränderungen und Fußdeform itäten
Beide Erscheinungen sind altbekannt und bilden auch heute noch eine große Sorge
jedes gewissenhaften Schularztes. Betrachten wir zunächst die W irbelsäulenveränderun
gen im Verlaufe der letzten Jahrzehnte, so können wir m it Befriedigung feststellen,
daß ihre schweren Form en heute wirklich zu den Ausnahmen gehören. Dies ist wohl
auf die gebesserten therapeutischen Verhältnisse im Kleinkindesalter, besonders bei der
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Rachitis und Tuberkulose, zurückzuführen. Auch der verm ehrte A ufenthalt im Freien,
die stärkere Bestrahlung, die größere V itam inzufuhr sowie die Verbesserung der Schul
bänke mögen das ihre getan haben, um das A uftreten leichterer Form en zu verhindern.
T ro tz allem müssen wir aber auch heute noch m it etwa 16% Veränderungen rechnen,
wie eine Zählung in den Hauptschulen im Jahre 1957 ergab und die sicher nur als M in
destziffer zu werten ist. Besonders stark treten dabei die beginnenden Rundrücken
hervor, welche sich später bei der Berufsausbildung rapid verstärken (festzustellen bei
den Lehrlingsuntersuchungen).
Ein weit überwiegender T eil dieser Veränderungen ist in diesem Alter noch rever
sibel und könnte durch entsprechende Übungen behoben werden. W enn man sich auch
bem üht, die Beweglichkeit der W irbelsäule beim norm alen Schulturnen durch ent
sprechende Übungen zu berücksichtigen, so hat es sich doch gezeigt, daß fachmännisch
geleitetes orthopädisches Tu rnen ganz andere Erfolge zeitigen kann. Im Jahre 1925
wurde daher ein orthopädischer Tu rnunterricht eingeführt. Die wesentlichsten Schwie
rigkeiten bestanden natürlich darin, daß die behandlungsbedürftigen Kinder aus den
verschiedenen Stadtteilen zu bestim m ten Stunden in einer Halle zu konzentrieren wa
ren. Im zweiten W eltkrieg schliefen m it der Evakuierung der Kinder auch die o rth o
pädischen Turnstunden ein und wurden bis heute nicht wieder reaktiviert, vor allem
deshalb, weil durch die Bom benangriffe und auch durch die Besatzung eine R eihe von
Turnsälen ausfiel. N unm ehr sind die Schäden behoben und es ist in nächster Zeit un
bedingt nötig, das orthopädische T u rnen Wiederaufleben zu lassen, wenn auch zu er
warten ist, daß sich räumliche und finanzielle Schwierigkeiten einstellen. Zwar bestehen
heute schon durch die Privatinitiative solche Stunden, doch umfassen dieselben auch
nicht annähernd alle übungsbedürftigen Kinder. Es ist auch zu hoffen, daß durch die
Erweiterung des Schwimmsportes eine wertvolle Bereicherung in dieser Beziehung
geschaffen wird.
M it ähnlichen, wenn nicht noch größeren Schwierigkeiten, haben wir bei den ver
schiedenen Bein- und Fußdeform itäten zu rechnen. Die P latt-, Senk-, Knick- und Spreiz
füße sowie Fehlstellungen im Knie sind auch bei den Kindern schon überaus häufig.
W ir zählten 1957 bei den Hauptschülern ca. 18% Veränderungen; dieser Hundertsatz
ist zweifellos nur eine M indestzahl und um faßt nur die ins Auge springenden D efo r
m itäten. Im übrigen ist in den höheren Schulen und bei den Lehrlingen ein weiteres
Zunehmen festzustellen. Die Ursachen dieser D eform itäten sind noch nicht genügend
geklärt, jedenfalls besteht bei diesen Kindern eine Bindegewebsschwäche, welche zum E r
schlaffen des stärker beanspruchten Bandapparates führt. W enn wir dabei in Rechnung
stellen, daß die Mädchen wesentlich m ehr Veränderungen auf weisen wie die Knaben,
etwa 2 : 1, so könnte die T heorie einiger angelsächsischer A utoren, daß die Beinverände
rungen Jugendlicher etwas m it der Insuffizienz der Schilddrüse zu tun haben, doch be
achtenswert sein, denn die Jugendstruma ist ja auch bei unseren Mädchen wesentlich
häufiger als bei den Knaben.
W eder Prophylaxe noch Therapie der Fußveränderungen haben bisher einen be
friedigenden Stand erreichen können. N ehm en wir die Einlagen, zu denen wir letz t
lich immer noch greifen müssen, so ist ihre Verwendung bei den Kindern noch ungün
stiger wie bei den Erwachsenen, auch dann, wenn sie .nicht konfektion iert, sondern
vom Fachmann angemessen, angefertigt und selbstverständlich m it einer Randleiste für
die Ferse versehen sind. W enn man der Sache nachgeht, findet man sehr häufig, daß
diese Einlagen viel zuwenig getragen werden. Aus Nachlässigkeit werden sie beim
Schuhwechsel nicht von einem in das andere Paar gegeben, im Som mer passen sie nicht
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zum leichten Schuhwerk usw. Auch wachsen die Kinder verhältnismäßig rasch aus ihnen
heraus und m üßten die Einlagen oft erneuert werden. Bei schwereren Veränderungen
ist m it orthopädischem Schuhwerk Vorzügliches zu erzielen; dieses hat eingebaute E in
lagen m it entsprechend veränderten Absätzen. Allerdings ist die jahrelange Behandlung
eines Kindes hiem it ziemlich teuer. D ank der Initiative von Facharzt D r. P a r o 1 i n i
wurde vor kurzem ein eigener Kurs für orthopädische Schuhmacher in Innsbruck ab
gehalten, so daß deren Nachwuchs für T iro l vorläufig gesichert erscheint.
Ein anderer W eg wären die Turnübungen zur Stärkung der M uskulatur und des
Bandapparates. In dieser H insicht wurde, wie schon erwähnt, 1925 das orthopädische
Tu rnen eingerichtet, außerdem ein M erkblatt m it Fußübungen ausgearbeitet und den
Kindern m it nach Hause gegeben. Die Erfahrung zeigte jedoch, daß in der Familie
zwar teilweise die Übungen begonnen, doch fast nie die nötige Ausdauer entwickelt
wurde, um einen E rfolg zu erreichen. Auch hier bliebe m ithin einziger erfolgverspre
chender Ausweg das orthopädische Tu rnen, welches m it den Haltungsübungen verbun
den werden könnte. Man kom m t schließlich zur Ansicht, daß nur ganz großzügige
A ktionen eine Linderung des Volksübels „Fußleiden“ herbeiführen können.
U m nach 1955 wenigstens einen Anfang zu machen, wurde das alte M erkblatt für
die Fußübungen revidiert und stark erw eitert. Ü ber die Schulbehörden erhielten alle
Tu rnlehrer (innen) sowie die L eh rkräfte der ersten Volksschulklassen ein Exem plar m it
der B itte, von der Turnstunde jeweils 5 bis 10 M inuten für die Fußübungen zu erübri
gen. In manchen Schulen wurde die Idee m it E ifer aufgenommen, in anderen küm m erte
man sich weniger darum. Leider zeigte sich aber auch dort, wo man sich Mühe gab,
daß die D urchführung doch sehr unsachgemäß erfolgte und nicht zum Ziele führen
konnte. Es bleibt also auch hier nur als erfolgversprechende H ilfe die W iedereinführung
des orthopädischen Turnens m it geschulten Fachkräften an der Spitze.
Im Jahre 1940 wurde vom Gesundheitsamt eine Stelle für schwer Körperbehinderte,
besonders für Kinder, aufgebaut, welche alle V ierteljahre einen Beratungsnachm ittag
abhielt. Im Laufe der Jahre zeigte es sich, daß der N euanfall von schwereren V erände
rungen so gering war, daß diese Patienten auch ohne besondere Sprechstunden in Zu
sammenarbeit m it der orthopädischen Abteilung der Chirurgischen K linik leicht zu er
fassen und zu versorgen waren.
Schule und Infektionskrankheiten
Die Schule spielt bei der V erbreitung von Infektionskrankheiten der Kinder natü r
lich eine sehr große R olle. Man sieht dies jedesmal am Anstieg der Infektionsm eldungen
einige W ochen nach Schulbeginn. Infolgedessen hat sich auch der Schularzt m it diesen
Krankheiten und ihrer Ausbreitung auseinanderzusetzen. V on den anzeigepflichtigen
Krankheiten kom m en im wesentlichen D iphtherie und Scharlach in Frage; bei diesen
führen wir Klassensperrungen durch, wenn m ehr als zwei K inder zugleich erkranken.
Im übrigen werden Rachenabstriche sowie Untersuchungen reichlich angeordnet. Bei
anderen harm loseren epidemischen Erkrankungen werden Klassensperrungen mehr aus
pädagogischen wie aus medizinischen Gründen in Betracht gezogen.
Überblickt man unsere Aufzeichnungen der letzten 50 Jahre, die leider auch in die
ser Beziehung nicht lückenlos sind, so sehen wir die zwar allgemein bekannte, aber doch
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Figur 4 : Kropf der Jugendlichen
S chuljahr 1 9 2 3 /2 4 Schuljahr 1 926/27 Schuljahr 1935/36 Schuljahr 1946/47 Schuljahr 1948/49 Schuljahr 1 9 5 6 /5 7
untersu ch te K in d er: untersuchte K in d er: untersu chte K in d er: untersu chte K in d er: u ntersu chte -K in der: untersuchte K in d e r:
5420 5045 4301 7295 9245 9861
45%
40% 47o/0
Beginn der K ro p f be- E n d e der K ro p fb e 1930— 1935 Jo d salz 1947 durch beson Die Vollsalzanliefe- A nnähernd 7 P ro zen t
käm pfung in Schule käm pfung. Vollsalz verb rau ch stark ab- dere U m stän de A n rung sinkt sofort ab des gesam ten Salz-
und H au sh alt etw a 26 P rozen t des gesunken, etw a 12 stieg der Vollsalzab- konsums ist Vollsalz
G esam tverbrauches P ro zen t des G esam t gabe au f 26 P rozent
konsums
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im m er wieder erstaunliche Tatsache der W andlung mancher Krankheiten in wenigen
Jahrzehnten.
Am auffallendsten ist dies wohl beim Scharlach, wo wir im Jahre 1911 bei 218
Krankheitsfällen 15% Todesfälle (Scharlach und N achkrankheiten) verzeichnen mußten.
Die K rankheit trat in Epidemiewellen auf, welche dann von einigen Jahren relativer
Ruhe abgelöst wurden, bis wieder entsprechend viele noch nicht Im m unisierte nachge
wachsen waren. D er Grad der erreichteh Immunisierung war sehr hoch und eine Schar-
lachzweiterkrankung war äußerst selten. Jedem älteren A rzt ist auch das .seinerzeitige
schwere Krankheitsbild m it den entsprechenden Svm ptom en und besonders dem Aus
schlag in Erinnerung. Im Laufe der Zeit hat sich dieses völlig verwandelt, die Svm -
ptom e sind weit schwächer geworden, das Exanthem oft kaum zu sehen. Die Todesfälle
wurden immer seltener, setzten oft mehrere Jahre ganz aus, den letzten m ußten wir
1950 bei 490 Erkrankungen beklagen. Jedenfalls begann dieser auffällige W andel schon
vor Einsetzen der Penicillin-Therapie und ist von dieser nicht verursacht.
Die PenicilFnbehandlung setzt die G efahr des Scharlachs noch weiter herab und sie
wird seit einigen Jahren in Innsbruck bei fast 100% aller Scharlachfälle im Infektions
haus durchgeführt. Das U nterbringen von nur wenigen Kindern je Raum verhindert
die R ein fek tion ; nach 10 Tagen wird das Kind in häusliche Pflege entlassen. D en geän
derten Verhältnissen traeen auch die neuen Absonderungsbestimmungen Rechnung
(BG Bl. 40/1957), welche die Aufhebung der Absonderung von drei negativen Rachen
abstrichen abhängig macht. H eute ist in Innsbruck die Lage etwa so, daß wir im Jahre
ca. 150 bis 200 Scharlachfälle haben, eine im Vergleich zum Anwachsen der Stadt ver
ringerte Zahl gegenüber früher. Die K rankh eit tritt lange nicht m ehr so stark in W ellen
auf wie früher, dagegen ist eine zweit- und auch drittm alige E rkrankung nicht m ehr
selten. Die antibiotische Therapie verkürzt die ohnehin gutartig verlaufende E rk ran
kung bedeutend; Kom plikationen sind sehr selten.
Auch die D iphtherie hat in den letzten 50 Jahren ihre Schrecken weitgehend ver
loren. Zunächst brachte das Heilserum für den behandelnden A rzt ungeahnte Möglich
keiten. Später kam die Schutzimpfung auf; sie wurde auf freiwilliger Basis jahrelang
durchgeführt und hatte großen Zulauf. Die Zahl der Erkrankungen erreichte noch vor
20 Jahren die Zahl der Scharlacherkrankungen, ja sie übertraf sie bisweilen noch (z. B.
193,9 — 300 Fälle); auch Todesfälle kamen im m er wieder vor. E rst in der Nachkriegs
zeit bem erken wir ein rapides Absinken der Erkrankungen, sie wurden in den letzten
Zeiten erstaunlich niedrig (1955 fünf, 1956 acht Krankheitsfälle!). Die neuen K o n tu
mazbestimmungen machen auch hier negative Rachenabstriche zur Vorbedingung für
die Aufhebung der Absonderung von Kranken und ihrer Umgebung. Im übrigen sind
alle erforderlichen M aßnahmen in den „M itteilungen der österreichischen Sanitätsver
waltung“, H eft 8 von Jahrgang 56, sehr schön tabellarisch zusammengestellt.
Aus nicht wenigen Berichten geht hervor, daß m it dem Zurückgehen der bakteriel
len Infektionskrankheiten eine Zunahme der Viruserkrankungen parallel eehe; diese
Erscheinung ist in Innsbruck nicht besonders ins Auge springend. D er Befall an P olio
myelitis hat sich nicht verändert. In der Um gebung, nicht aber in der Stadt selbst, waren
kleinere Epidemien von unklaren Meningitiden zu verzeichnen, während in Innsbruck
selbst nur einzelne Fälle beobachtet wurden. W ohl aber machte sich eine sehr deutliche
Zunahme der H epatitis epidemica nach dem zweiten W eltkrieg bem erkbar, welche aller
dings nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene befällt.
E in besonderes Kapitel bildet die Tuberkulose, deren Bekäm pfung schon im K in
dergarten beginnt; durch die M oroprobe vor der üblichen Reihenuntersuchung werden
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Krankheitsverdächtige aufgespürt und einer sofortigen genauen Untersuchung zuge
führt. So wurde z. B. 1957 bei 1484 Kindern erstmalig die M oroprobe durcheeführt;
bei 3,34% war sie positiv. V on diesen waren 2,11% unserer Tbc-Fürsorge bereits von
Familienuntersuchungen her bekannt; aber gerade die restlichen 1,23% == 19 Fälle, er- #
wiesen sich als wichtig, denn sie führten zur Feststellung m ehrerer noch völlig unbe
kannter Erkrankungen. Eine eigene wöchentliche Sprechstunde für die Kinder in der
Tbc-Fürsorge sichert deren intensive Betreuung. In der ersten Volksschulklasse wird
an den seinerzeit neeativen Kindern die Probe wiederholt. Eine prinzipielle D urch
leuchtung aller Schulkinder findet nicht statt.
Die auf freiw illieer Basis beruhende Impfung m it B C G konnte sich in Innsbruck
bisher nicht stark durchsetzen. W ird ein entsprechender Im pfterm in ausgeschrieben,
so melden sich zwar jedesmal einige hundert A nw ärter, doch lassen die etwas umständ
lichen V orbereitunsen die Zahl der wirklichen Im pflinge stark absinken.
V on großer W ichtigkeit ist die ohnehin gesetzlich vorgeschriebene Lun^enüber-
wachung des Lehrkörpers und auch der Kindergärtnerinnen. W ie selbstgemachte E r-
fahruneen zeigen, sind aber die periodischen Rönteenuntersuchuneen nicht hinreichend
und die Lehrkräfte sollen m it Nachdruck darauf hineewiesen werden, auf ihre Gesund
heit auch selbst zu achten und sich bei entsprechenden Anzeichen zur U n ter
suchung einzufinden. Schließlich kann man die Reihendurchleuchtun<?en oder Bilder
schon wegen eventueller Strahlenschäden nicht in allzu kurzen Abständen ansetzen.
Als in den ersten N achkrieesjahren die T b c-In fek tio n auch der Kinder eine be
ängstigende H öhe erreichte, warf der Gemeinderat eine größere Summe aus, um tbc-
gefährdeten Kindern eine Som mererholung bieten zu können. D er A ufenthalt war und
ist nicht für eigentlich Kranke, welche in ärztliche Behandlung und ins Krankenhaus
gehören, sondern für tbc-gefährdete Kinder gedacht.
Diese A ktion begann 1948; im ersten Jahre waren drei Turnusse zu je 25 Kindern
im A lpensasthof „Frohneben“ ober Fulpmes im Stubaital. 1949 wurde der Stadt das
Heim „Buchwies“ ober St. Johann i. T . zur Verfügung gestellt, wo wir m it der E rh o
lungsaktion verblieben, bis das Haus 1954 anderwärts verkauft wurde. D orth in wur
den in den ersten Zeiten fast das ganze Jah r hindurch vierwöchiee Turnusse m it je
30 bis 40 Kindern zur Erholung hinaufp-eschickt, wobei die E ltern einen T eil der Kosten
selbst trugen. M it der Besserung der Ernährunesverhältnisse wurde die Verschickung
nicht m ehr so dringend, auch trat der sich normalisierende Schulbetrieb m it seinen A n
forderungen wieder m ehr in seine Rechte. 1955 wurde der Ferienaufenthalt in das A l
pengasthaus „Schrollhof“ im Spertental verlegt, 1956 und 1957 waren die drei Turnusse
zu je 40 Kindern in H örbrunn in der Kelchsau bei H opfgarten.
Die Schulärzte haben zusammen m it der Tbc-Fürsorge einen absolut verläßlichen
Überblick, welche von den Innsbrucker Schulkindern gesundheitlich und auch sozial
am bedürftigsten sind. Versuchsweise wurden auch Turnusse m it nur Hilfsschulkindern,
welche von ihren eigenen Lehrern(innen) betreut wurden, auf Erholung geschickt. B e
kanntlich sind sehr viele dieser Kinder auch körperlich sehr schwächlich und deutlich
zurückgeblieben. Aus begreiflichen Gründen kom men solche Kinder bei anderen A k tio
nen nie m it. Die Erfahruneen waren ausgezeichnet; nicht nur, daß sich die Kinder zu
einem G roßteil sehr gut erholten, es waren auch die disziplinären und erzieherischen
Erfolge außerordentlich gut. Dies überrascht nicht, denn nur bei einer solchen Gelegen
heit ist der Erzieher den ganzen Tag hindurch m it den Kindern beisammen und kann
dort größeren Einfluß nehmen, auch sind diese dem oft sehr ungünstigen häuslichen
Milieu wenigstens für einige Zeit entzogen.
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Die psychische und intellektuelle Entwicklung
Ü ber die Psyche des Kindes, ihre Entwicklung und Abweichung von der N orm
wird heute soviel gesprochen und geschrieben, daß scheinbar nur ein Fachpsychologe
sich darin zurechtfinden kann. Jedenfalls wäre es aber auch für den Schularzt eine sehr
dankbare Aufgabe, sich in diese M aterie zu vertiefen. Es braucht allerdings dafür zwei
Voraussetzungen, man muß Freude m it diesem Gebiete haben und sich wirklich Zeit
dazu nehmen können. Die häufig notwendigen Unterredungen m it dem Kinde selbst,
den Eltern und dem Lehrpersonal brauchen Zeit, und wer diese nicht aufbringt, wird
viele Enttäuschungen erleben. Die heute so viel gerühmten Teste sind häufig nur in der
Hand des Geübten fruchtbringend; jedenfalls mache man sich nicht zu deren Sklaven.
Unsere Schulärzte haben sich schon vor mehr als 25 Jahren gerade m it diesen Fra
gen eingehend beschäftigt; auch waren sie maßgeblich daran beteiligt, als es galt, die
N otw endigkeit von H ilfs- und Förderschulklassen zu beweisen und ihre Einführung
durchzusetzen. Auch wurden an Elternabenden mehrfach solche Them en zur Diskus
sion gebracht, z. B. das nervöse Kind, das Schulversagen, sexuelle Aufklärung in der
Schule usw.
Für die normale körperliche und seelische Entwicklung des Kindes ist vor allem das
Elternhaus zuständig, im Schulalter in hervorragendem Maße auch die Schule bzw. der
Lehrkörper. D aher muß dieser besonders hiezu befähigt sein; Voraussetzung hiezu ist,
daß jeder Lehrer und jede Lehrerin ihren Beruf und die K inder liebt. Es ist eine T ra
gödie, wenn ein L ehrer nur des Gelderwerbs und der sicheren Position halber seinen
Beruf ergriffen hat. Fast bei keiner anderen T ätig k eit gilt so sehr das W o rt, daß es sich
beim Lehrersein nicht um einen Beruf, sondern um eine Berufung handelt. Die K inder
merken das mangelnde Interesse sofort, und die Erziehungsarbeit, die H ilfe, welche
der Lehrer dem werdenden C h arakter geben soll, wird stark erschwert oder unmöglich
gemacht. Zum Glück sehen wir solche Erscheinungen in unseren Volksschulen nur sel
ten. Schon schwieriger wird es in den Hauptschulen, wo ja der U n terricht in den ver
schiedenen Fächern von mehreren Lehrkräften bestritten wird und dadurch der K o n
tak t m it den Kindern nicht m ehr so eng ist und die Führung nicht m ehr so einheitlich
in einer Hand liegt. V erfeh lt ist es jedoch, wenn Mittelschulprofessoren behaupten, daß
die Erziehungsarbeit bis zum E in tritt in die Mittelschule abgeschlossen sein müsse. Es ist
ein Irrtu m , zu meinen, daß 10- bis 11jährige Kinder, auch wenn sie noch so groß sind,
bereits einen abgeschlossenen C harakter besäßen und nur mehr der V erm ittlu ng des
Fachwissens bedürftig seien. Dieses V orziehen von Lehrm ethoden der U niversität ent
spricht nicht den physiologischen Entwicklungsbedingungen von K örper und Geist.
W ie ist nun die Stellung des Schularztes heute? Sehr häufig wird er schon rein be
lastungsmäßig nicht in der Lage sein, sich um m ehr oder weniger schwer behinderte
Kinder zu küm m ern. Es dürfte wohl vor allem seine Hauptaufgabe sein, zu beurteilen,
ob man das Kind noch in einer Normalschule behalten soll oder ob es einer speziellen
Behandlung bedarf.
Zunächst einiges über die leichten alltäglichen Vorkom m nisse. In der Stadt müssen
wir m it einer stattlichen Anzahl von „nervösen K indern“ rechnen. E rb - und U m w elt
bedingungen zusammen bilden die Grundlage dieser Erscheinung. Schon im Säuglings
alter haben wir m it diesen Kindern Schwierigkeiten, z. B. m it lang anhaltendem E r
brechen; im Kleinkindesalter beobachtet man die bekannten Schreikrämpfe. Im Schul
alter findet man vor allem motorische U nruhe, Konzentrationsschwäche, mangelnde
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Ausdauer, jedoch auch Neigung, sich zu verausgaben, Scheinanämie, abendliches Schwit
zen usw. Zunächst muß durch eine sorgfältige Untersuchung jede Organerkrankung
ausgeschlossen werden. Ein Blutbild widerlegt den Verdacht auf Anämie, die M oro-
probe schließt den Verdacht auf T b c aus. Das übrige ist im wesentlichen eine erziehe
rische Frage, wobei natürlich das richtige V erhalten der E ltern zum Kinde und unter
sich die Hauptsache ist. N icht selten müssen hier schwierige Um stellungen erfolgen,
z. B. ist die alte, aber bewährte Regel: Das Kind muß durchaus nicht essen, aber es darf
essen, nicht im m er leicht durchzuhalten.
Auch das plötzliche Schulversagen des Kindes ist ein immer wieder auftauchendes
Problem , welches den Schularzt beschäftigt. Es muß neben dem Kinde, bei dem selbst
verständlich ein organisches Leiden ausgeschlossen werden muß, auch die Umgebung
beachtet werden, wie sich die E ltern verhalten, ob der Lehrer das Interesse des Kindes
für den Lehrgegenstand zu erwecken vermag. U m einen Erfolg zu erzielen, muß man
sich das V ertrauen zunächst von M utter und Kind erwerben und sich dann auch ge
sondert m it diesem allein unterhalten.
Die häufig zu beobachtende Schulmüdigkeit bei einer Reihe von aufeinanderfolgen
den Schulstunden ist oft diskutiert, insbesondere im Zusammenhang m it dem Problem
der Teilung von Tagesstunden oder nicht. Bei einer Untersuchung dieser Frage stellte
H o f m a n n fest, daß im Verlaufe des V orm ittags der Blutzucker der Kinder deutlich
absank und sich U nruhe und mangelnde K onzentration immer m ehr einstellten. Nach
Gaben von Traubenzucker stieg der Blutzucker deutlich an und K onzentration und
Leistungen stiegen parallel. Unsere M ilchaktionen an den V orm ittagen haben also nicht
nur eine empirische Grundlage.
Ziemlich alltägliche Erscheinungen in der Schule sind die Sprachfehler. Je nachdem
es sich um Stamm eln, Stottern oder Poltern handelt, sind die Therapieaussichten zu ver
anschlagen. V o r allem müssen eventuell vorhandene Intelligenzm ängel oder Störungen
der Sinnesorgane festgestellt werden. W ährend wir vo r dem zweiten W eltkrieg einen
vorzüglich geschulten Lehrer für Sprachkurse hatten, übernim m t seit 1946 die H als-,
Nasen-, O hrenklinik die Behandlung dieser Kinder und sie kann wohl über sehr zufrie
denstellende Erfolge berichten. Im übrigen bekom m t heute der Schularzt kaum mehr
ein sprachgestörtes Kind in die Hand, das nicht schon in Behandlung wäre.
Neben diesen ziemlich zahlreichen, m ehr oder weniger leicht zu behebenden Schwie
rigkeiten sehen wir auch seltenere, schwere Schädigungen, welche die betroffenen Kinder
vom U nterricht fernzuhalten drohen. Betrachten wir zunächst die meist einfacher zu
behandelnden körperlich behinderten Kinder. Man kann beobachten, daß auch ziemlich
schwer körperlich geschädigte, aber geistig normale und rege K inder sich der normalen
Volksschule oft ausgezeichnet einfügen, wenn nur die ersten Schwierigkeiten überwun
den sind. Das behinderte Kind wird von seinen Mitschülern in die Gemeinschaft auf
genommen und fürsorglich durch alle Klassen betreut. Es kom m t natürlich auf jeden
einzelnen Fall an und man muß sich zuerst gut überlegen, ob man den Versuch einer
Normalschule wagen kann oder ob man das Kind sofort einer Spezialschule übergibt,
die natürlich beiweitem mehr aus dem Kinde herausholen kann. H at man sich für die
Normalschule entschieden, so achte man streng auf ein eventuelles Beiseiteschieben oder
Zurückbleiben des Kindes gegenüber den Kameraden, um dann sofort einzugreifen. Auf
dem Lande, wo keine Sonderklassen vorhanden sind, wird natürlich diese Entscheidung
wesentlich schwieriger sein. V iel kom plizierter ist die Lage bei intellektuellen oder psy
chischen D efekten. Ist ein Kind deutlich schwachsinnig, dann ist auch hier die Entschei
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dung nicht schwer zu treffen, das Kind gehört in die Hilfsschule. Die Grenzfälle sind es
jedoch, welche einen oft vor sehr schwierige Fragen stellen. In der Praxis hat sich in
Innsbruck folgender Vorgang entwickelt: Jedes zweifelhafte Kind wird gegen Ende
des Schuljahres von einer geübten K raft der Hilfsschule durch einige Zeit im Klassen
verband beobachtet. Zu einem gegebenen T erm in tritt eine kleine Kommission zusam
men, welche aus dem D irek to r der Hilfsschule, der Schulbehörde, dem Schularzt usw.
besteht. Die beobachtende Lehrkraft stellt das Kind — fast immer in Begleitung eines
Elternteiles — vor und berichtet über die gemachten Erfahrungen. Dann wird in ge
meinsamer Beratung entschieden: V erbleib in der Normalschule, Förderschulklasse
oder Hilfsschule. Diese M ethode hat sich gut bew ährt. N icht selten ist der W iderstand
der E ltern groß, ihr Kind aus der Normalschule herauszugeben; dabei kom m t das
wirklich schwachsinnige Kind dort nie m it und bleibt nur immer noch weiter zurück.
Andererseits gelingt es, besonders bei Kindern, welche nur in einem Wissensgebiet ver
sagen, sie durch intensive Betreuung auch auf diesem Feld zu einem guten Stand des
Wissens zu bringen. Kinder, die sich wesentlich langsamer entwickeln als der D urch
schnitt, werden in den Förderklassen über die Klippen dieser Jah re hinweggebracht
und können häufig später wieder in die Normalschule eintreten.
Schwer defekte K inder gehören meist in A nstalten und in eine Spezialbehandlung,
sie berühren wohl nur selten die Belange des Schularztes.
Turnen und Turnbefreiung
T u rnen und Sport sollen nach unserer Ansicht von der 1. Klasse V olks- bis zur letz
ten Klasse Mittelschule nur als Ausgleichssport betrieben werden; K am pfsport und
W ettbew erbe sind nur soweit berechtigt, als sie den jugendlichen E ifer anfeuern und
durch die lustbetonte Bewegung den Sport auch über das Schulalter hinweg begehrens
w ert erscheinen lassen. Das Schulturnen soll die erzwungene H altung in den Bänken, die
ungünstige Durchlüftung während der Schulstunden ausgleichen. Das W achstum und die
H altung sollen gefördert und korrigierbare Fehler ausgeglichen werden. Es soll die
Freude an der körperlichen Bewegung auch über das Schulalter hinaus eingepflanzt
werden, wo ja leider diese allzu oft bald durch motorischen Ersatz verdrängt wird.
Gewöhnlich ist das heranwachsende Kind ohnehin voll Bewegungsdrang, so daß es
zum T u rnen nicht besonders angehalten werden muß. Befreiungen werden vom ge
sunden Kind meist nicht angestrebt. Das T u rnen in der Volksschule ist noch sehr dem
kindlichen K örper angepaßt, es belastet fast nichts und daher sind Turnbefreiungen in
den Volksschulen von sehr geringer Bedeutung. Sie werden etwas wichtiger in den
Hauptschulen und erreichen ihre höchste Bedeutung in der Mittelschule. O bw ohl die
Verhältnisse derselben den R ahm en vorliegender Abhandlung überschreiten, soll doch
kurz über diesbezügliche vieljährige Erfahrung berichtet werden.
Die Befreiung, Enthebung und Schonung von T u rnen und Sport muß vom Schularzt
ausdrücklich bestätigt werden. Die dabei einzuhaltenden Richtlinien wurden 1949 vom
Bundesministerium für U nterricht erlassen und sind relativ streng. D er Schularzt muß
sich sehr bemühen, wenn er nur annähernd diese Grenze erreichen will. Die meist vom
behandelnden A rzt beantragten Befreiungen gaben besonders in der Nachkriegszeit häu
fig Anlaß, m it diesem in K onflikt zu kom m en. Es wurde öfters durch genaue k li
nische Untersuchungen erwiesen, daß die als einzige Therapie für irgendwelche B e
schwerden des Schülers angeordnete Turnbefreiung ungerechtfertigt war. H eute haben
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sich jedoch die behandelnden Ä rzte daran gewöhnt, etwas vorsichtiger m it dem Antrag
auf Turnbefreiung zu sein oder diesen zumindest wohl zu begründen. W enn ein
Schüler wirklich krank ist, muß er auf kürzere oder längere Zeit vom T u rnen befreit
werden. Es geht aber nicht an, daß er wegen einer Kleinigkeit ungerechtfertigte V orteile
(Freizeit) gegenüber seinen Mitschülern erhält. Unverständige E ltern verursachen oder
unterstützen zumindest solche Bestrebungen. Auch die Überlastung in der Mittelschule
kann niemals allein Grund zur Turnbefreiung sein; gewiß fordern die Stundenpläne
allzuviel von unserer Jugend, aber eine Entlastung derselben auf Kosten der Leibes
ertüchtigung wäre ein völliger Irrweg.
Nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereitet die Rückführung der Schüler, welche
längere Zeit befreit waren, in den norm alen T u rnbetrieb. Das „Schonungsturnen“ ist
leider bei manchen Turnlehrern recht unbeliebt, weil es Um stände macht, vereinzelte
Schüler bei anstrengenden oder besonderen Übungen austreten zu lassen. Andererseits
ist es ganz unmöglich, von einem Kinde, welches vielleicht ein bis zwei Jahre turn-
befreit war, sofort die gleichen Leistungen zu verlangen wie von seinen A lterskam era
den, welche nie dem Tu rnen fernblieben. Ruckartige Leistungssteigerungen können dem
Kind nur schaden oder zumindest die Freude am Sport nehmen. Was die doch im m er
wieder eintretenden Unfälle beim Schulturnen und Sport anlangt, so werden diese wohl
nie völlig zu vermeiden sein. Es soll jedoch nicht passieren, daß Sportschäden eintreten.
D er Turnlehrer hat sich m it seiner Notengebung an gewisse Leistungsrichtlinien zu
halten; er weiß jedoch auch, daß z. B. der „A ccellerierte“ in seinen Leistungen gegen
über dem norm al Entw ickelten stark im Nachteil ist. Auch bei endokriner D ysfunktion
ist eine gute Leistung niemals zu erzielen. Ich habe es aber noch nie erlebt, daß ein T u rn
lehrer einem Sportungeeigneten, der umsonst sein Bestes getan hat, eine N ote gab, die
ihn in seinem Fortkom m en in der Schule ernsthaft gefährdete.
Auf die Beurteilung der einzelnen Krankheitszustände kann hier nicht näher einge
gangen werden. Am ehesten wird man auf Schwierigkeiten bei der Beurteilung von
Turnbefreiungen der H erzkranken oder Rekonvaleszenten nach H erzerkrankung
stoßen. Außer den üblichen Untersuchungen ist nach unserer Erfahrung zur schnellen
Orientierung am besten die Untersuchungsmethode nach M a r t i n e t geeignet. Sie sieht
Pulszählung vor und nach 20 Kniebeugen vor und berücksichtigt die Zeit, bis der Puls
wieder zur norm alen Frequenz zurückkehrt. Allerdings scheint m ir die Forderung M ar-
tinets, daß der Puls erst nach fünf M inuten zur N orm zurückzukehren habe, etwas
reichlich lang. Dieser Versuch ist auch schon in manchen Untersuchungsform ularen
aufgenommen und leistet bei einiger Übung gute Dienste.
Rekonvaleszente nach Infektionskrankheiten sind häufig m it großer Vorsicht zu
behandeln, schwer erkennbare Herzschäden zwingen oft zu längerer Schonung.
Einige W orte noch über die orthostatische Albuminurie, welche wir bei der heran-
wachsenden Jugend beiderlei Geschlechts sehr häufig nachweisen können. Die Tatsache
der Häufigkeit verleitet den A rzt nur allzuleicht, einer Eiweißausscheidung im H arn
nicht weiter nachzugehen. Man sollte dies jedoch nicht machen, denn unter einigen
H undert harmlosen Eiweißausscheidungen findet sich dann doch im m er wieder eine be
handlungsbedürftige N ierenaffektion. Schon vor längerer Zeit wurde nachgewiesen, daß
diese Eiweißausscheidungen bei körperlicher Belastung ansteigen. Verfasser hat ver
sucht, diese Tatsache als Gradmesser für die sportliche Belastungsfähigkeit Jugendlicher
zu benützen. Die Versuche sind tro tz einiger ermutigender R esultate nicht so weit ge
diehen, daß man daraus veröffentlichungswürdige Schlüsse ziehen könnte.
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W ie schon gesagt, beginnt bereits in der Mittelschule bei manchen Schülern die A b
neigung gegen die körperliche Betätigung. Nach den Schulen finden wir sehr viele junge
Leute, die für die aktive Bewegung nicht sehr viel übrig haben, eine kleine Zahl wendet
sich extrem em Leistungssport zu. Eine Ausnahme bildet hier in Innsbruck nur das
Skifahren als breiter Massensport. Beachtliche T eile der Bevölkerung begeben sich all
wöchentlich für lange Dauer ins Freie und huldigen einem Sport, der nicht geringe
Belastung für den ganzen K örper fordert. Es kann einem aber auch dabei passieren,
daß man Schüler oder Schülerinnen auf höheren Bergen (ohne Lift) skifahrend begeg
net, die sich vor wenigen Tagen unter allen möglichen Vorw änden turnbefreien ließen.
Sehr begrüßenswert ist die seit einigen Jahren bestehende Einrichtung der Stadt
Innsbruck, daß im Hochsommer die Pflichtschüler unentgeltlich im Schwimmen unter
richtet werden. H offen wir, daß auch das schon so lange geplante und so dringend n o t
wendige große Freischwimmbad bald entstehen wird.
Bei dieser Gelegenheit soll auch kurz der kindliche U nfall erwähnt werden. In un
seren alten Jahresberichten ist nichts darüber zu lesen. W enn wir heute die etwas älte
ren Schülerjahrgänge (zwischen 12 und 14 Jahren) daraufhin ansehen, so finden wir
schon eine erstaunlich große Menge von überstandenen Verletzungen, Folgen des in
Innsbruck so ungemein verbreiteten W intersports, wobei das Skifahren weitaus im
Vordergründe steht, während das Rodeln ungleich weniger, aber meist schwerere V er
letzungen verursacht. Statistische Erhebungen hierüber wurden nicht versucht, da die
Angaben häufig viel zu wenig präzise sind. Dauernde Schäden finden wir von diesen
Verletzungen relativ selten, am ehesten von kom plizierten Brüchen im Ellenbogen
gelenk, welche eine mehr oder weniger starke Bewegungsbehinderung hinterlassen. Eine
andere ins Auge springende Erscheinung sind die erstaunlich häufigen Verbrennungs
narben, besonders an Hals, Schultern und Oberarm en der Kinder (etwa 2 % ). Die N ar
ben sind fast immer schon recht blaß, oft kaum zu sehen und bilden keine Bewegungs
behinderung. Sie rühren, wie eingehende Befragungen einer ganzen Reihe von betrof
fenen Schülern (Schülerinnen) und deren E ltern ergaben, fast durchwegs von V erbrü
hungen her, welche sich die Kinder zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr zugezogen hat
ten. Sie reißen Gefäße m it heißem W asser, Kaffee, Milch usw. vom Herde. Dabei ist es
ganz gleichgültig, ob Erwachsene anwesend sind oder nicht; so schnell geschieht das
Unglück, daß nicht einmal die M utter, welche das Kind am A rm trägt, es verhindern
kann. Bei etwa 2 bis 3% aller Kinder sind solche N arben zu finden. Noch wesentlich
höher ist der Prozentsatz von m ehr oder weniger starken Beschädigungen der oberen
ersten Schneidezähne. Da dies meist m it der ersten sportlichen Betätigung — R o ller
fahren — zusammenhängt, findet sich diese Veränderung bei Knaben wesentlich häu
figer als bei Mädchen, in der Hauptschule bei 4,6% der Knaben und 0,8% der Mädchen
Das Schulgebäude
M it der Untersuchung und Betreuung der Kinder sind die Aufgaben des Schul
arztes durchaus noch nicht erschöpft. E r war und ist auch heute noch verpflichtet, sich
bei der Beurteilung von schon bestehenden Schulen und erst recht bei der Errichtung
von neuen Gebäuden einzuschalten. H at man sich länger m it solchen Fragen beschäf
tigt, so ist man erstaunt, wie oft der Schularzt auch als Nichtfachm ann auf Fehler auf
merksam machen kann. G röße der Schulräume in Bezug auf die Schülerzahl, Belüftung,
Beheizung, Beleuchtung, Garderoberäume, Waschgelegenheiten, A borte usw. sind in
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schon bestehenden Gebäuden zu besichtigen und gewiß nötige und auch durchführbare
Verbesserungsvorschläge zu machen. D er D irek to r der betreffenden Schule wird immer
dankbar sein, Veränderungen, die ja auch in seinem Sinne sind, von ärztlicher Seite
unterstützt zu sehen. Liegen jedoch erst Pläne für ein neues Gebäude vor, hat der Schul
arzt darauf zu dringen, ebenfalls bei den Bauberatungen anwesend zu sein. Gelegentliche
Besichtigungen frem der neuer Schulen geben wertvolle Anregungen.
Fast durch alle Jahre unserer 50jährigen schulärztlichen T ätig k eit zieht sich die
Frage der Sitze und Pulte für den Schüler. Im m er wieder liest man über den Kam pf
„Feste Schulbank oder freies Schulgestühl?“ Eine überaus wichtige Frage, beeinflußt
doch die Sitzgelegenheit in hervorragendem Maße die jugendliche W irbelsäule. Die
Zwangshaltung, welche einzelne Muskelgruppen überanstrengt, muß auf ein M ini
mum reduziert werden. Die fixe Verbindung von Sitz und Schreibpult wich allmählich
dem freien Sitz m it entsprechender Lehne. O b diese Sitze nun, wie bei manchen neuen
Klassen, um einzelne Tische gruppiert sind, ist wiederum eine Frage neuer pädagogischer
Versuche. W enn auch, wie bereits in der Geschidite des Schularztes erwähnt wurde, der
Kam pf um das freie Schulgestühl schon entschieden ist, so ist damit nicht gesagt, daß
auch die D urchführung dieser Idee in allen Schulen bereits vollzogen ist. Im Gegenteil,
in mancher Schule muß man immer noch feststellen, daß die Sitzgelegenheiten durch
aus nicht der Jugend angepaßt sind, besonders unter Berücksichtigung des schnellen
Wachstums der heutigen Kinder.
Ein bedeutendes Problem bildete seinerzeit auch die Errichtung von Schulbrause-
bädern, die bis zum Jahre 1935 in fünf der größten Innsbrucker Schulen im Souterrain
errichtet wurden. Die Benützung derselben steigerte sich in den folgenden Jahren bis
auf etwa 5 0 % aller V olks- und Hauptschüler. Die damit verbundene Hebung der Sau
berkeit war augenfällig. Gleichlaufende Bemühungen zur Bekäm pfung der K rätze und
der Kopfläuse waren bis zum Kriegsbeginn noch nicht von lOOprozentigern Erfolg
gekrönt.
Durch die Kriegsereignisse wurden auch die Badeanlagen stillgelegt und teilweise
zerstört. Ihre W iederinbetriebsetzung läßt manches zu wünschen übrig. Leider müssen
wir auch heute noch ab und zu ein verlaustes Kind feststellen. Auch der Kam pf um die
R einlichkeit ist beiweitem noch nicht völlig gewonnen und wird noch manche E rzie
hungsarbeit kosten.
In vorliegender Zusammenstellung sind die großen Mühen, welche sich die Schul
ärzte der Stadt Innsbruck um die Betreuung der ihnen anvertrauten Kinder gegeben ha
ben, niedergelegt. Es wurden viele Erfolge erzielt, es wurde aber auch angedeutet, daß
noch viele Aufgaben ihrer Vollendung harren. Ist ein Erfolg erreicht, so sind neue
Probleme, die auftauchen, zu lösen. Gemachte Erfahrungen können bekanntlich nie
vollständig weitergegeben werden; vielleicht sind sie aber doch für junge Schulärzte ein
gewisser Leitfaden für ihr mühevolles, aber segensreiches Beginnen.
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