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V E R Ö F F E N T L I C H U N G E N AUS DEM S T A D T A R C H I V I N N S B R U C K
H e rau sg eb e r: Karl S ch ad elb au e r
N r. 22
Amtliche Stimmungsberichte
1850/51 und 1859/60
von
Dr. Karl Schadelbauer
I N N S B R U C K 1 9 6 0
IM S E L B S T V E R L A G D E S S T A D T M A G I S T R A T E S
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Von den
VERÖFFENTLICHUNGEN AUS DEM STADTARCHIV INNSBRUCK
sind bereits erschi enen:
Nr. 1 Innsbrucks stadtgeschichtliches Schrifttum bis zum Jahre 1950 (1. Teil: Nr. 1—2000)
von Wilhelm Eppacher und Karl Schadelbauer. 1950.
Nr. 2 Innsbrucker Urkunden aus dem Stiftsarchiv Wilten (1238—1350) von Karl Schadelbauer.
1951.
Nr. 3 Die Wohltäter der Landeshauptstadt Innsbruck von Wilhelm Eppacher. 1951.
Nr. 4 Briefe aus Alt-Innsbruck (1461—1873) von Karl Schadelbauer. 1952.
Nr. 5 Innsbrucker Geschichtsblätter (1. Folge) von Karl Schadelbauer. 1952.
Nr. 6 Verzeichnis der Urkunden des Stiftsarchivs Wilten von 1138—1299 von Karl Schadel
bauer. 1953.
Nr. 7 Innsbrucks stadtgeschichtliches Schrifttum bis zum Jahre 1950 (2. Teil: Nr. 2001—4770).
1953.
Nr. 8 Beiträge zur Innsbrucker Kirchengeschichte von Propst Dr. Josef Weingartner. 1954.
Nr. 9 Lesebuch aus Innsbrucker Stadtgeschichtsquellen. 1955.
Nr. 10 Die gefälschten Urkunden des Bischofs Reginbert von Brixen für das Kloster Wilten von
Dr. Fritz Steinegger. 1956.
Nr. 11 Innsbrucker Geschichtsblätter (2. Folge) 1956.
Nr. 12 Die St.-Jakobs-Kirche in Innsbruck im Lichte der Rechtsgeschichte von Univ.-Prof.
Dr. H. Lentze.
Nr. 13 Geschichte der Raum- und Grenzbildung der Stadtgemeinde Innsbruck von Otto Stolz.
Nr. 14 Die Kleinstbände der „D ipauliana“ — Ein Bücherverzeichnis (Band 1 bis 100) von
K arl Schadelbauer.
Nr. 15 50 Jahre schulärztlicher Dienst in Volks- und Hauptschulen von Stadtphysikus Doktor
Leopold Unterrichter.
Nr. 16 Drei Befehlshefte des Innsbrucker Platzkommandos vom Jahre 1809 von Karl Schadel
bauer.
Nr. 17 Die Kleinstbände der „Dipauliana“ — Ein Bücherverzeichnis (Band 101 bis 200) von
Dr. Karl Schadelbauer.
Nr. 18 Das Stadtspital im Jahre 1839 — Die Beschreibung des Spitalsverwalters Fr. X. Honstetter
von Dr. Karl Schadelbauer
Nr. 19 Die Berichte der „Innsbrucker Zeitung“ von 1810 über das „Departement der obern
Etsch.
Nr. 20 Der Innsbrucker Bürgermeister Felix Riccabona v. Reichenfels von Felix v. Gasteiger.
Nr. 21 Innsbrucker Ansichtskarten um 1900 von Dr. Karl Schadelbauer
Druck: Tyrolia Innsbruck 2ee< so
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V E R Ö F F E N T L I C H U N G E N A U S DE M S T A D T A R C H I V I N N S B R U C K
Herausgeber:KarlSchadelbauer
Nr. 22
Amtliche Stimmungsberichte
1850/51 und 1859/60
von
Dr. Karl Schadelbauer
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Amtliche Stimmungsberichte 1850/51 und 1859/60
Die Ereignisse der Revolutionszeiten von 1848/49 hat Osw. v. Gschließer in dem
Buche „D ie N ationale Einheitsbewegung in Deutschtirol im Jahre 1848“ (Schlern-
Schriften Bd. 43) dargestellt. Über deren Auswirkungen in der Folgezeit, die Einfüh
rung einschneidender Veränderungen im Behördenwesen, deren Aufnahm e durch die
Bevölkerung, wie die sich zusehends verschlechternde Finanzlage ist man bisher wenig
unterrichtet. Die Frage, inwieweit sich die Bewohner Innsbrucks und ganz N ordtirols
damals und nach dem Kriege von 1859 zu den Absonderungsbestrebungen Welsch
tirols verhielten, ist überhaupt noch nie recht herausgearbeitet worden. Zu ihrer
Beantw ortung eignen sich vorzüglich zwei Arten von Quellen: einmal die leicht zu
gänglichen Stellungnahmen der damaligen Zeitungen, denen allerdings immer eine
persönliche oder parteibedingte Färbung anhaftet, und zweitens die amtlichen Stim
mungsberichte, die M onat für M onat von den Kreisäm tern an die Statthalterei ein-
gesandt und von dieser an das Innenministerium in Wien weitergeleitet werden muß
ten. Solche Berichte, einerseits die Folgezeit der Revolutionsjahre 1848/49, andererseits
jene des Krieges von 1859 betreffend, sollen im folgenden vorgelegt werden. Sie hab.en
sich im Innsbrucker Landes-Regierungsarchiv in den Beständen der Präsidialakten
(gewöhnliche und geheime) teils im Original, teils in Abschriften oder Entw ürfen er
halten. Da sie ein völlig ausreichendes Bild verm itteln, wurde von einem Aufsuchen
der abgesandten Originalberichte im Archiv des Innenministeriums abgesehen. Für
ihre jederzeitige Hilfsbereitschaft bei den Benützung dieser Archivalien sei dem D i
rektor des Archivs, H errn Dr. Hans Bachmann, wie auch den H erren Staatsarchivaren
Dr. Fridolin D örrer, Dr. Fritz Steinegger und Dr. Ed. W idmoser herzlich gedankt.
Eine wertvolle Übersicht über die Zustände des Jahres 1850 gibt der „B ote für
Tirol und V orarlberg“ in seiner N um m er vom 31. Dezember 1850 (N r. 300). Da diese
zeiteigene Darstellung eine einleitende Rückschau erübrigt, sei sie den Berichts-Texten
vorangestellt:
,,. . . Tirol deckt einen kleinen Fleck auf der großen Karte von Österreich und seine
Bürger verschwinden fast unter den Reichsbürgern des gewaltigen Kaiserstaates. Ziehen
wir heute, am Silvesterabend dieses Jahres 1850, eine Partialrechnung aus den unserem
Lande zugewiesenen Blättern in Österreichs Annalen und lassen Sie uns hoffen, daß
unser Endgefühl ein freudiges, vertrauensvolles auf die Zukunft sei. Wir erhielten
gleich anfangs ein bedeutungsreiches, nur durch die Post verspätetes Neujahrsgeschenk,
die Landesverfassung vom 30. Dezember 1849, publiziert am 7. Februar 1850 mit
einem autonomischen Landtage, gewählt vom Besitze und der Intelligenz, der an der
Seite des Reichstages die Regelung der inneren Landesangelegenheiten zur A ufgabe
hat, m it Verschmelzung des N ationaldualism us und mit Beseitigung der antiquierten
Stände. Das Land, wie es die N atur m it einer Riesenkette von Bergen umschlossen,
bleibt ein ungetrenntes Ganzes, aber erst die Zukunft wird uns die praktischen Folgen
dieses Grundgesetzes zeigen. Mit 1. Jänner 1850 traten die neuen politischen Ver
waltungsbehörden ins Leben, die Statthalterei, Kreisregierung und die Bezirkshaupt-
mannschaften, nur fehlen noch derselben, wie der erstem der Landtag, die Kreis- und
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Bezirksvertretungen. In der untersten Gliederung ist die Gem eindeorganisierung auf
dem Lande überall vollendet und wir dürfen uns zum gesunden Verstände des V ol
kes Glück wünschen, welches, kaum der früheren V orm undschaft entwachsen, so bald
sich in das selbständige politische Leben gefunden hat. Die Statute für die größeren
Städte des Landes sind erschienen und teilweise bereits ausgeführt, teilweise der A us
führung nahe.
Die Strafjustiz-V erw altung ist in ein neues Stadium getreten, Öffentlichkeit und
Mündlichkeit, Anklage-Prinzip und Geschworenen-Gericht, alte Träum e aus den L uft
gebilden vormärzlicher Wünsche sind zur Wahrheit geworden. Die Themis hat ihren
Schleier verloren, in den offenen Sälen vor den Augen des Volkes wird das Recht
gesprochen; die Staatsanwaltschaft, die Wächterin des Gesetzes verfolgt den Ü bertreter
der sozialen O rdnung; unparteiisch hört der Richter seine Verteidigung, und senkt
sich die Waage auf der Seite der Schuld, so trifft ihn unerbittlich der Arm der G e
rechtigkeit. Nicht unsichere Beweisregeln, die innere Ü berzeugung allein und das G e
wissen der Richter erzeugen den Wahrspruch, der bei wichtigen Verbrechen in die
Hände der M itbürger des Angeklagten, in die Hände der Geschworenen gelegt ist. Die
Willkür ist verbannt, die persönliche Freiheit und das Hausrecht gesichert.
Zur U nterstützung der Anordnungen der politischen und Justiz-Behörden ward eine
Macht geschaffen, welche den Gegensatz des alten Polizei-Systems bildet, die Gensdar-
merie, die ,im N am en des Gesetzes' mehr durch ihre moralische als physische Kraft
dem Gesetze Achtung verschaffen muß. Die wachsende Sicherheit des Eigentum s und
der O rdnung wird bald der beste Beweis für ihre Zweckmäßigkeit sein, und einzelne
Mißhelligkeiten, die nicht dem Institute, sondern der Schwierigkeit, die hinreichende
Anzahl fähiger Mannschaft gleich bei der Gründung derselben zu finden, zuzuschrei
ben sind, werden, so wie der Mann m it dem Lande und seinen Eigentümlichkeiten
und das Land mit dem Institute bekannt ist, verschwinden.
In bürgerlichen Rechtsangelegenheiten sind eine Menge neuer Gesetze erschienen,
die den Übergang zur gänzlichen R eform und zur Einführung der Mündlichkeit und
Öffentlichkeit auch in derselben bilden. Die deutsche Wechselordnung, beraten von
den tüchtigsten Fachmännern Deutschlands; eine neue Jurisdiktionsnorm , welche vo r
züglich die Erleichterung der Rechtsdurchsetzung zum Zwecke hat, ein Gesetz über
Abhandlungs- und Vormundschaftswesen, welches den Übergang der Erbschaft auf den
rechtmäßigen Erben besser sichert und dem Vorm unde die zweckmäßigste Gebarung
mit dem Vermögen des Pupillen erleichtert, ohne deshalb den Pupillen des richter
lichen Schutzes gegen den Vorm und zu berauben, die N otariats-O rdnung, welche ein
Institut einführt, das bereits in Frankreich und Italien seine Zweckmäßigkeit längst be
währte. Die Gerichte, selbst geregelt durch das organische Gesetz für den Richterstand,
erhielten eine neue Gestaltung; die frühere Vereinigung der Justiz und politischen
Verwaltung auf dem Lande, welche den Richter von seinen eigentlichen Funktionen
abzog und seine Stellung zu einer Zwitterstellung von Selbständigkeit und G ehor
sam machte, ist aufgelöst, seine Unparteilichkeit durch seine U nabhängigkeit gesi
chert und der Ausspruch über wichtige Rechte der Kollegialberatung anvertraut.
Eine gleiche Um gestaltung erlitt die Finanz: wenn sie auch mehr nur ihre innere
O rganisation betrifft. In der untersten Gliederung wurden am Sitze eines jeden Be
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zirksgerichtes Steueräm ter errichtet, denen die Einhebung sämtlicher direkten Steuern
und die Gebahrung der gerichtlichen Deposition obliegt. Ein neues Stempelgesetz führt
die Erbs- und Besitzveränderungstaxe ein. Ein anderes reguliert den Stempel für Zei
tungen, Karten, Kalender und Kundmachungen. Die Einkom m ensteuer und der Z u
schlag zur Grundsteuer, bereits im vorigen Jahre eingeführt, waren beibehalten. Viele
Ein- und Ausfuhrs- und Transitozollsätze haben eine Änderung erlitten. Im K om m u
nikationswesen wurde für Tirol eine Lebensfrage entschieden, der Anschluß an Europas
Eisenbahnen, und bald wird der alte Geier in den Tälern vor dem Gebrause der
Lokom otiven scheu aufflattern. Der elektromagnetische Telegraph, das Wunder der
menschlichen Erfindungskraft, durchzieht das ganze Land. In der Postverwaltung sind
der Brief-Frankierungszwang, die Briefm arken und ein neuer Posttarif eingeführt und
ein Postverband m it dem Auslande zustande gebracht. Das Bau- und Medizinalwesen
ward neu gestaltet. In den Schulangelegenheiten ward die Lehr- und Lernfreiheit an
den Universitäten geregelt, akademische Gesetze über die Universitätsdisziplin, K o l
legiengelder und Staatsprüfungen, die Ober- und Untergym nasien und endlich Gesetze
über das Volksschulwesen erfolgten, die Aufsicht über das Unterrichtswesen wurde
Schulräten anvertraut, die Lage der Lehrer ward teilweise verbessert, neue Schulbücher
wurden eingeführt, kurz von Grund auf wurde alles neugebaut. Ich verm ag hier nicht
die H underte von Gesetzen, welche teilweise auch unser Land betreffen, und die dicken
Bände des Reichsgesetzblattes füllen, alle aufzuzählen; die Arbeiten zu nennen, die die
Ministerien, sich in rastloser Tätigkeit überbietend, in allen Zweigen zutage gefördert,
die Celebritäten aller Wissenschaften zu verzeichnen, die sie zur Mithilfe am Staaten
bau gewonnen. Im Innern des weiten Reiches ist die Ruhe hergestellt, die Dem okratie
vernichtet oder niedergedrückt; überall waltet das Gesetz, der H andel erblüht, die
Arbeit ist gesichert, die Seuchen sind verschwunden. — Nach außen hin hat sich das
entsetzlich drohende H erbstgew itter eines deutschen Krieges gelegt, eine Verständigung
mit Preußen ist erfolgt, die Einigung Deutschlands in nächster Aussicht, Österreich
stark und geachtet.
Blicken wir noch in unser Ländchen selbst zurück. In den Landesangelegenheiten
obenan steht wohl die Grundentlastung, eine Angelegenheit, die die Interessen beinahe
aller Besitzer, beinahe aller Stiftungen und Kirchen berührt. Das völlig für unausführ
bar gehaltene Werk schreitet rüstig vorw ärts, alle Anmeldungen sind längst ein
gebracht, die Liquidierungen zu Tausenden bereits gefertigt, in einzelnen Gemeinden
die Ablösung vollendet, und bei gleich fortgesetzter Tätigkeit, w ofür uns die Leitung
bürgt, vielleicht m it dem Schlüsse dieses Jahres 1851 nur mehr ein kleiner Teil der
Arbeit übrig. Wer die unendlichen Schwierigkeiten, die in unserem Lande dam it ver
bunden sind, zu durchschauen weiß, kann nicht umhin, dem Fortschreiten derselben
die vollste Anerkennung zu zollen. — Die Stimme eines spätem Geschlechts wird
mancher Stimme der Gegenwart über die Zweckmäßigkeit der Maßregel im Prinzipe
übertönen.
Die A ufregung, welche die Jahre 1848 und 1849 in Welschtirol erzeugten, hat sich
gelegt, und wir hoffen, daß die H and, welche die deutschtirolischen Brüder ihren
Landsleuten anderer Sprache bieten, auf dem nächsten Landtage nicht wird verschmäht
werden. Das Unterrichtswesen im Lande wird durch mehrere neue Obergymnasien
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gefördert. W ohltätigkeitsanstalten erheben sich in den Städten, um insbesondere für
die verwahrloste Jugend zu sorgen. Zur Förderung der Industrie im Baumwollgespinste
und Metallwaren erstehen neue Fabriken; einige Straßenregulierungen zur Erleich
terung des so wichtigen Transitohandels wurden neuerlich vorgenom men, und die
Eisenbahnbauten dürften wenigstens im südlichen Anteile nächstens beginnen. Der
W ohlstand wächst, es herrschen Einigkeit und Gemeinsinn in den Tälern und Städten.
Wenden wir nun das Blatt und betrachten wir die Schattenseiten des Jahres. Unsere
finanziellen Zustände haben sich trotz der großen Steuern und Auflagen nicht ge
bessert. Der Klang des Silbers und Goldes ist längst vergessen, Papier und nichts als
Papier ist das einzige Verkehrsm ittel. Das Agio, welches um N eujahr 1850 auf 16 bis
18% stand, erhob sich bis auf 50% und steht gegenwärtig beinahe 30% . Außer den
Banknoten und den Centralkassen-Anweisungen wurden wir noch m it den Reichs
schatzscheinen bereichert; das Vertrauen auf Österreichs finanzielle Kräfte will nicht
zurückkehren. Eine Kom m ission von Fachmännern, zur Regulierung der Bankangele
genheiten nach Wien berufen, brachte Vorschläge zustande, aber leider, ohne daß
hierauf ein günstiges Resultat erfolgte. Die ungeheure Militärmacht und die Organisie
rungsauslagen erfordern ungeheure Mittel, und ehe nicht die Armee reduziert wird,
die Verwaltung einen geregelten Gang genommen und die durch den Krieg erschöpf
ten Provinzen sich erholt haben, ist an eine Verm inderung der bedeutenden Steuern
und Abgaben nicht zu denken, sondern wir mögen zufrieden sein, wenn sich am Ende
des Jahres nicht ein neues Defizit ergibt, wie es uns die letzten Jahre und ebenso das
heurige Jah r unvermeidlich brachten und bringt. Durch Verschwinden des baren Gel
des und durch die gewaltigen Staatsauflagen sind alle Bedürfnisse im Preise gestiegen,
der Handel mit dem Auslande hat abgenommen, und Familien, welche auf ein be
stimmtes früher hinreichendes Einkom m en angewiesen sind, verm ögen kaum mehr
das Notw endigste zu bestreiten. — Grundeigentum ist in den meisten Gegenden im
Preise gestiegen, da niemand sein Feld für Papier verhandeln will; hiezu kom m en noch
die für walzende Grundstücke beträchtlichen Besitzveränderungstaxen, welche beim
Kaufspreis vom Verkäufer nicht berücksichtigt werden und demnach um dieselben den
Kaufschilling erhöhen, wodurch der Güterhandel ganz aufgehört hat. — Das gleiche
gilt hinsichtlich der Erbstaxe bei Bauerngütern, wo der Besitzsohn in der Regel für
sich und seine weichenden Geschwister sämtliche Gebühren sogleich bar entrichten muß
und oft nur unter sehr onorosen Bedingungen hiezu das Geld zu erhalten vermag. Die
im heurigen Jahre so starke Einquartierung im Ober- und Unterinntal drückte trotz
des freundlichen und humanen Benehmens des Militärs schwer auf die Bewohner; und
die bangen Tage, die uns der drohende Konflikt m it Preußen und die Aussicht auf
einen europäischen Krieg brachten, wollen wir nicht zählen. —-
Mancher Unglücksfall traf hart einzelne Teile des Landes; die Brände zu Bruneck
und Lorenzen und die Erdüberschwemmungen in Grätsch und Algund waren dies
nefasti im Kalender des heurigen Jahres; manchen geachteten Nam en hat der Tod aus
der Liste der Lebenden gestrichen.
Wenden wir abermals das Blatt und blicken wir auf die noch offenen Posten un
serer Wünsche. Wir wünschen sehnlich den Anschluß an den deutschen Zollverband,
wenigstens den Anschluß an Süddeutschland hinsichtlich der zollfreien Ein- und A us
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fuhr von N aturprodukten. Wir wünschen einen M arkt für unsere südtirolischen Weine,
der allein die Produktion, insbesondere hinsichtlich ihrer Q ualität, zu beheben im
stande ist. Wir wünschen wohlfeiles bayrisches Getreide. Wir wünschen den Bau der
nordtirolischen Eisenbahn von Innsbruck an die bayrische Grenze, um nicht vom euro
päischen Welthandel ausgeschlossen zu werden, und durch die Luckmanierbahn den
T ransport der italienischen und levantinischen Waren nach Deutschland zu verlieren.
Wir wünschen die baldige Regulierung der Straßenstrecke von Bozen nach Brixen,
welche m it ihren hundert H ügeln den W arentransport verteuert, erschwert und ver
zögert. Wir wünschen eine Regulierung unseres sehr unsichern Hypothekenwesens
und die Einführung des Grundbuches, welche gerade bei uns, wo der größte Teil des
Reichtums in G rund und Boden beruht, von höchster Wichtigkeit ist. Wir wünschen
eine Verständigung m it unsern welschtirolischen Brüdern hinsichtlich einer gerechtem
und zweckmäßigeren Verteilung des G rundsteuerpostulats auf Grund einer neuen
Katastrierung. Wir wünschen die Errichtung von wenigstens 2 höhern Bürgerschulen,
die Errichtung von Schullehrerseminarien und die Verbesserung des wirklich arm
seligen Zustandes mancher Volksschullehrer.
Wir wünschen wenigstens eine Verm ehrung der baren Scheidemünze zur Erleich
terung des Kleinverkehrs, welche, nachdem die kursierenden Sechskreuzersilberstücke
selbst beim gegenwärtigen Agio in ihrem Gehalte nicht einmal den Wert eines Sechs-
kreuzerscheines haben, m it keinen solchen O pfern verbunden sein dürfte.
Wir wünschen — die baldige Einberufung des Landtages.
Ziehen wir nun den Schluß unserer Jahresrechnung und gestehen wir uns, daß es der
guten Tage mehr als der schlechten hatte, daß es uns im Staatsleben Neuerungen
brachte, deren W ohltaten wir bereits vollends empfinden, daß es ein Fortschreiten auf
dem Wege der gesetzlichen Freiheit und O rdnung gilt, daß die Grundm auern des
Staatenbaues auf festem Boden gelegt und derselbe bereits unter Dach gebracht ist. —
Gestehen wir uns, daß das gegenwärtige Ministerium, welches m itten im Sturm e das
R uder ergriffen, m it Festigkeit und Beharrlichkeit auf das sich gesetzte Ziel lossteuert,
daß in Österreich Talent, Redlichkeit und Tätigkeit die einzigen Titel sind, die zum
Staatsdiener befähigen, daß des jugendlichen Kaisers Wahlspruch m it ,vereinten K rä f
ten' auch seine Organe beseelt; hoffen wir, daß die Palmen des Friedens die Lorbeeren
des Krieges weit überwiegen, daß in ihren Schatten alte Wunden vernarben, das V er
trauen sich befestige, der H andel und W ohlstand sich hebe und der alte Krebsschaden
,unsere Finanzzustände‘ einer gründlichen H eilung entgegenreife.“
Es folgen nunmehr die einzelnen Stimmungsberichte (ohne jene von Bregenz).
1.) Bericht v o m 29. N o v e m b e r 1850
„A n Seine des H errn H errn Grafen Kajetan v. Bissingen, k. k. Statthalters für Tirol
und Vorarlberg etc. Hochgeboren in Innsbruck.
Der in den Berichten mehrfach vorkommende finanztechnische Ausdruck „A gio“ bedeutet das
beim Austausch verschiedener Münzsorten oder Banknoten gegen bares Geld zu zahlende A uf
geld wie auch den Mehrbetrag des Kurswertes einer Münze gegen den Nominalbetrag.
Über die Verhältnisse jener Jahre gibt das Buch von Anton Bundsmann, „Die Landeschefs von
Tirol und Vorarlberg in der Zeit von 1815— 1913“ (Schlernschrift N r. 117), wervtolle A uf
schlüsse.
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Hochgeborner G raf! Aus den beiliegenden Berichten des Polizei-Oberkom missärs
von Trient vom 27. d. M. 21. 292/R und des Polizei-Kom m issärs von Bregenz vom
27. d. M. wollen Eure Hochgeboren ersehen, wie nachteilig auch dort die Entwertung
der Banknoten auf die Volksstim m ung wirkt. Welcher Schrecken hier die Bevölkerung
erfaßte, als am 26. d. M. das Silber-Agio auf 50% stieg, ist Eurer Hochgeboren bekannt.
Die gestrigen und vorgestrigen N otierungen haben zwar die Gem üter in etwas ge
tröstet, aber nicht in gleichem Maße sind die Preise der Feilschaften von der beispiel
losen H öhe herabgegangen, auf die die allgemeine Entm utigung im ersten Augenblicke
sie hinaufgeschnellt hatte, da es viele Verkäufer vorziehen, ihre Waren lieber am Lager
zu behalten, als sie gegen Banknoten zu verkaufen, was sie zum Teil durch übermäßige
Preise zu erreichen suchen. Diese Überteuerung ist auch hinsichtlich der Lebensmittel
eingetreten und wenn die Bem ittelten durch die Entw ertung der Banknoten ihr V er
mögen zu verlieren besorgen, wird die zahlreiche vom Taglohne lebende Klasse durch
die Unerschwinglichkeit der Subsistenzm ittel der Verzweiflung nahe gebracht, ab
gesehen von den vielen, die von einem fixen kleinen Einkom m en leben, das sie unter
diesen Um ständen nicht mehr vor bitteren Entbehrungen zu schützen im stande ist.
Ein allgemeines Mißvergnügen, eine höchst düstere Stim m ung ist die Folge und man
ist nur zu geneigt, das, was die traurige W irkung der Zeitverhältnisse ist, der Regierung
zur Last zu legen. Daß eine solche Stim m ung der Gem üter die Em pfänglichkeit des
Volkes für die Vorspiegelungen und Aufreizungen der U m sturzpartei in sehr hohem
Grade steigert, braucht keiner näheren Begründung, und ich glaube nicht, daß es
Schwarzseherei ist, wenn man für den Fall, als das in Frage stehende Übel sich in noch
höherem Maße entwickeln sollte, ernstliche Ruhestörungen besorgt, denen der finan
zielle Grund leicht unter dem Volke einen größeren Anhang verschaffen könnte, als es
im Jahre 1848 die ungemäßigten Freiheitsideen vermochten. Obwohl ich überzeugt
bin, daß alle diese Um stände Eurer Hochgeboren bekannt sind, so halte ich es doch für
meine Pflicht, neuerdings dieselben zur Sprache zu bringen, da nach meiner ehrfurchts
vollen Ansicht es für die Erhaltung der inneren Ruhe dringend notwendig ist, daß,
soweit es möglich ist, dem Grundübel entgegengewirkt und dabei aus den ungezügel
ten Operationen der Wiener Börse und dadurch dem höchst nachteiligen Einflüsse, den
ihre Resultate auf die Gem üter äußern, energisch gesteuert werde. Gleichzeitig weise
ich die beiden Polizei-Kom m issäre in Trient und Bregenz an, jene Handelsleute, welche
die Annahme der Banknoten verweigern, den H erren Kreispräsidenten behufs der
weiteren Verfügung anzuzeigen, und zugleich aufm erksam jede Spur von aufwiegleri
schen Um trieben wahrzunehmen.
Genehmigen Euer Hochgeboren den erneuerten Ausdruck der tiefsten Ehrfurcht,
m it der ich verharre, Eurer Flochgeboren untertänigster Waneczek. Innsbruck, am
29. N ovem ber 1850.“
(Geh. Präs. Serie II, Fasz. I, Sign. X, 1 — N r. 454.455/P. R.)
Bericht des Polizei-Oberkom m issärs in Trient, dem vorigen A kt beiliegend.
„A n Seine des H errn Josef v. Waneczek k. k. wirkl. Gubernialrates uhd Polizei-
D irektors Hochwohlgeboren in Innsbruck.
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Hoch wohlgeborener H err Gubernialrat! Seit einiger Zeit schon, besonders aber
gegenwärtig, herrscht unter der hiesigen Bevölkerung wegen der Entw ertung der Bank
noten eine ungewöhnliche Ängstlichkeit. Nachrichten zufolge, die man heute von Wien
hier erhalten haben will, verlören die Banknoten dort 40% . Bei so bewandten U m
ständen trachten viele ihrer Banknoten loszuwerden und es gibt Handelsleute, die sie
natürlich nur m it hohem Gewinn an sich bringen. Auch sind die Preise aller Lebens
mittel, wenn sie m it Banknoten gekauft werden, bedeutend teurer, was besonders unter
den ärmeren Klassen große Unzufriedenheit hervorbringt. Einige Handelsleute sollen
sich heute sogar geweigert haben, gegen Banknoten zu verkaufen. Indem ich dies er
gebenst berichte, geharre ich mit ausgezeichneter Hochachtung Euer Hochwohlgeboren
untertänigster Diener — K hautz — Trient, den 27. N ovem ber 1850.“
A uf der Rückseite des Berichtes steht als A ntw ort an die k. k. Polizeidirektion da
hier (wohl Innsbruck) vom 30. N ovem ber 1850 folgender Entw urf:
„D er Bericht vom 29. d. M. ZI. 454.455/P.R. macht auf die bekannten nachteiligen
W irkungen des plötzlichen hohen Silber-Agio aufm erksam , welches vor wenigen Tagen
die H öhe von 50% erreicht und die ganz irrige Meinung einer Entw ertung der Bank
noten verbreitet hatte. Wenn erwogen wird, daß die Banknoten von Seite des Staates
als gesetzliches Zahlungsm ittel in ihrem vollen Nennw erte bei allen öffentlichen K as
sen angenommen und ausgegeben werden, so kann von einer Entw ertung derselben
keine Rede sein, und wenn bedacht wird, daß das Silber-Agio lediglich nur eine W ir
kung der Börsenspekulanten ist, welche das zum H andelsartikel gewordene Silbergeld
zum Ziele des Gewinnes gemacht haben, so kann vernünftigerweise auf jene, weder in
einer Verschlimmerung der finanziellen noch der auswärtigen Verhältnisse zu suchen
den Erscheinungen kein großes Gewicht gelegt werden. Obwohl sich die Aufregung
infolge der eingetretenen günstigeren Valutaverhältnisse wieder gelegt hat, so kann ich
doch nicht umhin auf der Stelle zu empfehlen, vorkom m enden Falles durch Belehrung
den irrigen Wahn der Entw ertung der Banknoten, welcher nur durch die Staatsver
w altung selbst, keineswegs aber durch H andelsspekulationen veranlaßt werden könnte,
allenthalben zu beseitigen. Gegen solche Gewerbetreibende hingegen, . . . welche . . . die
Annahme der Banknoten verweigern, ist m it Strenge vorzugehen.“
2.) Berichte der M o n ate M ai bis N o v e m b e r 1851
M ai 1851
„A n Seine des k. k. H errn Ministers des Innern D oktors Alexander Bach Hochwohl
geboren in Wien.
Hochwohlgeborener H err!
In Gemäßheit des m ir im Wege des H errn Statthalters bekannt gewordenen hohen
Erlasses vom 16. d. M. Z. 2262/M.I. habe ich die Ehre, Eurer Hochwohlgeboren mit
Folgendem den Stimmungsbericht für den verflossenen M onat Mai ehrfurchtvollst
zu erstatten.
Noch immer sind hier warmer Eifer für die katholische Religion, treue Anhänglich
keit an das Allerhöchste Kaiserhaus, Achtung der A utorität und Liebe zur O rdnung im
allgemeinen die vorherrschenden Eigenschaften des Volkscharakters. Dessen ungeachtet
!)
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kann m an die Volksstim m ung nicht als in jeder Hinsicht befriedigend bezeichnen. Die
verhängnisvollen Ereignisse der Jahre 1848 und 1849 und ihre drückenden Folgen, die
erhöhte Steuerlast und die ungünstigen Valuta-Verhältnisse, dann die Ungewohnheit
der neuen politischen Einrichtungen erzeugten eine V erstim m ung der Gemüter, welche
zu beruhigen unsere Presse nichts weniger als geeignet ist. Man erkennt zwar, daß die
außerordentlichen Opfer, welche der innere und äußere Krieg dem Staate auferlegte,
eine Erhöhung der Steuern notwendig gemacht haben, und daß es nicht die Regierung
sei, die man deswegen anklagen könne, dennoch aber mißmutig über die neuen Lasten,
ist man bei jedem Anlasse stets bereit der Regierung den V orw urf zu machen, daß sie
in ihren Ausgaben nicht die gehörige Sparsam keit beobachte. Der ungünstige Stand
unseres Papiergeldes m it den ihm anklebenden drückenden Folgen, der Unsicherheit
des Kapitalswertes, der übermäßigen Erhöhung der Warenpreise und Arbeitslöhne wird
hier umso lästiger empfunden, weil Tirol von drei Seiten von Ländern umgeben ist,
die im Verkehre nur Silbergeld haben und aus denen es einen großen Teil seiner
Bedürfnisse beziehen muß. Dadurch wird das Bewußtsein der mißlichen Lage unseres
Geldwesens und die Unzufriedenheit m it unserer Finanzverw altung im m er wach er
halten. Man sehnt sich mit Ungeduld nach einer Besserung dieses leidigen Zustandes
und macht es der Regierung zum Vorw urfe, daß sie nicht ausgiebigere Vorkehrungen
zur Regelung unserer Finanzen treffe. Die Finanzverordnung vom 15. v. M. hat nicht
befriedigt, weil man einesteils mehr erwartete, anderenteils aber der Meinung ist, daß
sich die Regierung im Falle des Bedarfes, ebenso wenig wie in anderen ähnlichen Fällen
an die darin ausgesprochene Beschränkung der Gesamtsum me des Papiergeldes binden
würde. Es ist überhaupt eine sehr ungünstige Erscheinung, daß das Zutrauen zu den
Regierungsmaßregeln eben in dieser Hinsicht bei sehr vielen so von G rund aus er
schüttert ist. Doch nicht in den Maßnahmen der jetzigen Regierung ist der Grund
dieses lähmenden Mißtrauens zu suchen. Die unglückseligen Finanzmaßregeln des
Jahres 1811, die zwar damals unm ittelbar Tirol nicht trafen, die aber hier nur allzu
sehr bekannt wurden, sind es, die noch jetzt so verderblich nachwirken. Sehr viele
besorgen, daß eine solche Katastrophe sich wiederholen könnte und überhaupt fürch
tet man, daß die Regierung zu geneigt sei, zu Machtsprüchen in Sachen des öffentlichen
Kredits zu schreiten.
Eine dritte Quelle des hier sich äußernden Mißbehagens ist die N euheit unserer
gegenwärtigen Institutionen. Viele finden die neuen Justiz- und Verwaltungseinrich
tungen weniger bequem als die alten, die nach ihrer Ansicht einfacher und weniger
kostspielig waren; sie verm ögen die Vorteile der Änderung unserer R egierungsform
noch nicht zu erkennen und wenig dadurch befriedigt geht ihre Meinung dahin, daß
unsere Revolution für den Bürger wohl unerschwingliche Lasten, aber wenig Vorteile
gebracht habe. Dabei ist wohl der U m stand von einem wesentlichen Einflüsse, daß
hierlands durch die Grundentlastung der Verpflichtete nur von einer wenig drücken
den Last befreit wurde und daher nur wenig gewonnen hat, während die Berechtigten
empfindliche Verluste erlitten. Auch w irkt der U m stand ungünstig, daß die Tiroler
das Bewußtsein haben, der Monarchie wichtige Dienste geleistet und bedeutende O pfer
gebracht zu haben und in den neuen Lasten einen schlechten Lohn ihrer Dienste er
blicken. Ein anderer zahlreicher Teil der Bevölkerung spricht sich wohl als ein eifriger
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Anhänger der konstitutionellen Regierungsform aus und wünscht sie bei uns recht
bald ins Leben geführt zu sehen. Von diesen Leuten aber leben die meisten in einer
noch größeren Unruhe als die anderen. Alle Tage quälen sie sich m it neuen Zweifeln,
ob es der Regierung wirklich ernst m it der Konstitution sei, sie w ittern überall A n
zeichen der Rückkehr zum Absolutism us, greifen begierig jede boshafte Verdächtigung
auf, die irgend ein Journ al gegen die Absichten unserer Regierung in die Welt zu
schicken für gut findet und leben m ißvergnügt, daß die Regierung die repräsentativen
Form en ins Leben zu rufen zögert. Außerdem gibt es hie und da exaltierte K öpfe und
andere überhaupt desperate Leute, die eine neue R evolution gerade für kein Unglück
halten würden, zum Teile, weil ihnen eine unbeschränkte Freiheit im Staate noch nicht
als eine Unm öglichkeit erscheint, zum Teile, weil ihr turbulenter C harakter ihnen jede
A utorität verhaßt macht, die sie nicht selbst ausüben, zum Teile auch aus anderen noch
schlechteren Gründen. Von diesen, unterstützt von dem schlechten Teile des gemeinen
Volkes, das in Sachen der Politik keines eigenen U rteils fähig ist, könnte bei sich er
gebenden Anlässen hier noch am meisten für die öffentliche Ruhe zu besorgen sein.
Doch ist wohl auch jetzt noch die Zahl derer, welche die O rdnung aufrecht erhalten
wollen, und dazu nötigenfalls kräftig, wie im Jahre 1848, m itzuw irken bereit sind,
noch immer so groß, daß selbst im äußersten Falle ernstliche Ruhestörungen hier nicht
zu besorgen sein dürften. Doch kann ich nicht umhin hier, nach den gemachten W ahr
nehmungen die Meinung auszusprechen, daß eine namhafte Entw ertung unseres Papier
geldes und die dadurch erzeugten Verluste und besonders die für die zahlreiche ganz
arme Volksklasse dadurch für die ersten M onate herbeigeführten Bedrängnisse hier für
die öffentliche Ruhe und O rdnung insoferne die bedenklichsten Folgen besorgen lassen
könnten, als eben jener ehrenwerte Teil der Bevölkerung, auf welchen man in Fällen
von Unruhen hier am meisten rechnen kann, dann selbst m ißvergnügt nicht schnell
genug zur Aufrechterhaltung der O rdnung sich bereit zeigen dürfte.
Das Ausscheiden des Frh. v. Bruck aus dem M inisterium wurde im allgemeinen hier
m it Bedauern vernommen, teils weil man besorgt, daß jetzt der Bau der Eisenbahn
durch Tirol unterbleiben könnte, teils weil man darin ein Zeichen erkennen will, daß
die Regierung ihre ursprünglich ausgesprochenen konstitutionellen Grundsätze wesent
lich modifizieren oder ganz aufzugeben im Begriffe sei.
Die kaiserliche Verordnung betreffend die M ilitäreinquartierung wurde hier gut
aufgenommen, da man hofft, daß durch die genaue Befolgung derselben weitere Eigen
mächtigkeiten in dieser Beziehung wirksam werde abgeholfen werden.
Die Besorgnis, daß infolge der bisherigen schlechten Waldwirtschaft m it der Zeit in
T irol ein empfindlicher H olzm angel entstehen könnte und die Gefahren, die durch
die Entw aldung der Bergabhänge den tiefer liegenden Äckern und Wiesen und selbst
den Gebäuden von Lawinen und Erdabsitzungen drohen, haben hier allgemein den
Wunsch erzeugt, daß recht bald eine Regelung des Forstwesens ins Werk gesetzt w er
den möchte.
Seit einiger Zeit lassen sich Klagen über die schlechte Beschaffenheit des Tabaks ver
nehmen, die, wie man sich leicht überzeugen kann, nicht ganz unbegründet sind. Man
legt dies den m it diesem Geschäftszweige betrauten Finanzbeam ten zur Last, und es
dürfte eine baldige A bhilfe da umso notwendiger sein, als man sonst besorgen muß,
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daß der Schmuggel m it ausländischem Tabak bald wieder überhand nehmen könnte.
Der Polizei-Kom m issär von Bregenz schildert die Volksstim m ung in V orarlberg als
im wesentlichen befriedigend; die Bevölkerung sei m it den erlassenen Gesetzen und
getroffenen Verfügungen zufrieden und wünsche ihre genaue H andhabung. Wegen
der daraus für die Bewohner erwachsenden pekuniären Vorteile würde man es dort
gerne sehen, wenn bald wieder ein Truppenkorps nach V orarlberg verlegt würde. Die
vorherrschende Beschwerde in Vorarlberg bilde der gesunkene Wert unseres Papier
geldes und die Einregistrierungstaxen bei Ü bertragung des Eigentumes unbeweglicher
Sachen, weil in Vorarlberg solche Eigentum sübertragungen besonders häufig Vor
kommen.
Ü ber die Volksstim m ung in Welschtirol berichtet der Polizei-Kom m issär von Trient
wie folgt: Die gegenwärtige Stim m ung des südtirolischen Volkes kann im allgemeinen
eine befriedigende genannt werden. Sie würde gewiß gut sein, wie sie es nach den ge
machten Beobachtungen und eingezogenen Erkundigungen bei den meisten Landleuten
sein soll, wenn es nicht Personen gäbe, die in ihrer Mehrzahl den bessern Klassen an
gehören, es sich zur Aufgabe gemacht hätten, die Sympathien für die geträum te italie
nische Republik wach zu erhalten und möglichst zu steigern. Da jene Personen teils
Talent, teils Verm ögen besitzen und deshalb, und weil sie m itunter angesehenen Fam i
lien angehören, viele Verbindungen haben, so gelingt es ihnen, sich nicht ganz unbe
deutenden Anhang zu verschaffen, der in allen Städten und größeren Orten Südtirols,
insbesondere in Trient, wo ohne Zweifel das Zentrum der österreichfeindlichen Partei
Welschtirols sich befindet, nicht unsichtbar bleibt, ja von den Behörden gekannt ist
und gerade deshalb und weil. kein A nklang bei dem Landvolke zu besorgen steht, nicht
leicht gefährlich werden kann. Wenn man auch nicht wüßte, daß eine italienische anti
österreichische Partei in Südtirol sich befinde, so würde dieselbe schon an Zeichen er
kannt werden, die man vor Kurzem hier aber mehr noch in R iva und A rco und wie
ich vernehme auch an anderen Orten Welschtirols wahrgenommen hat, nämlich Mauer-
anschriften mit Schim pfwörtern für diejenigen, die Tabak rauchen, dann die von In
dividuen einer bessern Klasse an den Tag gelegte Mißachtung des nunmehrigen Reichs
rates H errn R itters v. Salvotti, der sich dieselbe ganz gewiß nur dadurch zugezogen,
daß er sich den R u f eines österreichischen Patrioten erworben hat und von Sr, Maj.
unserm allergn. Kaiser ausgezeichnet worden ist.
Erfreulich ist die Erscheinung, daß seit einiger Zeit mehrere sich offen für Ö ster
reichs Anhänger erklären und daß eine hinreichende Zahl Südtiroler, ja Trientiner und
Roveretaner sich nicht scheuten als Gäste zum Bestschießen nach Meran zu gehen, was
den Schlechtgesinnten sehr mißfiel.
Mit der neuen politischen Einrichtung ist man hier im allgemeinen zufrieden, über
das neue Gerichtsverfahren ist man hocherfreut, obgleich es für nicht wenige mit
Ungemächlichkeiten und Auslagen verbunden ist, w orüber jedoch noch keine Klagen
vernom men wurden. Was Gehässiges über die neuen Gesetze und Verordnungen hier
geäußert worden ist, rührt von der schlechtgesinnten Partei her und ist größtenteils
in dem vom Priester Baron Prato redigierten Trientiner Journal, dem Organ jener
Partei enthalten, welches sich auch sehr ungünstig über das der Stadt Trient gegebene
Gem eindestatut ausgesprochen hat und überhaupt jede Gelegenheit emsig sucht, gegen
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die Regierung zu deklamieren, gewiß nur um soviel als möglich die Bevölkerung hier
abwendig zu machen.
Die nicht erfreulichen Valuta-Verhältnisse sind es noch immer, welche auf alle V olks
klassen, besonders auf die Beamten, beunruhigend wirken. M it der Besserung jener
Verhältnisse wird sich auch die Volksstim m ung noch befriedigender gestalten.“
Diesem Berichte des Polizei-O berkom m issärs von Trient glaube ich noch beifügen
zu müssen, daß auch bei vielen der hier studierenden Welschtiroler sich Sympathien
für die Sache der italienischen Unabhängigkeit nicht verkennen lassen, so wie auch
unter den deutschen Studenten sich hier und da überspannte politische Ansichten be
m erkbar machen; doch beachten sowohl die einen als die ändern äußerlich ein unan
stößiges Betragen.
Schließlich erachte ich es für angemessen, noch ein W ort über unsere Presse beizu
fügen, obgleich ich voraussetzen kann, daß sie hohen Ortes vollkom m en bekannt ist.
Zur A ufklärung des Volkes, zur Verbreitung heilsamer Ansichten, zur Anregung des
Gemeingeistes w irkt sie sehr wenig; desto mehr dagegen zur A ufregung der Leiden
schaften, zur Anfachung der Unzufriedenheit, zur Verbreitung des Mißtrauens gegen
die Regierung. Besonders bemerklich machen sich die Innsbrucker Zeitung, welche das
konstitutionelle Prinzip zu verdächtigen als ihre A ufgabe bezeichnet, und ihre A nta
gonistin, die Tiroler Zeitung. Die erste streift nicht selten hart an den Sozialismus, und
zur Zeit, als Österreichs Verhältnis zu England und später zu Preußen getrübt erschien,
brachte sie Artikel, in welchen sie die Partei der Österreich feindlich gegenüberstehen
den frem den Regierungen ergriff, so wie sie überhaupt häufig die Absichten unserer
Regierung verdächtigt und die kirchlichen Institutionen angreift. Die T i r o l e r Z e i
t u n g , von der man sich anfangs für die Sache der O rdnung und Gesittung viel Gutes
versprach, hat dieser Erw artung wenig entsprochen. Durch ihre Wundersucht und
Bevorw ortung des blinden Glaubens, durch ihre leidenschaftliche Intoleranz gegen
Andersdenkende und durch verschiedene Taktlosigkeiten der R edaktion hat sie den
aufgeklärteren Teil der Gutgesinnten sich umso mehr entfrem det als sie sich nur in-
soferne regierungsfreundlich zeigt, als es mit ihrem Parteizwecke verträglich erscheint.
Die I n n s b r u c k e r und die T i r o l e r Zeitung sind es vorzüglich, welche hier die
beiden Parteien der Liberalen und der Anhänger der alten Institutionen vertreten, ob
wohl man von beiden sagen kann, daß sie in der T at der Ausdruck der Ansichten nur
der heftigsten und leidenschaftlichsten Fraktion ihrer Parteien sind, da hier die M ehr
zahl die Sachen bei weitem ruhiger und verträglicher betrachtet.
Die H a r f e u n d Z i t t e r , die sich für ein literarisches Blatt ausgibt, zeichnet sich
durch ihren Zynismus aus, m it dem sie die Grundsätze der Ordnung, der Religion und
Sittlichkeit zum Vorteile der U m sturzpartei angreift und lächerlich zu machen sich be
strebt. Leider findet dieses schlechte Blatt vielen A nklang bei der Jugend D as I n n s
b r u c k e r T a g b l a t t ist ein Klatschblatt, das ohne Anstand alles aufnim m t, wenn
nur die Insertionskosten bezahlt werden. Der T i r o l e r b o t e endlich ist wohl legal,
aber äußerst furchtsam vermeidet er ängstlich jeden Konflikt m it anderen Journalen,
und übergeht so manche ihrer A rtikel m it Stillschweigen, die zur A ufklärung des
1 Über dieses Blatt wurde ein eigener Aufsatz in der Zeitung „Dolomiten“ vom 15. Jänner
1960 veröiTentlicht.
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Volkes eine nähere Beleuchtung notwendig machen könnten. Die ändern hier erschei
nenden Blätter haben keine politische Bedeutung. — Genehmigen Eure Hochwohl
geboren den Ausdruck der tiefsten Ehrfurcht mit der ich geharre Eurer Hochwohl
geboren — firm. Waneczek m. p.
Innsbruck, am 1. Juni 1851.“ (Pr. N r. 161)
D er Stimmungsbericht für den M onat Mai 1851 liegt — wie auch jene der folgenden
M onate — in einem Um schlagsblatt, auf dem steht:
„A n Seine des H errn Grafen Cajetan von Bissingen k. k. Statthalters für Tirol und
V orarlberg Hochgeboren in Innsbruck.
Hochgeborener G raf!
In der Anlage habe ich die Ehre, Eurer Hochgeboren die Abschrift des in Gemäßheit
des Hohen Erlasses vom 19. v. M. Z. . . . dem H errn M inister des Innern für den M onat
Mai erstatteten Stimmungsberichtes gehorsamst zu überreichen. Genehmigen Euer
Hochgeboren den erneuerten Ausdruck meiner tiefsten Verehrung — Waneczek.
Innsbruck, am 1. Juni 1851.“
Die von Bregenz eingesandten Einzelberichte sind hier nicht aufgenommen.
Ju n i 1851
Hochwohlgeborener H err! Im verflossenen M onat Juni hat hier die Volksstim m ung
keine bedeutenden Veränderungen wahrnehmen lassen, und die Äußerungen der
selben blieben im Wesentlichen dieselben, wie ich sie in dem gehorsamsten Berichte
vom 1. v. M. Z. 161/Pr. zu schildern in der Lage war. Im Anfänge des Monates hatten
die durch Journal-A rtikel und Privatnachrichten erzeugten Gerüchte von einer bevor
stehenden Änderung der Regierungsgrundsätze und von einem dam it im Zusam men
hänge stehenden Ministerwechsel die öffentliche Aufm erksam keit in Anspruch genom
men. Sie brachten jedoch keinen besonderen Eindruck hervor, da sie sich bisher zu oft
wiederholt hatten, ohne durch die nachfolgenden Ereignisse ihre Bestätigung zu er
halten, und man zweifelte diesmal gleich anfangs an ihrer Grundhältigkeit. Sie ver
klangen auch bald ohne weitere Spuren zurückzulassen. Doch erhielt sich bei vielen
der Zweifel, ob die Regierung die Konstitution auch wirklich ins Leben zu führen
beabsichtige, und man faßte schnell alle Zeitungsartikel auf, die auf die diesfälligen
Absichten der Regierung schließen lassen könnten, so daß auch in dieser Hinsicht in
der Volksstim m ung keine Änderung bem erkbar geworden war. Es scheint aber das
Interesse an Zeitungsartikeln abzunehmen und im allgemeinen sind es ganz vorzüglich
die materiellen Interessen, die hinsichtlich der Volksstim m ung maßgeblich sind.
Das in diesem M onate eingetretene Sinken des Silber-Agio hat die H offnung auf
eine Besserung unserer Valuta-Verhältnisse belebt und in dieser Beziehung die V olks
stim m ung etwas gehoben. Im Übrigen aber erhielten sich die Klagen über die
drückende Steuerlast, so wie die dam it in Verbindung stehenden ungünstigen Äußerun
gen über die großen Auslagen für die Armee und über die Kostspieligkeit der neuen
Justiz- und Verwaltungsformen.
Einen vorteilhaften Eindruck hat die durch die Zeitungen verbreitete Nachricht her
vorgebracht, daß der Eisenbahn-Vertrag mit Baiern zum Abschlüsse gediehen sei, in
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dem m an erwartet, daß nunmehr auch der Bau der Eisenbahn von hier an die bairische
Grenze bald werde in A ngriff genommen werden.
In der ersten H älfte des Monates haben die Sitzungen des Schwurgerichtes die öffent
liche A ufm erksam keit in einem hohen Grade beschäftigt und besonders war es der
Prozeß gegen Josef Epp, Franz W erkmeister und die Eheleute Bernt, wegen V erfäl
schung von Banknoten, welcher das allgemeine Interesse erweckte, da Epp bisher unter
der Gewerbsklasse so angesehen war, daß er vom dritten W ahlkörper als Ausschuß in
den Gem einderat gewählt worden war. Auch war er einer von jenen, die sich unter
den Bürgern als die liberalsten gebärdeten. Aber eben dieser Prozeß wurde vom A n
fänge bis zum Ende so unglücklich geführt, daß die Geschworenen die ihnen gestellten
allzu kom plizierten Fragen in der A rt beantworteten, daß Epp und W erkmeister hin
sichtlich der Verfälschung öffentlicher Kreditspapiere als unschuldig und nur des Betru
ges schuldig, und der Erstere vom Gerichtshöfe zu neun, der Letztere zu 6 Monaten
Kerker verurteilt wurden, während die Bernet’schen Eheleute, die nach der ganzen
Sachlage nur die Werkzeuge des Epp bei der Banknotenverfälschung waren und daher
nur m it ihm oder garnicht dieses Verbrechens schuldig sein konnten, des Verbrechens
der Verfälschung öffentlicher Kreditpapiere von den Geschworenen schuldig erklärt
und vom Gerichtshöfe zur Todesstrafe verurteilt wurcien. Dieses U rteil brachte im
Publikum eine allgemeine Entrüstung hervor und die dadurch erzeugte Aufregung
dauerte einige Tage, ohne jedoch daß es zu tätlichen Äußerungen gegen die Richter,
den Staatsanw alt oder die Geschworenen gekommen wäre, für welchen Fall ich die er
forderlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte. Den Schwurgerichten hat jedenfalls
dieses Ereignis in der Meinung des Volkes geschadet. Man sieht jetzt der Entscheidung
des Kassationshofes entgegen. Insbesondere rügt man es, daß die an die Geschworenen
vom Gerichtshöfe gestellten Fragen bisher häufig so zusam m engesetzt waren, daß in
eine Frage eine Menge U m stände zusam m engedrängt wurden und es den Geschwo
renen m itunter geradezu unmöglich war, solche Fragen m it einem einfachen ja oder
nein zu beantworten, ohne ihre Überzeugung hinsichtlich einzelner Teile der Fragen
zu verleugnen.
U nter den hier erscheinenden Zeitschriften hat sich auch in diesem M onate „D i e
H a r f e u n d Z i t h e r “ durch ihre wühlerischen Übergriffe bem erkbar gemacht und
es erscheint umso wünschenswerter, daß diesem U nfuge bald ein Ziel gesetzt werde, als
dieses Blatt bei der Jugend fortw ährend ein lebhaftes Interesse erweckt. Die I n n s
b r u c k e r Z e i t u n g , die im Ganzen gemäßigter auftritt, hat sich neuerlich m it der
H arfe und Zither auf dieselbe Linie gestellt, indem sie dieses Schm utzblatt als ihren
Gesinnungsgenossen dem Publikum auf das Wärmste anzuempfehlen den M ut oder
vielmehr die U nklugheit hatte . . .
Die von dem Letzteren (d. i. Polizei-Kom m issär von Bregenz) angedeuteten Äuße
rungen hinsichtlich der ungleichen Zuteilung der A rbeitskräfte bei den verschiedenen
Ä m tern kom m en häufig nicht allein in Vorarlberg, sondern auch in Tirol vor. Es
scheint sich den Leuten die Bem erkung aufzudrängen, daß manche Ä m ter m it A rbei
ten überladen ein zu deren gehöriger unaufgehaltener Besorgung unzulängliches Per
sonal haben, während andere einen Überfluß an A rbeitskräften besitzen und ihre
Beamten nicht hinreichend beschäftigen. Zu den Ersteren gehören die politischen
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Ä m ter der 1. Instanz und einige Bezirksgerichte, lauter Ämter, die unm ittelbar mit
dem Volke zu verkehren haben, und es ist daher erklärlich, daß solche W ahrnehmun
gen keinen günstigen Eindruck hervorbringen . . .
Innsbruck, 1. Ju li 1851 — Der k. k. Gubernialrat u. Polizeidirektor Waneczek m. p.
Es folgt nun der Trientner Bericht, gerichtet an den Polizeidirektor W aneczek:
„D er k. k. Polizei-O berkom m issär in Trient.
Hochwohlgeborener H err Gubernialrat. Die Stim m ung der Bevölkerung Trients im
laufenden M onate ist, wie sie es im letztvergangenen M onate Mai gewesen, befrie
digend. Nichts was sie hätte drücken können, ereignete sich in diesem M onate. Das
R esultat der eben beendeten Wahlen der Gem einderatsm itglieder beweist, daß der
größere Teil der hierortigen Bevölkerung keine Sym pathie für jene Individuen hegt,
die hier für Feinde der Regierung und Anhänger der U m sturzpartei gehalten werden.
Das Gerücht, es könnte die dem österr. Kaiserstaate verliehene K onstitution zurück
genommen werden, hat hier wenig Glauben gefunden und noch weniger Besorgnis
erregt. Günstig auf die Volksstim m ung w irkt die H offnung, daß sich die V aluta-V er
hältnisse in Bälde bessern werden . . .
Trient, am 27. Juni 1851 — K hautz m. p .“
Ju li 1851
V orgelegt am 1. A ugust 1851:
„H ochwohlgeborener H err! In der Volksstim m ung sind auch im verflossenen M o
nate Ju li hier keine wesentlichen Änderungen wahrgenommen worden und es ist im
Allgemeinen in ihren Äußerungen nichts vorgekom m en, was auf eine Verschlimmerung
derselben hätte schließen lassen können. Die Steuerlast, das Papiergeld und hie und da
die aus ihrer N euheit hervorgehende größere Unbequem lichkeit der neuen Einrich
tungen bildeten noch immer den allgemeinsten Gegenstand der Klagen der größeren
Masse des Volkes, während die kleinere m it der Politik sich befassende Zahl außerdem
noch nach wie vor von Zweifeln über die Absichten der Regierung bezüglich der A us
bildung der konstitutionellen Regierungsform beunruhigt wurde. Die in den öffent
lichen Blättern erwähnten Gerüchte, daß die Regierung die N ationalgarde ganz auf-
heben und im Gemeindegesetze Änderungen einzuführen im Begriffe sei, wurden wohl
im Publikum besprochen, brachten aber keinen namhaften Eindruck auf die Gem üter
hervor. Die N ationalgarde hat sich hier schon seit längerer Zeit von selbst aufgelöst,
ohne daß ein lebhaftes Verlangen nach ihrem W iederaufleben irgendwo bem erkbar
wäre, und was das Gemeindegesetz betrifft, so scheinen die Sym pathien für dasselbe in
seiner jetzigen Form keineswegs so groß zu sein, daß man jede M odifikation daran als
ein Unglück betrachten sollte. Man sieht daher ohne vorläufige Besorgnisse den dies-
fälligen Maßregeln ruhig entgegen.
Das Institut der N otare bildet hierlands keinen Gegenstand der allgemeinen
Wünsche. Man sieht seinem Inslebentreten vielmehr m it der trüben Ahnung entgegen,
daß dadurch die Lasten der Staatsbürger empfindlich werden verm ehrt werden, und was
immer in dieser Hinsicht für das Gegenteil die Innsbrucker Zeitung zu M arkte brachte,
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kann eben nur als die Meinung der N otariats-K andidaten und der sich ausschließlich als
liberal proklam ierenden Partei gelten, die in den N otaren eifrige Parteigänger zu er
halten hofft.
Die bei dem Durchmarsche des 4. Battaillons von Geppert-Infanterie hier kund ge
wordene Nachricht, daß die vierten Bataillone sämtlicher Italienischer Regim enter nach
Italien zurückkehren sollten, hat hier allgemeines' Erstaunen erregt. Man erinnerte sich,
daß die italienischen Truppen im Jahre 1848 in Italien sich nicht blos als unzuverlässig
erwiesen, sondern geradezu sich den Rebellen anschlossen; dann will man wissen, daß
die Volksstim m ung im lombardisch-venezianischen Königreiche auch gegenwärtig noch
immer sehr schlecht ist, und daß dort die revolutionäre Partei durch U m triebe und
A ufreizungen aller A rt unserer Regierung Abbruch zu tun unermüdlich ist. Man be
sorgt daher, daß diese italienischen Bataillone bei einem möglichen Ausbruche von
Unruhen in Italien nur die Reihen der Rebellen verstärken würden.
Allgemeinen Unwillen haben das gewaltsame Benehmen und die das N ationalgefühl
verletzenden Äußerungen eines H auptm annes des oben erwähnten Bataillons vor dem
Abmarsche aus der Nachtstation M atrei erregt. Weil ein Fuhrm ann m it Beistellung
der V orspann sich um einige M inuten verspätet hatte, drohte der erwähnte H au p t
mann dem M arschkom missär m it Stockstreichen und A rretierung und erlaubte sich die
Äußerung, ,man solle den Tiroler H unden statt der K onstitution eine russische Knute
geben'; auch duldete er, daß ein U nteroffizier den Bürgerm eister mißhandelte und
einige Fuhrleute von Soldaten geschlagen wurden. Die O rtsvorstehung hat darüber bei
dem M ilitär-Kom m ando die Beschwerde eingereicht.
Die kaiserl. Preßverordnung vom 6. d. M. wurde hier im Publikum im Allgemeinen
beifällig aufgenommen, indem hier der gut denkende Teil der Bevölkerung, der die bei
weitem überwiegende Mehrzahl bildet, längst das Bedürfnis einer V orkehrung gegen
die Übergriffe der Presse, gegen welche sich unser Preßgesetz unwirksam erwies, er
kannt hat. Die Überzeugung von der Zweckmäßigkeit der fraglichen Preßverordnung
wurde hier bedeutend verstärkt durch den U m stand, daß im M onate Ju li eine Menge
Exem plare des in G ratz erscheinenden Journals ,das Urchristentum 1, das die katholische
Religion zu untergraben sucht, im Postwege franco an hiesige Bürger ohne voraus
gegangene Bestellung geschickt wurden. Man meinte für solche Erzeugnisse der Tages
presse, welche die Religiosität der Staatsbürger in dieser A rt zu zerstören sich be
streben, erscheine die Preßverordnung vollkom m en zeitgemäß. Weniger befriedigt
durch die Preßverordnung zeigten sich jene, die nur in der unbeschränkten D urchfüh
rung der konstitutionellen Freiheiten das Heil erblicken. Sie erschien ihnen als eine
wesentliche Beschränkung der Preßfreiheit und als ein Beleg für die retrograde Rich
tung der Regierung.
Beinahe durchgängig auf dem I.ande, besonders aber in der N ähe von Innsbruck,
klagen die Gemeinden über die übermäßige Belästigung durch frem de Bettler, die
zahlreich sich in den D örfern um Gaben zu heischen einfinden. Man hatte gehofft,
daß die Gensdarmerie diesem Unfuge abhelfen würde. Die Gensdarmerie betrachtet
aber die Abstellung des Bettels nicht als ihre Aufgabe. Nachdem es sich aber eigentlich
um frem de Bettler handelt, die eigens auf Bettel herumziehen, um Handwerksbursche,
Pfannenflicker, D rahtbinder u. dgl., welche die Landbewohner häufig mit unverschäm
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ter Insistenz in C ontribution setzen, bei Gelegenheit Diebstähle begehen und größten
teils in die Kategorie der Landstreicher und arbeitsloser Vagabunden fallen dürften,
auf welche zu achten der Gensdarmerie zur Pflicht gemacht ist, so wird es Euer H och
wohlgeboren tiefe Einsicht zu entscheiden wissen, ob durch die Gensdarmerie den
Klagen der Landgem einden in dieser Beziehung wenigstens zum Teile abgeholfen wer
den könnte.
Die Verordnung, daß am Schlüsse des Schuljahres über den Fleiß und Fortgang der
Gymnasialschüler keine gedruckten Kataloge mehr erscheinen sollen, wurde hier nicht
gerne gesehen, da hier sehr viele Studenten nur durch die Unterstützungen, die sie
von Privaten genießen, sich erhalten können, und ihre W ohltäter durch die Klassen
zettel von ihrem Fleiße und ihren Fortschritten in Kenntnis zu kom men gewohnt
waren.
Unsere Presse hielt sich im ganzen in den gebührenden Schranken; nur die Zeit
schrift „H arfe und Zither“ verfolgte beharrlich ihre verwerfliche Tendenz. Die Staats
anwaltschaft hat die Redaktion, weil sich das Blatt m it Politik befaßt, den Erlag der
gesetzlichen K aution zur Pflicht gemacht, und nachdem sie dieser Verpflichtung nicht
zur Zeit entsprochen hatte, das weitere Erscheinen der Zeitschrift eingestellt. Später
erlegte aber die Redaktion die vorgeschriebene Kaution von 1500 fl. und die Zeitschrift
erscheint nun wieder wie früher . . . Waneczek m. p.“
Es folgt nun der beiliegende Bericht des k. k. Polizei-O berkom m issärs von Trient:
„H ochgeborner H err G ubernialrat! Im laufenden M onat Ju li ist die Stim m ung der
Trientner Bevölkerung ebenso befriedigend gewesen wie im letztverflossenen M onat
Juni. Das bedeutende Zurückgehen des Silber-Agios hat hier den günstigsten Eindruck
gemacht, hauptsächlich deshalb, weil man nun annehmen darf, daß die V aluta-V er
hältnisse bald vollkom m en geregelt sein werden. Man wundert sich, daß bei einem so
starken Sinken des Silber-Agios Waren, besonders aber Lebensm ittel, wenn sie m it
Banknoten gekauft werden, noch immer in den nämlichen hohen Preisen stehen wie
früher, man hofft jedoch, daß diesem Übelstande recht bald abgeholfen werden dürfte.
Das Geschworenen-Institut scheint nachgerade den minderbem ittelten, nicht hier
ansässigen Geschworenen drückend zu werden, weil sie oft durch längere Zeit — die
gegenwärtigen Assissen in Trient dauern durch zwei volle M onate — entfernt von
ihren Familien die eigenen Geschäfte nicht betreiben können und überdies hier be
deutende Auslagen machen müssen. Eine Abhilfe in dieser Beziehung wird, wie ich
versichert worden bin, sehr gewünscht.
Das allerh. in Preßsachen unterm 6. d. M. erflossene Patent hat hier von Seite der
Gutgesinnten den größten Beifall geerntet, die regierungsfeindliche Partei aber so un
angenehm berührt, daß sie sich nicht enthalten konnte, durch ihr Organ, das Giornale
del Trentino, dagegen heftig zu deklamieren. Die Verschärfung des Belagerungszu
standes im lombardisch-venezianischen Königreiche hat der erwähnten Partei ebenfalls
sehr mißfallen.
. . . Trient, am 29. Ju li 1851 — Khautz m. p.“
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A u gu st 1851
Vorgelegt am 1. September 1851:
„H ochw ohlgeborner H err! Durch einen großen Teil des M onats August hatten die
durch Elementarereignisse, Hagelschlag und Überschwemmungen verursachten Ver
wüstungen an Grund und Boden die öffentliche Aufm erksam keit hier beinahe aus
schließlich beschäftigt. Viele Gemeinden waren dadurch sehr hart getroffen worden
und groß war der Schaden an zerstörten Feldfrüchten, an verwüstetem und verschütte
tem Grundeigentum . D er Gedanke an das Elend der dadurch Betroffenen wirkte nie
derschlagend auf die Gemüter. Um so günstiger, erhebender war dann der Eindruck,
den die Nachricht im Volke hervorbrachte, Daß Se. Maj. unser allergn. Kaiser zur
U nterstützung der Beschädigten durch seinen A djutanten, Gen.-M ajor v. Kellner,
die Summe von 25.000 fl. gesendet habe. Man anerkannte m it inniger D ankbarkeit
die zur möglichsten H ilfe schnell bereite huldvolle Teilnahme unseres allergn. M on
archen an dem herben Geschicke, das einen Teil seiner freien Tiroler traf, und pries
allerhöchst dessen menschenfreundliche Vorsorge, die ohne Zeitverlust durch seinen
A djutanten den Bedrängten die kaiserliche Gabe überbringen ließ.
Der Geburtstag Se. M ajestät wurde überall festlich begangen und das Volk bemühte
sich, seine treue Anhänglichkeit an unseren allergn. Kaiser in unzweideutiger Weise
an den Tag zu legen. So bot auch das in der letzten Woche des M onats hier begon
nene Kaiserschießen bei der feierlichen Eröffnung desselben eine neue Gelegenheit
zu Äußerungen treuer Ergebenheit gegen unseren allverehrten Monarchen.
Die A uflösung der N ationalgarde wurde hier m it Gleichgültigkeit aufgenommen,
da die- N ationalgarde hier sich schon vor geraumer Zeit selbst aufgelöst hatte und die
Bürger und Beamten m it sehr wenig Ausnahmen froh waren, des lästigen Dienstes los
zu sein. Weniger gleichgültig für die öffentliche Stim m ung zeigte sich aber die in der
allerh. Verordnung vom 22. A ugust neben der Auflösung der N ationalgarde anbe
fohlene A blieferung der auf eigene Kosten von den einzelnen N ationalgarden ange
schafften Waffen, welche in (die) Kategorie der Militärwaffen gehören. Diese A nord
nung hat den hie und da verbreiteten Gerüchten, daß künftig der Besitz von Waffen
m it einer Steuer belegt und von der Bewilligung der Behörden abhängen sollte, neue
N ahrung geboten. Solche Maßregeln würden hier den N ationalcharakter tief verletzen
und könnten, da der größere Teil der erwachsenen männlichen Bevölkerung die Jagd
und das Scheibenschießen m it Leidenschaft betreibt und dazu Feuergewehre besitzt,
ohne die ernstlichsten Ruhestörungen kaum ausgeführt werden. Die Einsichtsvolleren
glauben aber um so weniger, daß die Regierung eine ähnliche Maßregel in Tirol ins
Werk zu setzen beabsichtigen könne, als sie selbst die Ausbildung tüchtiger Schützen
durch die Bestgaben zu den alljährlich wiederkehrenden Kaiserschießen und auch durch
Verteilung von Feuergewehren an Schützen zu befördern suche und sich bisher die
Landesschützen zur Verteidigung des Landes gegen feindliche Einfälle in einem beson
deren Grade geeignet und nützlich erwiesen haben.
Die durch die Wiener Zeitung am 29. v. M. hier bekanntgewordenen allerh. H an d
schreiben Se. Maj. des Kaisers über die künftige Stellung des Ministeriums und des
Reichsrates und die Verfügung, daß die Frage über den Bestand und die Möglichkeit
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der A usführung der Verfassungsurkunde vom 4. M ärz 1849 einer eindringlichen Be
ratung unterzogen werde, haben wohl hier allgemein überrascht, aber im ganzen
nahm man sie m it einer bemerkenswerten Ruhe auf, und es ist aus diesem Anlaß
nicht nur keine Ruhestörung, sondern überhaupt nichts vorgefallen, was ein Einschrei
ten der Polizei nötig gemacht hätte. Soviel man bisher bemerken konnte, machten
diese allerh. Handschreiben auf den größeren Teil der Bürger und der Landleute kei
nen besonderen Eindruck. Von den konstitutionellen Form en hatten sie nie eine klare
Vorstellung, und Se. Maj. der Kaiser galt ihnen immer als der oberste Landesherr,
der es gut m it ihnen meine, zu dem sie volles Zutrauen haben und für den sie die
Treue und Anhänglichkeit von ihren Vätern ererbten. Für diese Klassen bildet nicht
eine bestimm te Form der Regierung, sondern eine möglichste Verringerung der Lasten
den Gegenstand ihrer Wünsche. Von den gebildeteren Klassen hatten viele die U nh alt
barkeit des bisherigen Provisorium s und die N otw endigkeit einer Regelung in dieser
Hinsicht erkannt, und die Freunde der Ruhe und O rdnung hoffen, daß die Regierung
dadurch gekräftigt, m it um so sicherem Erfolge allen Ruhestörungen werde begegnen
können. Jene, die nur in den streng konstitutionellen Regierungsform en das Heil er
blicken, zollen natürlich ihren Beifall der neuen Wendung der Dinge nicht. Viele unter
ihnen haben aber seit einiger Zeit schon etwas Ähnliches erwartet und sie befleißen sich
sämtlich eines sehr zurückhaltenden und vorsichtigen Benehmens.
Unsere Journale beobachteten im M onat August eine im Ganzen unanstößige H al
tung mit alleiniger Ausnahm e der H arfe und Zither, welche, obwohl auch sie m it
einiger Mäßigung, ihrer verwerflichen Tendenz treu blieb. Übrigens sind in einem
gestern von den Kanzeln kundgemachten H irtenbriefe des hochw. Fürstbischofes von
Brixen, in welchem die Gläubigen vor der schlechten Presse gewarnt werden, die Inns
brucker Zeitung und die H arfe und Zither namentlich bezeichnet worden . . .
Innsbruck, 1. September 1851 — Waneczek m. p.“
D er am 3. September 1851 nachgesandte Bericht des Polizei-O berkom m issärs in
Trient lautet:
„H ochw ohlgeborner H err Gubernialrat! Die Stim m ung der hiesigen Bevölkerung ist
in diesem M onate ebenso befriedigend gewesen, wie sie es im letztverflossenen Juli war.
Die allerhöchste Entschließung, mit welcher die N ationalgarde aufgehoben wird, ist
hier insoferne aufgefallen, als man sie für die Vorläuferin anderer ähnlicher noch wich
tigerer Dispositionen hielt. Die in der Wiener Zeitung vom 26. d. M. erschienenen
allerh. H andbillets, mit welchen Se. Maj. unser allergn. Kaiser geruht haben, die M ini
ster nur allerhöchst ihm und der Krone gegenüber für verantwortlich zu erklären und
anzuordnen, daß die Staatsverfassung vom 4. M ärz 1849 einer Revision unterzogen
werde, haben hier unverkennbar keinen tiefen Eindruck gemacht, was man besonders
daraus sieht, daß jene allerh. äußerst wichtigen Verfügungen wenigstens öffentlich gar-
nicht besprochen werden, während doch sonst jede von der Regierung getroffene Maß
regel von noch so untergeordneter Wichtigkeit gleich der Gegenstand des öffentlichen,
oft sehr animierten Gespräches ward. Daß jener Eindruck bei den Gutgesinnten ein sehr
günstiger war, unterliegt keinem Zweifel, sie alle wissen gut, daß durch die obbelobten
allerh. H andbillets Keime von Grund aus erstickt worden sind, die nur hätten Ver
derben bringen können. Auch deucht mich aus mehreren gemachten Wahrnehmungen,
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daß einige der besseren K öpfe der Partei, die der österreichischen Regierung nicht hold
ist, nicht abgeneigt scheinen, den in Frage stehenden allerh. Verfügungen Beifall zu
zollen. Mancher Schwarzseher möchte die Besorgnis hegen, daß durch diese V erfügun
gen, weil sie nach ihrer Meinung auf die gänzliche Abschaffung der K onstitution hin-
steure, das Lager der U m sturzpartei bedeutende Verstärkungen erhalten werde, wras
die Partei selbst m it heimlicher Freude erfülle und sie bestimme, keine mißbilligende
Äußerung über den fraglichen Gegenstand vernehmen zu lassen . . .
Trient, 31. August 1851 — K hautz m. p .“
Sep tem b er 1851
Am 1. O ktober 1851 wurde folgender Stimmungsbericht vorgelegt:
„H ochw ohlgeborner H err! Die W ahrnehmungen, die ich im verflossenen M onat
September über die Volksstim m ung zu machen Gelegenheit hatte, stellen sich in ihren
Ergebnissen im Ganzen befriedigend dar. Es tritt immer klarer zu Tage, daß die durch
die allerh. Handschreiben vom 20. A ugust angebahnten Änderungen unserer Staats
verfassung hier bei der bei weitem größeren Mehrzahl des Volkes keinen nachteiligen
Eindruck hervorgebracht hat. In den aus diesem Anlasse laut gewordenen Äußerungen
spricht sich meistens mehr oder weniger offen die H offnung aus, daß es nunmehr der
Regierung Sr. Maj. des Kaisers bei dem geänderten System möglich werden würde, in
der Organisierung der Innern Verwaltung und der Justiz solche M odifikationen ein-
treten zu lassen, die einerseits durch Verm inderung der Ausgaben eine Verringerung
der öffentlichen Lasten ermöglichen, andererseits aber den Bedürfnissen der Bevöl
kerung in einem höheren Grade als dies bisher der Fall war, entsprechen könnten. In
ersterer Hinsicht fand man sich durch das allerh. Handschreiben vom 30. August, mit
welchem Se. Maj. die möglichste Sparsam keit in den Regierungs-Auslagen anordnet, in
den gehegten H offnungen bestärkt und es wirkte daher dieses allerh. Handschreiben
sehr günstig auf die Gem üter, nur sprach man allgemein den Wunsch aus, daß diese
allerh. A nordnung überall die gehörige Folge finden möge. Bezüglich der Organisation
der inneren Verwaltung hört man noch immer häufig den Wunsch äußern, daß zur
Besorgung der politischen Verwaltungsangelegenheiten am Sitze der Bezirksgerichte
eigene politische Beamte aufgestellt werden möchten. Man erinnert sich nämlich noch
immer der früher bestandenen Einrichtung, wo der Landm ann in allen seinen Angele
genheiten bei dem Landgerichte R at, Schutz und Beistand finden konnte, während es
jetzt für denselben m it empfindlichen Zeitverlusten verbunden ist, sich an die oft weit
entfernten Bezirkshauptmannschaften zu wenden, abgesehen von der für das einfache
Landvolk vorhandenen Schwierigkeit, in seinen verschiedenen Anliegen die Kom petenz
der Behörden gehörig zu erkennen, die für die Landleute nicht selten, indem sie sich
an eine für den Fall nicht kom petente Behörde wenden, unnütze Gänge und dam it
verbundenen Zeitverlust und Unkosten zur Folge hat.
Nicht minder lassen sich Wünsche hinsichtlich einer M odifikation im Gem einde
gesetze vernehmen. Man besorgt wohl gerne die selbständige Verwaltung des G e
meindevermögens, aber manche Punkte des übertragenen W irkungskreises erscheinen
den Gem eindevorständen lästig und schwer ausführbar. Ü berhaupt erwarten viele, daß
künftig bei den die Landesverw altung und Landesvertretung betreffenden Gesetzen
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auf die besonderen Verhältnisse der einzelnen Kronländer werde mehr Rücksicht
genommen werden, als dies bisher der Fall gewesen ist. Bezüglich der Ju stiz hört man
häufig die Äußerung, daß die Öffentlichkeit bei den Strafgerichtsverhandlungen m it
Rücksicht auf die Beschaffenheit der T at und des Schuldigen bei geringeren Vergehun
gen und gegen Angeklagte von früher unbescholtenem Lebenswandel aufgehoben wer
den oder doch nur dann stattfinden sollte, wenn es der Angeklagte selbst verlangt,
weil in solchen Fällen die Öffentlichkeit an sich schon für den Schuldigen eine härtere
Strafe sei, als die durch das Gesetzbuch verhängte, und nicht selten mit einer A usstel
lung am Pranger m it vollem Grunde verglichen werden könne. Leute, die bis dahin
unbescholten, sich in einem unglücklichen Augenblicke zu einer unerlaubten H an d
lung hinreißen ließen, würden dadurch in vielen Fällen in ihrem Rufe für immer zu
Grunde gerichtet, ihnen ihr Fortkom m en erschwert und sie durch die dadurch erzeugte
A bstum pfung ihres Ehrgefühls nur dem Verbrechen zugänglicher gemacht. Ebenso
äußert man, sei die Öffentlichkeit in den meisten Fällen von Ehrenbeleidigungen gerade
zu der Erlangung der Genugtuung für den Beleidigten hinderlich, da er sich nicht selten
bei der Verhandlung weiteren empfindlichen Kränkungen öffentlich ausgesetzt sehen
könne, wenn er es m it einem Gegner zu tun hat, der durch Aufdeckung der Schwächen
seines Anklägers oder dadurch, daß er denselben in irgendeiner Weise lächerlich macht,
sich zu verteidigen oder zu rächen sucht, abgesehen davon, daß es nicht immer jeder
mann angenehm sein kann, die erlittene Beschimpfung durch die öffentliche Verhand
lung zur allgemeinen Kenntnis des Publikums zu bringen.
Die den O rtsvorstehern aufgebürdete Verpflichtung, die staatsanwaltschaftlichen
Funktionen bei den Bezirksgerichten zu versehen, veranlaßt ebenfalls mancherlei K la
gen, über die den O rtsvorstehern dadurch erwachsenden Beköstigungen, die, wie man
meint, ganz überflüssig und unnötig sind, da doch diese A rt der staatsanwaltschaftlichen
Vertretung im Grunde eine leere Förm lichkeit sei. Ü berhaupt hört man die Äußerung,
man hätte weder das A nklageprinzip noch die Öffentlichkeit der Verhandlungen so
auf die Spitze treiben sollen, wie dies in der provisorischen St (Straf) P (Prozeß) O
(Ordnung) geschehen ist und man hofft, daß auch in dieser Hinsicht zweckmäßige
Änderungen Platz greifen werden.
An dem ausgeschriebenen Anlehen hat sich hier eine im Verhältnisse zu den Geld
kräften des Landes immerhin rege Teilnahme gezeigt; man hofft und wünscht, daß
dadurch eine Besserung der leidigen Valuta-Verhältnisse werde angebahnt werden, die
hierlands im Grenzverkehre und durch die täglich steigenden Preise aller Lebensbedürf
nisse besonders für jene Volksklassen, die nicht durch H andel und Industrie ihre Ein
nahme verhältnismäßig erhöhen können, immer lästiger werden.
Die Taxen auf Eigentum sübertragungen scheinen den Leuten besonders empfindlich
zu fallen, da man häufig die Äußerung vernim m t, daß sie in den meisten Fällen, beson
ders für die weniger bem ittelten Klassen, unverhältnismäßig hoch bemessen sind.
Noch immer vernim m t man die vollkom m en begründeten Klagen über die schlechte
Beschaffenheit der Kreuzer-Zigarren, unter denen man viele geradezu ungenießbar
findet, sowohl wegen des unangenehmen Geschmackes, als weil sie, zu fest gedreht,
keinen Zug haben.
Das durch seine, schlechte Tendenz unter den hierländigen Journalen hervorragende
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Schm utzblatt H arfe und Zither hat im M onate September sein Ende erreicht, indem
es nach vorhergegangener zweimaliger Verwarnung m it Erlaß des H errn Statthalters
vom 10. September auf drei M onate suspendiert wurde und nach einer A nkündigung
der Redaktion auch nach Verlauf dieser Frist nicht mehr erscheinen wird. Die übrigen
Journale haben im Ganzen eine gemäßigte H altung beobachtet . . .“
(Datum und Unterschrift fehlen bei dieser Abschrift.)
Es folgt der Bericht des Polizei-O berkom m issärs in Trient vom 30. September 1851:
„H ochw ohlgeborner H err G ubernialrat! Auch in diesem M onate ist die Stim m ung
der hierortigen Bevölkerung eine befriedigende gewesen. D as Erscheinen Sr. Maj. un
seres allergn. Kaisers im lombardisch-venezianischen Königreiche und in Riva, aller-
höchstdessen vertrauensvolles, bewunderungswürdiges dortiges Auftreten, welches die
'Gem üter gewinnen mußte, hat der schlechtgesinnten Partei Südtirols eine schwere
Wunde geschlagen und man will wissen, es sei diese Partei schon jetzt nicht mehr leicht,
Proseliten zu machen, ja sie habe bereits Anhänger verloren.
Der überraschend schnelle Fortschritt des neuen Staatsdarlehens hat hauptsächlich
deshalb, weil es zum größten Teile im Inlande gedeckt worden ist, was die großen
H ilfsquellen Österreichs klar dartut, den Schlechtgesinnten einen anderen derben
Schlag versetzt und läßt gleichzeitig m it G rund hoffen, daß die Valuta-Verhältnisse
sich sehr bald bessern werden, was für die Volksstim m ung höchst vorteilhaft einwirkt.
In diesem M onate sind hier zwei Fälle vorgekom m en, die als regierungsfeindliche
Dem onstrationen der untergeordnetsten A rt betrachtet werden, nämlich der, daß der
hiesige Winkelschreiber Ferdinand v. Betta das Bildnis des in dem letzten italienischen
Aufstande stark verflochtenen Südtirolers Franz Rocchetti (Student in Padua; vor k u r
zem gestorben) mit antipolitischen Emblemen litographieren ließ und ferner jener,
daß ein Junge namens Dalai, 15 Jahre alt, ein seidenes Fähnchen mit den drei italie
nischen Farben auf dem Giebel seines Wohnhauses aufpflanzte. Von diesen Fällen han
deln meine ergebensten Berichte vom 7. und 14. d. M. ZI. 241 und 248/Pr. . . .
Trient, den 30. September 1851 — K hautz m. p .“
O k to b e r 1851
Am 1. N ovem ber 1851 wurde folgender Bericht für O ktober vorgelegt:
(Ohne Ansprache.) „D ie Volksstim m ung hat im Laufe des M onats O ktober einige
minderbefriedigende Schwankungen wahrnehmen lassen, und wieder sind es unsere
Finanzverhältnisse, welche dieses mißliche Ergebnis herbeigeführt haben. Man hatte
sich von dem letzthin ausgeschriebenen 5% igen Anlehen die von dem H errn Finanz-
minister in Aussicht gestellten vorteilhaften W irkungen auf unsere leidigen V aluta-Ver
hältnisse und auf den Staatskredit überhaupt versprochen und sich nach Tunlichkeit,
um dieses allgemein gewünschte Pvesultat zu fördern, an den Anlehen beteiligt. N un
ist aber gerade das Gegenteil von dem, was man hoffte, eingetreten; das Silber-Agio
steigt von Tag zu Tag, während die Kurse unserer Staatspapiere immer mehr sinken.
Die in dieser A rt getäuschten H offnungen geben Anlaß zu bitteren Äußerungen gegen
unsere Finanzverwaltung, die häufig umso unliebsamer klingen, als sie nicht ohne
Seitenblicke auf unsere Nachbarländer bleiben, die von dem Übel des Papiergeldes
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verschont sind und deswegen den verstim m ten Gem ütern unserer Bevölkerung benei
denswert erscheint. D azu gesellte die stets wachsende Teuerung der ersten Lebens
bedürfnisse die außer den allgemeinen auch in anderen Ländern fühlbaren Ursachen
ihren Grund auch in dem Um stande hat, daß Tirol genötigt ist, einen großen Teil
seines Getreidebedarfes aus Ländern zu beziehen, wo nur wirkliches Silbergeld kursiert.
So äußert auch in dieser Hinsicht die Verschlechterung unserer Valuta eine umso
ungünstigere W irkung, als die Verluste, die man im Grenzverkehre in dieser A rt er
leidet, das Mißvergnügen über unsere Finanzzustände wach erhält und immer mehr
schärft. Der in dieser Weise erregte Mißmut verfällt dann in die alten Klagen über die
vermehrte Last der Abgaben und über die Kostspieligkeit der neuen Form en der poli
tischen Verwaltung und der Justiz, und namentlich ist es auch die Organisierung der
Steuerämter, die in dieser Beziehung häufig besprochen wird. Man sieht übrigens ein,
daß die größten Auslagen dem Staate durch das Kriegswesen verursacht werden und
man wünscht daher sehnlichst, die in Aussicht gestellten Reduktionen und Ersparun
gen in diesem Zweige bald verwirklicht zu sehen. In dieser Hinsicht vernahm man in
den letzten Tagen m it Befriedigung die von Sr. Maj. dem Kaiser angeordnete R eduk
tion des Armeestandes, doch verbreitet sich im Volke immer mehr die Besorgnis, daß
das Jah r 1852 ernste Verwicklungen m it dem Auslande herbeiführen könnte, und man
erkennt, daß die Regierung eine hinreichende Streitmacht bereit halten müsse, um so
wohl den äußeren Feinden als auch den Ruhestörungen im Innern, die im Falle eines
auswärtigen Krieges von der U m sturzpartei versucht werden können, m it der nötigen
Kraft entgegentreten zu können. Deswegen fand das Gerücht, daß bis zum Frühjahr
in Tirol wieder ein A rm eekorps aufgestellt würde, hie und da Glauben und man be
sorgt, daß die von Sr. Maj. angeordneten Truppenreduktionen nicht in der ganzen
Ausdehnung in der nächsten Zeit verwirklicht werden können. Dabei wirken aber eben
auch die düsteren Aussichten in die Zukunft niederdrückend auf die Gemüter. Bei aller
dieser durch die Finanznot erzeugten Verstim m ung spricht sich jedoch immer unver
mindert die treue Anhänglichkeit des Volkes an Se. Maj. und die allerh. H errscher
familie aus und die allerh. Handschreiben vom 20. August scheinen auch in dieser H in
sicht nur w ohltätig gewirkt zu haben. Sicher haben sie beruhigend auf die Gem üter
auch insoferne gewirkt, als dadurch die Kannengießereien über Politik mehr in den
H intergrund gerückt wurden.
Unsere Tagespresse hat sich um die drei U nterhaltungsblätter: Die Tiroler Zither,
den Sandwirt und das als Beilage der Innsbrucker Zeitung einmal in der Woche er
scheinende Im m ergrün verm ehrt, die bisher sich innerhalb der gebührenden Schran
ken gehalten haben. Zwischen der Innsbrucker und der Tiroler Zeitung dauert der alte
Antagonism us fort. Die Innsbrucker Zeitung, die es nicht mehr geraten findet, prak
tische Fragen über unsere Zustände in ihrem Sinne zu besprechen, sucht sich durch
theoretische Abhandlungen schadlos zu halten, die aber so ziemlich spurlos verklingen.
Die Tiroler Zeitung läßt sich nicht selten von ihrer Abneigung gegen alle Neuerungen
zu weit führen und bringt neben manchen gediegenen A rtikeln auch solche, die im
unversöhnlichsten Widerspruche mit den gegenwärtigen Zeitverhältnissen ihr, selbst
bei ihren sonstigen Freunden, den Vorw urf zuziehen, daß sie unsere Stellung in der
Gegenwart verkenne und zuweilen auch das Mißvergnügen einzelner Klassen anrege.
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{
Allgemeine Anerkennung fand insbesondere der in N um m er 233 dieser Zeitung er
scheinende A rtikel über die Schwurgerichte, der m it den Ansichten der bei weitem
größeren Mehrzahl der Bevölkerung über dieses Institut übereinstimm t. Er hat auch
keine einigermaßen beachtenswerte Erwiderung in den anderen Blättern gefunden.
Allgemeinen Tadel dagegen haben der Tiroler Zeitung ihre Deklam ationen gegen die
durch Tirol zu führende Eisenbahn zugezogen . .
(Datum und Unterschrift fehlt.)
Am 3. N ovem ber wird der Bericht des Polizei-O berkom m issärs von Trient nach
gereicht:
„H ochw ohlgeborner H err G ubernialrat! Die Stim m ung der hierortigen Bevölkerung
war auch im eben endenden M onat befriedigend. Die zu Venedig erfolgte Hinrichtung
des politischen Verbrechers D ottesio, noch mehr aber die V erurteilung des Buchhänd
lers Meisner, der sich hier vor nicht gar langer Zeit einige Wochen aufgehalten hatte,
um die Errichtung einer Buchhandlung in Trient durchzusetzen, hat bei den Schlecht
gesinnten nicht geringe Sensation gemacht, welche durch die vor Kurzem ebenfalls
in Venedig erfolgte V erhaftung des Südtirolers Joseph Santoni (über welchen zuletzt
mein ehrerbietiger Bericht von gestern ZI. 295/pr. handelte) noch gesteigert worden ist.
Das Steigen des Silber-Agio hat wieder Besorgnisse erregt, die jedoch infolge Befehles
Sr. Maj. unseres allergn. Kaisers bei der Armee Beurlaubungen in größerem Maßstabe
eintreten zu lassen, was ausgiebige Ersparungen bringen muß, schwanden. Auch die
Befürchtungen, welche man hier wegen der vernommenen Zustände Frankreichs hegte,
haben sich hier, nachdem der eben erwähnte allerh. Befehl bekannt geworden ist, nam
haft verm indert . . .
Trient, am 31. O ktober 1851 — K hautz m. p.“
' ' *
N o v em b e r 1851
Am 1. Dezember wurde folgender Bericht für N ovem ber vorgelegt:
(Ohne Anschrift.) „D ie Volksstim m ung hat im M onate N ovem ber keine wesentliche
Veränderung zum Besseren wahrnehmen lassen. Das Drückende unserer gegenwärtigen
Zustände, und darunter vorzüglich die vergrößerte Steuerlast und die im täglichen
Verkehre immer und überall sich fühlbar machenden Bedrängnisse unserer finanziellen
Lage, das Papiergeld mit allen seinen Folgen und andererseits die Besorgnisse vor der
Zukunft verdüstern die Gem üter. Man vernahm m it Befriedigung wie die von Se. Maj.
angeordneten Ersparungen in den Armeeauslagen durch zahlreiche Beurlaubungen ins
Werk gesetzt werden und erwartet Ähnliches auch in anderen Diensteszweigen. Wenig
übereinstimmend mit diesen Maßregeln der Sparsam keit erscheint den Leuten, nach
den laut gewordenen Äußerungen, die ganze Einrichtung der neuen Steuerämter. Man
vergleicht den dem Staate dadurch erwachsenden Aufwand mit den geringen Kosten
der früher bestandenen Steuereinhebungsart und spricht unverhohlen die Meinung aus,
daß durch die Kosten dieser neuen Einrichtung ein großer Teil der dem Lande so
schwer fallenden Steuern ganz unnötigerweise verloren gehe, da die Steuern nach dem
vorigen System eben so richtig eingebracht wurden, und das jetzt m it so großem A u f
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wände aufgestellte zahlreiche Steuer-Personale nur durch die dabei eingeführte Viel
schreiberei notwendig geworden sei. Manche glauben auch, daß sich diese kostspielige
Einrichtung nicht lange halten werde und meinen, daß Se. Maj. der Kaiser auch da in
Kurzem die mit dem Zwecke vereinbarten Ersparungen anordnen werde.
Die Verordnung des hohen Finanzministeriums, nach welcher die geteilten M ünz
scheine bei den öffentlichen Kassen nach dem letzten Jänner 1852 nicht mehr ange
nommen werden sollen, hat hier einige Besorgnisse erregt, da hier im Verkehre noch
immer ein sehr fühlbarer Mangel an Scheidemünze herrscht und die 6-Kreuzer-M ünz-
scheine zu dem 24 Fl.-Fuße, nach welchem hier allgemein gerechnet wird, sich nicht
wohl eignen, indem sie nach demselben berechnet, 71/4 Kr. Reichswährung gelten soll
ten, und der unbequeme Bruchteil im Verkehre nicht berücksichtiget wird, so daß man
bei einem jeden solcher Münzscheine % Kr. Reichswährung verliert. Aus dieser Ursache
nimm t sie das V olk nicht gerne von den Kassen an. An Silbersechsern werden wohl
allmonatlich von den Kassen namhafte Beträge verabfolgt und von den Beamten und
vom M ilitär verausgabt, aber sowie sie in die Hände der Handels- und Gewerbsleute
oder der Bauern kommen, verschwinden sie auch alsbald aus dem Verkehre. Ein
bedeutender Teil ging bisher in die italienischen Provinzen; aber man kann nicht zwei
feln, daß ein großer Teil auch im Lande verborgen gehalten wird. Obschon man das
V olk wiederholt auf den minderen inneren Wert dieser Scheidemünze aufm erksam
gemacht hat, so ist doch das Mißtrauen gegen unsere Finanzzustände so groß, daß man
noch immer die schlechte Scheidemünze dem Papiergelde vorzieht. In der letzten
Woche hat das Gerücht, daß bei der Landeshauptkasse die geteilten Münzscheine nur
dann angenommen werden, wenn wenigstens ein Teil des kaiserlichen Adlers darauf
ist, einigen Mißmut erregt, doch haben die bekannt gewordenen A ufklärungen be
schwichtigend gewirkt.
Es verbreitet sich immer mehr die Meinung, daß in Kurzem von Sr. Maj. dem
Kaiser die in Aussicht gestellten M odifikationen der Verfassung werden kund gemacht,
und dann auch wesentliche Änderungen in der Organisierung der politischen Verwal
tungsbehörden sowie auch der Bau- und Justiz-Behörden erfolgen werden. Die dies
falls hier laut gewordenen Wünsche habe ich in meinen früheren Stimmungsberichten
angedeutet und man hofft hier, daß die neuen A nordnungen denselben großenteils
entsprechen werden. Übrigens übt dieser Zustand der gespannten Erwartungen hin
sichtlich der Beamten und ihrer Stellung dem Volke gegenüber insoferne einen nach
teiligen Einfluß aus, als er die Beamten m it bangen Besorgnissen für ihre Zukunft er
füllt und sie in eine Gem ütsstim m ung versetzt,'die, wie die Erfahrung lehrt, leicht
ihrer Energie und Lust und Freude in der Erfüllung ihrer Amtsobliegenheiten Eintrag
tun kann, während er keineswegs geeignet ist, die Achtung des Volkes für Beamte,
an deren Fortbestand es zweifelt, zu steigern und ihren Einfluß auf dasselbe zu stärken.
Man sieht jetzt dem neuen Zolltarif entgegen: und so viel man wahrnehmen konnte,
besorgt man hier keine Nachteile von demselben und selbst die hier und in der U m
gebung befindlichen Fabriken scheinen sich mehr Vorteil als Nachteil davon zu ver
sprechen.
Die treue Anhänglichkeit des Volkes an Se. Maj. unseren allergn. Kaiser äußert
sich unverm indert und hat im Laufe des M onats N ovem ber eine neue lebhafte A n
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regung erhalten, als Se. Maj. auf die erste Nachricht von den durch den Durchbruch
der Etsch bei Salurn verursachten Verwüstungen 1 den H errn Obersten vom Genie-
K orps v. K örber m it dem A ufträge hereinsendete, den angerichteten Schaden zu u n
tersuchen und sogleich die nötigen Bauten anzuordnen. Dieser neue Zug der väter
lichen H uld und Vorsorge Sr. Maj. und allerhöchst Seiner Teilnahme an dem U n
glücke Seiner Untertanen hat hier den günstigsten Eindruck hervorgebracht und trö
stend auf die von mancherlei Besorgnissen bewegten Gem üter gewirkt.
Aus Anlaß des vielen gefallenen Schnees wurde hie und da das Schneeschauflungs-
gesetz besprochen. H äufig vernim m t man die Äußerung, daß die Voraussetzung, auf
welcher dieses Gesetz ruht, daß nämlich die an der Straße gelegenen Gemeinden von
der durch die Straße erleichterten K om unikation einen besonderen Vorteil haben,
nicht im m er gegründet ist, indem gerade in den gebirgigsten Teilen, wo die Ver
pflichtung zur Schneeschauflung am lästigsten fällt, die A rm ut der Leute sie von allen
Vorteilen eines gesteigerten Verkehres ausschließt, und es m itunter Straßenstrecken
gibt, wo der G üterzug sehr unbedeutend ist und die hauptsächlich nur dem Postver
kehre dienen, von welchem die angrenzenden Gemeinden gar keinen unm ittelbaren
Vorteil ziehen.
U nter den hier erscheinenden Journalen machten sich seit einiger Zeit die für loyal
sich ausgebende T iroler Zeitung und die Schützen-Zeitung durch gehässige A n
griffe auf das Beam tentum bemerklich. Ihre Absicht schien dabei dahin zu gehn, die
Beamten und das bestehende Verwaltungssystem in den Augen des Volkes herabzuset
zen, und es kom men A rtikel vor, die, wäre die Sache an sich nicht gar so widersinnig,
zu dem Glauben berechtigen konnten, daß ihren Verfassern eine Bauernregierung als
Ideal vorschwebte. In der Tat m ag aber diesen unvernünftigen Hetzereien unbefriedig
ter Hochmut, vielleicht auf verletzte Eitelkeit und ganz besonders eine sich breit
machende Selbstüberschätzung zum Grunde gelegen haben. U nter den Beamten hat die
Sache allgemeinen Unwillen hervorgerufen und es steht zu hoffen, daß die Redaktion,
auf das Verwerfliche solcher A rtikel aufm erksam gemacht, sich fernerhin vor ihrer
Aufnahm e in ihre Journale hüten werden . . .“ (Unterschrift und D atum fehlen.)
Es folgt der Stimmungsbericht des Polizeikom m issärs in Trient vom 1. 12. 1851:
„D ie Stim m ung der hierortigen Bevölkerung war auch im eben endenden M onat
N ovem ber befriedigend. Einen vortrefflichen Eindruck hat hier das Erscheinen des k. k.
Genie-Obersten H errn v. Körber gemacht, welcher infolge Befehles Sr. Maj. unseres
allergn. Kaisers nach Salurn gekom men war, um dort sogleich die Arbeiten vorneh
men zu lassen, die als notwendig erachtet worden sind, um weiteren Verheerungen
1 Im 2. Teil seines 1862 veröffentlichten Buches „Studien eines Tirolers“ schildert J. Strei
ter in dem Abschnitt „Kirchmeß und Schützenfreuden (1851)“ die damaligen Witterungs
verhältnisse, wie folgt (S. 278):
„W er diesen Sommer das sonst so lachende Etschland besuchte, darf davon keinen Maß
stab zur Beurteüung seines Wetters und Bodens nehmen. Der südlich blaue Himmel war
kaum zu erkennen, so mürrisch sah er drein; fast täglich grollte er mit unheimlichem Leuch
ten. Winde und Wolken konnten sich nicht versöhnen. Von allen Seiten hatte das Unwetter
argen Schaden angerichtet, in Salurn allein hör’ ich von 70.000 Gulden; unter- und oberhalb
Neumarkt war infolge von Regengüssen die Etsch ausgetreten und hatte weite Strecken in
einen See verwandelt; hier waren es Hagelschläge, dort Mürren (Erdstürze, Muren), welche
große Verheerungen angerichtet, und selbst in den von allem Unheil bewahrten Gegenden
konnte man des sonstigen Segens nicht froh werden . . .“
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durch Etschüberschwemmungen vorzubeugen. Da das ganze Tal von Salurn bis tief
unter Trient den erwähnten Überschwemmungen mehr oder weniger ausgesetzt ist
und der genannte O berst auch hier war und W asserbauten inspizierte, so hofft man,
Se. Maj. werden allergn. geruhen, die Etschregulierung in größtem Maßstabe vorneh
men zu lassen, eine H offnung die man um so mehr nährt, als man allenthalben weiß,
wie Sr. Maj. ausgezeichnete H erzensgute m it Blitzschnelle und großartigen O pfern
alles Unglück mildert und weiteren Schaden vorzubeugen sucht, was auch minder
gefühlvolle H erzen gewinnen und das Wirken der Schlechtgesinnten paralysieren muß.
Günstig auf die öffentliche Stim m ung wirkte auch die Nachricht von den Maßregeln,
welche die Regierung gegen Individuen ergriffen hat, die auf Verschlechterung der
Valuta-Verhältnisse hinarbeiten. H ier hat das letzthin stattgehabte bedeutende Steigen
des Silber-Agio nur sehr wenig Besorgnis erregt, was zu beweisen scheint, daß der
größte Teil der hiesigen Bevölkerung der Regierung volles Vertrauen schenkt.“ (D a
tum und Unterschrift fehlen.)
3.) Bericht ü ber das 4. Q u a r ta ll859
Entw urf des Statthalters Erzh. Carl Ludwig für den dem M inister des Innern, Grf.
Goluchowski, und dem Polizeiminister, Frh. v. Thierry, zu übersendenden Stim
mungsbericht.
„E(ure) E(xzellenz)! Die Volksstim m ung des IV. Quartals 1859 kann im allgemei
nen als eine gute und gehobene bezeichnet werden; denn die neuesten Maßnahmen der
Regierung haben den tatsächlichen Beweis geliefert, daß die von Sr. k. apost. M aje
stät beabsichtigten Verbesserungen in der Verwaltung bald ins Leben treten werden.
Die unter der Leitung Sr. kaiserl. H oheit teils schon stattgehabten, teils noch statt
findenden Beratungen über den Entw urf eines neuen Gemeindegesetzes, über M odi
fikationen des Gesetzes über die Verzehrungssteuer von Fleisch und Wein, über den
Entw urf eines Landesstatutes, die bereits begonnene Tätigkeit der allerhöchsten Ortes
berufenen Im m ediatkom m ission zur Regelung des direkten Steuerwesens, das sich
kundgebende ernstliche Streben zur O rdnung des Staatshaushaltes, die Vereinfachung
im Geschäftsgänge der Behörden, welche in einigen Kronländern bereits begonnen hat;
alle diese Maßnahmen haben nicht verfehlt, das Vertrauen der Bevölkerung in die
landesväterliche Sorgfalt Sr. Maj. zu stärken und die Treue und Anhänglichkeit des
Tirolers zu seinem Kaiser zu befestigen. Ebenso wurde die Einstellung der R ekru
tierung für das laufende Jah r und die zum Teil schon durchgeführte Reduzierung
der Armee mit großer Befriedigung aufgenommen. Die Freude über diese so wohl
wollenden kaiserlichen Akte wird jedoch durch die Besorgnis getrübt, daß der Friede
Europas nicht von Dauer sein dürfte. Das hohe Silber-Agio, welches die Banknoten
entwertet und die Lebensbedürfnisse zu enormen Preisen steigert, der Mangel an Sil
bergeld überhaupt und sogar an der nötigen Scheidemünze, diese leidigen G eldver
hältnisse üben einen empfindlichen Druck auf die Bevölkerung, u. zw. vorzüglich
auf die ärmere und auf die auf ein fixes Einkom m en beschränkte Klasse aus. Daher
kom m t es auch, daß man hier Landes m it Sehnsucht einer Besserung des Staatskredites
und Entfernung des Defizits entgegen harrt, indem man darin die Grundursache obiger
Bedrängnisse erblickt.
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Was insbesondere den italienischen Anteil Tirols anbelangt, so haben die U nabhän
gigkeitsbestrebungen des benachbarten Italiens — die daselbst herrschende Gärung —
bisher auf die überwiegende Masse der Landbewohner keinen nachhaltig wirksamen
Einfluß ausgeübt, wohl aber in den größeren Ortschaften, namentlich in den Städten
Trient, Roveredo und R iva vielen Anklang gefunden. Ist auch der äußere Anblick
ein ruhiger und die Einwirkung aus dem Nachbarlande auch nur negativ durch ein
gänzliches Abschließen und Vermeiden jedes Scheines von Geselligkeit wahrnehmbar,
so geben doch die fortdauernden Entweichungen junger Leute in die Lom bardei, das
Verbreiten inzendiarischer Schriften und die nicht verfehlte Abneigung gegen Deutsch-
Tirol deutliche Anzeichen von der Tätigkeit der A gitations-Partei. Doch werden ihre
Machinationen m it größter Behutsam keit betrieben, so daß es noch nicht gelungen ist,
tatsächliche Beweise zu erhalten, um gegen einzelne gerichtlich vorgehen zu können.“
4.) Berichte über das 1. bis 4. Q u artal 1860
I. Q u artal 1860
Entw urf wie der vorige.
„E ure Exzellenz! Die durch die allerhöchste Gnade seiner k. k. apost. M ajestät be
willigte Verm inderung der Besitzveränderungs-Gebühren hat im ganzen Lande Tirol
und Vorarlberg einen wohltätigen Eindruck hervorgerufen und nicht verfehlt unter
den Besitzern kleinerer, den Wert von 4000 Gulden nicht übersteigender Anwesen
Gefühle des innigsten Dankes zu erregen. Im übrigen ist die Stim m ung des Volkes
noch immer eine ängstliche und gedrückte — eine Wahrnehmung, welche wohl zum
Teil in der Besorgnis vor einem Wiederausbruche des Krieges, zum Teil in den unab
sehbaren Geldbedrängnissen Österreichs gegründet ist.
Die in einigen anderen Kronländern erfolgte A ufhebung der Kreisäm ter wurde seit
wenigen Tagen nun auch auf Tirol ausgedehnt. Diese Maßnahme der Regierung hat
zwar im allgemeinen bei dem überwiegenden Teile der Bevölkerung einer günstigen
Aufnahm e sich zu erfreuen, doch darf nicht unbem erkt bleiben, daß der Wunsch nach
Verm inderung der vielen Finanz- und Kontrollorgane noch in weit höherem Grade
sich vernehmen läßt, wozu wohl die Erinnerung an die nicht so ferne liegenden Zeiten,
wo statt der vielen Steueräm ter nur sieben ständische Steuereinnehmer bestanden,
welche m it den damaligen Landgerichten alle Steuern anstandslos auf die einfachste
und wohlfeilste Weise behoben, beitragen mag.
Das neue demnächst ins Leben tretende Gewerbegesetz mit dem obersten G rund
sätze der Gewerbsfreiheit wurde auch hier Landes im ganzen als ein Fortschritt in den
bürgerlichen Institutionen m it Teilnahme begrüßt, hat aber — wie jede das materielle
Wohl berührende Neuerung — auch mancherlei Besorgnisse, insbesondere in den un
teren Gewerbsständen und in den Gemeinden wach gerufen. Man befürchtet V er
arm ung vieler Familien, wodurch den Gemeinden und Arm enfonden neue Lasten
erwachsen.
Das allerhöchste Patent über die Verstärkung des Reichsrates 1 wurde allenthalben
1' Im „Boten für T irol“ vom 9. März 1860 wird das kaiserliche Patent vom 5. d. M. be
kanntgemacht, durch das eine Verstärkung des Reichsrates durch außerordentliche Reichsräte
angeordnet und die Bestimmungen über dessen Zusammensetzung und Wirkungskreis getrof
fen wurden. Tirol hatte zwei außerordentliche Reichsräte zu entsenden, Vorarlberg einen.
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m it ziemlicher Gleichgültigkeit aufgenommen. Das Publikum hält m it seinen Ansichten
hierüber noch sehr zurück, sieht aber m it Spannung den Ernennungen der Reichsräte
sowie der Geschäftsordnung entgegen. Ebenso wird die neue Gem eindeordnung und
das Landesstatut mit größter Sehnsucht erwartet.
Die Enthüllungen der großartigen Betrügereien bei der Heeresverpflegung im letz
ten Feldzuge haben auch hier Landes große Sensation und Entrüstung verbreitet. Von
der Gerechtigkeitsliebe Sr. k. k. apost. M ajestät erwartet man, daß gegen die Schul
digen die volle Strenge des Gesetzes werde in Anwendung gebracht werden.
Im italienischen Anteile Tirols war in jüngster Zeit in dem äußeren Verhalten der
Bevölkerung eine merkliche Änderung zum Besseren wahrzunehmen. D azu haben
zweifelsohne die strengen exekutiven Schritte den H auptanstoß gegeben, welche gegen
mehrere politischer U m triebe verdächtige Individuen durch deren Arretierung und
H ierherlieferung behufs der Krim inaluntersuchung in A nordnung gebracht wurden.
Die exaltierte italienische Partei hat dadurch die Überzeugung gewonnen, daß die R e
gierung ihre Tendenzen kenne und den Willen und die Kraft habe, denselben entgegen
zu treten. Die Anhänger dieser Partei sind in hohem Grade eingeschüchtert, so daß
nicht nur alle Dem onstrationen, welche noch zu Anfang dieses Jahres vorkam en
(Maueraufschriften, Plakate, Drohbriefe etc.) gänzlich aufhörten, sondern daß auch
diese Partei so ziemlich den M ut verloren hat im Geheimen ihre Wühlereien fo rtzu
setzen. Im Gegenteil es fängt die gutgesinnte Partei an, sich wieder aus ihrer gänz
lichen U ntätigkeit etwas zu erholen. Auch die Präturen haben die Erfahrung gemacht,
daß sie einer geschärfteren Beobachtung unterworfen seien und ungeahndet keine
zweideutige Rolle mehr spielen dürfen. Das H auptsym ptom der Tätigkeit der U m
sturzpartei, die Auswanderung junger Leute nach Piemont zu befördern, hat ebenfalls
ihr Ende erreicht. Es sind vielmehr in der letzten Zeit viele Bursche, welche aus Süd
tirol in die piemontesische Armee eingetreten waren, in die H eim at zurückgekehrt
und haben die schlechte Behandlung, die sie zu erdulden hatten, in einer Weise geschil
dert, die weiteren Entweichungen wahrscheinlich ein Ziet setzte 2.“
2 Siehe hiezu die Aufsätze „Falsdiwerber zu Rovereto und Trient, 1860“ und „Soldaten
schmuggel am Gardasee, 1860“ in den „Dolom iten“ vom 6. Juli und 3. August 1960.
Die Listen der flüchtigen Personen wurden jeweils dreimal in den Amtsblättern von Wien,
Innsbruck und Trient veröffentlicht. Im „Am tsblatt zum Tiroler Boten“ Nr. 44 vom 14. März
1860 findet sich als „Editto“ z. B. eine Liste von 66 Flüchtigen aus dem Trentino (datiert
Trient, 29. Februar 1860; unterzeichnet Carlo Conte Hohenwart). Am 4. November 1859
waren 93 Flüchtige ausgeschrieben worden, von denen sich innerhalb der Frist von 3 Monaten
keiner zurückgemeldet hatte. Von den 66 Ausgeschriebenen waren 30 zwischen 20 und 24 Jah
ren, 16 jünger; 18 stammten aus Trient, 8 aus Riva, 5 aus Pergine und 4 aus Mori. Von den
93 waren 32 aus Trient, 11 aus Riva, 7 aus Mori und 5 aus Rovereto.
Im „Boten für Tirol“ findet sich am 13. März 1860 noch folgende N otiz:
„Die Allgemeine Zeitung berichtet in Nr. 47 und 49, daß das 23ste Bataillon der Brigade
Parma, aus 400 Trentini bestehend, in Florenz eingerückt ist. Ebenso liefert uns das Am ts
blatt des Tirolerbothen von Zeit zu Zeit Verzeichnisse über junge Burschen, die ohne Bewil
ligung nach Piemont ausgewandert sind.
Es ist mit Grund zu besorgen, daß die im Auswanderungspatente angedrohten Strafen auf
die Ausgewanderten, welche als Familiensöhne, oder zur dürftigen Klasse gehörig, kein eigenes
Vermögen besitzen, so’ wenig als die allerhöchst bewilligte Amnestie eine Wirkung haben
werden.
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II. Q u artal 1860
V or Beginn des Textes steht folgender Verm erk: „Stim m ungsberichte der 4 Kreis
hauptm änner und des pol. D irektors liegen nun vor. Auch einige Bezirksvorstände
haben auf Grund der Präs.-Verordnung vom 2. v. M. ZI. 1642/pr. über die periodi
schen Ausweise für die polit. Verwaltung schon jetzt, obwohl noch die Kreisäm ter
bestehen unm ittelbar hieher berichtet. Diese Berichte enthalten jedoch nichts beson
ders Belanghaftes.“ — Adressen wie früher.
„E ure Exzellenz! In der Allgemeinen Stim m ung der Bevölkerung von Tirol und
V orarlberg hat sich im verflossenen II. Quartale d. J. keine bemerkenswerte Verän
derung ergeben, weshalb man sich zur Verm eidung von Wiederholungen auf den letz
ten Stimmungsbericht vom 21. A pril 1. J. ZI. 1354/pr. zu beziehen erlaubt. Es ist nicht
zu verkennen, daß die Stim m ung fortan eine gedrückte, von Besorgnissen für die
Zukunft Österreichs erfüllte geblieben ist.
Die finanziellen Bedrängnisse der Monarchie sind es vor allem ändern, welche auf
diesem im ganzen armen Grenzlande zentnerschwer lasten. Gewiß kein anderes Kron-
land fühlt den Druck der Valutaverhältnisse in so empfindlichem Grade, als das von
drei Seiten ans Ausland grenzende Tirol m it Vorarlberg. Da wohl zu berücksichtigen
ist, daß ungefähr zwei D ritteile an Getreide vom Auslande bezogen und in Silber
gezahlt werden müssen und daß sohin in Erm angelung von Silbergeld zum Preise des
Getreides auch das hohe Agio hinzugeschlagen werden muß. Das traurigste hiebei ist
der gänzliche Mangel an Silberscheidemünze, indem nun auch die Silbersechser nur als
Ware behandelt werden. Infolgedessen ist man hierlandes zu allen Zahlungen unter
1 Gulden ö . W. lediglich auf Kupfergeld angewiesen, ein Ü belstand, der auf den Klein
verkehr äußerst hemmend und störend einwirkt. Zur Erzielung einer teilweisen A b
hilfe gegen diesen — eine wahre Landeskalam ität bildenden — Mißstand wäre wohl
sehr zu wünschen, wenn die hierländigen Kassen fortan wenigstens m it einem genügen
den V orräte an Silbersechsern versehen und angewiesen würden den k. k. Beamten
und Dienern einen wenn auch nur kleinen Teil der Gehalte monatlich in Silberscheide
münze zu erfolgen.
M it großer Spannung verfolgt man wie überall so auch hierlandes die Beratungen
des verstärkten Reichsrates. An einen befriedigenden Erfolg derselben werden die
besten Hoffnungen für das öffentliche Wohl geknüpft, da sich nicht in Abrede stellen
Der Abgang so vieler Jünglinge wird bei der nächsten Militärstellung sehr empfindlich und
für manche Familie sehr schmerzlich fallen, wenn ihre Söhne an die Stelle der Renitenten
einrücken müssen.
Wäre es nicht billig und besonders den gegenwärtigen Verhältnissen angemessen, wenn nach
dem Beispiele anderer Staaten die Familien der illegal Abwesenden und in Ermangelung die
Gemeinde derselben für den Nachmann des abwesenden Stellungspflichtigen zu einer zu lei
stenden Entschädigung verhalten würden?
Eine solche Maßregel wäre gewiß das wirksamste Mittel, um der überhand nehmenden Aus
wanderung Einhalt zu tun. Mancher Vater oder Gemeindevorsteher würde sich bestreben, den
Angehörigen zur Rückkehr zu verhalten, oder von seinem Vorhaben abzulassen.
Es müßte darin die gerechte Strafe für die vernachlässigte Aufsicht über die Angehörigen
und als ein anpassendes Mittel erkannt werden, dem Nachmanne eine angemessene Entschädi
gung für die achtjährige Kapitulation, die er für den Abwesenden übernehmen muß, zu ver
schaffen.“
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läßt, daß die Ereignisse des vorjährigen Krieges, die Enthüllungen von in großem Maß
stabe betriebenen Ausbeutungen des Staatsschatzes1 und so manche der jüngeren
Finanzmaßregeln, insbesonders z. B. der Verkauf der mit ungeheuern Kosten erbauten
Staatseisenbahn unter den billigsten Bedingungen an eine fremde Gesellschaft, das Ver
trauen zu den Organen der Staatsverw altung gewaltig erschüttert haben.
Das m it 1. Mai d. J. ins Leben getretene neue Verzehrungssteuergesetz bezüglich des
Weines und Fleisches hat in Südtirol, wo der Weinbau den ersten Platz der Landes
kultur einnimmt, einen üblen Eindruck ausgeübt, wozu das etwas unkluge — mit
Beseitigung der politischen Behörden — stattgehabte Vorgehen der Finanzbehörden
beigetragen haben mag.
Die kürzlich erfolgte Konfinierung einiger an den politischen U m trieben der exal
tierten italienischen Partei in hervorragender Weise beteiligter Individuen des Trienter
Kreises, sowie die gleichzeitige Absetzung des schlechtgesinnten Podesta Grf. Manci 2
in Trient hat die beabsichtigte W irkung nicht verfehlt, Furcht und Angst unter den
Gesinnungsgenossen verbreitet und gewiß auf längere Zeit jedes aktive H andeln der
selben zum Stillstände gebracht.
Das Resultat der heurigen Seidenernte kann als ein günstiges bezeichnet werden,
ebenso stellt der Stand der Feldfrüchte und der Weinreben eine gute Ernte in Aussicht,
und es ist daher vorderhand keine N otlage zu besorgen. Feuchtere Jahre wirken aber
auch jederzeit auf die Stim m ung der Bevölkerung w ohltätig ein.“
III. Q u artal 1860
„E ure Exzellenz! Aus den von den Bezirksäm tern und Polizeibehörden erstatteten
Berichten über die Volksstim m ung des abgelaufenen III. Solarquartals ergibt sich, daß
Das Wiener Landesgericht führte die Untersuchung „über verbrecherische, im Laufe der
letzten Kriegsereignisse vorgefallene Unterschleife“ . Als dabei auch der Finanzminister Frh. v.
Bruck als Zeuge einvernommen wurde, suchte er sogleich um seine Versetzung in den Ruhe
stand an, die der Kaiser unverzüglich bewilligte. Nachdem Bruck das kais. Handschreiben am
22. April 1860 abends erhalten hatte, beging er in der folgenden Nacht Selbstmord. Der „Bote
für T irol“ vom 30. April d. J. berichtet ausführlich darüber.
2 In einer Beschreibung der politisch kompromittierten Personen von Trient vom Jänner
1860 steht über den Grafen Manci das Folgende:
„Manci Conte Gaetano: Podesta von Trient, 41 Jahre alt — Während der Revolutions
epoche des Jahres 1848 war er in der Festung Kufstein confiniert, weil er schon damals als
ein in politischer Beziehung gefährliches Subjekt galt. Nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt
stellte er sich an die Spitze der regierungsfeindlichen Partei und arbeitete mit aller Macht
der Regierung entgegen, indem er sich hiebei auch auf seine gegenwärtige Stellung als Magi
stratsvorstand stützt, welche ihm einen bedeutenden Anhang und einen größeren Einfluß ver
schafft. Gegenwärtig soll er an der Spitze eines Klubs oder Comite stehen, dessen H auptauf
gabe wäre, die Agitation zu unterhalten, die Volksmasse zu bestechen, die Jugend zur Emi-
grierung zu verleiten und kurz auf jede mögliche Weise die Umtriebe der piemontesischen
Partei zu begünstigen . . . Ein Mann von bedeutendem Vermögen, mit den ersten und einfluß
reichsten Familien Südtirols verwandt, verschwägert oder sonst in inniger geselliger Verbin
dung, von hervorragenden Geistesfähigkeiten, unermüdlicher Tätigkeit und Energie, hat er
sein Amt als Bürgermeister rnit unendlichem Geschicke dazu ausgebeutet, sich in den weitesten
Kreisen und selbst bei seinen politischen Gegnern populär zu machen. Sein Einfluß ist daher
ein so großer, daß bei dem gegenwärtig durch Eröffnung der Wasserleitung und der Gas
beleuchtung für Trient erreichten Gipfelpunkte seiner Popularität die größte Vorsicht rück
sichtlich seiner Behandlung geboten sein dürfte, da es anderseits außer Zweifel ist, daß er
seiner politischen 1 endenz nach, die er als Anführer mit der größten Vorsicht, aber mit Ener
gie und Tätigkeit verfolgt, unbedingt der gefährlichste Feind der Regierung ist.“
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sich keine wahrnehmbare Veränderung gezeigt habe, daß die Stim m ung eine fortan
gedrückte war und die Gem üter einesteils von banger Furcht, andernteils von H o ff
nungen einer baldigen N eugestaltung der staatsrechtlichen Verhältnisse Österreichs er
füllt waren. Indem man sich daher vollen Inhaltes auf den letzten Stimmungsbericht
vom 20. Ju li d. J. ZI. 2187/pr. zu beziehen erlaubt und insbesondere die für das G renz
land Tirol und V orarlberg so empfindliche Kalam ität der leidigen Valutaverhältnisse
als Hauptursache der in allen Schichten der Bevölkerung herrschenden U nzufriedenheit
hervorheben zu sollen glaubt, zweifelt man nicht, daß die allergnädigsten Entschlie
ßungen Sr. k. k. apost. M ajestät vom 20. d. M, wie allerwärts so auch in diesem Lande
die günstigste Aufnahm e finden werden. Die Landeshauptstadt Innsbruck hat ihre
D ankbarkeit für die durch das kaiserliche M anifest verkündeten neuen organisatori
schen Bestim mungen bereits gestern durch eine allgemeine festliche Beleuchtung der
Stadt und durch eine Sr. kaiserl. H oheit dem durchl. H r. Erzh. Statthalter gebrachte
und m it Lebehpchrufen begleitete Serenade in erhebender Weise geoffenbart
(25. O ktober 1860).
IV . Q u artal 1860
Dieser Bericht wurde an den H r. Staatsm inister R itter v. Schmerling und den Poli
zeiminister Frh. Mecsery gesandt.
„E ure Exzellenz! Die Volksstim m ung im abgewichenen IV. Quartale des Jahres 1860
hat den im hierortigen Berichte vom 25. O ktober v. J. ZI. 3422/pr. bezeichneten C h a
rakter der allgemeinen Gedrücktheit und Beängstigung über die nächste Zukunft nicht
geändert. Abgesehen von den Besorgnissen, welche der wahrscheinliche Ausbruch eines
Krieges gegen Piemont, sowie die verworrenen Zustände in U ngarn erzeugten, ist es
vorzugsweise die finanzielle Bedrängnis der Monarchie, welche die Gem üter beunruhigt,
auf Verkehr und H andel lähmend wirkt, die Preise der Lebensm ittel fortan in die
H öhe treibt und besonders die Klasse der auf ein kleines fixes Einkom m en beschränk
ten Familien in sorgenvolle Lage versetzt. Der Druck, der in letzter Zeit so merklich
verschlimmerten Valutaverhältnisse wird in dem zum größten Teile ans Ausland gren
zenden getreidearmen Lande Tirol und Vorarlberg doppelt schwer empfunden. D a
durch erklärt sich die Tatsache, daß die H öhe des Silberagio mehr als alle übrigen
Vorkom m nisse das Interesse der Bevölkerung berührt und den H auptgrund der allent
halben wahrnehmbaren Unzufriedenheit bildet. Übrigens haben die im Rundschreiben
E. Exz. vom 23. v. M. in nahe Aussicht gestellten allerhöchsten Maßnahmen auf den
überwiegenden Teil des Landvolkes, das sich wenig um Politik küm m ert und kein
wahres Verständnis von Institutionen, die nicht zunächst das materielle Wohl zum
Gegenstand haben, hat, keinen lebhaften Eindruck geübt; wohl aber bei der intelli
genteren aber in verhältnismäßig geringer Weise vertretenen Klasse im allgemeinen
eine freudige Aufnahm e gefunden und die H offnung einer glücklichen Lösung der k ri
tischen Zustände des Kaiserreiches neu belebt.
1 Nach Konr. Fischnalers „Innsbrucker Chronik“ I, 79 fand am 24. Oktober 1860 eine
festliche Beleuchtung anläßlich der Verkündung des kais. Patentes vom 20. Okt. d. J. über
die Landes-Ordnung statt. Am 15. Nov. d. J. wurde noch ein Tedeum in der Pfarrkirche und
abends eine Illumination des Landhauses als Ausdruck der Freude über die Verfassungs
verleihung veranstaltet.
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Die Anordnung neuer Wahlen für die Gem eindevertretungen hat allgemein befrie
digt und es gibt sich namentlich in Städten und größeren Ortschaften eine rege Teil
nahme hiefür kund. Mit anerkennungswerter Schnelligkeit ist die Landeshauptstadt
bereits und zwar in entsprechender Weise sowohl m it der Wahl der 36 Ausschußmän
ner und durch diese mit jener des Bürgerm eisters und der M agistratsräte vollends zu
stande gekommen.
Die Durchführung des für dieses Grenzland so wichtigen Institutes der Landesver
teidigung nach den neuen a. h. Bestim mungen ist wegen der politischen Wirren in
Italien sehr dringend. Die Einleitungen hiezu sind getroffen und im Zuge. Es ist jedoch
zu besorgen, daß nach den bisherigen Wahrnehmungen die bevorstehende Losung der
zur Defension verpflichteten in einzelnen Distrikten, wo sich der Geist der U nzufrie
denheit m it dieser Maßregel und Mangel an Opferw illigkeit mehr oder weniger kund
gibt, auf Schwierigkeiten und Anstände stoßen dürfte, die sich aber teils durch Beleh
rungen teils durch energisches Einschreiten auch beseitigen lassen werden.“ — Dieser
Bericht wurde am 26. Jänner 1861 ausgefertigt.
Im Zusammenhang m it dem vorstehenden Bericht schrieb Erzh. C arl Ludw ig am
30. Jänner 1861 an den kaiserl. R at und Bezirksvorsteher Ennemoser in Lienz: „Ih r
Bericht vom 31. v. M. ZI. 37/Präs, entwirft ein düsteres Bild über die in ihrem Bezirke
vorherrschende schlechte Volksstim m ung. Obwohl die gegenwärtige Unsicherheit der
politischen Lage Europas, die Wirren in Italien und U ngarn und die mißlichen finan
ziellen Zustände der Monarchie allenthalben eine gedrückte Stim m ung der Gem üter
zur notwendigen Folge hat, so ist es mir doch auffallend, daß gerade in dem Bezirke
Lienz, welcher doch von jeher an Lojalität und Patriotism us der übrigen Bevölkerung
dieses Landes keineswegs nachgestanden ist, die Liebe und Anhänglichkeit an die recht
mäßige Regierung großenteils geschwunden ist und ich von dort so oft von Renitenz
und Mangel an gutem Willen hören muß. Ich kann daher diese traurige Wahrneh
mung wohl nur dem Einflüsse feindseliger Elemente zuschreiben, welche bemüht sind,
die früher noch gutgesinnte Bevölkerung gegen die Maßregeln der Regierung in bös
williger Absicht abgeneigt zu machen und Unzufriedenheit zu verbreiten. Wenn ich
es auch loben muß, daß Sie m ir mit Offenheit die üble Stim m ung ihres Bezirkes schil
dern und m ir in dieser Beziehung nichts verschweigen, und ich einerseits keinen Grund
habe daran zu zweifeln, so ist doch andererseits auch durch rechtzeitiges energisches
Einwirken manches daran zu bessern. Ich mache Ihnen daher zur besonderen Pflicht
sich insbesondere die Ausforschung solcher Wühler nach Kräften angelegen sein zu
lassen und gegen solche gefährliche Individuen m it unnachsichtiger Strenge zu ver
fahren.“
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Anhang
1. Zwei Stimmungsberichte aus Brixen
Bericht vom 4. November 1851.
„Hochgeborner Graf! Dieselbe Besorgnis, weiche ich rücksichtlich der Einbeziehung jener R e
kruten, die sich bei der vorigen Stellung mittelst Erlag der Taxe von der k. k. Militärpflicht
befreit haben, in das heurige Kontingent, mit meinem Schreiben vom 7. v. M. Z. 145/Präs.
Euer Hochgeboren zur Kenntnis brachte, äußert sich nach dem Volksstimmungsberichte des
Herrn Bezirkshauptmanns in Lienz vom 18. v. M. Z. 62/Präs, im dortigen Bezirke sehr laut,
und erbitte dringend um die baldigste Bekanntgebung des heurigen Kontingents und die Be
ruhigung der Bevölkerung darüber. Zugleich berichtet er, daß der Wunsch laut werde, es
möchte baldigst ein Landtag berufen werden, damit er das Organ zur Vertretung der Inter
essen der Bevölkerung sei, weil man von der Vertretung durch die Behörden meine, daß sie
durch ihre Stellung und Unterordnung gebunden, die höhern Befehle unbedingt ausführen
müssen, und daß deren allfällige Vorstellungen höhern Orts nicht erwünschte Würdigung
finden dürften.
Der Bezirkshauptmann von Bozen berichtet, daß die Geistlichkeit zwar große Abneigung
gegen die Einziehung der Renten ihrer unbeweglichen Besitzungen in das Gebühren-Äquivalent
zeige, indessen beschränke sich dieselbe hierbei auf bloß passiven Widerstand, der die Am ts
handlung der Behörden zwar erschwert, aber endlich doch der pflichtmäßigen Beharrlichkeit
und Ausdauer derselben weichen müsse. Die in neuester Zeit erfolgte Emanzipation der Kirche
und die daraus gezogenen zu weit ausgedehnten Folgerungen mögen Ursache sein, daß die
Geistlichkeit diese neue Auflage mit minder günstigen Blicken betrachtet und nur ungern
sich derselben unterwirft.
Die von den öffentlichen Blättern schon oft besprochene Vereinfachung der Justizeinrich
tungen findet im Volke vollen Anklang und wird allgemein gewünscht. Insbesondere die E r
weiterung des Wirkungskreises der Bezirksgerichte, die dem Landbewohner näher als die Lan
desgerichte liegen, wird allgemein als sehr wünschenswert betrachtet, um in den Rechtsgeschäf
ten an Zeit und Kostenaufwand zu ersparen. Wenn es mir erlaubt sein sollte hierüber meine
Meinung zu sagen, so könnte ich nur bedauern, daß durch die neue Gerichtsorganisation,
welche die p e r s ö n l i c h e n Privilegien vor Gericht aufhebt, nun die privilegierten Gerichts
höfe der S a c h e n eingeführt, daher das, was aufgehoben sein sollte, nur in anderer Form
wieder hergestellt worden sei. In der T at ist gar nicht einzusehen, warum Konkurserklärungen,
Kuratelverhängungen und dergleichen der Kompetenz der Landesgerichte Vorbehalten und
warum nicht entweder die Kompetenz der Bezirks-Kollegialgerichte auf die Bezirksgerichte
oder die der Landesgerichte auf die Bezirks-Kollegialgerichte übergehen sollte. Der Bezirks
richter und sein Adjunkt müssen dieselbe persönliche Befähigung zur Versehung ihres Amtes
besitzen wie der Assessor und der Rat und daher sollte ihnen auch ein größerer Wirkungs
kreis eingeräumt werden. Dadurch würden nicht nur Kosten erspart, sondern die Zufrieden
heit der Staatsbürger wesentlich erreicht werden, da sie leichter zu ihrem Rechte gelangen
könnten.
Die schlechte Witterung des Monats Oktober hat die letzten Hoffnungen auf eine erkleck
liche Weinernte und auf eine hinreichende Ernte der Nachfrüchte in den kältern Gegenden
des Kreises vernichtet. Im Etschtale ist die Ernte von Mais und Haidekorn (schwarzer Bienten)
durch die Überschwemmungen fast ganz vernichtet worden und in den höhern Tälern des
Eisack- und Pustertales ist selbst Hafer und Gerste nicht abgereift, daher wenn auch die
Kartoffeln zwar krank gewesen aber doch einen ziemlichen Ertrag geliefert haben, für den
Winter in vielen Orten meines Kreises bittere N ot zu befürchten ist, umso mehr als das
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Regenwetter der letzten Tage des Oktober und der ersten Tage des November allenthalben
sehr bedeutende Verwüstungen durch Murbrüche und Überschwemmungen verursacht hat-
Uber die Mittel zur Linderung der N ot behalte ich mir bevor über den erhaltenen Auftrag
abgesondert zu berichten. Mit der Versicherung der vollkommendsten Hochachtung geharre
ich Euer Hochgeboren ergebenster — Fünfkirchen — Brixen, am 4. November 1851 An Seine
des Herrn Statthalters Hochgeboren . . . "
Bericht vom 15. April 1860
„An das höchste k. k. Statthaitereipräsidium in Innsbruck.
Höchstes k. k. Statthaitereipräsidium! Obwohl im Volke die Überzeugung eine allgemeine
ist, daß in der Einrichtung des Staates vieles anders werden muß, wenn den bestehenden Ge
brechen abgeholfen und das allgemeine Wohl der Staatsgesellschaft mehr gefördert werden
soll, so sieht der verständigere Teil doch immer mit einiger Beklemmung den angekündigten
Reformen entgegen, weil die Prinzipien, nach welchen hiebei vorgegangen werden will, noch
nicht klar vorliegen, und man selbst aus dem, was bisher geschehen ist, Unentschiedenheit
und Schwanken wahrnehmen zu können glaubt. So hat man die Kreisämter in ein paar Pro
vinzen und die Landesregierung in einer Provinz aufgehoben, und man hätte glauben sollen,
daß auf ähnliche Weise auch in anderen Kronländern in kürzester Zeit vorgegangen werden
würde, allein wider Erwarten trat seither eine Pause ein und die öffentlichen Blätter erhielten
sogar Nachrichten von einzelnen Personalernennungen für die Kreisämter. Auch ist man nicht
überzeugt, daß diese politischen Mittelbehörden, besonders wenn sie mit einem angemessenen
Wirkungskreise beteilt werden, geradezu die allerüberflüssigsten und daher zuerst zu ent
fernenden seien, und kann sich nicht genug wundern, warum denn nicht lieber an den finan
ziellen Behörden und ihren unzähligen äußeren Organen gerüttelt werde. Da meint man wäre
die Vereinfachung und die Kostenersparung vor allen anderen angezeigt. Man denkt an die
nicht zu ferne liegenden Zeiten zurück, wo statt der vielen Steuerämter nur lediglich sieben
ständische Steuereinnehmer im ganzen Lande bestanden und diese die Grundsteuer und die
Landgerichte, die übrigen direkten und indirekten (Verzehrungs-) Steuern anstandslos ohne
übertriebene Kontrollereien auf die einfachste Weise behoben. Der Aufwand für Bemessung
und Behebung der Steuern war damals sehr unbedeutend, während derselbe jetzt ungeachtet
des allgemeinen Strebens nach Plusmacherei einen großen Teil der Einnahme verschlingt.
Gegen die vielbesprochene Aufhebung der gemischten I. Instanzen und die Trennung der
Justiz von der politischen Verwaltung ist das Volk sehr eingenommen, da man bereits im
Jahre 1850 bis 1854 die Erfahrung gemacht hat, mit welchen Unzukömmlichkeiten beson
ders für den einfachen Landmann die Trennung verbunden ist, und wie wenig sich hiebei für
den Staat ersparen läßt. Aber auch die öfters angeregte Vergrößerung der einzelnen Gerichts
und Verwaltungsbezirke in Folge dessen einzelne Bezirksämter aufgehoben und mit ändern
vereinigt werden sollten, hat keinen guten Eindruck auf das Volk hervorgebracht, sondern
dasselbe vielmehr mit der Besorgnis erfüllt, daß bei solchen lediglich von dem Grundsätze der
Ersparung ausgegangenen Reformen dem allgemeinen Wohle, das doch zunächst berücksichtigt
werden müsse, mehr geschadet als genützt würde. Man tröstet sich jedoch mit dem verstärkten
Reichsrate, welcher demnächst zusammentreten und wie man glaubt berufen sein wird, die
Grundsätze für die bevorstehenden Reformen festzustellen und jedes weitere Schwanken in
demselben zu beheben. Das Vertrauen auf denselben wäre freilich, nach den so ziemlich all
gemein laut werdenden Stimmen noch größer gewesen, wenn die Mitglieder durchgehend im
Wege freier Wahl des Volkes berufen worden wären.
Das neue Geweihs-Gesetz mit dem obersten Grundsatz der Gewerbsfreiheit ist zwar in den
höheren und mehr unterrichteten Kreisen gut aufgenommen worden, allein in den untern
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insbesondere Gewerbsständen und in den Gemeinden hat es mancherlei Besorgnisse wach
gerufen. Die auf den Ortsbedarf beschränkten Gewerbe fanden in dem bisher geltenden Prin
zip der Verleihung einen Schutz, den sie nunmehr verlieren. Man fürchtet Schmälerung des
Erwerbes und Verarmung der Familien, die, wenn sie eintritt, für die Gemeinden und ihre
Armenfonde freilich neue Lasten gewärtigen läßt. Dieses gilt zwar nur von solchen Erwerb
treibenden, die bereits Heimatrechte in der betreffenden Gemeinde besitzen, nicht aber auch
von Fremden, die in einer Gemeinde eine Gewerbs-Unternehmung eröffnen; allein diesen
gegenüber beklagt man den § 39 des neuen Gemeindegesetzes, welcher gestattet, daß unter
gewissen Bedingungen von der politischen Obrigkeit Fremden die Aufnahme in den Gemeinde
verband wider den Willen der Gemeinde zugesprochen werden kann. Darum hört man auch
nicht selten den Wunsch aussprechen, daß dieser Paragraph aus dem neuen Gemeindegeset'ze
gestrichen werden möchte. Bei näherer Betrachtung der Bedingungen, welche dieser Paragraph
zur zwangsweisen Aufnahme eines Fremden in einer Gemeinde festsetzt, möchte man jedoch
umso weniger eine Gefahr für die Gemeinden darin erblicken, als ihr ja immer das Recht
zusteht gegen solche Entscheidungen bei der höhern Instanz Abhilfe zu suchen. Übrigens wird
das endliche In’slebentreten der für dieses Kronland nach Vorschrift der allerhöchst sanktio
nierten Grundsätze entworfenen und durch Vertrauensmänner beratenen Gemeindeordnung
mit größter Sehnsucht erwartet, um die nun schon bald 10 Jahre dienenden, teilweise nicht
mehr vollzähligen, teilweise gänzlich ermatteten und ihres Dienstes überdrüssigen, ja in vielen
Orten alles Vertrauens gänzlich entbehrenden Gemeindevertretungen endlich entheben und
mit neuen mehr lebenskräftigen, tätigen und vertrauenswürdigen Organen ersetzen zu kön
nen. Dabei ist man aber besorgt, es möchte den Gemeinden mehr als die ihnen gebührende
Verwaltung ihrer innern Angelegenheiten übertragen werden, wozu besonders in den Land
gemeinden niemand zureichende Bildung und Geschick haben, und am Ende die Notwendig
keit eintreten würde, mit großen Kosten eigene Bedienstete anzustellen.
In vielen Gemeinden macht gegenwärtig die ernstliche Eintreibung der noch rückständigen
Beförsterungskosten und die A rt und Weise der Durchführung des Waldaufseher-Institutes
böses Geblüt, weil der irrige Glaube allgemein verbreitet war, daß S, k. k. apost. Majestät
aus Anlaß der neuen Forstorganisierung alle somit auch diese A rt Rückstände, die aus dem
Bestände der frühem Forstorganisation entsprangen nachgesehen habe, und weil man unter
der neuen Organisation die Wiederkehr einer völligen Freiheit im Schalten und Walten mit
dem Waldeigentume verstand und somit jede strengere und kostspielige Waldaufsicht für gänz
lich abgetan betrachtete. Das gute Beispiel, welches in dieser Beziehung andere Gemeinden ge
geben haben, und die Belehrung dürfte allmählich einer bessern Überzeugung Bahn brechen und
der Opposition gegen die wohlgemeinten höchsten und hohen Verfügungen ein Ende machen,
machen.
Dagegen hat die Herabsetzung der Übertragungsgebühren für kleinere Besitzungen im Werte
bis zu 40C0 Gulden allgemein einen sehr günstigen Eindruck auf die Stimmung hervorgebracht
und den Dank der Landbevölkerung für diese aus kaiserlicher Gnade ihr zugeflossenen Wohl
tat hervor gerufen. Der Mangel an Scheidemünze, besonders der Silbersechser (10 Kreuzer
stück) wird im Kleinverkehr täglich empfindlicher, wirkt auf die Entwertung der Banknoten,
indem häufig beim Herausgeben Abzüge gemacht werden, und hat den Wunsch vielseitig rege
gemacht, daß Münzscheine wie in früherer Zeit wieder ausgegeben werden möchten.
Die Verzehrungssteuer auf Wein und Fleisch kann sich ungeachtet der vielfältig sie in Schutz
nehmenden Broschüren noch immer beim Publikum keiner besonderen Gunst erfreuen. Man
scheut insbesondere die Plackereien der Finanzbehörden, die jede Manipulation besonders mit
ersterem Artikel erschweren und oft die unschuldigste Handlungsweise strafbar machen. Die
Behebung des Weinakzises an den Grenzlinien der weinerzeugenden Gegenden betrachtet man
allgemein und nach der langen Erfahrung nicht ohne Grund als das einfachste und am wenig
sten kostspielige Auskunflsmittel dem sich jeder gern und ohne Anstand unterwirft.
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Die Kaufleute und Spediteure von Bozen beklagen sich gegenwärtig vorzüglich über den
Frachtenverkehr auf der Eisenbahn nach Verona und behaupten, daß die Beförderung der
Waren sehr häufig weit langsamer vor sich gehe als in der Vorzeit, wo die Spedition auf der
Achse erfolgte. Dies kann nur eine Folge der Nichteinhaltung der Abeangsstunden der Eisen
bahn oder der willkürlichen Aufnahme oder des Zurücklassens der zur Spedition übergebenen
Gegenstände sein, welchem Übel durch gemessene Aufträge an die Betriebsdirektion zu begeg
nen wäre.
Die Enthüllungen der großartigen Betrügereien bei der Heeresverpflegung im vorjährigen
Feldzuge haben allgemein eine große Entrüstung, die Anordnung Sr. k. k. apost. Majestät,
daß ohne alle Rücksicht auf Stellung und Rang gegen die Schuldigen die volle Strenge des
Gesetzes in Anwendung zu bringen sei, aber einen sehr günstigen Eindruck hervorgerufen
und neuerlich die Überzeugung von dem strengen Gerechtigkeitssinne unseres erhabenen
Monarchen begründet.
Endlich kann ich die Anstände nicht unerwähnt lassen die gegen die Befriedung der Zivil
ärzte und Spitäler für die Behandlung der kranken und verwundeten Soldaten, dann der
Marschstationen für geleistete Vorspann und Verpflegung von seiten der ihre Forderungen
liquidierenden Militärbehörden erhoben werden. Es werden häufig Nachweisungen gefordert,
die unmöglich mehr geliefert werden können und früher im Drange der Umstände auch nicht
eingesammelt werden konnten. Kranke und Verwundete kamen häufig ohne Transportführer
an und mußten aus reiner Menschlichkeit, wenn sie nicht mehr transportabel waren, ohne
Konsignation und Übergabe in die Spitäler aufgenommen werden. Nun fordert man Ü ber
gabs-Konsignationen, die natürlich nicht beigebracht werden können. Die Ärzte bei Aushilfs
oder Notspitälern sollen sich mit feldärztlichen Abstellungsdekreten ausweisen, an die bei der
Eile, mit der solche Anstalten von den Zivilbehörden ins Leben gerufen wurden und gerufen
werden mußten, zu denken gar nicht Zeit war. Ebenso sollen auch die Marschstationen alle
ihre Anforderungen streng nach den bestehenden Vorschriften belegen, was ihnen mit Rück
sicht auf die außerordentlichen Verhältnisse unter welchen sie Vorspann und Verpflegung
leisten mußten, nunmehr rein unmöglich ist. So große Opferwilligkeit und ein so schönes Zu
sammenwirken unter den damaligen traurigen Umständen sich überall und in allen Schichten
des Volkes zeigte, so groß ist dermal die Indignation über diese Anstände und Anforderungen,
die selbst die billigsten Entschädigungsanforderungen zu vereiteln drohen und es ist sehr zu
befürchten, daß beim Eintritt ähnlicher Zeitereignisse, die G ott verhüten wolle, sich nicht jene
Bereitwilligkeit und Hingebung mehr zeigen dürfte, die im Sommer und Herbst 1859 auf
eine so erfreuliche Weise zum Besten des Militärs hervortrat und wodurch selbst unmöglich
Scheinendes möglich gemacht wurde. Es wäre daher sehr zu wünschen, wenn den militärischen
Zensursbehörden in dieser Beziehung eine billigere Behandlung empfohlen werden könnte.
Brixen, am 15. April 1860 — Der k. k. Kreishauptmann (Hebenstreit?)“
(Präs. A kt 1860/1354 in Pos. 206)
2. Die Verhältnisse in Welschtirol 1850
Im „Bothen für Tirol und Vorarlberg“ vom 21. und 23. Dezember 1850 findet sich hiezu
folgender Aufsatz „A u s d e m S ü d e n “ :
„Aus dem Süden, Mitte Dezember. Wir haben letzthin in der Gazetta del Tirolo italiano
die anerkennende Äußerung gelesen, daß der Tirolerbote sich Welschtirol gegenüber nunmehr
mit aller Mäßigung benehme und dabei eine Schilderung, wie zufrieden man im Allgemeinen
mit der neuen Ordnung der Dinge, wie wohltuend und günstig die Stimmung des Publikums
sei. So wünschenswert aber ein solches Begebnis wäre, so sehr auch dem deutschen Tiroler
daran liegt, das frühere freundliche Verhältnis mit seinem südlichen Bruder wieder anzu
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bahnen, können wir uns doch ebenso wenig verhehlen, daß die Symptome einer Annäherung
noch immer sehr sparsam sind.
Es hat sich dies unter ändern bei der über die Landes-Verteidigung schwebenden Verhand
lung wieder sehr deutlich herausgestellt, und nach der Hast, der Entschließung zu urteilen,
womit man jeden derartigen Vorschlag zurückweist, dürfen wir uns nicht wundern, wenn es
Leute gibt, die hierin die erste Frucht der an Welschtirol gemachten Konzessionen erblicken
wollen.
Vorzüglich muß der Ton auffallen, den nach der Gazetta del Trentino N r. 97 die
Podesta’s aus Judikarien, also gerade aus jener Gegend anstimmen, wo man zum erstenmal auf
dem Boden von Tirol im Jahre 1848 ein Gelüste zeigte, die Waffen in Verbindung mit frem
den Scharen gegen Österreichs Banner zu kehren, zum Danke aber für die Gnade einer völlig
unbeschränkten Amnestie es nun wagt, einer kaiserlichen Behörde ins Gesicht zu sagen, daß
man ne’ casi opportuni schon wissen werde sich zu wehren, und mit einer Berufung auf das
Jahr 1848 schließt, die drohend genannt werden könnte, wenn man nicht wüßte, daß die
ganze Courage dieser Herren auf der Überzeugung beruht, daß die Regierung nach dem Ver
rate wohl audi den Undank verzeiht.
Welcher Sinn hinter diesen Protestationen steckt, geht unzweideutig aus dem vom Jahre
1848 her wohl bekannten, hier wieder auf getischten Argumente hervor, daß Welschtirol das
Getreide aus Italien bezieht, seine Leute dorthin zur Arbeit schickt. Nun, deshalb werden wir
uns doch erlauben, im N otfall die Grenze gegen Italien so gut als gegen Bayern wieder zu
verteidigen — auch außerhalb Welschtirol, auch in der Gegend von Bozen bis zum Brenner
und Finstermünz beziehen 150.000 Köpfe den Mehrbedarf an Getreide aus Italien; das ganze
Nordtirol nimmt sein Korn aus Bayern und Schwaben, schickt seine Leute zur Arbeit dahin;
Länder, die seit 500 Jahren unter fremden Regenten stehen, mit denen wir eine Unzahl er
bitterter Kriege geführt, deshalb aber doch nie Hunger gelitten haben, aus dem einfachen
Grunde, weil dem Bayer und Italiener der Absatz seines Kornes, der Gebrauch unserer Arme
nicht minder nottut als dem Tiroler sein Getreide.
Wenn nun aber nicht einzusehen ist, wie diese Argumentation gegen die Landes-Verteidigung
überhaupt passen soll, so sind noch merkwürdiger die Ansichten, in welche das Giornale
del Trentino in dem bezüglichen größeren Artikel in N r. 97 verfällt, indem es sich in selt
samen Sprüngen der Konstitution zum Trotze sogar auf die uralten Privilegien der Tiroler in
Konskriptionssachen beruft. Wir dürfen diese Berufung unbedenklich für ein Geständnis des
gedachten Journals annehmen, daß hie und da denn doch auch was Gutes von den deutschen
Brüdern kom m t: denn diese uralten Privilegien haben nie in etwas anderem bestanden, als
daß der Deutschtiroler die Verteidigung des Landes bei Feindesgefahr von jeher als seine
Pflicht betrachtete, und bei der Wichtigkeit, die diese Selbstverteidigung in der vorgerückten
Stellung Tirols als Schild von Österreich hat, bei den großen Diensten, die Tirol dem Ge
samtreiche in alten und neuen Zeiten leistete, eben dafür ein der Konskription, und zwar ohne
Unterschied von Deutsch- und Welschtirol weit milder als andere Provinzen gehalten und von
der Last der Landwehr gänzlich befreit wurde. Wenn wir aber diese Selbstverteidigung jetzt
von uns ablehnen, so verzichten wir ja eben dadurch auf unsere alten Privilegien, wir ap
pellieren selbst an die Gleichstellung, und werden uns demnach nicht beklagen können, wenn
wir wie allen übrigen Provinzen nach dem Maßstabe von 2% der Bevölkerung statt dem
einen Regimente deren vier, statt 4000 Mann deren 16— 17.000 zu stellen haben.
Ich zweifle sehr, ob der gemeine Mann in Welschtirol einen Begriff von dem hat, was die
Landwehr in Österreich sowohl als im übrigen Deutschland ist, das heißt, daß selbst nach
ausgedienter Kapitulation der Mann bis zum Alter von 45—50 Jahren zum Militärdienste
verpflichtet bleibt, und, wenn er auch mittlerweile Bauer, Handwerker, Familienvater gewor
den, doch gleich jedem ändern Soldaten, wie gerade jetzt in Österreich und Preußen, ins Feld
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ziehen muß. Wenn es den Herren Podesta’s von Judikarien schon so bitter vorkommt, in
außerordentlichen Fällen feindlicher Gefahr von jedem Bezirk eine Kompagnie auf 3 Monate
an die bedrohte nahe Grenze wandern zu lassen, so dürfte es ihnen schwerlich besser behagen,
diese Reise als Landwehrmänner auf jahrelang etwa nach Preußen, an die Küsten der Nord-
see, nach Rußland oder der Türkei anzutreten.
Der welsche Bauer weiß, wie gesagt, kaum etwas von dieser Bürde, die, wie man hört, nun
auch in Piemont eingeführt werden soll, — allein noch minder läßt man ihn wissen, daß er
die bisherige Befreiung davon der Wehrhaftigkeit, dem Stutzen seines deutschen Nachbars
zu danken hat, der mit seltenen Ausnahmen die Verteidigung der heimatlichen Berge für
sich allein versah, und nur den Lohn dafür mit seinem welschen Bruder teilte, weil dieser
damals sich keineswegs schämte, ein Tiroler zu sein.
Es ist nun freilich bitter, wenn man das, was man bisher umsonst genossen, auf einmal
zahlen soll, — und fast scheint es, daß das Giornale del Trentino damit umgeht, die Sachen
in diesem Punkte beim Alten zu lassen, das ist dem Deutschtiroler die Freude am Stutzen und
an der Verteidigung seiner Berge nicht zu verkümmern, von Seite Welschtirols zwar sich an
diesen Spielereien nicht zu beteiligen, die alten Privilegien aber doch auch fortan mitsammen
zu genießen. So sehr wir Freunde der Mäßigung sind, scheint eine solche Zumutung, zumal
auf halbe Drohung hin, doch etwas zu stark, und Welschtirol wird Mühe haben, dem D i
lemma zu entgehen, — entweder bei der Landesverteidigung im Guten und Schlimmen mit
den Deutschen zu gehen oder aber nach der vom Herrn Statthalter eröffneten Aussicht auf
eine Stellung von 17.000 Mann nach dem Grundsätze konstitutioneller Gleichheit ihren Anteil,
mäßig gerechnet mit etwa noch 4000 Mann, halb Linie, halb Landwehr zu übernehmen, die
dann, wie wir hoffen, dem übrigen Tirol, wenn dieses die Defension allein tragen soll, zu
Gutem kommen werden.
Die Herren in Trient und Roveredo, die reichen Tonangeber in den Tälern sind allem
Anscheine nach, wie zumal das Votum von Trient durchblicken läßt, auf diese Eventualität
gefaßt, di-~ sie am Ende nicht mehr als die Stellung eines Supplenten kostet — allein ob der
gemeine Mann, ob die Väter jener Söhne, die unglücklichen verlassenen Familien jener Män
ner, die dies harte Los treffen soll, damit einverstanden sind, ob die Herren Podesta’s wohl
sämtlich die Folgen kennen und vor Augen hatten, das möchtf eine andere Frage sein, —
und mancher davon dürfte denn doch noch zur Überzeugung kommen, daß es eine Torheit
bleibt, sich selbst ein Auge auszustechen, nur um die Befriedigung zu haben, seinem Nachbar
das Gleiche zu tun.
Diese Betrachtungen erinnern an die höchst interessante, mit vieler Klarheit verfaßte Zu
sammenstellung über die Gebahrung der tirolischen Landschaft in den letzten Jahren. Wir
finden nämlich daselbst nebst verschiedenen, an und für sich sehr schätzenswerten Daten auch
in Beziehung auf Welschtirol so manches, was früher als unverbürgte Notiz kursierte, nun
mehr aus offizieller Quelle bestätigt und es ist nur auffallend, daß von diesem schon im
Juni d. J, im Druck erschienenen Oparate bisher in öffentlichen Blättern nie die Rede war.
Die Zusammenstellung ist ziemlich weitläufig und wir entnehmen derselben nur beispiels
weise einige auf die Grundsteuer, Approvisionierungsfonds und die Brandassekuranz als die
3 Hauptgegenstände der landschäftlichen Rechnungsführung bezügliche Daten, die wohl auch
vielen deutschen Lesern nicht näher bekannt sein dürften:
Die Bevölkerung Tirols beträgt in den deutschen Kreisen
Innsbruck und Brixen ........................................................................................... 438.644 Seelen
im Kreise Trient ................................................................................................... 318.480
und doch sehen wir, daß die gesamte Grundsteuer sich im deutschen
Tirol auf .......................................... ................................................................. 530.710 fl. 17V4 kr.
im reichen Welschtirol nur auf .......................................................................... 198.125 fl. 34V2 kr.
also wenig mehr als den vierten Teil des Ganzen p e r ................................ 728.835 fl. 513/4 kr.
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beläuft. Wir kommen hiebei mitunter auf sehr sonderbare Resultate, so z. B., daß der Bezirk
von Bruneck mit 41.596 Seelen in den unwirtlichen Tälern von Buchenstein, Enneberg, Taufers
und Ampezzo 54.464 fl. 13V4 kr. zahlt, also ebensoviel als der Bezirk von Roveredo mit
77.526 Seelen und den reichen Gerichten von Nogaredo, Mori, Ala, Riva und Arco per
55.770 fl. 52V4 kr., während der Bezirk Bozen allein mit 70.124 Seelen fast das Doppelte
jenes von Roveredo, d. i. 102.315 fl. 34V2 kr.' zu entrichten hat. Es sind dies für jeden, der
nur halbwegs die Verhältnisse kennt, ganz fabelhafte Ziffern, und der Bezirk von Tione mit
35.407 Seelen hat gewiß unter allen Distrikten des Landes am geringsten Ursache über seine
Steuerquote von 14.885 fl. IS1/« kr. Klage zu führen, und uns die fonti steorali aus den Zeiten
Kaiser Maximilians ins Gedächtnis zu rufen. Eben diese Fonti sind es nämlich, von denen ur
sprünglich die Ungleichheit der Besteuerung herrührt, da selbe zuerst in der Tat eigentliche
Kriegsknechte waren, mit denen das ehemalige Bistum Trient weit minder bedacht war als
das streitbare unmittelbar landesfürstliche Deutschtirol, und da in der Folge bei der Um
wandlung der Kriegsknechte in Steuerknechte und auch der letzten Steuerbereitung für das
Bistum der gleiche Repartitionsfuß beibehalten worden ist, so erklärt sich damit auch die
verhältnismäßig viel zu niedere Steuer von Welschtirol. Trotzdem wurde dieser Konkurrenz
fuß in allen Landesangelegenheiten der vormärzlichen Epoche bei Tilgung von Millionen alter
und neuer Schulden zugrunde gelegt und die tirolische Landschaft, diese von ihren welschen
Kindern viel geschmähte Rabenmutter, hat sich nie einfallen lassen, diesfalls eine Veränderung
vorzunehmen, sodaß wir wenigstens im Punkte der Ehrlichkeit uns vollkommen beruhigen
und im Gegenteile überzeugt sein dürfen, daß unsere welschen Brüder, — aufs Mindeste gesagt,
um die Hälfte ihrer damaligen Quote zu wenig bezahlen, die also in allen Landesanlagen wir
Deutschtiroler für sie zu entrichten die Ehre hatten. Wir haben demnach nicht blos in der
Landesverteidigung unsere Leute, unser Blut, sondern auch im gemeinsamen Haushalt unser
Geld für Welschtirol eingesetzt, — und nur, wo es sich um einen Vorteil handelte, — etwa
um die Milderung der Konskription, die Befreiung von der Landwehr, die Ermäßigung der
Salzpreise, den Erlaß des so drückenden Mortuars der übrigen Erbländer, der Grundabgaben,
wie sie z. B. im lombardisch-venetischen Königreiche selbst auf den ärmern gebirgigen Teilen
desselben lasten, da haben auch unsere welschen Brüder als echte Tiroler immer redlich mit
uns geteilt.
Doch gehen wir einen Schritt weiter. Ein besonders beliebtes Steckenpferd war im Jahre
1848 der Approvisionierungsfond und dessen Verwendung auf Straßenbauten. Es ist an sich
ein ganz unbilliges Verlangen, wenn man Tirol doch als ein Ganzes annimmt, daß der welsche
Anteil, der durch seine geographische Lage im Gesamtlande nur wenige Posten der Land
straße in den offenen Haupttälern an der Etsch und Brenta unter einem milden Himmels
striche besitzt, auf diese geringe Strecke ohne alle Rücksicht auf die zehnfach größeren Ent
fernungen und Schwierigkeiten im rauhen Deutschtirol soviel als für diese verwendet wissen
will, — allein auch dies, ja noch mehr ist von Seite der Landschaft, u. zw. in einer Epoche, wo
die welsche Vertretung nach der Stimmenzahl nichts vermochte, also aus freien Stücken und
gutem Willen geschehen . . .
Es wäre interessant, auch den bestimmten Beitrag des Zolles an der welschen und den übrigen
Grenzen kennen zu lernen, worüber jedoch die Zusammenstellung, da sie zunächst diesen
Unterschied von Deutsch- und Welschtirol nicht berücksichtigt, keinen Aufschluß enthält, -—
während dem Vernehmen nach diese Einnahme sich ungefähr die Waage halten soll, die Be
völkerung im Süden aber mit Einschluß des deutschen Teiles von Salurn herauf bedeutend
vorwiegt.
Betrachten wir endlich den Ausweis über die Brandassekuranz, so finden wir sub Nr. IV.
lit. B., daß von 1825 bis 1848 die ehemaligen Kreise Trient und Roveredo an Beiträgen
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75.535 fl. 523A kr. zahlten, dafür aber an Entschädigungen 315.741 fl. 39V2 kr., und zwar fast
ausschließend in den letzten Jahren seit 1842 erhielten, sodaß ihr reiner Gewinn dabei auf
Kosten Deutschtirols 240.205 fl. 463/4 kr. beträgt^, und wenn es, zumal in Judikarien, so fort
gehen sollte, wahrscheinlich das ganze Instiuit in Gefahr käme.
Dies sind Tatsachen und Rechnungen, die der Epoche von 1848 vorhergehen, und es dürfte
schwer halten, schlagendere Beweise guter Nachbarschaft und deutscher Ehrlichkeit zu liefern,
allein fast unglaublich erscheint es, daß es angesichts solcher Tatsachen wenigen Hitzköpfen
durch glatte Worte und frech hingeworfene Behauptungen gelingen konnte, die ganze Sach
lage geradezu zu verkehren und nicht etwa der Regierung, sondern dem Deutschtiroler, der
Landschaft in Innsbruck so schreiende Ungerechtigkeiten, solch eine planmäßige Bedrückung der
Welschtiroler anzudichten, als hätte man diese ärger mißhandelt als weiland die Juden in der
Gefangenschaft Assyriens. Diese Überzeugung wurde damals durch die Tätigkeit der Propa
ganda in jedes D orf, in jede Hütte getragen, nicht immer aus Bosheit, sondern häufig auch,
wie wir gerne zugeben, durch die Erregung der Zeit, durch die Leichtgläubigkeit, womit man
jede N otiz der öffentlichen Blätter für bare Münze nahm, — allein, wie es überhaupt weit
leichter ist einen Irrtum zu verbreiten als auszurotten, sehen wir leider, daß diese Überzeu
gung auch jetzt noch wurzelt, und daß man alles, was von Deutschtirol kommt, schon eben
deshalb noch immer mit offenbar leidenschaftlichem Mißtrauen und Widerwillen aufnimmt,
mag es sich nun auf Landesverteidigung, Grundentlastung oder anderes beziehen.
Die landschäftliche Zusammenstellung, dieser compte redu hat nun auf alle Fälle das Ver
dienst, jedem, der es ehrlich meint und sich belehren will, die Überzeugung zu verschaffen,
daß nicht nur all das Geschwätze von systematischem Unrecht und Bedrückung geradezu er
logen war, sondern durch die provinzielle Verbindung mit Deutschtirol eben der italienische
Teil am meisten gewonnen hat und vielleicht eben darin ein Hauptgrund seines unleugbaren
materiellen Wohlstandes liegt.
Wir sind nun vom Punkte der Landesverteidigung ziemlich weit abgekommen und wollen
nicht in Abrede stellen, daß die Sache für Welschtirol ihre eigenen Bedenken hat, deren E r
örterung hier zu weit führen würde, die aber jedenfalls eine reifere Überlegung erheischen,
als sie bei den bisher bekanntgewordenen Beratungen gefunden zu haben scheinen. Soviel ist
gewiß, daß der Welschtiroler am letzten italienischen Kriege den Beweis geliefert hat, daß er
sich im Felde mit dem Deutschtiroler sehr gut verträgt, an seiner Seite ein sehr braver Soldat
ist, ja, wie die Offiziere versichern und die Dekorationen beweisen, kein H aar hinter demselben
zurückbleibt, — wir alle wissen, daß er ein Freund der Jagd, auf dem Lande häufig auch
des Scheibenschießens ist, wenn auch nicht in der lärmenden Weise, in der der deutsche Bauer
leicht das Maß überschreitet, — und am wenigsten dürfte die Einwendung der Gefahr für die
öffentliche Sicherheit zu beachten sein, da unter gewissen Beschränkungen und Vorsichten eine
nicht zu verbergende Waffe, wie ein Stutzen ist, zumal, wenn es sich nicht um mehr als etwa
30 Stück auf 1000 Seelen handelt, der Bevölkerung gewiß überall mit Beruhigung anvertraut
werden kann. Man hätte glauben sollen, daß wenigstens dies Vertrauen von seiten der Regie
rung einige Anerkennung finden würde, — und die im Gegenteil geäußerte Besorgnis, zumal
im Munde von Leuten, die sonst so gerne von Freiheit, vom hohen und edlen Sinn des
Volkes schwärmen, kommt mir aufrichtig gesagt etwas gesucht vor, und es möchte sich am
Ende wohl fügen, daß die Besorgnis eher darin liegt, daß der welsche Bauer mit dem Stutzen
in der Hand, sich wie auf dem fernen Schlachtfeld so in den Gefahren der Heimat leichter mit
seinen deutschen Kollegen vertrüge als lieb ist, — ja daß er mit der Zeit gar etwas von der
charakteristischen Eigenschaft desselben lernen möchte, zwar ein treuer Freund seines Kaisers,
aber ein minder gehorsamer Diener der Herren und Doktoren zu sein.
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