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St49
Stadtarchiv
Innsbruck
P-33-2/D
Stadtmagistrat Innsbruck
ST. NIKOLAUS UND MARIAHILF
INNSBRUCKS ÄLTESTER STADTTEIL
Festschrift 100 Jahre neugotische Pfarrkirche • 100 Jahre Kindergartengebäude
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P-33-210
ST. NIKOLAUS UND MARIAHILF
Ind.
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DIE STADTTEILE INNSBRUCKS
herausgegeben vom Innsbrucker Stadtarchiv
Schriftleitung: Franz-Heinz Hye
Band 2:
St. Nikolaus und Mariahilf
Innsbrucks ältester Stadtteil
Festschrift zur Feier
100 Jahre neugotische Pfarrkirche
100 Jahre städtisches Kindergartengebäude - Innstraße 97
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Titelblatt: Stadtvedoute von Innsbruck mit einer Ansicht von St. Nikolaus noch mit der alten barocken Pfarrkirche.
Kolorierte Lithographie von Karl Waage, um 1850. Original im Innsbrucker Stadtarchiv.
Innsbruck 1986
Herausgeber und Verleger: Stadtmagistrat Innsbruck
Für den Inhalt sind die Verfasser verantwortlich. Alle Rechte vorbehalten.
Gesamtherstellung: Thaurdruck, Giesriegl Ges.m.b.H., Thaur, Tirol.
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Inhalt
Vorwort des Bürgermeisters der Landeshauptstadt Innsbruck, Romuald Niescher.
Vorwort des Pfarrers von St. Nikolaus, Hw. Eduard Nowak
Vorwort des Schriftleiters, Senatsrat Univ.-Doz. Dr. Franz-Heinz Hye
Franz-Heinz Hye
Die Geschichte von Innsbrucks ältestem Stadtteil - St. Nikolaus und Mariahilf
1. Die Anfänge unserer Stadt - der Marktort Innsbruck links des Inn (vor 1180) ..
2. Das Absinken des alten Marktes in die Rolle einer Vorstadt nach der Gründung
der Innsbrucker Altstadt (1180)
3. Die untere Anbruggen
4. Die obere Anbruggen
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7. Das ehemalige Bruderhaus und das städtische Arbeitshaus
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5. Adelige Ansitze an der Anbruggen
6. Das Leprosenhaus und die St.-Nikolaus-Kirche
8. Anfänge des Schulwesens in St. Nikolaus
Paul Spielmann
Die Pfarre St. Nikolaus
52
Waltraud Palme - Comploy
100 Jahre neue Pfarrkirche von St. Nikolaus. Eine kunstgeschichtliche Würdigung
dieses schönsten Sakralbaues der Neo-Gotik in Tirol
65
Anhang: Text der Urkunde, die 1882 in den Grundstein der neuen Pfarrkirche gelegt
wurde
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Hannelore Spielmann
Der Kindergarten in St. Nikolaus von den Anfängen bis heute
Zeittafel zur Geschichte des Kindergartens in St. Nikolaus
87
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Anna-Maria Aufschnaiter
Kindergarten 1945 bis 1986 - Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft.
Josefine Justic
Edition der Schulchronik der städtischen Knabenvolksschule
St. Nikolaus
Vorwort
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Die Jahre 1776 bis 1898, verfaßt von Johann Senn
Die Jahre 1898 bis 1920, verfaßt von Ludwig Ascher
Die Jahre 1920 bis 1922, verfaßt von Wilhelm Mazagg und Josef M. Rainer
Der Kaysergarten, verfaßt von Josef M. Rainer
Waltraud Mahringer
Geschichte der Knaben- und Mädchenvolksschule St. Nikolaus, Innallee 3
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Vorwort
I.
Die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg.
II. Die Schuljahre während des Ersten Weltkrieges
III. Die Zeit der Ersten Republik
IV. Die Zeit des Dritten Reiches
V. Von der Nachkriegszeit zur Gegenwart..
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151
151
163
172
181
186
Peter Vögele
Chronik der Landesberufsschule St. Nikolaus
196
Roman Peintner t
Die Katholische Arbeitnehmerbewegung St. Nikolaus
198
Sängerbund,,Harmonie" St. Nikolaus
200
Rudolf Schnaller
Die Vereinigung St. Nikolaus (1922-1986)
Chronik der Stadtmusikkapelle Mariahilf .
Die Stadtschützenkompanie St. Nikolaus-Mariahilf
202
206
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Hermann Stocker
Interessensgemeinschaft St. Nikolaus
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Festprogramm: 100 Jahre neue Pfarrkirche und Kindergartengebäude St. Nikolaus 216
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Vorwort des Bürgermeisters der Landeshauptstadt Innsbruck,
Romuald Niescher
In Innsbruck entfaltet sich - wie in jeder Stadt dieser Größenordnung - eine Vielzahl von
Aktivitäten und Lebensäußerungen, von Initiativen im kleinen und von Eigenständigkeiten, die
sich dann in das Ganze einfügen. Daraus ergibt sich das reiche Eigenleben Innsbrucks, und
darin liegt auch der Garant dafür, daß sich das Leben unserer Stadt ständig erneuert und daß es
von möglichst vielen Bürgern mitgetragen wird.
Der hundertjährige Bestand der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus und die Tatsache, daß die Stadt-
gemeinde vor hundert Jahren das Kindergartengebäude in St. Nikolaus erworben und umge-
baut hat, ist willkommener Anlaß, den Stadtteil St. Nikolaus einmal gesondert herauszuheben
und auf seine Besonderheiten hinzuweisen.
Dabei sind schon die Anlässe für das Jubiläum und für die Herausgabe dieser Festschrift mit
Superlativen verbunden: Kann doch St. Nikolaus mit Recht und Stolz sich als den ältesten
Stadtteil Innsbrucks bezeichnen, als Urzelle, aus der sich dann die Stadt entwickelt und über
den Inn hinüber entfaltet hat. Die Pfarrkirche aber, nach Entwürfen des Wiener Dombaumei-
sters Friedrich von Schmidt erbaut, ist die wohl schönste neugotische Kirche von ganz Tirol.
Und schließlich ist der vor hundert Jahren in St. Nikolaus eingerichtete Kindergarten das erste
von der Stadt gestaltete Kindergartengebäude Innsbrucks.
So haben die St. Nikolauser also guten Grund, die Feste zu feiern, wie sie fallen, und das Ihre
dazu beizutragen. Es ist besonders erfreulich, daß die Innsbrucker mit viel Freude und Einsatz
am gewachsenen Erbe festhalten und es weitertragen. Alte Traditionen kleinerer Gemeinschaf-
ten, einzelner Stadtteile oder früher selbständiger Gemeinden werden gepflegt und von Genera-
tion zu Generation weitergegeben. Andererseits entwickeln sich neue Formen eines besonde-
ren Zusammengehörigkeitsbewußtseins oder sozialer, gesellschaftlicher wie auch wirtschaftli-
cher Verbundenheit.
Gerade St. Nikolaus kann uns darin ein Beispiel sein, sowohl was alte Traditionen wie auch was
zeitgemäße Initiativen betrifft. Als Bürgermeister freue ich mich besonders darüber, daß diese
Festschrift zum Anlaß genommen wurde, die verschiedensten Gemeinschaften, Vereine und
Initiativen zu Eigendarstellungen über ihre Ziele, Aktionen, Erfolge und auch Anliegen einzu-
laden. So gilt mein Dank und meine Anerkennung zunächst einmal allen, die - in welcher Weise
immer am Leben dieser Gemeinschaften teilgenommen, es gestaltet und damit nicht nur den
Stadtteil St. Nikolaus, sondern auch die gesamte Stadt Innsbruck bereichert und mit Leben
erfüllt haben. Mein Dank gilt aber auch und in besonderer Weise allen jenen, die in der
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Abfassung der Texte oder der Beistellung der Bilder als Autoren und Gestalter dieser Festschrift
mitgewirkt haben.
Ich wünsche dem Stadtteil St. Nikolaus und seinen Bürgern ein gelungenes Feiern der festli-
chen Anlässe, freue mich mit der Bevölkerung der gesamten Stadt über den Traditionsreichtum
und das vielfältige Eigenleben dieses Stadtteiles und darf versichern, daß die Stadtführung
gegenüber den Anliegen, die aus St. Nikolaus kommen, auch in Zukunft aufgeschlossen sein
wird.
Romaned Warri
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Vorwort des Pfarrers von St. Nikolaus,
Hw. Eduard Nowak
- Die Pfarre St. Nikolaus heute -
Mit der Aufgabe betraut, ein Vorwort zum nachstehenden Bericht über die Pfarre St. Ni-
kolaus zu schreiben, möchte ich mich nur auf die gegenwärtige seelsorgliche und religiöse
Situation in unserer Pfarre beschränken.
Wenn einmal jemand sagte, die St. Nikolauser seien ein Völkergemisch, dann trifft das heute
mehr denn je zu.
Die Pfarre St. Nikolaus zählt rund 2900 Einwohner. Davon sind rund 900 jugoslawische und
türkische Gastarbeiter. Die Jugoslawen werden, so sie Kroaten sind, von einem kroatischen
Franziskaner betreut. Der größere Teil in St. Nikolaus sind serbischorthodoxe Christen. Die
Türken gehören fast ausnahmslos zum Islam.
Von den übrigen 2000 Pfarrangehörigen sind etwa 90 Prozent katholisch. Davon etwa 10
Prozent sogenannte „Praktizierende". Dies allerdings läßt sich nur sehr schwer feststellen, weil
es in der Bevölkerung das sogenannte „Pfarrbewußtsein" kaum noch gibt. Das heißt, daß
manche St. Nikolauser hie und da gerne in eine andere Kirche gehen, weil dort vielleicht gerade
ein Hochamt gesungen wird, das sie gern hören möchten, oder weil man bei dieser Gelegenheit
einen alten Bekannten oder Verwandte trifft oder aus irgendeinem anderen Grund. Es kann
auch sein, daß manchem der andere Pfarrer besser gefällt, was ja auch vorkommen kann.
Andererseits kommen immer wieder Leute aus anderen Pfarren zu uns, vielleicht aus denselben
Gründen. Das ist also nicht nur eine St. Nikolauser, sondern in den Städten allgemeine Erschei-
nung.
Die Seelsorge ist in St. Nikolaus nicht schwieriger, aber auch nicht leichter geworden als
anderswo.
Es gibt auch in unserer Pfarre einen guten Grundstock, auf den ein Pfarrer bauen und auf dem er
aufbauen kann. Es sind Leute, die sich bemühen, das Pfarrgeschehen zu beleben, sei es bei der
Gestaltung von Gottesdiensten, sei es bei Organisation und Ausgestaltung von besonderen
Festen, wie zum Beispiel Patrozinium, Weihnachten und Ostern (Agape u. ä. vor der Kirche).
Obwohl es in St. Nikolaus nur wenige gibt, die ausgesprochen ablehnend der Kirche gegen-
überstehen, gibt es doch viele sogenannte „Fernstehende". Das sind die vielen, die zwar nicht
alles Religiöse ablehnen, höchstens aber nur an den größten Feiertagen auch im Gottesdienst
mitmachen, die aber doch darauf bestehen, daß ihre Kinder getauft werden, zur Erstkommu-
nion und zur Firmung gehen und in der Schule am Religionsunterricht teilnehmen.
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Auch ein Pfarrer wird im allgemeinen in St. Nikolaus akzeptiert, obwohl er es nicht allen recht
machen kann. Ob er aber angenommen ist oder nicht, das merkt er, wenn er durch die Innstraße
geht, wo die meisten Leute anzutreffen sind. Die einen grüßen freundlich zurück: „Grüß Gott,
Herr Pfarrer", viele andere wohlwollend: „Servus, Pfarrer, wia geaht's?"
An kirchlichen Einrichtungen bzw. Organisationen gibt es in unserer Pfarre eine gut florie-
rende Altenbetreuung, eifrige Jungschararbeit, eine Aktivistenrunde der Katholischen Arbeit-
nehmerbewegung und nicht zu vergessen der Kirchenchor, der zu einem guten Teil aus jungen
Leuten besteht.
Erwähnenswert ist noch, daß gerade bei der Jugend wieder ein leichter Trend zur Kirche
festzustellen ist. Die meisten Kirchenbesucher sind im Alter von 40 Jahren und darüber, ihnen
folgen die 20- bis 30jährigen.
Das ist ungefähr die religiöse Situation in St. Nikolaus heute, die sich kaum von anderen
Stadtpfarren unterscheidet, wie ich bis jetzt Berichten von anderen Pfarrern entnehmen konnte.
Das bedeutet aber nicht, daß ich mich damit zufriedengeben möchte. Wie jeder andere Pfarrer
auch, bete und sorge ich mich darum, daß möglichst alle wieder an unseren „gemeinsamen
Tisch" finden.
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Vorwort des Schriftleiters,
Senatsrat Univ.-Doz. Dr. Franz-Heinz Hye
Das Innsbrucker Stadtarchiv setzt mit diesem Band eine seit vielen Jahren und in unter-
schiedlichen Formen konsequent betriebene Initiative fort: die Dokumentation der histori-
schen Individualität der einzelnen Innsbrucker Stadtteile. Am Beginn dieser Aktivitäten stand
eine im Jahre 1970 begonnene Reihe von Ausstellungen zu diesem Themenkreis. Daran schloß
sich eine entsprechende Artikelserie in der Tiroler Kulturzeitschrift „das Fenster" (1972 -
1979). Ein wesentlicher Schritt weiter wurde dann getan, als im Anschluß an die Archivausstel-
lung über die Hungerburg im Zusammenwirken mit der „Interessengemeinschaft Hoch-Inns-
bruck, Hungerburg - Gramart" 1982 eine erste ausführliche Stadtteil-Monographie in Druck
gehen konnte. Was dort über den lokalen Verein abgewickelt worden ist, konnte diesmal durch
die verständnisvolle Bereitwilligkeit unserer geschichtsbewußten Stadtführung in Eigenregie
des Stadtarchivs realisiert werden. So sieht sich das Stadtarchiv in der glücklichen Lage, aus
Anlaß des Jubiläums „100 Jahre neugotische Pfarrkirche und 100 Jahre städtisches Kindergar-
tengebäude (Innstraße 97)" in dankenswertem Zusammenwirken mit den lokalen Verantwort-
lichen und Vereinen eine weitere stattliche Stadtteil-Monographie vorzulegen, welche - wie wir
hoffen - dem ältesten Stadtteil Innsbrucks, der im 12. Jahrhundert gegründeten Marktsiedlung
Innsbruck links des Inn einigermaßen gerecht wird. Selbstverständlich soll dieser Band keine
einsame Blume bleiben, sondern nur den Beginn einer neuen Publikationsreihe des Stadtarchivs
„Die Stadtteile Innsbrucks" bilden, welche Reihe bei gegebenen Anlässen fortgesetzt und nach
und nach alle Stadtteile erfassen wird.
F.M Mys
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Abb. 1: Ansicht der Stadt Innsbruck aus dem Jahre 1649 mit der
ältesten detaillierten Darstellung des Stadtteiles St. Nikolaus. V. I. n.
r. erkennt man ein Wegkreuz (bei Köpfplatz ?), die spätgotische
Leprosenhauskirche „S. Nicolai" noch vor dem barocken Umbau
von 1655, sowie den Holzlagerplatz an der Floßlände neben der
Innbrücke. Stark schematisiert dargestellt sind die Straßenzüge der
Innstraße, St. Nikolaus-, Bäckerbühel- und Höttinger Gasse, sowie
der Mariahilfstraße. Kupferstich aus Matthäus Merian, Topographia
Provinciarum Austriacarum. Frankfurt a. M. 1649.
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OENI PONS.
Insbruch
3. Der Fugliche Hofe.
2. Das Puf Reginuus.
9 Guldene wapen thum.
Jo Tefustes kirch
3 Das Fun Comedi haus. 11. Vnje liebe Frankich.
+ Luft Gasten
Fafanen gazten
6. Des Plan thuen.
7. Francifcance Clostee.
12 S Sebastian
13. Capuunce kieche.
14. Platnergy in des Vojtatt.
15. Seruiten Closter.
8. S. Tacobs Pfackiech. 15. Spital thuen
17. S. Nicolai Kirche.
18 Land Zeughause.
19. Clestes und Deoff Wilathan
20. Schloß und Dorff Vmbeas.
21. Der Ihn flußt.
12 Deaf Ampa
23. Doaff Lan. 26. Vill
24 Doff Igele 2 Platy
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Die Geschichte von Innsbrucks ältestem Stadtteil
- St. Nikolaus und Mariahilf -
Von Franz-Heinz Hye
1. Die Anfänge unserer Stadt - der Marktort Innsbruck links des Inn (vor 1180)
Am Beginn unserer Ausführungen über den ältesten Stadtteil Innsbrucks, also über die
Anfänge dieser Stadt an der zu allen Zeiten wichtigen Straße über den Brennerpaß, ist es
notwendig, daran zu erinnern, daß die Anfänge Innsbrucks nicht am rechten, sondern am
linken bzw. nördlichen Ufer des Inn-Flusses liegen. Dies ist um so bemerkenswerter, als in der
Römerzeit und in den folgenden Jahrhunderten der Schwerpunkt des Straßenverkehrs auf der
rechten bzw. südlichen Seite des Inntales lag. Dort erhob sich spätestens seit dem Anfang des 4.
Jahrhunderts n. Chr. im Bereich des heutigen Prämonstratenser-Chorherrenstiftes Wilten die
römische Militär- und Handelsstation Veldidena, von wo die römische Staatsstraße entlang
dem südlichen Talhang über Amras in das Unterinntal bzw. über Völs gegen Teriolis (Zirl-
Martinsbühel) führte, in dessen Nähe die Straße den Inn übersetzt hat.'
Auch im frühen Mittelalter scheint sich der Verkehr noch über diese alten Straßen und Wege
abgewickelt zu haben. Die erste Anlage der Burg von Amras anstelle des heutigen Schlosses war
ja nur sinn- und wirkungsvoll, wenn von hier aus ein Hauptverkehrsweg beherrscht und
beschützt werden konnte, welche Möglichkeit nur so lange gegeben war, solange die alte
Römerstraße von Wilten über Amras und Ampass in das Unterinntal noch als solcher benützt
worden ist. Und welche Bedeutung der Amraser Burg beigemessen wurde, ersieht man
einerseits daraus, daß die Grafen von Andechs gelegentlich auch Grafen von Amras (z. B.
Comes Otto de Omeras) genannt wurden, und andererseits aus der Tatsache, daß Herzog
Heinrich der Stolze von Bayern hoffen konnte, den streitbaren Grafen Otto (II.) von Andechs
dann empfindlich zu treffen, wenn er dessen Burg zu Amras stürme und zerstöre, was sich im
Jahre 1133 zugetragen hat. Die Macht der Andechser war durch die Zerstörung von Amras
zwar nicht gebrochen, aber es ist auch in keiner Weise überliefert, daß die Andechser ihre
Amraser Burg nach 1133 wieder aufgebaut hätten. Von einer regen Bautätigkeit, dem vermutli-
chen Wiederaufbau der Burg, hören wir erst 1288, also zu einer Zeit, in der die Andechser schon
Vgl. dazu nun den Ausstellungskatalog,,VELDIDENA-Römisches Militärlager und Zivilsiedlung". Geleitet von
Liselotte Zemmer-Plank. Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 1985.
2
3
Franz-Heinz Hye, Zur Geschichte des Hauptstraßennetzes im Innsbrucker Becken. In: Tiroler Wirtschaftsstu-
dien, Bd. 33, Innsbruck 1977, S. 175-197.
Edmund Frh. v. Oefele, Geschichte der Grafen von Andechs. Innsbruck 1877; sowie Elisabeth Scheicher, Schloß
Ambras. In: Tiroler Burgenbuch, Bd. VI, Bozen 1982, S. 140 ff.
14
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längst (1248) ausgestorben waren und sich die Burg im Besitz der neuen Landesherren, der
Grafen von Tirol-Görz befand.*
Es darf daher angenommen werden, daß die Grafen von Andechs, die von den Fürstbischöfen
von Brixen die Grafschaft im Inntal zwischen Melach und Ziller zu Lehen innehatten und damit
auch Herren der am linken Talhang liegenden Dorfsiedlung Hötting waren, nach der Zerstö-
rung ihrer Amraser Burg den Schwerpunkt ihrer Macht im Inntal von der rechten auf die linke
Talseite verlegt und unterhalb des Dorfkernes von Hötting am schmalen nordseitigen Innufer-
streifen eine neue Marktsiedlung angelegt haben. Der Name dieses neuen Marktortes war
Innsbruck und begegnet erstmals in einer Salzburger Traditionsnotiz von 1167/1183.5 Er leitete
sich ab von jener ersten Innsbrucker Innbrücke, die, damals errichtet, den Verkehr von der
südlichen Talseite herüber auf das nördliche Innufer bzw. in und durch den neuen Marktort zu
führen hatte, denn ein Markt, der abseits vom Hauptverkehr liegen würde, war ein Unding; -
ein Blick nicht nur auf alle Tiroler Markt- und Stadtgründungen des Mittelalters läßt dies
zweifelsfrei erkennen.
Es gibt übrigens auch einen sehr wesentlichen Hinweis darauf, daß die Innsbrucker Innbrücke
erstmals erst damals bzw. wenige Jahrzehnte vor 1180 erbaut worden ist. In jenem Tauschver-
trag des Jahres 1180, kraft welchem Berchtold (V.) von Andechs vom Kloster Wilten den
Grund zur Anlage der Innsbrucker Altstadt erworben hat, besteht nämlich das Kloster Wilten
u. a. darauf, daß ihm weiterhin ausschließlich das Recht zum Betrieb einer Fähre über den Inn
zustehen soll - eine Forderung, die sich unmittelbar neben einer Brücke zumindest eigenartig
anhört. Das heißt, das Kloster hegte Zweifel am Bestand der neuen Brücke und sicherte sich für
den Fall ihres Eingehens jenes Fährrecht, welches dem Kloster vor dem Bau der Brücke offen-
bar erhebliche Einnahmen bescherte. Das Mißtrauen gegen den Fortbestand der Brücke wurde
allerdings enttäuscht. Die Brücke hielt und wurde, wenn sie gelegentlich durch Hochwasser
zerstört worden war, immer rasch wieder aufgebaut oder repariert. Das exklusive, aber nicht
mehr realisierte Fährrecht der Wiltener Chorherren geriet darüber in Vergessenheit, und als
Johann Mahlschedl Ritter von Alpenburg in den Jahren 1836 bis 1868 an der Stelle des 1873/
1875 erbauten und noch heute bestehenden „Kreuzersteges" eine Fähre zwischen St. Nikolaus
und dem Rennweg bzw. Hofgarten betrieben hat, erhob das Stift dagegen keinerlei Einspruch,
wiewohl es dagegen auf sein ausschließlich ihm zustehendes Fährrecht hätte pochen können.
5
7
Franz-Heinz Hye, Amras - Geschichte und Sehenswürdigkeiten eines Innsbrucker Stadtteiles. Innsbruck 1976,
S. 35 ff.
Derselbe, Innsbruck - Geschichte und Stadtbild. Sonderband der Tiroler Heimatblätter. Innsbruck 1980, S. 11.
6 Ebenda, S. 12 f.
Derselbe, St. Nikolaus und Mariahilf. Ein Beitrag zur Geschichte der Stadtteile Innsbrucks. In: das Fenster,
Nr. 16, Innsbruck 1975, S. 1685; sowie Carl Unterkircher, Chronik von Innsbruck. Innsbruck 1897, S. 328,
n. 2347 und S. 456, n. 3441.
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Abb. 2: Blick in die St. Nikolausgasse, welche eine anderen, alten Tiroler Städten vergleichbare, geschlossen verbaute
mittelalterliche Hauptstraße darstellt. Als erste Innsbrucker Marktstraße bildete sie bis ca. 1500 zugleich auch die
Hauptlandstraße in's Unterinntal. Foto: Margarete Hye-Weinhart.
Nach der Anlage der heutigen Innsbrucker Altstadt um 1180/1204, welche als durch eine
Ringmauer befestigter Stadtkern fortan den politischen und wirtschaftlichen Mittelpunkt der
Stadt gebildet hatte, sank das erste linksufrige Innsbruck zur minder bedeutenden, unbefestig-
ten Vorstadt ab, deren Gebiet bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts nur noch als der städtische
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Bereich jenseits bzw. „enunt der prukken" oder „enhalben der prukh", im 15. Jahrhundert als
,,an der Anprugken" und in der Folgezeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als jener Stadtteil
bezeichnet worden ist, welcher in einen Bereich ober oder unter der Innbrücke geschieden
worden ist (Obere und Untere Ynnpruggen). Erst die stadtgeschichtliche Literatur seit Franz
Carl Zoller (1816) hat wieder auf die Bezeichnung des 15. Jahrhunderts „Anbruggen" zurück-
gegriffen, welche seither allgemein als historisierender Name für den Stadtteil links des Inn
angewandt wird. - Soviel zur Gründung und Bezeichnung von Ur-Innsbruck, welche Markt-
siedlung bei ihrer Gründung territorial und personell als schmaler Uferstreifen unterhalb des
Bruggfeldes zwischen dem Höttinger Bach im Westen und dem Tuft- oder Tuffbach im Osten
aus dem Verband der alten Dorfgemeinde Hötting herausgeschnitten worden ist, wobei die
Bewohner der neuen Marktsiedlung hinsichtlich ihrer landwirtschaftlichen Bedürfnisse weiter-
hin mit denen von Hötting gleichberechtigt blieben. Dementsprechend enthält auch bereits das
ältest-überlieferte Höttinger Dorfweistum, welches um 1437/1462 aufgezeichnet wurde, die
Bestimmung,,Item, auch habent unßere Herren von Jnsprugk Holz und Waid mitsampt uns ze
niessen", welche gemeinschaftliche Wald- und Weidenutzung der Gemeinde Hötting und der
Stadt Innsbruck hinsichtlich der Waldungen bis zur gegenseitigen Aufteilung des Höttinger
Waldes in den Jahren 1750 bis 1760 praktiziert worden ist. Die gemeinsame Beweidung der
Talwiesen hingegen ging allmählich und in dem Maße zurück, in dem die städtischen Ackerbür-
ger von einst im Laufe des 19. Jahrhunderts ihre zumindest teilweise landwirtschaftliche Selbst-
versorgung aufgaben und die Weidegründe besiedelt wurden. Auch die alte Innsbrucker Stadt-
alm, die An- bzw. Unbrüggler Alm, liegt inmitten des bis 1756 gemeinsamen Höttinger und
Innsbrucker Almendwaldes. 13
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12
13
Vgl. dazu folgende Urkunden des Starchivs Innsbruck (StAI.): n. 26: 1320, n. 44: 1329, n. 48: 1332, n. 68: 1340,
n. 88: 1345, n. 135: 1362, n. 157: 1367, n. 171: 1370, n. 187: 1377, n. 234: 1395, n. 243: 1399, n. 245: 1402 und
n. 257: 1405.
Ebenda, Urkunden n. 380: 1461, n. 382: 1462, n.388: 1464, n.390: 1465, n.395: 1466, n. 400: 1466, n. 403: 1467,
n. 415: 1469, n. 422: 1471, n. 425: 1472, n. 434: 1476, n. 438: 1478, n. 452: 1479, n. 458: 1480, n. 483: 1485,
n. 487: 1486, n. 496: 1487.
Ebenda, Urk. n. 516: 1491 „unten an der Inprugk", n. 531: 1494 „an der Inprugk" etc., sowie Cod. 70 =
Leopoldinischer Steuerkataster von ca. 1628, fol. 162 v (Viertelbezeichnung) „Oberynpruggen", fol. 179 v
„Underynpruggen". Der Maria-Theresianische Steuerkataster von ca. 1775 (Orig. im TLA, Kopie im Stadtarchiv,
Cod. 132) enthält auf fol. 366 v die Stadtviertelbezeichnung „Ober- und Unter Innsbruck"; in Verzeichnissen und
Plänen des 19. Jahrhunderts ist hier von der „Oberen und Unteren Innbrückenstraße" die Rede.
Franz Carl Zoller, Geschichte und Denkwürdigkeiten der Stadt Innsbruck, Bd. 1, Innsbruck 1816, S. 90: Verwen-
dung des Ausdrucks,,Anbrucken" zum Jahre 1333.
F.-H. Hye, Zur Geschichte des Höttinger Waldes. In: Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, Neue
Folge, Bd. 5, Innsbruck 1974, S. 139–148.
Derselbe, Vom Grauenstain zur Hungerburg. Ceschichte des Stadtteiles Hoch-Innsbruck. Innsbruck 1982,
S. 21 f.
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Wenn hier oben hinsichtlich der Ausdehnung der ersten Innsbrucker Marktsiedlung als nord-
östliche Grenze der Tuff- und nicht der Weiher- oder Steinbruchbach, die heutige Grenze der
Katastralgemeinde Innsbruck gegen Hötting, angegeben worden ist, so geschah dies aus folgen-
dem Grunde: Noch im Jahre 1315 nämlich stiften „der Rat und gemainlich di Purger ze
Insprukke" dem Stadtspital zum Heiligen Geist den Gemeindegrund („Gemaine") „under
wegis div da leit zwischen des Hallers Angers und des Tuftpachs und der (!) Gemaine ob wegis,
div da leit zwischen des Fulsachs Geraevt und des Tuftpachs". Es handelt sich dabei also um
das Gebiet ober- und unterhalb des alten Fahrwegs in Richtung Mühlau westlich vom Tuft-
bach, welcher Fahrweg wenige Meter unterhalb der Villa Blanka verlaufen ist (vgl. weiter
unten!). Aus dieser Schenkungsurkunde geht hervor, daß damals auch noch das Areal zwischen
dem Weiher- und dem Tuffbach zum städtischen Burgfrieden bzw. zum Stadtgebiet gehört hat.
Wann und wie es hier später zu einer Grenzveränderung gekommen ist, kann derzeit noch nicht
erklärt werden. Gesichert ist, daß der „Tufftpach" noch 1547 die östliche Stadtgrenze von
Innsbruck gebildet hat, während in einer Grenzbeschreibung von 1811 und in der Kataster-
mappe von 1856 der Weiherbach als Stadtgrenze angegeben wird.15
2. Das Absinken des alten Marktes in die Rolle einer Vorstadt nach der Gründung der
Innsbrucker Altstadt (1180)
Die neue Marktsiedlung an der Brennerstraße wuchs rasch an, so daß sie sich schon 1180
am linken Uferstreifen beengt fühlte. Aus diesem Grunde und sicherlich auch mit der Absicht,
die Innbrücke vollends in seine Hand zu bekommen, erwarb Graf Berchtold (V.) von Andechs
im genannten Jahr kraft eines Tauschvertrages vom oben erwähnten Stift Wilten das Areal der
hiemit begründeten Innsbrucker Altstadt, zunächst aber nur mit dem Wunsch, den Marktplatz
nun hierher verlegen und die Marktsiedlung hier vergrößern zu können. Wörtlich sagt Graf
Berchtold in der betreffenden Vertragsurkunde: „Forum nostrum trans pontem poneremus."
Wie sehr sich der Schwerpunkt des wirtschaftlichen und politischen Lebens im Markt an der
Innbrücke, der spätestens seit 1204 den Status einer Stadt genoß, mit der Verlegung des Markt-
platzes vom linken auf das rechte Ufer ebendorthin verlagert hat, zeigt eine Urkunde von 1320,
in welcher der Tiroler Landesfürst, König Heinrich von Böhmen, seinem Landrichter im Inntal
14 StAI., Urk. n. 15.
15
16
"16
Otto Stolz, Politisch-historische Landesbeschreibung von Tirol. 1. Teil: Nordtirol (Archiv für österreichische
Geschichte, Bd. 107), Wien 1926, S. 312 ff.
Ernst Frhr. v. Schwind und Alphons Dopsch, Ausgewählte Urkunden zur Verfassungsgeschichte der deutsch-
österreichischen Erblande im Mittelalter. Innsbruck 1895, S. 35, n. 21; vgl. dazu auch F.-H. Hye, Innsbruck,
Geschichte und Stadtbild, a. a. O., S. 12 f.
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Abb. 3: Ein Blick auf die Rückseite der St. Nikolausgasse läßt die für die Inn- und Salzachstädte typischen Grabendächer
erkennen. Foto: Margarete Hye-Weinhart.
mit Nachdruck in Erinnerung bringen mußte, daß die Häuser „enunt der Pruken, die an der
Gassen stent, da man hin uf gen Hetingen get“, nicht zu Hötting bzw. zum Landgericht,
sondern zur Stadt Innsbruck gehören und dem Stadtgericht unterstehen." Die Wechselbezie-
hung zwischen der alten Marktsiedlung des 12. Jahrhunderts jenseits der Brücke und dem von
einer Ringmauer umschlossenen Stadtkern scheint demnach um diese Zeit derart lose gewesen
zu sein, daß Ortsunkundige glauben konnten, Anbruggen gehöre zu Hötting.
17 StAI., Urk. n. 26.
19
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Auf diese irrige Auffassung geht möglicherweise auch jener eigenartige Rechtsbrauch zurück,
wonach Verbrecher, deren Straftaten vom Hoch- und Blutgericht abzuurteilen waren, vom
Innsbrucker Stadtrichter nicht an der Stadtgrenze, sondern „mittend der Ynpruggen", also
mitten auf der Innbrücke an den Landrichter von Sonnenburg übergeben werden mußten.18
Auch heute noch wird der alte Zusammenhang zwischen dem Stadtteil St. Nikolaus-Mariahilf
mit der Altstadt bzw. die Tatsache, daß letztere aus der Siedlung am linken Innufer hervorge-
gangen ist, gelegentlich übersehen. So z. B. enthält der der Altstadt und den Stadterweiterun-
gen Innsbrucks,,bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts" gewidmete Band 38 der Österreichischen
Kunsttopographie (Wien 1972) kein Wort über Innsbrucks ältesten Stadtteil," der freilich nach
1180 seine Bedeutung als Kopf verloren hat und dann zum letzten der Glieder geworden war.
Dieses Absinken in der Wertskala und im sozialen Status zeigte sich auch darin, daß am Ostrand
dieses Stadtteiles das Innsbrucker Leprosenhaus, das Sondersiechen- oder Infektionsspital der
Stadt eingerichtet worden ist (vgl. unten!). Ähnliches läßt sich im Stadtteil Dreiheiligen bzw. in
der Kohlstatt beobachten, in welchem Gewerbeviertel am Sillkanal seit dem 16. Jahrhundert
das Innsbrucker Pest- oder Infektionsspital seinen Standort hatte. 20 Wie in der Folge noch
dargelegt werden wird, entwickelte sich St. Nikolaus im Laufe der Zeit zu einem vorwiegend
von Handwerkern und Gewerbetreibenden bewohnten Stadtteil, in dem auch die meisten
Handwerksstätten der öffentlichen Versorgung (Hof- und Stadtzimmermeister, Hof- und
Stadt-Brunnenrohrbohrer, Hof- und Stadtziegelei bzw. Kalkofen, Steinhütten, ärarische Waa-
senmeisterei) ihren Standort hatten. Konkret untersucht wurde dies abgesehen von den
genannten amtlichen Werkstätten - hinsichtlich der Innsbrucker Maurer und Steinmetze, von
denen Heinz Moser festgestellt hat, daß sie „fast durchwegs ... in den heutigen Stadtteilen
St. Nikolaus und Hötting siedelten".21
Johann Jakob Staffler schreibt diesbezüglich (1842), daß sich in diesem Stadtteil,,viele ärmliche
und unscheinliche Häuser" befinden, „größtenteils bewohnt von Maurergesellen, Holzhauern
18
19
Karl Moeser, Stand dem Stadtgerichte Innsbruck auch die hohe Gerichtsbarkeit zu? In: Forschungen und Mittei-
lungen zur Geschichte Tirols und Vorarlbergs, Jg. 16/17, Innsbruck 1919/20, S. 205.
Dieses Manko hat die Verfasserin, Frau Dr. Johanna Felmayer, im zweiten Band über „Die profanen Kunstdenk-
mäler der Stadt Innsbruck außerhalb der Altstadt" (Österreichische Kunsttopographie, Bd. 45), Wien 1981, S. 1-
102, wieder gutgemacht.
20 Vgl. dazu F.-H. Hye, Silbergasse und Kohlstatt. Ein Beitrag zur Geschichte der Stadtteile Innsbrucks. In: das
Fenster, Nr. 18, Innsbruck 1976, S. 1889-1895. Speziell über das Brestenhaus und die Pestepidemie von 1611 siehe
Bernhard Schretter, Die Pest in Tirol 1611 - 1612 (Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, NF. Bd. 12/
13), Innsbruck 1982, S. 129-390.
21
Heinz Moser, Die Steinmetz- und Maurerzunft in Innsbruck (Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs,
NF. Bd. 4), Innsbruck 1973, S. 114 und 142.
20
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Tagwerker
Metzger
„Untere Innbruggen"
(St. Nikolaus)
17
„Obere Innbruggen" (Mariahilf)
8
Bäcker
6
Schneider
6
Fuhrwerker
6
Weber
5
Wirte
2
Maurer
4
Hafner
4
Fasser (Faßbinder)
3
Plattner
3
Seiler
Weißgerber
Hueter
Kramer
3
3
1
1
Schuster
1
Sattler
Tischler
Schlosser
1
1
1
Kupferschmied
1
Schmied
1
-635-2-INT-
1
1
Zimmermann
1
Farber
1
,,Bildschnitzer"
1
Rädermacher
1
Fischer
1
Ziegler
1
Rotgerber
1
„Koltrager"
1
„Pfeifer"
1
,,Fratschler"
1
,,Tschanderer"
1
21
221
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und andern gemeinen22 Arbeitern - einem rohen, aber lebendigen und naturkräftigen Völkchen
mit eigenthümlichen Manieren und Sitten." Selbst noch die Wiener Allgemeine Kunstchro-
nik" (wiederabgedruckt in den Neuen Tiroler Stimmen 1883, Nr. 201, S. 1) schreibt im
Zusammenhang mit dem Neubau der Pfarrkirche zu St. Nikolaus: „Leider ist die Umgebung-
die Kirche steht im ärmsten Stadttheil - eine nichts weniger als würdige." - Glücklicherweise
hat sich das Bild unterdessen gewandelt und ist St. Nikolaus heute ein Stadtteil, der vom
Akademiemitglied (Franz Huter)24 bis zum Bürgermeister (Alois Lugger) 25 alles aufzuweisen
hat, was in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft Rang und Namen hat. Als
Abschluß dieses Kapitels mag es willkommen sein, eine statistische Zusammenstellung jener
Gewerbetreibenden zu geben, die im Jahre 1634 in einem Verzeichnis der Wehrpflichtigen der
Stadt Innsbruck in St. Nikolaus und Mariahilf angeführt werden.26
Einer der oben genannten neun Bäcker hatte seinen Standort schon damals im Hause Innstraße
Nr. 21. In der Zeit von 1768 bis 1867 wirkte dort die Familie Glatz (,,Glatzbäck")." Und dieser
Bäckerfamilie entstammte der noch heute in der Erinnerung populäre und legendäre Stadtarzt
und Wohltäter Dr. med. Josef Glatz (1825-1890).28 Die Vereinigung St. Nikolaus ließ deshalb
an diesem seinem Geburtshaus eine Gedenktafel anbringen.
22
23
24
25
26
Der Ausdruck gemein" bezeichnete damals nicht einen üblen Charakter, sondern einen eher unterdurchschnittli-
chen, gewöhnlichen" sozialen Status.
Johann Jakob Staffler, Tirol und Vorarlberg, topographisch mit geschichtlichen Bemerkungen, Bd. 1/2, Innsbruck
1842, S. 413.
Vgl. dazu u. a. die Festschrift für Univ.-Prof. Dr. Franz Huter anläßlich der Vollendung des 70. Lebensjahres
(Tiroler Wirtschaftsstudien, Bd. 26/12), Innsbruck 1969. Es ist dem Verfasser ein Bedürfnis, auch in diesem
Zusammenhang diesem seinem verehrten Universitätslehrer in Dankbarkeit seine Reverenz zu erweisen.
Über unseren noch heute unvermindert populären und geachteten Alt-Bürgermeister vgl. die Festschrift „Inns-
bruck 1956-1981. Dr. Alois Lugger zum 25jährigen Bürgermeisterjubiläum gewidmet". Innsbruck 1981.
StAI., Cod. 155.
27 Brigitte Rogger, Häusergeschichte der Innsbrucker Stadtteile westliche Altstadt - St. Nikolaus-Mariahilf im Zeit-
raum 1628 - 1780. Ungedruckte geisteswissenschaftliche Diss., Innsbruck 1981, S. 136; sowie Veronika Gruber,
Die bauliche Entwicklung Innsbrucks im 19. Jahrhundert (1780-1904), Veröffentlichungen des Innsbrucker
Stadtarchivs, NF. Bd. 7, Innsbruck 1976, S. 311.
28 Vgl. dazu Wilhelm Eppacher, Die Wohltäter der Landeshauptstadt Innsbruck (Veröffentlichungen aus dem Stadt-
archiv Innsbruck, Heft Nr. 3), Innsbruck 1951, S. 6; sowie derselbe, Bibliographie zur Stadtkunde von Innsbruck
(Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, NF. Bd. 1/2), Innsbruck 1971, S. 221, n. 8954/55.
22
22
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Abb. 4: Ansicht von St. Nikolaus auf einer Stadtansicht von Innsbruck aus dem Jahre 1786, daher noch mit dem 1790
abgebrochenen Inntor, sowie mit dem Zucht- oder Strafarbeitshaus (= Turnusvereinshaus) und der alten Pfarrkirche von
St. Nikolaus. Kolorierte Lithographie von Peter und Joseph Schaffer, Wien 1786. Original im Stadtarchiv Innsbruck.
3. Die untere Anbruggen
Was den Grundriß der oberen und unteren Inn- oder Anbruggen anbelangt, so dürfte
derselbe sicherlich schon im 12. Jahrhundert in seinen wesentlichen Zügen ausgeprägt worden
sein. Als solche sind einerseits die direkte Verbindung der alten Unterinntaler Landstraße (d. i.
die heutige Weiherburggasse) durch die St.-Nikolaus-Gasse und die obere Innstraße zur Inn-
brücke sowie andererseits die von der Innbrücke steil zur alten Oberinntaler Landesstraße (d. i.
23
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die heutige Schneeburggasse) ansteigende, bereits oben erwähnte Höttinger Gasse zu bezeich-
nen. Alte Straßenzüge bzw. Wege stellen auch die von der St.-Nikolaus-Gasse abzweigenden
Gäßchen, die Holz- oder Bäckerbühelgasse sowie die Dienzner- oder Fallbachgasse dar, wäh-
rend die Kirch- oder Schmelzergasse erst nach 1540 über den alten Hofziegelanger hinunter
angelegt worden ist.29 Mit dieser Grundgestalt weist die Anbruggen als schmale, der Länge nach
von einer Hauptstraße durchzogene Marktsiedlung zwischen Berghang und Fluß weitgehende
Übereinstimmung mit anderen mittelalterlichen Marktgründungen in Tirol auf, wobei beson-
ders an Meran, Klausen und Rattenberg zu erinnern ist. Während sich aber bei diesen Städten
die Weiterentwicklung vom Markt zur Stadt und auch deren späteres Leben stets auf demselben
Grund und innerhalb derselben engen Umgrenzung vollzogen hat, brachte es im Falle von
Anbruggen dessen besonders günstige verkehrsgeographische Lage an der hier den Inn über-
schreitenden Brennerstraße mit sich, daß hier sogar noch vor der Stadtwerdung eine räumliche
Ausdehnung und Vergrößerung erfolgte, ein Umstand, der Rattenberg nie, Meran und Klausen
aber erst im Zuge von Eingemeindungen im 20. Jahrhundert beschieden war. Zum Unterschied
von den genannten drei Städten erhielt die Anbruggen jedoch niemals Ringmauer oder Burg,
welche beiden Elemente einer städtischen Befestigungsanlage hier allein für die „Statt", d. h.
für die heutige Innsbrucker Altstadt rechts des Inn, vorbehalten blieben. Gegenüber der
ummauerten Stadt war die Anbruggen nämlich nach 1204 nur noch eine zum Innsbrucker
Burgfrieden bzw. Stadtgerichtsbezirk gehörige offene Vorstadt.
Einen neuen Hauptstraßenzug erhielt die Anbruggen, als am Ende des 15. Jahrhunderts mit
allen Mitteln damaliger Straßenbaukunst, durch Felsabsprengungen und kleine Brückenbauten
entlang dem steilen Nordufer des Inn ein „Neuer Weg" von der Anbruggen nach Mühlau bzw.
Arzl geschaffen worden ist, womit die durch ihre Steilheit und Enge mehr als beschwerliche alte
Landstraße in dieser Funktion ausgedient hatte. Diese führte von der St.-Nikolaus-Gasse
durch die Weiherburggasse bis hinauf zum ehemaligen Gasthaus „Schönblick" - nicht, wie man
bis vor kurzem glaubte, bis zur Weiherburg! Vom Gasthof Schönblick querte sie ziemlich
waagrecht unterhalb der Villa Blanca den Talhang, um schließlich durch das heute noch beste-
hende, gegen oben als Sackgasse endende Straßenstück steil hinunter nach Mühlau bzw. zur
29 F.-H. Hye, St. Nikolaus und Mariahilf, a. a. O., S. 1686; sowie J. Felmayer, Die profanen Kunstdenkmäler der
Stadt Innsbruck außerhalb der Altstadt, a. .a. O., S. 97.
30 Bezüglich Meran und Klausen vgl. F.-H. Hye, Tiroler Städte an Etsch und Eisack. Ein stadtgeschichtlicher
Exkursionsführer (Exkursionen des Österreichischen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung, Heft 9), Linz
1982, S. 39-49; sowie bezüglich Rattenbergs derselbe, Die Städte Tirols. 1. Teil (Österreichisches Städtebuch, hg.
von der Österr. Akademie der Wissenschaften, Bd. 5/1), Wien 1980, S. 201-209; derselbe, Rattenberg am Inn
Grundzüge seiner Stadtgeschichte. In: Festschrift zur Wiedereröffnung der Stadtpfarrkirche zum hl. Virgil in
Rattenberg. Rattenberg (1983), S. 60-75.
24
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Mühlauer Innbrücke abzufallen." Für die Finanzierung der Pflasterung der neuen Straße unten
am Innufer wie überhaupt der Hauptstraßenzüge in Innsbruck und hinauf bis zum Bergiselsat-
tel (im Bereich der Südgrenze des Stadtteiles Wilten) verlieh König Maximilian I. am 21.
Februar 1500 der Stadt das Recht, in der zur Pradler Sillbrücke führenden Silbergasse (=
Universitätsstraße), bei dem nach Wilten führenden Vorstadttor sowie namentlich beim städti-
schen Kalkofen in der unteren Anbruggen ein Weggeld einzuheben. Der hier genannte Kalko-
fen läßt sich seit 1395 urkundlich nachweisen." Er befand sich, wie dem Maria-Theresianischen
Steuerkataster zu entnehmen ist, hinter dem ehemaligen städtischen Bruderhaus (Kat.-Nr. 519,
Innstraße Nr. 95), auf dessen Gartenareal 1872 das bestehende städtische Kindergartengebäude
errichtet worden ist (Innstraße Nr. 97).
Das städtische Zollhäuschen am Neuen Weg aber befand sich - wie es scheint - spätestens von
1682 bis 1779 nicht hier, sondern an der Kreuzung des Neuen Weges mit der Fallbachgasse an
der Stelle des Hauses Innstraße Nr. 109.4
Mit der neuen Landstraße verlor aber nicht nur die alte Landstraße ihre Bedeutung, sondern
mußte auch die St.-Nikolaus-Gasse ihre ursprüngliche Hauptstraßenfunktion an die untere
Innstraße abtreten, welche im 19. Jahrhundert „Kaiserstraße" benannt worden ist. Hier ent-
standen nun im 16. und in den folgenden Jahrhunderten einige neue und stattliche Bauten, wie
das geradezu platzbildende Haus Innstraße Nr. 81% oder der spätere Gasthof zum Elefanten
(1661-1910), d. i. das Haus Nr. 87. Auch das bemerkenswerte Portal des Gasthofes zur Eiche
(Haus Nr. 85), welches eine interessante Vermengung von Formen der Spätgotik und der
Renaissance darstellt, weist auf diese durch die neue Landstraße angeregte Baufreudigkeit im
Vgl. dazu F.-H. Hye, Die Weiherburg. Festschrift aus Anlaß der Restaurierung dieses Ansitzes durch die Stadtge-
meinde Innsbruck 1976-1978. Innsbruck 1978, S. 9.
31
32
StAI., Urk. n. 567.
33 Ebenda, Urk. n. 234.
34
35
36
Jedenfalls gelangte dieses einstöckige Häuschen 1682 kaufweise in den Privatbesitz des damaligen Zöllners am
Neuen Weg, von dessen Familie es die Stadtgemeinde Innsbruck im Jahre 1714 erworben hat, welche noch im
Kataster von ca. 1775 als Besitzer dieser Liegenschaft aufscheint. Vgl. dazu B. Rogger, a. a. O., S. 231; sowie
J. Felmayer, Die profanen Kunstdenkmäler... außerhalb der Altstadt, a. a. O., S. 57.
Der von J. Felmayer, a. a. O., S. 50, vorgenommenen Identifizierung des stattlichen Hauses Innstraße Nr. 81 mit
dem ehemaligen ersten landesfürstlichen Jägerhaus, welches 1557 infolge Baufälligkeit wieder verkauft worden ist
(es wird damals als „gannz enng, pawfellig und erfault" beschrieben und befürchtet, es,,werde baldt niderfallen"),
vermag ich nicht zuzustimmen, auch nicht im Sinne eines auf demselben Grund erstellten Neubaues, da das Haus
Innstraße Nr. 81 im Süden und Westen an die Straße angrenzt, während das ehemalige Jägerhaus im Süden und
Osten an die Landstraße stieß. Vgl. dazu Hans Katschthaler, Die landesfürstlichen Jägerhäuser an der Anbruggen
und im Höttinger Ried. In: Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, NF. Bd. 5, Innsbruck 1974, S. 53-
62.
Heinz Moser, Das Gasthaus „Zum Elefanten" in St. Nikolaus. In: Amtsblatt der Landeshauptstadt Innsbruck,
Jg. 37, 1974, Nr. 6.
25
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Abb. 5: Blick in die Bäckerbühelgasse. Foto: Margarete Hye-Weinhart.
16. Jahrhundert hin. Ein wenn auch nur bescheidener, von 1535 bis 1548 betriebener Erzberg-
bau am Neuen Weg neben dem Weiher- oder Steinbruchbach (der 550 Meter lange Stollen
dieses Bergbaues wurde 1944 bei der Anlage der dortigen Luftschutzstollenanlage von innen
her angefahren) hat sicherlich auch etwas zur Belebung der dortigen Wirtschaft beigetragen.38
37 Vgl. dazu die Ausführungen des unvergessenen Altmeisters der Innsbrucker Kunstgeschichte, Heinrich Hammer,
in seinen Alt-Innsbrucker Studien. Innsbruck 1942, S. 39 f.
38
Georg Mutschlechner, Der Bergbau an der Innsbrucker Nordkette zwischen Kranebitten und Mühlau. In: Veröf-
fentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, NF. Bd. 5, Innsbruck 1974, S. 123-129.
26
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Im Gegensatz dazu begegnet uns schon wenige Jahre nach der Inbetriebnahme des Neuen
Weges für die alte Hauptstraße die abfällige Bezeichnung „Katlachn“ oder „Kotlacke", welche
seit 1517 nachweisbare Bezeichnung ursprünglich nur für die St.-Nikolaus-Gasse galt (z. B.
im Kataster von ca. 1780, Nr. 527: „die Kotlacken oder Gassen zum S. Nicklaus-Gottshaus"),
heute aber als Spitzname für ganz St. Nikolaus lebendig ist. Die Ursache für diese wenig
schmeichelhafte Bezeichnung war vermutlich der Umstand, daß kurze Zeit zuvor in den unge-
pflasterten Boden der St.-Nikolaus-Gasse die hölzernen, an ihren Kupplungsstellen meist
etwas undichten Wasserleitungsrohre der von der Tuffbachquelle oberhalb der Weiherburg in
die Stadt hinunterverlegten Hofwasserleitung vergraben worden sind, wodurch der dortige
Straßenboden mehr als nur durch das Regenwasser aufgeweicht wurde und „kotig" war.*
Dessenungeachtet befand sich an diesem Straßenzug, nicht weit oberhalb der Sondersiechen-
kirche, ein Gewerbebetrieb, der der alten Landstraße zur höchsten Ehre gereicht: Es war dies
die seit 1503 nachweisbare Glocken- und Geschützgießerei am Gänsbichl, wo u. a. 1509 von
Peter Löffler die erste der großen Bronzestatuen des (leeren) Grabdenkmales Kaiser Maximi-
lians I. in der Innsbrucker Hofkirche gegossen worden ist (es ist das Standbild König Ferdi-
nands von Portugal)." Mit dem Tode Josef Georg Müllers (Miller) stellte diese Gußhütte im
Jahre 1854 ihren Betrieb ein. An ihrer Stelle wurde in den letzten Jahren eine moderne
Wohnanlage gebaut. Vom alten Baubestand war zuletzt nur noch das an seiner Südseite mit
einem Glockenfresko gezierte Wohnhaus des Gießers erhalten (Fallbachgasse Nr. 22). Heute
erinnert daran eine sehr schön gestaltete bronzene Gedenktafel, welche die betreffende Wohn-
baugesellschaft über Anregung des Stadtarchivs dortselbst anbringen ließ. Sie befindet sich an
der dem Biennergaßl zugewandten Seite dieser Wohnanlage. Ihr Text lautet: „Anstelle dieser in
39
40
41
StAI., Urbar des Stadtspitals zum Heiligen Geist von 1517, fol. 19.
F.-H. Hye, Zur Geschichte der Trinkwasserversorgung der Landeshauptstadt Innsbruck (bis 1887). In: Gas-
Wasser Wärme, 29. Jg., Wien 1975, Nr. 7, S. 224 - 230. Überdies bereitet der Verfasser eine ausführliche
Monographie über dieses Thema vor.
Auch Karl Karner, St. Nikolaus - Innsbruck. Die Koatlackn. Innsbruck 1924, S. 40, bzw. der dort von ihm zitierte
einstige Lokalkaplan Josef Baur (Manuskript von 1834) äußerte sich zu dieser Frage wie folgt: „Die meist aus
kleinen und schlecht gebauten Häusern bestehende Gasse vom Wirtshaus beym Steinenbrünndl angefangen bis zur
Kirche heißt seit langer undenklicher Zeit her die, Kothlacke', weil in ihrer Mitte teils von den Dachrinnen, teils von
den Brunnenröhren, die unter der Erde das Wasser von der Gegend des Schlosses Weyerburg in die Stadt führen,
eine schmutzige ungesunde Lacke bleibend war." - Karl Klaar, Alt-Innsbruck und seine Umgebung, Bd. 1,
Innsbruck (1938), S. 39, schreibt allerdings, daß der Name „Kotlacke" erstmals bereits im Jahre 1506 auftrete,
wahrscheinlich aber noch viel älter sei. Einen quellenmäßigen Beleg für diese seine Angabe blieb Klaar aber leider
schuldig.
Erich Egg, Die Hofkirche in Innsbruck. Innsbruck 1974, S. 22.
42 H. Katschthaler, Das landesfürstliche Büchsenhaus auf dem Gänsbühel. In: Tiroler Heimatblätter, Jg. 41, 1966,
S. 31-64.
27
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den Jahren 1977/78 erbauten Wohnanlage befand sich nachweisbar seit 1503 die landesfürstli-
che Glocken- und Geschützgießerei auf dem Gansbühel, wo Peter und Gregor Löffler nicht
nur ihre berühmten Glocken, sondern auch 1509 die erste und 1550 die letzte der großen
Bronzestatuen des in der Hofkirche aufgestellten Grabdenkmals Kaiser Maximilians I. gegos-
sen haben. Nach der Familie Löffler wirkten hier die Glockengießer Reinhart, Köttelath,
Wickrath, Vidal und Miller. Mit dem Tod des Josef Georg Miller 1854 wurde der hiesige
Gießereibetrieb geschlossen, seine tönenden Schöpfungen erklingen im ganzen Land Tirol.
Guß Grassmayr Innsbruck." Knapp unterhalb der Gießerei befand sich anstelle des Hauses
Weiherburggasse Nr. 1 noch eine andere denkwürdige Stätte: Es war die von 1591 bis 1731
benützte öffentliche Hinrichtungsstätte, etwas verniedlicht das „Köpfplatzl" benannt. Die
Anlage derartiger Stätten an vielbegangenen Straßen und Plätzen wurde von der alten Straf-
rechtspflege bevorzugt, um die abschreckende Wirkung des Strafvollzuges zu verstärken. Im
Nachruf auf die alte Landstraße darf der Hinweis auch auf dieses Stück blutgetränkte Erde nicht
fehlen.43
Waren im 16. Jahrhundert an der Nordseite der Innstraße westlich neben dem Hofziegelanger
und dem städtischen Kalk- und Ziegelofen einige neue Wohnhäuser entstanden, so wurde das
Gebiet südlich der Innstraße, zwischen ihr und dem Innfluß, noch lange Zeit vorwiegend von
privaten und öffentlichen Zweck- und Gewerbebauten eingenommen, die überdies zumeist
Holzbauten waren. Wegen der deshalb stets zu befürchtenden Brandgefahr wird im Jahre 1540
ausdrücklich bemerkt, daß hier die Zuleitung von Brunnenwasser um so wichtiger sei, „,nach-
dem der Ennde vil hulzine Heuser, aber wenig Wasser darbey und (eine Wasserleitung) in
Fewrsnot hoch zu Guettem erspriessen wurd"." Im einzelnen befanden sich hier laut des
Steuerkatasters von ca. 1775, abgesehen von einigen wenigen Wohnbauten, folgende Gebäude:
Im Bereich westlich der Fallbachmündung waren die landesfürstliche,,Waasenmeister-Behau-
sung" (Kat.-Nr. 558) also Innsbrucks erste Wasenmeisterei, und eine Färberei. Auf dem Areal
43
Ebenda, S. 32 f. Bezüglich der Errichtung der „Ennthaubt-Richtstat" am Platz vor der (damaligen) städtischen
Zimmerhütte vgl. StAI., Ratsprotokoll 1591, fol. 141. Vgl. dazu auch O. Stolz, Politisch-historische Landesbe-
schreibung von Nordtirol, a. a. O., S. 295.
Nachdem auf der alten Richtstatt und Begröbnuß (der) Maleficanten bei St. Niclaus an der Untern Yhnbruggen"
mit behördlicher Genehmigung „ain Haus erbauhet worden", erhob sich für das Ordinariat in Brixen nachträglich
noch die Frage, obe die Maleficanten-Begröbnus bei St. Niclaus allhie intra recinctum Ecclesiae, obe selbe
benediciert gewesen oder obe die Richtstatt und Freythoff nur ain Blaz (gewesen) seye?" Der Innsbrucker Pfarrer
Lindtner antwortete hierauf am 28. Juni 1738, daß selbe extra recinctum Ecclesiae S. Nicolai, von einiger Benedic-
tion nichts bewust und die Richtstatt und Begröbnus nur ain Blaz gewesen seye" (Diözesanarchiv Brixen, Sammel-
akt Innsbruck-St. Nikolaus).
Innsbrucker Hofbrunnenordnung von 1540, fol. 33 (Orig. im Tiroler Landesarchiv, Hs. 491; Kopie im StAI., Cod.
130).
28
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Abb. 6: Der Hauptplatz von St. Nikolaus mit dem Platzbrunnen. Foto: Margarete Hye-Weinhart.
des 1863/64 im Stil der Neugotik erbauten städtischen „Schulpalastes" (Innstraße Nr. 36)+5
befanden sich die „Stadtbrunnenrohrhütte" (Kat.-Nr. 549 1/2) (zum Bohren der hölzernen
Brunnenrohre) und daneben die,,Weegmacherhütte". Anschließend folgten im Gebiet des
1865 begründeten Malfatti-Instituts", der „Herrschaft Stein- und Ziegelhütte", eine Nagel-
schmiede und daneben zwei Rotgerbereien. Hinter dem Gasthaus Engl (Innstraße Nr. 22)
vorbei gelangte man westwärts zum Holzlagerplatz des Stadtzimmermeisters, als dessen
Behausung das Haus Innstraße Nr. 8 diente (Kat.-Nr. 532). Auf dem Areal dieses Holzlager-
45 C. Unterkircher, a. a. O., S. 436, n. 3272, S. 439, n. 3298 u. S. 441 f, n. 3316 u. n. 3322. V. Gruber, a. a. O., S. 275
u. 316; sowie J. Felmayer, a. a. O., S. 65 f.
46
V. Gruber, a. a. O., S. 315, und J. Felmayer, a. a. O., S. 63 f. Vgl. dazu auch den Artikel von F.-H. Hye über Alois
Malfatti. In: Österr. biograph. Lexikon 1815-1950, Bd. VI, Wien 1975, S. 34.
29
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platzes wurde übrigens 1873 das Gebäude der städtischen Mädchenvolksschule (heute
gemischte Volksschule) errichtet; seine heutige Gestalt erhielt es aber erst durch einen Um- und
Erweiterungsbau im Jahre 1891 (Innallee Nr. 3).
48
Westlich davon erhob sich die Hof-Zimmerhütte, mit welcher ebenfalls ein weiträumiger
Holzlagerplatz verbunden war. Nachdem dieser Amtssitz des Hofzimmermeisters unbrauch-
bar geworden war, wurde auf diesem Gelände im Jahre 1712 der Rohbau des ärarischen Zucht-
und Strafarbeitshauses erstellt, dessen Fertigstellung sich bis zum Jahre 1724 hinzog. Das
Gebäude findet sich daher einerseits bereits auf dem Rindlerschen Stadtplan von 1712 einge-
zeichnet, seine offizielle Eröffnung aber erfolgte erst im Jahre 1725, als am 4. Februar dieses
Jahres auch die erste heilige Messe in der dortigen Dreifaltigkeitskapelle zelebriert worden ist.
Nach der Auflassung dieser Strafanstalt (1859) in den Besitz der Stadtgemeinde Innsbruck
gelangt (1860), wurde es 1861 dem Innsbrucker Militär-Einquartierungsturnus-Verein überlas-
sen, der dahin die Verpflichtung zur Militäreinquartierung in die privaten Wohnungen abwäl-
zen konnte (die damaligen Innsbrucker Kasernen boten für diesen Zweck, namentlich bei den
vielen Truppendurchzügen, zu wenig Raum). Noch einmal jedoch fand dieses Gebäude amtli-
che Verwendung. Es war dies in den Jahren 1869 bis 1918, als hier das k. k. Landesgendarme-
riekommando für Tirol seinen Sitz hatte.+9
Westlich vor der Hofzimmerhütte bzw. nach 1712 vor dem Zuchthaus befand sich die ehema-
lige Floẞanlegestelle oder Lände, an welche Einrichtung heute nur noch das sogenannte „Flö-
Berkreuz" an der NO-Ecke des Waltherparks erinnert. Heute breitet sich hier der in den Jahren
1875/76 angelegte erste Innsbrucker Stadtpark aus.
Vereinzelte Floẞfahrten und Landungen werden zwar noch bis 1904/05 erwähnt, als eigentli-
cher Verkehrsträger im Güter- und Personenverkehr zwischen dem Oberinntal und der Lan-
deshauptstadt endete die Flößerei jedoch mit dem Bau der Eisenbahnlinie über bzw. durch den
47
J. Felmayer, a. a. O., S. 20 f.; sowie V. Gruber, a. a. O., S. 274.
48J. Felmayer, a. a. O., S. 58 f. Ein Abdruck der „Ordnung des allhier in Ynsbrugg neuerlich wieder eröffneten
Zucht- und Arbeits-Hauß" vom 14. November 1746 findet sich bei Wolfgang Pfaundler, Die schönsten Bilder von
Innsbruck 1500 1822. Hg. von der Sparkasse Innsbruck 1972, S. 80 - 86. Die Insassen dieses Zucht- und
Strafarbeitshauses betrieben übrigens von 1843 bis 1860 eine Lodenwalke in Wilten zuoberst am Sillkanal. Vgl.
dazu F.-H. Hye, Der Innsbrucker Sillkanal und seine Gewerbebetriebe. In: Festschrift für Georg Zwanowetz
(Veröff. der Universität Innsbruck 142), Innsbruck 1984, S. 79.
49
F.-H. Hye, Vom Amtsgebäude des Hofbauamtes zum Landesgendarmeriekommando. Ein Beitrag zur Bauge-
schichte des Innrain zu Innsbruck. In: Tiroler Heimatblätter, Jg. 61, 1986, Heft 2, S. 62-68.
Abb. 7: Die St.-Nikolaus-Statue am Platzbrunnen von St. Nikolaus. Foto: Margarete Hye-Weinhart. ▷
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Arlberg 1883/84. Auf den Ansichten der Stadt Innsbruck, die sehr häufig Floẞe am Inn zeigen,
begegnet dieses Verkehrsmittel letztmals im Jahre 1882.50
Der ehemalige Lager- und Abladeplatz an der Floßlände war allerdings, wie ein Plan aus diesem
Jahre zeigt, schon 1835 als Parkanlage mit regelmäßigem Baumwuchs bzw. mit einer „Roßka-
stanien-Allee" versehen, hatte also zu diesem Zeitpunkt seine alte Funktion, wie sie auf der
Stadtansicht Matthäus Merians von 1649 oder auf den Rindlerschen Stadtplänen von 1712 und
1723 deutlich erkennbar ist, bereits verloren.51
Als ersten Schmuck erhielt der Stadtpark" gleich bei seiner Anlage die sogenannte „Geogra-
phensäule", welche 1876 zur Eröffnung von Bürgern der Stadt gestiftet worden ist (vgl. die
dortige Inschrift). Mit Windfahne, Barometer, Thermometer und Sonnenuhr nebst anderen
Angaben vermittelt diese schmucke Säule die wichtigsten Grundwerte eines Wetterberichtes.
Erst vor kurzem (1982/83) durch den Innsbrucker Verschönerungsverein unter Aufwendung
erheblicher Mittel restauriert, fiel dieser älteste Schmuck des Waltherparks bzw. die dortigen
Meẞinstrumente unterdessen neuerdings mutwilligem Zerstörungstrieb zum Opfer.
Die künstlerisch bedeutendste Zierde dieser Parkanlage bildet der schöne St.-Joachims-Brun-
nen, der einzige Barockbrunnen Innsbrucks", welcher eine bewegte Vorgeschichte aufzuwei-
sen hat. Im Jahre 1709 vom Innsbrucker Bildhauer Ingenuin Lechleitner geschaffen und in der
Maria-Theresien-Straße aufgestellt, wanderte der Brunnen 1734 auf den neuen Platz vor dem
1717 bis 1723 erbauten Innsbrucker St.-Jakobs-Dom, von wo er 1801 wieder an seinen ersten
Standort zurückkehrte, bis er um 1851 an den südseitigen Straßenrand der Innstraße mit dem
Rücken zum Waltherpark und endlich 1952 in die Mitte dieses Parks hineingestellt worden ist. 52
Als weitere Zierden dieses Parks folgten 1877 das schöne Metallstandbild des Minnesängers
Walther von der Vogelweide von Niggl und 1903 das Denkmal für den in der unteren Anbrug-
gen geborenen Gründer der Innsbrucker Freiwilligen Feuerwehr, Franz Thurner (1828 bis
1879). Es ist ein Werk von Norbert Pfretschner.53
Nordöstlich vom Ortskern von St. Nikolaus dehnt sich heute das Gelände einer zweiten Park-
und Grünanlage am Innufer aus. Diese Anlage verdankt ihre Entstehung der um 1884 bis 1889
erfolgten Innuferverbauung bzw. Regulierung. Bis dahin nämlich verlief das Innufer östlich
50 Vgl. die Neujahrs-Entschuldigungskarte der Stadtgemeinde Innsbruck für das Neujahrsfest 1882. Es handelt sich
dabei um eine der letzten Gesamtstadtansichten alten Stils (Innsbruck gegen Süden) und wurde von C. A. Czichna
gezeichnet und lithographiert. Orig. im StAI.
51 StAI., Plan 213.
52
53
J. Felmayer, a. a. O., S. 22. Bezüglich des Standortes des Brunnens bis 1952 ist u. a. auf Konrad Fischnaler,
Innsbrucker Chronik II. Teil, Innsbruck 1930, S. 118 zu verweisen, wo mitgeteilt wird, daß der Joachimsbrunnen
jetzt (1930) in der unteren Innstraße gegenüber dem Haselwanter-Haus" (Innstraße Nr. 23) steht.
J. Felmayer, a. a. O., S. 23.
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vom Haus Nr. 42 unmittelbar entlang dem Südrand der Innstraße. Hier also hat das „Fest-
land" des Stadtgebietes eine geringfügige Vergrößerung erfahren.
4. Die obere Anbruggen
Während der unterhalb bzw. östlich der Innbrücke liegende Teil der Anbruggen bis ins
18. Jahrhundert stets vom Transitverkehr durchzogen wurde, bildete der oberhalb oder west-
lich der Innbrücke liegende Teil dieses Stadtteiles lange Zeit nur eine Art abseits liegendes
Anhängsel. Die dortige schöne Häuserzeile, die knapp vor dem Höttinger Bach in das Kir-
schental nordwärts abbiegt, dürfte in ihrer heutigen Gestalt aber sicherlich ebenso alt sein wie
ihr schmuckes Gegenstück am westlichen Teil der Innstraße.
In diesem Zusammenhang muß jedoch erwähnt werden, daß ein Großteil der Häuser der
oberen und unteren Anbruggen, und zwar insgesamt 48, am 16. November 1473 einem Brand
zum Opfer gefallen sind. Es darf daher angenommen werden, daß die Anbrugger Häuser bis in
die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts noch in Holz- bzw. Fachwerkbau erbaut worden sind
und daß der Wechsel zum Stein- und Ziegelbau hier erst nach diesem Großbrand erfolgt ist.
Der Verkehr vom Oberinntal, vor allem aber jener, der über den Seefelder Sattel oder über den
Fernpaß von oder nach Süddeutschland bzw. Augsburg zog, betrat oder verließ Innsbruck bis
zum Ende des 16. Jahrhunderts noch nicht durch die Höttinger Au am Talboden, sondern
entlang der vor Hochwasser geschützten Hangterrasse durch die Schneeburg- und Höttinger
Gasse. Erst nachdem „erstmals 1595 und dann wieder 1649 die landesfürstliche Regierung
zusammen mit der Stadt Innsbruck eine neue, gerade und ebene Landstraße durch die Höttin-
ger Au und Ulfiswiesen. . . erbauten "56, hat die obere Anbruggen ihr einstiges Dornröschen-
dasein gründlich gegen geschäftiges Verkehrsleben gewechselt - die verhältnismäßig vielen
54
Während ein Stadtplan von Innsbruck von 1880 (es handelt sich dabei um eine Beilage zu Franz Gwercher,
Innsbruck und dessen nächste Umgebung. Innsbruck 1880) und ein weiterer von ca. 1884 noch den alten Inn-
uferverlauf knapp neben der Kaiser- bzw. Innstraße zeigt, weist ein Stadtplan, welcher als Entschuldigungskarte
der Stadt Innsbruck für Neujahr 1889 herausgegeben worden ist, bereits die neue künstliche Uferführung auf.
55 Die zeitgenössische Meldung über dieses Unglück findet sich ediert bei Karl Schadelbauer, Das Calendarium
Wernheri als Tirolische Chronik. Innsbruck o. J. (1930), S. 29; sie lautet: „Anno ab incarnatione domini 1473
(November 16) circa horam nonam post meridiem ipsa naturali die sancti Othmari combuste sunt transpontem
quadraginta octo domus; ignis ex negligentia et unaduertencia proprius rutilando ortus est in domo Petri Trüller
contigua Pleiner etc." - C. Unterkircher, a. a. O., S. 9, n. 89, erwähnt unter Berufung auf F. K. Zollers Geschichte
und Denkwürdigkeiten der Stadt Innsbruck. 1. Bd., Innsbruck 1816, S. 90, auch eine „gewaltige Feuersbrunst auf
der Anbrucken" im Jahre 1333, doch konnten darüber keine näheren Angaben eruiert werden.
56
O. Stolz, Geschichte der Stadt Innsbruck. Innsbruck 1959, S. 259; derselbe, Geschichtskunde der Gewässer Tirols
(Schlern-Schriften Bd. 32), Innsbruck 1936, S. 294. Siehe dazu auch F.-H. Hye, Innsbruck - Geschichte und
Stadtbild, a. a. O., S. 94.
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Gasthäuser an diesem kurzen Straßenstück vom Höttinger Bach zur Innbrücke sowie eine erst
1928 aufgelassene Hufschmiede dortselbst geben davon beredte Kunde."
Abgesehen vom Durchzugsverkehr bildete die obere Anbruggen auch den Zugang zu dem seit
1496 nachweisbaren Schießstand der Innsbrucker Büchsenschützen („der Giessen bey der
Püchsenschüzen zu Insprugg Schiesshüten, da der [Giessen] in den Yn rindt")58, der westlich
neben dem ehemaligen, anstelle der Mariahilfkirche befindlich gewesenen Seelos-Schlöẞl gele-
gen war. 59
Da damals der Höttinger Bach die Grenze zwischen Innsbruck und Hötting gebildet hat,
befand sich dieser städtische Schießstand also außerhalb des Stadtgebietes bzw. in Hötting.
Diesem Umstande wurde endlich dadurch abgeholfen, daß das Areal dieser Sportstätte westlich
des Höttinger Baches bzw. zwischen Innufer und Straße im Jahre 1863 dem Stadtgebiet von
Innsbruck angeschlossen worden ist.60 Für das Territorium oberhalb der Straße blieb der Höt-
tinger Bach noch bis zur Eingemeindung von Hötting im Jahre 1938 die Gemeindegrenze
zwischen der Stadt und Hötting. Noch heute erinnert der eigenartige und nur durch diese
einstige Grenzsituation verständliche Umstand daran, daß inmitten ein- und desselben Straßen-
zuges plötzlich der Straßenname von „Mariahilf" zu „Höttinger Au" wechselt. - Soviel zum
dortigen Grenzverlauf, doch nun zurück zum Schießstand. Dieser wurde seit 1652 als die
„Erzfürstliche Haupt-Schießstatt" bezeichnet, jedoch 1889 aufgelassen. Das dortige Schieß-
standareal wurde übrigens 1863 der Stadtgemeinde Innsbruck einverleibt. Nachdem dieser
Schießstand 1889 den Tiroler Landesschützen als Kaserne übergeben worden war, wurde 1893
in der Arzler Innau ein neuer Landeshauptschießstand errichtet, der durch das Olympische
57
58
59
60
61
K. Fischnaler, a. a. O., IV. Teil, S. 64. Zur Geschichte dieser Hufschmiede im Hause Mariahilfstraße Nr. 14, dessen
Fassade mit einer Reliefdarstellung des hl. Eligius, des Patrons der Huf- und Nagelschmiede geziert ist, vgl. auch
Hartmann Egger, Die St. Nikolauser Nagelschmiedfamilie Egger. Ungedr. Ms. im StAI. Diese Arbeit bezieht sich
allerdings vor allem auf das Haus Innstraße Nr. 24, in welchem sich seit ca. 1720 1745 die Eggerische Nagel-
schmiede befand.
TLA., Ältere Kopialbücher 1495/96, fol. 318.
H. Katschthaler, Vom Seelosgut zur Mariahilfkirche. In: Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, NF.
Bd. 5, Innsbruck 1974, S. 63-66.
O. Stolz, Geschichte der Raum- und Grenzbildung der Stadtgemeinde Innsbruck (Veröffentlichungen aus dem
Stadtarchiv Innsbruck, Heft Nr. 13), Innsbruck 1957, S. 11.
J. E. Bauer, Innsbrucker Schützenwesen und Schützenfeste... bis zur Gegenwart. Innsbruck 1903.
Abb. 8: Das Portal des Gasthofs zur Eiche von ca. 1530/40. Foto: Margarete Hye-Weinhart.
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Dorf verdrängt und 1970 in die ehemalige Arzler Schottergrube im Eggenwald verlegt worden
ist. 62
Ihren am 22. Dezember 1873 vom Innsbrucker Gemeinderat beschlossenen Namen,,Mariahilf-
straße" verdankt die obere Anbruggen - bis dahin,,Obere Innbrückenstraße" genannt - dem
Umstande, daß sie von Innsbruck zu der auf Höttinger Boden stehenden Mariahilfkirche führt,
welche 1647 bis 1649 von den Tiroler Landständen verlobt und erbaut worden ist als Dank
dafür, daß Tirol – abgesehen von einzelnen Einfällen im nördlichen Grenzbereich - von der
Furie des Dreißigjährigen Krieges verschont geblieben ist.63
Nachdem im Zuge der Josephinischen Pfarregulierung die obere Anbruggen wie auch ein Teil
der Innstraße (westlich vom Turnusvereinshaus), der im Jahre 1786 bei der Mariahilfkirche
errichteten Lokalkaplanei und späteren Pfarre gleichen Namens zugeordnet worden ist, 6+ ent-
stand die irrige Auffassung, daß,,Mariahilf" auch ein eigener Stadtteil sei. Für den Kenner der
Stadtgeschichte werden die obere und die untere Anbruggen jedoch stets eine siedlungsge-
schichtliche Einheit, eben den ältesten Stadtteil Innsbrucks, die Anbruggen, darstellen.
5. Adelige Ansitze an der Anbruggen
Die Anbruggen war aber nicht nur ein Handwerkerviertel, hier logierten auch einige
Adelige. Die Lage ihrer Wohnhäuser und besonders die Lage der wenigen wirklichen und
vermeintlichen Ansitze im westlichen Teil der Innstraße, in der Höttinger Gasse und am
Anfang des Kirschentals, zeigt jedoch eine deutliche Distanz des Adels namentlich von der St.-
Nikolaus-Gasse oder „,Kotlacken", wo sich laut des Maria-Theresianischen Katasters von 1779,
Kat.-Nr. 460, nur die Behausung des Herrn Johann Anton von Mohr befand (St.-Nikolaus-
Gasse Nr. 11 bis 13).
Als wirklicher Ansitz ist das Haus Innstraße Nr. 17 zu bezeichnen, welches 1567 auf die Bitte
des damaligen Besitzers hin von Erzherzog Ferdinand II. (in Tirol 1564 bis 1595) zum adeligen
Ansitz „Rainfels" erhoben worden ist. Über die Lage dieses von Nikolaus Türing d. J. anstelle
einer Brandruine von 1546 erbauten Hauses sagt die betreffende Urkunde, daß es außerhalb
unser Stat Jnsprucks vor der Jnpruggen gelegen", d. h. daß es außerhalb der ummauerten Stadt,
jedoch innerhalb des Burgfriedens- oder Stadtgerichtsbezirkes von Innsbruck liegt.65 Im obzi-
F.-H. Hye, Arzl. Ein Beitrag zur Geschichte der Stadtteile Innsbrucks. In: das Fenster, Heft 15, Innsbruck 1974,
S. 1571.
62
63 Karl Böhm, Die landschaftliche Wallfahrtskirche Mariahilf - Innsbruck. Innsbruck (1954).
64
65
Georg Tinkhauser u. Ludwig Rapp, Beschreibung der Diöcese Brixen. Bd. 2, Brixen 1879, S. 226-233.
Erwin Stockhammer, Die Ansitze in Innsbruck und seiner nächsten Umgebung (Schlern-Schriften Bd. 202),
Innsbruck 1961, S. 86-89; J. Felmayer, a. a. O., S. 30 ff.
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Abb. 9: Der ehemalige Gasthof zum Elefanten, Innstraße 87. Foto: Margarete Hye-Weinhart.
tierten Maria-Theresianischen Kataster wird dieses Objekt (Kat.-Nr. 428) nur als grundzins-
freie Behausung, nicht ausdrücklich als Ansitz bezeichnet.
Vom Ansitz,,Ettenau" (Höttinger Gasse Nr. 25) glaubten wir noch vor wenigen Jahren anneh-
men zu müssen, er sei erst unter Johann Baptist von Ettenau um 1693/1700 erbaut worden.
Durch die Heranziehung von bisher unbeachtet gebliebenen Quellen, nämlich der Trink- bzw.
Brunnenwasserkataster von 1654 bis 1656 und 1681 bis 1701 wissen wir jedoch, daß der Bau-
66
F.-H. Hye, Zur Geschichte des Ansitzes Ettenau. In: Amtsblatt der Landeshauptstadt Innsbruck, Jg. 37, 1974, Nr.
10, S. 20; sowie J. Felmayer, a. a. O., S. 17 f.
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kern dieses Ansitzes zumindest um einige Jahrzehnte älter ist. Im Brunnenwasser-Kataster von
1654, fol. 2, wird hier nämlich bereits das sogenannte „Finckhische Schlessl" (= Schlößl)
angeführt, welches sich damals im Besitz des Hofkammerrates Hanns Georg Zoller befand.67
Wer jener Fink (Finckh) war, dem es seine damalige Bezeichnung verdankte, ist derzeit noch
unbekannt. Ebensowenig wissen wir darüber, wann dieses Schlößl erstmals erbaut worden ist
(von Fink?). Die Innsbrucker Feuerordnung von 1642, S. 146, verzeichnet hier als Besitzer den
Hofkanzlisten Georg Gstürner. Auf den vorerwähnten Zoller folgte dann Herr Johann Baptist
von Ettenau, unter dem der Ansitz durch einen Umbau - vermutlich nach Plänen von Johann
Martin Gumpp-seine heutige Gestalt erhielt. Eine Abbildung dieses Gebäudes in dieser Form
hat jedenfalls Johann Martin Gumpp auf eine von ihm gezeichnete Planansicht des Verlaufes des
Höttinger Baches aus dem Jahre 1693 nachträglich (aufklappbar) aufgeklebt.68 Auf Ettenau
folgten als Besitzer Bartholomeo Beta und nach diesem der Landrichter zu Sonnenburg, Joseph
von Wörndle, dessen Sohn als Sieger von Spinges (1797) in die Geschichte Tirols eingegangen
ist.69 An der Hausfassade erinnert übrigens eine Gedenktafel daran, daß in diesem Hause der
tirolische Dichter Hermann von Gilm in den Jahren 1829 bis 1840 wohnte und dessen Vater,
Johann Nepomuk von Gilm, am 16. August 1847 starb. Im Maria-Theresianischen Kataster,
Kat.-Nr. 413, wird Ettenau als grundzinsfreier „adeliche(r) Ansitz“ bezeichnet. Eine in den
Garten westlich hinter dem Haus führende schmiedeeiserne Tür zeigt in gelungener Filigranar-
beit das Wappen von Abt Sebastian Stöckl (1790 bis 1819) des Zisterzienserklosters Stams und
erinnert daran, daß sich der Ansitz während der Regierungszeit Stöckls, spätestens aber seit
1796 bzw. bis 1807, im Besitz dieses im letztgenannten Jahr von den Bayern aufgehobenen
Klosters befunden hat, was ebenso wie die Türe selbst bisher völlig übersehen worden ist. Als
dritter alter Ansitz der Anbruggen wird gelegentlich mit der Bezeichnung „Bruckfeld" das
Haus Kirschentalgasse Nr. 6 genannt. Es befand sich tatsächlich meist in adeligem Besitz. Eine
Privilegierung dieses Hauses als Adelssitz ist jedoch nicht bekannt. Der obgenannte Hofkam-
mer-Baumeister Johann Martin Gumpp nennt das Haus auf seinem im Innsbrucker Stadtarchiv
befindlichen Plan des Höttinger Baches von 1693 „Herrn Hofcamer-Secretari v. Graben Gueth
unnd Schlössl". Im Maria-Theresianischen Kataster, Kat.-Nr. 379, wird es nur schlechthin als
67
68
69
70
Tiroler Landesarchiv, Hs. 1276. Vom Verfasser darauf hingewiesen, hat auch bereits B. Rogger, a. a. O., S. 100,
diese Quelle mit Erfolg benützt.
Orig. im StAI., Plan 191; vgl. dazu oben Anm. 66.
Über diesen vgl. Heinrich v. Wörndle, Dr. Philipp von Wörndle zu Adelsfried und Weierburg. Tiroler Schützen-
major und Landsturmhautpmann. Brixen 1894.
Eine vergleichbare kunstgeschmiedete Darstellung des Wappens von Abt Stöckl befindet sich im Kloster Stams.
Vgl. dazu Johanna Gritsch, Schmiedeeisengitter im Stift Stams. In: (Festschrift) 700 Jahre Stift Stams (1273 - 1973).
Stams 1973, S. 112.
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AVHVBER
Abb. 10: Das Haus Innstraße 81 bildet den ostseitigen Rahmen des Hauptplatzes von St. Nikolaus und wurde vermutlich
im 16. Jahrhundert erbaut. Hier zweigt der um 1500 angelegte Neue Weg (= Untere Innstraße) nach Mühlau ab. Foto:
Margarete Hye-Weinhart.
,,Behausung“ bezeichnet und als dem Kloster Frauen-Chiemsee mit 2 Gulden Grundzins
unterworfen ausgewiesen."
Der sogenannte Ansitz Rauschenstein (Innstraße Nr. 38) wurde erst 1871/72 erbaut."
Im Ruf, ein Ansitz gewesen zu sein, steht auch das Haus Weiherburggasse Nr. 4. Die Besitzge-
schichte dieser Liegenschaft liegt nun zwar seit 1668 lückenlos vor, von einer Erhebung in den
Stand eines adeligen Ansitzes namens „Zederfeld" ist jedoch nirgends die Rede, wiewohl das
Gebäude im 18. Jahrhundert in adeligem Besitz war (1732 Tannenberg, um 1780 Pfeiffers-
71 J. Felmayer, a. a. O., S. 70 f.; B. Rogger, a. a. O., S. 258.
72
J. Felmayer, a. a. O., S. 66.
39
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berg). Unter der Bezeichnung „Cederfeld" begegnet dieses Objekt erstmals in der Kataster-
mappe von 1856, welcher Name wohl eine Schöpfung des damaligen Besitzers Bartlmä
Hechenblaickner d. Ä. war, der als ein sehr angesehener Bürger unserer Stadt bezeichnet
wird. Auf die Familie Hechenblaickner folgte 1891 durch Kauf Karl Kayser, der das Anwesen
mit seinen weitläufigen Grünanlagen zu einer Pension „Villa Kayser" umgestaltet hat. 1919
schließlich kaufweise an die Stadtgemeinde Innsbruck gelangt, ermöglichte dieser Besitz im
Jahre 1930 die Errichtung des städtischen Jugendhortes „Kaysergarten" in den ehemaligen
Grünanlagen unten an der Innstraße."
6. Das Leprosenhaus und die St.-Nikolaus-Kirche
Während es für uns heute vollkommen selbstverständlich ist, die untere Anbruggen als
St. Nikolaus zu bezeichnen, birgt gerade diese Bezeichnung ein noch nicht gänzlich gelöstes
Problem in sich. Die älteste Nachricht über das Leprosenhaus, welches sich bis 1789 an der St.-
Nikolaus-Gasse zwischen dem dortigen Friedhof und dem Hause Nr. 33 befunden hat, datiert
aus dem Jahre 1313 und besagt, daß der Innsbrucker Stadtrat verfügt habe, „das man niemants
in das Siechenhauß ein(n)emen soll, er sey dann bey der Statt geborn und erzogen."" In einer
Urkunde des Stadtarchivs von 1333 wird dieses Haus dann ausdrücklich als Anstalt der „Son-
dersyechen" bezeichnet und damit klar vom Stadtspital zum Heiligen Geist unterschieden.
Die Betreuung der Leprosen, und zwar in Innsbruck und in der Nachbarstadt Hall, besorgten
73
B. Rogger, a. a. O., S. 412 f.
74
V. Gruber, a. a. O., S. 556.
75 Vgl. Grundbuch-Einlage Zl. II 612; Karl Karner, St. Nikolaus - Innsbruck. Innsbruck 1924, S. 14, gibt irrig das
Jahr 1919 an.
76
78
Vgl. den Maria-Theresianischen Steuerkataster von ca. 1775, Kat.-Nr. 486. Dort findet sich folgende Eintragung:
„Lobliches S. Nicklaus-Gottshaus besizt das sogenannte Siechenhaus, 2 Stock hoch, . . . stost 1 an S. Nicklaus-
Freüthof, 2 an gemainen Weeg, 3 an die No. 487 (= St.-Nikolaus-Gasse Nr. 33)...". Bezüglich des Abbruchs
dieses Sondersiechen- oder Leprosenhauses, den J. Felmayer, a. a. O., S. 86, irrig in das Jahr 1870 datiert, vgl.
G. Tinkhauser u. L. Rapp, a. a. O., S. 227.
Bereits in einer Eingabe des Innsbrucker Pfarrers Jakob Norz an den Fürstbischof von Brixen vom 2. Dezember
1771 stellt Norz fest, daß die „Siechenbehaußung zimlichen ruinos", andererseits aber noch immer,,unentperli-
chen" sei und daher in Kürze reparieret werden mueß". Dem Pfarrer war damals übrigens nicht bekannt, „wer
dann die verhandene Siechenbehauẞung zu erhalten praecise verbunden seye". (Orig.-Schreiben im Diözesanar-
chiv Brixen, Sammelakt Innsbruck - St. Nikolaus.) In diesem Schreiben wird auch noch die jahrhundertealte
Funktion des „Siechenvaters" erwähnt, der gemeinsam mit seiner Gattin, der „Siechenmutter", die Heimleitung
dieser Anstalt besorgte.
StAI., Sonndersiechen unnd sanct Niclaus-Cappellen Urbar und Regisstratur 1567, fol. 1 v.
Ebenda, Urk. n. 51.
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Abb. 11: Die Innstraße, obere St. Nikolausgasse, Schmelzer- und Fallbachgasse mit der neuen Pfarrkirche und dem
Friedhof, sowie mit dem städtischen Kindergartengebäude, Innstraße 97, aus der Vogelschau. Luftaufnahme: Richard
Frischauf.
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die Kranken selbst, indem sie sich in einer gemeinsamen Bruderschaft zusammengeschlossen
haben, in der „confraternitas infirmorum leprosorum extra muros oppidorum Jnsprugk et
Hallis", für deren Wohltäter Bischof Leonellus de Chieregatis von Concordia am 20. Septem-
ber 1497 in Hall einen Ablaßbrief ausgestellt hat." Welchen Heiligen diese Bruderschaft als
ihren besonderen Schutzpatron verehrte, wissen wir nicht. Es könnte jedoch angenommen
werden, daß es der hl. Nikolaus von Tolentino (gest. 1305), ein italienischer Augustinereremit,
war, der selbst in der Krankenseelsorge tätig gewesen und als Patron einer Armen-Seelen-
Bruderschaft bekannt ist. Allerdings wurde auch der bekanntere hl. Nikolaus, nämlich der
Bischof von Myra, gelegentlich als Patron der Alten und Kranken verehrt. Eine dem hl. Ni-
kolaus geweihte Kirche oder Kapelle hat es jedenfalls vor 1655 weder bei den Sondersiechen
noch sonstwo im Stadtteil links des Inn gegeben. Andererseits aber wird die um 1501/02 erbaute
und am 3. Dezember 1502 zu Ehren der hl. Gottesmutter Maria, des hl. Bischofs Wolfgang
und der hl. Elisabeth geweihte Kirche beim Leprosenhaus schon wenige Jahre später (1505) als
St.-Nikolaus-Kapelle oder -Kirche bezeichnet (vgl. unten).
Wenn die Brixner Diözesanbeschreibung von Tinkhauser/Rapp, Bd. 2, S. 227 angibt, die
Kirche sei am 3. December 1502... zu Ehren U. L. Frauen, des h. Nikolaus, St. Wolfgangs
und der h. Elisabet geweiht worden", so beruht hier die Nennung des hl. Nikolaus auf einem
Irrtum. Der betreffende Passus in der im Innsbrucker Stadtarchiv befindlichen Original-Wei-
heurkunde von 1502 Dezember 3 lautet vielmehr: Weihbischof Konrad von Brixen beurkun-
det, quod nos capellam de novo erectam . . . circa domum leprosorum extra civitatem
Ysprugkh... in honore sanctissime Marie virginis ac sanctorum Wolfg(angi) episcopi et
Elizabeth vidue, quorum reliquias ac sanctorum Mathie apostoli, Alexii et magni abatis confes-
soris, Kyliani episcopi et martyris, de undecim mille virginibus et de ligno sancte crucis et
aliorum sanctorum reliquias, quorum nomina scripta sunt in libro vite in ipso altari inclusimus,
sepelivimus ac solempniter consecravimus, instituentes festum dedicationis capelle et altaris
predictorum dominica proxima post Philippi et Jacobi apostolorum perpetuis futuris tempori-
bus celebrari". In dieser Weiheurkunde findet sich also nicht der geringste Hinweis auf den
hl. Nikolaus. Sein Name scheint weder bei den Kirchenpatronen noch bei den hier hinterlegten
Reliquien, weder bei der Fixierung des Kirchweihfestes noch bei den oben nicht zitierten
Ablaßfesttagen auf. Dessen ungeachtet bezeichnet - wie bereits angedeutet
79 Ebenda, Urk. n. 550.
80 Vgl. Otto Wimmer, Handbuch der Namen und Heiligen. Innsbruck 1956, S. 343 f.
schon eine
80 Zur Verehrung des hl. Bischofs Nikolaus in Tiroler Hospizen vgl. Hans Fink, Die Kirchenpatrozinien Tirols.
Passau 1928, S. 158.
81 StAI., Urk. n. 592.
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Urkunde von 1505 die dortige kleine Kirche als „Sand Niclas Cappellen". 82 Die zweite Nen-
nung des hl. Nikolaus in Verbindung mit der Sondersiechenkirche stammt aus dem Jahre 1506.
Damals goẞ der oben genannte Glockengießer am Gänsbichl, Peter Löffler, für diese Kirche
eine leider nicht mehr erhaltene Glocke, u. a. mit einem Abbild des hl. Nikolaus und der
Inschrift: „O sancta Maria mater Dei et sanctus Nicolai (!) orate pro nobis Deum" (Neue
Tiroler Stimmen 1881, Nr. 270).
Die Erklärung dafür, daß die der hl. Maria geweihte Sondersiechenkirche mit dem hl. Niko-
laus in Verbindung gebracht und vom Volksmund sogar nach ihm benannt worden ist, dürfte in
dem Umstand zu finden sein, daß die obgenannte Leprosenbruderschaft, die vermutlich einen
hl. Nikolaus, sei es nun der hl. Bischof von Myra oder jener von Tolentino, als ihren Schutzpa-
tron verehrte, ihre Andachten und heiligen Meßfeiern seit 1501/02 selbstverständlich in dieser
Kirche beim „domum leprosorum" in Innsbruck abgehalten hat. Auf jeden Fall war der hl. Ni-
kolaus von Tolentino bei der Bevölkerung und bei den theologisch sicher nicht geschulten
Bruderschaftsmitgliedern bei weitem nicht so bekannt wie sein in der Haller Pfarrkirche verehr-
ter Namensvetter, der kinderfreundliche hl. Bischof Nikolaus von Myra. Letzterer ist daher
spätestens seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts - ob richtigerweise oder irrtümlich läßt sich
nicht entscheiden als der Patron der Sondersiechenkirche betrachtet worden. Das älteste
erhaltene bildhafte Zeugnis dieser Auffassung bildet ein spätgotisches Kreuzigungsrelief am
westlichen Eckhaus zu Beginn der Höttinger Gasse, dessen südwestliche Schmalseite eine
weibliche Heilige, wohl die hl. Elisabeth, und dessen nordöstliche, der Sondersiechenkirche
zugewandte Schmalseite den hl. Bischof Nikolaus von Myra zeigt.
Erst rund hundert Jahre später allerdings wurde für die Kirche der Sondersiechen dann erstmals
auch ein eigener, permanenter Seelsorger angestellt. Die Initiative dazu ging vom damaligen
frommen Landesfürsten, Erzherzog Maximilian III. dem Deutschmeister, aus, der als Hoch-
und Deutschmeister kirchliches Oberhaupt des Deutschen Ritterordens war. Am 20. Oktober
1615 erließ dieser eine Resolution, kraft welcher endlich auch zu St. Nicolay-Capellen an der
unteren Yhnbrucken, höchst erforderter Nothturfft nach und ohne längeren Aufzug ain aigner
Priester bestelt" werde, dessen Gehalt in der Höhe von jährlich 160 Gulden jedoch nicht vom
Landesfürsten, sondern aus den Einnahmen des Siechenhauses und der dortigen Kirche zu
bezahlen war. Die Obliegenheiten des dortigen Benefiziaten bestanden darin, „alle Son-,
82 Ebenda, Urk. n. 608.
83
Diözesanarchiv Brixen, Sammelakt Innsbruck-St. Nikolaus; G. Tinkhauser u. L. Rapp, a. a. O., S. 227. K.
Karner, a. a. O., S. 45 f. und der Schematismus der Diözese Innsbruck 1975, S. 68, geben dazu irrig das Jahr 1616
an.
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Feyr- und Freytag Mess zu lesen, die Sonder-Süechen und andere Presthaffte mit den Sacra-
mentis zu providiren, Beicht zu hören und zu begraben".
84
Es scheint, daß dieser Priester in der Folge auch von der übrigen Bevölkerung an der Unteren
Anbruggen in Anspruch genommen worden ist, weshalb die dortige Leprosenhaus-Kapelle
oder -Kirche alsbald als zu klein empfunden wurde. Im Jahre 1655 schritt man daher zu einem
Erweiterungsbau, dessen Weihe durch den Brixner Weihbischof Jesse Perkhofer am 22. Okto-
ber 1655 stattgefunden hat.85
Im Zuge der Josephinischen Pfarregulierung wurde St. Nikolaus dann 1786 - heuer vor 200
Jahren zur Lokalkaplanei erhoben. Die Erhebung zur Pfarre folgte 1851. Dies und vor allem
das starke Anwachsen der Bevölkerungszahl brachte es mit sich, daß nun auch der erweiterte
Kirchenbau von 1655 zu eng wurde, was 1881 den Abbruch der alten Kirche und 1882-1885
den Bau der stattlichen neuen St.-Nikolaus-Pfarrkirche nötig machte. 87
Die ordentliche Weihe der neuen Kirche durch den zuständigen Brixner Diözesanbischof
Simon Aichner erfolgte vor nunmehr 100 Jahren, am 24. Oktober 1886.88 (Über die kunsthisto-
rische Bedeutung dieser schönsten Kirche des neugotischen Stils in ganz Tirol vgl. den Beitrag
von Frau Dr. Waltraud Palme-Comploy in diesem Bande.)
7. Das ehemalige Bruderhaus und das städtische Arbeitshaus
Am Ende dieser Studie über die ältere Geschichte des Stadtteiles St. Nikolaus haben wir
noch einige Worte über das einstige „Bruderhaus" auszuführen. In Innsbruck gab es zwei
derartige Häuser, die der Altersversorgung der in Bruderschaften zusammengeschlossenen
Innsbrucker Handwerker und Gewerbetreibenden dienten. Deren erstes befand sich bis 1895
an der Stelle des Hauses Stainerstraße Nr. 2. Es wurde bereits im Jahre 1350 von zwei Innsbruk-
ker Bruderschaften gestiftet. Das zweite Bruderhaus befand sich an der Stelle des Hauses
Innstraße Nr. 97 bzw. ist in diesem Hause enthalten. Wann dieses zweite Bruderhaus errichtet
84
85
86
87
Diözesanarchiv Brixen, a. a. O.
G. Tinkhauser u. L. Rapp, a. a. O., S. 228: Die damals (1879) „noch vorhandenen Weihbriefe der Kirche und drei
Altäre" sind gegenwärtig leider verschollen.
Ebenda. Vgl. dazu auch Fridolin Dörrer, Zur ersten (Pfarr-)Teilung Innsbrucks. In: Der Schlern, Jg. 29, Bozen
1955, S. 130 135.
In einer Eingabe des Bruderschaftsverwalters zu St. Nikolaus an das Ordinariat in Brixen vom 12. April 1782 mit
der Bitte um einen zweiten Priester wird angegeben, daß die „Gemeinsleute" zu St. Nikolaus nunmehr „,über 1500
Seelen zählen (Orig. im Diözesanarchiv Brixen, a. a. O.). Demgegenüber verzeichnen G. Tinkhauser und L.
Rapp, a. a. O., S. 226, für das Jahr 1879 dortselbst 2.770 Einwohner in 133 Häusern.
88
Vgl. den Bericht in: Neue Tiroler Stimmen 1886, Nr. 244 (25. Okt.), S. 4.
89
F.-H. Hye, Innsbruck - Geschichte und Stadtbild, a. a. O., S. 88.
Abb. 12: Das ehemalige Löfflerische Gießhaus am Gänsbichl mit dem Fresko der Glockengießerei.
Foto: Margarete Hye-Weinhart.
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Abb. 13: Ansicht von St. Nikolaus mit der ehemaligen Floẞlände vor
dem Zucht- und Strafarbeitshaus (= Turnusvereinshaus), der alten Pfarr-
kirche und dem einst Löfflerischen Ansitz Büchsenhausen, vom Stadt-
turm aus gesehen. Lithographie von Friedrich Rehberg, 1820. Original
im Stadtarchiv Innsbruck.
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AS PANORAMA vos JNNSBRUCK
Die Hottinger Alpen.
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worden ist, wissen wir nicht. Laut des Maria-Theresianischen Steuerkatasters (Kat.-Nr. 519)90
befand es sich damals jedenfalls im Besitz der Stadtgemeinde Innsbruck und diente zuletzt
eigentlich nicht als „Bruder-", sondern als „Schwesternhaus", zumal es, wie J. J. Staffler (1842)
schreibt, damals „,23 Weibspersonen freie Wohnung und das erforderliche (Heiz-)Holz" gebo-
ten hat. Dabei handelte es sich vorwiegend um betagte Witwen und „Dienstbothen"." Nach-
dem es für diesen Zweck nicht mehr benötigt wurde, zog hier nach erfolgter Adaptierung zum
,,neuen Schulhaus zu St. Nikolaus" 1854 die 1834 vom „Frauenverein zur Beförderung der
Kleinkinderwartanstalten und Industrieschulen für Mädchen in Innsbruck" betriebene Klein-
kinder-Wartanstalt und Industrieschule in St. Nikolaus ein. Weitere Umbauten folgten. Seine
heutige Gestalt aber erhielt das „Bruderhaus", nachdem es 1886 kaufweise vom Bruderhaus-
fonds an die Stadtgemeinde übergegangen war und noch im gleichen Jahr erheblich umgebaut
und erweitert worden ist. Die Längserstreckung des Hauses wurde dabei nordwärts beinahe
verdoppelt. Mit diesem Um- und Zubau des Bruderhauses zur Herstellung eines Kindergar-
tens und Industrieschule in St. Nickolaus" im Jahre 1886 (vgl. Abb. 53 u. 54) entstand - also vor
nunmehr 100 Jahren - das erste städtische Kindergartengebäude Innsbrucks. Sowohl die wei-
terhin vom Verein geführte Kinderbewahranstalt als auch die Industrieschule verblieben hier
bis zu ihrer Auflösung 1938, in deren Folge der städtische Kindergarten aus dem Schulhaus
Innallee Nr. 3 hierher übersiedelte. In den ersten Jahren ihres Bestandes war die obgenannte
Kleinkinder-Wartanstalt übrigens im Hause Innstraße Nr. 57 (Kat.-Nr. 449) eingemietet."
Neben dieser den Kleinkindern gewidmeten Anstalt unterhielt der städtische Armenfonds, um
beschäftigungslosen, armen Mitmenschen zu einem geringen Verdienst zu verhelfen, seit 1820
ein städtisches Arbeitshaus mit Küche. Zum Unterschied vom ärarischen Zucht- und Strafar-
beitshaus (Innstraße Nr. 2) war dies keine Strafanstalt, sondern wurde als humanitäre Einrich-
tung verstanden. In der Katastermappe von 1856 wird es allerdings als „Städtisches Zwangsar-
beitshaus" bezeichnet. J. J. Staffler schreibt dazu, daß bei diesem Arbeitshaus eine „zwangs-
weise und eine freiwillige Arbeitsanstalt" unterschieden wurde. „In die erstere werden Leute
wegen beharrlichen Müssigganges, wegen fortgesetzten unsittlichen Wandels, oder wegen
Gewohnheits-Bettelns abgegeben. Die freiwillige Anstalt verschafft Arbeit im Hause, oder sie
betheilt die Armen mit rohen Stoffen zur Verarbeitung in ihren Wohnungen gegen einen
angemessenen Lohn. Die gewöhnlichste Beschäftigung ist das Spinnen und Weben. Die Grün-
dung und Unterhaltung des Arbeitshauses ist das preiswürdige Liebeswerk des Innsbrucker-
Handelsstandes. Die Armenküche bereitet und vertheilt auf Anweisung der Direktion die
90 StAI., Plan Nr. 210.
"Johann Jakob Staffler, Tirol und Vorarlberg. Bd. 1/2, Innsbruck 1842, S. 444.
92 Vgl. den (Behörden-)Schematismus von Tirol und Vorarlberg für das Jahr 1837, S. 191; sowie den im Schematismus
von 1848, S. 277. V. Gruber, a. a. O., S. 336; J. Felmayer, a. a. O., S. 55.
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nahrhafte Rumforter-Suppe in jährlichen 18.000 bis 19.000 Portionen zu 2 Pfund unentgeltlich.
Eine Zahl von etwa 1500 Portionen wird gegen den geringen Betrag von 1½ Kr. abgegeben."9
Als Quartier für dieses Arbeitshaus hat der Innsbrucker Armenfonds im Jahre 1825 das Haus
Innstraße Nr. 65 angekauft und durch einen weiteren Ankauf 1854 auch das Nebenhaus Nr. 67
als „Armenhaus" erworben. Beide Einrichtungen haben spätestens 1891 ihre Tore geschlossen
und wurden damals wieder verkauft." - Bleibt noch anzufügen, daß sich in der Direktion des
Innsbrucker Armenwesens um 1848 ein sehr prominenter St. Nikolauser befand, nämlich als
Vizevorstand der nachmalige Bischof Johannes Amberg (1802-1882), welcher vor allem als der
Gründer der Landestaubstummenanstalt in Mils bekannt ist." An ihn erinnert eine Gedenktafel
an seinem Geburtshaus, Innstraße Nr. 43. Ihr Text lautet: „Geburtshaus des hochw. Herrn
Bischofs Johannes Amberg, geboren 28. Jänner 1802, gestorben 18. März 1882, Gründer der
Landestaubstummenanstalt in Mils bei Solbad Hall." - Mit der Person Johann Ambergs sind
wir nun nochmals in den Bereich der Pädagogik vorgestoßen. Die Anfänge des Kindergarten-
wesens in St. Nikolaus haben wir bereits oben im Zusammenhang mit dem ehemaligen Bruder-
haus erwähnt, sodaß hier abschließend nur noch einige Worte über die Anfänge des Schulwesens
in St. Nikolaus anzufügen sind. Wie Josef Hirn schreibt, besaß Innsbruck bereits in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts nicht weniger als „drei deutsche Stadtschulen. Eine davon war in
dem Stadtteile jenseits der Brücke bei St. Nicolaus eingerichtet mit der ausdrücklichen Motivi-
rung, damit die Kinder zur Winterzeit nicht den weiteren Weg herein über die Brücke zurück-
zulegen brauchten. Aus demselben Grunde bestellte die Regierung auch einen Jesuiten zur
Abhaltung der sonntägigen Christenlehre an der genannten Kirche(!). Einer der drei Lehrer
erhielt seinen Gehalt, soweit er ein Fixum bezog, von der Stadt, die beiden andern bekamen den
ihrigen aus der landesfürstlichen Kammer"." Dieselben schulischen Einrichtungen bestanden
auch unter Erzherzog Maximilian III. dem Deutschmeister (1602-1618) fort." Auch in archi-
valischen Quellen der Zeit um 1652 wird der Posten des Schulhalters an der Unteren Innbrücke
zu Innsbruck erwähnt", und es darf angenommen werden, daß dieser Ein-Mann-Schulbetrieb
auch während der folgenden ca. 120 Jahre bis zur Einführung der allgemeinen Schulpflicht
unter Kaiserin Maria Theresia im Jahre 1774 fortgeführt worden ist. Bezüglich der durch diese
grundlegende Neuerung geschaffenen Verhältnisse schreiben G. Tinkhauser und L. Rapp in
93 J.J. Staffler, a. a. O., S. 443 f.
94 V. Gruber, a. a. O., S. 327.
95
Schematismus von Tirol und Vorarlberg 1848, S. 275. Vgl. auch Karl Böhm, 125 Jahre Landestaubstummenanstalt
in Tirol 1830-1955. Innsbruck 1955.
96 Josef Hirn, Erzherzog Ferdinand II. von Tirol. Bd. 1, Innsbruck 1885, S. 323.
97 Derselbe, Erzherzog Maximilian der Deutschmeister, Regent von Tirol. Bd. 1, Innsbruck 1915, S. 464.
98
Tiroler Landesarchiv, Kopialbuch Entbieten und Bevelch 1652, fol. 412.
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Abb. 14: Die Friedhofsarkadenmauer und das Haus St. Nikolausgasse Nr. 33, an welches östlich anschließend bis 1789
das Leprosenhaus gestanden ist. Es wurde damals nicht mehr benötigt und zugunsten einer Erweiterung des Friedhofs
abgetragen. Foto: Margarete Hye-Weinhart.
der,,Beschreibung der Diöcese Brixen" (Bd. 2, Brixen 1879, S. 229): „Im Jäner(!) des J. 1775
wurde für die Vorstädte Maria-Hilf und St. Nikolaus eine Schule mit zwei Classen errichtet.
Obwohl im J. 1786 diese Vorstädte in zwei Seelsorgsgemeinden getheilt worden sind, und die
Zahl der schulpflichtigen Kinder mit der Zeit so heranwuchs, daß in jeder Classe zwei Abthei-
lungen eingerichtet und für jede Abtheilung ein eigener Lehrer angestellt werden mußte; so
blieb diese Schule doch eine gemeinschäftliche bis zum J. 1854/55, in welchem beide Vorstädte
ihre eigenen Schulen erhielten. Diese besteht für St. Nikolaus aus den gewöhnlichen drei
Trivialclassen, in deren oberster die Mädchen von den Knaben abgesondert den Unterricht
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erhalten. Angestellt sind drei Lehrer und eine Lehrerin. Die Auslagen werden gröstentheils mit
Gemeindemitteln gedeckt. Einen Beitrag giebt der Schulfond. Mit dieser Schule ist auch eine
gut bestellte Industrieschule verbunden."
Da in dieser älteren Phase des Schulbetriebes kein eigenes Schulhaus zur Verfügung stand,
mußte die Stadtgemeinde bzw. der Schulfonds für diesen Zweck private Räumlichkeiten anmie-
ten. Dementsprechend nahm die „Trivialschule", wie die Grund- oder Volksschule damals
genannt worden ist - nach dem „Trivium" Lesen, Schreiben, Rechnen -, am 3. Jänner 1775 im
sogenannten „Langmantlischen- oder Brixihaus" (Innstraße Nr. 81) ihren Betrieb auf." Um
1811-laut der Schulchronik von ca. 1800 bis 1816 (vgl. unten die Edition von J. Justić) - war die
Schule im Hause Innstraße Nr. 37 (Kat.-Nr. 438) untergebracht, welches Haus die Stadtge-
meinde von ca. 1770 bis 1811 besessen hat. 100 Von dort übersiedelte sie in das Haus Innstraße
Nr. 31 (Kat. Nr. 435), wo sie jedenfalls der Lokalkaplan Josef Baur im Jahre 1834 angibt.101
Einige Zeit sei die Schule auch im Stöcklgebäude des Glatzböckhauses (Innstraße Nr. 21)
einquartiert gewesen. 102 Die letzte Station vor Erreichung eigener Schulhäuser (Knaben 1864,
Mädchen 1873) war das obgenannte „Bruderhaus".
Bei der oben erwähnten Industrieschule, welche gleichzeitig mit der oben genannten Kleinkin-
der-Wartanstalt 1833 errichtet worden ist und die ab 1886 ebenfalls in dem damals erbauten
neuen Kindergartengebäude (Innstraße Nr. 97) untergebracht war, handelte es sich - dies sei
abschließend noch angemerkt - um eine Art Handarbeitsschule für Mädchen, die bis 1938
bestanden hat. Die Bezeichnung dieser Schule leitet sich nicht vom heutigen Begriff der Indu-
strie bzw. industriellen Wirtschaft, sondern - und dies gilt auch für letztere - vom lateinischen
Wort „industria" (Fleiß) ab. Es war also eine Schule, deren Lernprogramm von den Schülern
besonderen Fleiß erforderte.
Anschrift des Verfassers: Senatsrat Univ.-Doz. Dr. Franz-Heinz Hye
Direktor des Innsbrucker Stadtarchivs
Badgasse 2
6010 Innsbruck
99
Sebastian Hölzl, Studien zum Pflichtschulwesen in Tirol 1774-1806. In: Tiroler Heimat, Bd. 39, Innsbruck 1975,
S. 52 f.: Das hier genannte Brixihaus ist identisch mit dem von K. Karner, a. a. O., S. 30, genannten „Baur-Haus",
vgl. dazu V. Gruber, a. a. O., S. 332.
100 Vgl. Innsbrucker Zeitung 1811, Nr. 74. V. Gruber, a. a. O., S. 319.
101 K. Karner, a. a. O., S. 29.
102 Ebenda, S. 30.
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Die Pfarre St. Nikolaus
Von Paul Spielmann
Als am Ausgang des Mittelalters bei uns der Aussatz eingeschleppt wurde, ist man daran-
gegangen, auf dem Platz des heutigen Friedhofs von St. Nikolaus ein Siechen- oder Leprosen-
haus und eine dem hl. Nikolaus geweihte Kapelle zu errichten. Wann genau die Kapelle errich-
tet wurde, läßt sich nicht mehr eruieren, sie wird jedoch 1313 das erstemal urkundlich erwähnt.
Ebenso kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, warum die Kapelle dem hl. Bischof Nikolaus
von Myra geweiht wurde. Dieser Heilige wurde schon immer als großer Trostspender für die
Armen und Siechen verehrt und könnte deshalb als Schutzheiliger für das Sondersiechenhaus
erwählt worden sein.
St. Nikolaus war auch der Hausheilige der Grafen von Andechs, in deren Machtbereich sich die
bereits im 12. Jahrhundert erwähnte „Anpruggn" befand. Auch für die Innschiffer, die in
dieser Gegend eine Anlegestelle hatten, war St. Nikolaus Schutzpatron.
In der Folge wurde die „,,Anpruggn" dichter besiedelt und auch das Leprosenhaus dadurch mehr
beansprucht. Die Angst vor Ansteckung machte Vorschriften notwendig, durch welche die
Leprosen streng von den anderen Mitmenschen abgesondert wurden. Dies mag die Ursache für
den Bau einer eigenen Kirche gewesen sein. Im Jahre 1502 konnte der Weihbischof Konrad von
Brixen die in spätgotischem Stil erbaute Kirche zu Ehren der Mutter Gottes und der hl. Königin
Elisabeth einweihen. Am 24. August 1564 wurde der an der West- und Nordseite der Kirche
errichtete Friedhof eingeweiht.
Das Jahr 1572 stand für Innsbruck unter keinem guten Stern. Von Jänner bis Juli erfolgten
vierzig Erdbeben, bei denen 49 Häuser schwer beschädigt wurden. Auch die St.-Nikolaus-
Kirche wurde sehr in Mitleidenschaft gezogen, und es bedurfte mehrerer Jahre, bis die Schäden
wieder behoben waren.
Die seelsorgliche Betreuung der Kirche von St. Nikolaus und des Sondersiechenhauses erfolgte
von der Stadtpfarre St. Jakob aus. Um den Kindern den Glauben zu vermitteln - Pflichtschulen
gab es noch keine -, wurde ab dem Jahr 1597 in der Kirche die sogenannte Christenlehre
eingeführt. Es wurde dabei über das Leben und Leiden des Herrn, die Gebote Christi, über die
Gottesmutter und die Heiligen gelehrt. Erst im Jahr 1615 wurde in St. Nikolaus ein ordentli-
cher Benefiziat gestiftet. Er wurde aus den Beiträgen der Wohltäter der Siechenbruderschaft
finanziert. Das Patronatsrecht der Kirche und des Benefiziums erhielt der Stadtmagistrat und
der jeweilige Stadtpfarrer. Als erster Benefiziat wurde Zacharias Bader bestellt. Er und seine
Nachfolger hatten die Seelsorge im Siechenhaus und - als Kaplan der Stadtpfarre - auch in der
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Melchions Lip Ben pontificalibus fuffraganes generalis meg et fmguls xpifide.
Onzadus des et apre fedis gratia pus Wellmen Reuerendiffime paters of domni-d
@ney Capellam de nouo etcetam de affenfu et ronfentu Reverenigini di domm
libus pnbs et futury. Salutem m de fempiterna vmezfiteffanms presentes
Melchors Bremen taqi ordmaty circa domis leprompt
et es plebis Bymen doorfonaci altai mca fit from
fuctudine fante
tomme calie at froz pem mfita Inhoneze Janes me ze zmig ac fefory wolfy
epizabeth, vidue Quoy zehquas ar Getou catine ad Alasya magm abati
confeffon bulum pict mig de vndecim mille gimbg. et de ligno fante car calcu
for reliquas o nota feapta fui in libro vite. In pfalz melfing ſodiums as
folemprict confciaming Infatuentes feſta dedicanoms Capelle alta de
•Praza poft phil et Faruk aples were future tempotibus teleb as Copic pe
ae bt dan Capelle a altare desing venerent, onoribus at a spifidelibus sugua frecvente
vanbag ct fingulis vansy fexus fidelibus vere femtenbus fell's et totzat
Cricinfoms Eph Lene don't lefactors. Afcnfioms Peniberoste. Tri was a vinific
wzpig dom wishupi briffime sempre mazie quening' am odiems beater
peti et pauh et alio aploy nee no dedications at pronary capelle et alfabr
caufà deconoms at aut denote vifituczne uel de bons for a des colles many v
cercant adutunde potente dei um ar bros aploy ng pett & paul confif
quadraginta diet indulgeminy de minisers poterys infidite da relaxann
haz testmome lay figill. mi am
Anne anaits Ta
Canet
Abb. 15: Älteste Weiheurkunde der um 1501/02 erbauten Leprosenhauskapelle zu Ehren U. L. Frau und der heiligen
Wolfgang und Elisabeth v. Thüringen vom 3. Dezember 1502. Original im Stadtarchiv Innsbruck. Foto: Margarete
Hye-Weinhart.
umliegenden Gemeinde zu besorgen. Trauungen wurden nach wie vor in der Stadtpfarre durch-
geführt. Ebenso mußten die Kinder zur Taufe nach St. Jakob getragen werden, in dessen
Taufregister sie auch geführt wurden. Die Beerdigungen fanden jedoch am Friedhof von
St. Nikolaus statt. Obwohl erst ab dem Jahr 1695 Totenbücher vorhanden sind, ist anzuneh-
men, daß bereits früher Aufzeichnungen über Sterbefälle gemacht wurden.
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In der Zeit des Benefiziaten Franz Markart (1696-1708) fiel die Errichtung der ersten Leichen-
kapelle auf dem Kirchhof. Dieser stubenähnliche Bau diente der Aufbahrung der Leichen bis
zur Beerdigung, da man dieselben nicht in den Häusern behalten wollte. Diese Kapelle wurde
am 12. Juni 1705 von Fürstbischof Caspar Ignaz Graf Künigl konsekriert und der hl. Magda-
lena geweiht.
Der enorme Bevölkerungszuwachs am linken Innufer machte es notwendig, im Jahre 1786 die
Seelsorgsbezirke von St. Nikolaus und Mariahilf von der Stadtpfarre loszutrennen. Der in
St. Nikolaus tätige Priester Franz Xaver Huber (1785-1797) wurde nun selbständig und erhielt
den Titel „Lokalkaplan". Zugleich wurde ihm ein Kooperator beigegeben mit der Verpflich-
tung, in der gleichzeitig errichteten Trivialschule von St. Nikolaus und Mariahilf unterhalb der
Innbrücke den Religionsunterricht zu halten. Ebenso war es seine Aufgabe, an Sonn- und
Feiertagen die Predigten und Christenlehren zu halten.
Inzwischen starb die allseits beliebte Kaiserin Maria Theresia (29. 11. 1780), und auf Grund
eines Erlasses ihres Nachfolgers, Kaiser Josef II., durften ab 1782 die Heiligengräber in den
Kirchen nicht mehr aufgestellt und ab 1785 keine Auferstehungsfeierlichkeiten mehr abgehal-
ten werden (Ihre neuerliche Gestattung erfolgte 1790). Am 28. Juni 1787 wurde eine neue vom
Kaiser verfügte Gottesdienstordnung eingeführt.
Im Zuge der Versteigerung von Besitzungen der aufgehobenen Klöster kam auch das Inventar
des Innsbrucker Kapuzinerklosters am 3. und 4. August 1787 unter den Hammer. Dabei wurde
die vom Innsbrucker Maler Leopold Strickner geschaffene Bretterkrippe um 3 Gulden feilgebo-
ten. Sie erwarb der heimische Naturforscher Johann von Laicharding, der sie in der Folge der
Kapelle des Strafhauses zur Verfügung stellte, nach dessen Auflösung, 1860, sie in den Besitz
der Pfarrkirche St. Nikolaus überging.
1789 wurde das Sondersiechenhaus abgebrochen und auf diesem Grund der Friedhof erweitert.
1854 konnten weitere Arkaden dazugebaut und 1867 eine neuerliche Erweiterung abgeschlos-
sen werden. Im März 1868, durch anhaltendes Tauwetter begünstigt, stürzte die schon sehr
schadhafte hohe Stützmauer hinter der Kirche ein und mußte durch eine Steinmauer ersetzt
werden. Von 1879 bis 1881 erfolgte die dritte und letzte Friedhofserweiterung. Die Einweihung
fand am Fest Peter und Paul, 1881, statt.
Durch die Schaffung von Urnennischen im Jahre 1974 wurde den Anforderungen der Gegen-
wart Rechnung getragen. Der die Kirche heute an drei Seiten umgebende Friedhof ist Kirchen-
besitz und steht als Begräbnisstätte nach wie vor zur Verfügung.
Die noch jährlich abgehaltene Fronleichnamsprozession wurde das erstemal 1821 abgehalten.
Der Innsbrucker Bürgermeister Felix von Riccabona forderte 1820 den Pfarrer von St. Niko-
laus, Ildefonso Ritter von Lorengo, auf, eine Nachfeier der Fronleichnamsprozession von der
Patronatskirche aus zu gestalten. Daraufhin wurde im folgenden Jahr, am Sonntag nach Fron-
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leichnam, eine Prozession im Beisein der Spitzen der Behörden und unter reger Teilnahme der
Bevölkerung abgehalten. Auf der mit Bretter belegten und mit Birken geschmückten Schotter-
straße bewegte sich die Prozession mit Fahnen und Baldachin, begleitet von Militär und Musik,
vorbei an den vier Evangelienaltären zur Nachbarkirche in Mariahilf und wieder zurück nach
St. Nikolaus. Seither wird die Fronleichnamsprozession von diesen zwei Pfarren gemeinsam
durchgeführt. In den ungeraden Jahren geht St. Nikolaus nach Mariahilf, und in den geraden
Jahren wird von Mariahilf aus gegangen. Daraus hat sich auch der Brauch eingebürgert, daß an
der Mariahilfer Prozession die Spitzen des Landes (Landeskirche) und in St. Nikolaus die
Vertreter der Stadtverwaltung (Patronatskirche) teilnehmen.
Als Nachfolger von Pfarrer Michael Mayr (1827-1835) kam Josef Baur als Pfarrherr nach
St. Nikolaus. Als geborener „Koatlackler" wurde er besonders als Chronist seiner engeren
Heimat bekannt. Ihm folgte nach seinem Tode 1843 Pfarrer Alois Gräber. Aus einer angesehe-
nen St. Nikolauser Bürgerfamilie stammend, war er mit den Eigentümlichkeiten, Schicksalen,
dem Denken und Fühlen seiner Mitbürger bestens vertraut. In den schweren, gefahrvollen 48er
Jahren bewies er seine Treue zur Kirche und seine Liebe zur Heimat. Seine Pfarrkinder lernten
einen aufrichtigen Feund und wohlwollenden Vater der Armen kennen. Sein kräftiger, musku-
löser Körper, die übergroßen Hände und die etwas rohen Züge seines Gesichtes standen im
Gegensatz zu dem freundlichen Blick, der aus seinen Augen leuchtete.
War das Ästethische in ihm etwas karg bemessen, so lebte in seiner Seele ein lebhafter, patrioti-
scher Geist. Glühend vor Begeisterung für Gott, Kaiser und Vaterland führte er seine St. Niko-
lauser selbst an die Grenzen der gefährdeten Heimat. Aber auch im geistigen Kampfe zu Hause
fand man ihn unter den ersten an den bedrohten Punkten. Im Mai 1848 ließ er durch den
Jesuitenpater Franz H. Weninger eine 14tägige Mission abhalten, und im September 1857
beging man das Jubiläum des 125jährigen Bestandes der Jesus-, Maria- und Josef-Bruderschaft,
an dem sich die ganze Pfarre beteiligte.
Nachdem am 8. April 1861 das kaiserliche Patent über die Glaubensfreiheit veröffentlicht
wurde, kam es am 13. Juli zu einem Bittgang um die Glaubenseinheit zur Pfarrkirche St. Jakob.
23 Gemeinden mit über 6.000 Gläubigen nahmen daran teil. Alois Gräber war mit den St. Ni-
kolausern dabei, ebenso wie am 16. Juli 1864, als man neuerlich eine Bittprozession zum selben
Zweck zur Stadtpfarre führte.
An der Grenze der Pfarreien St. Nikolaus und Mariahilf, nächst dem Strafhaus, wurde 1865 ein
großes Stein-Votivkreuz errichtet. Es wurde als Flößerkreuz bekannt, da hier eine Anlegestelle
der Innschiffer war. An dem Platz lädt auch heute noch ein schönes hölzernes Wegkreuz zu
stillem Verweilen ein.
Am Anfang seiner Tätigkeit am linken Innufer - die Stadt zählte damals rund 11.000 Einwoh-
ner, davon waren allein 2.500 St. Nikolauser - wurde er mit dem Platzmangel in der Kirche
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konfrontiert. Schon in seiner Kindheit war die Kirche zu klein, und es wurde immer ärger.
Deshalb trug er sich mit dem Gedanken, die Kirche zu vergrößern. Er ließ dazu auch mehrere
Pläne ausfertigen, jedoch seine Berufung als Dechant nach Thaur machte dem ein jähes Ende.
Dortselbst verschied er nach segensreichem Wirken am 30. Dezember 1882 im 73. Lebensjahr,
nachdem er noch bei der Grundsteinlegung für die neue St.-Nikolaus-Kirche anwesend sein
konnte.
Die Seelenzahl war inzwischen bedeutend angewachsen, und man mußte ernstlich an den
Neubau einer Kirche denken. So war es für St. Nikolaus ein großer Segen, daß ein Mann die
Seelsorge übernahm, der kunstsinnig, voll Tatendrang und mit außerordentlicher Umsicht an
die Arbeit ging: Pfarrer Karl Mayr. Am 30. September 1825 in St. Nikolaus geboren, besuchte
er in Innsbruck das Gymnasium und wurde 1848 in Brixen zum Priester geweiht. Nach Koope-
ratorenjahren in einigen Landpfarren und in seiner Vaterstadt wurde er Expositus in Dreiheili-
gen, von wo er 1867 als Pfarrer nach St. Nikolaus kam.
Pfarrer Mayr widmete sich neben den vielen Arbeiten in der Pfarre besonders der Vorbereitung
des Kirchenneubaues. Der 1864 anläßlich einer von den Redemptoristenpatres abgehaltenen
Volksmission von Pfarrer Gräber und Kooperator Josef Praxmarer gegründete,,St. Nikolaus
Verein", welcher die Aufgabe hatte, die finanziellen Mittel für die Vergrößerung oder den
Neubau der Kirche zu beschaffen, fand in ihm eine große Stütze. Aus einer angesehenen
Familie in St. Nikolaus stammend, war er mit den lokalen Verhältnissen bestens vertraut. In
allen Häusern ein gerngesehener Gast, wußte er auch, wo man anklopfen mußte, um den
Kirchenbaufonds zu vermehren. Aus einer Veröffentlichung vom Jahre 1869 geht hervor,,,daß
das günstige Resultat einer Sammlung der nie versiegenden Wohltätigkeit vieler Bewohner
Innsbrucks, und was besonders hervorzuheben ist, dem opferwilligen Sinn der armen Einwoh-
ner von St. Nikolaus zu verdanken, die nun schon über 4.000 Gulden in sauer erworbenen
Wochenkreuzern dem Baufonds eingezahlt haben“.
Der Platz für eine große Kirche mußte jedoch erst geschaffen werden. Nach langwierigen
Verhandlungen konnten die notwendigen Grundstücke und Häuser am Bäckerbühel und in der
St.-Nikolaus-Gasse erworben und geschliffen werden. Damit war einmal die Platzfrage
geklärt. Eine glückliche Fügung wollte es, daß Pfarrer Mayr mit dem gerade in Innsbruck
weilenden Wiener Dombaumeister Friedrich Schmidt bekannt wurde und diesem nach kurzen
Verhandlungen die gesamte Planung für den Kirchenbau übertragen konnte. Dem Pfarrer blieb
aber weiterhin die Sorge um die Beschaffung der notwendigen Gelder. Im Juli 1876 lagen die
Abb. 16: Spätgotisches Kreuzigungsrelief mit der ältesten erhaltenen Darstellung des hl. Bischofs Nikolaus v. Myra im ▷
Stadtteil St. Nikolaus-Mariahilf, am Eckhaus Höttinger Gasse Nr. 1. Foto: Margarete Hye-Weinhart.
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genauen Pläne vor, und Friedrich Schmidt gab das Versprechen, mit Rat und Tat beim Bau zur
Seite zu stehen. Er hielt nicht nur sein Versprechen, sondern machte auch alle Pläne „zu Gottes
Ehre und um „Gotteslohn". 1881 wurde die alte Kirche abgetragen, für die Dauer des Baues
war im Friedhof eine Kapelle für den täglichen Messebesuch vorbereitet worden. Am 23. April
1882 konnte die Grundsteinlegung erfolgen. In den folgenden Jahren ging der Bau rasch von-
statten. Bereits am 26. April 1885 wurde der Bau eingesegnet, und am 8. August desselben
Jahres besichtigte Kaiser Franz Josef I. den Neubau.
Nach vierjähriger Bauzeit waren die Bauarbeiten abgeschlossen, und am 24. Oktober 1886
konnte Fürstbischof Simon Aichner von Brixen die neue Kirche zu Ehren des hl. Nikolaus von
Myra und des hl. Martin von Tours einweihen. Neben den Spitzen der Landes- und Stadtver-
waltung war die Bevölkerung von Innsbruck zusammengeströmt, um Zeuge dieser seltenen
feierlichen Zeremonie zu sein.
Das Bauwerk war vollendet, und man schmückte das Innere der Kirche provisorisch mit dem
Zierat der alten Kirche in der Hoffnung, die neue Einrichtung bald anschaffen zu können. Und
schon 1891 konnte der Hochaltar aufgestellt werden, und in den folgenden Jahren gab es immer
wieder festliche Weihen, wenn ein neuer Teil der Inneneinrichtung seiner Bestimmung zuge-
führt werden konnte. Hw. Karl Mayr, der nimmermüde Arbeiter für seine Kirche, schloß nach
31 segensreichen Pfarrerjahren in St. Nikolaus am 19. Februar 1898 für immer die Augen.
Wenn wir den verstorbenen Pfarrer den Erbauer der Kirche nennen, so dürfen wir seinen
Nachfolger als den Ausstatter dieses Gotteshauses ansehen. Pfarrer Josef Sigmund trat noch
1898 das Erbe von Karl Mayr an. Es galt vor allem die großen Schulden abzuzahlen und an der
Einrichtung weiterzuarbeiten.
Seit 1901 schmückt der herrliche Kreuzweg unsere Kirche, und 1902 wurden nach dreijähriger
Arbeit die kunstvollen Glasfenster im Hauptschiff fertiggestellt. Die Fassade erhielt ihre Voll-
ständigkeit, als am Martinstag des Jahres 1904 die drei Figuren „St. Nikolaus", „St. Martin"
und die,,Madonna mit dem Kind" auf ihre Podeste gestellt wurden. 1910 konnte der letzte der
vier Seitenaltäre zu Ehren des Heiligen Geistes eingeweiht werden.
Die enorme Leistung, die Pfarrer Sigmund und sein Häuflein getreuer Mitarbeiter vollbracht
hatten, geht wohl am besten daraus hervor, daß in den zwanzig Jahren, von 1898 bis 1918, für
die Einrichtung der Kirche und die Gestaltung des Friedhofes stolze 113.000 Goldkronen
ausgegeben wurden. Es bestätigte wieder einmal die Opferfreudigkeit eines relativ kleinen und
armen Stadtteiles.
In die Amtszeit Josef Sigmunds in unserer Pfarre fiel auch so mancher Wermutstropfen. Der
Erste Weltkrieg brach aus und brachte viel Kummer und Sorgen mit sich. So mußten die
Einwohner von St. Nikolaus unter lebhaften Klagen mitansehen, wie in den Monaten August
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und September 1914 die erst 1893 gegossenen Glocken für Kriegszwecke aus dem Turm genom-
men wurden.
Am 8. September 1914 veranstalteten die Pfarren St. Nikolaus, Hötting und Mariahilf eine
gemeinsame Kriegs-Bittprozession zum Tummelplatz. Viele Gläubige nahmen daran teil und
beteten für einen baldigen Frieden. Aber vier schwere Jahre vergingen, ehe das Völkermorden
ein Ende fand. Das Jahr 1918 brachte den St. Nikolausern noch zusätzlich einen großen Ver-
lust. Der allseits geschätzte und beliebte Pfarrer wurde nach zwanzig Jahren aufreibender
Arbeit am 31. Jänner von seiner Herde abberufen. Er fand in der Priesterarkade auf dem
St. Nikolauser Friedhof seine letzte Ruhestätte. Einer seiner einstigen Kooperatoren, Anton
Müller, unter dem Namen „Bruder Willram" weit bekannt, hielt den Nachruf. Einige den
Toten besonders charakterisierende Ausschnitte seien hier wiedergegeben.
„Zwanzig Jahre lebte und wirkte er unter seinen geliebten St. Nikolausern, von niemand
gehaẞt, von vielen geliebt und von allen verehrt, sowohl wegen seiner Anspruchslosigkeit und
persönlichen Bescheidenheit, als auch wegen seiner Uneigennützigkeit und sprichwörtlich
gewordenen Leutseligkeit im Verkehr mit den Großen und Kleinen seiner Seelsorgsgemeinde.
Eine offene, gerade Natur von Haus aus, jeder Tünche und Schminke abhold, Feind aller
Kunstfirnisse und aller Manschettenbildung, paßte er wie kein zweiter in die Vorstadt Inns-
brucks unter das heitere, von großstädtischen Manieren noch ziemlich unberührte, originelle,
natürlich aufrichtige, gesunde und derbe Völkchen St. Nikolaus. War er ja selbst ein Original
sowohl als Mensch wie als Priester.
Originell war vor allem die Äußerung seiner Herzensgüte. Der Mann, welcher aus dem tiefsten
Torschatten der Armut sich durch sein Talent auf die Sonnenseite einer angesehenen Lebens-
stellung emporgearbeitet hat, hat den heimlichen Zauber und Wert des Besitzens nie verstehen
gelernt. Einer sorgenvollen, sonnenlosen, darbenden Jugend - immer von der Wohltätigkeit
guter Leute gleichsam von der Hand in den Mund lebend - endlich entwachsen und finanziell
sichergestellt, hat die Erinnerung an eigene Armut und eigenes Darben und eigene Entbehrung
und Not den seligen Pfarrer zu einem Menschenfreund, besser gesagt, zu einem Armenvater
gemacht von so seltener Güte, daß man dafür das richtige Wort kaum findet."
In den Wirren des Zusammenbruchs eines Weltreiches, der heimströmenden, führerlos gewor-
denen Frontsoldaten, der Not und Verzweiflung und des großen Hungers trat Hw. Karl
Karner in St. Nikolaus seine Pfarrstelle an. Die Kämpfe an allen Fronten des Reiches hatten
auch unter den St. Nikolausern große Opfer gefordert. In vielen Familien herrschte Elend und
Ratlosigkeit. Es war die Zeit, in der ein guter Seelsorger überall gebraucht wurde und für viele
der letzte Hoffnungsschimmer in einer schier nicht mehr enden wollenden Nacht war. Seine
Amtstätigkeit in diesem Armenwinkel machte ihm viel Freude, und in einem Rückblick auf
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GEDENKSTEIN
an die gottselige Jungfrau
Margaretha Huber.
Nachdem sie aus Liebe zu Gott im Siechenhaus
von Sct.Nicolaus ihr fromes Leben im Dienste der Kranken
u. Armen zugebracht hatte, wurde sie im hiesigen Gottes
acker beerdigt.u.ihr Leib soll wie der ehrw. P.Jacob Schmid
in seinem Werke, Heiliger Ehrenglanz der gefürsteten Graf
schaft Tyrol Augsburg 1732 erzählt, bei Gelegenheit eines
Baues im Jahre 1662 unverwesen aufgefunden worden sein,
das Haupt mit frischen schönen Rosen geschmückt.
Weil aber, so fährt P. Schmid fort, zu befürchten schien.das
Volk möchte auf Vernehmen einer so seltenen Sache mit
öffentlichen Ehrbezeugungen herbeyeilen, habe man alsbald
den Leichnam in voriger Ruhestätte verborgen, was aber
doch nicht so geheim gehalten werden konte, daß das Volk
nicht davon Kunde bekomen hätte.
Spätere namentlich im Jahre 1792 aus Anlaß eines Sakri..
stei Baues angestellte Nachgrabungen, um den unverwe
senen Leib zu finden. blieben erfolglos dessen ungeach
tet lebt das Andenken an Margaretha Huber fort
von Geschlecht zu Geschlecht.
Abb. 16a: Gedenkstein für die ehemalige „Siechenmutter" Margaretha Huber an einem südlichen Außenpfeiler der St.
Nikolaus-Pfarrkirche.
Foto: Margarete Hye-Weinhart.
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seine St. Nikolauser Jahre, sprach er immer von acht sorgenvollen und mühsamen, aber schö-
nen Jahren.
Am 6. November 1921 wurde das von Virgil Rainer geschaffene, in einer Kirchennische errich-
tete Kriegerdenkmal geweiht. Es erinnert an 119 gefallene oder vermißte St. Nikolauser.
Zu Ostern 1922 riefen nach achtjährigem Stillschweigen wieder zwei Glocken zum Kirchenbe-
such. Trotz Not und Entbehrung war es der Stolz vieler Koatlackler, ihr Schärflein für die
neuen Glocken beigetragen zu haben.
In den Jahren 1922 und 1923 wurde die von Pfarrer Sigmund 1906 bei Meister Josef Bachlechner
bestellte Kanzel errichtet. Damit war die Einrichtung der Kirche abgeschlossen.
Die Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges und die fortschreitende Inflation trugen nicht dazu
bei, die Armut beim einfachen Volk abzubauen. So fanden sich einige karitativ denkende
St. Nikolauser Bürger zusammen und gründeten im Jahr 1923 unter der Führung des Kaufman-
nes Franz Götsch die „Vereinigung St. Nikolaus". Auch Pfarrer Karner war dabei und konnte
der Schar eifriger Damen und Herren den herzlichsten Dank der Kirche aussprechen. Die
„Vereinigung“ lebt heute noch und übt ihre dankenswerte Tätigkeit, besonders zum Segen
betagter Mitbürger weiterhin aus.
1926 mußte Pfarrer Karner, der sich auch als Chronist der Pfarre besonders eifrig betätigt hatte,
zum Leidwesen seiner ganzen Pfarrkinder, von St. Nikolaus Abschied nehmen, um in Grins
ein neues Arbeitsgebiet zu übernehmen.
Zum nächsten Pfarrer von St. Nikolaus wird August Huter bestimmt. Bereits in den Jahren
1907 bis 1909 hier als Kooperator tätig, kannte er bereits sein Aufgabengebiet und widmete sich
nach der Inflation des Jahres 1927 besonders der Anschaffung neuer Glocken. Bereits 1931
erklang das aus sechs Glocken bestehende und 6.810 Kilogramm wiegende Geläute. Es wurde
in Salzburg gegossen und kostete 29.228 Schilling. Die Tonfolge des Geläutes lautet: h, d, e, fis,
a und h.
Die dreißiger Jahre mit ihren innerpolitischen Schwierigkeiten, der enormen Arbeitslosigkeit,
von der die ohnehin schon armen Stadtteile besonders betroffen wurden, und die sich gegensei-
tig bekämpfenden politischen Parteien brachten auch für das kirchliche Leben große Probleme
mit sich. In unserer Pfarre führte die immer größer werdende Not und Unzufriedenheit in
Verbindung mit den kirchenfeindlichen Parolen verschiedener Parteien zu einem Rückgang des
Kirchenbesuches. Pfarrer Huter, aus einer sehr bekannten und sehr vermögenden Innsbrucker
Familie stammend, wurde schon wegen seiner Herkunft von manchen seiner Pfarrkinder abge-
lehnt. Wer selbst nie Not gelitten hat, wird auch schwer Verständnis für die Not anderer
aufbringen können, wurde öfters als Kritik am Pfarrer laut. Man darf jedoch nicht annehmen,
daß sich August Huter nicht bemühte, seine Herde zusammenzuhalten. Doch in einer so
verworrenen Zeit war es für ihn nicht immer leicht, den richtigen Weg und die richtigen Worte
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zu finden. Das Jahr 1938 brach an, und viele glaubten, in „,Großdeutschland" ihre Hoffnungen
erfüllt zu finden. Die Mißachtung von Kirche und Klerus wurde durch den Staat befürwortet
und der Einfluß der Priester auf ein Minimum reduziert.
Die Priester mußten unter oft schwierigsten Verhältnissen ihren seelsorglichen Pflichten nach-
kommen. Auch organisatorisch mußte vieles geändert werden. Die Standesämter wurden mit
Aufgaben betraut, die bisher der Kirche oblagen. Durch die Eingemeindung von Hötting
wurden die Pfarrgrenzen neu festgelegt. Die Riedgasse ab der Nummer 34 und 39, das Schloß
Büchsenhausen mit den sich bergseits erstreckenden „Niẞlwiesen" und die Weiherburggasse
bis zum Tuffbach wurden der Pfarre St. Nikolaus zugeordnet. Der Versuch, die bislang der
Pfarre Hötting zugehörigen Gläubigen zu St. Nikolausern zu machen, ging nur sehr langsam
und widerstrebend vor sich und ist bis heute nicht restlos gelungen.
Enttäuschungen und Kirchenaustritte zermürbten den alten Herrn, und am 29. März 1943 starb
Pfarrer August Huter, unbedankt, von vielen mißverstanden, zurückgezogen in seinem
Widum in St. Nikolaus.
Die Fackel des Krieges loderte über ganz Europa, selbst Teile Afrikas und Asiens wurden in das
Inferno einbezogen. Hunderttausende in der Blüte ihrer Jahre, mußten den Wahnsinn weniger
mit ihrem Leben bezahlen. Politische Verblendung auf der einen und Angst und Mißtrauen auf
der anderen Seite waren symptomatisch für jene Zeit. Da zog ohne große Feierlichkeiten, still,
einfach und bescheiden, ein neuer Priester in das Pfarrhaus von St. Nikolaus, Pfarrer Eugen
Bischof, der am 1. August 1943 die Pfarre übernahm.
In Toblach 1906 geboren, wurde er am 29. Juni 1930 in Brixen zum Priester geweiht. Eine
anschließende Ausbildung zum Journalisten in Frankreich befähigte ihn, die Schriftleitung der
katholischen Wochenzeitschrift,,Der Volksbote" zu übernehmen. 1938 mit einem Schreibver-
bot belegt, hatte er die Seelsorge am alten Schießstand übernommen und stand auch den
Kranken in der Innsbrucker Klinik zur Verfügung, bis die Berufung nach St. Nikolaus erfolgte.
Mit der Bevölkerung kaum bekannt und mit den Verhältnissen seines neuen Aufgabenbereiches
noch wenig vertraut, fielen am 15. Dezember 1943 die ersten Bomben auf Innsbruck. Auch
St. Nikolaus wurde getroffen, und die ersten Bombenopfer waren zu beklagen. In diesen
schweren Zeiten lernten die St. Nikolauser einen Priester kennen, der Tag und Nacht für sie da
war, half, tröstete und zur Stelle war, wo immer man ihn brauchte. 203 St. Nikolauser sind an
der Front gefallen, und 23 Zivilisten mußten unter den Bomben ihr Leben lassen. Der Tod hielt
reiche Ernte, und auch einem Priester fällt es schwer, angesichts der Verzweiflung die richtigen
Worte zu finden. Es gab kaum eine Familie, die durch den Krieg nicht in Mitleidenschaft
gezogen worden wäre.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs warteten in der Pfarre große Aufgaben auf ihre
Erledigung. Die Kriegsheimkehrer sollten wieder in ein ziviles Leben eingegliedert werden,
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J. Grüber
Abb. 17: Die alte Pfarrkirche von St. Nikolaus vor dem Abbruch im Jahre 1881, gesehen von der Weiherburggasse; im
Vordergrund die kleine Brücke über den Fallbach. Aquarell von Josef Gröber. Original im Stadtarchiv Innsbruck.
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und in den Schulen bedurfte der Religionsunterricht einer Reorganisierung. Den von der
Kirche Entfremdeten oder Ausgetretenen mußte ein brauchbarer Weg zur Rückkehr angeboten
werden. Die Jugend bedurfte der Kirche, ihr mußte die Religion wieder nähergebracht und ihre
Bedeutung vermittelt werden.
Das „Kirchenblatt", das Sprachrohr der Diözese, rief nach einem erfahrenen Journalisten, und
Eugen Bischof folgte trotz der vielen Arbeit in seiner Pfarre diesem Ruf und fungierte 25 Jahre
als Redakteur.
Der Juni 1945 brachte trotz Hunger und karger Lebensmittelzuteilungen ein erfreuliches Fest
für den Stadtteil. Die am 5. Februar 1943 zu Rüstungszwecken abgelieferten fünf Glocken - sie
fanden sich unversehrt in einem Stollen bei Kramsach - kamen wieder heim und wurden unter
großem Jubel wieder aufgezogen.
In der Kirche, im Friedhof, im Widum und im Pfarrheim war es hoch an der Zeit, die notwen-
digsten Instandhaltungen in Angriff zu nehmen. Der Kirchturm hatte sogar Einschüsse abbe-
kommen. Der Aufbau im geistigen wie im materiellen Sinn wurde bestens gemeistert, und nach
einigen Jahren war St. Nikolaus wieder eine aktive Pfarrfamilie.
Die schlechte Wohnqualität in den meist veralteten Häusern zwang viele junge Familien zum
Abwandern in die neuerbauten Stadtteile. Daraus ergab sich in St. Nikolaus eine enorme
Überalterung bei der Bevölkerung. Daran konnten auch die einzelnen Familien nichts ändern,
die in den neu erschlossenen Hanglagen ihre schmucken Häuser bauten.
1960 ging man daran, das Innere der Kirche zu renovieren. Bis 1986 sollten die Erneuerungsar-
beiten innen und außen abgeschlossen sein. In diesen Jahren begann auch die liturgische
Erneuerung auf Grund der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils. Der Pfarrgemeinde-
rat wurde ins Leben gerufen und damit die kirchliche Laienarbeit aufgewertet.
Beim goldenen Priesterjubiläum von Consilarius Eugen Bischof 1980 konnte der Seelsorger auf
fünfzig arbeitsreiche, aber auch erfolgreiche und segenbringende Priesterjahre zurückblicken.
1981, nach 38 Pfarrerjahren in St. Nikolaus, ging Eugen Bischof in den wohlverdienten Ruhe-
stand. Eine stadtbekannte Priesterpersönlichkeit, von allen ohne Unterschied der Stellung und
der politischen Zugehörigkeit geschätzt, war er in jeder Familie seiner Pfarre herzlich willkom-
men. Seine Wertschätzung für die Arbeit der Priester und Laien in der Dritten Welt führte
dazu, daß 28 Autos von St. Nikolaus aus in die Mission geschickt werden konnten. Pfarrer
Bischof verbringt seinen Lebensabend, nach wie vor seelsorglich wirkend, im Malfattiheim in
der Innstraße und lebt so noch mitten in seinem geliebten St. Nikolaus.
Im August 1981 übernahm Hw. Eduard Nowak die vakante Pfarrerstelle. Elf Pfarrer, zwölf
Benefiziaten und 78 Kooperatoren waren vor ihm als Seelsorger in St. Nikolaus tätig.
Anschrift des Verfassers: Paul Spielmann
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St.-Nikolaus-Gasse 34
6010 Innsbruck
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100 Jahre neue Pfarrkirche von St. Nikolaus
Eine kunstgeschichtliche Würdigung dieses schönsten Sakralbaues der Neo-Gotik in Tirol
Von Waltraud Palme-Comploy
Der älteste Stadtteil Innsbrucks, die frühere Anbruggen, das heutige St. Nikolaus,' kann
anläßlich der Hundertjahrfeier seiner Pfarrkirche daran erinnern, daß hier ein besonderes
Kleinod der Sakralarchitektur aus der Zeit des Historismus steht.
Wie kam es, daß die an Tradition wohl reichen, an weltlichen Gütern aber eher armen St. Niko-
lauser vor hundert Jahren das Fest der Einweihung ihrer neuen Pfarrkirche feiern konnten, die
heute zu Recht als das schönste Beispiel eines neugotischen Kirchenbaues in Tirol gilt?
Durch die Bevölkerungszunahme im Laufe des 19. Jahrhunderts mußte man sich auch in
St. Nikolaus mit dem Problem der zu klein gewordenen Kirche befassen. Das alte Gotteshaus,
das um 1500 erbaut und wiederholt vergrößert worden war, faßte nur 700 Personen. Es wurde
wohl schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von der Notwendigkeit einer
Erweiterung der Kirche gesprochen, doch kamen die Dinge erst in Gang, als 1843 Alois Gräber
die damalige Lokalkaplanei St. Nikolaus, die 1853 zur Pfarre erhoben worden war,² über-
nahm. Alois Gräber entstammte einer angesehenen Familie von St. Nikolaus und sollte wäh-
rend seines jahrzehntelangen Wirkens in dieser Pfarre zu einer bedeutenden Volkstümlichkeit
gelangen. Vorerst erfolgte eine Innenrenovierung der alten Kirche. Hier sei erwähnt, daß die
Kirche auf das Sondersiechenhaus, das sich hier in der Gegend befunden hatte, zurückgeht."
Hierauf wurde der kleine, an der Südseite der Kirche gelegene Friedhof ausgebaut. Mit der
Erwerbung der anstoßenden Grundstücke zur Erweiterung des Friedhofes wurde der eigent-
lich erste Schritt zur Vergrößerung der Kirche getan. Bis dieses Vorhaben verwirklicht werden
konnte, dauerte es allerdings noch Jahre. 1864 wurde der Beschluß gefaßt, den „St.-Nikolaus-
2
1 Vgl. etwa: Franz-Heinz Hye, St. Nikolaus und Mariahilf. In: das Fenster, Heft 16 (1975), S. 1684 f.
Schematismus der Geistlichkeit der Diözese Brixen, 40. Ausgabe, Brixen 1856, S. 37.
Schematismus, a. a. O., S. 37.
3
Diesem Artikel sind folgende Arbeiten zugrunde gelegt: Karl Karner, St.-Nikolaus-Innsbruck, Innsbruck o. J.;
Waltraud Palme-Comploy, Zur Geschichte des Neubaues der St.-Nikolaus-Kirche in Innsbruck. Ein Werk des
Wiener Dombaumeisters Friedrich v. Schmidt. In: Festschrift Otto R. v. Lutterotti zum 14. Januar 1974, hrsg. von
Verena Grabmayr und Heinz Mackowitz, Innsbruck 1973, S. 363-372; derselbe, St. Nikolaus zu Innsbruck,
Schnell-Steiner-Kunstführer, Nr. 1050, München-Zürich 1976.
Franz-Heinz Hye, Innsbruck. Geschichte und Stadtbild bis zum Anbruch der Neuen Zeit (Tiroler Heimatblätter
55. Jg., Nr. 2), Innsbruck- Wien 1980, S. 88 f.
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Innsbruck, Kicche in Vorstadt St. Ni
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Verein" zur Beschaffung der Geldmittel zu gründen. Die Mitglieder verpflichteten sich, täglich
zu Ehren des hl. Nikolaus ein Vaterunser zu beten und wöchentlich wenigstens einen Neu-
kreuzer zu spenden. Diesem Verein traten viele Bewohner von St. Nikolaus, auch von Höt-
ting, Mariahilf und von der Innenstadt bei. Manche Mitglieder wendeten dem Verein größere
Beiträge und Legate zu. Gleich zu Beginn gaben Maria, Alois Bartlmä und Juliana Hechen-
blaikner bedeutende Legate für den Kirchenbau.
Alois Gräber ließ auch die ersten Entwürfe zur Erweiterung und zum Neubau der Kirche
erstellen. So wurde zum Beispiel Ingenieur Carl Geppert, der die Erweiterung der Kirche in
Dreiheiligen durchgeführt hatte,' mit einem Plan beauftragt. Aus Rücksicht auf die bescheide-
nen Geldmittel sollte soviel als möglich von der alten Kirche erhalten bleiben. Er belief daher in
seinen Skizzen das Langhaus mit dem Eingang und Turm im Osten und gewann Raum mittels
eines größeren Presbyteriums; da diese Lösungen nicht befriedigten, stellte er in einem ande-
ren, im gotischen Stil verfaßten Entwurf die Kirche um, ostete sie, ließ den alten Turm stehen,
fügte ihm südlich einen zweiten bei und schloß an das Presbyterium den Neubau als Basilika an.
Ungefähr die gleiche Konzeption zeigt der Plan von Jakob Norer, der jedoch im romanischen
Stil gehalten und mit mehr Seitenaltären versehen war. Zwei Türme im Osten wies auch das
romanische Projekt von Alfons Mayr auf, jedoch als Zweiturmfassade - die Westrichtung der
alten Kirche war, wie der als Neujahrsentschuldigungskarte der Stadt Innsbruck aus dem Jahre
1872 gebrachte Entwurf zeigt, beibehalten worden. Diese Vorschläge wiesen auf die Lösung
der Platzfrage hin, nämlich die Kirche gegen den „Bäckerbichl“ hin zu vergrößern. Hiefür
waren nun jahrelange Verhandlungen wegen der Grundablösen nötig; die angekauften Häuser
wurden demoliert, das Terrain planiert. 1867 verließ Alois Gräber die Pfarre St. Nikolaus, um
das Pfarramt Thaur zu übernehmen, ausgezeichnet mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt Inns-
bruck für seine achtundzwanzigjährige Tätigkeit als Seelsorger in St. Nikolaus. Seine Nach-
folge trat der Expositus von Dreiheiligen Karl Mayr, ebenfalls ein geborener St. Nikolauser,
an. Von ihm ist folgende Notiz überliefert: „Die Vorbereitungen zu diesem Kirchenbau hat
6
8
9
Nachweise für die verschiedenen Legate der St. Nikolauser finden sich im Pfarrarchiv im Widum, Nr. 23, Bau-
fonds, und in den Kirchenbauakten in der Sakristei.
Josef Weingartner, Die Kirchen Innsbrucks, 2. Aufl., Innsbruck 1950, S. 29.
Schematismus der Geistlichkeit der Diözese Brixen, 52. Ausgabe, Brixen 1868, S. 54; Konrad Fischnaler, Innsbruk-
ker Chronik 4, Innsbruck 1930, S. 18.
Schematismus, a. a. O., S. 42.
Abb. 18: Die neue Pfarrkirche von St. Nikolaus, geweiht 1886, erbaut 1882/85 nach Plänen des Wiener Dombaumeisters
Friedrich v. Schmidt - schönster Kirchenbau Tirols im Stil der Neo-Gotik. Alte Original-Photographie im Stadtarchiv
Innsbruck.
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mein Herr Vorgänger, Pfarrer Alois Gräber, im Jahre 1859 eingeleitet, dadurch, daß der
Friedhof erweitert wurde, um den Bauplatz für die Kirche zu erhalten, und ich hatte bei dem
Antritte des Pfarramts auch diese schwierige Angelegenheit zu übernehmen, die ich nach
Kräften, mit bestem Wissen und Gewissen besorgt habe." Die so wichtigen, den Neubau der
Kirche auslösenden Vorarbeiten hatte wohl Pfarrer Alois Gräber bewerkstelligt, als Schöpfer
der heutigen St.-Nikolaus-Kirche muß man doch Pfarrer Karl Mayr bezeichnen. Wie aus den
erhaltenen Aufzeichnungen und dem Briefwechsel ersichtlich ist, hatte Karl Mayr sich voll und
ganz der Aufgabe verschrieben, in St. Nikolaus ein würdiges Gotteshaus zu bauen. Neben
seinem kräfteverschleißenden Einsatz war es vor allem seine Idee, einen der bedeutendsten
Architekten seiner Zeit für den Kirchenbau zu gewinnen, die den St. Nikolausern statt eines
kompromiẞreichen Um- oder Neubaues ein einheitliches Kunstwerk bescherte.
Vorläufig galt es aber die Arkaden des Friedhofes weiterzubauen und vor allem den Baufonds
zu vergrößern. In seinen Bittbriefen erwähnt Karl Mayr, daß die alte Kirche nur 700 Personen
fasse, während es in der Gemeinde bereits 500 Schulkinder gäbe. Die Bevölkerung (ca. 3.000
Menschen) sei eifrig im Kirchenbesuch und spendefreudig, jedoch sehr arm. Bis 1869 waren
durch die wöchentlichen Kreuzersammlungen bereits 4.000 Gulden zusammengebracht wor-
den. Kaiser Franz Joseph stiftete 1.500 fl. dem Baufonds; 10 1872 gab es eine öffentliche Samm-
lung in Innsbruck für den Kirchenbau in St. Nikolaus; aus dem Verkauf der Broschüre des
Volksschriftstellers und ehemaligen Kooperators in St. Nikolaus Josef Praxmarer „Aus den
Flegel in die Mannesjahre" wurden 1.000 fl. Gewinn erzielt. Indessen wäre ohne die stets
großzügige Förderung der Sparkasse der Stadt Innsbruck nicht an die Ausführung des Baues zu
denken gewesen. Anläßlich ihres fünfzigjährigen Bestandes im Jahre 1872 wurden dem Kir-
chenbaufonds 5.000 fl. übergeben, und auch weiterhin zeigte sich dieses Institut sehr großzü-
gig. An dieser Stelle sei an die fleißigen Sammler erinnert, so an Anna Schlechl, die von 1864 bis
zu ihrem Tode im Jahre 1921 den Wochenkreuzer einsammelte, oder an Maria Haller vulgo
Schiener, die noch länger sammelte.
Um die Jahreswende, 1872/73, muß Karl Mayr brieflich mit dem Wiener Dombaumeister
Friedrich von Schmidt (1825-1891) in Verbindung getreten sein. Der unbekannte Pfarrer aus
einem kleinen Stadtteil Innsbrucks scheute sich nicht sich an den Fachmann für kirchliche
Baukunst zu wenden. Schmidt hatte 1869 den Entwurf für den Rudolfsbrunnen am Margare-
thenplatz, dem heutigen Bozner Platz gezeichnet." Karl Mayr erzählt in seinen Aufzeichnun-
gen, daß Friedrich v. Schmidt bei einem Aufenthalt in Innsbruck erfuhr, daß man daran dachte,
10 Neue Tiroler Stimmen, 25. Jg. (1885), Nr. 181.
"I
Erwin Neumann, Friedrich v. Schmidt. Ein Beitrag zu seiner Monographie und zur Kunstgeschichte des 19. Jhs.,
Diss. phil., Wien 1952, S. 239 und 298; Fischnaler, Innsbrucker Chronik 2, Innsbruck 1930, S. 121; derselbe,
Innsbrucker Chronik 4, Innsbruck 1930, S. 33.
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Abb. 19: Die neue Pfarrkirche und die Ostseite der Kinderbewahranstalt (links) vor dem Abbruch der obersten Häuser an
der St. Nikolausgasse. Aquarell von Josef Gröber. Original im Stadtarchiv Innsbruck.
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zur Erinnerung an die Vereinigung Tirols mit Österreich ein Denkmal zu errichten und sich
spontan bereit erklärt habe, dafür einen unentgeltlichen Plan zu zeichnen. „Der Name Schmidt
war damals schon so berühmt, daß man sich ob dem Anbot glücklich schätzte." Schmidt kannte
Tirol bereits unter anderem auch von den Kunstreisen, die er mit seinen Schülern hierher
unternahm. Sein Interesse galt auch in Tirol seinem Spezialgebiet, der Gotik. Noch knapp zwei
Jahre vor seinem Tod wünschte er sich Zeit zu haben für eine Abhandlung über die Kunst des
Mittelalters in Tyrol jenseits des Brenners bis zur Sprachgrenze, jenes Gebietes, in welchem die
merkwürdigsten Fluktuationen zwischen deutscher und welscher Kunst stattgefunden
haben...".
Sicher war es eine Privatinitiative Pfarrer Mayrs, sich an Friedrich v. Schmidt zu wenden, um
ihn um einen der vielen Entwürfe zu Kirchenbauten seines Ateliers, der für die Verhältnisse von
St. Nikolaus passen würde, zu bitten. Er bekam eine unerhofft schnelle Antwort. Mit Datum
vom 24. Jänner 1873 schreibt Friedrich v. Schmidt an Karl Mayr: „Es liegen zwar unzählige
Entwürfe und Copien von Kirchenplänen in meinem Atelier, welche Ihnen auch zur Verfügung
stünden, aber es ist damit eine eigene Sache, denn jeder Ort bedingt an und für sich eine
verschiedene Auffassung, sowohl in Hinsicht auf die äußere Umgebung als auch auf das Bau-
material und überhaupt auf den Charakter von Land und Leuten. Ob reich oder arm ist dabei
ganz gleichgültig, es handelt sich um den Sinn, welcher in ein solches Bauwerk gelegt werden
muß... Da Sie doch nicht in der Lage sind, von dem sauer erworbenen Kirchenbaufonds mir
meine Zeichnungen so zu honorieren, wie es hier in Wien üblich ist, so will ich Ihnen zu Gottes
Ehre eine gute Skizze zu Ihrer Kirche umsonst machen, auch mit soviel Detailangaben, als
nöthig sind, daß ein erfahrener Werkmeister darnach bauen kann." Mayr möge ihm einen
Situationsplan und nähere Angaben schicken, jedoch betont Friedrich v. Schmidt in seiner
vornehmen Art, daß er nicht jemandem im Wege stehen wolle, der berechtigte Ansprüche auf
Ausführung dieses Planes habe.
Im Herbst desselben Jahres fuhr Pfarrer Mayr nach Wien, um mit Schmidt vor allem die
Stellung der Kirche zu besprechen. Die Kirchenvorstehung wollte südlich der Kirche die
Friedhofsanlage haben. Dabei sollten die bereits bestehenden Arkaden im Osten, Süden und
Westen mit einer vierten Arkadenreihe im Norden, die direkt an das Langhaus anschließen
sollte, einen rechteckigen Friedhof bilden. In seinem ersten Entwurf hielt sich Schmidt genau an
diesen Wunsch. Das schwierige Terrain - die Kirche stand auf einem gegen Süden abfallenden
Hang- ergab in Verbindung mit dem vorgegebenen Raum- und Geldmangel eine interessante
Lösung. So wie bei der alten Kirche war die gleiche Richtung und kein Querschiff vorgesehen,
der alte Turm war beibehalten. Durch das fehlende Querschiff konnte an der Südseite des
Langhauses die nördliche Arkadenreihe des Friedhofes geplant werden. Die nötige Raumge-
winnung erfolgte vor allem durch die Verlängerung der Kirche und durch ein Seitenschiff im
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Norden. Ein Wandpfeilersystem im Süden des Langhauses sollte diese Einseitigkeit etwas
ausgleichen. Der Turm in der nordöstlichen Ecke des rechteckigen Langhauses bestimmte die
Maße des Kircheninneren, d. h. die Breite des von ihm wegführenden Seitenschiffes und die
Länge der Joche. Aus Gründen der Raumersparnis war der Haupteingang durch den Turm
vorgesehen. Am 19. März übersandte Schmidt diesen ersten Entwurf in sechs großen Blättern
und betonte in seinem Begleitschreiben die schwierigen Verhältnisse, die diese Lösung erzwan-
gen: „Der Bauplatz hat an und für sich und namentlich in Verbindung mit dem Friedhofe eine
so verzweifelte Gestalt, wie ich noch keine bearbeitet habe. Dies in Verbindung mit den
enormen Terraindifferenzen mußte nothwendig zur Folge haben, daß die ganze Anlage eine
völlig unregelmäßige wurde. Diese Unregelmäßigkeit hat aber auch ihre guten Seiten, denn es
ließ sich somit eine höchst malerische Wirkung erzielen, welche in gewöhnlichen Fällen gar
nicht denkbar ist."
Nun befriedigte Schmidt diese Lösung keineswegs. Obwohl mit Aufträgen und sonstigen
Verpflichtungen überlastet, war er nicht gewillt, selbst bei einer unentgeltlichen und nur neben-
her angenommenen Arbeit bloß eine halbe oder provisorische Leistung zu erbringen. Die
folgenden Ausführungen werden das weiter unterstreichen.
Friedrich v. Schmidt kündigte vor dem Ausarbeiten der definitiven Baupläne seinen Besuch an,
um selbst die Örtlichkeit in Augenschein zu nehmen. Darüber war Pfarrer Mayr sehr froh,
seien doch, wie er in seinen Aufzeichnungen bemerkt, der Eingang durch den Turm, das
unregelmäßige Kircheninnere und die hohe Lage der Kirche (der Fußboden der Kirche wäre in
gleicher Höhe wie die Dachfirste der im Süden angebauten Arkaden zu liegen gekommen) bei
den St. Nikolausern auf Ablehnung gestoßen.
Anläßlich einer Studienreise mit seinen Schülern traf Friedrich v. Schmidt im August 1874 in
Innsbruck ein und untersuchte persönlich die Verhältnisse des Bauplatzes. Er entwarf an Ort
und Stelle eine neue Skizze. Das große Fragezeichen war der Zustand des Turmes, ob er frei von
der Kirche stehe und stabil genug sei, um weiterverwendet zu werden. Aus Ersparnisgründen
wollte man ihn erst später gotisch adaptieren. In Begleitung Schmidts war der Innsbrucker
Architekt Alfons Mayr, der sich bereiterklärte, den Turm zu untersuchen.
Der erste Entwurf von Schmidt bewog den Kirchenvorstand von St. Nikolaus, die Friedhofs-
anlage zu ändern. Es mußte einfach mehr Platz geschaffen werden, damit sich eine bessere
Lösung für den Kirchenneubau ergäbe. Es wurde auf den Anschluß der Arkaden an die Südseite
des Langhauses verzichtet und an den Stadtmagistrat das Gesuch gerichtet, zur Freistellung der
Kirche die beiden Häuser Nr. 509 und 510 (oder neu: Nikolausgasse Nr. 44 und 46) anzukaufen
und zu demolieren.
Die geänderten Skizzen schickte Schmidt bereits am 10. Dezember 1874. Das Kircheninnere
war nun dreischiffig mit einer Vorhalle neben dem alten Turm und einem vorspringenden
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Abb. 20: Partie der alten Friedhofs-Arkaden entlang der St.-Nikolaus-Gasse.
Foto: Margarete Hye-Weinhart
Haupteingang im Osten. Das Mittelschiff war weit, die Seitenschiffe schmäler als die Breite des
Turmes. Ebenfalls neu war ein nur mit seinen polygonalen Abschlüssen vorspringendes Quer-
schiff, der Chor war nicht mehr eingezogen, die Apsis hatte ebenfalls einen polygonalen
Abschluß, im Norden lag die Sakristei. Dieser Entwurf war absichtlich möglichst einfach
gehalten, da die Baukosten schon beim vorhergehenden Entwurf zu hoch ausgefallen wären.
,,Namentlich wurden auch die Höhendimensionen so gering, als irgend zulässig angenommen,
um die Baukosten auf das möglichst niedrige Maß zu reduzieren. In den Gewölben sind keine
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vorspringenden Gratrippen angenommen, was in dieser Beziehung ein wichtiger Faktor ist,
und beschränkt sich überhaupt der architektonische Schmuck auf die Maßwerke der Fenster,
die in Cement auszuführen sind, so wie auf das Hauptportal, wozu der Porphirtuff aus Bozen
verwendet werden kann" erläutert Friedrich v. Schmidt diese problemlose Skizze. Die Funda-
mente und der untere Teil des Turmes sollten wohl auf Grund des Gutachtens von Architekt
Alfons Mayr erhalten bleiben. Ein von den Brüdern Franz und Alfons Mayr durchgeführter
Kostenvoranschlag ergab den Betrag von 67.279 fl. 20 kr.
Das fürstbischöfliche Ordinariat in Brixen, dem die Pläne zur Genehmigung vorgelegt wurden,
fand den alten Turm zu schwach, den Innenraum noch zu klein und die gurtenlose Gewölbean-
lage als eine Dürftigkeit, die sich auch vom Standpunkt der Kosten nicht rechtfertigen ließe.
Schmidt ging auf diese ihm übermittelten Wünsche ein, vor allem auf die Möglichkeit, den
Turm zu erneuern, dessen Stellung und Fundamente er indessen belassen wollte. Seinem Brief
vom 8. Februar lag eine Kopie dieses dritten Entwurfes bei, wobei der Umriß des vorangegan-
genen Entwurfes mit roter Linie eingetragen war. An Hand dieser Skizze kann man studieren,
wie der Künstler versuchte, mehr an Raum zu gewinnen, ohne dafür mehr an Baugrund zu
benötigen und auch die Möglichkeit ergriff, trotz der allzu strengen geldlichen Sparmaßnah-
men, einen reichhaltigeren Raumkörper zu schaffen. Hiezu bemerkt Schmidt: „Der Grundriß
ist außerdem insoferne geändert, als das Mittelschiff etwas schmaler, dagegen die Seitenschiffe
um dieses breiter gemacht wurden. Überdiß ist eine Art von Kreuzschiff angeordnet, wodurch
sich auch für die Kanzel eine günstigere Stelle an einem der großen Pfeiler ergiebt. Um dem FB.
Ordinariate eine Freude zu machen, habe ich auch Gewölberippen angeordnet, welche in
Cementsteinen auszuführen wären."
In der Grundkonzeption handelte es sich bei dieser Skizze um die Form des endgültigen
Grundrisses. Neben den Sakristeiräumen und dem Querschiff war vor allem der Eingang
geändert worden, der eine zweigeteilte vorspringende Portalhalle bekam. Das verbreiterte
Querschiff hatte %-Abschlüsse, der Chor und die Apsis mit dem %-Abschluß wurden von der
Paramentenkammer, der Sakristei und einem Chorumgang umgeben. Den Chorumgang ließ
Schmidt später fallen und ersetzte ihn durch offene Grufthallen. Am 3. Juli 1876 schickte
Friedrich v. Schmidt den ausgearbeiteten Entwurf.
Da die Architekten Franz und Alfons Mayr bereits früher einen Kostenvoranschlag geliefert
hatten, trat Pfarrer Mayr an deren Vater, Baumeister Josef Mayr, heran, den Bau zu überneh-
men. Da er keine Antwort erhielt, wandte er sich an den Diözesan-Architekten Josef von Stadl,
der, mit dem Bau des Vinzentinums in Brixen beschäftigt, keine Zeit für diesen Auftrag hatte.12
Die Bauausführung übernahm sodann die Firma Huter; ihr Kostenvoranschlag ergab 90.500 fl.
12 Josef Weingartner, Die Kunstdenkmäler Südtirols, 1. Bd., 7. Aufl., Bozen-Innsbruck-Wien 1985, S. 262 f.
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für den Kirchenbau, 12.000 fl. für den Turm. Der Baufonds belief sich zu diesem Zeitpunkt auf
60.000 fl. Da die neue Kirche so viel Platz wegnahm, mußte der Friedhof neuerlich erweitert
werden. Es wurde das hügelige Gelände im Norden abgegraben, das darauf stehende Binder-
haus demoliert, der vom Bäckerbichl herabführende Kirchensteig versetzt und eine mächtige
Stützmauer in den Hang gesetzt sowie die Arkadenreihe, nun im Norden des neu gewonnenen
Platzes, weitergeführt. Am 17. März 1879 wurde mit der Firma Johann Huter & Söhne der
Vertrag über die Bauausführung abgeschlossen, der Pauschalbetrag belief sich ohne den Turm
auf 88.000 fl. Dabei hatte Huter auch die Notkirche aufzustellen. Friedrich v. Schmidt, den
Pfarrer Mayr brieflich auf dem laufenden hielt, war mit der Bauausführung durch die Herren
Huter einverstanden, die ihm als erfahrene Bautechniker bekannt waren. Zur Materialfrage
erklärte er: „,..., daß es für den immerhin etwas kühn konstruierten Bau eine große Wohltat
ist, wenn er aus Ziegeln hergestellt wird und sollte daher ein kleines Opfer nicht gescheut
werden." Schmidt erklärte sich auf die Bitte Karl Mayrs bereit, sich auch der Frage der Innen-
ausstattung zu widmen, „überhaupt werde ich Ihnen wie bisher in dieser Angelegenheit stets
mit Rath und That zu Seite stehen...". (Brief vom 28. Oktober 1880.)
Am 8. Juni 1881 erteilte der Stadtmagistrat Innsbruck die Baubewilligung, und mit 30. Juni
1881 lag auch die kirchliche Genehmigung durch das fb. Ordianariat Brixen vor. Die Vertre-
tung der Kirche beim Kirchenbau übernahm Diözesan-Architekt Josef von Stadl (seine Grab-
stätte befindet sich bei der Kirche St. Nikolaus).
Der Bau ging folgendermaßen vor sich: Man ließ vorerst die alte Kirche stehen und hob rund
um sie den Grund für den Neubau aus. Der erste Spatenstich geschah am 11. Juli, am 29. August
wurde die alte Sakristei niedergerissen. Bei der Grundaushebung war man teilweise genötigt,
bis über sieben Meter Tiefe zu gehen. Im September entdeckte man, daß der Turm zu schwach
war, seine Fundamente lagen nur einen Meter tief. Friedrich v. Schmidt besichtigte am 6.
Oktober die Baustelle und zeichnete in der Baukanzlei, die in dem zum Abbruch bestimmten
Dollingerhaus, St.-Nikolaus-Gasse Nr. 44, untergebracht war, die äußersten Umrisse des
neuen Turmes. Wegen dieser neuen Schwierigkeit war Pfarrer Mayr sehr bedrückt: „Wer den
neuen Turm zahlt, weiß ich nicht", kann man in seinen Aufzeichnungen lesen. Die vielen
Probleme der Bau der Notkirche im nördlichen Friedhof, die Verlegung der Gräber, die Sorge
um die Fundamente des Neubaues, die Finanzierung des Turmes - belasteten den Pfarrherren
schwer:,,Er konnte nicht mehr schlafen, war nicht mehr fähig, ruhig zu denken, warf sich vor,
den Kirchenbau leichtsinnigerweise auf sich genommen zu haben, und namentlich peinigte ihn
der Gedanke: Die neue Kirche wird viel zu groß und der Gottesacker zu klein".
Der Abbruch des Turmes wurde am 4. November 1881 bewilligt, seine Demolierung erfolgte
noch im selben Jahr. Einige Monate später nahm am 23. April 1882 der Dekan und Stadtpfarrer
von Innsbruck, Dr. Johann Kometer, die feierliche Grundsteinlegung vor, die Festpredigt hielt
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Abb. 21: Fronleichnams-Prozession von St. Nikolaus nach Mariahilf im Jahre 1915 - an der Bürgermeisterkette
erkennbar, der damalige Innsbrucker Bürgermeister Wilhelm Greil.
Fotosammlung, Stadtarchiv Innsbruck.
Dekan Alois Gräber. (Der Grundstein kam an den südöstlich über Eck gestellten Strebe-
pfeiler.")
Die neue Kirche konnte am 26. April 1885 eingesegnet werden; gleichfalls im Jahr 1885 erhielt
die Kirche hohen Besuch: Kaiser Franz Joseph I. besichtigte den Neubau, woran eine Marmor-
tafel in der Kirche erinnern soll. 15
Das große Fest der Einweihung erfolgte am 24. Oktober 1886, Fürstbischof Simon Aichner
nahm selbst die Weihe der Pfarrkirche St. Nikolaus vor. Über dem Eingang war ein Chronolo-
gikum angebracht: „FrohLoCket Wahrhaft, FrIeDe, HeIL WIRD heVte Dieser Kirch zv
13
14
15
Andreas Hofer, 5. Jg. (1882), S. 153.
Ebd.
Neue Tiroler Stimmen, 25. Jg. (1885), Nr. 181.
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TheIL". Pfarrer Karl Mayr wurde zum geistlichen Rat ernannt. Bei diesem Festakt fehlte
jedoch Friedrich v. Schmidt, zu groß waren seine beruflichen Verpflichtungen, denen er nach-
zukommen hatte. Während des Zeitraumes, in dem die Kirche von St. Nikolaus geplant und
ausgeführt wurde, hatte Schmidt ein unglaubliches Arbeitspensum zu bewältigen. Von seinen
damaligen Arbeiten seien hier nur einige wenige erwähnt: der Bau des Wiener Rathauses (seines
profanen Hauptwerkes), das Administrationsgebäude der Österreichisch-Ungarischen Bank in
Wien, der Entwurf für die Akademie der Wissenschaften in Agram, der Bau des an Stelle des
abgebrannten Ringtheaters errichteten kaiserlichen Stiftungshauses in Wien. Auf seinem
eigentlichen Gebiet, dem Kirchenbau, schuf Schmidt damals neben einer Anzahl von Kirchen-
bauten den Entwurf für eine Kathedrale und Bischofsresidenz in Bukarest, die Liebfrauenkir-
che in Dortmund, den Entwurf zu einer Kirche auf dem Kardinal-Rauscher-Platz in Wien
XIV., zur Pfarrkirche zum „,Göttlichen Herzen Jesu" in Weiler (BH Feldkirch), zur Pfarrkir-
che „hl. Sulpitius" in Frastanz, zur Pfarrkirche „hl. Josef" in Wien XVIII." Friedrich v.
Schmidt lehrte zudem an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Diese Tätigkeit war für
den Künstler von großer Wichtigkeit, ebenso wie seine Tätigkeit als Dombaumeister zu St. Ste-
phan in Wien wie überhaupt als Denkmalpfleger. Als gesuchter Fachmann war er auch auf
diesem Gebiet international tätig.18 Dieser große Architekt hatte schon in der Jugendzeit seine
Vorliebe für die Architektur der Gotik entwickelt und konnte zudem eine solide handwerkliche
Ausbildung vorweisen, so war er Steinmetzmeister und hatte ein eigenes Steinmetzzeichen. Für
St. Nikolaus entwarf Friedrich v. Schmidt auch die Innenausstattung, womit sein Streben nach
einem Gesamtkunstwerk unterstrichen wird. Seine Zeichnungen wurden allerdings nur zum
Teil verwendet bzw. von den ausführenden Künstlern in abgewandelter Form verwendet.
Friedrich v. Schmidt, den die Stadt Innsbruck am 5. September 1877 zum Ehrenbürger ernannt
hatte, schuf mit der Pfarrkirche St. Nikolaus einen harmonischen Bau. Die dreischiffige nach
Westen gerichtete Hallenkirche betritt man durch eine die Breite des Mittelschiffes einneh-
mende zweigeteilte Vorhalle mit Treppengiebelfassade. Das vierjöchige Innere weist ein Kreuz-
rippengewölbe über Achteckpfeilern mit Runddiensten auf; ein Vorjoch trägt die Orgelem-
pore. Der Chor ist ebenso wie das Querschiff polygonal geschlossen. Hohe, gekoppelte Spitz-
bogenfenster mit regelmäßigem Maßwerk im Chor, Querschiff, Langhaus und eine Fensterrose
an der Eingangsfassade durchbrechen das Mauerwerk. Der Turm in der Nordostecke mit sich
16 Tiroler Volksblatt, 25. Jg. (1886), Nr. 86, S. 3.
17
18
19
Waltraud Palme-Comploy, Werkverzeichnis von Friedrich v. Schmidt. In: Die Bauten und ihre Architekten 2,
Friedrich v. Schmidt, Gottfried Semper, Carl v. Hasenauer (Die Wiener Ringstraße, Bild einer Epoche, hrsg. von
Renate Wagner-Rieger, 8. Bd.), Wiesbaden 1978, S. 68-71.
Neumann, a. a. O., S. 231 ff.
Fischnaler, Innsbrucker Chronik 4, Innsbruck 1930, S. 19.
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nach oben verjüngenden, übereck gestellten Strebepfeilern gipfelt in einem Giebelspitzhelm.
Strebepfeiler und Grabarkaden gliedern unter anderem die Außenseite.
Dieser Kirchenbau fällt in das letzte Drittel des strengen Historismus, der den Zeitraum von
1850 bis 1880 einnimmt, und weist somit einerseits eine Vorliebe für symmetrische Anlagen, für
geometrische Detailformen, für eine Raumvereinheitlichung und andererseits eine starke Auf-
gliederung des Außenbaues auf. Die klare Gliederung der dreischiffigen Hallenanlage mittels
horizontaler und vertikaler Bauteile weitet den Innenraum optisch. Diesen Eindruck verstärkt
die durchlaufend gleiche Höhe von Mittelschiff und Presbyterium, die Seitenschiffe sind etwas
niedriger; das mit seinen polygonalen Enden vorspringende Querschiff ist hier höher als das
Seitenschiff. Diese Bauteile tragen nach innen zur Vergrößerung und auch Vereinheitlichung
bei, gleichzeitig wirken sie auf den Außenbau, wo sie in Verbindung mit den Dachkonstruktio
nen Akzente setzen und Bewegung in den Bau bringen.
Als besonderer Glücksfall ist es zu werten, daß die Original-Innenausstattung der St.-Niko-
laus-Kirche erhalten blieb. Der Hochaltar in Form eines Flügelaltares stammt von Josef
Schmid, dem Architekten der Tiroler Glasmalereianstalt. Der Altar wurde 1891 aufgestellt; sein
Aufbau wurde von Josef Andergassen aus Hall in Tirol, seine Skulpturen von Serafin Eberhart,
die Ornamentik von Franz Egg und die Fassung sowie Vergoldung von Eduard Sailer ausge-
führt. Die Bildtafeln der Außenseiten malte Hans Rabensteiner aus Klausen nach der Art
Martin Schongauers; die Metallarbeiten lieferte Jakob Rappel aus Schwaz: den Tabernakel in
Email, große und kleine Altarleuchter nach Entwürfen von Josef Schmid, die neugotische
Monstranz etc. Über der von Säulchen getragenen Steinmensa und der niederen, mit ornamen-
tierten Vierpässen verzierten Predella erhebt sich der Schrein mit polychromierten Vollplasti-
ken. Im Schrein: hl. Nikolaus, hl. Martin, hl. Sebastian und hl. Florian, an den Flügelinnen-
seiten Reliefs der Geburt Christi und Anbetung der Könige. Die Figuren stehen vor Goldgrund
unter vergoldeten Kielbögen mit reichem Ranken- und Maßwerk; auf den teilenden Säulchen
musizierende Engel. Die Flügelaußenseiten zeigen vier gemalte Passionsszenen; die hll. Petrus
und Paulus flankieren sozusagen als Wärter den Schrein. Der Tabernakelbau reicht über die
zwei Stockwerke des Schreines. Im hochaufgetürmten Gesprenge sind unter Baldachinen mit
emporstrebenden Fialen die hl. Katharina, die hl. Barbara, die hl. Maria und der hl. Johannes,
an höchster Stelle ist der Gekreuzigte. In einem Brief vom 6. Jänner 1890 lobt Friedrich v.
Schmidt den Entwurf von Josef Schmid für den Hochaltar, bis auf die Predella, die Steincharak-
ter habe.21
20 Zum Begriff strenger Historismus siehe etwa: Renate Wagner-Rieger, Wiens Architektur im 19. Jahrhundert, Wien
1970, S. 147 ff.
21
Pfarrarchiv in der Sakristei. Hier finden sich auch Rechnungen der Künstler und Handwerker zur übrigen Ausstat-
tung der Kirche. Neue Tiroler Stimmen, 31. Jg. (1891), Nr. 110, 114.
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Gallus Sohannes Weseleuertiesche kwa.
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Das Oberunthal
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Afmeting
Deaton Hof
Abb. 22: Blick vom Stadtturm nach Mariahilf mit dem Ansitz Ettenau an der
Höttinger Gasse (rechts) und der Kuppel der Maria-Hilf-Kirche - auf dem
Inn die für den alten Verkehr vom Oberland typischen Floẞe. Links im Bild
der Innrain.
Lithographie von Friedrich Rehberg, 1820
Original im Stadtarchiv Innsbruck
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Die qualitätvollen Chorstühle im Presbyterium wurden nach einem Entwurf von Josef Schmid,
von Franz Egg (Ornamentik) und dem Kunsttischler Möslein 1894 geliefert. Die Statuen Johan-
nes der Täufer und David sind heute ohne Aufsatz und stammen vom Bildhauer Alois
Winkler."
Unter der Leitung von Josef Schmid wurde auch das Kommuniongitter 1892 hergestellt. Die
Zeichnungen für die Ornamente kamen von Rupert Schwarzenberger, die Schmiedeeisenarbeit
führte Johann Palla und die Marmorarbeit Leopold Seeber aus.23
Die beiden polychromierten Seitenaltäre entwarf ebenfalls Josef Schmid (1896). Der linke
Flügelaltar, der Marienaltar, beinhaltet im Schrein die hl. Maria mit Kind (Vollplastik), die
Innenflügel tragen Reliefs mit Darstellungen aus dem Leben Mariens. Diese Holzarbeiten
stammen wie die Pietà in der Predella und die drei Erzengel im Gesprenge von Alois Winkler
(1898). An den Außenseiten der Flügel brachte Johann Ertl aus Schwaz den hl. Joachim und die
hl. Anna mit dem Marienkind an. Der Altarbau, die Fassung und Vergoldung sind von Cle-
mens Raffeiner aus Schwaz. Auch am rechten Flügelaltar, dem Josefsaltar, arbeitete Alois
Winkler. Er verpflichtete sich, den figürlichen Teil des „St.-Josef-Todesangst-Bruderschaft-
Altares" zusammen mit Bachlechner bis zum Feste Maria Geburt 1899 fertigzustellen. Er
fertigte die Hauptdarstellung im Schrein an, den Tod des hl. Josef in der Predella, den segnen-
den Jesus mit Kelch und die Figuren am Altargiebel, die Patrone der Sterbenden: hl. Barbara,
hl. Johannes von Gott, hl. Camillus. Die Flügelaußenseiten zeigen den hl. Josef mit Christus
und Papst Leo XIII. Die Innenseiten der Flügel mit Szenen aus dem Leben des hl. Josef -Josef
bei der Geburt Christi, im Haus zu Nazareth, auf der Flucht nach Ägypten, Jesus im Tempel
suchend - sind Arbeiten des jungen Josef Bachlechner (1871 bis 1923), der noch bei der Innen-
ausstattung der Kirche einige Bedeutung erlangen sollte. Im Querschiff sind die zwei Flügelal-
täre sein Werk: rechts der 1906 aufgestellte Herz-Jesu-Altar und links der Heilig-Geist-Altar
von 1910.
Der Herz-Jesu-Altar: Im Schrein ist in Hochrelief der Schwur des Tiroler Landes an das Herz
Jesu unter einem Bogen mit Rankenwerk dargestellt, an den auch von Bachlechner gemalten
Flügelinnenseiten die hll. Isidor und Notburga, außen die hll. Wendelin und Isidor. Eine
Abendmahldarstellung füllt den engen Raum der Predella; am Aufsatz der Gekreuzigte. Die
zart ausgeführte Ornamentik ist ebenso bemerkenswert wie die lebendige Darstellung und die
feine Farbabstimmung. Bei seinem Gegenstück, dem Heilig-Geist-Altar, arbeitete Josef Bach-
22
23
24
Am 21. 3. 1897 legt Alois Winkler die Rechnung für die beiden Figuren aus Eiche vor (Pfarrarchiv Sakristei).
Neue Tiroler Stimmen, 32. Jg. (1892), Nr. 99, S. 3.
Pfarrarchiv.
80
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lechners Bruder Ludwig mit, der als Altarbauer und Kunsttischler den Altaraufbau lieferte.25
Das Hauptthema, die Sendung des Heiligen Geistes, findet sich als Hochrelief im Schrein, die
anderen Darstellungen sind gleichfalls dem Wirken des Heiligen Geistes gewidmet: an den
Innenflügeln die Taufe Jesu und die Priesterweihe, an den Außenflügeln Maria Verkündigung,
in der Predella die Spendung des Sakramentes der Firmung und am Altaraufsatz die Taube mit
stilisierten Granatäpfeln als Sinnbild der Liebe, seitlich stilisierte Sonnenblumen mit den Gaben
des Heiligen Geistes. Die Fassung des Altares nahm zum großen Teil Otto Plattner aus Hötting
vor.
Die prachtvolle Kanzel am linken Vierungspfeiler wurde nach einem Entwurf von Josef Bach-
lechner etwas einfacher ausgearbeitet, einige Teile wurden von ihm noch selbst verfertigt. Nach
seinem Tod im Jahre 1923 vollendeten seine Schüler Heinrich Ludwig und Gottfried Köstler
noch im selben Jahr die Kanzel. Dieses großartige Werk reicht vom Fußboden bis ins Gewölbe.
Über dem Kanzelfuß mit fünf Statuen aus dem Alten Testament (Abraham, Moses, Johannes
der Täufer, David, Elias) Medaillons von Christus und den vier Evangelisten; an der Kanzel-
brüstung vier Reliefs mit Themen aus dem Neuen Testament (Jesus am Jakobsbrunnen, Berg-
predigt, Jesus im Hause von Martha und Maria, Petrus wird zum Oberhaupt der Kirche
bestellt). Der hoch emporstrebende Aufsatz des Schalldeckels trägt die. Dreifaltigkeit und
Posaunenengel. Die Kunsttischlerarbeiten sind von Anton Menardi und Anton Harb aus Hall
in Tirol, die Fassung ist von Otto Plattner. Das Stiegengitter der Kanzel wurde von Sepp
Thurner gemeinsam mit Felix Wopfner gearbeitet.2
Die seit dem Aschermittwoch des Jahres 1901 aufgestellten Kreuzwegstationen sind ebenfalls
von Josef Bachlechner.27
Kurz erwähnt sei die restliche Inneneinrichtung:
Ein Rosenkranzbild am rechten Vierungspfeiler von Alois Winkler zeigt, wie die Mutter Gottes
dem hl. Dominikus den Rosenkranz reicht. Im linken Seitenschiff befindet sich eine Pietà aus
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das signierte Vorhallengitter wurde von Siegfried
Thurner, dem Erbauer der Theresienkirche auf der Hungerburg entworfen und nach 1930 von
Schlossermeister Hans Scheiber ausgeführt. Das Kruzifix im Vorraum schuf der in Fließ
geborene und 1881 in München gestorbene Josef Knabl. Im Vorraum befindet sich neben dem
marmornen Taufstein (Entwurf von P. Johann M. Reiter, Mosaikbilder von Pfefferle in Zirl,
25
Vinzenz Geppert, Der Heilig-Geist-Altar zu St. Nikolaus - Innsbruck. In: Allgemeiner Tiroler Anzeiger, 3. Jg.
(1910), Nr. 129, S. 1-5.
26 J(osef) Garber, Die Bachlechner-Kanzel für St. Nikolaus. In: Tiroler Anzeiger, 16. Jg. (1923), Nr. 50, S. 4 f.
27 Die Post, 3. Jg. (1901), Nr. 18, S. 1 f.
Innsbrucker Nachrichten, 78. Jg. (1931), Nr. 299, S. 13.
28
29
Andreas Hofer, 9. Jg. (1886), S. 345.
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Abb. 23: An der Stadtgrenze
am Höttinger Bach bzw. am
Platz vor der Pfarrkirche von
Mariahilf befand sich im
19. Jahrhundert ein Schlag-
baum mit Wächterhäuschen
(Bildmitte).
Ausschnitt aus einer Stadt-
ansicht von Innsbruck von
J. Hyrtl, Wien 1840
Original im Stadtarchiv Inns-
bruck
ANSICE
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yon
The 147
INNSBRUCK.
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Steinmetzarbeiten von Ignaz Franz) ein Grabstein aus rotem Marmor vom alten Friedhof mit
Porträt Getzners, gestorben am 16. Februar 1519.
Das Orgelgehäuse von 1885 ist von Franz Weber. 30
Wichtig für die Gestaltung des Innenraumes zur Zeit der Neugotik waren die Fresken und die
Glasgemälde. Friedrich v. Schmidt stellte wohl die Verbindung zu den Malern Franz und Karl
Jobst her, die bereits mit ihm zusammengearbeitet hatten, so z. B. beim Kaiserlichen Stiftungs-
haus in Wien. Sie malten zusammen am Gewölbe des Presbyteriums musizierende und die
Leidenswerkzeuge haltende Engel auf blauem Grund (1888), und Karl Jobst vollendet nach
dem Tod seines Bruders die Fresken im Langhaus im Jahre 1896." Die Fresken hinter dem
Altar, Engel einen Teppich haltend, auf dem ursprünglich die Sinnbilder der vier Elemente
abgebildet waren, gehen auf einen Entwurf von Josef Schmid zurück.
Anläßlich der Innenrenovierung in den Jahren 1961 bis 1963 unter Pfarrer E. Bischof wurde die
Quadraturmalerei der Wände entfernt.
Die Glasgemälde stammen aus der Innsbrucker Glasmalereianstalt und haben folgende The-
men: Im Presbyterium in der Mitte das Opfer Melchisedechs und Abrahams, daneben vier
Szenen aus dem Leben Christi. Im Querschiff hinter dem Herz-Jesu-Altar Jesus und Margarete
Alaquoque mit den vier Heiligen: Bernhard, Bonaventura, Gertrud und Theresia. Links hinter
dem Heilig-Geist-Altar der hl. Petrus und Papst Leo XIII., daneben die hll. Athanasius,
Basilius, Chrysostomus und Thomas. Im Langhaus werden Szenen aus dem Leben der Kir-
chenpatrone Nikolaus und Martin dargestellt.
Zum Schluß sei noch auf den Fassadenschmuck hingewiesen. Über dem Eingang wurden 1904
drei Skulpturen unter Wimpergen und vor Goldmosaikgrund aufgestellt: Maria, flankiert von
den Kirchenpatronen Nikolaus und Martin. Ursprünglich hatte der Steinmetz Ignaz Franz den
Auftrag übernommen, durch seine Erkrankung verzögerte sich die Ausführung, und er emp-
fahl schließlich den Bildhauer Johann Posch aus Hall in Tirol, der die Figuren aus Breitenbrun-
ner Marmor arbeitete. Die Mosaike am Giebel - die vier Evangelisten und vier Propheten
wurden nach Entwürfen von Michael Stolz von der Neuhauserschen Mosaikwerkstätte herge-
stellt, die Salvator-Statue in der Mitte stammt von Julius Blaas (1885).
Die St.-Nikolaus-Kirche sollte nach dem Willen ihrer Erbauer eine Zierde für die Stadt sein, ein
Wunsch, der für die Zeit des Historismus bezeichnend ist, in der ein Bauwerk nicht nur
Nutzbau, sondern auch Monumentalbau sein sollte. Sie gehört zu den wenigen Kirchen, die
30
Dehio, Handbuch für Tirol, Wien 1980, S. 37.
31
Briefwechsel im Pfarrarchiv. Neue Tiroler Stimmen, 36. Jg. (1896), Nr. 279, S. 2.
32 Andreas Hofer, 27. Jg. (1904), S. 463 f.
33
Tiroler Volksblatt, 25. Jg. (1886), Nr. 86, S. 3.
84
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noch die weitgehend unveränderte Originalausstattung besitzen, und auch nach der Renovie-
rung, in den Jahren 1961 bis 1963, die dem Innenraum mehr Licht zuführte, weist sie die einst
erstrebte Schattendämmerung im Raum auf.
Anschrift der Verfasserin: Dr. Waltraud Palme-Comploy
Leopoldstraße 65
6020 Innsbruck
Anhang: Text der Urkunde, die 1882 in den Grundstein der neuen Pfarrkirche gelegt wurde
(zitiert nach: Tiroler Anzeiger 1936, Nr. 232, S. 5):
„Zum ewigen Gedächtnis. Im Jahre des Heiles 1882 am 2. Sonntag nach Ostern (23. April)
unter der glorreichen Regierung Sr. Heiligkeit Papst Leo XIII. und seiner K. u. K. apostoli-
schen Majestät Kaiser Franz Josef I., unter der Amtsführung des Herrn Dr. Heinrich Falk als
Bürgermeister von Innsbruck, wurde dieser Grundstein zur neuen Pfarrkirche von St. Niko-
laus von dem durch Sr. fb. Gnaden Johannes von Leiß zu Leimburg gestellten fb. Kommissär
Sr. Hochwürden und Gnaden Dr. Johannes Kommeter, Dekan und Stadtpfarrer von Inns-
bruck, geweiht und gelegt. Der Kirchenbauer wurde von Sr. Hochwürden und Gnaden Herrn
Alois Gräber, früher Pfarrer von St. Nikolaus, jetzt Dekan von Thaur, eingeleitet und durch
huldvolle Spenden der Mitglieder des allerhöchsten Kaiserhauses, durch großartige Unterstüt-
zungen von Seite der hiesigen löblichen Sparkasse, durch jahrelange Beiträge vieler edler
Bewohner der Stadt, namentlich der Pfarrangehörigen von St. Nikolaus (unter denen Jungfrau
Maria Hechenblaikner und Herr Johann Handl, Kirchpropst, beide seelig, besonders hervorra-
gen) und durch Beihilfe des löblichen Stadtmagistrates als Patron der Kirche ermöglicht und
wird nunmehr nach dem Plane des Herrn Friedrich Schmidt, Dombaumeister zu St. Stephan in
Wien, von der Firma Johann Huter und Söhne unter der Inspektion des Herrn Josef von Stadl,
Diözesanarchitekten, ausgeführt. Möge derselbe zur Ehre Gottes, der unbefleckt empfangenen
Gottesmutter Maria, des heiligen Nährvaters Josef und allen lieben Heiligen, unserer Kirchen-
patrone, des hl. Nikolaus und des hl. Martinus glücklich vollendet werden und durch alle
Zeiten die unversiegbare Quelle der Gnade und des Segens bleiben für alle künftigen Geschlech-
ter von St. Nikolaus. Um das fleht zu Gott mit der ganzen Pfarrgemeinde Karl Mayr, derzeit
Pfarrer. Dr. Falk, Bürgermeister; Dr. Kommeter, Dekan und fb. Kommissär; Dekan Gräber;
Schuhmacher, Vizebürgermeister; Karl Adam, Vorstand der Sparkasse; Karl Mayr, Pfarrer;
Dr. Werner, Magistratsrat; Dr. Tschurtschenthaler, Direktor; Huber, Kooperator; v. Stadl,
Architekt; Peter Huter, Baumeister; Prix, Kirchprobst; Josef Huter; Johann Huter; Anton
Huter; Schweiger, Kirchprobst."
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BENZIN
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Abb. 24: Die Mariahilfstraße mit der ehemaligen Schmiedehütte im Jahre 1928.
Fotosammlung, Stadtarchiv Innsbruck
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Der Kindergarten St. Nikolaus von den Anfängen bis heute
Von Hannelore Spielmann
Am 28. Jänner 1831 veröffentlichte das Tiroler Gubernium ein Rundschreiben über den
Nutzen der Kleinkinderschulen. 1833 mietete die Armendirektion zur Errichtung einer solchen
in St. Nikolaus ein ebenerdiges Lokal im Hause Innstraße 57. Stadtdekan Duille und Bürger-
meister Dr. Josef Maurer machten sich um die Gründung besonders verdient. Die Eröffnung
erfolgte am 27. Mai 1832 mit 60 Kindern! Betreut wurden diese von einer Wärterin, die aus dem
Asyl für alte Dienstboten ausgewählt wurde. Der Casinoverein veranstaltete am Ostersonntag
1832 ein Konzert, dessen Erlös von 200 Gulden der Wartanstalt gewidmet wurde. Dort beauf-
sichtigte man Kinder von zwei bis sechs Jahren täglich von 8 bis 11 Uhr und von 13 bis 18 Uhr.
Das Jahresgehalt für die Lehrerin oder Wärterin betrug 150 Gulden.
Die räumliche und pädagogische Situation dieser ersten Einrichtung für Kleinkinder kann man
wenngleich dies bereits ein Fortschritt war - als triste bezeichnen. Zur Abhilfe wurde 1833
zusätzlich im Armenhaus vom Magistrat ein Saal für 70 bis 80 Kinder bereitgestellt und der
dazugehörige Garten mit Obstbäumen besetzt.
Leopold Chimani beschreibt in einem Leitfaden für Kinderbewahranstalten (1832) die notwen-
dige Ausstattung dieser Bewahrstuben, wie folgt:
„Schulzimmer, Schulgeräthe, Lehrmittel und Spielplatz.
Das Schulzimmer oder die Kinder-Bewahrstube muß in
Beziehung auf den Raum nach der Zahl der Kinder, welche in die Bewahranstalt aufgenommen
werden, so bemessen seyn, daß nicht nur alle Kinder in den Bänken bequem sitzen können,
sondern daß auch noch hinlänglicher Raum zu den körperlichen Übungen der Kinder bleibt,
daß sie in Reihen auf und ab schreiten, und bey schlechtem Wetter ungehindert die Spiele
vornehmen können. Es muß trocken, licht, luftig und von ziemlicher Höhe seyn. Ein feuchtes
Zimmer wird durch die Ausdünstung der zahlreich versammelten Kinder noch ungesunder. Das
Licht darf durch die Fenster nicht zu grell einfallen, und die Sonnenstrahlen, welche die Augen
der Kinder treffen könnten, müssen durch Vorhänge abgehalten werden. Die Fenster dürfen
nicht zu niedrig stehen, damit die Kinder nicht auf dieselben klettern, und dadurch Schaden
nehmen. Die Mauerwände, besonders wenn die Sonnenstrahlen auf dieselben fallen, dürfen
nicht blendend weiß seyn, weil der Anblick derselben die Augen der Kinder schwächt. Die
untern Flügel der Fenster müssen fest an die Rahmen anschließen, damit die Kinder keiner
Zugluft ausgesetzt sind; die oberen Flügel können bey guter Witterung, selbst während des
Unterrichts, geöffnet werden. Es müssen aber in denselben Ventilatoren angebracht seyn, damit
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auch bey schlechtem Wetter durch dieselben die Luft in der Bewahrstube erneuert werden
könne. Wenn die Kinder entlassen sind, müssen alle Fenster geöffnet, und der Boden gefegt, oft
auch gescheuert werden.
Neben der Bewahrstube soll sich ein Kämmerchen befinden, in welchem bey feuchter Witterung
und Regenwetter die nassen Hüte, Mäntel, Tücher, Oberröcke u. s. w., welche durch ihre
Ausdünstung die Luft in der Bewahrstube verderben, bis zur Entlassung der Kinder aufbewahrt
werden.
Im Mittelpunkte der Bewahrstube soll eine schuhhohe Treppe mit einem Stühlchen seyn, auf
welche das gerufene Kind tritt, und auf welches es sich setzt, wenn es den in den Bänken
sitzenden Kindern etwas vormachen, vorerzählen oder vorsingen soll. Diese Treppe soll beweg-
lich seyn, damit sie beym Spiele an die Wand geschoben werden kann."
Die Familiensituation der unteren Volksschichten anfangs des 19. Jahrhunderts, und damit
verbunden das Leben des Kleinkindes in diesen Familien, machen die Notwendigkeit und
Bedeutsamkeit der Gründung von Bewahranstalten verständlich.
In den kleinen Handwerksbetrieben und den bäuerlichen Wirtschaften der vorindustriellen
Zeit waren die Kinder von Anfang an schon mit der Werkstatt des Vaters und den hauswirt-
schaftlichen Verrichtungen der Mutter vertraut. Sie wurden von klein an auf ihr künftiges
Leben vorbereitet und wuchsen so in den späteren Aufgabenbereich hinein. Die Familie galt als
Träger der Kleinkindererziehung.
Die industrielle Entwicklung brachte dann eine radikale Veränderung dieser gesellschaftlichen
und familiären Verhältnisse. Durch die Konkurrenz der Fabriken lösten sich immer mehr
Handwerksbetriebe auf. Die Handwerker wurden zu Lohnarbeitern. Landarbeiter zogen in
Industriestädte in der Hoffnung, bessere Lebensbedingungen zu finden. Die Städte vergrößer-
ten sich, in großen Industriezentren entstanden Arbeiterviertel, in denen Schmutz, Elend,
Armut, Wohnungsnot, Hunger und Krankheit vorherrschten. Frauen und halbwüchsige Kin-
der arbeiteten bis zu 16 Stunden täglich in den Fabriken, Kinderarbeit war ein selbstverständli-
cher und notwendiger Beitrag zur Lebenshaltung der Familie.
Die Folge dieser Entwicklung war grenzenloses Kinderelend. Durch die Lohnarbeit der Mütter
und der größeren Geschwister kam es zur Vernachlässigung, zu einer vollkommenen
Sichselbstüberlassung der Kleinkinder der Unterschicht. Es fehlte an der notwendigen Pflege
und Erziehung. Es mangelte an den elementarsten Bedingungen für eine gesunde und normale
Entwicklung der Kinder.
Abb. 25: Hufeisen und Holzrelief mit Darstellung einer Hufschmiede mit dem hl. Bischof Eligius, dem Patron der ▷
Schmiede hier allerdings ohne Heiligenschein - an der ehemaligen Schmiede, Mariahilfstraße 14.
Foto: Margarete Hye-Weinhart
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Die materielle Notlage der meisten Familien, die enorme Arbeitsbelastung in den Fabriken und
die tristen Wohnverhältnisse hatten eine Art „pädagogische Erschlaffung" zur Folge. Die
Konsequenzen waren unter anderem eine enorm hohe Kindersterblichkeit und eine allgemeine
Verwahrlosung. Die Kinder suchten auf den Straßen Nahrung und Beschäftigung.
Seraph Hügel (1851) beschrieb die Situation folgendermaßen:
„Die ersten vier der angegebenen Bewahrungsarten greifen meist dann Platz, wenn sowohl der
Vater als die Mutter, durch die Eigenthümlichkeit ihrer Beschäftigung gezwungen sind, ihrem
Broderwerbe außer Haus nachzugehen. Diese kleinen Kinder werden von ihren Aeltern oft nur
in der Absicht allein in versperrten Wohnungen zurückgelassen, weil sie
irrthümlich vermeinen, daß dieselben auf diese Weise sicherer vor allen Unfällen bewahrt
bleiben, ohne zu bedenken, daß sie leicht lebensgefährliche Gegenstände verschlingen, durch
Klettern auf Stühle und Kästen Hals und Beine brechen, aus schlecht verschlossenen Fenstern
herabstürzen, durch Entzündung der Kleider verbrennen, durch schädliche Gasarten ersticken,
durch Langeweile dem Laster der Onanie oder einer geistigen Apathie u. s. w. verfallen
können."
Die Bewahranstalten wurden damit zu einer notwendigen Ergänzung der übrigen Einrichtun-
gen des Armenwesens. Der Beginn der öffentlichen Erziehung der Kleinkinder muß als Armen-
versorgung verstanden werden, die abhängig war von Kirche, Frauen- und Wohltätigkeitsver-
einen und dem Adel. Die Situation der Kinder in den drei Innsbrucker Bewahranstalten in
St. Nikolaus, in der Inneren Stadt und in Dreiheiligen und die zusätzliche finanzielle Belastung
für die Stadtgemeinde waren unmittelbarer Anlaß zur Gründung eines „Frauenvereines zur
Beförderung der Kleinkinderwartanstalten und Industrieschulen für Mädchen zu Innsbruck."
Am 9. Jänner 1834 erließ Landesgouverneur Friedrich Graf Wilczek einen Aufruf zur Grün-
dung eines Frauenvereines. 215 Frauen meldeten sich zum Beitritt. Am 7. Februar 1834 fand die
feierliche Gründungsversammlung des Frauenvereines in der Hofburg statt. Dieser Frauenver-
ein stand - so wie alle Frauenvereine im damaligen Österreich mit dem Ziel der Errichtung von
Kinderbewahranstalten unter dem Protektorat der Gattin des Kaisers Franz I., Kaiserin
Carolina Augusta (gest. 1873). Übernommen wurde dieses Protektorat später von Kaiserin
Elisabeth, die dem Verein eine jährliche Gabe von 100 Gulden widmete.
Im Provinzial-Handbuch für Tirol und Vorarlberg 1848 werden unter „Humanitätsanstalten"
für Innsbruck die drei Kinderwartanstalten des Frauenvereins angeführt:
1. Kleinkinderwartanstalt am linken Innufer, St. Nikolaus Nr. 449 (= Innstraße 57)
2. Kleinkinderwartanstalt im Inneren der Stadt, Angerzell Nr. 251
3. Kleinkinderwartanstalt zu Dreiheiligen Nr. 330.
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Der Verein verteilte in den Anstalten der Inneren Stadt und in Dreiheiligen täglich um einen
halben Gulden, in St. Nikolaus um einen Gulden Brot. St. Nikolaus wurde von 350 Kindern
besucht, Dreiheiligen von 170 und Angerzell von 180.
Der Staat anerkannte zwar den Zweck der Bewahranstalten, lehnte aber die Sorge dafür ab, weil
- der damaligen Zeit entsprechend - erst dem Schulkind öffentliche Erziehung und Bildung
zuerkannt wurde und dafür Mittel aus dem Schulfonds zur Verfügung standen. Deshalb über-
nahmen die Kirche, Vereine und der Adel die Erhaltung der Bewahranstalten.
Für die Arbeit in den Bewahranstalten ergaben sich folgende Grundsätze:
Gewöhnung, Belehrung und Zucht waren die richtungsweisenden Erziehungsziele jener Zeit.
Das selbsttätige Spiel des Kleinkindes und seine geistige Entfaltung blieben hinter Pflege und
Wartung zurück. Nicht die persönlichkeitsbildende Aufgabe stand im Vordergrund der erzie-
herischen Tätigkeit, sondern die des Bewahrens, der Fürsorge. Bei der Vielzahl von Einrichtun-
gen, die in ganz Europa meist auf private Initiativen hin entstanden, ging es darum, die Kinder
vor Verwahrlosung und Kriminalität zu bewahren und ihnen Fertigkeiten beizubringen, mit
deren Hilfe sie später selbst ihren Unterhalt verdienen konnten. Da die Institution nur vom
Wohltätigkeitsgedanken der Frauenvereine getragen war, führte dies zur baldigen Erstarrung
und „Verschulung" der Einrichtung. Auch das Fehlen von Einsichten in die Wesensart des
Kleinkindes und von speziell ausgebildeten Erziehern trugen zu dieser Entwicklung bei.
Obwohl die Statuten aller Vereine zur Kinderwart betonten, „eigentlicher Unterricht" sei noch
nicht anzustreben, fehlte es an konkreten Vorschlägen zur Erziehung der kleinen Kinder, so
daß letztlich doch nur halbstündliche Lehrinhalte angeboten wurden.
Ein Modell für die Stundeneinteilung einer Woche aus dem Jahr 1832 veranschaulicht den
Tagesablauf in den Bewahranstalten (siehe Seite 92).
Leopold Chimanis „Theoretisch-praktischer Leitfaden für Lehrer in Kinderbewahranstalten"
wurde 1832 auf Kosten des Hauptvereines für Kinderbewahranstalten in Österreich herausge-
geben und enthielt erste methodische Hinweise zur Arbeit mit Kleinkindern. Sie bezogen sich
auf:
-
Anregungen zur Entwicklung der körperlichen Kräfte,
Anregung und Entwicklung des Verstandes, des Gedächtnisses und der Erinnerungskraft,
Erweckung der Aufmerksamkeit, des sittlichen und religiösen Gefühles,
die Begründung des moralischen Charakters.
Auszüge aus dem damaligen Gesetz zur Beschäftigung der Kinder:
§ 19 weist die Verstandesbildung als „zweite Aufgabe" der Anstalt aus: „Aufmerksamkeit,
Gedächtniß, Vorstellungsvermögen und Urtheilskraft müssen angeregt werden..."
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Stunden-Eintheilung
Vormittag
Eine halbe
Stunde.
Eine halbe
Stunde.
Eine halbe
Stunde.
Eine halbe
Stunde.
Stunde.
Stunde.
Eine halbe
Eine halbe
Eine halbe
Stunde.
Montag. Gebeth oder
Gesang.
gen über Gott
Unterhaltun- Gedächtniß-
übungen.
Körperliche
Buchstaben-
Essen und
Spiel.
Übungen.
kennen und Handarbeiten.
Buchstabieren
Dinstag
Biblische Er-
Übungen des
Rechnen.
zählungen.
Erkenntniß-
vermögens.
Moralische Er
Verstandesü-
Mitt-
woch.
Donners-
zählungen. bungen.
Unterhaltun- Gedächtniß-
tag.
gen über Gott
übungen.
Freytag.
Biblische Er- Übungen des
zählungen. Erkenntniß-
vermögens.
Moralische Er Verstandes-
zählungen.
Gesang.
Buchstaben-
kennen und
Buchstabieren
Rechnen.
Gesang
Sonn-
abend.
übungen.
Nachmittag.
Eine halbe
Stunde.
Eine halbe
Stunde.
Eine halbe
Stunde.
Montag. Gebeth oder
Moralische Er- Übungen des
Eine halbe
Stunde.
Körperliche
Eine halbe
Stunde.
Gesang.
Eine halbe
Gesang
zählungen.
Erkenntniß-
Übungen.
Stunde.
Essen und
Handarbeiten.
vermögens.
Dinstag
Unterhaltun- Übungen des
Buchstaben-
gen über Gott.
Verstandes.
Mitt-
Biblische Er-
Gedächtniß-
woch.
zählungen.
übungen.
Donners-
Moralische Er
Übungen des
kennen und
Buchstabieren.
Rechnen.
Gesang.
tag.
zählungen.
Erkenntniß-
Freytag.
Sonn-
abend.
vermögens.
Unterhaltun- Übungen des
gen über Gott. Verstandes.
Biblische Er- Gedächtniß-
zählungen.
übungen.
Buchstaben-
kennen und
Buchstabieren.
Rechnen.
Eine halbe
Stunde.
Spiel.
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Abb. 26: Östlicher Abschnitt der Häuserzeile an der Mariahilfstraße, wobei an der Fassade des Hauses Nr. 4 noch die
Aufschrift,,K. K. Postamt Mariahilf" und eine Kanonenkugel von 1809 erkennbar sind.
Fotosammlung, Stadtarchiv Innsbruck
§ 20 betont das Vor- und Nachsagen gut gewählter Sprüche, biblischer Erzählungen, das
Vor- und Nachsingen kindlich-frommer Lieder als die Mittel einer religiös-sittlichen Bil-
dung.
Im Abschnitt VII werden die dem Alter der Kinder angemessenen Beschäftigungen angeführt.
»§ 23... damit das Kind schon in der Arbeit das Mittel sich den Lebensunterhalt zu
verschaffen und der bürgerlichen Gesellschaft nützlich zu werden, erblickt."
Vorgeschlagen werden:
,,Figuren ausschneiden, Hülsenfrüchte reinigen, Federn reißen, Garn aufspulen, Zwirn
abwinden, Stroh oder Rohr flechten, Knöpfe überspinnen, nähen, stricken, spinnen, im
Garten arbeiten u.d.gl."
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§ 24 fordert nach der Arbeits- und Lernzeit Spiele zur Erholung.
Sittlichkeit nicht den geringsten Abbruch tun."
Abschnitt VIII ermöglicht einen Einblick in die Organisation:
§ 25 legt eine genaue Tagesordnung fest:
sie dürfen der
„ . . . eine Stunde auf Geistesübung, und eine Stunde auf Beschäftigung in jedem halben
Tage, die übrige Zeit auf Erholung verwendet, dürfte angemessen scheinen.“
Laut § 26 wurden die Anstalten zwischen 6 und 8 Uhr morgens geöffnet und zwischen 6 und
7 Uhr abends geschlossen.
Der Besuch für Kinder mittelloser Eltern war unentgeltlich, Kinder von bemittelten Eltern
mußten ein mäßiges, den Ordensverhältnissen entsprechendes Entgelt bezahlen.
Für die Mittagszeit durften „einige Nahrungsmittel" in die Anstalt mitgegeben werden,
,,den ärmsten Kindern wird ein Mittagessen unentgeltlich verabreicht". (§ 29)
§ 30 verlangt, daß die Kinder rein gewaschen und gekämmt sind; die Kleider dürfen nicht
zerrissen und schmutzig sein,,, . . . damit die Kinder gegenseitig keinen Ekel erregen".
Die §§ 31 und 32 weisen darauf hin, daß die Belohnungen in Beifall und Lob, die Strafen in
Mißbilligung und Tadel bestehen. Zur Belohnung können Geschenke, Bilder, Kleidungs-
stücke gegeben werden; als Strafe nur in äußersten Fällen,, . . . mit Wissen und Zustimmung
der Eltern kann eine leichte Ruthe angewendet werden."
Moralische Geschichte
Im Anschluß an diese theoretischen Ausführungen sei noch eine praktische „Lehrge-
schichte" von anno dazumal angefügt:
„Das Fünkchen.
Mutter hat zum Büblein gesagt: Spiel mit dem Fünkchen nicht!' Das Büblein aber war
schlimm; es hat auf's Fünkchen geblasen und's Fünklein ist fortgeflogen. Hinter dem Ofen
stand ein Korb, in dem war Stroh; dort hat sich's Fünkchen versteckt.
Wie das Büblein zu Bett gegangen ist, hat das Fünkchen im Korbe geknistert; das Fünkchen ist
zum Feuer geworden, es hat mit seiner heißen Zunge am Sessel geleckt und er hat gebrannt,
dann der Tisch, der Kasten und zuletzt gar das Bett, in dem das Büblein schlief.
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Erst hat das Büblein im Schlaf gepustet, dann ist's aufgewacht. Da hat es geschrieen und
geweint, und wäre nicht die Mutter gekommen und hätte es geschwind hinausgetragen, so wäre
es verbrannt und erstickt.
Draußen aber stunden die Leute und riefen:,Es brennt!' und die Soldaten trommelten, und die
Glocken läuteten; das war ein großer Jammer und die Leute schütteten Wasser in's Feuer, aber
es half nichts; das ganze Haus verbrannte und wurde ein großer Haufen Asche. Das Büblein
aber war schuld daran; denn es hatte mit dem Fünkchen gespielt. Nun hatte es kein Haus und
kein Bettchen mehr.
R. Niedergesäß (Kinderstubengeschichten)."
Soweit also die organisatorische und pädagogische Situation in den ersten Jahrzehnten der
Kleinkinderbewahranstalt in St. Nikolaus, welche 1854 in das zu diesem Zweck als „neues
Schulhaus" adaptierte Gebäude des ehemaligen zweiten oder „,Unteren Bruderhauses in St. Ni-
colaus" (Innstraße 97) übersiedelte (vgl. Abb. 50 und 51).
Im Jahre 1860 gelang es dann durch gedeihliches Zusammenwirken des Frauenvereins und des
Pfarrers von St. Nikolaus, Alois Gräber, als „Tanten" für die Bewahranstalt und als Lehrerin-
nen für die Mädchen-Industrieschule Barmherzige Schwestern zu gewinnen, welche hier fortan
durch Jahrzehnte segensreich wirkten.
Am 21. August 1873 beschloß der Bürgerausschuß, zusätzlich zur Kinderbewahranstalt des
Frauenvereines, noch die Errichtung eines Kindergartens in den Räumen der damals neu erbau-
ten Mädchenvolksschule St. Nikolaus und bewilligte einen jährlichen Beitrag von 200 Gulden.
Die Einrichtung dafür sollte aus freiwilligen Beiträgen und aus einem von mehreren Bürgern zu
diesem Zweck gewidmeten Betrag von 150 Gulden bestritten werden. Zu diesem Fonds hinzu-
gekommen war noch der Betrag von 400 Gulden, den der verstorbene Schuldirektor Rösch für
einen zu errichtenden Kindergarten vermacht hatte. Die Leitung des somit am 6. November des
genannten Jahres eröffneten Kindergartens wurde der in Kufstein geprüften Kindergärtnerin,
Frl. Holzhammer aus Schwaz, übertragen. Die Prüfung erfolgte deshalb in Kufstein, weil sich
dort unter der Leitung des Matthäus Hoerfarther der erste moderne Kindergarten Tirols - nach
der Fröbelschen Lehre - befand. In der Gemeinderatssitzung vom 6. Juli 1881 wurde das zehn
Paragraphen umfassende erste Dienststatut für die Innsbrucker Kindergärtnerinnen angenom-
men. Fortan bestanden in St. Nikolaus bis 1938 nebeneinander sowohl die Kinderbewahran-
stalt Innstraße 97 als auch der Städtische Kindergarten, Innallee 3. Eine wesentliche Verbesse-
rung für die Kinderbewahranstalt bedeutete es, als deren Gebäude 1886 kaufweise vom Bruder-
hausfonds an die Stadtgemeinde überging und hierauf in einem grundlegenden Um- und Erwei-
terungsbau zum ersten städtischen Kindergartengebäude ausgestaltet worden ist. Damals - also
vor 100 Jahren erhielt dieser Bau seine heutige repräsentative Gestalt (vgl. Abb. 53 und 54).
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Ihr Fleis
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Mit 1. Juni 1920 kamen, infolge Geldentwertung, die Privatkindergärten bzw. Bewahranstalten
des Frauenvereins beim Museum und in Dreiheiligen in die Obhut der Stadtgemeinde. Nur
jener von St. Nikolaus wurde zunächst noch weiterhin vom Verein unter Einsatz der Barmher-
zigen Schwestern weiter betrieben. Bereits ein Jahr später aber (1921) schloß der Frauenverein
auch bezüglich der Kinderbewahranstalt St. Nikolaus mit dem Innsbrucker Stadtmagistrat
einen Ablösevertrag.
Im Amtsblatt 1935, Nr. 11, wurde von der schlechten finanziellen Situation berichtet: „Die
Kindergärten und Jugendhorte blieben genau so wenig von den Sparmaßnahmen verschont,
wie es alle anderen Verwaltungszweige über sich ergehen lassen mußten. Besonders schmerz-
lich war die Pflicht, die Kinderausspeisung und die Verabreichung von Gratismilch einzu-
schränken." Das Jahr 1938 brachte dann die Auflösung der Kinderbewahranstalt durch das NS-
Regime und die Übersiedlung des Städtischen Kindergartens in das jubilierende Gebäude Inn-
straße 97, wo er sich seither befindet.
Obwohl das Recht eines jeden Kindes nach heutiger Ansicht, „sich gesund und natürlich, in
Freiheit und Würde" entwickeln zu können, in den meisten der alten Bewahranstalten nicht
verwirklicht wurde, müssen sie doch als Vorläufer und Wegbereiter der heutigen institutionel-
len Einrichtungen für Kleinkinder gesehen und verstanden werden.
Der Kindergarten von heute will die familiäre Erziehung ergänzen und einen eigenständigen
Bildungsauftrag erfüllen, der die Gesamtpersönlichkeit des Kleinkindes anspricht und fördert.
Zeittafel zur Geschichte des Kindergartens in St. Nikolaus
1831 28. Jänner
1832 Ostersonntag
1832 27. Mai
In einem Rundschreiben wird der Nutzen der Kleinkinderschulen ver-
öffentlicht
Wohltätigkeitsveranstaltung zu Gunsten der Bewahranstalt St. Niko-
laus
Eröffnung der Kleinkinder-Bewahranstalt in St. Nikolaus, eingemie-
tet im Hause Innstraße 57
Abb. 27: Der westliche Abschnitt der Mariahilfstraße bzw. der „Ober(en) Jnbruggen" mit der Mariahilfer Pfarrkirche
und dem Ansitz Ettenau an der Höttinger Gasse (rechts oben) auf einer Plan-Ansicht des Höttinger Baches von Johann
Martin Gumpp aus dem Jahre 1693.
Original-Aquarell im Stadtarchiv Innsbruck
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1834 7. Februar
1854
1857 21. Jänner
1873 21. August
1886
1920
1921
1930
1938
1941/42
Gründungsversammlung des Frauenvereins zur Beförderung der
Kleinkinderwartanstalten und Industrieschulen für Mädchen zu Inns-
bruck
Übersiedlung in das zu diesem Zweck als „neues Schulhaus" adaptierte
Bruderhausgebäude, Innstraße 97
Besuch der Erzherzogin Margaretha in der Bewahranstalt von St. Ni-
kolaus
Errichtung eines städtischen Kindergartens in den unteren Räumen der
Mädchenvolksschule St. Nikolaus, Innallee 3
Um- und Erweiterungsbau des ehemaligen Bruderhauses, Innstraße
97, zum ersten städtischen Kindergartengebäude, welches damals
seine heutige Gestalt erhielt
Der Frauenverein gibt wegen der schlechten finanziellen Situation die
Kindergärten beim Museum und in Dreiheiligen an die Stadtgemeinde
Innsbruck ab
folgt auch die Übergabe der Kinderbewahranstalt St. Nikolaus
Errichtung des städtischen Jugendhortes Kaysergarten
Auflösung der Kinderbewahranstalt im Hause Innstraße 97
Private und städtische Kindergärten wurden von der NSV über-
nommen
Anschrift der Verfasserin: Hannelore Spielmann
Leiterin des Kindergartens St. Nikolaus
Innstraße 97
6010 Innsbruck
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Kindergarten 1945 bis 1986
Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft
Von Anna Maria Aufschnaiter
Die Bezeichnung Kindergarten birgt zwei Begriffe: Kinder und Garten. Kinder - junge
Menschen ohne Falschheit, Verstellung und Vorurteil. Garten - die beschützte, überschaubare
Umwelt.
In Vergangenheit und Gegenwart, hoffentlich auch in der Zukunft gehören Eltern, Kind und
Kindergärtnerin als Einheit zusammen. Aus dieser Zusammengehörigkeit soll gegenseitiges
Vertrauen entstehen und daraus Geborgenheit und Lebenssicherheit für das Kind. Diese Über-
legungen sind Zielvorstellungen, die bereits in der Vergangenheit Gültigkeit hatten.
In der Wiederaufbauphase nach 1945 wurden die NSV-Kindergärten wieder von Pfarren und
Gemeinde übernommen. Für die Eltern der Kinder war damals die „zusätzliche Heimstatt"
bitter notwendig, gab es doch durch ausländische Hilfe eine warme Mahlzeit. Gruppen mit 50
bis 60 Kindern waren keine Seltenheit; die räumliche Voraussetzung kaum gegeben, die Aus-
stattung mit Mobiliar und Spielmaterial höchst bescheiden. Die Kindergärtnerin dieser Zeit
mußte mit großem Einsatz improvisieren. Die Zuneigung zum Kind war die Motivation in
dieser schwierigen Zeit. Der Kindergarten war soziale Einrichtung und daher Betreuen und
Bewahren vorrangig. Der Kindergartenalltag bestand aus Erzählen, Fingerspielen, Kreisspie-
len, Singen und dem Festkreis im religiösen Bereich; erst allmählich waren Materialien zum
handwerklichen Tun, Zeichnen, Malen und Werken zu bekommen.
Die wirtschaftliche Verbesserung und die soziale Sicherheit brachten unserer Stadt Wohlstand
und erhöhten Lebensstandart. In dieser Zeit entstanden neue Kindergärten, großzügig und
funktionell sehr gut, zeitentsprechend gebaut und eingerichtet. Große Vielfalt von Spiel- und
Beschäftigungsmaterial stand zur Verfügung. Mit dieser Entwicklung kam auch die Forderung
nach Beachtung und Förderung des einzelnen Kindes. Das Kind als Individuum, als eigenstän-
dige Persönlichkeit wurde in die Kleinkindpädagogik eingebracht, und so entstand der Kinder-
garten von heute: der Kindergarten als pädagogische Einrichtung.
Die Kinderzahl in den Gruppen wurde niedriger gehalten und mehr Kindergärtnerinnen wur-
den angestellt. Größtmögliches Bemühen um gute Bedingungen für das Kind war gegeben.
Auch die Wissenschaft nahm sich verstärkt im Bereich der Entwicklungspsychologie des Klein-
kindes an. Auf Grund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse wurde aus dem Kindergarten die
Einrichtung, die „Vorschulerziehung" zu leisten hat. Die intellektuelle (geistige) Förderung
wurde stark überbewertet. Frühlesen und Schreiben wurden gefordert; es wurde sogar die
Meinung vertreten, daß jedes Kind in jedem Bereich der Persönlichkeit begabt werden kann.
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Kindergärtnerinnen haben in dieser hektischen Zeit gemeinsam mit erfahrenen Pädagogen im
Interesse der Kinder versucht, den Mittelweg zu finden: Förderung der Gesamtpersönlichkeit
des Kindes; Hilfen zu bieten, um seine geistigen, seelisch-sozialen und körperlichen Fähigkei-
ten zur Entfaltung zu bringen. Es wurde erneut deutlich, daß fachliches Wissen und Können
allein nicht genügt, es muß verbunden sein mit der Liebe zum Kind.
Jedem Kind seine Chance, d. h. alle Anlagen behutsam fördern und das Kind in die Gemein-
schaft zu erziehen: im Spiel lernen, die gut ausgewählten Bildungsangebote einbauen, aber das
Kind nicht überfordern; die Grenzen der kindlichen Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit
erkennen und einhalten. Nicht vergessen: Das Spiel im Kindergarten soll Freude bereiten und
Erfolgserlebnisse und Lob bringen. Ehrfurcht und Achtung vor dem Kind und die Zuneigung
zum Kind muß die Kindergartentante zum verantwortungsbewußten, fröhlichen Wegbegleiter
des Kindes und zum verständnisvollen Helfer für die Eltern machen.
Mein Wunsch für die Zukunft: dem Kind eine erlebnisreiche und erinnerungswerte Kindheit zu
gewährleisten! Eltern und Kindergartentanten müssen darin gemeinsam ihre Aufgabe und
hoffnungsvolle Chance sehen, denn Kindsein bedeutet immer Anfang.
Anschrift der Verfasserin: Amtsdirektor Anna-Maria Aufschnaiter
Landeskindergarteninspektorin
Neues Landhaus
6020 Innsbruck
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,,Schulchronik der städtischen Knabenschule St. Nikolaus"
Für den Druck vorbereitet und ediert von Josefine Justic
Vorwort
Die hier veröffentlichte Schulchronik der städtischen Knabenschule St. Nikolaus, deren
Original-Handschrift sich in der Volksschule St. Nikolaus, Innallee 3, befindet (Kopie im
Stadtarchiv Innsbruck), wurde nacheinander von drei verschiedenen Lehrkräften dieser Schule
handschriftlich aufgezeichnet. Der erste Abschnitt - den geschichtlichen Rückblick ab 1776
und die Darstellung der Jahre bis 1898 umfassend - stammt von Schuldirektor Johann Senn
(gestorben 1909). Der zweite Teil - vermutlich aus der Feder seines Nachfolgers Direktor
Ludwig Ascher-setzt mit einer Würdigung seines Vorgängers und einem kurzen Rückblick auf
die nur lückenhaft geschilderten Jahre 1898 bis 1908 ab dem Schuljahr 1908/09 die regelmäßigen
Aufzeichnungen fort und endet im Jahre 1920.
Der letzte Abschnitt wurde im Jahre 1942 vom Lehrer Josef M. Rainer niedergeschrieben. Er
umfaßt die Schuljahre 1920/21 und 1921/22, wobei Rainer dabei die Aufzeichnungen des
Lehrers Wilhelm Mazagg, die dieser in Heften hinterlassen hat, übernahm.
Den Abschluß der Chronik bildet ein grober geschichtlicher Abriß über den Kaysergarten, den
Spielplatz der St. Nikolauser Schuljugend, ebenfalls aus der Feder Josef M. Rainers.
Bei der Abschrift dieser Schulchronik wurde originalgetreu vorgegangen. Grammatikalische
Ungereimtheiten bzw. orthographische,,Fehler" - nach heutiger Auffassung - wurden, so wie
sie in der Original-Handschrift enthalten sind, übernommen und mit einem nachgestellten (!)
versehen.
Ebensowenig wurden inhaltliche Auslassungen vorgenommen, obwohl manche Aussagen zu
politischen Ereignissen stark vom damaligen Zeitgeist geprägt sind. So aber soll diese Edition
dem Leser den unmittelbaren Eindruck des Zeitkolorits um die Jahrhundertwende und bis nach
dem Ersten Weltkrieg vermitteln und auch die - manchmal sicher persönlichen - Meinungen
der Zeitzeugen von damals überliefern.
Text
,,Als Quellen zur Anlegung vorliegender Schulchronik dienten die Mittheilungen eines hiesigen
Bürgers, Anton Egger und das Pfarrarchiv von St. Nikolaus.
Die Gründung der ersten Volksschule der Stadt Innsbruck am linken Innufer fällt in das Jahr
1776, also in die Zeit der Mitregentschaft Kaiser Josef II. für die österreichischen Länder.
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2
1774 war eine allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen
in sämmtlichen kk. Erbländern erschienen, datiert vom 6. December 1774 ausgehend von der
Kaiserin Maria Theresia. Die Gründung hiesiger Schule mag also eine Folge dieser 1774 erschie-
nenen Schulordnung sein. Früher war St. Nikolaus keine Pfarrei, sondern nur eine Seelsorgsex-
positur, ebenso wie Mariahilf. Schulen besaßen beide Bezirke keine.
Im Jahre 1786 wurde dies Beneficium zur selbständigen Seelsorge oder Localcaplanei erhoben.
Zeigleich (!) geschah die Abscheidung der zu dieser Pastorei gehörigen Häuser mit No. 451
inclusive, etwas später aber mittels einer eigenen Bestimmung mit dem Hause No. 442, auf der
dem Strafhause gegenüberliegenden Häuserreihe. /:Metzger Dietrichhaus:/. Dem neuen
Localcaplan wurde zu den bisherigen Beneficial-Einkünften aus dem Religionsfonde eine Con-
gruaergänzung zugesichert, so daß sein Einkommen mit Einschluss der Stolagebühren 400 fl.
betrug. Der hier beigegebene Cooperator bezog ein Einkommen von 300 fl. und hatte die
Verpflichtung an der gleichzeitig errichteten Trivialschule zu St. Nikolaus und Mariahilf unter
der Innbrücke zu katechisiren und die sonn- und festtäglichen Predigten nebst Christenlehre zu
halten.
Es wurden 2 Knaben- und 2 Mädchenclassen eröffnet, deren Leitung dem weltlichen Lehrer der
Normalschule Franz Reden anvertraut wurde. Die Schule gerieth sehr in Verfall, weil sie lauter
alte Lehrer hatte und des Nachwuchses an frischen Lehrkräften entbehrte. Franz Reden wirkte
an der Schule zu St. Nikolaus bis zu seinem Tode am 20. Decemb. 1809. Er hatte einen Gehalt
von 370 fl. 17 k. aus dem Schulfonde und einen Quartierbeitrag von der Stadt im Betrage von 28
fl. Seine Witwe mit 3 Kindern erhielt eine jährliche Alimentation von 60 fl.
Der erste Lehrer soll an dieser Schule ein gewisser,Elias' gewesen sein, der bei Bürgern und
armen Leuten als guter Lehrer in großem Ansehen stand. Seine Anstellung dürfte um 1800
erfolgt sein. Der Vater des Anton Egger, der die 1. Daten zu vorliegender Schulchronik gab,
ging zu diesem Elias in die Schule. Die Schule wurde damals im sogenannten Baurhaus unterge-
bracht/jetzt Innstraße No. 89 neu:/.
Gegen Anfang dieses Jahrhunderts kam die Schule ins jetzige Sternwirthshaus, Innstraße No.
37 neu /:früher das kleine Haus genannt:/. Im Sternwirthshaus blieb die Schule bis 1816 und
wurde das Haus beim Sterngarten-Eingang /:früher Angeniegarten:/ dazu benützt. Die Leh-
Haus-Kat. Nr. 451 = Innstraße 63, Haus-Kat. Nr. 442 = Innstraße 45. Bezüglich des „Metzger-Dietrichhauses"
vgl. Veronika Gruber, Die bauliche Entwicklung Innsbrucks im 19. Jahrhundert (1780-1904) (= Veröffentlichun-
gen des Innsbrucker Stadtarchivs, Neue Folge, Band 7), Innsbruck 1976, S. 326.
Benannt nach dem Familiennamen der vorherigen Besitzer „Ongania" - vgl. Gruber, a. a O., S. 316: Innstraße 31.
Abb. 28: Schmiedeiserne Gartentür beim Ansitz Ettenau (Höttinger Gasse 25) mit dem Wappen Sebastian Stöckls, von
1790 bis 1819 Abt des Zisterzienserstiftes Stams. Der Ansitz befand sich damals bzw. bis 1807 im Besitz dieses Klosters.
Foto: Margarete Hye-Weinhart
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rergehalte mußte die Landesstelle besorgen, da der Stadtrath nicht zu bewegen war, einen
Betrag zu leisten. Um St. Nikolaus war es zu der Zeit in jeder Beziehung sehr traurig bestellt.
Die meist aus kleinen und schlecht gebauten Häusern bestehende Gasse vom Wirthshause beim
Steinenbrünnl³ angefangen bis zur Kirche hieß seit undenklicher Zeit her die Kotlacke, weil in
ihrer Mitte theils von den Dachrinnen, theils von den Brunnenröhren, die unter der Erde das
Wasser von der Gegend des Schlosses Weiherburg in die Stadt führen, sich eine ungesunde,
schmutzige Lacke bleibend bildete. Eben die kleinen, wohlfeilen Quartiere hier herum waren
Ursache, daß sich in demselben eine arme Bevölkerung aufhielt, die minderntheils hier gebürtig
und ansäßig, größtentheils von der Stadt und von Hötting hieher gezogen war, um bequemer
arm sein zu können. Die Armut erzeugt häufig Sittenlosigkeit und Verbrechen und daher
sammelte sich da auch eine moralische Lacke.
Der physische Schmutz in der Gegend, den die Stadtvertretung unbegreiflich lässig bis zum
Jahre 1829 duldete, förderte auch den moralischen Ruin der Bewohner. Kaum des Gehens fähig
trieb sich der kleine Wildling halb nackt und von seinen Eltern ungehindert in den Lacken
umher. Die schmutzige Mutter goẞ jeglichen Unrat in die nasse Promenade. Um die Kinder
kümmerte sich den ganzen Tag kein Mensch und die Eltern waren zufrieden, wenn sich diesel-
ben nicht zu früh um ein Stück Brot meldeten. Die Unreinlichkeit erzeugte bei Alt und Jung
eckelhafte Hautausschläge, die diese zur Anregung des Mitleides benützten, wenn sie in ganzen
Karawanen, ganz zerlumpt, bettelnd die Dörfer durchzogen. Ein Städter kam selten ohne
Sottihse durch die Gasse, oder mußte wenigstens das Fluchen, Jodeln und das Geschrei der
Weiber und Kinder nicht achten und das Auge von manchen Gegenständen abwenden. Das
gemeine Militär schreckten diese Umstände am wenigsten ab und leider lieferte dieses fortan die
ergiebigste Zuwachsquelle der moralischen Kotlacke. Auf den Bänken vor den Häusern kurz-
weilte sich die ganze Bevölkerung bis tief in die Nacht mit Erzählungen, Liedern und laut
ausgesprochenen Urtheilen, die die übrigen Stadtbewohner dies Viertel meiden hieß. Der
Umstand allein war schon geeignet, einen von den übrigen Stadtbewohnern wesentlich ver-
schiedenen Charakter mit einem eigenen widrigen, singenden Sprachdialekte zu bilden und zu
erhalten. Der Geist war im Durchschnitte hier fast lauteres Gefühl und Gemüthlichkeit; deswe-
gen übte auch die sinnliche Liebe und so ziemlich auch jene zu Gott und zur christkatholischen
Kirche, wenn letztere durch eine schöne Kirchenzierde, gefühlvolle Predigten und Lieder beim
Gottesdienste sich den hiesigen Einwohnern nahte, große Gewalt auf ihn aus. Theatervorstel-
lungen, wo Ritter oder Heilige spielen, waren den hiesigen Bewohnern, vorzüglich, wenn sie
im Freien aufgeführt wurden, eine köstliche Unterhaltung.
St.-Nikolaus-Gasse 1 - vgl. Gruber, a. a. O., S. 494.
3
+
Sottise alberne Rede, freche Bemerkung.
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Bruck von dor lith Anst CA CZICHNA truck
KKLANDESHAUPTSTRESSSTAND in INNSBRUCK.
ICA C
Entschuldigungskarte von Jnnsbruck für 1862
Abb. 29: Projekt für den Neubau des k. k. Landeshauptschießstandes in Innsbruck bei der Mariahilfkirche anstelle der
heutigen Wohnanlage „Mariahilfpark" auf der Neujahrs-Entschuldigungskarte der Stadtgemeinde Innsbruck für 1862.
Lithographie von C. A. Czichna
Original im Stadtarchiv Innsbruck
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Gesticulationen und Citationen dahergenommener Texte gehen oft bei den Kindern schon ins
Leben über, und übertünchen zuweilen einen eben nicht gescheiten und guten Menschen.
Fremdes Eigenthum war wenig heilig. Müßiggang warf man den hiesigen Armen nicht ohne
Grund vor, und wohin dieser, verbunden mit Unterhaltungssucht und Hang zum Trunke
führt, sah man an der nicht unbedeutenden Zahl unehelicher Kinder. Aber auch an schönen
Zügen von Edelmut, der sich nicht selten durch die größten Aufopferungen erprobt, fehlte es
nicht. Nachbarliche Hilfeleistung bei Krankheits- oder anderen Unglücksfällen waren an der
Tagesordnung. Man betete gern, liebt die Kirche, den Seelsorger - den Kaiser. Die meisten
Hausbesitzer verdienten das Lob großer Biederkeit und Rechtlichkeit. So war die Bevölke-
rung beschaffen, auf die die Schule ihren bildenden Einfluß geltend machen sollte. Ihr allein
aber wäre das schwere Werk der geistigen und moralischen Hebung der Bevölkerung nicht
gelungen, hätten nicht auch andere Faktoren hilfreich der Schule die Hand geboten. Die Seelen-
zahl war auf eine bedeutende Höhe gestiegen /:vorherrschend war das weibliche Geschlecht:/
und die Menschen waren in den engen Quartieren aufeinander gedrängt, was auf die Sittlichkeit
keinen fördernden Einfluß ausübte.
Im Jahre 1812 belief sich die Seelenzahl auf 1615, im Jahre 1828 auf 2235 und im Jahre 1834 auf
2179 Seelen. Im letztgenannten Jahre zählte St. Nikolaus 136 Wohnhäuser, worunter 5 neuer-
baute. Von den 2179 Bewohnern waren 337 im Strafhaus und wurden von ihrem eigenen
Kaplane versehen. 1828 gelang dem eifrigen Localkaplane Michael Mayr den Vorstand des
Stadtmagistrates H. v. Riccabona, mit dem er in persönlichen, freundschaftlichen Verhältnis-
sen stand, dahin zu bestimmen, daß einmal die,Kotlacke ausgetrocknet, die Sitze vor den
Häusern weggeschafft, eine freiwillige Arbeitsanstalt sowohl, als auch ein Zwangsarbeitshaus
für arbeitsscheue Menschen errichtet werde. Nebst dem Bürgermeister, dem damaligen Her-
ren Stadtpfarrer und Dekan Georg Habtmann, dem Grafen von Trapp, halfen zur Erreichung
dieses Zweckes, vorzüglich der Austrocknung und Gassenregulierung, etwas später der neue
Bürgermeister Herr Dr. v. Maurer, der erste Magistratsrath Herr Georg Erler/:Erlerstraße
nach ihm benannt, wegen seiner großen Verdienste um die Stadt:/ von den hiesigen Einwoh-
nern der bauverständige Barthl Hechenblaikner, Besitzer des Schlosses Zederfeld' und der
Kirchprobst Mathias Weyrer, Tuchfabrikant. Unter nicht geringem Widerstand der Hausbesit-
zer und Miethparteien wurden die Brunnenröhren tiefer als ehemals eingelegt, die bisher in die
Mitte der Gasse sich ergießenden Dachrinnen abgeschnitten, eine ordentliche Gasse gegraben,
der die neuen, an den Mauern der Häuser unmittelbar angebrachten Rinnen das Wasser unter
5
b
Strafhaus, heute das sogenannte Turnusvereinshaus, Innstraße 2.
Vgl. dazu den Beitrag von Franz-Heinz Hye, Die Geschichte von Innsbrucks ältestem Stadtteil - St. Nikolaus und
Mariahilf, Kapitel 7: Das ehemalige Bruderhaus und das städtische Arbeitshaus, in diesem Band.
Haus Weiherburggasse 4 - vgl. Gruber, a. a. O., S. 556 und den Beitrag von Franz-Heinz Hye in diesem Band.
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der Erde zuführten, und diese Gasse wurde mit einem Steinpflaster so bedeckt, daß in kurzer
Distanz allzeit eine mit einem Eisengitter versehene Öffnung, in die der Unrath mit leichter
Mühe versenkt werden konnte, sich befindet. Am Fallbachbrückchen ober der Kirche wurde
eine hölzerne Schwellmaschiene angebracht, mittelst welcher zu jeder Zeit Wasser in jene
Leitung eingelassen werden konnte, um diese vollständig zu reinigen. Ihr Ausfluß geht unter
dem Strafhause mit den übrigen Leitungen dieser Gegend in den Inn. Seit dieser Veränderung
nahm St. Nikolaus sehr an Gesundheit und gefälligeren Wesen zu und wurde auch von den
Städtern um so lieber besucht, als auch von Seite der Einwohner mehr Discretion und Anstand
beobachtet wurde. Auch doppelspännige Wagen können nun durch die Kotlacke, jetzt St. Ni-
kolausgasse, fahren. Man blieb bei diesem bürgerlichen und moralischen Besserungsversuche
nicht stehen. Leider entfernte sich Herr Lokalkaplan Michael Mayr allzufrüh von dem Posten
und bald nach den begonnenen Reformen legte Herr Bürgermeister v. Riccabona sein Amt
nieder. Aber sein Nachfolger, Dr. Josef Maurer, ein warmer Freund der Volkskultur und
bürgerlicher Ordnung, der als Vorstand eines nunmehr neu eingerichteten ökonomisch-politi-
schen Stadtmagistrates der hohen Landesstelle einerseits und als erwählter Armenversorgungs-
direktionspräses andererseits der untersten städt. Volksklasse näher gerückt war, hatte mittelst
einer entworfenen und durch das kk. Gubernium bestätigten Armenversorgung, wodurch der
Bettel möglichst beschränkt und für Arbeit und Beschäftigung des Volkes gesorgt wird, für das
Wohl dieser Gemeinde sehr ersprießliches geleistet. Das gut eingerichtete Zwangsarbeitshaus,
die Spinnerei für freiwillige Arbeiter, das Versorgungs- oder Bruderhaus II. Art, wo 24 alte
arme Weiber Quartier, Beheizung und Almosen erhalten, verdankt man seinem Bemühen,
sowie den Entschluß Sr. Excellenz des Herrn Landesguberneurs Friedrich Grafen von Wilczek,
einen Frauenverein in der Stadt zu bilden, an dessen Spitze seine Frau Gemahlin, geborene
Gräfin Corinsky trat und der sich wohltätig um die kleinen Kinder in der Wartanstalt und die
Mädchen reiferen Alters in der Industrieschule annahm. Eine dankbare Erwähnung seiner
Verdienste bei diesen Einrichtungen verdient der Gubernialrath und Ehrendomherr, Wilhelm
v. Sandermann'.
9
Die nun vereinigte Schule von St. Nikolaus und Mariahilf befand sich im letztgenannten Seel-
sorgsbezirke Haus No. 435 alt. Es war vom Magistrate zu diesem Zwecke gemiethet, hinsicht-
lich der Lage zwischen beiden Seelsorgen ziemlich bequem, aber für die sehr große Kinderzahl
wenig geräumig. Die Regierung besoldete für diese zwei Knaben- und Mädchenklassen der
Trivialschule noch eine Industrielehrerin. Anfänglich besorgte in der 1. Classe 1 Lehrer und 1
Lehrerin: Dengg Katharina, vulgo Steckfleck:/ die Knaben und Mädchen separat in 2 Zim-
Dr. Felix Adam von Riccabona war Bürgermeister von Innsbruck in den Jahren 1815 bis 1829.
Haus-Nr. 435 alt Innstraße 31 - vgl. Gruber, a. a. O., S. 315 und 566.
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Abb. 30: Alte Photographie von dem 1863 eröffneten Neubau des k. k. Landeshauptschießstandes in Mariahilf.
Fotosammlung, Stadtarchiv Innsbruck
mern; in der 2. Classe waren beide Geschlechter beisammen unterrichtet von einem Lehrer und
der 4. Lehrer gieng abwechselnd bald in die 1. und bald in die 2. Classe.
In der Folge aber, da die Schule um Vieles bevölkerter wurde, mußte jede Classe abgetheilt und
jeder Abtheilung/: wo sich Knaben und Mädchen befanden:/ ein Lehrer gegeben werden. 1811
waren an der Schule thätig ein gewisser Handl, Frick und Dengg Katharina. Ebenso werden im
Jahre 1816 3 Lehrkräfte an hiesiger Schule, worunter eine weibliche erwähnt. Dengg Katharina
kleidete sich nach ganz alter Mode, machte sich die Kleider selbst aus sogenannten Steckfleck
sogar den Hut und besorgte die Strickschule. Das über die 3 Lehrkräfte im Munde der Bewoh-
ner von St. Nikolaus coursirende Sprichwort, das sie sehr gut charakterisiert zeigt, daß auch
dazumal schon sich die Auffassung und Anschauung recht deutlich in Worten ausdrückt. Es
lautet: S' Katerl mit'n Schnatterl, der Handl mit'n Fandl, und der Frick mit'n Strick. Obschon
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eine ziemliche Anzahl Kinder von beiden Seelsorgen die Musterhauptschule bei den Fr. Ursuli-
nerinnen in der Stadt besuchten, so waren doch 1834 in beiden Abtheilungen der I. Classe 250
und in beiden Abtheilungen der II. Classe zusammen 110 Kinder. Schule wurde Winter und
Sommer hindurch gehalten, 2 Classenabtheilungen wurden von St. Nikolaus und 2 von Maria-
hilf aus katechisirt. Die Schullehrer hatten keine Verpflichtung zur Chormusik weder in der
einen noch anderen Localie. Zu Mariahilf wurde figurirte Musik bei allen Sonn- und festtägli-
chen Gottesdiensten aus der landschaftl. Kasse bezahlt und zu St. Nikolaus spielte an gemeinen
Sonntagen der Organist die Orgel und sang allein dazu. An Festtagen aber besorgte ein von
Dilletanten aus der Seelsorge bestehender Musikverein die Instrumentalmusik. Die Schule
wurde, wie früher erwähnt, im sogenannten Angeniehaus gehalten. Als die Lehrzimmer für die
sich schnell mehrende Schülerzahl zu klein wurde, miethete die Stadt in dem anstoßenden
Hause im 1. Stock noch ein Zimmer zu Schulzwecken. Da aber die Stadt sehr wenig Pachtzins
zahlte, so kündigte der Besitzer des Anganiehauses, Martin Tschurtschenthaler, der Stadt,
welche die Kündigung annehmen mußte und in der augenblicklichen Noth wurde das Stöckl
beim Glatzbäck als das geeignetste Schullokal gemiethet. Von da an mehrte sich die Schülerzahl
überraschend schnell bis um 1850 die Schule nach Pfarreien (Gemeinden) getrennt wurde. Der
Schulstreit zwischen beiden Pfarreien entstand etwa im Jahre 1848 und war die Ursache, daß in
der Folge jede Pfarrei ihre Schule erhielt.
1852 wurde die Schule in das Bruderhaus für St. Nikolaus verlegt. 10
1809 zog von St. Nikolaus die Milizkompagnie zur Vertheidigung des Vaterlandes aus. Wer
gehen konnte, zog mit. Zu Hause wurde unterdessen nicht gearbeitet. 1816 bis 1817 sollen die
Leute hier schrecklich viel wegen Hunger ausgehalten haben. Der Feind war früher im Lande
und die Leute hatten keinen Verdienst und keine Nahrungsmittel.
1864 wurde das neue Schulhaus" bezogen mit neun Lehrzimmern und wurde im Parterre die
Kinderbewahranstalt und im 3. Stocke die Nähschule untergebracht.
An Lehrern aus alter Zeit wurden mir genannt: Frick, Handl, Dengg Kathar. Elias, Hörtenber-
ger, Reden, Nagl und Spechtenhauser. Die Cataloge an der jetzigen Knabenschule in St. Niko-
laus lassen vermuten, daß erst mit dem Schuljahre 1854/5 die vollständige Lostrennung der
Schule in St. Nikolaus von der in Mariahilf erfolgt sei, inden die bis zum genannten Jahre
geführten Kataloge sämmtlich (!) den Titel,für die Schule außer (jenseits) der Innbrücke
tragen. Es ist daraus ferner ersichtlich, daß die Trennung der Schulkinder nach dem
Geschlechte mit dem Jahre 1860/1 durchgeführt wurde, während die Sonn- oder Feiertags-
schule noch bis zum Schuljahre 1871/2 fortgeführt wurde. Im Jahre 1872/3 wurde die frühere
10
Stand anstelle der Häuser Innstraße 93 und 95 - vgl. Hye, a. a. O.
11
Es ist die in den Jahren 1863/64 von der Stadtgmeinde erbaute Schule in der Innstraße Nr. 36 - vgl. Gruber, a. a. O.,
S. 316 und 574.
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3classige Schule in eine vierclassige verwandelt, 1876/7 in eine fünfclassige und erscheint die
Schule mit dem Jahre 1876/7 als ein Theil der 8classigen Bürgerschule in der Angerzell." Die
Schüler besuchen die Schule hier in 5 Classen und sollen 3 Jahre dann (6. 7. und 8. Cl.) die
Bürgerschule besuchen.
Im Jahre 1871/2 waren an hiesiger Schule 139 Schüler, 1875/6 245 (115 mehr) 1878/9 290
1887/8 329 mit Schulschluß 303 Schüler.
Die Lehrer, welche an hiesiger Schule seit 1846/7 thätig waren, folgen in folgender Ordnung
aufeinander:
Dobin Karl 1846/7 - 1847/8
Ploner 1846/7 - 1854/5
Lamprecht Johann 1846/7-1854/5
Huber Franz- 1847/8 - 1872/3 als Schulleiter
Torggler Johann 1854/5 - 1870/1 dann als Gesangslehrer für sämmtliche (!) städtische Volks-
schulen
Schöbinger Josef 1854/5 - 1870/1
Entleitner Georg 1870/1 - 1897/8
Bermoser Josef als Supplent für 1870/1-1 Jahr
Senn Johann 1871/2 seit 1874/5 Leiter der Schule
Moli Philipp 1872/3 - 1875/6 als Schulleiter
Stocker Josef 1872/3 - 1874/5
Nikolussi Simon 1874/5 supplierte 4 Jahr
Bleyer Othmar 1874/5 - 1893/4
Jester Marie 1875/6 - Jahr
Schmidhuber Josef 1875/6-1883/4
Bleyer Marie 1876 - 1877/8
Schlechter Christian 1876/7 - 1881/2
Hintz Käthen 1880/1 - 1 Jahr
Stricker Johann 1882/3 - 4 Jahr
Ostheimer Lucas 1880/1-1887/8
Gebhart Martin 1883/4-1889/90
Bachlechner Franz 1887/8 - 1888/9
Schuler Marie 1888/9 - 1890/91
Neuner Gabriel 1890/1-2 Jahr
Stockmayr Peter 1889/90 - 1896/7
Murschetz Josef 1890/91 - 1891/2
12
Damit ist die heutige Gilmschule gemeint.
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Schöch Bertha 1891/2 - 1 Jahr
Frick Philipp 1891/2 - 1893/4
Flora Karl 1892/3 - 1 Jahr
Kofler Johanna 1892/3 - 1 Jahr
Lanser Anton 1893/4
Kirchmair Heinr. 1894/5 - 1895/6
Ascher Ludw. 1894/5-
Bachlechner Frnz (!) 1897/8 - 1907/08
Doblander Karl 1898/9-
Villienger Josef 1897/8 - Jahr
Daser Marie 1890/1 - 4 Jahr.
Am 3. Jänner 1871 besuchte Se. Majestät der Kaiser von Österreich hiesige Schule. Der Besuch
währte ½ Stunde. Seine Majestät Kaiser Franz Josef I. erschien in Begleitung des Herrn
Bürgermeisters Dr. Johann Tschurtschenthaler und mehrerer hoher Persönlichkeiten vom
Hofe.
Herr Bezirks-Schulinspector Prof. Josef Daum inspicierte hiesige Schule als erster Inspector in
der Aera der neuen Schulgesetze. Nach dessen allzufrühem Tode wurde Herr Anton Ritter v.
Schullern kk. Bezirks-Schul-Inspector und inspicierte die Schule alljährlich.
Kaiserlicher Rath Anton Ritter von Schullern legte die Stelle am 21. Mai 1884 zurück und wurde
Herr Professor Lorenz Hämmerle zum Bezirks-Schul-Inspector für Innsbruck ernannt. Mit
dem Schuljahr 1873/4 erhielt die Mädchenschule eine eigene Leiterin in der Frl. Louise Posch.
Im Jahre 1877 inspicierte Herr Landes-Schulinspector Eduard Scholz hiesige Schule und sprach
sich sehr lobend über die Leistungen aus. Im Jahre 1888 inspicierte Herr Landes-Schulinspector
Dr. Johann Hansotter hiesige Schule.
Am 4. April 1889 starb Bezirks-Schulinspector Hämmerle; an dessen Stelle wurde Herr Dr.
Adolf Nitsche, Gymnasialprofessor, ernannt. Nach dessen Versetzung zum Director des
Gymnasiums in Triest wurde Herr Prof./: Pädagogium:/ Fleckinger Sebastian am 10. Oct.
1891 zum Inspector ernannt. Er legte die Stelle als Inspector 1900 zurück.
Herr Bürgermeister Dr. Johann Tschurtschenthaler, in der neuen Aera der Volksschulgesetze,
ließ sich die Hebung des Volksschulwesens der Stadt Innsbruck sehr angelegen sein. Die
Erbauung hiesigen Schulhauses, der neuen Volks- und Bürgerschule, des hiesigen Mädchen-
schulhauses - sowie der Verbesserung der Lehrergehalte und die Anstellung der besten Lehr-
kräfte vom Lande sprechen eine beredte Sprache.
Am 21. Febr. 1898 wurde Hochw. Herr Carl Mayr Pfarrer in St. Nikolaus zu Grabe getragen.
Er verdient es, daß seiner an dieser Stelle ehrend gedacht wird. Er war ein vorzüglicher Kate-
chet. Was aber Herrn Pfarrer Mayr für die Schule noch wertvoller machte, war sein rechtlicher,
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friedlicher Sinn, sein respectvolles Benehmen dem Lehrkörper gegenüber. In 28 Jahren gab es
keinen Streit zwischen den Katecheten und dem Lehrkörper, es herrschte ein freundschaftli-
ches, liebevolles Entgegenkommen beiderseits und wirkte dies friedliche Zusammenwirken so
fördernd auf die Erziehung und den Unterricht, daß diese Schule auch in den Augen der ganzen
Bevölkerung großes Ansehen erlangte.
Anm. der Editorin: der bisherige Text stammt von der Hand des Direktors Johann Senn.
Die nun folgende Handschrift dürfte die seines Nachfolgers Direktor Ludwig Ascher sein.
Einschub mit Bleistift: Kaiserfeier! siehe weiter rückwärts!
Herr Direktor Senn hat seit Jahren keine Aufzeichnungen mehr gemacht. Er starb am 4.
Februar 1909 an Herzschwäche, und ihm folgte nach kurzer Zeit seine Frau Elise Senn im Tode
nach.
Bezirkskonferenzen waren in den Jahren: 1894, 1896, 1897, 1898, 1902, 1906, 1907, 1908,
1909, 1910, 1912, 1912 (!).
Direktor Johann Senn
Die Tiroler Lehrerzeitung berichtet über diesen Schulmann, der durch mehr als 35 Jahre an
dieser Schule wirkte, folgendes:,Am 4. Februar 1909 verschied plötzlich und unerwartet Herr
Direktor Senn Johann. Der Verstorbene gehörte einem Lehrergeschlechte an. Geboren am 24.
Juni 1846 zu Pfaffenhofen bei Telfs im Oberinntale als Sohn des Lehrers Peter Senn, besuchte er
zunächst die Volksschule bei seinem Vater und kam im Herbste 1861 nach Speyer ins dortige
Lehrerseminar, welches damals zwei Jahrgänge umfaßte. Noch im November 1863 bestand er
zu Innsbruck die Landschullehrerprüfung mit sehr gutem Erfolge und besuchte hierauf die
zwei Jahrgänge des Hauptschullehrerkurses in Innsbruck 1863-1865. Im Sommer 1864 leitete
er die Sommerschule in seiner Heimatgemeinde und erhielt sodann zunächst vom fürstbischöf-
lichen Ordinariate in Brixen eine Stelle in Seefeld mit 210 fl. 12% kr. Gehalt. Nicht lange
nachher sehen wir ihn in der Gemeinde Sarntal wirken mit einem Gehalt von 400 fl. Im Jahre
1870 kam er zunächst provisorisch, bald darauf in definitiver Eigenschaft nach Wilten, welche
Stelle er im November 1871 mit Innsbruck vertauschte, wo er der Schule zu St. Nikolaus zur
Dienstleistung zu gewiesen wurde. Als er daselbst definitiv angestellt worden war/:September
1872:/, bekam er 600 fl. Gehalt.
Abb. 31: Holzlagerplatz an der Floßlände und Zucht- und Strafarbeitshaus an der Innstraße auf der Innsbrucker Plan-
Ansicht von Franz Hieronymus Rindler aus dem Jahre 1712. Original im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum.
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Im Jänner 1875 vermählte er sich mit Frl. Elise Härting, einer Postmeisterstochter von Seefeld,
welcher Ehe vier Kinder entsprossen, von welchen der älteste Sohn, Herr Dr. Karl Senn, als
Komponist einen wohlverdienten Ruf in der musikalischen Welt genießt.
Seit 1875 bis zu seinem Tode leitete er zuerst als provisorischer, dann als definitiver Schulleiter,
dann als Direktor die Knabenschule am linken Innufer Innsbrucks.
Senn war ein sehr tüchtiger Lehrer, der gewissenhaft des Amtes waltete und während seiner
langjährigen Tätigkeit erfreuliche Erfolge aufzuweisen hatte. Seine Disziplin war mustergiltig,
der ungezogenste Range hatte vor ihm Respekt. Er verstand es aber auch durch Herzensgüte die
Liebe der Schüler zu gewinnen. Eine lobenswerte Eigenschaft des Verstorbenen war, sich
lästige Parteien vom Halse zu halten, große Entschiedenheit und Konsequenz standen ihm auch
hiefür zu Gebote. Dieser Umstand war namentlich in früheren Jahren bei der urwüchsigen
Bevölkerung von St. Nikolaus /:Kotlacken:/ eine Wohltat für den Lehrkörper. Lange Zeit
versah er das Amt eines Chorregens an der Pfarrkirche zu St. Nikolaus. Bis in allerletzter Zeit
war Senn ein eifriges Mitglied des Innsbrucker Lehrervereines. Obwohl der alten Schule ange-
hörig, verstand er es, dem Fortschritt der Methode sich anzupassen. Seiner Gesinnung nach war
er ein eifriges Mitglied der ehemaligen Volkspartei und leistete derselben manche Dienste. Sein
Bestreben, sich durch längere Dienstzeit eine wesentliche Erhöhung seiner Pension zu sichern,
blieb leider ohne Erfolg.
Ein tragisches Verhängnis raubte den Kindern kurz nach dem Tode des Vaters auch noch die
Mutter.
Nun ruht Senn mit seiner Gemahlin nach den Mühseligkeiten eines langen Lehrerlebens auf
dem Friedhofe von St. Nikolaus. Möge er im Jenseits den Lohn finden, auf den er hienieden
vergeblich gehofft hatte.
Während der Krankheit von Weihnachten 1908 bis März versah die Arbeit der Schulleitung der
Lehrer Ludwig Ascher. Die Klasse übernahm schon vor Weihnachten das Fräulein Purner
Karolina.
Im März 1909 wurde Ludwig Ascher zum städtischen Schulleiter von St. Nikolaus ernannt
/:St. Sch. R. 5. März 1909, Zl. 526:/
Schuljahr 1908/9
Lehrkräfte sind in den einzelnen Klassen folgende tätig:
I. Klasse: Ludwig Ascher
II. Klasse: Frl. Purner/:Senn:/
III. Klasse: Hr. Heidegger Georg
IV. Klasse: H. Doblander Karl
V. Klasse: H. Azwanger Anton
114
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117/224
Abb. 32: Das Militär-Einquartierungsturnus-Vereinshaus, Innstraße 2, erbaut als Zucht- und Strafarbeitshaus 1712/24.
Foto: Margarete Hye-Weinhart
Nachträglich sei erwähnt, daß am 2. Dezember 1908 die Kaiserfeier hier im Schulhause zwar
einfach aber würdig gefeiert wurde. Der Ankleideraum im Parterre wurde geräumt, schön
dekoriert. Die Pflanzen stellte die städtische Gärtnerei zur Verfügung. Herr Senn hielt eine
kleine Anrede an die versammelten Schüler aller Klassen; die eigentliche Festrede hielt Lehrer
Azwanger. Festlieder, Deklamationen von Schülern der einzelnen Klassen wechselten mitein-
ander, Gesamtchöre und Kaiserlied wurden gesungen. Die Stadtgemeinde ließ für 340 Kronen
Schuhe anfertigen; diese und Kleiderstoffe wurden an arme, brave Schüler verteilt. Mit der
Absingung der Volkshymne wurde die Feier geschlossen.
Schülerzahl im Schuljahr 1908/9 298.
115
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1909/10,
Das Schuljahr 1909/10 begann am 16. September, die 4. Klasse zählte 84 Schüler und wurde
deshalb geteilt.
Als Lehrer wurden dieser Schule folgende Herren zugeteilt: Hans Hellweger, Lorenz Schmid-
huber und Heinrich Langhammer, letztere zwei provisorisch.
Die Klassen wurden folgendermaßen verteilt:
I. Klasse: Doblander Karl
II. Klasse: Ascher Ludwig
III. Klasse: Schmidhuber Lorenz
IV. a Klasse: Heidegger Georg
IV. b Klasse: Langhammer Heinz
V. Klasse: Hellweger Hans
Schülerzahl zu Beginn des Schuljahres 308. Die Waisenknaben wurden der IV. b zugeteilt.
Der löbliche Stadtmagistrat hat den Voranschlag der Schulleitung genehmigt und dabei unter
anderem folgende Beträge angesetzt:
Für Lehrmittel 300 Kronen, für Schuleinrichtung 1229 Kronen.
Dadurch wurde es möglich, ein eigenes Zimmer für die Schulleitung zu errichten und das
Konferenzzimmer in den II. Stock zu verlegen und einzurichten. Turngeräte wurden für 150
Kronen bestellt.
Als Lehrmittelzimmer dient ein gleichgroßes Lokal im III. Stockwerke. Die Tischlerarbeiten
lieferte der Tischlermeister Haller, Innstraße 59. Die anderen Einrichtungsgegenstände wurden
bei verschiedenen Firmen bestellt. Herr Schulleiter Karl Kuen stellte der Knabenschule St. Ni-
kolaus eine schöne Insektensammlung zusammen. Am 100. Todestag Andreas Hofers 20. 2.
1910 wurde eine kleine würdige Schulfeier veranstaltet.
3 Exemplare von Dienstesvorschriften wurden am 25. 2. 1910 übermittelt. Genehmigt wurden
diese Vorschriften mit Gemeinderatsbeschluß vom 4. November 1909. Die Auszahlung des
Reinigungspauschales erfolgt durch die Schulleitung gegen Rechnungslegung für Hilfskräfte
und erforderlichen Geräte.
Auf den 2. Juli 1910 wurde Schulschluß angesetzt.
Für diesen vorzeitigen Schluß, sollte das Schuljahr 1910/11 schon mit 1. September beginnen.
Die Einschreibungen erfolgten am 9. und 10. September und zwar mit folgendem Ergebnis:
116
I. Klasse.
60
II. Klasse
III. Klasse
IV. Klasse
V. Klasse
58
58
58
62
Schülerzahl:
296
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Die Schülerzahl stieg in den ersten Tagen auf 308.
Herr Hell (!) Langhammer kam, nachdem die 5. Klasse nicht geteilt wurde nach Dreiheiligen.
Die Klassen übernahmen:
Hellweger die I.
Doblander die II.
Ascher die III.
Schmidhuber die IV.
Heidegger die V.
Die Waisenhausknaben wurden der Schule in Dreiheiligen zugewiesen.
Den Turnunterricht in der III., IV. und V. Klasse erteilt schon seit 2 Jahren Lehrer Doblander,
nachdem Herr Konzett in der Bürgerschule sämtliche Klassen übernehmen mußte.
Herrn Doblander mußte durch acht Tage hindurch vertreten werden, nachdem er wegen
Masernerkrankung seines Sohnes Eduard ausgesperrt wurde.
19. 2. bis 27. 2. unterrichtete in der 2. Klasse Frl. Marg. (Donahl) Dohnal aus Innsbruck. Am
18. April starb unerwartet schnell der Schuldiener A. Dietrich an einer Lungenkrankheit.
Die Witwe versieht seitdem die Stelle eines Dieners, wohl besonders wegen der 4 unversorgten
Kinder wurde ihr diese Stelle überlassen.
Im Juni wurde wieder der ungeteilte Vormittagsunterricht eingeführt. Am 8. Juli war Schul-
schluß. Das Zimmer (des Schulleiters) für Lehrmittel erhielt einen abgeänderten Glaskasten für
ausgestopfte Tiere und einen neuen Bilderkasten. 27 Exemplare von ausgestopften Tieren
lieferte Strasser in Schwaz. Lehrmittel für den Rechenunterricht wurden um 50 Kronen beige-
schafft.
10 Stück Pallabänke (!) wurden neuerdings genehmigt. Im Laufe des Monats März unterzog
Herr Inspektor Peter die Schule einer genauen Inspektion und hielt nach Besichtigung der
Schülerarbeiten eine außerordentliche Konferenz ab, wobei er seine Wahrnehmungen beim
Besuche der Klassen und bezüglich der schriftlichen Arbeiten mitteilte.
Schuljahr 1911/12
Am 16. September 1911 begann das Schuljahr. Eingeschrieben wurden 328 Schüler. Nachdem
die 2. Klasse 88 Schüler zählte, wurde eine Parallelklasse errichtet. Herr Kotz wurde hieher
versetzt. Die Klassenverteilung 1911/12 war also folgende:
I. Klasse: Herr Heidegger
II. a Klasse: Herr Hellweger
II. b Klasse: Herr Kotz
III. Klasse: Herr Doblander
IV. Klasse: Herr Ascher
V. Klasse: Herr Schmidhuber
In den Voranschlag für das Jahr 1912 wurden 300 Kronen für Lehrmittel, 750 Kronen für
Kanzlei und Schulrequisiten, 660 Kronen für Inventarergänzung und Erhaltung und 300 Kro-
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Curnus Vereinsaus
wwwwwww
Abb. 33: Das Turnus-Vereins-Haus" im Jahre 1914 mit einigen Fahrzeugen des damals hier stationiert gewesenen k. k.
Landes-Gendarmerie-Kommandos (Das,,E" auf den Auto-Kennzeichen bedeutete damals und noch in der 1. Republik
das Land Tirol).
Fotosammlung, Stadtarchiv Innsbruck
nen Reinigungspauschale beantragt und auch genehmigt. Herr Inspektor Peter besuchte alle
Klassen des öftern im Jahre und unterzog im März und Juni die schriftlichen Arbeiten einer
Durchsicht.
Aus den Ersparnissen bei den verschiedensten Krediten wurden 4 Bilder mit Rahmen als
Wandschmuck im Stiegenhause angekauft. Im Juni und Juli wurde weiter der ungeteilte Vor-
mittagsunterricht eingeführt. Am 6. Juli Schulschluß.
Der Turnsaal wurde besser ausgestaltet.
118
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Den Turnunterricht der III., IV. und V. Klasse erteilte Herr Doblander. Im Jänner 1912
erkrankte der Klassenlehrer Herr Kotz, dafür unterrichtete durch 10 Tage hindurch Frl.
Strickner.
Herr Heidegger mußte auch mit dem Unterricht aussetzen und zwar drei Wochen vor den
Weihnachtsferien. Frl. Strickner versah inzwischen den Unterricht.
Schuljahr 1912/13
Das Schuljahr begann am 16. September 1912.
Eingeschrieben wurden 329 Schüler, davon 41 zahlende von auswärts - Hötting und Mühlau -
die dritte Klasse mußte geteilt werden, nachdem 94 Schüler eingeschrieben wurden.
Klassenverteilung 1912/13
I. Klasse: Schmidhuber Jos.
II. Klasse: Heidegger Georg
III.a Klasse: Hellweger Hans
III.b Klasse: Kotz Heinr.
IV. Klasse: Doblander Karl
V. Klasse: Ascher Ludwig
Im Jänner 1913 erkrankte Herr Kotz an Influenza. Frl. Sint supplierte vom 11. bis 18. Jänner.
Am 27. Jänner starb ein ehemaliger Lehrer dieser Volksschule, Herr Direktor Schmidhuber. Er
wirkte vom Jahre 1875 bis 1883 als Lehrer in den verschiedensten Klassen. Das dreißigjährige
Schulleiterjubiläum in Dreiheiligen erlebte er leider nicht mehr.
Am 1. Februar erkrankte Herr Kotz abermals. Ihn vertritt Frl. Mages.
Der löbliche Magistrat bewilligte für 1913 folgenden Voranschlag:
a) Schul- und Kanzleirequisiten
b) Lehrmittel
c) Inventarergänzung
d) Reinigung
e) für Bekleidung a. Kinder
700 Kr.
300 Kr.
538 Kr.
300 Kr.
215 Kr.
2.143 Kr.
Endlich sollten auch in diesem Jahre die Aborte einer gründlichen Änderung unterzogen
werden.
Am 19. 4 d. J. kleine Gedenkfeier in der IV. und V. Klasse aus Anlaß der 200jährigen
Wiederkehr des Tages an dem der überaus denkwürdige Staatsakt, die,pragmatische Sanktion
zustande kam.
119
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Im Juni und Juli wurde wieder der ungeteilte Unterricht eingeführt, wie schon in frühern
Jahren.
Der Antrag der Konferenz vom 1. 7. auf Ausschluß des Schülers N. N. (der Name wurde in der
Edition ausgelassen) der III. Klasse wegen sittlicher Gefährdung seiner Mitschüler wurde dem
Stadtschulrate unterbreitet.
Die voraussichtliche Schülerzahl fürs nächste Schuljahr wird etwa folgende Zahlen ergeben:
7 Repetenten
mit Einschluß der Repetenten
mit Einschluß der Repetenten
I. ?
II. 60
mit Einschluß der Repetenten
III. 70 mit Einschluß der Repetenten
IV.
V.
90
45
Schülern, welche im Laufe der Ferien oder zu Beginn des nächsten Schuljahres das 14. Lebens-
jahr erreichen, wurde mit Bewilligung am Schluße des Schuljahres das Entlassungzeugniss (!)
verabfolgt.
Lehrer Kotz besuchte einen Kurs für Lehrer von sogenannten Hilfsklassen /: Klassen mit
schwachsinnigen Kindern :/ in Wien vom 31. Mai bis 30. 6. Ihn supplierte der Herr Kollege
Alfons Weiß. Herr Inspektor Peter läßt Tabellen anlegen mit Angabe der minder begabten
Kinder, die einmal oder öfter repetierten.
Schulschluß am 5. Juli 1913. Herr Doblander vertritt während der Ferialzeit den Schulleiter.
Schuljahr 1913/14.
Die Einschreibung, welche am 14. und 15. September stattfand, ergab folgende Schülerzahl:
I. Klasse.
II. Klasse
III. Klasse
IV. Klasse
V. Klasse
71
64
68
101
39
343 Schüler.
Der Unterricht begann am Montag den 17. September. Die IV. Klasse erhielt eine Parallel-
klasse; als Lehrkräfte wirken:
I. Klasse
Schull. Ascher
II. Klasse H. Lehrer Schmidhuber
III. Klasse H. Heidegger
IV.a Klasse H. Kotz
IV.b Klasse H. Hellweger
V. Klasse
H. Doblander.
Während der Ferien wurden die Aborte gründlich umgestaltet. Klosett u. Brunnen in allen
Stockwerken.
120
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Voranschlag für das Jahr 1914:
für Lehrmittel
K 300
Kanzleierfordernisse
K
790
Inventarergänzung
K
556
Reinigung
K
240
Schuhe für arme Schüler
K
215
K 2.101
Auch zwei neue Öfen in die II. und V. Klasse sind bewilligt worden, Dauerbrandöfen. Schon
mit Beginn der Ferien 1913 erkrankte Herr Inspektor Peter und erholte sich nie mehr ganz. Im
Februar wurde er infolge zunehmender Kränklichkeit seiner Stelle enthoben und schon in der
Nacht vom 25. auf den 26. April /: 1914 :/ schloß er die Augen für immer.
Am 15. Februar 1914 trat Herr Inspektor Doktor Fanto den Dienst als Inspektor des Stadtbe-
zirkes an. Er amtiert in der Mädchenschule der Fischergasse. Das Lokal im hiesigen Schulhause,
das bisher als Karzer gedient hatt (!), darf als solches nicht mehr Verwendung finden.
Frl. Sint supplierte den erkrankten Lehrer Kotz im Monate Juni mehrere Tage. Das Schuljahr
1913/14 wurde am 15. Juli geschlossen. Herr Doblander vertritt während der Ferien den
Schulleiter.
Durch den Ausbruch des Weltkrieges gab es unruhige Ferien für einzelne Lehrpersonen auch
dieser Anstalt. Kollege Hans Hellweger mußte sofort zur Landwehr einrücken. Unser Schul-
haus diente bis Ende September als Kaserne für die Standschützen-Kompagnien von Hötting
und Pradl. Der Schulanfang wurde bis 5. Oktober verschoben. Da inzwischen schon viele
Verwundete aus den Schlachtfeldern in Innsbruck eintrafen, so wurden viele Schulgebäude als
Reservespitäler verwendet und die Kinder dieser Sprengel mußten in anderen Bezirken die
Schule besuchen. In unserem Schulhause wurden auch die Schüler von Dreiheiligen unterrich-
tet: Halbtagsunterricht :/. Die erste Hälfte der Woche hatten die Kinder von St. Nikolaus
Vormittagsunterricht. Nachmittag die Schule von Dreiheiligen. Die zweite Hälfte der Woche
war es umgekehrt. Durch die militärische Einberufung vieler Lehrpersonen mußten viele Hilfs-
kräfte besonders Lehrerinnen angestellt werden. Auch eine Verschiebung der Lehrkräfte war
notwendig. Unsere Klassen waren mit folgenden Lehrpersonen besetzt:
I. Kl. Frl. Elsa Haselsberger
II. Kl. Herr Ludwig Ascher
III. Kl. Frl. Maria Fezzi
IV. Kl. H. G. Heidegger
V. Kl. H. L. Schmidhuber
68 Schüler
58 Schüler
64 Schüler
64 Schüler
68 Schüler
322 Schüler wurden eingeschrieben.
121
121
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2
A
6. Magistrates
bananbragte
d
Seter
Abb. 34: Das Gelände des späteren Walther-Parks auf einem Plan von 1835, bepflanzt mit drei Reihen von Roßkastanien.
Stadtarchiv Innsbruck, Plan 213.
Um die Klassen möglichst gleichmäßig zu belasten, mußten Zuteilungen von Schülern der einen
Schule in Klassen einer anderen Schule erfolgen. Unsere dritte Klasse übernahm 5 Schüler von
Dreiheiligen, unsere vierte Klasse gab 9 Schüler nach Dreiheiligen ab. Ein freiwilliger Beitrag
von 10 Kronen ist von den Eltern jener Schüler zu leisten, welche in einer fremden Schulge-
meinde wohnen und eine städtische Schule besuchen. Von unserer Schule wurde Kollege
Hellweger einberufen. Er machte mehrere Gefechte in Galizien mit und erkrankte dann an der
Ruhr. Zur Heilung kam er in das Rudolfinerhaus nach Wien und dann nach Innsbruck; später
war er einer Kanzlei in Bozen II. Landesschützen-Regiment als Hilfskraft zugeteilt. Er wirkt
jetzt am Ende des Schuljahres noch dort.
Das Schulleben wickelte sich ordnungsgemäß ab. Nur kam der vorzeitige, schnelle Schulschluß
über Auftrag des k.k. L. Sch. R. für Tirol vom 23. Mai 1915, Zl. 1457/7 so plötzlich, daß alle
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Schüler am Freitag vor Pfingsten ohne Zeugnisse entlassen wurden. Die Armenbücher wurden
abgenommen, die Zeugnisse behielt man zurück, über Auftrag des k. k. L. Sch. R. wurden
dann Durchschnittsnoten als vierte Beurteilung gegeben und am 12. Juni ausgeteilt. Die Schüler
versammelten sich zur feierlichen Schulmesse. Hernach wurden im Schulgarten die Schulnach-
richten verteilt. Unser Schulhaus war schon seit Ende Mai für Spitalzwecke eingerichtet. Italien
erklärte an Österreich am 23. Mai d. i. am Pfingstsonntag den Krieg. 30 Jahre hat dieser Staat die
Segnungen des Dreibundes genossen und nachdem Österreich und Deutschland vereint zehn
Monat gegen eine Übermacht von Feinden überall siegreich kämpften, fällt dieser treulose
,saubere Bundesgenosse über uns her, gelockt vom englischen Geld und vielen Verheißungen.
Furchtbar ist der Haß gegen diesen treulosen Schurken. Die Lehrpersonen der verschiedenen
Volksschulen Innsbrucks besorgen alle 14 Tage die Ausgabe der sogenannten Brot- oder Mehl-
karten.
Nachdem der Vorrat an Mehl infolge des Ankaufes fürs Heer immer knapper wurde, so war
man zur größten Sparsamkeit mit den Mahlprodukten gezwungen. Die Einfuhr war auch
unterbunden.
Die Schüler/: Knaben :/ der oberen Klassen beteiligten sich im Monate April sehr eifrig bei der
allgemeinen Metallsammlung; viele 100 kg Messing, Kupfer, Zinn, Zink, Blei und auch edle
Metalle brachte man zusammen.
Im Dezember 1914 wurden durch die Lehrpersonen 54 Kronen als Liebesgabe für die armen
Soldaten im Winterfeldzuge gesammelt.
Das Schulgebäude wurde als Notreservespital III. eingerichtet; alle Lehrzimmer mußten
geräumt werden selbst das Konferenz- und Schulleiterzimmer, ebenso das Lehrmittelzimmer
und die Holzkammer. Nur ein Zimmer im III. Stock blieb noch der Schule erhalten - das war
die Lehrmittelsammlung, dorthin brachte man auch alle Lehrmittel und Einrichtungsgegen-
stände, soweit man sie nicht der Militärbehörde überließ. Darüber wurde eine genaue Auf-
nahme gemacht. Bis im September blieb das Notspital unbenützt; nur Militärpersonen und
Pflegerinnen machten sich wichtig im Hause. Die Kanzlei des Schulleiters war im vollgepferch-
ten Lehrmittelsaal III. Stock untergebracht.
Ende September, als die Schule beginnen sollte, kamen die ersten Verwundeten ins Haus-acht
bis zehn Mann. Der Stadtgemeinde gelang es, dieses Schulhaus für Schulzwecke wieder frei zu
bekommen.
Alles wurde fortgeschafft. Ende September war Schülereinschreibung im nahen Josefsheim,"³
da das Schulhaus noch nicht geräumt war.
13
Dabei handelt es sich um das Versorgungshaus St. Josef, auch das Malfattische Haus genannt, Innstraße 34 bzw.
Innallee 11 vgl. Franz Gwercher, Innsbruck und dessen nächste Umgebung. Eine statistisch-topographische
Studie. Innsbruck 1880, S. 115.
123
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Die Reinigung des Hauses ging rasch vor sich. Am 5. Oktober begann der Unterricht. Am
Montag, dem 4. Oktober war Kaiser- und zugleich Heilig-Geistamt.
Das Schulgebäude mußte wieder wie im Vorjahre für die Knaben von St. Nikolaus und Drei-
heiligen dienen. Verschiedene Verschiebungen der Schüler mußten erfolgen, um die einzelnen
Klassen von den beiden Schulen gleichmäßig zu belasten. Die I. und III. Klasse wurde in
Dreiheiligen geteilt, die IV. und V. in St. Nikolaus. Nur die II. Klasse blieb in beiden Schulen
ungeteilt, daher hohe Schülerzahl (74). Schüleraufnahme in St. Nikolaus:
I. Frl. Fezzi mit 60 Schülern;
II. Frl. Haselsberger mit 74 Schülern;
III. H. Ascher mit 55 Schülern;
IV.a H. Schmidhuber mit 40 Schülern;
IV.b H. Kroner Romed mit 38 Schülern;
V.a H. Heidegger G. mit 49 Schülern;
V.b H. Stephan Maaß mit 49 Schülern.
Herr Kronen (!) war früher in Pradl in Verwendung und Herr Maaß definitiv an der Schule in
der Leopoldstraße.
Am 30. Oktober wurde die Wollsammlung für Kriegszwecke von den Schülern der V. Klassen
vorgenommen.
Das Ergebnis war recht befriedigend.
Im November 1915 wurde in den einzelnen Klassen eine Hellersammlung für die armen Krie-
gerwaisen vorgenommen. Von unserer Schule wurden 30 Kronen eingeschickt. Jugend - F.V.
(=Jugend-Fürsorge-Verein, Anm.).
Die Armenschuhe reichen lange nicht mehr hin, um nur die größten Lücken zu decken. Ein
paar Winderschuhe (!) kostet jetzt infolge der hohen Lederpreise 18 Kronen gegen früher - acht
Kronen. Es ist daher nur möglich 12 - 13 Paar anzukaufen.
Das erste Vierteljahr schließt erst 4. Dezember - wegen späten Schulbeginn.
Die Brotkarten-Verteilung besorgen auch in diesem Schuljahre wieder abwechselnd mit dem
Lehrkörper von Dreiheiligen die Lehrpersonen der Knabenschule in der Weise, daß bei dem
Halbtagsunterricht keine Stunden entfallen.
Den Lehrpersonen wird besonders nahe gelegt, an schulfreien Vor- oder Nachmittagen fleißig
mit den Schülern die verschiedenen zugänglichen Sammlungen der Stadt zu besuchen und
Schülerausflüge zu veranstalten.
Das II. Vierteljahr, respektive das erste Halbjahr schließt am 12. Feber 1916.
Die Knaben der vierten und fünften Klasse, welche bei der Metallsammlung mitwirkten erhal-
ten Gedenkblätter. Der k.k. Landesschulrat gibt kund, daß infolge neuerlicher Verteuerung der
Schulhefte große Sparsamkeit geboten erscheint und daß die Schreibflächen weise ausgenützt
werden.
124
Abb. 35: Das sogenannte „Flößerkreuz" am Innufer beim Walther-Park. ▷
Foto: Margarete Hye-Weinhart
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Das III. Vierteljahr reicht bis 29. 4. Da Ostern sehr spät fällt, so sind die Schulnachrichten über
die Osterfeiertage fertig zu stellen.
Die Schulkinder-Ausspeisung endet nicht mit Ostern, sondern soll bis zum Schlusse der Schule
fortgesetzt werden. Die Knappheit und Teuerung der Lebensmittel macht sich bedeutend
fühlbar, deshalb obige Anordnung sehr zu begrüßen ist.
Die Werktätigkeit der Lehrerschaft für die vierte Kriegsanleihe wird verlangt. 1000 Kronen
wurden von der Knabenschule gezeichnet.
Bei der Kriegshilfsaktion, Gold gab ich für Eisen' wurden von den beiden Lehrerinnen Fezzi
und Haselsberge (!) recht nette Gegenstände gesammelt. Ebenso konnten bei 6000 Stück Brief-
marken eingesendet werden zugunsten des Invalidenfondes. Die Lehrerschaft wird ersucht die
Sammlung von Brennesseln, Erd-und Brombeerblättern durch die Schüler zu veranlassen.
Ebenso sollen Zinn- und Bleiabfälle eifrig gesammelt werden. Auch die Flugwolle der Silber-
pappel soll gesammelt werden. DerBaum ist bei uns jedoch sellten (!).
Behufs Schaffung eines Reservespitales für verwundete Krieger mußte über Auftrag der Militär-
behörde am 18. Mai 1916 abermals geräumt werden. Der Unterricht wird von sämtlichen
städtischen Volks- u. Bürgerschulen in die Mädchenvolksschule der Sillgasse verlegt. I. und II.
Klasse wöchentl. 6 Stunden; III. - V. Kl. wöchentl. je zwölf Stunden.
Konzentriert arbeiten und das Hauptgewicht auf die Hauptgegenstände gelegt. Die Ferien
Nachmittage mußten bei schönem Wetter zu Ausflügen verwendet werden. Am 19. Mai war
Beginn der neuen Schulordnung.
Kurz war der Bestand dieser neuen Einteilung, denn Mitte Juni mußte auch das Schulgebäude in
der Sillgasse geräumt werden.
Die Ausgabe der Schulnachrichten wurde durch die Zeitungen bekannt gemacht. Während der
Ferien wurde das Schulhaus in der Sillgasse wieder freigegeben. Dortselbst war die Centrale für
den Jugendhort, der während der Ferienmonate im großen Stile abgehalten wurde.
Schuljahr 1916/17.
Erfreulicherweise wurden bis auf das Gebäude der Knabenbürgerschule sämtliche Volksschu-
len Innsbrucks für den Unterricht freigegeben. Der Schulbeginn wurde für den 2. Oktober
angesetzt. Die Einschreibung der Schüler fand am 14. und 15. September im, Haus der katholi-
schen Arbeiterinnen', Innstraße 107 statt.
Ende September wurde durch Herrn Stadtschulinspektor Dr. Fanto im Vereine mit den Herrn
Schulleitern und Frl. Schulleiterinnen ein provisorischer Lehrplan für die Volkschulen des
Stadtschulbezirkes Innsbruck zusammengestellt.
126
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Neu eingeführt wurden an allen Volksschulen die sogenannten Fehlerhefte für jeden Schüler,
um gemachte Fehler verbessert einzutragen. Ferners sogenannte Vorbereitungshefte für jün-
gere Lehrkräfte.
Die Themen der einzelnen Stunden der Woche sind in diese Hefte sorgfältig einzutragen und
jeden Samstag der Schulleitung zur Durchsicht vorzulegen. Eine Teilung der Klassen war nur
bei der II. Klasse notwendig. 89 Schüler wurden in eine II. a mit 45 Schülern und in eine Klasse
II. b mit 44 Kindern verteilt.
Die Klasse mit 73 Schülern übernahm Frl. Schiendl, die 2. a, 45 Schülern und in eine Klasse II. b
mit 44 Kindern verteilt.
Die 1. Klasse mit 73 Schülern übernahm Frl. Schiendl, die 2. a, 45 Schüler Frl. Fezzi, die 2. b, 44
Schüler Schulleiter Ascher, die 3. mit 73 Schülern Frl. Stadler, die 4. mit 74 Schülern H. Heid-
egger, die 5. mit 45 Schülern H. Schmidhuber.
Um der Schuhnot abzuhelfen wurden vom Gemeinderat 20.000 Kronen bewilligt zum Ankauf
von Schuhen mit Holzsohlen. Für unsere Schule wurden 150 Paare festgesetzt. Am 22. Novem-
ber verschied unser geliebter Herrscher Kaiser Franz Josef I. Am 30. November war anläßlich
der Beisetzung unseres geliebten Kaisers eine Trauerfeier in der Kirche zu St. Nikolaus mit
einer kurzen Ansprache von Seite des Hochw. H. geistl. Rates Sigmund.
Im Dezember veranstalteten die Klassenlehrer über Auftrag eine Hellersammlung für arme
Kriegerwaisen. 81 Kronen konnte dem Jugendfürsorge-Verein dafür eingeschickt werden.
Am 19. Jänner beehrten Kaiser Karl I. und Kaiserin Zita unsere Stadt mit einem Besuche. Sr.
Majestät kam von der Südfront und Ihre Majestät traf inzwischen aus Wien ein und besuchte
hier die Verwundeten in den verschiedenen Spitälern. Bei der Fahrt der Majestäten durch die
Stadt bildeten die Volksschüler in der Maria Theresienstraße Spalier.
Im Februar angefangen, wurde 100 Kindern jeden Morgen vor 8 Uhr 1/41gesottene Milch für je
ein Kind verabreicht. Die Schenkung von 5000 Kronen von Seite unseres geliebten Herrscher-
paares wurde dazu verwendet.
Die Semesterferien, welche am 10. Feber begannen, wurden bis 26. Feber ausgedehnt. Knapp-
heit der Brennmaterialien bedingten diese Maßnahme.
In jede Klasse kommt ein kleines Holzschild zur Benagelung. Messingnägel zahlen zehn Heller,
eiserne zwei Heller. Die Einnahme wird der Statthalterei für den Waisenfond des Krieges zur
Verfügung gestellt.
An der Schule vorhandenes Altpapier: Hefte, alte Klassenbücher ist abzuliefern. 33 kg wird
abgeliefert.
Seit 16. April wird wie im Vorjahr die Sommerzeit bis 16. September eingeführt. Vom Minister
für Kultus & Unterricht werden mittelst Erlaß vom 27. März 1917, Zl.817/1 nachstehende
Ferialtage bestimmt:
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Abb. 36: Ursprünglicher Standort des „Flößerkreuzes" am Uferweg zur Floß-Lände.
Stahlstich von Mercey, Havell und Outhwaite, um 1830
Original, Stadtarchiv Innsbruck
der 4. November, Namensfest Sr. Majestät d. Kaisers;
der 27. April, Namensfest Ihrer Majestät der Kaiserin;
der 9. Mai, das Geburtsfest der Kaiserin;
das Geburtsfest Sr. Majestät des Kaisers fällt in die Ferienzeit /: August :/ Der 2. Dezember und
der 19. November entfallen in Zukunft.
Der werktägige Schulgottesdienst wird im Einvernehmen mit der kirchlichen Behörde für die
Kriegsdauer aufgehoben.
Nachdem die Gefahr besteht, daß feindliche Flieger Innsbruck mit einem unfreundlichen
Besuche beehren könnten, so werden Schutzmaßnahmen bekanntgegeben. Für unser Schul-
haus dient der Hausgang ebener Erde als Sammelplatz der Schüler. Verhaltungsregel im Freien.
128
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Die Lehrkräfte mögen die Schüler besonders aufmerksam machen auf die Lebensversicherung
jüngerer Leute gelegentlich der sechsten Kriegsanleihe /: Kanzlei goldenes Dachl :/ ist auch sehr
zu empfehlen. Die Versicherung ist ohne ärztliche Untersuchung mit ganz-, vierteljähriger
oder monatlicher Prämienzahlung.
Das III. Quartal schließt erst am 5. Mai mit Rücksicht auf die Unterbrechung des Unterrichtes
im Feber.
Schon im Mai hat die Aktion des Jugendhortes für die Ferienzeit begonnen. Das Hortwesen
wurde vereinfacht! Die Leopoldschule soll der Sammelplatz für Knaben, die Sillschule für
Mädchen sein. Die Lehrkräfte meldeten sich freiwillig gegen Entlohnung Gruppen für je 14
Tage zu übernehmen. Viele Kinder wurden aufs Land drei bis vier Wochen geschickt. Die
Landbewohner übernahmen sie meistens freiwillig. Auch in die Schweiz kamen einige Tiroler-
kinder: St. Gallen :/. Der Schulschluß wurde auf den 28. Juni festgesetzt.
Bei der Auswahl der Kinder für den Jugendhort- und Landaufenthalt wurden drei Gruppen
gemacht. Gruppe a für den sofortigen Aufenthalt auf dem Lande, Gruppe b eventuel (!) für
später und Gruppe c für den Jugendhort, also für solche, die in Innsbruck bleiben. Der Lehr-
körper machte wie alle Jahre einen zwar kleinen Ausflug auf die nördlichen Höhen. Das nächste
Schuljahr 1917/18 soll etwas früher beginnen.
Schuljahr 1917/18.
Die Schülereinschreibung wurde am 4. und 5. September 1917 am Montag, 3. 9., schrieb die
Bürgerschule ein.
Das Ergebnis der Einschreibung war: 1. Klasse 66 Kinder
2. Klasse 65 Kinder
3. Klasse 86 Kinder
4. Klasse 68 Kinder
5. Klasse 71 Kinder
davon kommen von der vierten Klasse zehn Schüler nach Dreiheiligen und von der fünften
Klasse zehn Schüler nach der inneren Stadt, Gilmschule. Mit der Einschreibung war, da sie
vorzeitig abgehalten wurde, das Ergebnis durchaus nicht erschöpft.
Die erste und zweite Klasse zählten in den ersten Schultagen gleich je 70 Schüler die dritte Klasse
90. Für die dritte Klasse war eine Parallelklasse notwendig.
Die Klassen übernahmen: 1. Klasse Frl. Schröcksnadel, neu
2. Klasse Frl. Schiendl
3 a Schulleiter Ascher
3 b Frl. Maria Fezzi
4. Lehrer Schmidhuber
5. Klasse Lehrer Heidegger.
Gemeinsam mit Herrn Dr. Fanto und den Schulleitungen wurde ein verkürzter Lehrplan für
die Dauer des Krieges zusammengestellt. Die provisorischen Lehrkräfte und Substituten haben
eigene Vorbereitungshefte zu führen.
129
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Der Unterricht begann am 10. September.
Der Gleichmäßigkeit wegen in der Führung der Amtsschriftenkatalog, Klassenbuch und Zeug-
nisse wurde am 26. September um elf Uhr eine eigene Konferenz abgehalten.
Im September war Wechsel der Katecheten. Hochw. Herr Tusch wurde Katechet an der
Gilmschule, Herr Dr. Heyl aus Oberperfuß übernahm die Stelle als Kooperator u. Katechet
hier.
Das erste Quartal schloß am 1. Dezember. Eine Büchersammlung für die gesunden Soldaten an
der Front und die kranken im Spitale wurde angeregt.
Für die siebte Kriegsanleihe soll möglichst viel Propaganda gemacht werden.
Wegen Schuhmangel, Anstehen um Lebensmittel und Krankheit wird allgemein über schlech-
ten Schulbesuch geklagt.
Die Predigt vor der Schulmesse soll gekürzt oder während der kältesten Jahreszeit ganz ent-
fallen.
Um Heizmaterial zu sparen wurden die Turnstunden verlegt. 70 Kinder nehmen an der Aus-
speisung teil.
Am 2. Feber 1918 verschied nach kurzer Krankheit Hochw. Herr geistl. Rat und Stadtpfarrer
Sigmund. Als Kinderfreund stadtbekannt zeichnete er sich durch seine Lehrerfreundlichkeit
aus. 20 Jahre wirkte er in St. Nikolaus sehr ersprießlich und segensreich als Katechet. Als
Pfarrprovisor wirkt Herr Kooperator Josef Arnold. Schluß des ersten Halbjahres am 9. Feber
1918. Am 13. 2. beginnt der Unterricht des zweiten Semesters.
Der Trauergottesdienst für Herrn geistl. Rat Sigmund wurde am 8. 2. abgehalten. Alle Kinder
und Lehrpersonen nahmen daran teil.
Von der Firma Riggemann wurden für Kinder aller Schulen Innsbrucks Zuckerln gespendet.
Für die unentgeltliche Beistellung der Lehrmittel an unserer Schule wäre schätzungsweise ein
Jahresbeitrag von 400 Kronen erforderlich.
Das dritte Quartal schließt am 27. 4. Inzwischen war in der ersten Klasse wieder Lehrerwech-
sel. Frl. Schrecksnadel (!) brach sich den rechten Fuß auf dem Schulwege. Frl. Frenner über-
nahm die Klasse. Als Aushilfskatechet fungierte für den verstorbenen Hr. geistl. Rat Herr
Katechet Eberl.
Der Verein deutscher Lehrerinnen' will das Jugendfürsorgewesen auf bessere Grundlagen
bringen, verschiedene Vordrucke werden übermittelt; zur Ausfüllung derselben werden die
nötigen Anweisungen erteilt.
130
Abb. 37: Bronzestandbild des Minnesängers Walther von der Vogelweide, von Niggl 1877. ▷
Foto: Margarete Hye-Weinhart
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ther
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Die Firma Schindler überläßt der Schule mehrere Kistchen Marmelade zur Verteilung an die
Schüler.
Für den 28. Juni wurde der Schulschluß festgesetzt. Den Klassenvorständen wurde nahegelegt,
da voraussichtlich Mangel an Requisiten im nächsten Schuljahre herrschen dürfte, alle noch
brauchbaren Hefte, Federn, Federhalter, Stifte und Griffel weise zurückzuhalten für das Jahr
1918 19. Wie alle Jahre machte der Lehrkörper am Schluße des Schuljahres einen Ausflug.
Diesmal nach Mils, freilich bei schlechtem Wetter. Die Verpflegung war aber besser im Gast-
haus Tiefenthaler.
1918/19
Das Schuljahr begann mit der Einschreibung der Schüler am 12. u. 13. September 1918. Das
Ergebnis derselben war folgendes:
1. 88 Schüler
2. 59 Schüler
3. 72 Schüler
4. 94 Schüler
5. 53 Schüler
366 Schüler
Viele Schüler sind aber noch nicht von den Ferien zurückgekehrt, so daß die Besucherzahl sich
noch wesentlich erhöhen wird.
Es werden die erste und vierte Klasse geteilt. Die
1. Klasse a übernimmt Frl. Schiendl
1. Klasse b übernimmt Frl. Seidler
2. Klasse übernimmt Frl. Schär
3. Klasse übernimmt Hr. Heidegger
4. Klasse a übernimmt Hr. Ascher
4. Klasse b übernimmt Frl. Fezzi
5. Klasse übernimmt Hr. Schmidhuber
Am 1. September d. J. übernahm die hiesige Pfarre der Hr. Kurat Karl Karner aus Sulden. An
Stelle des Katecheten Heyl wurde Katechet Frenademetz hieher versetzt. Am 16. 9. wurde die
Schule mit einem Bittgottesdienst begonnen.
Die Zahl der Aufgaben wurde beschränkt - Papiernot und Teuerung der Requisiten. Schon
gleich machte sich die spanische Krankheit,Grippe' genannt in den Klassen bemerkbar. Die
132
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Erkrankungen nahmen zu und am 14. Oktober wurden alle Schulen Innsbrucks gesperrt und
zwar bis 5. November.
Inzwischen kam der Waffenstillstand zwischen Österreich und Italien zustande. Bayern
schickte Truppen nach Tirol zur Sicherung seiner eigenen Landesgrenzen und zur Aufrechthal-
tung der Ordnung. Unser Schulhaus wurde zur Unterbringung der bayrischen Truppen
benützt, doch nur kurze Zeit, weil Deutschland auch Frieden schloß." Das Schulhaus wurde
am 16. und 17. eingeräumt und am 18. November begann der Unterricht. Wie lange etwa? Bis
sich Kohlenmangel einstellt. Dank der milden Witterung trat eine Sperrung der Schule wegen
Kohlenmangel nicht sogleich ein.
Im Jänner wurde die dritte überfüllte Klasse geteilt. Dritte Klasse b übernahm der bis jetzt in
militärischer Verwendung gestandene Fähnrich Lehrer Fasching. Frl. Fezzi wurde in die Mäd-
chenschule in der Sillgasse versetzt. Sie hinterließ die vierte b Klasse hier in sehr gutem
Zustande. Dieselbe übernimmt Herr Lehrer Simon Treichl. Der Kollege stand bisher auch in
militärischen Diensten.
Herr Pfarrer und Katechet Karner von hier mußte sich im Jänner einen (!) sehr schweren
Magenoperation unterziehen; die glücklich verlaufen ist. Ihn supplierte der Hoch. Feldkurat
Zoderer. Am 16. Feber zugleich Semesterferien war großer Wahltag in die National... 15(!)
Im Schulhause wurde von 2 Wahlsprengeln,4' und ,5' die Wahl vorgenommen. Der 17. war
wegen Reinigung der Wahllokale schulfrei. Sonst wären die Semesterferien gekürzt.
Die (!) Unterricht litt sehr, weil viele Kinder mehrere Wochen bei menschenfreundlichen
Schweizereltern unentgeltlich in dem Nachbarlande Aufnahme fanden. In der Schweiz war es
nicht gestattet, daß diese Kinder daselbst die Schulen besuchten.
Sie wiesen große Lücken in ihrem Können auf, doch alle erholten sich sichtlich. Reich
beschenkt kehrten sie zurück. Bei der Beurteilung mußte man große Milde walten lassen.
Der Schulschluß wurde auf den 15. Juli festgesetzt.
Viele Kinder kamen zur Erholung auf das Land. Ferienkolonie, durch den Verein der frühern
schwarz-gelben Damen nach Oberperfuß usw.
Für die unterernährten Stadtkinder, welche nicht aufs Land kamen, setzte während der Ferien
die sogenannte,amerikanische Ausspeisung ein. Amerika, welches eigentlich durch sein Ein-
greifen den Krieg zu unsern Ungunsten entschied, hatte Ursache genug, daß es sich der hun-
gernden Tirolerkinder annahm. Dank brauchen wir dem amerikanischen Volke keinen abzu-
14
15
Der Chronist schreibt hier irrtümlich vom „Frieden", meint jedoch den am 11. November 1918 von Deutschland.
und den Entente-Mächten unterzeichneten Waffenstillstand von Compiègne. Die Friedensverträge mit Österreich
- zu St. Germain - und mit Deutschland - zu Versailles - wurden erst 1919 abgeschlossen.
Bei den hier nicht genau bezeichneten Wahlen handelte es sich um die Wahlen zur konstituierenden Nationalver-
sammlung der Republik Deutsch-Österreich vom 16. Februar 1919.
133
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statten. Kakao, Reis, Zucker, Mehl, Speck und andere Fettwaren wurden gespendet und nach
ihren Angaben und Rezepten die Speisen bereitet. In unserm Schulhause fand über Sommer die
Ausspeisung für sämtliche Schulkinder am linken Innufer statt; vorschulpflichtige Kinder und
schwächliche Mütter nahmen auch teil, die Speisen wurden zugeführt, obwohl im Schulgarten 4
militärische Küchen aufgestellt - aber unbrauchbar waren; - o einfältiges Bauamt -.
Der unglückliche Krieg hat große Veränderungen in unserem Vaterlande gezeitigt. National-
staaten bildeten sich daraus im Norden, Osten und Süden. Tirol besteht jetzt nur mehr aus dem
,Inngraben'. Südtirol bis zum Brenner will der treulose Welsche einstecken - hoffentlich nicht
lange -. Deutschösterreich nannte man unser zusammengeschmolzenes Vaterland. Schulden
und Lasten hat man dem armen Lande aufgehalst, daß es unmöglich bestehen kann, wenn nicht
Änderungen an den Gewaltfriedensbestimmungen platzgreifen.
Das Volk in der Republik Österreich ist zum Sklavendienst verurteilt worden. Hoffentlich
sprengen unsere Nachkommen in nicht allzuferner Zeit die Sklavenfesseln.
Schuljahr 1919/20
Die Ausspeisung der Kinder am linken Innufer wurde in unserm Schulhause während der
Schulferien fortgesetzt. Vorschulpflichtige Kinder und stillende Mütter nahmen auch teil;
einzelne Lehrkräfte stellten sich in den Dienst der guten Sache.
Beim Schulbeginn übernahmen die Aufsicht die Lehrpersonen, dafür waren sie berechtigt, die
gleiche Portion der Speisen, die den Kindern verabreicht wurde, zu nehmen.
Die Einschreibung fand am 12. u. 13. September 1919 statt.
Eingeschrieben wurden für die 1. Klasse 81, 2. Klasse 85, 3. Klasse 53, 4. Klasse 65, 5. Klasse 66
Schüler. Demnach mußten 4 Klassen geteilt werden. 1. 2. 4. 5. Klasse. Es waren deshalb 9
Lehrzimmer notwendig. Das Lehrzimmer im III. Stock wurde schon im Sommer dazu herge-
richtet. Turn- und Versamlungszimmer (!) wurden jetzt auch benötigt und als Lehrzimmer
eingerichtet.
Nachzügler, die die Einschreibung versäumten, und Kolonisten kamen erst beim Schulan-
fang.
16
Mit Kolonisten waren jene Schüler gemeint, die sich in einer „Ferienkolonie" bzw. zu einem Erholungsaufenthalt
in Bayern oder in der Schweiz befanden.
Abb. 38: Der St.-Joachims-Brunnen, Innsbrucks schönster Barockbrunnen von Ingenuin Lechleitner (1709), seit 1952
im Walther-Park..
Foto: Margarete Hye-Weinhart
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1. a Herr Ölz Kaspar, Aushilfskraft
1. b Frl. Mayr Luise, provisorisch
2. a Schulleiter Ascher
2. b Herr Fasching Hans
3. Frl. Schröcksnadel Agnes, provisorisch
4. a Herr Heidegger Georg
4. b Herr Reitmeier Ant., prov
5. a Herr Doblander Karl
5. b Herr Schmidhuber Lorenz
Die Schülerzahl war nur in der 3. Klasse 53, sonst aber nicht viel über 40. Störend für den
Unterrichtsbetrieb wirkte besonders in den untern Klassen der Abgang von Schülern in Erho-
lungsstationen Schweiz, Bayern usw. Sie blieben oft 3, ja selbst 4 und 5 Monate aus, in der
Regel aber meistens 2 Monate. Diese Erholungskolonisten erstarkten besonders in der Schweiz
und wurden von den Bewohnern daselbst liebevoll aufgenommen. Schließlich schickten die
Schweizer diese jungen Tirolerkolonisten ausgestattet mit Kleidern und vielen Nahrungsmit-
teln wieder in ihre Tirolerheimat zurück. - Alle Kinder wollten jetzt in die Schweiz.
Bayern zog weniger, weil sie von dort wenig oder nichts mitbrachten - aber gut genährt kamen
(sie) doch an.
Unsere Schule hatte keine Kälteferien. Die Öfen wurden mit Holz geheizt. Die Klassifikation
erfolgt laut Anordnung des Unterrichtsamtes nur mehr halbjährig. Februar - Juli. Die alten
Zeugniseformulare (!) wurden aufgebraucht. Das Unterrichtsamt erließ Weisungen zur Abhal-
tung von Elternabenden, überhaupt zu innigerem Verkehr zwischen Schule und Eltern. Der
Lehrkörper einigte sich dermalen nur für Erweiterung der Sprechstunden. Die Eltern müssen
auch eine gewisse Reife und ein gewisses Verständnis besitzen, um an den Beratungen frucht-
bringend teilnehmen zu können.
Die Kinder erhielten um Weihnachten durch die Amerikanische Hilfsaktion Gebäck, Seife u. a.
Im Winter sollten sie mit Schuhen und Kleidungsstücken beteilt werden doch erst im Frühjahr
wurden beiläufig 40 Kinder mit Schuhen, Strümpfen und Mänteln beschenkt. In (!) Juni wur-
den wieder 40 Kinder mit solchen Kleidungsstücken beteilt. Doch, was ist das für so viele? Die
Lehrpersonen hatten die Aufgabe, die Kinder hiezu auszuwählen. Die ungestümen Mütter
wissen wahrlich nicht mehr, was sie alles für ihre Kinder verlangen sollen - und da soll man mit
ihnen Beratungen, Elternabende abhalten! Zu Vergnügungen besitzen die Familien /: Weiber
und Männer :/ Geld genug, aber die Schule solle Sorge tragen für Kost, Kleider, Erholungs-
heime, Lernen ist Nebensache. Für den 10. Juli wurde Schulschluß angeordnet. 2 Tage darauf
erfolgen die Einschreibungen für das Schuljahr 1920/21. Diese Anordnung entspricht der
Praxis; man weiß wie viele Klassen und Lehrpersonen für jede Schule notwendig sind. Wie alle
Jahre schloß man die Schule mit einem Unterhaltungsabend im Verein mit dem Lehrkörper der
Mädchenschule.
Anm. Ende des zweiten Abschnittes, Wechsel der Handschrift. Schreiber des letzten Teiles
war Josef M. Rainer.
136
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Abb. 39: Die Einmündung des Neuen Weges bzw. der unteren Innstraße in den Ortskern von St. Nikolaus vor der Ufer-
Regulierung von ca. 1884/89: Die Straße verläuft hier noch unmittelbar am Innufer.
Stahlstich von Mayer und Winkles, um 1830
Original im Stadtarchiv Innsbruck
2. April 1942.
Draußen ist richtiges Aprilwetter. Bald Sonnenschein, bald Regen; gerade in dem Augenblicke,
da ich zu schreiben beginne, tobt ein furchtbarer Sturm. Die knospenden Bäume vor dem
Fenster meiner Kanzlei beugen sich und peitschen mit ihren Ästen wild um sich. In der Ecke des
Hauses verfängt sich der Föhn und winselt und heult ganz unheimlich.
Dieses Wetter gleicht wohl der gegenwärtigen Weltlage. Stürmisch-unbeständig - man weiß
nicht, was kommen wird. Der Krieg dauert nun schon 2 Jahre und 7 Monate. Polen, Frank-
reich, Belgien, Holland, Dänemark, Norwegen, Jugoslawien und Griechenland sind besiegt
137
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und von unserer Wehrmacht besetzt. In Nordafrika kämpfen unsere Soldaten im Verein mit
den Italienern gegen die Engländer in der Kyrenaika, in Rußland verläuft die Front von Lenin-
grad bis Taganrog am Asowschen Meer. Was werden die kommenden Monate bringen? Wer
wird diese apokalyptische Zeit überleben?
Diese Chronik soll denen, die nach uns kommen, Kunde geben vom Geschehen in unserem
Schulhause. Darum will ich versuchen, die seit den letzten Eintragungen klaffende Lücke
auszufüllen, so gut ichs vermag - und solange ich eben arbeiten kann!
Josef M. Rainer
Die nun folgenden Aufzeichnungen hat Herr Wilhelm Mazagg in Heften hinterlassen.
1920/21.
Direktor Ludwig Ascher wurde am 9. November 1857 zu Brandenberg im Unterinntal gebo-
ren. Er besuchte dort die Volksschule und trat 1872 ins Pädagogium in Innsbruck ein. Nach
Vollendung der 4 Jahrgänge legte er im Juli 1876 die Reifeprüfung mit Auszeichnung ab und
erhielt einen Posten als Lehrer und Schulleiter in Fulpmes-Stubai. Im Herbst 1878 bestand er
die Lehrbefähigungsprüfung ebenfalls mit Auszeichnung und blieb weitere 9 Jahre auf seinem
ersten Posten. Von 1887 wirkte er als Lehrer an der städtischen Knabenschule in Bozen bis
1894. Von dort kam er als Lehrer an die Knabenvolksschule St. Nikolaus. Hier wurde er nach
dem Tode des Dir. Johann Senn am 4. Febr. 1909 Schulleiter und blieb als solcher bzw. als
Schuldirektor bis zu seiner Pensionierung im Oktober 1920. Dir. Ascher war somit 44 Jahre im
Schuldienste tätig und versäumte keinen Tag wegen Krankheit in seiner langen Dienstzeit.
Körperlich und geistig gesund hat er den Schuldienst verlassen und wurde nur wegen seines
Alters laut bestehendem Gesetz in den Ruhestand versetzt. Lehrer Karl Doblander, der jahre-
lang mit ihm an der hiesigen Volksschule arbeitete, schilderte Herrn Ascher folgendermaßen:
Herr Dir. Ascher war ein ausgezeichneter Lehrer. Sein stets gleichmäßig ruhiges Auftreten vor
den Schülern sowie seine methodische Tüchtigkeit waren vorbildlich. Demzufolge erzielte er
bei seinen Schülern große, nachhaltige Erfolge und bei den Eltern war er als ein überaus
tüchtiger Lehrer hochgeschätzt. Übrigens war er die Bescheidenheit selbst und niemals rühmte
er sich seines Könnens. Im Lehrkörper galt er als ein lieber Kollege, der sich stets gleichbleibend
als wertvolles Glied im Ganzen einfügte. Als Leiter war er seinen Untergebenen ein Vorbild an
Genauigkeit und Pflichttreue, dem Anfänger ein Berater und Führer, den älteren Kollegen ein
wohlwollender Freund. Sein Scheiden aus dem Schuldienst erweckte bei allen, die ihm dienst-
lich nahestanden, ein Gefühl des Bedauerns. Dir. Ascher wohnte auch in St. Nikolaus und
zwar zuerst Innstraße 38, dann Innstraße 107. Er war glücklich verheiratet und Vater von 4
Kindern (2 Buben u. 2 Mädchen), die ebenfalls dem Lehrberuf sich widmeten.
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Er starb am 3. Juni 1938 nach langem Leiden und wurde im Friedhof St. Nikolaus beerdigt.
Aschers Nachfolger hätte Lehrer Karl Doblander werden sollen, denn er war einer der dienstäl-
testen Lehrer in Innsbruck.
Doch mit der Begründung, er sei eben zu alt, wurde er übergangen.
Zum Schulleiter aber wurde Lehrer Wilhelm Mazagg ernannt. Er übernahm seinen Posten am
15.9.1920.
Nun folgen wieder seine Aufzeichnungen:
Die Schule ist 5-klassig mit 9 Klassen.
1. Kl. a
45 Schüler
1. Kl. b
46 Schüler
2. Kl. a
43 Schüler
2. Kl. b
43 Schüler
3. Kl. a
3. Kl. b
4. Kl.
5. Kl. a
5. Kl. b
41
Schüler
40
47 Schüler
35 Schüler
35 Schüler
Schüler
375 Schüler
Klassenlehrer Blenk Rudolf
Klassenlehrer Schröcksnadel Agnes
Klassenlehrer Doblander Karl
Klassenlehrer Fasching Hans
Klassenlehrer Mazagg Wilhelm
Klassenlehrer Rief Wendelin
Klassenlehrer Schmidhuber Lorenz
Klassenlehrer Purtscheller Alfred
Klassenlehrer Heidegger Georg
Die Schule hat im heurigen Schuljahr keinen Turnsaal zur Verfügung, da er als Klassenzimmer
benützt werden muß.
Mit dem heurigen Schuljahr beginnt die Erprobung des Glöckelschen Lehrplanes.
Als,Schulpflegerin' wird Frl. Gisela Kranebitter bestellt.
Im Verein mit der Mädchenschule wird eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die sich mit den
neuen Reformen befassen soll. Im Oktober tritt in beiden zweiten Klassen Mumps epidemisch
auf.
Am 9. Oktober Trauertag wegen der Annexion Südtirols durch Italien.
Am Allerseelentag schmücken die Schüler die Heldengräber in Pradl mit Kränzen. Am 10.
November nehmen Schüler und Lehrer an der Schillerfeier im Stadtsaal teil. H. Friedrich Thöni
wird zum definitiven Katecheten für diese Schule bestellt. Außer ihm besorgen den Religions-
unterricht die Orts-Seelsorger Zobl u. Arnold. Am 23. Dezember werden die Schüler von der
Stadtgemeinde mit 600 kg Äpfeln beschenkt.
Im Jänner 1921 wird Rudolf Blenk vom Schuldienst enthoben. Der pensionierte Dir. Ludwig
Ascher übernimmt aushilfsweise die Klasse.
139
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Rennwe
Innstrasse
Abb. 40: Das durch die Innufer-Regulierung um 1884/89 neu gewonnene Ufergelände östlich vom Fallbach auf einem
Stadtplan von 1889.
Neujahrs-Entschuldigungskarte von 1889. Original, Stadtarchiv Innsbruck
Am 11. 2. Semesterschluß und Zeugnisverteilung. Ein Reservat-Erlaß des L.Sch.R. besagt, daß
in Geographie und Geschichte das Land Tirol als Ganzes (also einschließlich des zu Italien
gefallenen Südtirol) zu behandeln ist.
Am 11. 3. werden an die Schüler von der Amerikanischen Kinderhilfsaktion (AKHA) Wäsche-
stücke und Schuhe verteilt.
Frl. Agnes Schröcksnadel hält in der Arbeitsgemeinschaft einen Vortrag über, die Methode des
alten und neuen Rechenunterrichtes in der Elementarklasse'. Arme, bedürftige Kinder erhalten
gegen Entrichtung einer geringen Gebühr täglich ein Mittagessen von der,A.K.H.A.', die von
140
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den einzelnen Schulhäusern in die Stadtsaal-Lokalitäten verlegt wird. Die Mitglieder der, Leh-
rerkammer' können an der Gemeinschaftsküche der Staatsangestellten teilnehmen. Mittag- und
Abendessen werden mit 30 Kronen berechnet.
(Wie man sieht, macht sich die Geldentwertung schon stark bemerkbar! Für ein Mittag- und
Abendessen 30 Kronen! Mein Anfangsgehalt als Lehrer betrug 72 Kronen für den Monat!
Anmerkung J. Rainer).
Das Schloß Amras wird für eine Ferienkolonie eingerichtet und zwar als Tagesheim für die Zeit
der Ferien. Die Kinder erhalten dort Mittagessen und vormittags und nachmittags Jause gegen
einen auch für ärmere Eltern erschwinglichen Beitrag.
Am 17. Juni findet anläßlich des zweijährigen Bestandes der A.K.H.A. im Stadtsaal eine Feier
statt, an der sich 75 Schüler von dieser Schule beteiligen. Am 27. Juni Gedächtnisgottesdienst
anläßlich des Opfertages für die Kriegsgefallenen.
Die Einschreibung der neu eintretenden Schüler erfolgt am 11. u. 12. Juli 1921. Inspektor war
Dr. Neier.
1921/22.
Schulbeginn am 15. September.
Grete Steiger und Josef Rainer kommen als neue Lehrkräfte an die Schule. Dir. Ludwig Ascher
und Lehrer Wendelin Rief verlassen die Schule.
Als Katecheten sind tätig: Friedrich Thöni, Zobl, Arnold, Pfarrer Karner.
Die Schule ist 5-klassig mit 9 Klassen.
1. Klasse a
33 Schüler Josef Rainer
1. Klasse b
31 Schüler
2. Klasse a
2. Klasse b
3. Klasse a
3. Klasse b
4. Klasse a
4. Klasse b
5. Klasse
43 Schüler
44 Schüler
37 Schüler
32 Schüler
44 Schüler
Grete Steiger
Mazagg Wilhelm
Schröcksnadel Agnes
Doblander Karl
Fasching Hans
Purtscheller Alfred
48 Schüler Heidegger Georg
47 Schüler
359 Schüler
Schmidhuber Lorenz
Da die bisher im Gebrauch stehenden Lesebücher von Branky-Rummer nicht mehr aufgelegt
werden, wurden als Ersatz die Lesebücher von Wiesenberger und die von John eingeführt. Die
Lesebuchfrage ist eine sehr schwierige und wird immer noch schwieriger werden. Die neue Zeit
verlangt auch neu eingerichtete Lesebücher.
141
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Für die Zentral-Arbeitsgemeinschaft wurde Josef Rainer bestimmt. Diese Arbeitsgemeinschaft
hat die Aufgabe, für die einzelnen Klassen Lehrpläne auszuarbeiten. Für die 3. Klasse wird
zuerst ein solcher geschaffen.
Am 6. Oktober 1921 um 9 Uhr vormittag Demonstrationsschulschluß und Standesversamm-
lung. Vom 17. Oktober bis 20. Oktober Demonstrationsstreik der gesamten Innsbrucker
Lehrerschaft. Vom Streik soll hier nur erwähnt sein, daß die Elternschaft Innsbrucks die
Verhandlung mit der Landesregierung an Stelle der Lehrerschaft übernahm und daß die Lehrer
sich aus diesem Grunde bereit erklärten, den Unterricht wieder aufzunehmen. Den Grund des
Streikes bildete die Vorenthaltung eines Gehaltsteiles seit Jahresfrist. Der Streik war kein
mutwilliger oder unberechtigter. Die Tatsache, daß viele Lehrer und Lehrerinnen nicht
imstande waren, sich mit dem notwendigsten Nahrungsmittel - mit Kartoffeln - für den Winter
zu versehen und daß die Landesregierung dann doch die vorenthaltenen Beträge ausbezahlte,
beweist es. Daß der Obmann des Streikkomitees Wilhelm Mazagg vom Landesschulrat eine
Rüge erhalten hat, soll nur nebenbei erwähnt werden. Vielleicht hat jemand in einer der Schul-
chroniken die entsprechende Tonart und die richtige Melodie für jene Begebenheiten gefunden.
Dem Schreiber dieser Zeilen (Wilhelm Mazagg) widerstrebt es, mehr davon zu schreiben.
Anmerkung von J. Rainer: Vielleicht ist es für spätere Lehrergeschlechter einmal interessant,
über die Gehälter dieser Nachkriegszeit Genaueres zu wissen. Darum nachfolgend die Angabe
der Auszahlungen.
Die Gehälter wurden in 2, 3, 4 oder sogar in 5 Monatsraten ausbezahlt. Folgende Gehälter
bezog ein lediger Lehrer mit 8 - 10 Dienstjahren.
1921
Jänner
Februar
März
2.166 K in 2 Raten
5.266 K in 2 Raten
11.414 K in 2 Raten
April
Mai
Juni
7.626 K in 3 Raten
5.600 K in 3 Raten
7.800 K in 4 Raten
Juli.
7.600 K in 3 Raten
August
7.600 K in 2 Raten
September
7.600 K in 2 Raten
Oktober.
23.550 K in 3 Raten
November
34.031 K in 3 Raten
Dezember
63.720 K in 4 Raten
1922
Jänner
Februar
76.198 K in 3 Raten
75.547 K in 3 Raten
142
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145/224
Abb. 41: Die von Johann Mahlschedl Ritter von Alpenburg von 1836 bis 1868 an der Stelle des 1873/75 erbauten Innsteges
privat betriebene Inn-Fähre. Lithographie von G. Pozolt, um 1840
Original im Stadtarchiv Innsbruck
März
April
Mai
Juni
Juli...
August.
September
Oktober..
November
Dezember
Wir waren also,glückliche' Millionäre!
.
103.051 K in 3 Raten
92.027 K in 2 Raten
171.570 K in 3 Raten
243.774 K in 5 Raten
373.985 K in 3 Raten
828.714 K in 3 Raten
1,530.979 K in 4 Raten
1,542.938 K in 3 Raten
1,430.852 K in 2 Raten
1,583.489 K in 2 Raten
143
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1923
Jänner
Februar
März
April
Mai
Juni
1,301.994 K in 2 Raten
1,306.019 K in 2 Raten
1,372.480 K in 2 Raten
1,495.998 K in 2 Raten
1,619.589 K in 2 Raten
1,662.700 K in 2 Raten
Juli.
August.
1,618.600 K unter einem
1,641.000 K unter einem
September
1,641.000 K unter einem
Oktober
November
1,641.000 K unter einem
1,641.000 K unter einem
Dezember
1. Nachzahlung
2. Nachzahlung
1,641.000 K unter einem
500.000 K unter einem
467.000 K unter einem
1924
Jänner
Februar
März
April
Mai
2,249.000 K in 2 Raten
1,873.000 K unter einem
1,855.000 K unter einem
1,890.000 K unter einem
1,873.000 K unter einem
2,220.000 K unter einem
Juni
Juli
August.
September
Oktober.
November
Dezember
2,407.000 K unter einem
2,628.000 K in 2 Raten
2,447.000 K unter einem
2,858.000 K in 2 Raten
2,258.000 K unter einem
3,995.000 K in 2 Raten
1925
Jänner
Februar
März
April
2,458.000 K unter einem
2,789.000 K unter einem
2,610.000 K unter einem
262.80 Schilling-wir sind wieder stabil geworden!"
Am 17. Oktober Elternabend im Arbeiterinnenheim (Innstraße 107) in Angelegenheit des
Streikes.
17
Die Inflation war endgültig überwunden, als mit Bundesgesetz vom 20. Dezember 1924 die Währungsreform
beschlossen und der österreichische Schilling" eingeführt wurde.
144
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Ende Oktober kommt Kooperator Arnold an die landwirtschaftliche Lehranstalt nach imst. 7
Jahre war er in St. Nikolaus gewesen.
Am 6. November 1921 Enthüllung des Kriegerdenkmals an der Südostecke der Kirche. Ent-
wurf von Virgil Rainer, Ausführung in gelbem Sandstein von Kassian Weinmann. Anmerkung
von J. Rainer: Eine Schulchronik darf wohl auch ein Stück Ortschronik sein! Deshalb will ich
hier kurz über die Entstehungsgeschichte des Kriegerdenkmals schreiben!
Im Herbst 1920 ersuchte mich der Sängerbund Harmonie - St. Nikolaus, die Chormeisterstelle
zu übernehmen. Nach kurzer Bedenkzeit erklärte ich mich bereit. Schon nach den ersten
Proben kam eine derartige Begeisterung in meine Sänger, daß sie gewaltig zu werben begannen:
ausübende und beitragende Mitglieder.,Harmonie war das Tagesgespräch in St. Nikolaus.
Einige gelungene Konzerte trugen noch zur Hebung dieser Begeisterung bei. Meine Sänger
bekamen Mut und Unternehmungslust. Zwei von ihnen, der Tischlermeister Hans Kuen und
der Schulwart Franz Grasl fragten mich, ob wir nicht für St. Nikolaus auch ein Kriegerdenkmal
aufstellen sollten, nachdem doch unser St. Nikolaus viele Gefallene habe. Mit Freuden erklärte
ich mich einverstanden und zu jeder Arbeit bereit. Meine Sänger waren, als ich ihnen die Sache
erklärte, mit Feuer und Flamme dabei.
Ein Denkmalausschuß wurde gebildet, der auch sofort mit Hochdruck zu arbeiten begann. Die
Sitzungen hatten wir im Gasthaus,Engl' in der Innstraße. Hafnermeister Josef Thurner aus der
Fallbachgasse, der auch dem Ausschuß angehörte und starke künstlerische Begabung hatte,
machte einen Entwurf, der aber vom Denkmalamt nicht bewilligt wurde. Ein Entwurf des
akad. Bildhauers Virgil Rainer wurde genehmigt und beim Bildhauer Weinmann in Auftrag
gegeben. Um die Mittel für das Denkmal beizustellen, gaben wir mit der Harmonie fleißig
Konzerte und gingen sammeln von Haus zu Haus. Gleichzeitig wollten wir auch das Geld für 2
kleinere Glocken (im Jahre 1916 hatte man die Kirchenglocken für Kriegszwecke abgenom-
men!) aufbringen. Ein Volkssprichwort sagt:,Regnet's nit - so tröpfelt's!' So war es hier. Unser
Denkmalfond wuchs. Sehr hemmend wirkte natürlich die Inflation, weil das Geld von Monat
zu Monat weniger wert wurde. Damit es aber dann und wann auch,regnete', veranstalteten wir
im Schulhausgarten Volksfeste, die sehr gut besucht waren. Und so gelang es uns durch Zusam-
menhalt und Zusammenarbeit, in schwerster Zeit das Denkmal und die Glocken zu erstellen!18
Nun hat wieder Schulleiter Mazagg das Wort!
Die Heldengräber in Pradl werden von den Schülern unserer Schule geschmückt.
Am 1. Dezember findet ein Elternabend statt.
IN
Bezüglich der Errichtung des Kriegerdenkmales vgl. auch den Beitrag von R. Schnaller, Die Vereinigung St. Niko-
aus (1922-1986) in diesem Band. Wahrscheinlich geht die Errichtung dieses Denkmales auf gemeinsame Aktivitä-
ten beider Vereine zurück.
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Abb. 42: Darstellung der Mahlschedl'schen Inn-Fähre auf der Innsbrucker Katastermappe von 1856. Links das Ufer von
St. Nikolaus.
Am 9. Dezember von der A.K.H.A. an die Schüler dieser Schule Anzüge, Schuhe u. Strümpfe
verteilt.
20. Dezember Zöllnerspende - Kopenhagen.
23. Dezember 70 Knaben dieser Schule werden von den Engländern und Holländern im Kolos-
seum (Ausstellungshalle) gespeist. Jeder Schüler erhielt außerdem 200 Kronen.
Am 21. Jänner erhält die Schule von der Steiner-Stiftung 750 Kronen zur Anschaffung von
Schreibheften.
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Am gleichen Tage Grillparzerfeier.
Am 31. Jänner erhalten 60 Knaben Pakete von Kindern aus Amerika.
Mit Beginn des 2. Semesters wird probeweise in allen Klassen der ungeteilte Unterricht einge-
führt.
Am 24. Februar erhält die Schule von der Firma Lang 280 Stück Hefte zum 50jährigen Bestand
des Geschäftes.
Am 14. März von der Steiner-Stiftung 1.500 Kronen zur Anschaffung von Heften und Lesebü-
chern.
Am 22. Mai findet ein Elternabend statt.
Die Elternabende werden immer schlechter besucht.
Am 16. Juni Gedächtnisfeier für den gefallenen Kollegen Ruetz an der Schule Dreiheiligen.
Am 17. Juni übernimmt Lehrer Laich die 4. Klasse a für den erkrankten Alfred Purtscheller.
Kooperator Weißkopf kommt als Katechet an die Schule. Er war Redakteur des, Tiroler
(landwirtschaftl. Teil) in Bozen u. wurde von der italienischen Regierung ausgewiesen.
Doblander Karl wird zum Oberlehrer ernannt.
Frl. Kefer übernimmt die 2. Klasse a für den erkrankten Schulleiter Mazagg vom 1. Juni bis 8.
Juli.
Die Einschreibungen finden am 3. u. 4. Juli statt.
Es soll abgestimmt werden, ob der ungeteilte Unterricht für das nächste Schuljahr beibehalten
werden soll. Der Lehrkörper entscheidet sich - mit 1 Stimme gegen - für die Beibehaltung.
Lehrer Lorenz Schmidhuber erleidet durch den Tod seiner Mutter einen schweren Verlust. Die
Schüler der 5. Klasse nehmen am Begräbnis teil.
Der Spielplatz im Kaysergarten ist für die Schuljugend von St. Nikolaus fertiggestellt und kann
während der Ferien benützt werden. Josef Rainer übernimmt die Aufsicht.
Schulschluß 8. Juli.
Inspektor war Schuldirektor Aumüller.
Im August erhielt die Schule durch holländische Lehrer 5000 Kronen zur Anschaffung von
Schulrequisiten für die Schüler.
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Der Kaysergarten
v. J. Rainer
Nachdem seine Entstehung auf Betreiben des Lehrkörpers der Knabenvolksschule St. Ni-
kolaus zurückzuführen ist, ist wohl auch hier in dieser Chronik der Platz, seine Geschichte in
groben Umrissen festzuhalten.
Die Gemeinde Innsbruck, die sich unter der Führung des Bürgermeisters Wilhelm Greil und
des Finanzreferenten des Gemeinderates Karl Kapferer finanziell ganz ausgezeichnet steht,
trachtet, möglichst viel Besitz in der Gegend der Weiherburg zu erwerben.
1911 erfolgt der Ankauf des Schlosses samt den Gründen bis zum Hohen Weg. 1918 kauft die
Stadt den Ansitz,Zederfeld', den der Besitzer Karl Kayser i. J. 1891 zu einer Fremdenpension
umgebaut hat, während des Krieges aber vollkommen verwahrlost ist.
Der Lehrkörper der Knabenvolksschule hat schon des öfteren den Mangel an geeigneten Spiel-
plätzen am linken Innufer sehr beklagt. Da taucht der Vorschlag auf, der Garten der ehemaligen
Pension Kayser wäre ein richtiger Spielplatz.
Kollege Hans Fasching, der sozialdemokratischer Gemeinderat ist, begeistert sich für diesen
Gedanken und bewirkt endlich, daß der Gemeinderat tatsächlich den in der Ebene gelegenen
Teil des Gartens als Spielplatz für die liebe St. Nikolauser-Jugend freigegeben wird.(!) Der
Lehrkörper nimmt mit Befriedigung Kenntnis von diesem Entschluß. Wo also früher die
Engländerinnen und Französinnen Tennis gespielt haben, darf sich nun die Jugend unserer oft
in ganz miserablen Wohnungen hausenden Arbeiterbevölkerung tummeln!
Ehre dem Andenken des Lehrers Hans Fasching!
Und wie diese Jugend sich auf diesem Spielplatz tummelte! So zwar, daß ich, den verwilderten
Spielplatz einmal unerwartet besuchend, dem Kollegen Fasching sagte:,Entweder muß eine
autoritäre Aufsicht her, oder man soll den Garten wieder schließen, denn Buben und Mädchen
nützen die Aufsichtslosigkeit allzu sehr aus! Ich war zwar zur selben Zeit Hortleiter des
sozialdemokratischen Hortes,Kinderfreunde auf der Hungerburg, aber ich erklärte mich
bereit, trotzdem die Aufsicht im Kaysergarten nebenbei zu übernehmen, denn mein St. Niko-
laus lag mir doch näher als alles andere. Durch Vermittlung des Kollegen Fasching wurde ich
also als Hortleiter im Kaysergarten bestellt. Ich hatte nun zwar überhaupt keine freie Zeit mehr
in den Ferien, denn vormittag war ich auf der Hungerburg, nachmittag im Kaysergarten."
Abb. 43: Das 1863/64 im Stil der Neo-Gotik erbaute Gebäude der städtischen Knabenvolksschule St. Nikolaus, genannt ▷
„Schulpalast"; heute Landesberufsschule.
Foto: Feilfoto
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Univ.-Prof. Dr. Erwin Schrödinger
geboren am 12. August 1887 in Wien
gestorben am 4. Jänner 1961 in Wien
erhielt
1933 den Nobelpreis für Physik
für seine Forschungen über die
Wellenmechanik.
(Abb. aus Ferdinand G. Smekal, Österreichs.
Nobelpreisträger. Frick-Verlag, Wien 1969)
Wie Schrödinger selbst in einem Brief aus Innsbruck vom 7. November 1950 schreibt, ging er
hier in St. Nikolaus während eines Urlaubsaufenthaltes seiner Eltern in Innsbruck zur Schule.
Hier wörtlich die Ausführungen Schrödingers:
,,Ich bin ausgesprochen reisescheu geworden. Bei einem Haar wäre ich überhaupt nicht von
Dublin fortgegangen in diesem Sommer. Ich fühlte mich nervös und wenig wohl und wollte in
Ruhe gelassen werden. Schon die ersten drei Wochen in Tirol machten einen anderen Menschen
aus mir - das geliebte Land mit den vertrauten Bergpfaden mit der Weiherburg und dem alten
Schulhaus in St. Niklas, dem ersten, zu dem ich mein Schulpackerl getragen hab."
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Geschichte der Knaben- und Mädchenvolksschule St. Nikolaus,
Innallee 3
Von Waltraud Mahringer
Im Laufe der Jahre 1983, 1984 und teilweise noch 1985 wurde die Knaben- und Mädchen-
volksschule St. Nikolaus, Innallee 3, innen und außen renoviert, sie wurde mit viel Geld, aber
auch persönlichem Einsatz zu einer modernen Schule gemacht und mit allen Lehrmitteln
ausgestattet, die den Kindern das Lernen erleichtern sollen. Dabei blieb sie aber das vertraute
Haus mit den großen, hellen Räumen und den schönen, gewölbten Decken in den Gängen.
Jeder freut sich darüber: die Kinder, die Eltern, die Lehrpersonen. Bald wird alles zur Selbst-
verständlichkeit geworden sein.
So sei ein Rückblick gestattet und die Frage gestellt:
Welche Geschehnisse hat dieses Haus schon überdauert? Also schlage ich die Schulchronik auf,
die Frl. Marie Lergetbohrer, Schulleiterin, in bestechender Handschrift mit dem Jahre 1873
begonnen hat, und „plaudere ein bißchen aus der Schule".
I. Die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg
Ursprünglich war die Schule von St. Nikolaus eine dreiklassige Volksschule für Knaben
und Mädchen. Die Lehrerstellen waren mit weltlichen Lehrern und Barmherzigen Schwestern
besetzt.
1870 beschloß der Gemeinderat der Stadt Innsbruck, eine vierte Klasse zu errichten und die
Knaben von den Mädchen zu trennen. Die Mädchenklassen unterstanden jedoch noch dem
Leiter der Knabenklassen, Philipp Moll.
1873 wurden die Mädchenklassen von den Knabenklassen getrennt und zu einer selbständigen
Schule unter der Leitung von Frl. Aloisia Posch vereinigt.
Der Bau, in dem die Mädchenschule seit dem Jahre 1873 untergebracht ist, war ursprünglich für
die „Industrieschule" bestimmt, wurde aber nach seiner Vollendung über Beschluß des
Gemeinderates vom 21. August 1873 von den Mädchenklassen und vom städtischen Kindergar-
ten bezogen. Die „Industrieschule" war eine Fortbildungsschule für weibliche Handarbeit. Sie
wurde von einem Frauenverein errichtet und erhalten, der bereits 1834 von der Gemahlin des
Gouverneurs, Gräfin Wilczek, zur Gründung und Erhaltung von Industrieschulen und Kin-
derwartanstalten gegründet worden war.
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Abb. 44: Die Landesberufsschule St. Nikolaus mit dem westseitigen Erweiterungsbau von 1977/82.
Foto: Landesberufsschule St. Nikolaus.
Ab 1874 übernahmen die Lehrerinnen den Handarbeitsunterricht selbst.
Das zum Bau des Schulhauses notwendige Grundstück war Eigentum der Stadt; es war durch
die Innregulierung gewonnen worden. Baumeister Jakob Norer führte den Bau um den Preis
von 38.831 Gulden auf.
Im Parterre waren ein großer und ein kleiner Saal für den Kindergarten, ein Zimmer, eine
Küche und eine Holzlege für den Schuldiener.
Zum ersten Schuldiener wurde Ignaz Jud, ein Schuhmacher, probeweise bestellt. Als er nach
vierzigjährigem Dienst 1913 in den Ruhestand trat, erhielt er außer der Pension von 870 Kronen
noch eine jährliche Gnadengabe von 600 Kronen zugesprochen. Er verstarb jedoch schon ein
halbes Jahr nach seiner Pensionierung.
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Im ersten und zweiten Stock gab es je drei Schulsäle und ein großes Zimmer, das nach Bedarf als
Klassenzimmer, Konferenzzimmer oder Kanzlei benützt wurde.
Im Schuljahr 1873/74, dem ersten Schuljahr der neueröffneten Schule, erhielten 226 Kinder in
vier Klassen Unterricht von Frl. Luise Posch (Leiterin), Frl. Maurer, Schwester Othmara und
Schwester Urbana. Den Barmherzigen Schwestern folgten im nächsten Schuljahr Frl. Richter
und Frl. von Ottenthal.
Zum ersten Ortsschulaufseher bestellte die „Schulsection" den Gemeinderat Silvester Ludwig;
Bezirksschulinspektor war Ritter von Schullern, Landesschulinspektor Eduard Scholz.
1882 wurde die Schule bereits fünfklassig. Die gesetzliche Klassenschülerhöchstzahl betrug
damals 60 Schüler.
Als die Schülerzahl im Schuljahr 1886/87 auf 279 gestiegen war, wurde die sechste Klasse
eröffnet. Das neue Schulhaus war zu klein geworden, zwei Mädchenklassen mußten im Par-
terre des Knabenschulhauses untergebracht werden.
So beschloß der Gemeinderat, das Gebäude im Norden um drei Säle im Parterre, durch je zwei
Säle, einen kleinen Saal, ein Zimmer und ein Depot für Holz und Kohle im ersten und zweiten
Stock zu erweitern. Dieser Anbau kostete mit der neu angelegten Wasserleitung im Parterre
und ersten Stock 42.652 Gulden und wurde von der Firma Huter unter Leitung des städtischen
Ingenieurs Klingler aufgeführt.
Dadurch bekam die Schule jetzt endlich einen Turnsaal - es konnte also ab 1891, als der Neubau
vollendet war, Turnunterricht erteilt werden. Einen weiteren Saal bekam der Kindergarten, ein
Saal blieb frei. Im ersten Stock konnten ein Klassenzimmer, ein Gesangzimmer und ein Requi-
sitenzimmer gewonnen werden, im zweiten Stock entstanden ein Klassenzimmer, ein Arbeits-
saal und ein Lehrmittelsaal.
Eine siebente Klasse wurde im Schuljahr 1903/04 errichtet.
In den Jahren nach der Jahrhundertwende erhielt das Schulhaus folgende Verbesserungen: In
den Klassen wurden Parkettböden gelegt, im Arbeitssaal und im Lehrmittelsaal Beleuchtungs-
körper mit Auerlicht und im Gang des zweiten Stockwerks eine zweite offene Gasflamme
angebracht, das Stiegenhaus wurde gemalt, in den Aborten 1906 elektrische Beleuchtung instal-
liert, im Sommer 1913 auch in den Gängen.
Doch wieder zurück in die Anfangsjahre der Mädchenschule:
Am Beginn des Schuljahres, jeweils am 16. September, kamen die Kinder zur Einschreibung.
Damals mußte noch Schulgeld gezahlt werden, jährlich fünf Gulden für ein Kind, das am linken
Innufer im Stadtgebiet wohnte; außerhalb des Stadtgebietes wohnende Kinder oder solche, die
vom rechten Innufer herüberkamen, hatten das Doppelte zu bezahlen. Auch war für diese
Kinder eine Befreiung vom Schulgeld nicht möglich, bei den Kindern aus St. Nikolaus aber
größtenteils der Fall.
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Wie schlecht damals die wirtschaftlichen Verhältnisse des Stadtviertels waren, ersieht man aus
den Aufzeichnungen über die Schulgeldbefreiung: So bezahlten zum Beispiel im Jahre 1890 von
271 Mädchen 243 kein Schulgeld, zehn die Hälfte, elf das ganze und sieben das doppelte
Schulgeld.
Es zeigt sich aber auch an der großen Zahl der sog. „Armenbücher", die durchschnittlich 240
Kinder ganz oder teilweise erhielten.
Liest man in den Katalogen in der Spalte „Stand des Vaters", so entdeckt man Berufe, die wir
heute nur noch aus Märchenbüchern kennen. Da findet man Taglöhner, Aufleger, Badediener,
Holzhacker, Hadernsammler, Brunnenmacher, Dienstmann, Dienstmagd, Witwe, Polizeidie-
ner, Burgdiener, Schubführer, Packträger, Ziehmutter, Aufseher und andere. Dann gibt es
außer den Handwerkern, die wir auch heute noch kennen, wie Schneider, Maurer, Tischler,
Anstreicher, Schuster, Schmied, Bäcker, Metzger, Näherin, Weber, Schlosser, Steinmetz,
Schriftsetzer, Buchdrucker, Zimmermann u. a., auch Mehlspeismacher, Tuchmacher, Faßma-
ler und Regenschirmmacher. Angeführt werden auch Wirte, einige Bauern, verschiedene
Händler, aber auch der Landesschützenhauptmann, Strohhutfabrikant, Güterbesitzer, Öko-
nomieverwalter, Hausbesitzer, Polizeikommissar, . . .
In der Chronik sind die 255 Familien, deren Kinder 1890 die Schule besuchten, folgenden
sozialen Gruppen zugeordnet:
90 den Arbeitsgehilfen,
33 dem kleinen Gewerbestande,
56 der dienenden Klasse,
5 dem besseren Bürgerstande,
20 dem kleinen Beamtenstande,
22 sind sog. ledige Kinder,
29 gehören zu Witwen.
Der regelmäßige Schulbesuch war damals an allen Schulen ein erhebliches Problem, und es
wurden vom Magistrat verschiedene Maßnahmen gesetzt, um den Eltern die Wichtigkeit des
Schulbesuchs nahezubringen.
Zum einen mußten Eltern, welche ihre Kinder wiederholt ohne vorher eingeholte Erlaubnis
von der Schule fernhielten, dem Magistrat angezeigt werden. Hatte das keine Wirkung, sollten
die Kinder per Wache zur Schule gebracht und die schuldigen Eltern mit Arrest bestraft wer-
den. Zum anderen wurde der Schulbesuch im Zeugnis an die erste Stelle gesetzt und die Noten
in diesem Bereich von drei auf vier erhöht.
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Hier die Beurteilungsskala aus dem
Katalog des Schuljahres 1877/78:
Schulbesuch:
sehr fleißig
fleißig
minder fleißig
nachlässig
Sittliches Betragen:
vollkommen entsprechend
entsprechend
minder entsprechend
Leistungen:
sehr gut
gut
mittelmäßig
ungenügend
Abb. 45: Modell der St.-Nikolaus-Statue (1981)
für die Nordfassade der Landesberufsschule.
Foto: Frischauf-Bild
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Der Großteil der Absenzen wurde entschuldigt wegen Krankheit, Schuhmangel, Ungangbar-
keit der Wege, Krankheit der Mutter.
Wenn man bedenkt, daß in vielen dieser kinderreichen Familien das Einkommen des Vaters für
das tägliche Leben nicht reichte und daher auch die Mutter Arbeit annehmen mußte (als
Wäscherin oder Putzerin) und die Schulkinder zur Hausarbeit herangezogen wurden - sie
mußten vor allem ihre Geschwister betreuen -, so ist es besonders anzuerkennen, daß an der
Mädchenschule St. Nikolaus der Schulbesuch als „,im allgemeinen gut" bezeichnet wurde.
Die Unterrichtszeit dauerte von 8 bis 11 und von 2 bis 4 Uhr, in der ersten und zweiten Klasse
war der Vormittagsunterricht auch kürzer. Am Mittwoch und Samstag gab es keinen Nachmit-
tagsunterricht.
Der Magistrat erwog 1875 eine Verschiebung des Vormittagsunterrichts gegen die Mittagszeit
hin, um den Schulkindern die Zeit zwischen dem werktäglichen Kirchenbesuch und dem
Unterrichtsbeginn zu verlängern.
Die Schulkonferenz stellte jedoch fest, daß dies an der Schule St. Nikolaus nicht zweckdienlich
wäre, da die Eltern zu einem sehr großen Teil dem Arbeiterstande angehörten und daher das
Mittagsmahl auf 11 Uhr festgesetzt sein müßte. Viele aus der Schule kommende Kinder müßten
ferner ihren Vätern oder Geschwistern um elf Uhr das Mittagessen an ihren Arbeitsplatz tragen.
Zum anderen wäre es für die Kinder geradezu eine Wohltat, wenn sie um acht Uhr in ein
geheiztes Zimmer kommen könnten, das sie zu Hause nicht hatten.
Der Schulgottesdienst fand in der Pfarrkirche St. Nikolaus statt. Die Teilnahme am sonntägli-
chen Hauptgottesdienst war obligat; erst ab 1875 war während der kalten Jahreszeit der Besuch
des Schulgottesdienstes an Werktagen nicht mehr verpflichtend. An Schultagen hatten die
Lehrerinnen die Aufsicht zu führen. Schulkinder, die nur nachlässig zur Messe kamen, wurden
ermahnt und in der Klasse „zurückbehalten", außerdem verschlechterte sich die Sittennote.
Die Chronik berichtet aber von fleißigem Kirchenbesuch und „recht bravem Verhalten“ der
Schulkinder.
Um Schulbesuchserleichterungen konnten Eltern nur in besonders berücksichtigungswürdigen
Fällen ansuchen, so um Befreiung vom Nachmittagsunterricht im 7. und 8. Schuljahr oder um
Befreiung von der dritten Vormittagsstunde, wenn die Schülerin die Schule bereits volle sechs
Jahre besucht hatte. Das traf in jedem Schuljahr auf einige Kinder zu. Die Eltern konnten aber
auch um völligen Dispens vom Schulbesuch ansuchen. So finden sich im Entlassungsbuch in
den Jahren 1875, 1876 und 1877 Schülerinnen verzeichnet, die erst elf, zwölf oder dreizehn
Jahre alt waren, also das vierzehnte Lebensjahr noch nicht erreicht hatten.
Der Prozentsatz der Mädchen, die am Ende des Schuljahres als „zum Aufsteigen nicht befähigt"
erklärt wurden, war sehr hoch. Neben anderen Gründen lag es großteils an den Absenzen, die
durch die Infektionskrankheiten entstanden. Die Schülerinnen fehlten monatelang, nicht nur,
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weil sie selbst krank waren, sondern weil sie zur Pflege der Eltern und Geschwister herangezo-
gen werden mußten.
Dann wieder brachen Epidemien aus (Masern, Keuchhusten, Influenza und der gefürchtete
Scharlach), und Klassen mußten geschlossen bzw. der Schulschluß vorverlegt werden. Die
Angst vor einer Scharlachinfektion war so groß, daß weder Lehrerinnen noch Schulkinder an
der Beerdigung der Sophie Schäfer im Jahre 1897 teilnehmen durften.
Als im Jahre 1911 im Stadtgebiet mehrere Scharlachfälle gemeldet wurden, ließ sich Schularzt
Dr. Reibmayr Mitte März in allen Klassen Namen und Wohnung der Schülerinnen melden, die
in den letzten Tagen wegen Krankheit gefehlt hatten, um sie aufzusuchen und die Art ihrer
Krankheit zu erforschen; es war jedoch kein Scharlachfall dabei. Zwei Monate später erkrankte
jedoch ein Mädchen der zweiten Klasse an Scharlach, und die Klasse wurde für zehn Tage
geschlossen; im Juli mußte dann die 1. Klasse geschlossen werden, und ein an Scharlach
erkranktes Mädchen starb. Wie groß die Armut vieler Familien war, zeigt auch, daß als Ent-
schuldigung galt, wenn ein Kind nicht zur Schule kam, weil es keine Schuhe hatte.
In der Chronik heißt es wörtlich:
„Ihre Nahrung ist meist dürftig, unregelmäßig, ein Teil dieser Armen ist angewiesen, das
Mittagbrot zu erbetteln. Die Kleidung ist diesen Verhältnissen entsprechend, nur zu häufig
nicht Schutz bietend gegen die Strenge des Winters. Dem größten Mangel hilft hierin die
öffentliche Wohltätigkeit ab, und die Schule ist in der Lage, jährlich bei 100 Kinder mit Klei-
dungsstücken zu versorgen."
So ist auch in jedem Schuljahr in der Chronik aufgezeichnet, welche Spenden zur Verteilung
kamen.
Da gab es eine lange Reihe von privaten Stiftungen und Legaten für Kleidungsstücke, eine
davon für Erstkommunikantinnen. Die Gelder wurden jährlich über den Magistrat ausbezahlt.
So wurde zum Beispiel seit dem Jahr 1875 alljährlich von der Vorstehung der Klosterfrauen am
Hirschanger (Tertiarschwestern vom Kloster der Ewigen Anbetung) eine große Anzahl Hem-
den gespendet.
Weiters gab es den „,löblichen Volksschul-Stammverein", der für Lehrmittel, Schulerforder-
nisse, Kleidungsstücke, „Beköstigung“ und Bibliothekszwecke jährlich namhafte Summen
spendete - von 1876 bis 1889 zusammen die Summe von 1115 Gulden.
Zwei Institutionen karitativer Art seien besonders hervorgehoben, und zwar als erste die
Ausspeisung für bedürftige Kinder im Malfatti-Institut, die bereits im Jahre 1899 begann; von
Dezember bis ins Frühjahr erhielten hier an jedem Werktag um zwöf Uhr 60 bis 80 hungrige
Kinder ein Mittagessen. Die zweite soziale Einrichtung war die sogenannte „Patronage", die
Betreuung armer, sich selbst überlassener, auch verwahrloster Mädchen an den schulfreien
Nachmittagen durch Mitglieder des christlichen Frauenvereins. Es waren monatlich zwischen
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Neujahrs-Entschuldigungs-Karte
der Stadt Innsbruck für 1877.
Abb. 46: Die neue Knabenvolksschule von 1863/64, der „Kreuzer- oder Innsteg" mit dem Brückenzoll-Häuschen von
1873/75 und die 1876 geplante neugotische Pfarrkirche (erbaut 1881/85) auf der Neujahrs-Entschuldigungskarte der
Stadt Innsbruck für 1877.
Original im Stadtarchiv Innsbruck
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80 und 100 Mädchen, die hier Unterkunft fanden, weil ihre Eltern berufstätig waren, und die zu
Weihnachten, zur Erstkommunion und zum Schulende mit Schuhen, Kleidungsstücken und
Nahrungsmitteln beschenkt wurden.
Das Nikolausfest an unserer Schule mit dem Besuch des Nikolaus in den Klassen ist aus dem
Nikolausfest hervorgegangen, das am 5. Dezember 1903 bei der Ausspeisung zum erstenmal
und dann alle Jahre wieder stattfand. Durch Spenden und eigene Opfer wurde es den Damen
des Vereins möglich, die Mädchen zu beschenken. Die Schülerinnen bedankten sich mit Sing-
spielen und Gedichten, und die Namen Frau Josefine Neurauter und Frl. Marie Schupfer sollen
hier in Dankbarkeit festgehalten werden.
Daß die Kinder heutzutage am Nikolaustag beschenkt werden können, verdanken sie der
Vereinigung St. Nikolaus" unter ihrem Obmann Kommerzialrat Alfred Püls. Nun sind es
Orangen, Nüsse, Farben und Pinsel, Klebstoff und Buntpapier, womit die Körbe gefüllt sind;
außerdem gibt es riesige Mengen von duftenden Keksen, gebacken von den Müttern des Eltern-
vereins.
Ab 1905 wurden nach einer schulärztlichen Untersuchung erholungsbedürftige Kinder in
„Ferienkolonien" geschickt, nach Mils, Eben, Schloß Hofen und Grado.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt für die öffentlichen Volksschulen und für die Bürger-
schule in Innsbruck folgende Schulordnung:
Auszugsweise -
,,I. Beginn und Dauer der Unterrichtszeit spec. der Schulquartale.
Das Schuljahr beginnt am 16. September und endet mit 15. Juli.
Die Einschreibungen sind so vorzunehmen, daß am 16. September, soferne derselbe
Werktag ist, sonst aber am nächsten Werktag der Unterricht ungesäumt beginnen kann.
Das 2. Quartal wird am Samstage vor dem 16. Februar geschlossen, das 3. am darauffol-
genden Mittwoch eröffnet. Das 1. Quartal wird am Samstage vor dem 1. Dezember, das 3.
am Samstage vor dem 1. Mai geschlossen, die darauffolgenden Quartale (das 2. und 4.)
beginnen sofort mit dem nächsten Montage.
III. Tägliche Unterrichtszeit.
Der Unterricht ist ganztägig und beginnt vormittags um 8 Uhr, nachmittags um 2 Uhr. Die
Zahl der obligaten wöchentlichen Unterrichtsstunden beträgt
Classe
Knaben
Mädchen
I.
II.
III.
IV.
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19
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23
23
25
25
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18
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V.
VI.
VII.
VIII.
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26 und 2 (Turnen)
27 und 1 (Turnen)
29
Eine Unterbrechung der täglichen Unterrichtszeit zum Zwecke einer kurzen Erholung
findet von der III. Cl. angefangen vormittags nach der 2. Unterrichtsstunde in der Dauer
von 15 Minuten, eine solche von 5 Minuten um 9 Uhr an der I. und II. Classe statt.
IV. Ferialtage während des Schuljahres.
a) Die Tage vom 24. Dezember bis incl. 1. Jänner (Weihnachtsferien)
b) Die Tage vom Mittwoch in der Charwoche bis incl. Osterdienstag (Osterferien)
c) Die Tage vom Samstag vor Pfingsten bis incl. Dienstag nach Pfingsten (Pfingstferien)
d) Sämmtliche kirchlich gebotenen Festtage sowie der 2. November (Allerseelentag)
Als besondere Feiertage der Schuljugend haben zu gelten:
a) Die Namenstage Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin (4. Oktober und 19.
November)
b) Je ein Tag oder zwei aufeinander folgende Halbtage zum Empfange der heiligen Sakra-
mente der Buße und des Altars.
Die Nachmittage des Mittwochs und Samstages sind schulfrei.
An allen übrigen Tagen des Schuljahres, welche nicht als Ferialtage bestimmt sind, ist
Schule zu halten und dürfen vom Stadtschulrathe nur bei vorkommenden außerordentli-
chen Gelegenheiten höchstens noch drei Ferialtage während eines Schuljahres gewährt
werden.
Hinsichtlich der sogenannten Hitzferien gelten die Bestimmungen des Magistratserlasses
vom 28. Februar 1887, Zl. 21.644."
(Ende des Auszugs aus der Schulordnung)
Hitzeferien gab es an den Volksschulen alljährlich,,in der Zeit vom 1. Juni bis 15. Juli an jenen
Tagen, an welchen die Temperatur der freien Luft im Schatten um 10 Uhr vormittags bereits auf
18 Grad gestiegen". An solchen Tagen war nachmittags freizugeben.
Feste und Feiern waren in St. Nikolaus schon immer beliebt.
Das erste Schulfest mit Musik veranstaltete der Magistrat der Stadt Innsbruck im Sommer 1871,
weitere folgten noch von 1872 bis 1874. Da an diesen Festen sämtliche Schüler der städtischen
Schulen teilnahmen, war die Überwachung sehr schwierig. So beschloß der Magistrat, den
Kindern anstelle des Festes eine andere Freude zu bereiten. Er spendete 50 Gulden für einen
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Der Neubau des St. Josefs-Knabeninstitutes unter der Leitung der Ehrw. Schulbrüder
zu Innsbruck.
Abb. 47: Das Malfatti-Institut zum hl. Josef in seiner ursprünglichen Gestalt.
Lithographie von C. Redlich
Original im Stadtarchiv Innsbruck
Kinderausflug. Seitdem wurden alljährlich von den Oberklassen kleine Ausflüge in Begleitung
mehrerer Lehrerinnen gemacht. Die beliebtesten Ausflugsziele waren:
Rechenhof, Natters, Tummelplatz, Aldrans, Kranebitten, Gramart, Hungerburg, Höttinger
Bild, Haller Salzbergwerk, Ahrntal, Judenstein; auch Rodelpartien wurden unternommen.
Die Chronik enthält in jedem Jahr das Kapitel „Schulfeierlichkeiten".
Der häufigste Feieranlaß waren Gedenktage, die mit dem Kaiserhaus in Verbindung standen.
Da wurden Klassenzimmer ausgeräumt, die Räume mit Blumen und Bildern geschmückt,
deklamiert und gesungen.
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2. 12. 1873:
24. 4.1879:
27. 11. 1879:
10. 5.1880:
10. 5. 1881:
27.12. 1882:
14. 5. 1889:
25jähriges Regierungsjubiläum Seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I.
Silberne Hochzeit Ihrer Majestäten
100. Gedenktag der Thronbesteigung Kaiser Josefs II.
Eröffnung der Arlbergbahn
Vermählung des Kronprinzen Rudolf mit Stephanie von Belgien
Gedenktag der 600jährigen Begründung der Habsburger-Dynastie in Öster-
reich
20 Jahre Volksschulgesetz
Anläßlich der Erstkommunion gingen die Kinder alljährlich in Begleitung ihrer Lehrerin, der
Herren Katecheten und der Schulleiterin über die Weiherburg nach Mühlau, verrichteten dort
eine kurze Andacht und wurden nach ihrer Rückkehr bei einer guten Jause mit Kommunionan-
denken beschenkt.
21. 5. 1891:
30. 4. 1892:
19. 9. 1898:
2.12. 1898:
30. 12. 1903:
9. 5. 1905:
30. 4.1906:
2. 12. 1908:
20. 2. 1910:
4. 10. 1910:
3. 7. 1914:
Gesangsproduktion der 6. Klasse vor folgenden Gästen: Landesschulinspek-
tor Dr. Hausotter, Bezirksschulinspektor Dr. Nitsche, Bürgermeister
Dr. Falk, Schulaufseher Riegl sowie mehrere Herren des Schulkomitees und
Gemeinderates. Der Bürgermeister versprach den Ankauf eines neuen Kla-
viers.
25jähriges Jubiläum des Pfarrers Karl Mayr
Trauergottesdienst für weiland Ihre Majestät die Kaiserin Elisabeth
50jähriges Regierungsjubiläum des Kaisers Franz Josef I.
Aus diesem Anlaß erhielt die Schule 50 Gulden zur Anschaffung von Klei-
dungsstücken für Bedürftige.
Die „Patronage zum Schutz unbeaufsichtigter Schulmädchen" veranstaltete
ihre erste Christbaumfeier. Kleidungsstücke und Eẞwaren für 78 Kinder
wurden verteilt.
Schillerfeier für die oberen Klassen
Besuch des Kinematographen von der 3. Klasse aufwärts
60jähriges Regierungsjubiläum Seiner Majestät Kaiser Franz Josef I.
Andreas-Hofer-Feier
80. Geburtstag Seiner Majestät
Trauergottesdienst für das Thronfolgerpaar Erzherzog Franz Ferdinand und
Sophie Herzogin von Hohenberg
Die Schülerzahlen (es gelten die Zahlen bei der Einschreibung des jeweiligen Schuljahres) waren
in den ersten Jahren nach der Eröffnung des Schulhauses sehr unterschiedlich.
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Waren es im Jahr
1873 226 Mädchen, so sank der Stand
1880 auf 191, stieg aber
1884 auf 282 und blieb in dieser Höhe, bis ab
1906 die Zahl 300 nicht mehr unterschritten wurde.
In der Zeit des Ersten Weltkriegs stieg die Schülerzahl über 400 an und erreichte im Jahre 1920
den höchsten Stand: 452 Mädchen.
Von nun an begann die Zahl wieder zu sinken.
Schulbeginn
1921 383 Mädchen
1922 367 Mädchen
1923 238 Mädchen
1924 noch 219 Mädchen. Von da an blieb die Zahl unter 200.
1937 betrug sie nur mehr 124.
Ab 1939 herrschten andere Verhältnisse, später wurden die Schulsprengel verändert, sodaß sich
die Zahlen nicht mehr vergleichen lassen.
II. Die Schuljahre während des Ersten Weltkrieges
Schuljahr 1914/15
Wegen der Installierung der elektrischen Beleuchtung in allen Klassen und wegen des Einbaus
von großen Kachelöfen in der ersten und vierten Klasse, wurde der Schulbeginn auf den 5.
Oktober verschoben.
Einschreibung: 383 Mädchen
Da die meisten Schulhäuser als Militärkrankenhäuser benützt wurden, brachte man die Mäd-
chenvolksschule von Dreiheiligen im Schulhaus von St. Nikolaus unter.
Ungeteilter Halbtagsunterricht und Verminderung der Wochenstundenanzahl wurden ange-
ordnet.
Infolge der Beteiligung der Lehrerschaft an der Brotkartenausgabe, entfielen im Frühjahr einige
Male drei Unterrichtstage.
Im Rahmen der Kriegsfürsorge beteiligten sich die Schülerinnen durch Anfertigen von warmen
Kleidungsstücken und durch Beistellen von Pfeifen, Rauchzeug und Fußlappen. An Wollsa-
chen wurden annähernd gearbeitet: 100 Paar Wollsocken, 70 Paar Kniewärmer, 90 Paar Wad-
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Abb. 48: Blick auf die neue Pfarrkirche (erbaut 1881/85), das Malfatti-Institut und - weiter rechts - das 1873 errichtete
Gebäude der Mädchen-Volksschule in seiner ursprünglichen Größe bzw. vor dem Erweiterungsbau von 1890/91.
Fotosammlung, Stadtarchiv Innsbruck
stutzen, 60 Paar Fäustlinge, 200 Paar Pulswärmer, 90 Schneehauben, 200 Schärpen, 40 Leibbin-
den, 24 Hemden, zwölf Beinkleider und einige Dutzend Taschentücher.
Als Italien am 23. Mai 1915 Österreich den Krieg erklärte, wurde das Schulhaus nach Pfingsten
seitens der Militärbehörde beschlagnahmt. Der Schulschluß fand am 1. Juni 1915 statt.
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Schuljahr 1915/16
Zur Einschreibung im Josefsheim fanden sich 375 Mädchen ein. Das Schulhaus wurde als
Militärspital verwendet.
Ende September wurde das Schulhaus in der Sillgasse wieder für Schulzwecke freigegeben;
unsere Schule übersiedelte nun in den zweiten Stock der Sillschule, mußte ihn aber mit der
Mädchenvolksschule Pradl abwechslungsweise teilen.
Die Patronage-Versammlungen (für 90 Mädchen) wurden vom Arbeiterinnenvereinshaus Inn-
straße 107 ins Stöcklgebäude des Schupferhauses in der Karlstraße verlegt, wo sie unter der
Leitung von Frl. Marie Schupfer unter großen persönlichen Opfern bis Mitte Juli durchgeführt
wurden.
Auch die Ausspeisung für die 60 bedürftigsten Kinder wurde bis in den Sommer fortgesetzt.
Wegen der außergewöhnlichen Preissteigerungen konnten viele Eltern die für den Schulbesuch
nötigen Schuhe nicht mehr beschaffen. Der Gemeinderat gewährte daher für sämtliche Schulen
5000 Kronen zum Ankauf von Schuhen. St. Nikolaus erhielt davon 342 Kronen, das waren 18
Paar Schuhe; 52 Paar Schuhe spendete der Vinzenzverein.
An der Kinderkriegswallfahrt von St. Jakob zum Tummelplatz und zurück, nahm eine große
Zahl unserer Mädchen unter der Begleitung ihrer Lehrerinnen teil.
Am 18. April fand unter fachmännischer Leitung eine allgemeine Feuerprobe im Schulhaus
statt.
Mit Beginn der österreichischen Offensive in Italien, am 25. Mai, wurden, mit Ausnahme des
Schulhauses in der Sillgasse, sämtliche städt. Schulhäuser vom Militär beansprucht. In diesem
einen Schulhaus wurden sechs Knabenschulen (Montag, Mittwoch, Freitag) und fünf Mäd-
chenvolksschulen und die Mädchenbürgerschule (Dienstag, Donnerstag, Samstag) unterrich-
tet. Lehrplan und Unterrichtszeit wurden verkürzt:
1. und 2. Klasse: 1 Stunde Religion, 2 Stunden Rechnen, 3 Stunden Unterrichtssprache
3. bis 7. Klasse: 1 Stunde Religion, 4 Stunden Rechnen, 7 Stunden Unterrichtssprache
Die Chronik berichtet ferner:
,,An der Kriegsfürsorge betätigten sich die Schülerinnen - meist der bedürftigen Volksschichte
angehörend - nach ihren Kräften, und zwar an der Kriegshilfsaktion, Gold gab ich für Eisen',
an der Zinn-, Blei- und Briefmarkensammlung sowie an der Sammlung von Erdbeerblättern."
,,Einzelne Schülerinnen der oberen Klassen erwirkten sich auf Grund einschlägiger Belehrun-
gen der Schule von den Eltern die Erlaubnis, ihr Erspartes auf die vierte Kriegsanleihe zu
zeichnen."
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„Zu Überführungszwecken Verwundeter, vom und zum Bahnhof, spendeten die Schülerinnen
der fünften und sechsten Kl. 53 Kopfpolster, die sie unter Anleitung ihrer Lehrerin Frl. A. Ha-
selsberger meist selbst herstellten."
„Zu Weihnachten wurden von der dritten Kl. an, von jeder Klasse einzelne Postkartons, gefüllt
mit Liebesgaben, durch die Sammelstelle,Innsbrucker Nachrichten' an die Soldaten an der
Südfront vermittelt, wofür Dankkarten der beschenkten Soldaten an die Klassen einlangten."
Die Aufzählung zeigt nur einen kleinen Teil der Opferbereitschaft der Kinder in St. Nikolaus.
Die Mitglieder des Lehrkörpers stimmten einem monatlichen Gehaltsabzug von ein Prozent in
der Zeit vom Nov. 1914 bis Dez. 1915 zugunsten der Kriegsfürsorge zu.
Vom 1. April 1916 beteiligten sich die Lehrerinnen mit einem Monatsbeitrag von zehn Kronen
an der Beschaffung billiger Lebensmittel für Bedürftige.
Am 15. Juni mußte plötzlich die Schule geschlossen werden, weil auch das Schulhaus in der
Sillgasse militärischen Zwecken überlassen werden sollte.
Schuljahr 1916/17
Zur Einschreibung - im Vereinshaus der Arbeiterinnen, Innstraße 107 - fanden sich 385 Mäd-
chen ein.
Nach Freigabe des Schulhauses durch das k.k. Militär und den entsprechenden Reinigungsar-
beiten konnte am 2. Oktober das Schuljahr mit dem Eröffnungsgottesdienst beginnen.
In der Chronik heißt es wörtlich:
„Am 22. Nov. 1916 wurde nach Einlangen der Trauernachricht vom Ableben Seiner Majestät
des Kaisers Franz Josef I. (gestorben am 21. November, neun Uhr abends) über Anordnung des
k. und k. Landesschulrates der Unterricht um 3/4 10 Uhr geschlossen und am 30. November,
dem Begräbnistag weiland Seiner Majestät, um acht Uhr früh ein Trauergottesdienst mit
Gedenkrede gehalten."
Am 19. Dezember hielten sich Kaiser Karl I. und Kaiserin Zita in Innsbruck auf. Die gesamte
Schuljugend Innsbrucks huldigte durch Aufstellung eines Riesenspaliers, vom Bahnhof durch
alle Straßen bis zur Hofburg, dem Kaiserpaar. Weißgekleidete Mädchen standen in den Gängen
und auf den Stiegen der Hofburg, 20 von unserer Schule.
Wegen Mangels an Brennmitteln mußten die Semesterferien bis zum 26. Februar verlängert
werden.
In diesem Schuljahr wurden die Brotkarten fünfmal (Freitag und Samstag) durch die Lehrerin-
nen ausgegeben.
Die Auszahlung der Stiftungsbeiträge zur Bekleidung armer Schulkinder wurde durch den
Stadtmagistrat aufgehoben, als Ersatz spendete man 250 Paar Schuhe mit Holzsohlen.
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VOLESSCHULE
ST.RIEGLAUS
A
Abb. 49: Das Gebäude der (Mädchen-) Volksschule St. Nikolaus, Innallee 3, heute. Der nordseitige Gebäudeteil mit der
Mittelachse (Hauptportal) und den drei Fensterachsen links vom Eingang, entstand erst durch den Erweiterungsbau von
1890/91.
Foto: Margarte Hye-Weinhart
Die Schulmesse an Werktagen wurde für die Kriegsdauer ausgesetzt.
Zum Thema Kriegsfürsorge gibt es zu berichten:
Über Anordnung des Landesschulrates wurde jeder Klasse ein Wehrschild aus Holz zur
Benagelung durch die Schülerinnen zugewiesen. Der Ertrag der Benagelung sollte dem Wit-
wen- und Waisenfonds gefallener Tiroler zugute kommen - Ertrag: 102 Kronen. 16 Schülerin-
nen beteiligten sich mit insgesamt 1000 Kronen an der fünften Kriegsanleihe. An der sechsten
Kriegsanleihe beteiligten sich sechs Schülerinnen durch je eine Lebensversicherung, eine durch
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eine Staatsanleihe. Die sog. Hellersammlung erbrachte 48 Kronen. Als Weihnachtsliebesgaben
spendeten die Schülerinnen 31 Kronen und etwas Rauchzeug.
In den Ferien wurde ein Teil der hortbedürftigen Kinder aufs Land geschickt. Für den Ferien-
hort meldeten sich nur 24 Kinder, manche mußten ihren Müttern beim Sammeln von Holz,
Beeren und dgl. sowie bei der Beschaffung von Lebensmitteln helfen.
Über behördlichen Auftrag mußten in jedem Klassenzimmer die „Vorsichtsmaßregeln bei
Fliegergefahr" angebracht und eine entsprechende Probe gehalten werden.
„Zu Beginn des Jahres 1917 wurde im Zimmer der Schulleitung ein Fernsprechapparat aufge-
stellt."
Trotz aller Schwierigkeiten ging der Schulbetrieb in den Kriegsjahren seinen geregelten Gang.
Wenn auch der Lehrplan gekürzt war, fanden Unterricht, Beurteilung, Inspektionen und
Konferenzen in gewohnter Weise statt.
Schuljahr 1917/18
Der Schulbeginn fand - mit 421 Mädchen - am 10. September statt.
In den Schuljahren 1916/17 und 1917/18 mußten viele Schülerinnen vom Besuch der ersten und
letzten Vormittags- oder Nachmittagsstunde, wegen Beschaffung von Lebensmitteln, wegen
des Besuchs von Kriegsküchen und dgl., befreit werden.
Brotkarten mußten in diesem Jahr nur zweimal von den Lehrerinnen verteilt werden, dann
wurde vom Gemeinderat eine andere Kommission bestellt.
Zu Schulbeginn gratulierten die Schülerinnen der Schulleiterin Anna Schuchter, weil ihr das
Kriegskreuz für Zivilverdienste verliehen worden war.
25. November 1917: Dankgottesdienst für die glückliche Errettung Kaiser Karl I. aus ernster
Lebensgefahr bei der Überquerung des Isonzo.
4. Februar 1918: Beerdigung des allgemein beliebten und geschätzten Pfarrers Josef Sigmund.
Die Schule verlor an ihm nicht nur einen ausgezeichneten Katecheten, sondern auch einen stets
opferbereiten, selbstlosen Kinderfreund, der für hilfsbedürftige und verwahrloste Kinder auch
in leiblicher Hinsicht sorgte, selbst wenn es über seine eigenen Kräfte ging.
Die Zahl der Erstkommunionkinder war 1918 besonders hoch: 80 Mädchen und 90 Knaben.
Nach dem üblichen Spaziergang war die Jause kriegsmäßig bescheiden, doch sehr erwünscht:
Polentapudding.
Gegen Ende des Schuljahres erhielten die oberen Klassen vom k.k. Kriegsfürsorgeamt Strick-
wolle zugewiesen, woraus die Mädchen 26 Paar Socken für die Soldaten an der Tiroler Front
strickten.
Auch in diesem Schuljahr zeichneten die Mädchen Kriegsanleihe, und zwar 24.000 Kronen für
die siebte Kriegsanleihe und Kinderversicherung.
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Einen Teil des Sammelgeldes von der Benagelung des Wehrschildes erhielten drei Kriegswaisen
unserer Schule. Den Soldaten wurden Bücher, Kalender und Zeitschriften ins Feld geschickt.
Schuljahr 1918/19
Beginn am 16. September mit 412 Schülerinnen; die erste, zweite und vierte Klasse werden
geteilt, die sechste und siebte Klasse zusammengelegt.
Der Turnsaal mußte als Klassenzimmer verwendet werden, der Turnunterricht entfiel.
Anfang Oktober bewirkte eine Grippe-Epidemie die Schließung der 4 a und der 5. Klasse. Drei
Schülerinnen starben, die Epidemie breitete sich weiter aus, und der Landesschulrat verfügte
die Schließung sämtlicher Schulen und Kindergärten in Innsbruck bis einschließlich 4. Novem-
ber. Wörtlich heißt es sodann in der Chronik:
,,3. 11.:
4.11.:
7. 11.
10.11.:
20. 11.:
Waffenstillstand zwischen Österreich und der Entente.
Über behördlichen Auftrag müssen wegen des Durchzugs des Militärs und mögli-
cher Einquartierungen wegen die städtischen Schulhäuser geräumt werden.
Ein bayrischer Baron wird in unserem Schulhaus einquartiert.
Abends verlassen die Bayern unser Schulhaus.
wird nach vorhergegangener Reinigung der Schulbetrieb wieder aufgenommen."
Wegen der langen Unterbrechung des Schulbetriebes wurden am Ende des ersten Quartals, am
1. Dezember, keine Schulnachrichten verteilt.
Mit Beginn des Jahres 1919 wurden in allen städtischen Volks- und Bürgerschulen die Klassen
mit 60 Schülern geteilt, und zwar so, daß die schwächer begabten Kinder in eine eigene Klasse,
die Förderklasse, kamen.
Die Mädchenschule St. Nikolaus hatte nun elf Klassen, sechs aufsteigende und fünf Parallel-
klassen.
Am 22. Februar 1919 mußten alle Direktoren der städtischen Bürgerschulen und die Leiter und
Leiterinnen der städt. Volksschulen in der Amtskanzlei des Bürgermeisters (Wilhelm Greil) das
Handgelöbnis auf den deutsch-österreichischen Staat ablegen.
Am 1. März nahm die Schulleiterin den einzelnen Mitgliedern des Lehrkörpers das Handgelöb-
nis ab.
Bei der Erstkommunion wurde beim festlichen Zug zur Kirche das Geläute der Glocken
schmerzlich vermißt sie waren als „Kriegsopfer gefallen".
1. Mai Staatsfeiertag (zum ersten Mal)
In der Chronik heißt es dazu wörtlich: „Zufolge Erlaß des Staatsamtes für Unterricht wird der
Tag schulfrei gegeben; den Schülern soll die Bedeutung des Tages unter Hinweis auf die
eingetretenen Veränderungen der letzten Zeit dargelegt werden."
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Ran
Love 1834
Bur Adaptinung des noven
Schulhauses zu
St. Nicolaus.
Furchschnell nach E. B.
Abb. 50 und 51: Pläne der Kleinkinderwartanstalt in St. Nikolaus bzw. des ehemaligen zweiten Bruderhauses, in welches
diese Anstalt 1854 übersiedelt ist. Im Garten rechts neben der Kinderwartanstalt Kat. Nr. 519 1/2 war damals, d. h. vor
1863 der Bau der neuen Knabenvolksschule geplant, welche dann aber auf der gegenüberliegenden Straßenseite errichtet
worden ist.
Stadtarchiv Innsbruck, Plan 210
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Situation bu var klin Kincerwartunstall.
5
in St. Nikolaus.
It's it. Me afsted in Situation
15
"
14
sup
Alexanea Läninger
7.519.
Flan Kincerwartanstull
A 5195
30
St
*
Beantragter Bauplatz zum
neuen Schuhlhause.
Stadtbauamt Jansbruck
Pr
Menken
19
Jakob Tiger.
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174/224
Am 8. Mai nahmen Hoch-, Mittel- und Volksschüler am Bergisel an der Kundgebung zur
Erhaltung Deutsch-Südtirols teil.
Und zum 13. Juni heißt es in der Chronik wörtlich:
„Trauerfeier in der Schule und Entfall des Unterrichts anläßlich der Veröffentlichung der
Friedensbedingungen, welche den Bestand des Landes Tirol zu vernichten drohen."
Am 5. Juli endete die städtische Schulkinder-Ausspeisung, die seit ihrem Bestand von Frau
Josefine Neurauter geleitet worden war. Frau Neurauter hat sich durch die umsichtige Führung
der Ausspeisung in St. Nikolaus unschätzbare Verdienste und den Dank der Bevölkerung
erworben.
Am 7. Juli begann die amerikanische Ausspeisung. Die Kinder saßen an langen Tischen - zuerst
im Mädchenschulhaus, während der Ferien im Knabenschulhaus; es hatten sich 314 Mädchen
gemeldet.
50 Schülerinnen kamen zu Ferienaufenthalten in die Schweiz, sieben nach Westendorf und zehn
nach Oberperfuẞ.
III. Die Zeit der Ersten Republik
Im Schuljahr 1919/20 stieg die Schülerzahl auf 419 an. Die ersten fünf Klassen wurden
geteilt, die sechste und siebte Klasse blieben ungeteilt, Klassenzahl also zwölf. Obwohl wie im
Vorjahr das Turnzimmer und ein Zimmer des Kindergartens als „Lehrzimmer" benützt wur-
den, mußten die zweiten Klassen Halbtagsunterricht (Wechselunterricht) haben.
Am 17. September begann die Ausspeisung des amerikanischen Kinderhilfswerks im eigenen
Schulhaus für 300 Mädchen.
12. November 1919: Nationaler Feiertag zum Gedenken an die Ausrufung der Republik am 12.
November 1918.
Anfang Dezember wurden alle Mädchen gemessen und gewogen, mit dem Ergebnis, daß 400
von ihnen an der Ausspeisung teilnehmen durften.
Die Weihnachtsferien wurden wegen Kohlenmangels bis zum 12.1.20 verlängert.
Ende Jänner befanden sich 56 Mädchen in Erholungskolonien in der Schweiz und in Bayern.
Als sie zurückkehrten, fuhren abermals mehr als 50 Mädchen ab, wodurch der Lernfortgang
erheblich gestört und verlangsamt wurde.
Laut Zuschrift des Stadtschulrates wurde der Schulleiterin, Anna Schuchter, vom Bundesmini-
sterium für Inneres und Unterricht der Titel „Direktorin" verliehen.
Am 14. Februar schloß das erste Halbjahr. Es gab keine Semesterferien. Statt der viertelj.
Ausgabe von Schulnachrichten wurden von nun an Halbjahreszeugnisse ausgegeben.
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19. 2. 1920: „Mit Erlaß des Unter-Staats-Sekret. vom 19. Februar 1920 wird den def. Lehre-
rinnen der Titel FRAU verliehen."
Mit Beginn des Schuljahres 1920/21 übernahm Frau Ida Hellebrand die Schulleitung der nun-
mehr zwölfklassigen Volksschule mit 452 Schülerinnen.
Am 24. September wurde die Ausspeisestelle vom Schulhaus in den Innrain verlegt.
Zum Gedenken an die Annexion Südtirols wurde am 9. Oktober eine Trauerfeier abgehalten.
Auf Allerheiligen schmückte die Schuljugend die Heldengräber am Ostfriedhof. Von unserer
Schule nahmen die oberen Klassen teil.
12. 11.: Gedenkfeier zur Erinnerung an die Ausrufung der Republik.
An den Patronage-Versammlungen unter der Leitung der ehemaligen Schulleiterin, Frau
Direktor Anna Schuchter, nahmen 130 Schülerinnen teil.
an arme
Am 23. Dezember erfolgte die Verteilung der von der Stadt gespendeten 600 kg Äpfel
Schulkinder. Die seit dem Jahre 1892 in der Chronik erwähnte jährliche Impfung unterblieb in
diesem Schuljahr wegen eines Streikes der Ärzte. Am 24. Juni fand ein Elternabend statt;
Thema „Das Kind und die Arbeit". Dabei wurde von den Eltern der Beschluß gefaßt, an die
Gemeinde mit der Forderung heranzutreten, Turnsäle und Spielplätze zu errichten.
Beide Forderungen waren von den Lehrkörpern der Mädchen- und Knabenvolksschule schon
früher erhoben worden.
Anfang Oktober des Schuljahres 1921/22 nahm der Lehrkörper der Mädchenschule an einer
Protestversammlung der Innsbrucker und Höttinger Lehrerschaft teil und erklärte sich schrift-
lich solidarisch, im Falle der Nichterfüllung ihrer Vorschußforderung in der restlosen Durch-
führung der Automatik mit voller persönlicher Verantwortung in Streik zu treten. Der ange-
drohte Demonstrationsstreik fand dann vom 17. bis 20. Oktober 1921 statt.
Damit scheint zum erstenmal eine Kampfmaßnahme des Lehrerstandes in der Schulchronik
auf.
Vor Allerheiligen wurden fünf Leiterwagen mit Kränzen und Girlanden als Schmuck für die
Heldengräber in der Klosterkaserne abgeliefert.
Wie schon in den Vorjahren nahm auch in diesem Schuljahr der Abschnitt,,Wohlfahrtseinrich-
tungen und Geschenke" in der Chronik breiten Raum ein:
Außer den Versammlungen der Patronage schienen Spendenaktionen des Amerikanischen
Roten Kreuzes, einer dänischen Firma, von bekannten und unbekannten Wohltätern, von
amerikanischen Kindern und vom Landesverband Barmherzigkeit auf.
Der Lehrkörper spendete für Lehrmittel, Abbrändler und den Jugendfürsorgeverein.
Am 21. Januar fand anläßlich des 50. Todestages Franz Grillparzers eine Schulfeier statt.
173
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R
Abb. 52: Auf dieser alten Photographie, welche noch die 1881 abgerissene alte Pfarrkirche von St. Nikolaus zeigt, ist
links unterhalb davon noch das alte Gebäude des ehemaligen Bruderhauses bzw. der Kinderwartantalt, Innstraße 97, zu
erkennen.
Fotosammlung, Stadtarchiv Innsbruck
Am Ende des Schuljahres erhielten die beiden Schulen in St. Nikolaus einen gemeinsamen
Spielplatz in der Pension Kayser am Hohen Weg, der am 8. Juli von der gesamten Schuljugend
besichtigt wurde.
Auch im Schuljahr 1922/23 wurde am 10. Oktober die übliche Trauerkundgebung zur Erinne-
rung an die Annexion Südtirols durchgeführt, ebenso in den folgenden Jahren, letztmals am 10.
Oktober 1937.
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Zu Allerheiligen besuchten die Kinder die Kriegergräber, sie hatten 150 Kränze gewunden.
Am 20. Dezember veranstaltete die Vereinigung St. Nikolaus für die Knaben- und Mädchen-
schule im Arbeiterinnenheim eine Christbaumfeier.
Im März 1923 wurde mit den Schulbrausebädern begonnen, an denen 105 Schülerinnen teilnah-
men. Ein Bad kostete 500 Kronen, für Mittellose war es jedoch kostenlos. Das Schulbad war in
der Bürgerschule in der Jahnstraße untergebracht und wurde jährlich circa acht- bis zehnmal
besucht.
Am 24. 3. brachte eine Elternabstimmung betreffend die Unterrichtszeit folgendes Ergebnis:
Geteilter Unterricht bis zum 1. Mai, dann ungeteilter Unterricht. Am 27. März 1923 verstarb
die verdiente Oberlehrerin Marie Schuler, die 30 Jahre an der Mädchenvolksschule gewirkt
hatte. Aus diesem Anlaß widmete der Lehrkörper dem Landesverein Kinderheimstätten
100.000 Kronen.
Bis zum Jahr 1927 vermerkt die Chronik kaum ein herausragendes Ereignis.
Zu erwähnen ist jedoch die Eintragung, daß auf Wunsch der Schulbehörde monatlich ein
Elternabend stattzufinden habe. Wegen zu geringer Teilnahme der Eltern reduzierte sich die
Anzahl aber auf circa drei pro Schuljahr.
Und: Am 6. Mai 1927 wurde die Signaluhr installiert.
Aus den folgenden Schuljahren sei an wichtigen Fakten vermerkt:
Ab dem Schuljahr 1927/28 bestand die Schule nur noch aus vier aufsteigenden Klassen, an
welche sich dann die Hauptschule anschloß.
Nach dem ersten Elternabend wurden in der Konferenz Sprechstunden vereinbart, da sie dem
Lehrkörper zielführender erschienen.
Im Oktober 1927 wurde erstmals Schulmilch ausgegeben. Vom 25. Oktober bis zum 3.
November 1928 mußten zwei Klassen wegen Scharlach geschlossen werden.
12. November 1928: Zehn Jahre Republik (Staatsfeiertag)
19. November 1928: Schulfeier anläßlich des 100. Todestages Franz Schuberts
Vom 16. Februar bis zum 24. Februar 1929 gab es Kälteferien. Die vierte Klasse war als
Wärmestube von acht bis zwölf und von zwei bis vier unter Aufsicht geöffnet.
Im Mai 1930 wurde die Leiterin der Schule, Frau Ida Hellebrand, mit dem Titel Direktor
ausgezeichnet.
Am 24. September 1930 vermehrte sich die Zahl der Klassen durch die Abschlußklasse, welche
nachträglich der Schule zugewiesen wurde, auf fünf.
Eine Umfrage bei den Eltern, ob Klassenelternabende oder gelegentliche Aussprachen
erwünscht seien, ergab eine Zweidrittelmehrheit zugunsten der letzteren.
Der 6. Dezember wurde laut Erlaß des Stadtschulrates als Festtag (Patrozinium) für St. Niko-
laus erklärt.
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Vor Weihnachten erhielten die Kinder der ersten Klasse - wie schon im Vorjahr-Sparkassegut-
scheine; nach Weihnachten gingen sie unter Führung von Lehrerin Haselsberger in die Stadt-
sparkasse und erwarben durch kleine Einlagen ein Sparkassenbüchlein und „Heimsparkassen"
(= Sparbüchsen).
Am 14. März 1931 entstand unter dem Ofen der Abschlußklasse im ersten Stock ein Schwel-
brand. Die Klassen wurden entlassen, die Feuerwehr hackte den Boden auf, und um 13.30 Uhr
war der Brand vollständig gelöscht.
Mit Beginn des Schuljahres 1931/32 wurde Frau Adelheid Haselsberger zur Oberlehrerin und
Leiterin der Schule ernannt. Der in den Ruhestand getretenen Direktorin, Frau Ida Hellebrand,
wurde für ihr ausgezeichnetes Wirken vom Bundespräsidenten das Silberne Verdienstzeichen
der Republik Österreich verliehen.
Die Schule war nun wieder vierklassig, weil die Abschlußklasse der Sillschule zugeteilt wurde.
Es waren jedoch zwei Klassen der Mädchenhauptschule Dreiheiligen wegen Platzmangels in
unserem Schulhaus untergebracht.
Am 30. Januar 1932 fand über Wunsch des Stadtschulrates ein Elternabend statt, der sich mit
der Zuweisung von Schülerinnen, die im Stadtgebiet wohnten, an die Hauptschule Hötting
befaßte. Vom Beginn des Schuljahres 1932/33 an wurden dann folgende Straßen bzw. Straßen-
teile der Hauptschule Hötting zugewiesen: Die Höttinger- und Kirschentalgasse, soweit diese
im Stadtgebiet lagen, die Mariahilfstraße, die Schießangergasse und die Häuser der Innstraße
mit den ungeraden Nummern von 1 bis einschließlich 43.
Am 16. März 1932 fand anläßlich des 100. Todestages Goethes im Singsaal eine Schulfeier statt,
ebenso am 31. März zum 200. Geburtstag Haydns.
Im Schuljahr 1932/33 waren im Schulhaus drei Hauptschulklassen untergebracht, da der Neu-
bau der Hauptschule in Pradl noch nicht fertiggestellt war.
Mit Beginn dieses Schuljahres wurden die Bedürfnisse an Kanzlei- und Klassenbehelfen sowie
an Freilernmitteln durch das neu errichtete städtische Schul-Ökonomat gedeckt.
Im April wurde ein Tag der Musikpflege durchgeführt. Mit Erlaß des Landesschulrates wurde
angeordnet, daß das Schuljahr durch eine Feier mit besonderer vaterländischer Betonung zu
schließen sei.
Auch im Schuljahr 1933/34 waren drei Klassen der Hauptschule Dreiheiligen in unserer Schule
untergebracht.
Wie im Vorjahr die vierte Klasse wurde im November 1933 die erste Klasse wegen Diphtherie
eine Woche geschlossen. Auch heuer wurden wie in den vergangenen Jahren - jeweils am
Mittwoch- und Samstagnachmittag im ersten Stock und fallweise auch im Turnsaal Hortstun-
den abgehalten.
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Am 7. Oktober wurde zur Erinnerung an die Befreiung aus der Türkennot vor 250 Jahren eine
Schulfeier abgehalten.
Vom 13. bis 17. Februar 1934 wurde die Schule über Anordnung des Bundesministeriums
wegen politischer Unruhen geschlossen. Am 20. Februar gedachte man in einem Gottesdienst
und in einer Gedächtnisstunde der Februar-Gefallenen.
Und wörtlich heißt es in der Chronik:
,,Nach dem Schlußgottesdienst (am 7. Juli 1934) versammelten sich die Knaben und Mädchen
im Hofe des Knabenschulhauses und leisteten nach einer Ansprache des Oberlehrers Weithaler
und Singen der Bundeshymne den Fahnengruß."
Die seit dem Jahre 1923 üblichen Schulbäder in der Jahnstraße wurden im Jahr 1934 infolge
notwendiger Sparmaßnahmen im städtischen Haushalt eingestellt.
Die von der Vaterländischen Front im Auftrag der Bundesregierung durchgeführte Ferienak-
tion (,,Kinder aufs Land",,,Kinder ins Burgenland") erfaßte auch Schülerinnen unserer Anstalt.
Im Schuljahr 1934/35 berichtet die Chronik eine Fülle wichtiger Gegebenheiten:
Die Schülerzahl ist auf 132 Mädchen gesunken.
Mit Beginn des Schuljahres wurde für die Monate September, Oktober und März bis Schul-
schluß die Werktagsschulmesse wieder eingeführt; die nicht entschuldigten Versäumnisse der
religiösen Übungen sollen wie die nicht entschuldigten Schulversäumnisse behandelt werden.
Nach entsprechender Belehrung wird am 26. September eine Luftschutzübung abgehalten.
Am 5. Oktober fand anläßlich des Dollfuß-Gedenktages nach einem Schulgottesdienst eine
gemeinsame Feier der Knaben- und Mädchenschule statt, bei der Oberlehrer Weithaler, ein
Freund und Kriegskamerad des ermordeten Bundeskanzlers, die Gedenkrede hielt.
„Infolge der Notlage der Stadt konnte die bisher gewährte Freimilch nicht mehr gespendet
werden. Dafür erhielt die Schule durch die Vaterländische Front vom 1. Februar an durch 60
Tage 40 Glas Milch oder Kakao für jene bedürftigsten Kinder, deren Eltern ihnen kein oder kein
ausreichendes Frühstück geben konnten."
,,Durch die Mitwirkung des Lehrkörpers, mancher besser gestellter Eltern, fleißiger Kinder
und vieler Wohltäter konnte die von der Vaterländischen Front angeregte Winterhilfe, die von
der Schulleitung gemeinsam mit dem Jugendamte durchgeführt wurde, wirklich erfolgreich
gestaltet werden..."
Am 3. März Teilnahme der vierten Klasse und des Lehrkörpers am Begräbnis des Landeshaupt-
mannes Dr. Franz Stumpf.
Über Wunsch des Bundesministeriums für Unterricht wird am Tag der Musikpflege der Kom-
ponisten Bach und Händel gedacht.
Am Tag der Erstkommunion am Weißen Sonntag fand am Nachmittag wieder ein Ausflug mit
Bewirtung und Beschenkung durch die Vereinigung St. Nikolaus statt.
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1935
Um und Zubau des Bunderhauses
2452
eines Kindergartens
u. Industrieschule in StoVuolaus
9
Vordere Ansicht
Querschnitt B
225
200
Stadtbanemt Innsbruck
74
Blankelten
Sundriss des Fundamentes
Plasthanamt Innsbruck ene Inti 1886
Gebote
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Langenschnitt
Um und Zubau des Bruderhauses zur
Herstellung eines Kindergartens und
Indusrieschule in St Nicolaus
Hauptfacade
Stadtkaniant Sunstuck im Tali 1886
Stadtbauomt Jnnsbrud
74
Dlankalton 123/3
Rotencegal
Abb. 53 und 54: Nachdem das Gebäude des ehemaligen Bruderhauses bzw. seit 1854 der Kinderwartanstalt 1886
kaufweise in den Besitz der Stadtgemeinde Innsbruck gelangt ist, wurde es zum ersten städtischen Kindergartenge-
bäude umgebaut und erhielt seine heutige Gestalt.
Originalpläne von 1886, Stadtbauamt: links - Südfassade und Grundriß, rechts - verlängerte Ostfassade
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1. Mai: Tag des Neuen Österreich, schulfrei.
Durch das Sinken der Schülerzahl und die notwendig gewordenen Sparmaßnahmen droht die
Gefahr eines Klassenabbaues an der Mädchenschule. Es sind mehrere Lösungsmöglichkeiten
im Gespräch (Zusammenlegung einer Klasse mit einer Knabenklasse, Aufteilung einer Klasse
auf andere Mädchenklassen, Einführung des Abteilungsunterrichts). Die Eltern verlangen
einen Elternabend und treten dabei (am 31. Mai) vehement für die Erhaltung der vier Klassen an
der Mädchenschule ein. Die Entsendung einer Elternabordnung zu den maßgebenden Behör-
den wird einmütig beschlossen.
Im Schuljahr 1935/36 sind in der Chronik verschiedene Jugendgruppen genannt: Die Jugend-
gruppe Jung Vaterland, die Ostmarkjugend, die Kongregation und die Jugendwandergruppen
des Alpenvereins.
Die Mittagstischaktion der Herma-v.Schuschnigg-Fürsorge unter der umsichtigen Führung
der Fr. Landeshauptmann J. Schumacher hat sich segensreich ausgewirkt. Ein Teil wurde im
Kinderheim Mariahilf und in den Gasthäusern,,Engl“ und „Goldenes Kreuz" ausgespeist. Die
Frühstückszuteilung der Vaterl. Front (1 Glas Milch, 1/8 kg Schwarzbrot) erfolgte ab 15.
Januar 1936 durch 60 Tage, vor- und nachher sandten Kinderfreunde eine gleiche Spende an
jene Mädchen, die daheim kein ausreichendes warmes Frühstück erhielten. Durch die Winter-
hilfe wurde wieder vielen bedürftigen Kindern geholfen. Im Schuljahr 1936/37 wurden die
Aktionen Frühstück der Vaterl. Front", "Mittagstisch der H. Schuschnigg-Aktion" und die
,Winterhilfe" mit vielen Spendern fortgesetzt. Die Vereinigung der zwei Jugendgruppen „Ost-
markkinder“ und „Jung Vaterland" wirkte sich günstig aus, da Reibungsflächen verschwanden.
Am 8. Mai wurde eine kleine Muttertagsfeier gehalten. Außer Röteln, Masern, Mumps, gab es
in diesem Jahr auch Fälle von Scharlach und Diphtherie, weshalb die dritte und vierte Klasse für
je zehn Tage geschlossen bleiben mußten. In den Hortstunden der Mädchenpatronage - am
Mittwoch und Samstag nachmittag - und in den Heimstunden des Jungvolkes - an Montagen
von vier bis fünf Uhr standen die Kinder unter tüchtiger und fröhlicher Leitung.
"
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IV. Die Zeit des Dritten Reiches
Wörtlich heißt es in der Chronik:
,,Das Schuljahr 1937/38, welches mit dem Hl. Geistamt am 16. September 1937 begann und am
2. Juli 1938 endete, stand unter dem Einfluß gewaltiger Ereignisse und Veränderungen. Seit
dem 13. März 1938 ist Österreich ein Teil des Deutschen Reiches, welches durch diesen
Zuwachs Großdeutschland wurde."
Besondere Ereignisse:
9. 10. 1937: Landestrauertag (wie seit dem Jahre 1920)
Im Oktober blieb die erste Klasse wegen Diphtherie zehn Tage gesperrt.
6. 11. früherer Schluß des Unterrichts wegen der vaterländischen Weihestunde im Stadtsaal
6. 12.: Nikolaustag
8. 12.: Fest Maria Empfängnis
24. 12. bis einschl. 2. 1. 1938: Weihnachtsferien
14., 15. und 16. 2. Semesterferien
An der feierlichen Erstkommunion (der letzten bis 1946) beteiligten sich auch die Mädchen der
höheren Klassen.
Die Heimstunden des Jungvolkes endeten mit einem fröhlichen Faschingsabend im Februar.
Am 11. März waren mehrere Straßen wegen der Aufmärsche gesperrt, sodaß es der Chronistin
und Leiterin der Schule nur schwer möglich war, zum Nachmittagsunterricht in die Schule zu
gelangen. Um die Kinder nicht in Gefahr zu bringen, schloß sie den Unterricht früher.
16. 3. 1938: Nach Einübung der deutschen Lieder war im Hof des Knabenschulhauses eine
Schulfeier.
22. 3. 1938: Vereidigung der Lehrkräfte durch Landeshauptmann E. Christoph im Großen
Stadtsaal
5. und 6. April: Hitler in Innsbruck - schulfrei
20. 4.: Schulfeier zu Hitlers Geburtstag
10. 5.: Hitler, aus Italien kommend, auf der Durchreise. Die Chronik:
,,Die Kinder, die ihn am 5. 4. wegen der Dunkelheit auf der Straße nicht sehen konnten,
erwarteten in der Nähe des Greisenasyls den Zug. Es hieß wohl, er müsse Ruhe haben, er
schlafe und die Vorhänge seines Wagens seien zugezogen. Deshalb standen die Kinder schwei-
gend und mäuschenstill auf der sonnigen Wiese. Aber als der Zug langsam vorbeifuhr, da
deuteten einige Herren mit der Hand nach dem folgenden Wagen. Und - da stand wirklich der
Führer am geöffneten Fenster, lachte und hob die Hand zum Gruß. Man kann sich denken,
welcher Jubel da losbrach! Den Tag werden wir alle nie vergessen. Gott schütze und segne
unsern Führer!"
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48 lansbruck Vorstadt St. Nicolaus
Abb. 55: Blick vom Innsteg auf den Ansitz Zederfeld (= Villa Kayser) und die Weiherburg mit dem ehemaligen
Steinbruch und der alten,,Hungerburg". In den Grünanlagen der 1918 von der Stadt angekauften Villa Kayser entstand
1930 der städtische Kinderhort,,Kaysergarten".
Fotosammlung, Stadtarchiv Innsbruck
Im zweiten Halbjahr wurden viele Mädchen zur Erholung ins „Altreich" eingeladen, weshalb
das Lehrziel manche Einschränkung erfuhr. Vorher wirkte die „Winterhilfe" segensreich wie
seit Jahren. Die NSV übernahm die Aktionen der Vaterländischen Front und der Herma
Schuschnigg.
Das Schuljahr 1938/39 begann erst am 26. September. (Wegen der Besetzung des Sudeten-
landes).
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Die Betreuung der bedürftigen Kinder übernahm die NSV. Am 6. Dezember begann die
Suppenausspeisung, für die ein unbenütztes Lehrzimmer im ersten Stock als Küche und
Eẞraum verwendet wurde; die Verschickung der Kinder zur Erholung wurde laufend durchge-
führt.
Schulfreie Tage und besondere Ereignisse:
30. 9. 1938: während des Unterrichts Luftschutzübung
20. 10.: ab 1/2 10 Uhr wohnten die Kinder in der Maria-Theresien-Straße dem Einzug der
Truppen bei, die aus dem Sudetenland heimkehrten.
31. 10. Bezirkslehrerkonferenz - schulfrei wie bisher
Allerheiligen, Allerseelen - schulfrei
9. 11. Schulfeier zu Ehren der November-Gefallenen
24. 12. 2. 1. Weihnachtsferien
3. 1.: Beginn des ungeteilten Unterrichts
21. 1. 28. 1.: Sperre der 3. Klasse wegen Scharlach
30. 1. Feier zur Erinnerung an die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler des Deutschen
Reiches 1933.
13. 3.: Jahrtag der Vereinigung der Ostmark mit dem Altreich
20. 3: schulfrei anläßlich der Rückkehr des Führers aus dem Schutzgebiet Böhmen und
Mähren
5. 4. 11. 4. Osterferien
20. 4. Geburtstag des Führers
29. 4. Maifeier - Fahnenhissung, Spruch, Gruß, Lied, 1. Mai - schulfrei, 18. Mai: Christi
Himmelfahrt, 27. - 30. Mai: Pfingstferien, 14. 6: Maiferialtag - wie bisher ein Tag im Mai,
8. Juni: Fronleichnam, 4. Juli: Schulausflug, 8. Juli 1939: Schulschluß.
Zu Beginn des Schuljahres 1939/40
wurden in der Ostmark wegen der Luftgefahr (Krieg gegen Polen) die Ferien ausgedehnt
(Befehl Görings).
18. 9. 1939: Schulbeginn mit Klassenverteilung
19. 9. 1939: Erste Schulfeier und erster Unterricht.
Im Schulhaus waren statt des Kindergartens untergebracht:
Im Erdgeschoẞ:
NSDAP Ortsgruppe Hötting Ost, DAF, städt. Gesundheitsamt, Mutterberatungsstelle,
Küche
Im ersten Stock:
SA Sturm, Frauenschaft, WHW Küche. Die städt. Gaumusikschule benützte Mo, Mi und Fr
nachmittags den Singsaal, eine Kindergruppe am Do nachm. das Zimmer der dritten Klasse.
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Die Schule wurde in diesem Jahr sechsklassig, erhielt zeitgemäße Lehrmittel und passende
Bücher für die Lehrer- und Schülerbücherei.
Die Versäumnisse waren sehr hoch. Ursache waren einerseits Krankheiten wie Mumps, Keuch-
husten, Masern und Scharlach, andererseits die vielen Erholungsverschickungen, wodurch die
Kinder vier bis sechs Wochen versäumten. Leider riß auch durch die vielen Verschickungen
eine gewisse Gleichgültigkeit ein, daher gab es viele unentschuldigte Versäumnisse.
Die gegen Ende des Schuljahres verschickten und die später eingetretenen Kinder, z. B. solche
aus Südtirol, konnten in manchen Fällen nicht beurteilt werden und mußten zu Beginn 1940/41
eine Prüfung machen.
Die NSV führte auch in diesem Winter - trotz des Wegfalles der Pfundspende und trotz der
Lebensmittelkarten - die Suppenausspeisung durch.
Ein neues Lehrmittel kam in Gebrauch: Nachdem die Lehrkräfte mit dem Schmalfilm-Gerät
vertraut geworden waren, erhielt die Schule jeden Monat vom 21. - 28. einen Apparat zur
Verfügung, um Laufbilder vorführen zu können.
Die Märchen- und Tierfilme riefen das größte Entzücken der Kinder hervor.
Zeitgeschehen und Schulereignisse im Schuljahr 1939/40
1. Woche: Schulräume müssen erst freigemacht werden, Bänke und Bücher fehlen.
16. Woche: Mitschülerinnen aus Südtirol kommen in die Klassen. 20. Woche: Sportwoche (=
Kohlenmangel) 23. Woche: Stunde der Berufsberatung in der sechsten Kl. 26. Woche: Gedenk-
tag der Heimkehr der Ostmark. Hitler wird auf seiner Rückreise vom Brenner, wo er mit dem
Duce sprach, von JM begrüßt.
33. Woche: 1. Mai, 2. Mai (Christi H.) frei. Luftschutzübung - wir suchen den Luftschutzkel-
ler auf (Gasthof Stern).
25. Mai: HJ Wettkämpfe - Sportfest - schulfrei
18. 6. Der Duce reist durch - 1/2 10 Schulschluß
24. 6.: Prüfung in die Hauptschule
25. 6.: Schulfeier anläßlich der Unterzeichnung des Waffenstillstandes mit Frankreich.
Im April kleine Schulausstellung -,,Hilf mit" - Wettbewerb. Zwei Diplome bei der nachfolgen-
den Gauausstellung für gute Schülerarbeiten
Im Schuljahr 1940/41, das am 16. September 1940 begann, übten die weltgeschichtlichen Ereig-
nisse starken Einfluß auf Erziehung und Unterricht aus.
Das Schuljahr wurde in Trimester eingeteilt:
Erstes Trimester bis Weihnachten, zweites bis Ostern, drittes bis Schulschluß.
Die Schulräume waren ausgenützt wie im Vorjahr.
Zöglinge der LBA (Lehrerbildungsanstalt) übernahmen für kurze Zeit Vertretungen der Lehr-
personen. Sie waren als „,Wochengäste" der Schule zugewiesen, weil sie in der Wurnigstraße zu
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Abb. 56: Die ehemalige Freiwillige Feuerwehr von St. Nikolaus bildete die III. Kompanie der Freiwilligen Feuerwehr
der Stadt Innsbruck. Im Bild die Kompanie St. Nikolaus, angetreten zur Herbstübung im Oktober 1935 mit der
Landfahrspritze.
Fotosammmlung, Stadtarchiv Innsbruck
wenig Gelegenheit zum Zuhören und zu Lehrproben fanden, weil ihre Zahl so groß war. Sie
hospitierten und lehrten in der ersten, zweiten und dritten, ab und zu auch in höheren Klassen.
Vorübergehend besuchten Kinder aus luftgefährdeten Gebieten bei uns die entsprechenden
Klassen.
Das Schuljahr 1941/42 wurde wieder in zwei Semester geteilt. Die Schule hatte wegen zu
geringer Einschreibergebnisse keine erste Klasse. Die zwölf Mädchen besuchten zum Teil die
erste Klasse an der Knabenvolksschule.
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Wegen eines schweren Augenleidens mußte die Lehrerin Anna Lachmann um Pensionierung
ansuchen. Durch ihre künstlerischen Zeichnungen hat sie der Schule wertvolle Lehrmittel
geschaffen. Die Kindergärtnerin Mathilde Plankensteiner wurde in Lachmanns Klasse als
Schulhelferin eingesetzt.
Die geringe Schülerzahl einerseit und der Mangel an Lehrkräften andererseits führte nach Ende
des Schuljahres zur Zusammenziehung der Mädchenschule mit der Knabenvolksschule unter
der Leitung des Rektors Josef Rainer.
Die Leiterin der Mädchenvolksschule und Chronistin, Adelheid Haselsberger, wurde zu
Beginn des nächsten Schuljahres als Leiterin in die Mädchenvolksschule Innere Stadt, Wurnig-
straße 7, berufen.
Nachwort der Chronistin:
,,Die Schule St. Nikolaus ist derzeit wie alle Schulen im Innern der Stadt geschlossen; nur an
den Randschulen, die in der Nähe eines Stollen liegen, wird unterrichtet. Ich wirke seit 7.
Februar 1944 an der Volksschule in Amras."
V. Von der Nachkriegszeit zur Gegenwart
Beim ersten großen Bombenangriff auf Innsbruck am 15. Dez. 1943 wurde auch das
Schulhaus der Knaben- und Mädchenvolksschule St. Nikolaus getroffen. Die Nordostfront
wurde von oben bis unten aufgerissen und alle Fenster zertrümmert. Diesem Angriff war auch
der allseits beliebte und verdiente Leiter der Schule, Oberlehrer Rainer, samt seiner Frau und
zwei Kindern in seiner Wohnung im sogen. Lehrerhaus am Westbahnhof zum Opfer gefallen.
Die sich wiederholenden Angriffe geboten von einer Wiederinstandsetzung des Hauses und
Wiederaufnahme des Unterrichts abzusehen. Die Kinder wurden größtenteils auf das Land
gebracht und erhielten dort in Kinderlandverschickungsheimen und in den verschiedenen
Landschulen Unterricht. Die unbeschädigten Räume wurden für die NS-Partei, Militär- und
Gefangeneneinquartierungen, Technische Nothilfe, Krankenkassenkanzlei, Möbeldepots für
Ausgebombte und anderes verwendet.
Als im Mai 1945 der Zusammenbruch des Dritten Reiches erfolgte, wurde das Schulhaus
Freiquartier und Plünderobjekt für die nun freien, ausländischen Gefangenen und Verschlepp-
ten sowie afrikanische Besatzungssoldaten. Die große Küche mit den drei Herden, das Eß- und
Nähzimmer im Parterre wurden geplündert, die übrigen Räume zu jeder Tageszeit aufgebro-
chen und alles, was irgendwie brauchbar war, mitgenommen. Der Schulwart, Herr Trutsch-
nigg, mußte froh sein, wenn man ihn selbst in Ruhe ließ und nicht alles zusammenschlug.
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Weder Polizei noch Besatzungsmacht schritten ein. Wenn ein großer Teil des Schulinventars,
vor allem Schreibmaschine und Filmapparat erhalten blieben, ist es der Klugheit und Umsicht
des Schulwartes und seiner Frau zu danken. Über den Sommer wurden dann die nicht beschä-
digten Räume für den Schulbetrieb hergerichtet.
Am 1. Oktober 1945, nach fast zweijähriger Pause, begann wieder der Unterricht in St. Niko-
laus. Wieder waren Knaben und Mädchen unter einem Dach, weil in der Knabenschule am
Innsteg ungarische Flüchtlinge hausten.
Für die Schulleitung der Knabenschule war Oberlehrer Martin Singer, für die Mädchenschule
Frau Ida Marchel bestellt.
Am 4. Dezember wurden aber die Klassen mit niedrigen Schülerzahlen zusammengelegt, um
Heizmaterial zu sparen, sodaß drei gemischte Klassen (Knaben und Mädchen) entstanden, also
eine gemischte Schule mit sechs Klassen. Die Schulleitung übernahm Obl. Singer.
Das war ein Anfangen! Der größte Teil der Kinder war seit Weihnachten 1943 auf dem Land
gewesen. Nun strömten sie aus allen Teilen Tirols zurück. Die einen hatten eine gute, die
anderen eine schlechtere, manche gar keine Schule besucht. Es fehlte an Schreibrequisiten,
Büchern, Hefte gab es nur gegen Bezugsscheine. Dabei war das Papier so schlecht, daß man
keine Tinte benützen konnte.
Die Schulbücher aus der nationalsozialistischen Zeit waren ausnahmslos ausgeschieden
worden.
Schlecht war es auch mit Beleuchtung und Heizung. Der Großteil der Fensterscheiben bestand
aus Pappendeckel. Es herrschte ein gespenstiges Halbdunkel, weshalb den ganzen Tag das
Licht brennen mußte. Heizmaterial fehlte zum Großteil, die Zimmertemperaturen schwank-
ten zwischen 6- 14 Grad. Trotz allem waren Schüler und Lehrer ohne Murren und Klagen bei
der Sache. Die Schule wurde als wohltätige, geordnete Beschäftigung empfunden. Zu Hause
gab es nur Hunger und Kälte. Die Hälfte der Väter waren nicht zu Hause: gefallen, vermiẞt, in
Gefangenschaft. Die Bekleidung der Knaben bestand sehr häufig aus umgearbeiteten Uniform-
stücken, auch Frauen und Mädchen trugen Kostüme aus grüngrauem Militärstoff. Die Schweiz
erwies sich als hilfsbereiter Nachbar. Aus jeder Klasse kamen zwei bis drei Kinder zu dreimona-
tigem Erholungsaufenthalt hin, für die übrigen sorgte die Schweizer Schulausspeisung und bot
Milch, Suppe, Brot, sogar Käse, Schokolade oder Dörrbirnen.
Die Weihnachts- und Kohlenferien dauerten bis 14. Jänner 1946. Am 5. März 1946 passierte ein
schweres Unglück vor dem Schulhaus. Ein Schüler hatte am Inn eine italienische Eierhandgra-
nate gefunden. Nicht ahnend, daß das rote runde Ding ein Sprengkörper sei, spielte er damit bei
der Stiege vor dem Schulhaus. Schließlich ließ er es fallen, es schlug auf den harten Steinstufen
auf und explodierte. Frau Schulwart Trutschnigg und fünf Kinder, die in der ersten warmen
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FRANZ THURNER
1828-1879
"GRÜNDER
DER FREIWILLIGEH FEUERWEHREN
UND DES TURNWESENS IN TIROL·
LANDESDERTEIDIGER
IN DEN JAHREN 1848-1850 u. 1866
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Sonne auf den Stufen saßen, wurden von den Splittern getroffen. Frau Trutschnigg verlor an
einem Auge die Sehkraft, der arme Schuldige mußte drei Monate im Spital verbringen.
Die Erstkommunion, die erste seit 1938, wurde besonders festlich begangen.
Anläßlich der Festwoche „,950 Jahre Österreich" fand am 16. Oktober 1946 an unserer Schule
eine Feier statt. Die dritte und vierte Klasse führte ein Weihespiel auf. Die Bundesländerwap-
pen stellte Frl. Raggl her.
Zahlreiche Junglehrer, deren Ausbildung durch die Kriegsverhältnisse Lücken aufwiesen,
mußten im Nov. und Dez. 1946 bei erfahrenen Lehrern hospitieren, Obl. Singer und Frl. Wöll
hatten sich an unserer Schule zwei Junglehrern zu widmen. Bei einem Schulungstag im März
1947 referierte A. Schneider über die Tagesvorbereitung.
Kohlenferien vom 14. Januar bis 5. Februar 1947, Semesterschluß erst am 1. März.
Im Frühjahr 47 Altpapier- und Hadernsammlung durch die Schulkinder - sie erhielten dafür
Hefte oder Geld für Schulausflüge.
Im April Verkehrserziehungswoche - Übungsplatz die Kreuzung Museumstr. - Sillgasse.
Wegen Kinderlähmung wurde der Schulschluß drei Tage vorverlegt.
Im Sommer 1947 wurden die Bombenschäden am Schulhaus behoben.
Zu Schulbeginn 1947/48 zählte die VS St. Nikolaus mit neun Klassen zu den größten des
Landes. Oberlehrer Singer wurde an die Gilmschule versetzt und die Leitung in St. Nikolaus
Lehrer Anton Schneider übertragen. Der Lehrermangel war so groß, daß Frl. Raggl neben ihrer
zweiten Klasse am Vormittag noch die dritte Klasse am Nachmittag unterrichtete. Im Novem-
ber nahm die Schulzahnklinik an allen Schulkindern eine Reihenuntersuchung vor.
An die Weihnachtsferien schlossen bis 2. Februar 1948 die Kohlenferien an, Semesterschluß am
28. Februar 1948.
Elternabende im März förderten eine gute Zusammenarbeit. Jeden Freitag gab es großen Spaß
im Kaysergarten mit dem neuen Fußball und beim Baden.
75jähriges Jubiläum des Schulhauses: Kinder, Eltern, Schulwart und Lehrer erfreuten sich bei
dem großen Fest an Musik, Gedichten, Festrede, Reigen, Theater und Liedern. Im Schuljahr
1948/49 stieg die Klassenzahl auf zehn, dazu war im Parterre seit dem Vorjahr die Berufsschule
der Elektriker eingezogen, was für die Abschlußklassen Wechselunterricht bedeutete. Nun
kamen noch die Tischler, die ein Klassenzimmer im ersten Stock besetzten, was für weitere
Volksschulkinder Wechselunterricht bedeutete. Auch der Turnsaal war belegt, die Schule war
Abb. 57: Denkmal für Franz Thurner, den Begründer der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Innsbruck (1857) im Walther-
Park.
Foto: Margarete Hye-Weinhart
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zum Bersten voll. So war es auch in anderen Schulen, deshalb konnten in diesem Schuljahr in
Innsbruck keine vorschulpflichtigen Kinder aufgenommen werden.
31. Oktober 1948: Baumsetzaktion - Ehemalige Schüler spendeten zehn Obstbäume, die im
Schulhof der Knabenschule und im Kaysergarten gesetzt wurden. Stadtgärtner hoben die
Baumgruben aus, und zwölf Buben hatten die Ehre, in Anwesenheit von Bürgermeister Mel-
zer, Vizebürgermeister Flöckinger, Gemeinderäten und der Presse die Bäumchen zu setzen.
Vor Weihnachten veranstaltete das Jugendrotkreuz einen großen Christkindleinzug, an dem
unsere Schule mit einer Engel- und einer Hirtengruppe teilnahm.
Vor dem Nikolaustag bat der Schulleiter bei einem Elternabend um eine bescheidene Unterstüt-
zung für eine kleine Bescherung. Die Bevölkerung unseres Stadtteils spendete so viel an Geld-
und Sachspenden, daß der „Heilige Nikolaus", den Pfarrer Bischof nach einem eigenen Gottes-
dienst in die Klassen schickte, von Ministranten und Engeln begleitet war, die übervolle Körbe
für die 400 strahlenden Kinder schleppten.
Die UNICEF-Ausspeisung löste im Dezember die Schweizer Ausspeisung ab.
Anläẞßlich der allgem. Mission in Innsbruck im März 1949 war vom 24. - 26. schulfrei. Die
Teilnahme an den Kinderpredigten war freiwillig.
Im April räumte die Tischler-Berufsschule das Klassenzimmer. Über die Ferien herrschte im
Schulhaus Betrieb: Maler, Glaser, Ofensetzer, Elektriker gaben sich die Hand. Der Turnsaal
bekam neue Geräte. Die Stadt scheute keine Kosten.
Seit dem Jahre 1945 war gedacht, die gemischte Volksschule von St. Nikolaus wieder in eine
Knaben- und Mädchenschule zu trennen. Endlich, im Schuljahr
1954/55 war es soweit:
Anton Schneider wurde zum Leiter der fünfklassigen Knaben- und Gertrud Riccabona zur
Leiterin der vierklassigen Mädchenschule ernannt.
In den folgenden Jahren nahm der Unterricht im Gegensatz zu den vergangenen Kriegs- und
Nachkriegsjahren im allgemeinen einen ungestörten Verlauf.
In gutem Einvernehmen mit den Eltern (durch Elternabende), durch Feiertage und Feste
aufgelockert, dann wieder durch Krankheiten unterbrochen, gingen die Jahre dahin.
Gedenktage waren der 26. Oktober und der 20. Februar (A. Hofer). Weihnachtsfeiern,
Faschingsfeste, Feiern zum Muttertag, Tag des Liedes, Schulausflüge und Kasperltheater
gehörten zu den jährlichen erwünschten Unterbrechungen der Lernwochen. Höhepunkte aber
waren der Besuch des hl. Nikolaus am 6. Dezember und die Erstkommunion mit dem Ausflug
am Nachmittag und der anschließenden Jause als Gäste der Vereinigung St. Nikolaus.
Gegen Ende des Schuljahres 1957/58 wurde das Schulhaus renoviert, doch waren die Arbeiten
zu Schulbeginn im Herbst noch nicht fertiggestellt. Um mit dem Unterricht beginnen zu
können, mußten Räume gesucht werden. Da half der Städt. Kindergarten aus, und die Schule
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Fröhliche Ostern!
Abb 58: Das alte Haus Innstraße Nr. 107 mit dem Fallbach, der Bauvorgänger des vom „Katholischen Frauenverein zum
Schutze und zur Fortbildung jugendlicher Arbeiterinnen" erbauten heutigen Wohnhauses mit dem „Zentrum 107".
Photographie von 1906 im Besitz von Frau Luise Wurzer
wurde dort in zwei Zimmern einquartiert. Am 10. November konnten Kinder und Lehrerinnen
wieder in das zweite Stockwerk des eigenen Hauses übersiedeln. Bei der Übergabe durch die
Stadt waren der Bürgermeister, einzelne Stadträte, der Stadtschulinspektor sowie Beamte des
Schul- und Bauamtes anwesend. Die Direktorin bedankte sich, daß aus den dunklen, ungemüt-
lichen Räumen helle Zimmer mit Zentralheizung, „freiem Schulgestühl“ und neuen Vorhängen
geworden waren, eine Kanzlei und ein modernisiertes Konferenzzimmer entstanden. Weil sich
im Schuljahr 1959/60 nur 15 Knaben für die erste Klasse angemeldet hatten, wurden sie in die
erste Mädchenklasse aufgenommen, die Knabenschule hatte also keine erste Klasse.
Im Jahre 1961/62 ließ sich die Zusammenlegung der beiden Volksschulen infolge des Rückgan-
191
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ges der Schülerzahlen nicht mehr vermeiden, und aus beiden wurde eine gemischte Volksschule
gebildet. Die Leitung erhielt Direktor Gertrud Riccabona, die seit 1954 bereits Leiterin der
Mädchenschule war. Direktor Schneider übernahm die Leitung der VS in Mühlau. Unsere
Schule zählte nun vier aufsteigende Klassen, wovon die erste und zweite parallel geführt wur-
den. In zwei frei gewordene Klassenzimmer zog vorübergehend die Allgem. Sonderschule als
Gast ein.
Als Frau Oberschulrat Dir. Gertrud Riccabona am Ende des Schuljahres 1961/62 in den Ruhe-
stand trat, wurde VOL Anton Zimmerling zum Direktor der Knaben- und Mädchenvolks-
schule St. Nikolaus ernannt.
In seine Amtszeit fiel die Eröffnung des ersten Polytechnischen Jahrganges in Innsbruck. Im
Schuljahr 1966/67 wurde diese Klasse der Volksschule St. Nikolaus unter der Leitung von
Direktor Zimmerling angegliedert und mit 28 Mädchen von der Klassenlehrerin S. Fechter
übernommen. Als im folgenden Schuljahr Frau Fechter nach Neuarzl versetzt wurde, kam Frau
Johanna Schafferer an den Polytechnischen Jahrgang für Mädchen. Außerdem waren im Schul-
haus noch zwei Sonderschulklassen untergebracht.
Direktor Zimmerling nahm sich besonders der Kinder mit Schreib- und Leseschwierigkeiten
an, die er am Nachmittag in sog. Legasthenikerkursen betreute. Im Laufe des letzten Jahrzehnts
siedelten sich mehrere jugoslawische und türkische Familien in St. Nikolaus an. Nach anfängli-
chen Schwierigkeiten paßten sich die Gastarbeiterkinder, die unsere Volksschule besuchen, den
österreichischen Kindern recht gut an, auch erkannten die Eltern immer mehr, wie wertvoll
eine gute Schulbildung für ihre Kinder ist. Direktor Zimmerling pflegte den Kontakt zu den
pensionierten Kollegen, lud zur Nikolausbescherung ein und organisierte am Direktorstag
Ausflüge, die „Ehemalige“ und „Jetzige" vereinte.
Als Oberschulrat Anton Zimmerling mit Ende des Schuljahrs 1982/83 in den Ruhestand trat,
wurde VOL Waltraud Mahringer mit der Leitung der Schule betraut. In dieser Zeit änderte sich
vieles. Schon 1982 war Frau Schulrat Annemarie Mayr, eine ausgezeichnete Lehrerin, nach
19jähriger Tätigkeit in St. Nikolaus in Pension gegangen. Nun verließ eine weitere bewährte
Lehrkraft die Schule: Rosa Erlacher trat in den Karmel ein. Die größten Veränderungen betra-
fen aber das Schulhaus selbst, das umfassend renoviert wurde.
Das Eingangstor wurde rückversetzt, vor Wind und Nässe geschützt. Der Turnsaal, ausgestat-
tet mit vielen neuen Geräten, wird nicht nur im Turnunterricht, sondern auch beim Haltungs-
turnen (Gesundheitsamt), beim Seniorenturnen, Mutter- und Kind-Turnen und am Abend von
verschiedenen Vereinen benützt; der Lichtschacht, einst nur Rumpelkammer, wirkt wohnlich
durch eine Sitzgruppe, das ehemalige „Putzkammerl“ wurde mit Hilfe des Elternvereins zum
,,Flötenzimmer" umfunktioniert. Sogar das Jugendrotkreuz fand hier noch Platz für die Uten-
silien des Christkindleinzugs. Neben der Wohnung Herrn Ortners, unseres Schulwarts, sind
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die Räume der Mutterberatung, und sogar die Magistratsabteilung IX hat hier für ihre Gärtner
Unterkunft. Neue Toiletten für die Mädchen im ersten und zweiten Stock wurden installiert
ebenso Fließwasser in allen Klassenzimmern. Kanzlei und Konferenzzimmer erhielten neue
Möbel, und im Werkraum hämmern die Mädchen und häkeln die Buben - es hat sich eben vieles
geändert.
Zum Glanzstück des Hauses aber wurde der ehemalige Singsaal. Hier gibt es eine Bühne mit
Vorhang und Beleuchtung, einen Medienschrank mit Tonfilmapparat und Diaprojektor, einen
Fernseher für den Schulfunk. Hier erklingen Glockenspiele und Xylophone, Triangeln und
Becken, wird getrommelt und gepfiffen, hier darf man auf die Pauke hauen. Lang ist die Reihe
der Lehrbehelfe, welche das Schulamt unserer Schule zur Verfügung gestellt hat. Overhead-
Projektoren, Radio-und Kassettenrecorder, Episkop, Landkarten und Bilder usw. wurden
angeschafft, um den Unterricht zeitgemäß gestalten zu können.
Eine besonders erfreuliche Neuerung ist die Gründung des Elternvereines an der VS St. Niko-
laus. Es ist eine kleine Gruppe von dynamischen Eltern, denen nicht nur das Wohl des eigenen,
sondern aller, auch der ausländischen Kinder an unserer Schule am Herzen liegt. Wenn der
Elternverein seine Aufgabe nicht vor allem im Feiern von Festen sieht, hat er doch eine alte
Tradition wieder aufgenommen. Vor über hundert Jahren hielt,,die Stadt" Schulfeste ab. In der
kurzen Zeit seines Bestandes veranstaltete der Elternverein zur größten Freude unserer Kinder
bereits zwei Sommerfeste und einen „Nachmittag im Schnee" mit allem Drum und Dran. Zur
Zeit sieht der Elternverein seine Hauptaufgabe darin, den Schulweg der Kinder möglichst
gefahrlos zu machen.
Sehr günstig für den Unterricht wirkt sich auch der „Deutschkurs für Gastarbeiterkinder",
veranlaßt vom Amt der Tiroler Landesregierung, aus. Während die katholischen Kinder Reli-
gion haben, werden die fremdsprachigen in Deutsch unterrichtet.
Um Eltern und Freunden Gelegenheit zu geben, das renovierte Schulhaus zu besichtigen, luden
Kinder und Lehrpersonen am 30. Juni 1984 zum „,Tag der offenen Tür" ein.
Und daß diese Tür weiterhin allem Positiven offenstehe, sei mein Wunsch.
Anschrift der Verfasserin: VOL Waltraud Mahringer
Direktorin der Volksschule St. Nikolaus
Innallee 3
6010 Innsbruck
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Ms an
SOPES
100
1905
111
m
1921
Hand in Hand
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2
10
NIKOLAUS
Abb. 59 und 60: Fahne des Sängerbundes „Harmonie" - St. Nikolaus, gegründet 1905. Die Fahne wurde 1921
angefertigt.
Foto: Richard Frischauf
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Chronik der Landesberufsschule St. Nikolaus
Von Peter Vögele
Die Tiroler Landesinnung der Buchdrucker und Schriftgießer beschloß im Jahre 1927 die
Verfachlichung der Lehrlingsausbildung für den gesamten graphischen Bereich, durch die
Gründung einer eigenen Fortbildungsschule einzuführen.
Die Stadtgemeinde Innsbruck wies im Jahre 1928 dem graphischen Gewerbe in der Volksschule
St. Nikolaus zwei große Räume zu, die mit Hilfe von Gönnern und Freunden sowie Lieferfir-
men des graphischen Gewerbes zu modernen Lehrwerkstätten eingerichtet wurden.
Im Schuljahr 1934/35 erfolgte die Eingliederung der Buchbinderlehrlinge. Im gleichen Jahr
begann für die Lehrlinge der Chemigraphengruppe (Ätzer, Chemigraphen, Photographen,
Retuscheure, Lithographen, Steindrucker, Stereotypeure) der Fachunterricht. Die Annexion
Österreichs 1938 brachte für die Schule viele Veränderungen, kein Augenmerk schenkte man
mehr der Auswahl der Lehrlinge, die eigentliche Bildungsaufgabe der Schule wurde stark
vernachlässigt, durch die Einberufung vieler Lehrer in den Kriegsdienst entstanden manche
Lücken und wegen der Bombenangriffe fiel der Unterricht oft wochenlang aus. Wenngleich die
Schule durch die Bombenangriffe keinen direkten Schaden erlitten hatte, so verursachten ihr die
Einquartierung von Flüchtlingen aus dem Osten schwere Verluste. Fast alle Maschinen wurden
beschädigt, Werkzeuge und Materialien entwendet, in Unordnung gebracht und zum Teil
vernichtet. Pulte, Tische und Stühle dienten als Heizmaterial.
Als im Jahre 1946 der Unterricht wieder beginnen konnte, bot sich ein jammervolles Bild.
Erst 1949 waren die drei Lehrwerkstätten für Graphiker und Buchbinder wieder her- und
eingerichtet, sodaß sie ihre Aufgaben, darin Lehrlinge ausbilden zu können, voll erfüllen
konnten.
Im Jahre 1946 wurde auch die Berufsschule für das Metallgewerbe von der Hauptschule am
Fürstenweg bis 1956 in die Volksschule St. Nikolaus verlegt.
Die Landesberufsschule für das Nahrungsmittelgewerbe (Bäcker, Fleischer, Konditoren) war
bis zum Schuljahr 1956/57 im Gebäude der Volks- und Hauptschule in Innsbruck, Leopold-
straße sehr dürftig untergebracht. Es fehlte an Werkstätten, Klassen- und Nebenräumen. Diese
große Misere wurde 1956 behoben, nachdem die Landesberufsschule für das Metallgewerbe aus
dem Schulhaus in der Innstraße 36 auszog und in die Berufsschule Mandelsbergerstraße über-
siedelte. Nach entsprechenden Umbauten konnte die Landesberufsschule für das Nahrungs-
mittelgewerbe in den neugotischen Bau Einzug halten und Unterrichten wurde unter viel
besseren Bedingungen möglich.
Seit dieser Zeit wird das Gebäude als Berufsschule St. Nikolaus bezeichnet.
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Über Wunsch der Lehrbetriebe der Chemielaborantenlehrlinge wurde 1964 die Verfachlichung
des Unterrichtes auch für diese Lehrlinge beschlossen. Um jedoch einer echten Verfachlichung
gerecht zu werden, bedingte die Einschulung der Chemielaborantenlehrlinge den Bau eines
Chemielabors. 1967 begonnen, konnte bereits ab dem Schuljahr 1968/69 der Unterricht aufge-
nommen werden.
Erweiterungsbau und Sanierung des Altgebäudes
Grundlage der Ausbauabsicht bildete die räumliche Beengtheit bzw. der unzureichende
Bauzustand. Die untergebrachten Berufssparten benötigten, aufgrund steigender Schülerzah-
len und geänderter Lehrpläne, zusätzliche Unterrichtsräume.
Aufgabe der Planung war es, ein Erweiterungsgebäude unter Berücksichtigung städtebaulicher
und denkmalpflegerischer Aspekte zu erstellen.
Aufgrund der im August 1977 durchgeführten Einreichpläne erfolgte nach der am 29. Novem-
ber 1977 erteilten Baubewilligung sofort der Baubeginn. Nach Fertigstellung des Erweiterungs-
baues und Sanierung des Altgebäudes wurde am 9. Mai 1982 die Benützungsbewilligung der
Schule erteilt.
Was tut sich heute alles in der Landesberufsschule St. Nikolaus?
Wenn auch die drei Berufsgruppen - Nahrungsmittelgewerbe, Graphiker mit Buchbinder,
Chemielaboranten und Chemiewerker - keine Berufsverwandtschaft bilden, so ordnen sich
doch alle Gruppen harmonisch in das Schulgeschehen ein.
In den neuen, nach den modernsten Gesichtspunkten ausgestatteten Werkstätten wird gekne-
tet, gebacken, glasiert, garniert, geselcht, gebraten, gesetzt, gezeichnet, gedruckt, gebunden,
analysiert und synthetisiert. Alle Klassenzimmer wurden neuzeitlich eingerichtet und freund-
lich gestaltet. Jeder Unterricht kann nun mit starker fachlicher Fundierung durchgeführt wer-
den. Aber auch für Kurse, Seminare, Wettbewerbe, Lehrabschluß- und Meisterprüfungen wird
die Schule wegen ihrer zweckmäßigen Einrichtung und ihrer angenehmen Atmosphäre gerne
bevorzugt.
Der Schulkomplex St. Nikolaus wurde zu einem architektonischen Wahrzeichen am Innufer.
Anschrift des Verfassers: Oberschulrat Peter Vögele
Direktor der Landesberufsschule St. Nikolaus
Innstraße 36
6010 Innsbruck
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Die „Katholische Arbeitnehmerbewegung St. Nikolaus"
Von Roman Peintnert
Die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) St. Nikolaus ist eine pfarrliche Organisa-
tion, die seit nahezu 30 Jahren eine vielseitige Tätigkeit entfaltet. Sie ist eine Nachfolgeorganisa-
tion der Katholischen Arbeitervereine, die nach dem Erscheinen des berühmten sozialen Rund-
schreibens, RERUM NOVARUM Leo's XIII. im Jahre 1891, in Tirol allenthalben entstanden
sind. Die christliche Sozialbewegung hat in St. Nikolaus schon sehr früh Fuß gefaßt. Ein
Beweis dafür ist das Haus der Katholischen Arbeiterinnen, Innstraße 107. Dieses aus dem
heutigen Kulturleben Innsbrucks nicht mehr wegzudenkende Wohn- und Bildungshaus mit
dem „Zentrum 107", verdankt seine Errichtung dem „Katholischen Frauenverein zum Schutze
und zur Fortbildung jugendlicher Arbeiterinnen", welcher das zuvor dort gestandene Haus
1901 angekauft und hierauf 1909 den bestehenden Neubau aufführen ließ. Mit dieser Einrich-
tung hat der „,Katholische Frauenverein", lange vor anderen Organisationen, sich den Bedürf-
nissen der weiblichen Dienstnehmer angenommen und eine Pioniertat gesetzt, die mit dem
Werke Kolpings für die männliche Arbeitsjugend vergleichbar ist.
Es bestand damals in St. Nikolaus auch ein Katholischer Arbeiterverein, von dem aber keine
schriftlichen Unterlagen mehr vorhanden sind.
Die KAB St. Nikolaus ist eine örtliche Gruppe der Katholischen Arbeitnehmerbewegung
Tirol, einer apostolischen, sozial orientierten Organisation für Arbeitnehmer und Arbeitneh-
merinnen. Sie veranstaltet in der Pfarre im Laufe des Jahres Bildungsabende mit religiösem und
sozialem Inhalt. Arbeitnehmer sollen dadurch weltanschauungsmäßig gefestigt und befähigt
werden, soziale Verantwortung zu übernehmen. Auch gesellige Veranstaltungen und Exkur-
sionen finden in regelmäßigen Abständen statt. Die ganze Tätigkeit ist insbesondere darauf
ausgerichtet, zur Humanisierung der Arbeitswelt beizutragen und christliches Zeugnis im
Alltag zu verwirklichen. Der Motor für diese pfarrliche Organisation ist eine kleine Gruppe
von Aktivisten, die sich 14tägig im Pfarrheim trifft. In den letzten Jahren wurden große
Anstrengungen unternommen, stärkeren Kontakt mit Gastarbeitern zu finden, da gerade in
dieser Pfarre sehr viele Gastarbeiter wohnen. Es haben schon einige außerkirchliche Zusam-
menkünfte und Gottesdienste mit Gastarbeitern stattgefunden.
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Abb. 61: Der Gründungsausschuß der „Vereinigung St. Nikolaus“ vom Jahre 1922:
1. Reihe oben: Obermair, Dellemann, Plattner, Reitmeier, Jordan, Kirchebner, Wanker
2. Reihe: Ruedl, Merle, Haller, Loreck, Thurner, Teufl, Prof. Mair, Dr. Weber
3. Reihe sitzend: Deisener, Liener, Knabl, Obmann Götsch, Pfarrer Karner, Krapf, Nocker und Doblander.
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Sängerbund „Harmonie" St. Nikolaus
Mit seinem Sitz in Innsbruck, Stadtteil St. Nikolaus, wurde der Sängerbund „Harmonie"
aus einem Quartett heraus im Jahre 1905 gegründet und fand dort bald begeisterten Anklang.
Immerhin brauchte es aber 16 Jahre, bis sich der junge Gesangsverein eine eigene Fahne
anschaffen konnte, welche im Jahre 1921 feierlich eingeweiht wurde. Als Fahnenpatin wurde
die damalige Kirchenwirtin von St. Nikolaus, Frau Walburga Motz, erkoren. Wie sich der
Verein überhaupt als ein festgefügter Bestandteil seines Stadtteiles betrachtet und sehr stolz ist
auf seine schöne Fahne.
Leider ging die sorgfältig angelegte und betreute Vereinsgeschichte im Zweiten Weltkrieg und
besonders in den Nachkriegswirren, wie auch die Noten und der Flügel, verloren.
Von den alten Sängern leben nicht mehr viele. Diese wissen von einigen bekannten Chorleitern
zu berichten, so dem Tiroler Komponisten Theodor Kränzl, vom Lehrer Rainer, welchem erst
vor kurzer Zeit eine Gedenktafel an der unteren St. Nikolauser Schule angebracht wurde (beim
Bombenangriff ums Leben gekommen), und von Schuldirektor Schmidhuber, welche alle ein-
mal die,,Harmonie" betreuten. Ebenso wird berichtet, daß die Sänger damals mit der bekann-
ten Vereinigung „St. Nikolaus", wie auch heute noch, eng zusammenarbeiten und bei vielen
Veranstaltungen mitwirken. Besonders gut in Erinnerung blieben dabei die verschiedenen
Faschingsumzüge wie „der Auszug aus der Koatlackn" usw.
Die „Harmonie" gehörte dem Tiroler Sängerbund an und unternahm einige größere Sängerrei-
sen, von welchen besonders das große Deutsche Sängerbundesfest in Breslau 1937 in unvergeẞ-
licher Erinnerung blieb.
Während des Zweiten Weltkrieges war keine sängerische Tätigkeit zu verzeichnen und der
Verein schloß sich am 13. Mai 1941 dem Sängerbund Hötting an.
Am 25. Juli 1947 erfolgte dann die Neuanmeldung des Vereins unter dem Namen „Männerge-
sangverein St. Nikolaus", nachdem es nicht gestattet wurde, den alten Namen wieder anzuneh-
men. Im Volksmund blieb der Verein aber doch die ,,Harmonie". Als erster Vorstand wurde
damals der Gemeinderat Rudolf Loreck gewählt, obwohl er kein ausübender Sänger war. Da
der Tiroler Sängerbund noch immer aufgelöst war, schloß man sich dem Tiroler Sängerverband
an. Die Mitglieder waren größtenteils Leute aus ärmeren Bevölkerungsschichten und es fehlte
an Noten, Proberaum und Flügel. Als erster Chorleiter nach dem Kriege wurde Lehrer Feller-
mayer von Hötting bestellt. Die Sache wollte aber nicht recht gedeihen, bis sich das inzwischen
verstorbene Ehrenmitglied Karl Jäger und der nachfolgende Chormeister Alois Lagger der
Sache energisch annahmen. Es wurde ein neuer Vorstand, Hans Kreuz, gewählt und junge
Leute geworben, die dann auch fleißig mitmachten. Der Verein war wieder allein arbeitsfähig
und trat aus dem Tiroler Sängerverband aus. Als dann im Jahre 1952 der Tiroler Sängerbund
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wieder ins Leben gerufen wurde, kehrte die Harmonie wieder zu diesem zurück, nachdem sie
ein Jahr zuvor wieder ihren alten Namen „Sängerbund Harmonie" angenommen hatte. Am 11.
Dezember 1951 wurde als neuer Vorstand Sepp Steiner gewählt, welcher dann im Jahre 1954 aus
Gesundheitsrücksichten zurücktrat. Ihm folgte Sepp Kuen bis 1957. Als Chorleiter folgte im
Jahre 1952 auf Alois Lagger der derzeit noch tätige Dr. Christian Grimm. Inzwischen hatte die
,,Harmonie" reichlich Gelegenheit ihr Können und ihren Fortschritt unter Beweis zu stellen.
Auch die Vereinigung St. Nikolaus" wurde wieder ins Leben gerufen und beide wirkten
wieder zusammen, wie einst. Auch im Rahmen des Tiroler Sängerbundes waren die St. Niko-
lauser Sänger stets mit Freude dabei. Verschiedene Sängerfeste des In- und Auslandes wurden
besucht, von denen das größte wohl das Deutsche Sängerbundesfest in Stuttgart im Jahre 1956
war. Viele Fahnenbänder schmücken die glücklich über den Krieg gerettete Fahne. Eine neue
Vereinsgeschichte erzählt von Leid und Freud der getreuen Sängerrunde. Zur Betreuung man-
cher auswärtiger zu Besuch hier weilender Vereine hatten die „Harmonie"-ler durch die Ver-
mittlung des Tiroler Sängerbundes manche Gelegenheit.
Im Juli 1955 konnte der Verein sein 50jähriges Bestandsfest feiern, an welchem alle Sängerbund-
vereine vertreten waren. Ein schönes Fahnenband des Bundes erinnert an dieses freudige Ereig-
nis. Im Laufe des Jahres 1957 kam dann ein neuer Schwung in die Reihen der Sänger mit der
Übernahme der Führung durch Richard Reitmair und Ablösung der Alten. Die beinahe sprich-
wörtliche Kameradschaft unter den Sängern hat seit dem Kriege schon sehr viele gute Früchte
gezeitigt.
Heute nennt der Verein einen ganz schönen Notenbestand und einen neuen Flügel sein eigen
sowie neue Sängertrachten, die für die Sänger der „Koatlackn“ ein Markstein ihrer weiteren
Aufwärtsentwicklung sind, welchen sie getreu dem Wahlspruch stets gerne folgen wollen:
,,Herz an Herz, Hand in Hand.
Hoch das Lied, das uns verband:
Sangesbrüder, Sänger all
Seid gegrüßt viel tausendmal!"
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Die Vereinigung St. Nikolaus (1922 - 1986)
Von Rudolf Schnaller
Im Jahre 1922, kaum vier Jahre nach Beendigung des Ersten Weltkrieges, als die damals
herrschende Not und das Elend viele Familien dieses alten Stadtteiles vor kaum lösbare wirt-
schaftliche Probleme stellte, taten sich Männer und Frauen aus St. Nikolaus in vorbildlicher
und uneigennütziger Weise zusammen, um wenigstens den Ärmsten der Armen nach besten
Kräften zu helfen. Sie machten es sich unter anderem zur Aufgabe, all jenen, die durch die
fürchterlichen Kriegsfolgen ein bitteres, hoffnungsloses Schicksal erdulden mußten, hilfreich
beiseite zu stehen, damit sie wieder einer besseren, lebenswerteren Zukunft entgegensehen
konnten.
Die Bildung dieser Notgemeinschaft in einer Zeit, in der ein ganzes Volk um seine Existenz und
sein Überleben rang, kann nicht hoch genug eingeschätzt und gewürdigt werden. Der damalige
erste Vereinsobmann war N. Götsch. Die aus dieser Aera stammenden Vereins-Statuten stellen
ein interessantes Zeitdokument dar.
Der Beginn des Zweiten Weltkrieges (1939) hatte zwangsweise eine Unterbrechung der Tätig-
keit der Vereinigung zur Folge. Doch bald nach Beendigung des Krieges, als die Stadt noch
unter der Herrschaft der französischen Besatzung stand, wurde die Vereinsarbeit unter dem
Obmann Vize-Bürgermeister Franz Kotter, von GR Rudolf Loreck, den Brüdern Franz und
Rudolf Schnaller, Luise und Viktor Rott, Pfarrer E. Bischof, Josef Holzer und vielen anderen -
von der Bevölkerung und den Behörden dankbar begrüßt und unterstützt - wieder aufgenom-
men. Am 5. Mai 1952 wurden dem Verein neue Satzungen gegeben, die am 13. Mai 1952 von der
Vereinsbehörde gebilligt und in Kraft gesetzt wurden.
Später waren nachstehend angeführte Obmänner für die Führung der Vereinigung verantwort-
lich:
1952
1952-1978
1978-1982
seit 1982
Schnaller Rudolf
Schnaller Franz
Bachmann Franz (gest. 8. November 1983)
KR Püls Alfred
Wenngleich unser Land nach Beseitigung der schlimmsten Folgen des letzten Krieges bald
einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung nahm, der vielen Familien einen bis dahin nicht
gekannten hohen Lebensstandart sicherte, waren es wieder die alten Bewohner in St. Nikolaus,
die an diesem Wohlstand nicht oder nur in unzureichendem Maße teilhaben konnten und
daher, wie früher, weiterhin der Hilfe ihrer Mitbürger bedurften.
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Abb. 62: Die Musikkapelle Mariahilf.
Neben der Betreuung dieser betagten Menschen veranstaltete die Vereinigung St. Nikolaus
aber auch Bälle, Faschingsfeiern, Feiern zum Gedenken an die Gefallenen beider Weltkriege,
der Bombenopfer und der verstorbenen Ausschußmitglieder, Jubilare wurden geehrt und
beschenkt, Jugendvereine unterstützt und vor den Weihnachtsfeiertagen Bedürftige ausrei-
chend mit Brennmaterial versorgt. Den Gegebenheiten entsprechend, betätigte sich der Verein
dann auch vermehrt auf kommunalem, gesellschaftlichem und kulturellem Gebiet. Durch eine
verstärkte Mitwirkung bei kulturellen Veranstaltungen, bei Fragen der Verkehrssicherheit und
-erschließung und der künstlerischen Mitgestaltung unseres Stadtviertels wird versucht, auch
das äußere Stadtbild von St. Nikolaus schöner, sicherer und attraktiver zu gestalten.
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Ehrenmitglieder
In Anerkennung ihrer langjährigen besonderen Verdienste um die Vereinigung St. Nikolaus
wurde den Herren
Schnaller Franz (am 11. 12. 1974),
Bischof Eugen, Pfarrer (am 5. 5. 1982),
Bachmann Franz (am 15. 10. 1982) und
Lugger DDr. Alois, Bürgermeister (am 15. 10. 1982)
die Ehrenmitgliedschaft verliehen.
Ehrenobmann
Anläßlich seines aus gesundheitlichen Gründen erfolgten Ausscheidens aus dem aktiven Ver-
einsgeschehen wurde 1978 Herr Schnaller Franz in Würdigung seiner aufopfernden, unermüd-
lichen 25jährigen Tätigkeit als Obmann der Vereinigung St. Nikolaus und der damit verbunde-
nen besonderen Verdienste zum Ehrenobmann ernannt.
Gegenwärtige Vereinsführung:
Obmann:
1. Obm.-Stellv.:
2. Obm.-Stellv.:
Schriftführer:
Schriftf. Stellv.:
Kassier:
Püls Alfred, Kommerzialrat
Eichler Alois, Alt-GR
Schnaller Rudolf, AR i. R.
Reinthaler Herfried, kfm. Ang.
Auhuber Hans, Kaufmann i. P.
Rott Günther, Vers.-Ang.
Bericht über besondere Aktivitäten der Vereinigung St. Nikolaus
a) In den Jahren 1922 - 1938:
Erbauung des Kriegerdenkmals von St. Nikolaus
Spende des Speisegitters in der Pfarrkirche von St. Nikolaus
Spende für die Glocken der Pfarrkirche von St. Nikolaus
Vollendung der Kanzel in der Kirche
b) Nach 1945:
Anschaffung der Marmortafeln am Kriegerdenkmal
Anbringung der Gedenktafel für Dr. Josef Glatz (1825-1890) an seinem Geburtshaus,
Innstraße 21
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Anfertigung der St. Nikolausfigur am Platzbrunnen
Anbringung der Bronzetafel an der Berufsschule St. Nikolaus zur Erinnerung an den Grün-
der des Kaysergartens, Oberlehrer Josef Rainer
Denkmal für die Bombenopfer am Friedhof von St. Nikolaus
Einkleidung von Erstkommunikanten
Jährliche Kohlenaktion für Bedürftige zu Weihnachten
Jährlicher Ball der Vereinigung St. Nikolaus
Jeden Faschingssamstag wird ein geselliger Nachmittag für alte Leute veranstaltet, mit Speis
und Trank, sowie die Wahl der „Miss Koatlackn" durchgeführt
Abhaltung der jährlichen Allerheiligen-Heldengedenkfeier am Kriegerdenkmal
Außerdem sei noch erwähnt, daß jeder ansässige St. Nikolauser, der das 75. Lebensjahr
erreicht hat, ein Geburtstagspaket überreicht bekommt.
Anschrift des Verfassers: städt. Amtsrat i. R. Rudolf Schnaller
Innstraße 69
6010 Innsbruck
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STADTMUSIKKADELLE
MARIAHILF
INNSBRUCK
Chronik der Stadtmusikkapelle Mariahilf
Die heutige Stadtmusikkapelle Mariahilf wurde im September 1922 von Mitgliedern des
„Burschenvereins Alpenrose" gegründet. Die Organisation übernahm Hochwürden Präses
Franz Ruetz. Hans Stuchetz wurde der erste Kapellmeister. Ihm zur Seite stand Andrä Maurer
als Obmann. Bereits 1924 konnte die damalige Jugendmusik Mariahilf in grüner Tracht ausrük-
ken. 1930 wurden die ersten Konzertreisen nach Wien, Budapest und nach Bayern mit viel
Erfolg durchgeführt.
Bis 1937 standen der Musikkapelle folgende Herren als Kapellmeister zur Verfügung: Erwin
Trojan, Hans Holzäpfel, H. Neurauther, H. Petz, Josef Anker, Adalbert Gläser und Hermann
Steffan.
1938 wurde durch die Eingliederung Österreichs ins „Großdeutsche Reich" auch die Musikka-
pelle in Mitleidenschaft gezogen. Das Vereinsvermögen wurde beschlagnahmt und die Trach-
ten mußten zwangsweise an eine Jungschützenkompagnie abgegeben werden. Recht und
schlecht wurde noch musiziert, bis 1940 von der nationalsozialistischen Regierung die Einglie-
derung in die Standschützenmusik Hötting-West mit dem gesamten Inventar der Musikkapelle
Mariahilf erfolgte. Als Kapellmeister wurden in der Folge Karl Weiss, Hans Posch und Robert
Poller eingesetzt.
Die Kapelle schmolz infolge Einberufungen bis auf 17 Mann zusammen. Die letzten noch
vorhandenen Trachten wurden beschlagnahmt und an die Musikkapelle des Peter Mayrbundes
in Pradl für Ausrückungen der NSDAP abgegeben.
Ende 1942 erfolgte durch die Kriegswirren die Auflösung der Musikkapelle.
Am 26. März 1950 befaßten sich ehemalige Gründungsmitglieder, allen voran Hermann Toma-
selli, wieder mit der Gründung der Musikkapelle Mariahilf. Jedoch der erste Anlauf scheiterte
infolge der schwierigen Lage.
Anfang Juni 1953 war es wiederum Hermann Tomaselli, der zum erneuten Versuch ein Zusam-
mentreffen mit Josef Neuner, Friedrich Lackner, Max Lackner und Hermann Steffan einlud.
Bereits am 23. Juni 1953 konnte er beim Kirchenwirt 23 ehemalige Musikanten sowie Monsi-
gnore Hochwürden Josef Danler begrüßen, und es wurde auch gleich Karl Hofer als erster
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Nachkriegskapellmeister bestellt. Das schwere Amt des Obmannes übernahm der Gastwirt
Josef Neuner.
Bei der ersten Versammlung am 4. August 1953 wurde der provisorische Ausschuß voll aner-
kannt und einstimmig gewählt.
Im September 1953 übernahm Franz Vollgruber die musikalische Leitung der Musikkapelle
und am 22. September fand die erste Probe im Keller des Schulhauses statt, wobei auch die
ersten Instrumente an die Musiker verteilt wurden.
Am 1. November 1953 trat die Musikkapelle mit 36 Mann am Mariahilfer Friedhof das erstemal
vor die Öffentlichkeit, wobei bereits die „Graue Uniform" getragen wurde. Ab diesem Zeit-
punkt ging es stetig bergauf. Im selben Jahr fand auch die erste Cäcilienfeier mit Kirchgang und
der Aufführung der „Deutschen Messe" von Schubert statt. Am 19. März 1954 wurde bereits
das erste Platzkonzert in der Höttingerau und am 1. Mai 1954 das erste Hofgartenkonzert
abgehalten. Nach vielen Ausrückungen verlief das Vereinsjahr sehr erfolgreich und konnte bei
der Generalversammlung am 3. Dezember 1954 einen aktiven Mitgliederstand von 52 Musikan-
ten aufweisen. Der größte Erfolg aber war, daß die neuen Trachten in Auftrag gegeben werden
konnten, da einerseits die finanzielle Seite durch großzügige Spenden von Förderern aufgebes-
sert wurde, und andererseits die Bereitschaft der Musikanten bestand, die Trachten zumindest
zum Teil selbst zu bezahlen.
Am 17. April 1955 wurde die neueingekleidete Musikkapelle der Bevölkerung vorgestellt.
Beim ersten Bezirksmusikfest mit Wertungsspiel am 6. und 7. August 1955, erreichte die
Kapelle mit der Ouverture „Felizitas" von Ernst Kotek den ersten Rang.
Bei der Generalversammlung am 17. Dezember 1955 übernahm Hermann Tomaselli das Amt
des Obmannes.
1956 kamen nach vielen Ausrückungen im Inland, Einladungen aus Deutschland und Holland.
Die erste größere Fahrt ging dann am 12. Oktober 1956 mit 58 Mann nach Wien, wo Konzerte
und Ständchen bei Erzbischof König sowie bei Bundeskanzler Raab gegeben wurden.
Am 15. Juni 1957 wurde die Einladung nach Landshut eingelöst und bei Konzerten das Können
der Musikkapelle auch im Ausland unter Beweis gestellt.
Des weiteren wurden auch verschiedene Konzerte außerhalb von Innsbruck durchgeführt,
unter anderem ein großes Festkonzert in Steinach.
Für das neue Vereinsjahr wurde mit Ludwig Schwaiger ein profilierter Musiker als Kapellmei-
ster verpflichtet, der übrige Ausschuß wurde fast vollzählig wieder gewählt.
Am 30. Jänner 1958 fand mit großem Erfolg die erste Rundfunkaufnahme der Stadtmusikka-
pelle Mariahilf statt.
Beim Wertungsspiel anläßlich des Tages der Blasmusik am 1. Juni 1958 gab es einen ersten Rang
mit Auszeichnung.
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Auch im Jahr 1958 wurde sehr viel musiziert und bei 63 Ausrückungen und 81 Proben das
konzertale Spiel verbessert.
Für seine Verdienste um die Stadtmusikkapelle Mariahilf wurde anläßlich eines Festaktes am
22. und 23. August Bundeskanzler Julius Raab zum Ehrenmitglied ernannt, wobei auch die
Musikkapelle aus Mühlacker (BRD) bei einem Doppelkonzert im Hofgarten teilnahm.
Bereits am 22. April 1959 konnte mit 3 Märschen und einem Walzer die zweite Rundfunkauf-
nahme durchgeführt werden.
Beim großen Festumzug am 13. September des Gedenkjahres 1809 – 1959 führten wir gemein-
sam mit der Trachtenmusikkapelle Meran-Obermais den Festzug an.
Bei der Generalversammlung wurde der alte Ausschuß vollständig wiedergewählt, was auf die
gute Zusammenarbeit aller Funktionäre zurückzuführen war.
Am 18. Juni 1960 fand das große Musikantentreffen in Innsbruck statt, wo die Stadtmusikka-
pelle Mariahilf die Festmusik stellte.
29. 31. Juli 1960 Gegenbesuch mit Festkonzert und Gestaltung des Festgottesdienstes bei der
Musikkapelle Mühlacker.
Vom 4.-6. August 1961 wurde eine Fahrt nach Augsburg unternommen, wo wir im Wettstreit
mit einer amerikanischen Militärkapelle und der Augsburger Stadtkapelle standen und zum
Abschluß ein gemeinsames Spiel vor 37.000 Zuhörern im Stadion gaben.
Am 3. Februar 1962 spielt die Stadtmusikkapelle Mariahilf bereits zum zweitenmal zum Tanz
beim „Alpenvereinsball" in den Stadtsälen.
Bei der Priesterweihe am 1. Mai wurde Herr Erich Saurwein vom Widum in die Kirche geleitet,
wo auch die Weihe musikalisch umrahmt wurde. Nach Differenzen innerhalb des Ausschusses
legte Kapellmeister Ludwig Schwaiger sein Amt nieder. Obmann Tomaselli bestellte den
Kapellmeisterstellvertreter und Posaunisten der Brigademusik Tirol, Herrn Valentin Eibisber-
ger zum neuen Kapellmeister. Diese Differenzen schadeten aber auch der gesamten Kapelle. Bei
der Generalversammlung konnte kein neuer Ausschuß gewählt werden und so wurde der
bisherige Obmannstellvertreter Hermann Steffan mit der interimsweisen Fortführung betraut.
Am 22. Februar 1963 fand die verspätete Generalversammlung statt, wo Hermann Steffan zum
Obmann gewählt wurde. Trotz der Reibereien hielt Kapellmeister Valentin Eibisberger zur
Musik und war immer bestrebt zu schlichten und nahm auch seine neuerliche Bestellung zum
Kapellmeister an.
Bei der 150-Jahr-Feier der Stadtmusikkapelle Hötting konnte man wieder einen Aufschwung
der Musik erkennen.
Am 4. August 1963 konnte die Musikkapelle ein Festkonzert mit gutem musikalischem Erfolg
in Fügen geben. Vom 22.-27. August 1963 befand sich die Stadtmusikkapelle Mariahilf bei der
,,Landwirtschaftlichen Messe" in Chinon (Westfrankreich) und erntete mit ihren Konzerten
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Abb. 63: Die Stadtschützenkompanie St. Nikolaus-Mariahilf.
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viel Applaus. Am 31. August 1964 stellte Obmann Hermann Steffan aus gesundheitlichen
Gründen sein Amt zur Verfügung. Bis zur Generalversammlung leiteten Ehrenkapellmeister
Franz Vollgruber sowie Kapellmeister Valentin Eibisberger die Geschicke der Musikkapelle.
Zum Kapellmeister wurde Valentin Eibisberger wieder bestellt, ihm zur Seite wurde Erich Auer
zum Obmann gewählt.
Vom 12. - 14. März 1965 ging eine Fahrt nach Graz, wo wir neben der „Deutschmeisterka-
pelle" aus Wien konzertierten.
Anläßlich der großen Festlichkeit „,340 Jahre Schützenkompagnie Wilten“ stellte die Stadtmu-
sikkapelle Mariahilf die Festkapelle.
Auf Grund des großen Erfolges im März ging bereits am 19. Mai wieder eine Reise nach Graz
mit einem Abstecher nach Wien, wo wir vom Unterrichtsminister Piffl-Perčević empfangen
und zu einem gemeinsamen Mittagessen eingeladen wurden.
Am 30. Juli 1965 begleiteten wir unser Gründungs- und Ehrenmitglied, Monsignore Pfarrer
Josef Danler auf seinem letzten Weg.
Bei der Generalversammlung am 3. Dezember 1965 wurde Josef Preßlaber zum neuen Obmann
gewählt.
Auch 1966 stand im Zeichen der Konzerte.
Aus beruflichen Gründen legte Obmann Preßlaber am 10. Dezember 1966 sein Amt nieder.
Anfang 1966 fuhr die Musikkapelle mit dem Trachtenverein „Die Nordkettler" zum 200-Jahr-
Jubiläum nach Maalbeck in Südholland, wo sie bei 3 Konzerten ihr Können unter Beweis
stellte.
Zum neuen Obmann wurde Friedrich Lackner gewählt.
1967 konnten die musikalischen Verpflichtungen nur mit großer Mühe durchgeführt werden,
denn die Stadtmusikkapelle Mariahilf stand ohne Probelokal da.
Auch 1968 ging es nicht besser, denn wir wechselten mit unseren Proben vom Jugendheim
St. Nikolaus bis in den Kellergang der Hauptschule Hötting.
Bei der Generalversammlung am 15. Jänner 1969 legte Kapellmeister Valentin Eibisberger sein
langjähriges Amt zurück. An seiner Stelle wurde Hans Toifl zum neuen Kapellmeister bestellt.
1969 konnten nur die Fremdenverkehrsausrückungen und die internen Verpflichtungen erfüllt
werden, worauf Hans Toifl bei der Generalversammlung am 13. Dezember 1969 seine Stelle
zurück legte. Nach einer Aussprache übernahm Valentin Eibisberger wieder die Kapellmeister-
stelle.
Anfang Februar 1970 legte dann Obmann Friedrich Lackner sein Amt zurück. Bei der im März
1970 einberufenen außerordentlichen Generalversammlung wurde Erich Auer zum Obmann
gewählt.
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1970 und 1971 wurde das Hauptaugenmerk auf die Konsolidierung der Musikkapelle gelegt.
Der Ausschuß wurde bei der Generalversammlung am 10. Dezember voll bestätigt.
Kapellmeister Valentin Eibisberger sah seine Hauptaufgabe in der Ausbildung von Schülern
und konnte bereits im Februar acht Jugendliche begrüßen.
Bei der 50-Jahr-Feier der Stadtmusikkapelle Mariahilf am 29. September 1973 konnte Kapell-
meister Eibisberger den geladenen Ehrengästen, allen voran Landeshauptmannstellvertreter
Prof. Dr. Fritz Prior und Vizebürgermeister Arthur Haidl, 22 Jungmusikanten im Alter von 8
bis 14 Jahren vorstellen und von deren musikalischem Können überzeugen. Keine Änderung
des Ausschusses ergab die Generalversammlung am 13. Dezember 1973. Neben all den Ver-
pflichtungen in Innsbruck und Umgebung sei besonders die Fahrt vom 20.-23. Juni 1974 nach
Graz und die Feier 75 Jahre Sängerbund Hötting erwähnt.
Bis zur Generalversammlung am 20. Dezember 1974 hat Kapellmeister Eibisberger bereits mit
69 Schülern den musikalischen Unterricht aufgenommen. 1974 standen dann allerdings 20
eingetretenen Schülern 14 Austritte gegenüber.
26 Ausrückungen wurden 1975 in und um Innsbruck durchgeführt. Im September 1975 wurde
bereits zum 6. Mal die Fahrt nach Graz durchgeführt. Im April 1976 konnten 17 Schüler die
Prüfung für das ÖBV-Jungbläserabzeichen (13 Bronze, 4 in Silber) erfolgreich ablegen.
Auf seinen letzten Weg begleiteten wir unseren Ehrenkapellmeister und Ehrenobmann Franz
Vollgruber und unser Ehrenmitglied Johann Stippler. Die Ausrückungen für 1977 fingen
bereits mit der Mitwirkung beim 1. Höttinger Faschingsumzug an. Von 29 Gesamtausrückun-
gen und 14 Ausrückungen in kleinen Gruppen war das Hofgartenkonzert nach 10 Jahren
Durststrecke der Höhepunkt, wobei es ein voller musikalischer Erfolg wurde. Am 15. August
stellte die Stadtmusikkapelle Mariahilf in Kals am Großglockner die Festkapelle. Kapellmeister
Valentin Eibisberger mußte nach dem gelungenen Festkonzert sofort die Reise nach Innsbruck
antreten, denn er wurde für seine hervorragende Tätigkeit in der Musikkapelle, sowie im
Blasmusikwesen von Landeshauptmann Eduard Wallnöfer mit der Verdienstmedaille des Lan-
des Tirol ausgezeichnet.
Am 18. Dezember 1977 stellte bei einer öffentlichen Veranstaltung Kapellmeister Valentin
Eibisberger Schüler der Kapelle von den Anfangstönen bis zum perfekten Spiel in kleinen
Gruppen vor.
Daß die Musikkapelle nicht nur musikalisch zusammenkommt, bewies das am 12. Februar 1978
stattgefundene Rodelrennen, wobei auch viele Angehörige und Freunde der Musikkapelle
begrüßt werden konnten.
Die Prüfung für das ÖBV-Jungbläserabzeichen schlossen 1978 sechs Musiker (1 Silber, 5
Bronze) mit gutem Erfolg ab. 31 Ausrückungen der Kapelle sowie 11 Ausrückungen von
kleinen Spielgruppen wurden durchgeführt.
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Ihren ersten Wandertag veranstaltete die Stadtmusikkapelle Mariahilf am 15. Oktober 1978 im
Raume Hötting unter zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung.
Am 19. November 1978 beging die Stadtmusikkapelle Mariahilf ihre 25. Cäcilienfeier nach dem
Kriege, wobei zwei Silber und fünf Bronze ÖBV-Jungbläserabzeichen, sowie eine Medaille für
50 Jahre und vier für 25-jährige aktive Tätigkeit als Musiker vergeben wurden. Das Jahr schloß
wieder mit der Leistungsschau der Schüler und Jungmusiker.
1979 beträgt der Gesamtstand der aktiven Musiker 66, welche bei 27 Ausrückungen, darunter
als Festmusik in Steinach und Tobadill, musizierten. Bei der am 12. Dezember 1979 durchge-
führten Generalversammlung wurde der gesamte Ausschuß gewählt und Kapellmeister Va-
lentin Eibisberger wieder bestellt. In der Kapelle befinden sich 41 Musiker unter 18 Jahren, zwei
absolvierten den Stabsführerkurs und fünf nahmen am Instruktorenseminar am Grillhof teil.
Sechs Bronzene, drei Silberne und erstmals zwei Goldene ÖBV-Jungbläserabzeichen wurden
dank Valentin Eibisberger mit Erfolg bestanden.
Beim Wertungsspiel des Landesverbandes am 17. Juni 1980 erhielten wir vom Kulturreferenten
der Stadt Innsbruck, Stadtrat Generaldirektor Schlenck, die Zusage für unser neues Probelokal
in der Höttinger Hauptschule. 46 Ausrückungen standen für 1980 auf dem Programm.
Für 1981 hat die Musikkapelle Mariahilf das Bezirksmusikfest Innsbruck-Stadt übernommen,
wobei ein neuer Weg beschritten wurde.
Gemeinsam mit der Stadtschützenkompagnie St. Nikolaus-Mariahilf, wurde das Schützenba-
taillonsfest und das Bezirksmusikfest als ein Fest durchgeführt. Bei 34 Ausrückungen und 43
Proben blieb noch Zeit für die Jugendausbildung, welche wieder vier Bronzene ÖBV-Jungblä-
serabzeichen erbrachte.
Im Frühjahr 1982 konnten wir unser Probelokal nach der Fertigstellung übernehmen.
Beim Blasmusikwettbewerb des Bezirksverbandes Innsbruck-Stadt konnte die Musikkapelle
Mariahilf mit einem sehr guten Erfolg abschließen.
Die Generalversammlung am 15. Dezember 1982 ergab keine Änderung. Auch in diesem Jahre
wurden wieder sechs Silberne und zwölf Bronzene ÖBV-Jungbläserabzeichen mit Erfolg ge-
macht.
Vom 12. Feburar bis 15. Februar 1983 fuhr die Musikkapelle Mariahilf zur 1100-Jahr-Feier
nach Duisburg, wo sie mehrere Festkonzerte gab. Unter anderem in der Mercatohalle vor über
3.000 Zuhörern. Am 16. Februar wurde von Duisburg ein Abstecher nach Mönchen-Gladbach
zum dortigen Faschingsumzug unternommen, wo wir vom Bürgermeister der Stadt empfangen
wurden.
Am 16. Juli 1983 unternahm die Musikkapelle Mariahilf eine Fahrt in die Heimat ihres Kapell-
meisters Valentin Eibisberger, wo sie im Rahmen der Veranstaltungen der Semriacher Kultur-
vereine ein Festkonzert gab. Am Sonntag wurde die Messe musikalisch umrahmt und anschlie-
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Abb. 64: Blick vom Rennweg hinüber zur neuen, vor 100 Jahren geweihten Pfarrkirche von St. Nikolaus mit dem Ansitz
Büchsenhausen (rechts).
Fotosammlung, Stadtarchiv Innsbruck
Bend ein Platzkonzert am Marktplatz gegeben. Das Jahr 1983 klang mit einer Weihnachtsfeier
mit den Angehörigen aus.
Am 15. Juli 1984 fuhren wir als Festmusik nach St. Nikolaus im Ultental, anläßlich der 20-Jahr-
Feier der dortigen Musikkapelle.
Vom 20. bis 22. Juli 1984 fuhren wir zum größten Ereignis der Saison, dem Sommerkarneval in
Fano, wo wir mehrere Konzerte gaben und am Festzug teilnahmen. Neben den anderen Ver-
pflichtungen stand der Landesfestumzug im Gedenkjahr 1809 – 1984 am 9. September 1984 im
Vordergrund. Von unseren Jungbläsern wurden ein ÖBV-Jungbläserabzeichen in Gold mit
Auszeichnung und fünf in Bronze absolviert.
Das Jahr 1984 endete mit 32 Ausrückungen und 48 Gesamtproben.
Die Generalversammlung am 11. Dezember 1985 stand ganz im Zeichen der Wahl des neuen
Ausschusses.
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Valentin Eibisberger wurde wieder zum Kapellmeister bestellt und Erich Auer zum Obmann
gewählt. Ansonsten kam ein neuer Ausschuß zustande, der hauptsächlich aus jungen Leuten
besteht.
1985 konnten 14 Neumitglieder verzeichnet, sowie ÖBW-Jungbläserabzeichen, ein Gold, vier
Silber und ein Bronze errungen werden.
Weiters wurde eine Medaille für 25jährige und drei Medaillen für 10jährige Zugehörigkeit
verteilt.
Mit 49 Proben und 30 Ausrückungen konnte das Jahr 1985 erfolgreich abgeschlossen werden.
Die Stadtschützenkompanie St. Nikolaus-Mariahilf
wurde im Jahre 1971 wieder gegründet. Die letzte Kompanie hatte der bekannte Haupt-
mann Mahlschedl im Jahre 1848 gegründet.
Die Führung im Jahre 1971 hatte der Hauptmann Peter Rayda inne. Im Jahre 1972 wurde
Helmut Petrovsky von der Kompanie zum Hauptmann gewählt, der bis zum Jahre 1979 die
Führung innehatte. 1979 bis zum heutigen Tage heißt der Hauptmann Walter Komann, der seit
der Gründung auch sehr viel für die Kompanie geleistet hat.
Damit bei den offiziellen Anlässen ein Ausrücken möglich war, bemühte sich der damalige
Oberleutnant Josef Andre um die militärische Ausbildung (Gewehrgriffe, Marschieren, Wen-
dungen usw.).
Es mußten viele Hindernisse überwunden werden. Nachdem die Kompanie aus dem Nichts
heraus gegründet wurde, bedurfte es eines großen Idealismus und Kameradschaft. Nur durch
gute Zusammenarbeit war es bis zum heutigen Tag möglich, daß die Kompanie noch besteht.
Speziell in der Stadt ist es schwierig, die Leute zusammen zu bringen bzw. zu halten. Obwohl
am Anfang alle mit Begeisterung bei der Sache waren, wurde es langsam aber sicher ein Auf und
Ab. Es wurden auch Schützenfeste wie z. B. Gründungsfeste, Bataillonsfeste, Fahnenweihen
usw. durchgeführt. Das bei diesen Festen als Spenden eingehende Geld ermöglichte die
Anschaffung der Trachten, Gewehre usw.
Bis zum Jahre 1971 rückte die Schützenkompanie Wilten zu den Anlässen wie Fronleichnams-
prozession und Kirchenfeste in Mariahilf und St. Nikolaus aus. Ab 1972 konnte unsere Kom-
panie diese Aufgabe selbst übernehmen. Man kann heute diese Kompanie zu einem festen Teil
der Gesellschaft in diesem Stadtteil zählen. Als unsere Fahnenpatinnen dürfen wir die Frau
Sieglinde Müller und die leider verstorbene Frau Maria Winkler nennen. Zu unseren Ehrenleut-
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nants bestellten wir die Herren Eckhardt Norbert und Erich Müller. Zu unserem Ehrenmit-
glied KR Fredi Püls. Ehrenkurat ist Hochw. Pfarrer Eugen Bischof, Kompaniekurat Hochw.
Pfarrer Josef Wieser. Der Kompanie-Ausschuß besteht derzeit aus: Hauptmann Walter
Komann, Oberleutnant Walter Januschke, Leutnant Günther Munding, Dienstführender
Oberjäger Josef Andre, Oberjäger Albin Reinisch, Schriftführer Roswitha Berghammer, Kas-
sier Walter Januschke und Jungschützenbetreuer Gerhard Eichhorn.
Interessensgemeinschaft St. Nikolaus
von Hermann Stocker
Die Interessensgemeinschaft St. Nikolaus hatte ihre konstituierende Sitzung am 28.
November 1985 und konnte gleich bei ihrer Gründung mehr als 50 Mitglieder aufnehmen.
Der Zweck des Vereins Interessensgemeinschaft St. Nikolaus besteht darin (aus den Statuten):
,,den Stadtteil St. Nikolaus zu vitalisieren und die Interessen seiner Bewohner, insbesondere
der Wirtschaftstreibenden, der Hauseigentümer und der Freiberufler zu fördern und nach
außen hin gegenüber Ämtern, Behörden und der Stadtgemeinde Innsbruck zu vertreten. Die
Abhaltungen von Veranstaltungen, die diesem Zweck dienlich sind, insbesondere die Organi-
sation des Stadtfestes St. Nikolaus. Die Tätigkeit des Vereins ist nicht auf Gewinn ausgerichtet.
Der Verein verfolgt keinerlei parteipolitische Ziele".
Für das Jahr 1986 sind folgende Aktivitäten vorgesehen:
1. Die Abhaltung einer kulturellen Veranstaltung unter Einbeziehung des altehrwürdigen
Schlosses Büchsenhausen ca. Ende Mai - Anfang Juni.
2. Die Abhaltung des Stadtfestes St. Nikolaus Anfang September.
3. Die Veranstaltung des St. Nikolaus-Spieles am 5. Dezember.
Des weiteren wird die Interessensgemeinschaft St. Nikolaus an die Stadtgemeinde Innsbruck
mit der Bitte herantreten, im zu renovierenden Turnus-Vereinshaus einen Mehrzwecksaal für
kulturelle und gesellschaftliche Veranstaltungen einzuplanen. Dieser Mehrzwecksaal soll auch
allen anderen St. Nikolauser Vereinen zur Verfügung stehen.
Anschrift des Verfassers: Hermann Stocker
Innstraße 3
6010 Innsbruck
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Festprogramm
100 Jahre neue Pfarrkirche und Kindergartengebäude
St. Nikolaus
Samstag, 21. Juni 1986
20.00 Uhr: Vereinsheim Hötting, Schulgasse
Wir veranstalten in Zusammenarbeit mit der Stadtschützenkompanie St. Nikolaus/
Mariahilf ein Sommernachtsfest unter dem Motto „Die Anbruggen singt und
spielt".
Es unterhalten Sie die „,Harmonie St. Nikolaus", der Kirchenchor St. Nikolaus, die
Familie Leutschacher u. v. a. Zum Tanz spielen „The Silver Stars". Große Tom-
bola. Für Speis' und Trank ist bestens gesorgt.
Ende: 2 Uhr. Eintritt frei! Freiwillige Spenden werden gerne entgegengenommen.
Bergfeuer (Sonnwend) Zahl „,100"
Sonntag, 22 Juni 1986
9.30 Uhr: ORFF-Messe, gestaltet von den Kindergarten- und Schulkindern von St. Nikolaus.
Anschließend Festzug zum Stadtbrunnen und Stadtfest.
23. bis 27. Juni 1986
100 Jahre Kindergarten St. Nikolaus
Haus der offenen Tür
Fotoausstellung „Einst und Jetzt"
Zeichen- und Malwettbewerb
Vorträge, gehalten von Landesinspektorin Frau Anni Aufschnaiter
Entwicklung des Kindergartens
- Bedeutung des Kindergartens in der heutigen Gesellschaft
-
Elternarbeit
Am Wochenplan - Streifzug durch die Angebote in unserem Kindergarten
Einblick in die erstellte Chronik
Samstag, 28. Juni 1986
20.00 Uhr: Kongreßhaus Innsbruck: Unterhaltungsabend für alle, die einmal in unserem Kin-
dergarten waren.
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Sonntag, 29. Juni 1986
Wir feiern mit Pfarrer Eduard Nowak sein silbernes Priesterjubiläum
8.45 Uhr: Einzug vom Pfarrhaus
9.00 Uhr: Festmesse mit Festprediger Dekan Bernhard Praxmarer. Für die musikalische
Gestaltung sorgt der Kirchenchor St. Nikolaus, Leiter: Franz Steiner. Anschlie-
Bend gemütliches Beisammensein im Pfarrheim, Fallbachgasse 7.
Montag, 7. Juli 1986
Ausflug mit Eltern, Kindern und Mitarbeitern zum Achensee - Rundfahrt mit
Dampfer mit Musik, Station zum Mittagessen.
Sonntag, 31. August 1986
9.30 Uhr: Heilige Messe, bei der wir die Vollendung des 80. Lebensjahres von Altpfarrer
Cons. Eugen Bischof feiern. Musikalische Gestaltung: Kirchenchor St. Ulrich a. P.
Festprediger: Cons. Rektor Herbert Czernin.
Sonntag, 28. September 1986
„Tag der Jugend"
9.30 Uhr: Heilige Messe, gestaltet von der Jungschar. Anschließend treffen wir uns im Kay-
sergarten bei Spielen und sportlichen Bewerben.
Ende September bis 27. Februar 1987
Jubiläums-Ausstellung im Stadtarchiv Innsbruck, Badgasse 2.
Sonntag, 12. Oktober 1986
9.00 Uhr: Weihe der neuen Orgel durch Generalvikar Prälat Dr. Josef Hammerl. Unsere
neue Orgel wird von der Firma Reinisch/Pirchner in Steinach a. Br. hergestellt. Es
ist eine mechanische Schleifladenorgel mit 29 Registern, verteilt auf Haupt-,
Schwell- und Pedalwerk. Die 1.966 Pfeifen werden in das von der Firma Joh. Huter
& Söhne 1884 hergestellte denkmalgeschützte Gehäuse eingebaut.
Spenden zur Finanzierung der neuen Orgel sind erbeten an: RAIBA Innsbruck,
Kto. Nr. 391710. „Vergelt's Gott!"
Sonntag, 19. Oktober 1986
9.00 Uhr: Heilige Messe mit Missionsautoweihe. 28 Missionsautos sind bisher aus unserer
Pfarre in alle Welt geschickt worden.
Sonntag, 26. Oktober 1986
1886-1986:,, 100 Jahre Stadtpfarrkirche St. Nikolaus"
9.00 Uhr: Jubiläumsmesse mit Hw. Prälat Walter Linser. Zur Aufführung gelangt die Orgel-
solomesse von W. A. Mozart.
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