Stadtteile 2 Sankt_Nikolaus und Mariahilf ========================================= Stadtarchiv Innsbruck P-33-2/D Stadtmagistrat Innsbruck ST. NIKOLAUS UND MARIAHILF INNSBRUCKS ÄLTESTER STADTTEIL Festschrift 100 Jahre neugotische Pfarrkirche *100 Jahre Kindergartengebäude PTi-?p> ST. NIKOLAUS UND MARIAHILF DIE STADTTEILE INNSBRUCKS herausgegeben vom Innsbrucker Stadtarchiv Schriftleitung: Franz-Heinz Hye Band 2: St. Nikolaus und Mariahilf Innsbrucks ältester Stadtteil Festschrift zur Feier 100 Jahre neugotische Pfarrkirche 100 Jahre städtisches Kindergartengebäude - Innstraße 97 Titelblatt: Stadtvedoute von Innsbruck mit einer Ansicht von St. Nikolaus noch mit der alten barocken Pfarrkirche. Kolorierte Lithographie von Karl Waage, um 1850. Original im Innsbrucker Stadtarchiv. Innsbruck 1986 Herausgeber und Verleger: Stadtmagistrat Innsbruck Für den Inhalt sind die Verfasser verantwortlich. Alle Rechte Vorbehalten. Gesamtherstellung: Thaurdruck, Giesriegl Ges.m.b.H., Thaur, Tirol. Inhalt Vorwort des Bürgermeisters der Landeshauptstadt Innsbruck, Romuald Niescher . 7 Vorwort des Pfarrers von St. Nikolaus, Hw. Eduard Nowak ................................. 9 Vorwort des Schriftleiters, Senatsrat Univ.-Doz. Dr. Franz-Heinz Hye ............... 11 Franz-Heinz Hye Die Geschichte von Innsbrucks ältestem Stadtteil - St. Nikolaus und Mariahilf ... 14 1. Die Anfänge unserer Stadt-der Marktort Innsbruck links des Inn (vor 1180) .. 14 2. Das Absinken des alten Marktes in die Rolle einer Vorstadt nach der Gründung der Innsbrucker Altstadt (1180).............................................................................. 18 3. Die untere Anbruggen ........................................................................................... 23 4. Die obere Anbruggen............................................................................................. 33 5. Adelige Ansitze an der Anbruggen ....................................................................... 36 6. Das Feprosenhaus und die St.-Nikolaus-Kirche................................................... 40 7. Das ehemalige Bruderhaus und das städtischeArbeitshaus.................................. 45 8. Anfänge des Schulwesens in St. Nikolaus.............................................................. 49 Paul S p i e 1 m a n n Die Pfarre St. Nikolaus................................................................................................ 52 Waltraud Palme-Comploy 100 Jahre neue Pfarrkirche von St. Nikolaus. Eine kunstgeschichtliche Würdigung dieses schönsten Sakralbaues der Neo-Gotik in Tirol............................................... 65 Anhang: Text der Urkunde, die 1882 in den Grundstein der neuen Pfarrkirche gelegt wurde............................................................................................................................. 85 Hannelore S p i e 1 m a n n Der Kindergarten in St. Nikolaus von den Anfängen bis heute ............................... 87 Zeittafel zur Geschichte des Kindergartens in St. Nikolaus...................................... 97 Anna-Maria Aufschnaiter Kindergarten 1945 bis 1986-Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft...................... 99 Josefine J u s t i c Edition der Schulchronik der städtischen Knabenvolksschule St. Nikolaus .................................................................................................................. 101 Vorwort........................................................................................................................ 101 5 Die Jahre 1776 bis 1898, verfaßt von Johann Senn................................................... 101 Die Jahre 1898 bis 1920, verfaßt von Ludwig Ascher............................................... 113 Die Jahre 1920 bis 1922, verfaßt von Wilhelm Mazagg und Josef M. Rainer......... 137 Der Kaysergarten, verfaßt von Josef M. Rainer........................................................ 148 Waltraud Mahringer Geschichte der Knaben- und Mädchenvolksschule St. Nikolaus, Innallee 3........... 151 Vorwort......................................................................................................................... 151 I. Die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg....................................................................... 151 II. Die Schuljahre während des ErstenWeltkrieges.................................................. 163 III. Die Zeit der Ersten Republik .......................................................................'. . . 172 IV. Die Zeit des Dritten Reiches.................................................................... 181 V. Von der Nachkriegszeit zur Gegenwart.............................................................. 186 Peter Vögele Chronik der Landesberufsschule St. Nikolaus .......................................................... 196 Roman Peintner f Die Katholische Arbeitnehmerbewegung St. Nikolaus............................................ 198 Sängerbund „Elarmonie“ St. Nikolaus....................................................................... 200 Rudolf Schnaller Die Vereinigung St. Nikolaus (1922 - 1986).............................................................. 202 Chronik der Stadtmusikkapelle Mariahilf................................................................... 206 Die Stadtschützenkompanie St. Nikolaus-Mariahilf................................................. 214 Hermann Stöcker Interessensgemeinschaft St. Nikolaus......................................................................... 215 Festprogramm: 100 Jahre neue Pfarrkirche und Kindergartengebäude St. Nikolaus 216 6 Vorwort des Bürgermeisters der Landeshauptstadt Innsbruck, Romuald Niescher In Innsbruck entfaltet sich - wie in jeder Stadt dieser Größenordnung - eine Vielzahl von Aktivitäten und Lebensäußerungen, von Initiativen im kleinen und von Eigenständigkeiten, die sich dann in das Ganze einfügen. Daraus ergibt sich das reiche Eigenleben Innsbrucks, und darin liegt auch der Garant dafür, daß sich das Leben unserer Stadt ständig erneuert und daß es von möglichst vielen Bürgern mitgetragen wird. Der hundertjährige Bestand der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus und die Tatsache, daß die Stadt- gemeinde vor hundert Jahren das Kindergartengebäude in St. Nikolaus erworben und umge- baut hat, ist willkommener Anlaß, den Stadtteil St. Nikolaus einmal gesondert herauszuheben und auf seine Besonderheiten hinzuweisen. Dabei sind schon die Anlässe für das Jubiläum und für die Herausgabe dieser Festschrift mit Superlativen verbunden: Kann doch St. Nikolaus mit Recht und Stolz sich als den ältesten Stadtteil Innsbrucks bezeichnen, als Urzelle, aus der sich dann die Stadt entwickelt und über den Inn hinüber entfaltet hat. Die Pfarrkirche aber, nach Entwürfen des Wiener Dombaumei- sters Friedrich von Schmidt erbaut, ist die wohl schönste neugotische Kirche von ganz Tirol. Und schließlich ist der vor hundert Jahren in St. Nikolaus eingerichtete Kindergarten das erste von der Stadt gestaltete Kindergartengebäude Innsbrucks. So haben die St. Nikolauser also guten Grund, die Feste zu feiern, wie sie fallen, und das Ihre dazu beizutragen. Es ist besonders erfreulich, daß die Innsbrucker mit viel Freude und Einsatz am gewachsenen Erbe festhalten und es weitertragen. Alte Traditionen kleinerer Gemeinschaf- ten, einzelner Stadtteile oder früher selbständiger Gemeinden werden gepflegt und von Genera- tion zu Generation weitergegeben. Andererseits entwickeln sich neue Formen eines besonde- ren Zusammengehörigkeitsbewußtseins oder sozialer, gesellschaftlicher wie auch wirtschaftli- cher Verbundenheit. Gerade St. Nikolaus kann uns darin ein Beispiel sein, sowohl was alte Traditionen wie auch was zeitgemäße Initiativen betrifft. Als Bürgermeister freue ich mich besonders darüber, daß diese Festschrift zum Anlaß genommen wurde, die verschiedensten Gemeinschaften, Vereine und Initiativen zu Eigendarstellungen über ihre Ziele, Aktionen, Erfolge und auch Anliegen einzu- laden. So gilt mein Dank und meine Anerkennung zunächst einmal allen, die - in welcher Weise immer - am Leben dieser Gemeinschaften teilgenommen, es gestaltet und damit nicht nur den Stadtteil St. Nikolaus, sondern auch die gesamte Stadt Innsbruck bereichert und mit Leben erfüllt haben. Mein Dank gilt aber auch und in besonderer Weise allen jenen, die in der 7 Abfassung der Texte oder der Beistellung der Bilder als Autoren und Gestalter dieser Festschrift mitgewirkt haben. Ich wünsche dem Stadtteil St. Nikolaus und seinen Bürgern ein gelungenes Feiern der festli- chen Anlässe, freue mich mit der Bevölkerung der gesamten Stadt über den Traditionsreichtum und das vielfältige Eigenleben dieses Stadtteiles und darf versichern, daß die Stadtführung gegenüber den Anliegen, die aus St. Nikolaus kommen, auch in Zukunft aufgeschlossen sein wird. Vorwort des Pfarrers von St. Nikolaus, Hw. Eduard Nowak - Die Pfarre St. Nikolaus heute - Mit der Aufgabe betraut, ein Vorwort zum nachstehenden Bericht über die Pfarre St. Ni- kolaus zu schreiben, möchte ich mich nur auf die gegenwärtige seelsorgliche und religiöse Situation in unserer Pfarre beschränken. Wenn einmal jemand sagte, die St. Nikolauser seien ein Völkergemisch, dann trifft das heute mehr denn je zu. Die Pfarre St. Nikolaus zählt rund 2900 Einwohner. Davon sind rund 900 jugoslawische und türkische Gastarbeiter. Die Jugoslawen werden, so sie Kroaten sind, von einem kroatischen Franziskaner betreut. Der größere Teil in St. Nikolaus sind serbischorthodoxe Christen. Die Türken gehören fast ausnahmslos zum Islam. Von den übrigen 2000 Pfarrangehörigen sind etwa 90 Prozent katholisch. Davon etwa 10 Prozent sogenannte „Praktizierende“. Dies allerdings läßt sich nur sehr schwer feststellen, weil es in der Bevölkerung das sogenannte „Pfarrbewußtsein“ kaum noch gibt. Das heißt, daß manche St. Nikolauser hie und da gerne in eine andere Kirche gehen, weil dort vielleicht gerade ein Hochamt gesungen wird, das sie gern hören möchten, oder weil man bei dieser Gelegenheit einen alten Bekannten oder Verwandte trifft oder aus irgendeinem anderen Grund. Es kann auch sein, daß manchem der andere Pfarrer besser gefällt, was ja auch Vorkommen kann. Andererseits kommen immer wieder Leute aus anderen Pfarren zu uns, vielleicht aus denselben Gründen. Das ist also nicht nur eine St. Nikolauser, sondern in den Städten allgemeine Erschei- nung. Die Seelsorge ist in St. Nikolaus nicht schwieriger, aber auch nicht leichter geworden als anderswo. Es gibt auch in unserer Pfarre einen guten Grundstock, auf den ein Pfarrer bauen und auf dem er aufbauen kann. Es sind Leute, die sich bemühen, das Pfarrgeschehen zu beleben, sei es bei der Gestaltung von Gottesdiensten, sei es bei Organisation und Ausgestaltung von besonderen Festen, wie zum Beispiel Patrozinium, Weihnachten und Ostern (Agape u. ä. vor der Kirche). Obwohl es in St. Nikolaus nur wenige gibt, die ausgesprochen ablehnend der Kirche gegen- überstehen, gibt es doch viele sogenannte „Fernstehende“. Das sind die vielen, die zwar nicht alles Religiöse ablehnen, höchstens aber nur an den größten Feiertagen auch im Gottesdienst mitmachen, die aber doch darauf bestehen, daß ihre Kinder getauft werden, zur Erstkommu- nion und zur Firmung gehen und in der Schule am Religionsunterricht teilnehmen. 9 Auch ein Pfarrer wird im allgemeinen in St. Nikolaus akzeptiert, obwohl er es nicht allen recht machen kann. Ob er aber angenommen ist oder nicht, das merkt er, wenn er durch die Innstraße geht, wo die meisten Leute anzutreffen sind. Die einen grüßen freundlich zurück: „Grüß Gott, Herr Pfarrer“, viele andere wohlwollend: „Servus, Pfarrer, wia geaht’s?“ An kirchlichen Einrichtungen bzw. Organisationen gibt es in unserer Pfarre eine gut florie- rende Altenbetreuung, eifrige Jungschararbeit, eine Aktivistenrunde der Katholischen Arbeit- nehmerbewegung und nicht zu vergessen der Kirchenchor, der zu einem guten Teil aus jungen Leuten besteht. Erwähnenswert ist noch, daß gerade bei der Jugend wieder ein leichter Trend zur Kirche festzustellen ist. Die meisten Kirchenbesucher sind im Alter von 40 Jahren und darüber, ihnen folgen die 20- bis 30jährigen. Das ist ungefähr die religiöse Situation in St. Nikolaus heute, die sich kaum von anderen Stadtpfarren unterscheidet, wie ich bis jetzt Berichten von anderen Pfarrern entnehmen konnte. Das bedeutet aber nicht, daß ich mich damit zufriedengeben möchte. Wie jeder andere Pfarrer auch, bete und sorge ich mich darum, daß möglichst alle wieder an unseren „gemeinsamen Tisch“ finden. 10 Vorwort des Schriftleiters, Senatsrat Univ.-Doz. Dr. Franz-Heinz Hye Das Innsbrucker Stadtarchiv setzt mit diesem Band eine seit vielen Jahren und in unter- schiedlichen Formen konsequent betriebene Initiative fort: die Dokumentation der histori- schen Individualität der einzelnen Innsbrucker Stadtteile. Am Beginn dieser Aktivitäten stand eine im Jahre 1970 begonnene Reihe von Ausstellungen zu diesem Themenkreis. Daran schloß sich eine entsprechende Artikelserie in der Tiroler Kulturzeitschrift „das Fenster“ (1972 - 1979). Ein wesentlicher Schritt weiter wurde dann getan, als im Anschluß an die Archivausstel- lung über die Hungerburg im Zusammenwirken mit der „Interessengemeinschaft Hoch-Inns- bruck, Hungerburg - Gramart“ 1982 eine erste ausführliche Stadtteil-Monographie in Druck gehen konnte. Was dort über den lokalen Verein abgewickelt worden ist, konnte diesmal durch die verständnisvolle Bereitwilligkeit unserer geschichtsbewußten Stadtführung in Eigenregie des Stadtarchivs realisiert werden. So sieht sich das Stadtarchiv in der glücklichen Lage, aus Anlaß des Jubiläums „100 Jahre neugotische Pfarrkirche und 100 Jahre städtisches Kindergar- tengebäude (Innstraße 97)“ in dankenswertem Zusammenwirken mit den lokalen Verantwort- lichen und Vereinen eine weitere stattliche Stadtteil-Monographie vorzulegen, welche - wie wir hoffen - dem ältesten Stadtteil Innsbrucks, der im 12. Jahrhundert gegründeten Marktsiedlung Innsbruck links des Inn einigermaßen gerecht wird. Selbstverständlich soll dieser Band keine einsame Blume bleiben, sondern nur den Beginn einer neuen Publikationsreihe des Stadtarchivs „Die Stadtteile Innsbrucks“ bilden, welche Reihe bei gegebenen Anlässen fortgesetzt und nach und nach alle Stadtteile erfassen wird. 11 Abb. 1: Ansicht der Stadt Innsbruck aus dem Jahre 1649 mit der ältesten detaillierten Darstellung des Stadtteiles St. Nikolaus. V. 1. n. r. erkennt man ein Wegkreuz (bei Köpfplatz ?), die spätgotische Leprosenhauskirche „S. Nicolai“ noch vor dem barocken Umbau von 1655, sowie den Holzlagerplatz an der Floßlände neben der Innbrücke. Stark schematisiert dargestellt sind die Straßenzüge der Innstraße, St. Nikolaus-, Bäckerbühel- und Höttinger Gasse, sowie der Mariahilfstraße. Kupferstich aus Matthäus Merian, Topographia Provinciarum Austriacarum. Frankfurt a. M. 1649. Die Geschichte von Innsbrucks ältestem Stadtteil - St. Nikolaus und Mariahilf - Von Franz-Heinz H y e 1. Die Anfänge unserer Stadt - der Marktort Innsbruck links des Inn (vor 1180) Am Beginn unserer Ausführungen über den ältesten Stadtteil Innsbrucks, also über die Anfänge dieser Stadt an der zu allen Zeiten wichtigen Straße über den Brennerpaß, ist es notwendig, daran zu erinnern, daß die Anfänge Innsbrucks nicht am rechten, sondern am linken bzw. nördlichen Ufer des Inn-Flusses liegen. Dies ist um so bemerkenswerter, als in der Römerzeit und in den folgenden Jahrhunderten der Schwerpunkt des Straßenverkehrs auf der rechten bzw. südlichen Seite des Inntales lag. Dort erhob sich spätestens seit dem Anfang des 4. Jahrhunderts n. Chr. im Bereich des heutigen Prämonstratenser-Chorherrenstiftes Wilten die römische Militär- und Handelsstation Veldidena, von wo die römische Staatsstraße entlang dem südlichen Talhang über Amras in das Unterinntal bzw. über Völs gegen Teriolis (Zirl- Martinsbühel) führte, in dessen Nähe die Straße den Inn übersetzt hat.1 Auch im frühen Mittelalter scheint sich der Verkehr noch über diese alten Straßen und Wege abgewickelt zu haben. Die erste Anlage der Burg von Amras anstelle des heutigen Schlosses war ja nur sinn- und wirkungsvoll, wenn von hier aus ein Hauptverkehrsweg beherrscht und beschützt werden konnte, welche Möglichkeit nur so lange gegeben war, solange die alte Römerstraße von Wilten über Amras und Ampass in das Unterinntal noch als solcher benützt worden ist.2 - Und welche Bedeutung der Amraser Burg beigemessen wurde, ersieht man einerseits daraus, daß die Grafen von Andechs gelegentlich auch Grafen von Amras (z. B. Comes Otto de Omeras) genannt wurden, und andererseits aus der Tatsache, daß Herzog Heinrich der Stolze von Bayern hoffen konnte, den streitbaren Grafen Otto (II.) von Andechs dann empfindlich zu treffen, wenn er dessen Burg zu Amras stürme und zerstöre, was sich im Jahre 1133 zugetragen hat.3 Die Macht der Andechser war durch die Zerstörung von Amras zwar nicht gebrochen, aber es ist auch in keiner Weise überliefert, daß die Andechser ihre Amraser Burg nach 1133 wieder aufgebaut hätten. Von einer regen Bautätigkeit, dem vermutli- chen Wiederaufbau der Burg, hören wir erst 1288, also zu einer Zeit, in der die Andechser schon 1 Vgl. dazu nun den Ausstellungskatalog „VELDIDENA - Römisches Militärlager und Zivilsiedlung“. Geleitet von Liselotte Zemmer-Plank. Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 1985. 2 Franz-Heinz Hye, Zur Geschichte des Hauptstraßennetzes im Innsbrucker Becken. In: Tiroler Wirtschaftsstu- dien, Bd. 33, Innsbruck 1977, S. 175 - 197. 3 Edmund Frh. v. Oefele, Geschichte der Grafen von Andechs. Innsbruck 1877; sowie Elisabeth Scheicher, Schloß Ambras. In: Tiroler Burgenbuch, Bd. VI, Bozen 1982, S. 140 ff. 14 längst (1248) ausgestorben waren und sich die Burg im Besitz der neuen Landesherren, der Grafen von Tirol-Görz befand.4 Es darf daher angenommen werden, daß die Grafen von Andechs, die von den Fürstbischöfen von Brixen die Grafschaft im Inntal zwischen Melach und Ziller zu Lehen innehatten und damit auch Herren der am linken Talhang liegenden Dorfsiedlung Hötting waren, nach der Zerstö- rung ihrer Amraser Burg den Schwerpunkt ihrer Macht im Inntal von der rechten auf die linke Talseite verlegt und unterhalb des Dorfkernes von Hötting am schmalen nordseitigen Innufer- streifen eine neue Marktsiedlung angelegt haben. Der Name dieses neuen Marktortes war Innsbruck und begegnet erstmals in einer Salzburger Traditionsnotiz von 1167/1183.5 Er leitete sich ab von jener ersten Innsbrucker Innbrücke, die, damals errichtet, den Verkehr von der südlichen Talseite herüber auf das nördliche Innufer bzw. in und durch den neuen Marktort zu führen hatte, denn ein Markt, der abseits vom Hauptverkehr liegen würde, war ein Unding; - ein Blick nicht nur auf alle Tiroler Markt- und Stadtgründungen des Mittelalters läßt dies zweifelsfrei erkennen. Es gibt übrigens auch einen sehr wesentlichen Hinweis darauf, daß die Innsbrucker Innbrücke erstmals erst damals bzw. wenige Jahrzehnte vor 1180 erbaut worden ist. In jenem Tauschver- trag des Jahres 1180, kraft welchem Berchtold (V.) von Andechs vom Kloster Wüten den Grund zur Anlage der Innsbrucker Altstadt erworben hat, besteht nämlich das Kloster Wilten u. a. darauf, daß ihm weiterhin ausschließlich das Recht zum Betrieb einer Fähre über den Inn zustehen soll - eine Forderung, die sich unmittelbar neben einer Brücke zumindest eigenartig anhört. Das heißt, das Kloster hegte Zweifel am Bestand der neuen Brücke und sicherte sich für den Fall ihres Eingehens jenes Fährrecht, welches dem Kloster vor dem Bau der Brücke offen- bar erhebliche Einnahmen bescherte.6 Das Mißtrauen gegen den Fortbestand der Brücke wurde allerdings enttäuscht. Die Brücke hielt und wurde, wenn sie gelegentlich durch Hochwasser zerstört worden war, immer rasch wieder aufgebaut oder repariert. Das exklusive, aber nicht mehr realisierte Fährrecht der Wiltener Chorherren geriet darüber in Vergessenheit, und als Johann Mahlschedl Ritter von Alpenburg in den Jahren 1836 bis 1868 an der Stelle des 1873/ 1875 erbauten und noch heute bestehenden „Kreuzersteges“ eine Fähre zwischen St. Nikolaus und dem Rennweg bzw. Hofgarten betrieben hat,7 erhob das Stift dagegen keinerlei Einspruch, wiewohl es dagegen auf sein ausschließlich ihm zustehendes Fährrecht hätte pochen können. 4 Franz-Heinz Hye, Amras - Geschichte und Sehenswürdigkeiten eines Innsbrucker Stadtteiles. Innsbruck 1976, S. 35 ff. 5 Derselbe, Innsbruck - Geschichte und Stadtbild. Sonderband der Tiroler Heimatblätter. Innsbruck 1980, S. 11. 6 Ebenda, S. 12 f. 7 Derselbe, St. Nikolaus und Mariahilf. Ein Beitrag zur Geschichte der Stadtteile Innsbrucks. In: das Fenster, Nr. 16, Innsbruck 1975, S. 1685; sowie Carl Unterkircher, Chronik von Innsbruck. Innsbruck 1897, S. 328, n.2347 und S.456,n. 3441. 15 Abb. 2: Blick in die St. Nikolausgasse, welche eine anderen, alten Tiroler Städten vergleichbare, geschlossen verbaute mittelalterliche Hauptstraße darstellt. Als erste Innsbrucker Marktstraße bildete sie bis ca. 1500 zugleich auch die Hauptlandstraße in’s Unterinntal. Foto: Margarete Hye-Weinhart. Nach der Anlage der heutigen Innsbrucker Altstadt um 1180/1204, welche als durch eine Ringmauer befestigter Stadtkern fortan den politischen und wirtschaftlichen Mittelpunkt der Stadt gebildet hatte, sank das erste linksufrige Innsbruck zur minder bedeutenden, unbefestig- ten Vorstadt ab, deren Gebiet bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts nur noch als der städtische 16 Bereich jenseits bzw. „enunt der prukken“ oder „enhalben der prukh“,8 im 15. Jahrhundert als „an der Anprugken“9 und in der Folgezeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als jener Stadtteil bezeichnet worden ist, welcher in einen Bereich ober oder unter der Innbrücke geschieden worden ist (Obere und Untere Ynnpruggen).10 Erst die stadtgeschichtliche Literatur seit Franz Carl Zoller (1816) hat wieder auf die Bezeichnung des 15. Jahrhunderts „Anbruggen“ zurück- gegriffen,11 welche seither allgemein als historisierender Name für den Stadtteil links des Inn angewandt wird. - Soviel zur Gründung und Bezeichnung von Ur-Innsbruck, welche Markt- siedlung bei ihrer Gründung territorial und personell als schmaler Uferstreifen unterhalb des Bruggfeldes zwischen dem Höttinger Bach im Westen und dem Tuft- oder Tuffbach im Osten aus dem Verband der alten Dorfgemeinde Hötting herausgeschnitten worden ist, wobei die Bewohner der neuen Marktsiedlung hinsichtlich ihrer landwirtschaftlichen Bedürfnisse weiter- hin mit denen von Hötting gleichberechtigt blieben. Dementsprechend enthält auch bereits das ältest-überlieferte Höttinger Dorfweistum, welches um 1437/1462 aufgezeichnet wurde, die Bestimmung „Item, auch habent unßere Herren von Jnsprugk Holz und Waid mitsampt uns ze messen“, welche gemeinschaftliche Wald- und Weidenutzung der Gemeinde Hötting und der Stadt Innsbruck hinsichtlich der Waldungen bis zur gegenseitigen Aufteilung des Höttinger Waldes in den Jahren 1750 bis 1760 praktiziert worden ist.12 Die gemeinsame Beweidung der Talwiesen hingegen ging allmählich und in dem Maße zurück, in dem die städtischen Ackerbür- ger von einst im Laufe des 19. Jahrhunderts ihre zumindest teilweise landwirtschaftliche Selbst- versorgung aufgaben und die Weidegründe besiedelt wurden. Auch die alte Innsbrucker Stadt- alm, die An- bzw. Unbrüggler Alm, liegt inmitten des bis 1756 gemeinsamen Höttinger und Innsbrucker Almendwaldes.13 8 Vgl. dazu folgende Urkunden des Starchivs Innsbruck (StAI.): n. 26: 1320, n. 44: 1329, n. 48: 1332, n. 68: 1340, n. 88: 1345, n. 135: 1362, n. 157: 1367, n. 171: 1370, n. 187: 1377, n. 234: 1395, n. 243: 1399, n. 245: 1402 und n. 257:1405. 9 Ebenda, Urkunden n. 380: 1461, n. 382: 1462, n.388: 1464, n.390: 1465, n.395: 1466, n. 400: 1466, n. 403: 1467, n. 415: 1469, n. 422: 1471, n. 425: 1472, n. 434: 1476, n.438: 1478, n. 452: 1479, n. 458: 1480, n. 483: 1485, n. 487: 1486, n.496:1487. 10 Ebenda, Urk. n. 516: 1491 „unten an der Inprugk“, n. 531: 1494 „an der Inprugk“ etc., sowie Cod. 70 = Leopoldinischer Steuerkataster von ca. 1628, fol. 162 v (Viertelbezeichnung) „Oberynpruggen“, fol. 179 v „Underynpruggen“. Der Maria-Theresianische Steuerkataster von ca. 1775 (Orig, im TLA, Kopie im Stadtarchiv, Cod. 132) enthält auf fol. 366 v die Stadtviertelbezeichnung „Ober- und Unter Innsbruck“; in Verzeichnissen und Plänen des 19. Jahrhunderts ist hier von der „Oberen und Unteren Innbrückenstraße“ die Rede. 11 Franz Carl Zoller, Geschichte und Denkwürdigkeiten der Stadt Innsbruck, Bd. 1, Innsbruck 1816, S. 90: Verwen- dung des Ausdrucks „Anbrucken“ zum Jahre 1333. 12 F.-H. Hye, Zur Geschichte des Höttinger Waldes. In: Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, Neue Folge, Bd. 5, Innsbruck 1974, S. 139- 148. 13 Derselbe, Vom Grauenstain zur Hungerburg. Ceschichte des Stadtteiles Hoch-Innsbruck. Innsbruck 1982, S. 21 f. 17 Wenn hier oben hinsichtlich der Ausdehnung der ersten Innsbrucker Marktsiedlung als nord- östliche Grenze der Tuff- und nicht der Weiher- oder Steinbruchbach, die heutige Grenze der Katastralgemeinde Innsbruck gegen Hötting, angegeben worden ist, so geschah dies aus folgen- dem Grunde: Noch im Jahre 1315 nämlich stiften „der Rat und gemainlich di Purger ze Insprukke“ dem Stadtspital zum Heiligen Geist den Gemeindegrund („Gemaine“) „under wegis div da leit zwischen des Hallers Angers und des Tuftpachs und der (!) Gemaine ob wegis, div da leit zwischen des Fulsachs Geraevt und des Tuftpachs“.14 Es handelt sich dabei also um das Gebiet ober- und unterhalb des alten Fahrwegs in Richtung Mühlau westlich vom Tuft- bach, welcher Fahrweg wenige Meter unterhalb der Villa Blanka verlaufen ist (vgl. weiter unten!). Aus dieser Schenkungsurkunde geht hervor, daß damals auch noch das Areal zwischen dem Weiher- und dem Tuffbach zum städtischen Burgfrieden bzw. zum Stadtgebiet gehört hat. Wann und wie es hier später zu einer Grenzveränderung gekommen ist, kann derzeit noch nicht erklärt werden. Gesichert ist, daß der „Tufftpach“ noch 1547 die östliche Stadtgrenze von Innsbruck gebildet hat, während in einer Grenzbeschreibung von 1811 und in der Kataster- mappe von 1856 der Weiherbach als Stadtgrenze angegeben wird.15 2. Das Absinken des alten Marktes in die Rolle einer Vorstadt nach der Gründung der Innsbrucker Altstadt (1180) Die neue Marktsiedlung an der Brennerstraße wuchs rasch an, so daß sie sich schon 1180 am linken Uferstreifen beengt fühlte. Aus diesem Grunde und sicherlich auch mit der Absicht, die Innbrücke vollends in seine Hand zu bekommen, erwarb Graf Berchtold (V.) von Andechs im genannten Jahr kraft eines Tauschvertrages vom oben erwähnten Stift Wilten das Areal der hiemit begründeten Innsbrucker Altstadt, zunächst aber nur mit dem Wunsch, den Marktplatz nun hierher verlegen und die Marktsiedlung hier vergrößern zu können. Wörtlich sagt Graf Berchtold in der betreffenden Vertragsurkunde: „Forum nostrum trans pontem poneremus.“16 Wie sehr sich der Schwerpunkt des wirtschaftlichen und politischen Lebens im Markt an der Innbrücke, der spätestens seit 1204 den Status einer Stadt genoß, mit der Verlegung des Markt- platzes vom linken auf das rechte Ufer ebendorthin verlagert hat, zeigt eine Urkunde von 1320, in welcher der Tiroler Landesfürst, König Heinrich von Böhmen, seinem Landrichter im Inntal 14 StAI., Urk. n. 15. 15 Otto Stolz, Politisch-historische Landesbeschreibung von Tirol. 1. Teil: Nordtirol (Archiv für österreichische Geschichte, Bd. 107), Wien 1926, S. 312 ff. 16 Ernst Frhr. v. Schwind und Alphons Dopsch, Ausgewählte Urkunden zur Verfassungsgeschichte der deutsch- österreichischen Erblande im Mittelalter. Innsbruck 1895, S. 35, n. 21; vgl. dazu auch F.-H. Hye, Innsbruck, Geschichte und Stadtbild, a. a. O., S. 12 f. 18 Abb. 3: Ein Blick auf die Rückseite der St. Nikolausgasse läßt die für die Inn- und Salzachstädte typischen Grabendächer erkennen. Foto: Margarete Hye-Weinhart. mit Nachdruck in Erinnerung bringen mußte, daß die Häuser „enunt der Pruken, die an der Gassen stent, da man hin uf gen Hetingen get“, nicht zu Hötting bzw. zum Landgericht, sondern zur Stadt Innsbruck gehören und dem Stadtgericht unterstehen.17 Die Wechselbezie- hung zwischen der alten Marktsiedlung des 12. Jahrhunderts jenseits der Brücke und dem von einer Ringmauer umschlossenen Stadtkern scheint demnach um diese Zeit derart lose gewesen zu sein, daß Ortsunkundige glauben konnten, Anbruggen gehöre zu Hötting. 17 StAI.,Urk. n. 26. 19 Auf diese irrige Auffassung geht möglicherweise auch jener eigenartige Rechtsbrauch zurück, wonach Verbrecher, deren Straftaten vom Hoch- und Blutgericht abzuurteilen waren, vom Innsbrucker Stadtrichter nicht an der Stadtgrenze, sondern „mittend der Ynpruggen“, also mitten auf der Innbrücke an den Landrichter von Sonnenburg übergeben werden mußten.18 Auch heute noch wird der alte Zusammenhang zwischen dem Stadtteil St. Nikolaus-Mariahilf mit der Altstadt bzw. die Tatsache, daß letztere aus der Siedlung am linken Innufer hervorge- gangen ist, gelegentlich übersehen. So z. B. enthält der der Altstadt und den Stadterweiterun- gen Innsbrucks „bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts“ gewidmete Band 38 der Österreichischen Kunsttopographie (Wien 1972) kein Wort über Innsbrucks ältesten Stadtteil,19 der freilich nach 1180 seine Bedeutung als Kopf verloren hat und dann zum letzten der Glieder geworden war. Dieses Absinken in der Wertskala und im sozialen Status zeigte sich auch darin, daß am Ostrand dieses Stadtteiles das Innsbrucker Leprosenhaus, das Sondersiechen- oder Infektionsspital der Stadt eingerichtet worden ist (vgl. unten!). Ähnliches läßt sich im Stadtteil Dreiheiligen bzw. in der Kohlstatt beobachten, in welchem Gewerbeviertel am Sillkanal seit dem 16. Jahrhundert das Innsbrucker Pest- oder Infektionsspital seinen Standort hatte.20 Wie in der Folge noch dargelegt werden wird, entwickelte sich St. Nikolaus im Laufe der Zeit zu einem vorwiegend von Handwerkern und Gewerbetreibenden bewohnten Stadtteil, in dem auch die meisten Handwerksstätten der öffentlichen Versorgung (Hof- und Stadtzimmermeister, Hof- und Stadt-Brunnenrohrbohrer, Hof- und Stadtziegelei bzw. Kalkofen, Steinhütten, ärarische Waa- senmeisterei) ihren Standort hatten. Konkret untersucht wurde dies - abgesehen von den genannten amtlichen Werkstätten - hinsichtlich der Innsbrucker Maurer und Steinmetze, von denen Heinz Moser festgestellt hat, daß sie „fast durchwegs ... in den heutigen Stadtteilen St. Nikolaus und Hötting siedelten“.21 Johann Jakob Staffier schreibt diesbezüglich (1842), daß sich in diesem Stadtteil „viele ärmliche und unscheinliche Häuser“ befinden, „größtenteils bewohnt von Maurergesellen, Holzhauern 18 Karl Moeser, Stand dem Stadtgerichte Innsbruck auch die hohe Gerichtsbarkeit zu? In: Forschungen und Mittei- lungen zur Geschichte Tirols und Vorarlbergs, Jg. 16/17, Innsbruck 1919/20, S. 205. 19 Dieses Manko hat die Verfasserin, Frau Dr. Johanna Felmayer, im zweiten Band über „Die profanen Kunstdenk- mäler der Stadt Innsbruck außerhalb der Altstadt“ (Österreichische Kunsttopographie, Bd. 45), Wien 1981, S. 1 - 102, wieder gutgemacht. 20 Vgl. dazu F.-H. Hye, Silbergasse und Kohlstatt. Ein Beitrag zur Geschichte der Stadtteile Innsbrucks. In: das Fenster, Nr. 18, Innsbruck 1976, S. 1889- 1895. Speziell über das Brestenhaus und die Pestepidemie von 1611 siehe Bernhard Schretter, Die Pest in Tirol 1611 - 1612 (Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, NF. Bd. 12/ 13), Innsbruck 1982, S. 129 - 390. 21 Fleinz Moser, Die Steinmetz- und Maurerzunft in Innsbruck (Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, NF. Bd. 4), Innsbruck 1973, S. 114 und 142. 20 Untere Innbruggen (St. Nikolaus) Obere Innbruggen“ (Mariahilf) Tagwerker 17 1 Metzger 8 6 Bäcker 6 3 Schneider 6 Fuhrwerker 6 Weber 5 Wirte 2 5 Maurer 4 1 Hafner 4 2 Fässer (= Faßbinder) 3 1 Plattner 3 Seiler 3 Weißgerber 3 Hueter 1 2 Kramer 1 Schuster 1 Sattler 1 Tischler 1 Schlosser 1 Kupferschmied 1 Schmied Zimmermann 1 Färber 1 „Bildschnitzer“ 1 Rädermacher 1 Fischer 1 Ziegler 1 Rotgerber 1 „Koltrager“ 1 „Pfeifer“ 1 „Fratschler“ 1 „Tschanderer“ 1 21 und andern gemeinen22 Arbeitern - einem rohen, aber lebendigen und naturkräftigen Völkchen mit eigenthümlichen Manieren und Sitten.23 Selbst noch die „Wiener Allgemeine Kunstchro- nik“ (wiederabgedruckt in den Neuen Tiroler Stimmen 1883, Nr. 201, S. 1) schreibt im Zusammenhang mit dem Neubau der Pfarrkirche zu St. Nikolaus: „Leider ist die Umgebung- die Kirche steht im ärmsten Stadttheil - eine nichts weniger als würdige.“ - Glücklicherweise hat sich das Bild unterdessen gewandelt und ist St. Nikolaus heute ein Stadtteil, der vom Akademiemitglied (Franz Hüter)24 bis zum Bürgermeister (Alois Lugger)25 alles aufzuweisen hat, was in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft Rang und Namen hat. Als Abschluß dieses Kapitels mag es willkommen sein, eine statistische Zusammenstellung jener Gewerbetreibenden zu geben, die im Jahre 1634 in einem Verzeichnis der Wehrpflichtigen der Stadt Innsbruck in St. Nikolaus und Mariahilf angeführt werden.26 Einer der oben genannten neun Bäcker hatte seinen Standort schon damals im Hause Innstraße Nr. 21. In der Zeit von 1768 bis 1867 wirkte dort die Familie Glatz („Glatzbäck“).27 Und dieser Bäckerfamilie entstammte der noch heute in der Erinnerung populäre und legendäre Stadtarzt und Wohltäter Dr. med. Josef Glatz (1825 - 1890).28 Die Vereinigung St. Nikolaus ließ deshalb an diesem seinem Geburtshaus eine Gedenktafel anbringen. 22 Der Ausdruck „gemein“ bezeichnete damals nicht einen üblen Charakter, sondern einen eher unterdurchschnittli- chen, „gewöhnlichen“ sozialen Status. 23 Johann Jakob Staffier, Tirol und Vorarlberg, topographisch mit geschichtlichen Bemerkungen, Bd. 1/2, Innsbruck 1842, S. 413. 24 Vgl. dazu u. a. die Festschrift für Univ.-Prof. Dr. Franz Fluter anläßlich der Vollendung des 70. Lebensjahres (Tiroler Wirtschaftsstudien, Bd. 26/1 - 2), Innsbruck 1969. Es ist dem Verfasser ein Bedürfnis, auch in diesem Zusammenhang diesem seinem verehrten Universitätslehrer in Dankbarkeit seine Reverenz zu erweisen. 25 Uber unseren noch heute unvermindert populären und geachteten Alt-Bürgermeister vgl. die Festschrift „Inns- bruck 1956 - 1981. Dr. Alois Lugger zum 25jährigen Bürgermeisterjubiläum gewidmet“. Innsbruck 1981. 26 StAI.,Cod. 155. 27 Brigitte Rogger, Häusergeschichte der Innsbrucker Stadtteile westliche Altstadt - St. Nikolaus-Mariahilf im Zeit- raum 1628 - 1780. Ungedruckte geisteswissenschaftliche Diss., Innsbruck 1981, S. 136; sowie Veronika Gruber, Die bauliche Entwicklung Innsbrucks im 19. Jahrhundert (1780 - 1904), Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, NF. Bd. 7, Innsbruck 1976, S. 311. 28 Vgl. dazu Wilhelm Eppacher, Die Wohltäter der Landeshauptstadt Innsbruck (Veröffentlichungen aus dem Stadt- archiv Innsbruck, Heft Nr. 3), Innsbruck 1951, S. 6; sowie derselbe, Bibliographie zur Stadtkunde von Innsbruck (Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, NF. Bd. 1/2), Innsbruck 1971, S. 221, n. 8954/55. 22 Abb. 4: Ansicht von St. Nikolaus auf einer Stadtansicht von Innsbruck aus dem Jahre 1786, daher noch mit dem 1790 abgebrochenen Inntor, sowie mit dem Zucht- oder Strafarbeitshaus (= Turnusvereinshaus) und der alten Pfarrkirche von St. Nikolaus. Kolorierte Lithographie von Peter und Joseph Schaffer, Wien 1786. Original im Stadtarchiv Innsbruck. 3. Die untere Anbruggen Was den Grundriß der oberen und unteren Inn- oder Anbruggen anbelangt, so dürfte derselbe sicherlich schon im 12. Jahrhundert in seinen wesentlichen Zügen ausgeprägt worden sein. Als solche sind einerseits die direkte Verbindung der alten Unterinntaler Landstraße (d. i. die heutige Weiherburggasse) durch die St.-Nikolaus-Gasse und die obere Innstraße zur Inn- brücke sowie andererseits die von der Innbrücke steil zur alten Oberinntaler Landesstraße (d. i. 23 die heutige Schneeburggasse) ansteigende, bereits oben erwähnte Höttinger Gasse zu bezeich- nen. Alte Straßenzüge bzw. Wege stellen auch die von der St.-Nikolaus-Gasse abzweigenden Gäßchen, die Holz- oder Bäckerbühelgasse sowie die Dienzner- oder Fallbachgasse dar, wäh- rend die Kirch- oder Schmelzergasse erst nach 1540 über den alten Hofziegelanger hinunter angelegt worden ist.29 Mit dieser Grundgestalt weist die Anbruggen als schmale, der Länge nach von einer Hauptstraße durchzogene Marktsiedlung zwischen Berghang und Fluß weitgehende Übereinstimmung mit anderen mittelalterlichen Marktgründungen in Tirol auf, wobei beson- ders an Meran, Klausen und Rattenberg zu erinnern ist.30 Während sich aber bei diesen Städten die Weiterentwicklung vom Markt zur Stadt und auch deren späteres Leben stets auf demselben Grund und innerhalb derselben engen Umgrenzung vollzogen hat, brachte es im Falle von Anbruggen dessen besonders günstige verkehrsgeographische Lage an der hier den Inn über- schreitenden Brennerstraße mit sich, daß hier sogar noch vor der Stadtwerdung eine räumliche Ausdehnung und Vergrößerung erfolgte, ein Umstand, der Rattenberg nie, Meran und Klausen aber erst im Zuge von Eingemeindungen im 20. Jahrhundert beschieden war. Zum Unterschied von den genannten drei Städten erhielt die Anbruggen jedoch niemals Ringmauer oder Burg, welche beiden Elemente einer städtischen Befestigungsanlage hier allein für die „Statt“, d. h. für die heutige Innsbrucker Altstadt rechts des Inn, Vorbehalten blieben. Gegenüber der ummauerten Stadt war die Anbruggen nämlich nach 1204 nur noch eine zum Innsbrucker Burgfrieden bzw. Stadtgerichtsbezirk gehörige offene Vorstadt. Einen neuen Hauptstraßenzug erhielt die Anbruggen, als am Ende des 15. Jahrhunderts mit allen Mitteln damaliger Straßenbaukunst, durch Felsabsprengungen und kleine Brückenbauten entlang dem steilen Nordufer des Inn ein „Neuer Weg“ von der Anbruggen nach Mühlau bzw. Arzl geschaffen worden ist, womit die durch ihre Steilheit und Enge mehr als beschwerliche alte Landstraße in dieser Funktion ausgedient hatte. Diese führte von der St.-Nikolaus-Gasse durch die Weiherburggasse bis hinauf zum ehemaligen Gasthaus „Schönblick“ - nicht, wie man bis vor kurzem glaubte, bis zur Weiherburg! Vom Gasthof Schönblick querte sie ziemlich waagrecht unterhalb der Villa Bianca den Talhang, um schließlich durch das heute noch beste- hende, gegen oben als Sackgasse endende Straßenstück steil hinunter nach Mühlau bzw. zur 29 F.-H. Hye, St. Nikolaus und Mariahilf, a. a. O., S. 1686; sowie J. Felmayer, Die profanen Kunstdenkmäler der Stadt Innsbruck außerhalb der Altstadt, a. .a. O., S. 97. 30 Bezüglich Meran und Klausen vgl. F.-H. Hye, Tiroler Städte an Etsch und Eisack. Ein stadtgeschichtlicher Exkursionsführer (Exkursionen des Österreichischen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung, Heft 9), Linz 1982, S. 39 - 49; sowie bezüglich Rattenbergs derselbe, Die Städte Tirols. 1. Teil (Österreichisches Städtebuch, hg. von der Österr. Akademie der Wissenschaften, Bd. 3/1), Wien 1980, S. 201 - 209; derselbe, Rattenberg am Inn - Grundzüge seiner Stadtgeschichte. In: Festschrift zur Wiedereröffnung der Stadtpfarrkirche zum hl. Virgil in Rattenberg. Rattenberg (1983), S. 60 - 75. 24 Mühlauer Innbrücke abzufallen.31 Für die Finanzierung der Pflasterung der neuen Straße unten am Innufer wie überhaupt der Hauptstraßenzüge in Innsbruck und hinauf bis zum Bergiselsat- tel (im Bereich der Südgrenze des Stadtteiles Wüten) verlieh König Maximilian I. am 21. Februar 1500 der Stadt das Recht, in der zur Pradler Sillbrücke führenden Silbergasse ( = Universitätsstraße), bei dem nach Wilten führenden Vorstadttor sowie namentlich beim städti- schen Kalkofen in der unteren Anbruggen ein Weggeld einzuheben.32 Der hier genannte Kalko- fen läßt sich seit 1395 urkundlich nachweisen.33 Er befand sich, wie dem Maria-Theresianischen Steuerkataster zu entnehmen ist, hinter dem ehemaligen städtischen Bruderhaus (Kat.-Nr. 519, Innstraße Nr. 95), auf dessen Gartenareal 1872 das bestehende städtische Kindergartengebäude errichtet worden ist (Innstraße Nr. 97). Das städtische Zollhäuschen am Neuen Weg aber befand sich - wie es scheint - spätestens von 1682 bis 1779 nicht hier, sondern an der Kreuzung des Neuen Weges mit der Fallbachgasse an der Stelle des Hauses Innstraße Nr. 109.34 Mit der neuen Landstraße verlor aber nicht nur die alte Landstraße ihre Bedeutung, sondern mußte auch die St.-Nikolaus-Gasse ihre ursprüngliche Hauptstraßenfunktion an die untere Innstraße abtreten, welche im 19. Jahrhundert „Kaiserstraße“ benannt worden ist. Hier ent- standen nun im 16. und in den folgenden Jahrhunderten einige neue und stattliche Bauten, wie das geradezu platzbildende Haus Innstraße Nr. 8135 oder der spätere Gasthof zum Elefanten (1661 - 1910), d. i. das Haus Nr. 87.36 Auch das bemerkenswerte Portal des Gasthofes zur Eiche (Haus Nr. 85), welches eine interessante Vermengung von Formen der Spätgotik und der Renaissance darstellt, weist auf diese durch die neue Landstraße angeregte Baufreudigkeit im 31 Vgl. dazu F.-H. Hye, Die Weiherburg. Festschrift aus Anlaß der Restaurierung dieses Ansitzes durch die Stadtge- meinde Innsbruck 1976- 1978. Innsbruck 1978, S. 9. 32 StAI.,Urk. n. 567. 33 Ebenda, Urk. n. 234. 34 Jedenfalls gelangte dieses einstöckige Häuschen 1682 kaufweise in den Privatbesitz des damaligen Zöllners am Neuen Weg, von dessen Familie es die Stadtgemeinde Innsbruck im Jahre 1714 erworben hat, welche noch im Kataster von ca. 1775 als Besitzer dieser Liegenschaft aufscheint. Vgl. dazu B. Rogger, a. a. O., S. 231; sowie J. Felmayer, Die profanen Kunstdenkmäler . . . außerhalb der Altstadt, a. a. O., S. 57. 33 Der von J. Felmayer, a. a. O., S. 50, vorgenommenen Identifizierung des stattlichen Hauses Innstraße Nr. 81 mit dem ehemaligen ersten landesfürstlichen Jägerhaus, welches 1557 infolge Baufälligkeit wieder verkauft worden ist (es wird damals als „gannz enng, pawfellig und erfault“ beschrieben und befürchtet, es „werde baldt niderfallen“), vermag ich nicht zuzustimmen, auch nicht im Sinne eines auf demselben Grund erstellten Neubaues, da das Haus Innstraße Nr. 81 im Süden und Westen an die Straße angrenzt, während das ehemalige Jägerhaus im Süden und Osten an die Landstraße stieß. Vgl. dazu Hans Katschthaler, Die landesfürstlichen Jägerhäuser an der Anbruggen und im Höttinger Ried. In: Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, NF. Bd. 5, Innsbruck 1974, S. 53 - 62. 36 Heinz Moser, Das Gasthaus „Zum Elefanten“ in St. Nikolaus. In: Amtsblatt der Landeshauptstadt Innsbruck, Jg. 37, 1974, Nr. 6. 25 Abb. 5: Blick in die Bäckerbühelgasse. Foto: Margarete Hye-Weinhart. 16. Jahrhundert hin.37 Ein wenn auch nur bescheidener, von 1535 bis 1548 betriebener Erzberg- bau am Neuen Weg neben dem Weiher- oder Steinbruchbach (der 550 Meter lange Stollen dieses Bergbaues wur.de 1944 bei der Anlage der dortigen Luftschutzstollenanlage von innen her angefahren) hat sicherlich auch etwas zur Belebung der dortigen Wirtschaft beigetragen.38 37 Vgl. dazu die Ausführungen des unvergessenen Altmeisters der Innsbrucker Kunstgeschichte, Heinrich Hammer, in seinen Alt-Innsbrucker Studien. Innsbruck 1942, S. 39 f. 38 Georg Mutschlechner, Der Bergbau an der Innsbrucker Nordkette zwischen Kranebitten und Mühlau. In: Veröf- fentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, NF. Bd. 5, Innsbruck 1974, S. 123 - 129. 26 Im Gegensatz dazu begegnet uns schon wenige Jahre nach der Inbetriebnahme des Neuen Weges für die alte Hauptstraße die abfällige Bezeichnung „Katlachn“ oder „Kotlacke“, welche seit 1517 nachweisbare Bezeichnung39 ursprünglich nur für die St.-Nikolaus-Gasse galt (z. B. im Kataster von ca. 1780, Nr. 527: „die Kotlacken oder Gassen zum S. Nicklaus-Gottshaus“), heute aber als Spitzname für ganz St. Nikolaus lebendig ist. Die Ursache für diese wenig schmeichelhafte Bezeichnung war vermutlich der Umstand, daß kurze Zeit zuvor in den unge- pflasterten Boden der St.-Nikolaus-Gasse die hölzernen, an ihren Kupplungsstellen meist etwas undichten Wasserleitungsrohre der von der Tuffbachquelle oberhalb der Weiherburg in die Stadt hinunterverlegten Hofwasserleitung vergraben worden sind, wodurch der dortige Straßenboden mehr als nur durch das Regenwasser aufgeweicht wurde und „kotig“ war.40 Dessenungeachtet befand sich an diesem Straßenzug, nicht weit oberhalb der Sondersiechen- kirche, ein Gewerbebetrieb, der der alten Landstraße zur höchsten Ehre gereicht: Es war dies die seit 1503 nachweisbare Glocken- und Geschützgießerei am Gänsbichl, wo u. a. 1509 von Peter Löffler die erste der großen Bronzestatuen des (leeren) Grabdenkmales Kaiser Maximi- lians I. in der Innsbrucker Hofkirche gegossen worden ist (es ist das Standbild König Ferdi- nands von Portugal).41 Mit dem Tode Josef Georg Müllers (Miller) stellte diese Gußhütte im Jahre 1854 ihren Betrieb ein.42 An ihrer Stelle wurde in den letzten Jahren eine moderne Wohnanlage gebaut. Vom alten Baubestand war zuletzt nur noch das an seiner Südseite mit einem Glockenfresko gezierte Wohnhaus des Gießers erhalten (Fallbachgasse Nr. 22). Heute erinnert daran eine sehr schön gestaltete bronzene Gedenktafel, welche die betreffende Wohn- baugesellschaft über Anregung des Stadtarchivs dortselbst anbringen ließ. Sie befindet sich an der dem Biennergaßl zugewandten Seite dieser Wohnanlage. Ihr Text lautet: „Anstelle dieser in 39 StAI., Urbar des Stadtspitals zum Heiligen Geist von 1517, fol. 19. 40 F.-H. Hye, Zur Geschichte der Trinkwasserversorgung der Landeshauptstadt Innsbruck (bis 1887). In: Gas - Wasser — Wärme, 29. Jg., Wien 1975, Nr. 7, S. 224 — 230. Überdies bereitet der Verfasser eine ausführliche Monographie über dieses Thema vor. Auch Karl Karner, St. Nikolaus - Innsbruck. Die Koatlackn. Innsbruck 1924, S. 40, bzw. der dort von ihm zitierte einstige Lokalkaplan Josef Baur (Manuskript von 1834) äußerte sich zu dieser Frage wie folgt: „Die meist aus kleinen und schlecht gebauten Häusern bestehende Gasse vom Wirtshaus beym Steinenbrünndl angefangen bis zur Kirche heißt seit langer undenklicher Zeit her die ,Kothlacke’, weil in ihrer Mitte teils von den Dachrinnen, teils von den Brunnenröhren, die unter der Erde das Wasser von der Gegend des Schlosses Weyerburg in die Stadt führen, eine schmutzige ungesunde Lacke bleibend war.“ - Karl Klaar, Alt-Innsbruck und seine Umgebung, Bd. 1, Innsbruck (1938), S. 39, schreibt allerdings, daß der Name „Kotlacke“ erstmals bereits im Jahre 1506 auftrete, wahrscheinlich aber noch viel älter sei. Einen quellenmäßigen Beleg für diese seine Angabe blieb Klaar aber leider schuldig. 41 Erich Egg, Die Hofkirche in Innsbruck. Innsbruck 1974, S. 22. 42 H. Katscbthaler, Das landesfürstliche Büchsenhaus auf dem Gänsbühel. In: Tiroler Heimatblätter, Jg. 41, 1966, S. 31-64. 27 den Jahren 1977/78 erbauten Wohnanlage befand sich nachweisbar seit 1503 die landesfürstli- che Glocken- und Geschützgießerei auf dem Gansbühel, wo Peter und Gregor Löffler nicht nur ihre berühmten Glocken, sondern auch 1509 die erste und 1550 die letzte der großen Bronzestatuen des in der Hofkirche aufgestellten Grabdenkmals Kaiser Maximilians I. gegos- sen haben. Nach der Familie Löffler wirkten hier die Glockengießer Reinhart, Köttelath, Wickrath, Vidal und Miller. Mit dem Tod des Josef Georg Miller 1854 wurde der hiesige Gießereibetrieb geschlossen, seine tönenden Schöpfungen erklingen im ganzen Land Tirol. Guß Grassmayr Innsbruck.“ Knapp unterhalb der Gießerei befand sich anstelle des Hauses Weiherburggasse Nr. 1 noch eine andere denkwürdige Stätte: Es war die von 1591 bis 1731 benützte öffentliche HinrichtungsStätte, etwas verniedlicht das „Köpfplatzl“ benannt. Die Anlage derartiger Stätten an vielbegangenen Straßen und Plätzen wurde von der alten Straf- rechtspflege bevorzugt, um die abschreckende Wirkung des Strafvollzuges zu verstärken. Im Nachruf auf die alte Landstraße darf der Hinweis auch auf dieses Stück blutgetränkte Erde nicht fehlen.43 Waren im 16. Jahrhundert an der Nordseite der Innstraße westlich neben dem Hofziegelanger und dem städtischen Kalk- und Ziegelofen einige neue Wohnhäuser entstanden, so wurde das Gebiet südlich der Innstraße, zwischen ihr und dem Innfluß, noch lange Zeit vorwiegend von privaten und öffentlichen Zweck- und Gewerbebauten eingenommen, die überdies zumeist Holzbauten waren. Wegen der deshalb stets zu befürchtenden Brandgefahr wird im Jahre 1540 ausdrücklich bemerkt, daß hier die Zuleitung von Brunnenwasser um so wichtiger sei, „nach- dem der Ennde vil hulzine Heuser, aber wenig Wasser darbey und (eine Wasserleitung) in Fewrsnbt hoch zu Guettem erspriessen wurd“.44 Im einzelnen befanden sich hier laut des Steuerkatasters von ca. 1775, abgesehen von einigen wenigen Wohnbauten, folgende Gebäude: Im Bef eich westlich der Fallbachmündung waren die landesfürstliche „Waasenmeister-Behau- sung“ (Kat.-Nr./558) also Innsbrucks erste Wasenmeisterei, und eine Färberei. Auf dem Areal 43 Ebenda, S. 32 f. Bezüglich der Errichtung der „Ennthaubt-Richtstat“ am Platz vor der (damaligen) städtischen Zimmerhütte vgl. StAI., Ratsprotokoll 1591, fol. 141. Vgl. dazu auch O. Stolz, Politisch-historische Landesbe- schreibung von Nordtirol, a. a. O., S. 295. Nachdem „auf der alten Richtstatt und Begröbnuß (der) Maleficanten bei St. Niclaus an der Elntern Yhnbruggen“ mit behördlicher Genehmigung „ain Haus erbauhet worden“, erhob sich für das Ordinariat in Brixen nachträglich noch die Frage, „obe die Maleficanten-Begröbnus bei St. Niclaus allhie intra recinctum Ecclesiae, obe selbe benediciert gewesen oder obe die Richtstatt und Freythoff nur ain Blaz (gewesen) seye?“ Der Innsbrucker Pfarrer Lindtner antwortete hierauf am 28. Juni 1738, daß „selbe extra recinctum Ecclesiae S. Nicolai, von einiger Benedic- tion nichts bewust und die Richtstatt und Begröbnus nur ain Blaz gewesen seye“ (Diözesanarchiv Brixen, Sammel- akt Innsbruck-St. Nikolaus). 44 Innsbrucker Hofbrunnenordnung von 1540, fol. 33 (Orig, im Tiroler Landesarchiv, Hs. 491; Kopie im StAI., Cod. 130). 28 Abb. 6: Der Hauptplatz von St. Nikolaus mit dem Platzbrunnen. Foto: Margarete Hye-Weinhart. des 1863/64 im Stil der Neugotik erbauten städtischen „Schulpalastes“ (Innstraße Nr. 36)45 befanden sich die „Stadtbrunnenrohrhütte“ (Kat.-Nr. 549 1/2) (zum Bohren der hölzernen Brunnenrohre) und daneben die „Weegmacherhütte“. Anschließend folgten im Gebiet des 1865 begründeten Malfatti-Instituts46, der „Herrschaft Stein- und Ziegelhütte“, eine Nagel- schmiede und daneben zwei Rotgerbereien. Hinter dem Gasthaus Engl (Innstraße Nr. 22) vorbei gelangte man westwärts zum Holzlagerplatz des Stadtzimmermeisters, als dessen Behausung das Haus Innstraße Nr. 8 diente (Kat.-Nr. 532). Auf dem Areal dieses Holzlager- 45 C. Unterkircher, a. a. O., S. 436, n. 3272, S. 439, n. 3298 u. S. 441 f, n. 3316 u. n. 3322. V. Gruber, a. a. O., S. 275 u. 316; sowie J. Felmayer, a. a. O., S. 65 f. 46 V. Gruber, a. a. O., S. 315, und J. Felmayer, a. a. O., S. 63 f. Vgl. dazu auch den Artikel von F.-H. Hye über Alois Malfatti. In: Österr. biograph. Lexikon 1815 - 1950, Bd. VI, Wien 1975, S. 34. 29 platzes wurde übrigens 1873 das Gebäude der städtischen Mädchenvolksschule (heute gemischte Volksschule) errichtet; seine heutige Gestalt erhielt es aber erst durch einen Um- und Erweiterungsbau im Jahre 1891 (Innallee Nr. 3).47 Westlich davon erhob sich die Hof-Zimmerhütte, mit welcher ebenfalls ein weiträumiger Holzlagerplatz verbunden war. Nachdem dieser Amtssitz des Hofzimmermeisters unbrauch- bar geworden war, wurde auf diesem Gelände im Jahre 1712 der Rohbau des ärarischen Zucht- und Strafarbeitshauses erstellt, dessen Fertigstellung sich bis zum Jahre 1724 hinzog.48 Das Gebäude findet sich daher einerseits bereits auf dem Rindlerschen Stadtplan von 1712 einge- zeichnet, seine offizielle Eröffnung aber erfolgte erst im Jahre 1725, als am 4. Februar dieses Jahres auch die erste heilige Messe in der dortigen Dreifaltigkeitskapelle zelebriert worden ist. Nach der Auflassung dieser Strafanstalt (1859) in den Besitz der Stadtgemeinde Innsbruck gelangt (1860), wurde es 1861 dem Innsbrucker Militär-Einquartierungsturnus-Verein überlas- sen, der dahin die Verpflichtung zur Militäreinquartierung in die privaten Wohnungen abwäl- zen konnte (die damaligen Innsbrucker Kasernen boten für diesen Zweck, namentlich bei den vielen Truppendurchzügen, zu Wenig Raum). Noch einmal jedoch fand dieses Gebäude amtli- che Verwendung. Es war dies in den Jahren 1869 bis 1918, als hier das k. k. Landesgendarme- riekommando für Tirol seinen Sitz hatte.49 Westlich vor der Hofzimmerhütte bzw. nach 1712 vor dem Zuchthaus befand sich die ehema- lige Floßanlegestelle oder Lände, an welche Einrichtung heute nur noch das sogenannte „Flö- ßerkreuz“ an der NO-Ecke des Waltherparks erinnert. Heute breitet sich hier der in den Jahren 1875/76 angelegte erste Innsbrucker Stadtpark aus. Vereinzelte Floßfahrten und Landungen werden zwar noch bis 1904/05 erwähnt, als eigentli- cher Verkehrsträger im Güter- und Personenverkehr zwischen dem Oberinntal und der Lan- deshauptstadt endete die Flößerei jedoch mit dem Bau der Eisenbahnlinie über bzw. durch den 47 J. Felmayer, a. a. O., S. 20 f.; sowie V. Gruber, a. a. O., S. 274. 48 J. Felmayer, a. a. O., S. 58 f. Ein Abdruck der „Ordnung des allhier in Ynsbrugg neuerlich wieder eröffneten Zucht- und Arbeits-Hauß“ vom 14. November 1746 findet sich bei Wolfgang Pfaundler, Die schönsten Bilder von Innsbruck 1500 - 1822. Hg. von der Sparkasse Innsbruck 1972, S. 80 - 86. Die Insassen dieses Zucht- und Strafarbeitshauses betrieben übrigens von 1843 bis 1860 eine Lodenwalke in Wüten zuoberst am Sillkanal. Vgl. dazu F.-H. Hye, Der Innsbrucker Sillkanal und seine Gewerbebetriebe. In: Festschrift für Georg Zwanowetz (Veröff. der Universität Innsbruck 142), Innsbruck 1984, S. 79. 49 F.-H. Hye, Vom Amtsgebäude des Hofbauamtes zum Landesgendarmeriekommando. Ein Beitrag zur Bauge- schichte des Innrain zu Innsbruck. In: Tiroler Heimatblätter, Jg. 61,1986, Heft 2, S. 62 - 68. Abb. 7: Die St.-Nikolaus-Statue am Platzbrunnen von St. Nikolaus. Foto: Margarete Hye-Weinhart. t> 30 Arlberg 1883/84. Auf den Ansichten der Stadt Innsbruck, die sehr häufig Floße am Inn zeigen, begegnet dieses Verkehrsmittel letztmals im Jahre 1882.50 Der ehemalige Lager- und Abladeplatz an der Floßlände war allerdings, wie ein Plan aus diesem Jahre zeigt, schon 1835 als Parkanlage mit regelmäßigem Baumwuchs bzw. mit einer „Roßka- stanien-Allee“ versehen, hatte also zu diesem Zeitpunkt seine alte Funktion, wie sie auf der Stadtansicht Matthäus Merians von 1649 oder auf den Rindlerschen Stadtplänen von 1712 und 1723 deutlich erkennbar ist, bereits verloren.51 Als ersten Schmuck erhielt der „Stadtpark“ gleich bei seiner Anlage die sogenannte „Geogra- phensäule“, welche 1876 zur Eröffnung von Bürgern der Stadt gestiftet worden ist (vgl. die dortige Inschrift). Mit Windfahne, Barometer, Thermometer und Sonnenuhr nebst anderen Angaben vermittelt diese schmucke Säule die wichtigsten Grundwerte eines Wetterberichtes. Erst vor kurzem (1982/83) durch den Innsbrucker Verschönerungsverein unter Aufwendung erheblicher Mittel restauriert, fiel dieser älteste Schmuck des Waltherparks bzw. die dortigen Meßinstrumente unterdessen neuerdings mutwilligem Zerstörungstrieb zum Opfer. Die künstlerisch bedeutendste Zierde dieser Parkanlage bildet der schöne St.-Joachims-Brun- nen, der „einzige Barockbrunnen Innsbrucks“, welcher eine bewegte Vorgeschichte aufzuwei- sen hat. Im Jahre 1709 vom Innsbrucker Bildhauer Ingenuin Lechleitner geschaffen und in der Maria-Theresien-Straße aufgestellt, wanderte der Brunnen 1734 auf den neuen Platz vor dem 1717 bis 1723 erbauten Innsbrucker St.-Jakobs-Dom, von wo er 1801 wieder an seinen ersten Standort zurückkehrte, bis er um 1851 an den südseitigen Straßenrand der Innstraße mit dem Rücken zum Waltherpark und endlich 1952 in die Mitte dieses Parks hineingestellt worden ist.52 Als weitere Zierden dieses Parks folgten 1877 das schöne Metallstandbild des Minnesängers Walther von der Vogelweide von Niggl und 1903 das Denkmal für den in der unteren Anbrug- gen geborenen Gründer der Innsbrucker Freiwilligen Feuerwehr, Franz Thurner (1828 bis 1879). Es ist ein Werk von Norbert Pfretschner.53 Nordöstlich vom Ortskern von St. Nikolaus dehnt sich heute das Gelände einer zweiten Park- und Grünanlage am Innufer aus. Diese Anlage verdankt ihre Entstehung der um 1884 bis 1889 erfolgten Innuferverbauung bzw. Regulierung. Bis dahin nämlich verlief das Innufer östlich 50 Vgl. die Neujahrs-Entschuldigungskarte der Stadtgemeinde Innsbruck für das Neu|ahrsfest 1882. Es handelt sich dabei um eine der letzten Gesamtstadtansichten alten Stils (Innsbruck gegen Süden) und wurde von C. A. Czichna gezeichnet und lithographiert. Orig, im StAI. 51 StAI., Plan 213. 52 J. Felmayer, a. a. O., S. 22. Bezüglich des Standortes des Brunnens bis 1952 ist u. a. auf Konrad Fiscbnaler, Innsbrucker Chronik II. Teil, Innsbruck 1930, S. 118 zu verweisen, wo mitgeteilt wird, daß der Joachimsbrunnen „jetzt (1930) in der unteren Innstraße gegenüber dem Haselwanter-Haus“ (Innstraße Nr. 23) steht. 53 J. Felmayer, a. a. O., S. 23. 32 vom Haus Nr. 42 unmittelbar entlang dem Südrand der Innstraße.54 Hier also hat das „Fest- land“ des Stadtgebietes eine geringfügige Vergrößerung erfahren. 4. Die obere Anbruggen Während der unterhalb bzw. östlich der Innbrücke liegende Teil der Anbruggen bis ins 18. Jahrhundert stets vom Transitverkehr durchzogen wurde, bildete der oberhalb oder west- lich der Innbrücke liegende Teil dieses Stadtteiles lange Zeit nur eine Art abseits liegendes Anhängsel. Die dortige schöne Häuserzeile, die knapp vor dem Höttinger Bach in das Kir- schental nordwärts abbiegt, dürfte in ihrer heutigen Gestalt aber sicherlich ebenso alt sein wie ihr schmuckes Gegenstück am westlichen Teil der Innstraße. In diesem Zusammenhang muß jedoch erwähnt werden, daß ein Großteil der Häuser der oberen und unteren Anbruggen, und zwar insgesamt 48, am 16. November 1473 einem Brand zum Opfer gefallen sind.55 Es darf daher angenommen werden, daß die Anbrugger Häuser bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts noch in Holz- bzw. Fachwerkbau erbaut worden sind und daß der Wechsel zum Stein- und Ziegelbau hier erst nach diesem Großbrand erfolgt ist. Der Verkehr vom Oherinntal, vor allem aber jener, der über den Seefelder Sattel oder überden Fernpaß von oder nach Süddeutschland bzw. Augsburg zog, betrat oder verließ Innsbruck bis zum Ende des 16. Jahrhunderts noch nicht durch die Höttinger Au am Talboden, sondern entlang der vor Hochwasser geschützten Hangterrasse durch die Schneeburg- und Höttinger Gasse. Erst nachdem „erstmals 1595 und dann wieder 1649 die landesfürstliche Regierung zusammen mit der Stadt Innsbruck eine neue, gerade und ebene Landstraße durch die Höttin- ger Au und Ulfiswiesen . . . erbauten“56, hat die obere Anbruggen ihr einstiges Dornröschen- dasein gründlich gegen geschäftiges Verkehrsleben gewechselt - die verhältnismäßig vielen 54 Während ein Stadtplan von Innsbruck von 1880 (es handelt sich dabei um eine Beilage zu Franz Gwercher, Innsbruck und dessen nächste Umgebung. Innsbruck 1880) und ein weiterer von ca. 1884 noch den alten Inn- uferverlauf knapp neben der Kaiser- bzw. Innstraße zeigt, weist ein Stadtplan, welcher als Entschuldigungskarte der Stadt Innsbruck für Neujahr 1889 herausgegeben worden ist, bereits die neue künstliche Uferführung auf. 55 Die zeitgenössische Meldung über dieses Unglück findet sich ediert bei Karl Schadelbauer, Das Calendarium Wernheri als Tirolische Chronik. Innsbruck o. J. (1930), S. 29; sie lautet: „Anno ab incarnatione domini 1473 (November 16) circa horam nonam post meridiem ipsa naturali die sancti Othmari combuste sunt transpontem quadraginta octo domus; ignis ex negligentia et unaduertencia proprius rutilando ortus est in domo Petri Trüller contigua Pleiner etc.“ - C. Unterkircher, a. a. O., S. 9, n. 89, erwähnt unter Berufung auf F. K. Zollers Geschichte und Denkwürdigkeiten der Stadt Innsbruck. 1. Bd., Innsbruck 1816, S. 90, auch eine „gewaltige Feuersbrunst auf der Anbrucken“ im Jahre 1333, doch konnten darüber keine näheren Angaben eruiert werden. 56 O. Stolz, Geschichte der Stadt Innsbruck. Innsbruck 1959, S. 259; derselbe, Geschichtskunde der Gewässer Tirols (Schlern-Schriften Bd. 32), Innsbruck 1936, S. 294. Siehe dazu auch F.-FI. Hye, Innsbruck - Geschichte und Stadtbild, a. a. O., S. 94. 33 Gasthäuser an diesem kurzen Straßenstück vom Höttinger Bach zur Innbrücke sowie eine erst 1928 aufgelassene Hufschmiede dortselbst geben davon beredte Kunde.57 Abgesehen vom Durchzugsverkehr bildete die obere Anbruggen auch den Zugang zu dem seit 1496 nachweisbaren Schießstand der Innsbrucker Büchsenschützen („der Giessen bey der Püchsenschüzen zu Insprugg Schiesshüten, da der [Giessen] in den Yn rindt“)58, der westlich neben dem ehemaligen, anstelle der Mariahilfkirche befindlich gewesenen Seelos-Schlößl gele- gen war.59 Da damals der Höttinger Bach die Grenze zwischen Innsbruck und Hötting gebildet hat, befand sich dieser städtische Schießstand also außerhalb des Stadtgebietes bzw. in Hötting. Diesem Umstande wurde endlich dadurch abgeholfen, daß das Areal dieser Sportstätte westlich des Höttinger Baches bzw. zwischen Innufer und Straße im Jahre 1863 dem Stadtgebiet von Innsbruck angeschlossen worden ist.60 Für das Territorium oberhalb der Straße blieb der Höt- tinger Bach noch bis zur Eingemeindung von Hötting im Jahre 1938 die Gemeindegrenze zwischen der Stadt und Hötting. Noch heute erinnert der eigenartige und nur durch diese einstige Grenzsituation verständliche Umstand daran, daß inmitten ein- und desselben Straßen- zuges plötzlich der Straßenname von „Mariahilf“ zu „Höttinger Au“ wechselt. - Soviel zum dortigen Grenzverlauf, doch nun zurück zum Schießstand. Dieser wurde seit 1652 als die „Erzfürstliche Haupt-Schießstatt“ bezeichnet, jedoch 1889 aufgelassen. Das dortige Schieß- standareal wurde übrigens 1863 der Stadtgemeinde Innsbruck einverleibt. Nachdem dieser Schießstand 1889 den Tiroler Landesschützen als Kaserne übergeben worden war, wurde 1893 in der Arzler Innau ein neuer Landeshauptschießstand errichtet,61 der durch das Olympische 57 K. Fischnaler, a. a. O., IV. Teil, S. 64. Zur Geschichte dieser Hufschmiede im Hause Mariahilfstraße Nr. 14, dessen Fassade mit einer Reliefdarstellung des hl. Eligius, des Patrons der Huf- und Nagelschmiede geziert ist, vgl. auch Hartmann Egger, Die St. Nikolauser Nagelschmiedfamilie Egger. Ungedr. Ms. im StAI. Diese Arbeit bezieht sich allerdings vor allem auf das Haus Innstraße Nr. 24, in welchem sich seit ca. 1720 - 1745 die Eggerische Nagel- schmiede befand. 58 TLA., Ältere Kopialbücher 1495/96, fol. 318. 59 H. Katschthaler, Vom Seelosgut zur Mariahilfkirche. In: Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, NF. Bd. 5, Innsbruck 1974, S. 63 - 66. 60 O. Stolz, Geschichte der Raum- und Grenzbildung der Stadtgemeinde Innsbruck (Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv Innsbruck, Heft Nr. 13), Innsbruck 1957, S. 11. 61 J. E. Bauer, Innsbrucker Schützenwesen und Schützenfeste ... bis zur Gegenwart. Innsbruck 1903. < Abb. 8: Das Portal des Gasthofs zur Eiche von ca. 1530/40. Foto: Margarete Hve-Weinhart. 35 Dorf verdrängt und 1970 in die ehemalige Arzler Schottergrube im Eggenwald verlegt worden ist.62 Ihren am 22. Dezember 1873 vom Innsbrucker Gemeinderat beschlossenen Namen „Mariahilf- straße“ verdankt die obere Anbruggen - bis dahin „Obere Innbrückenstraße“ genannt - dem Umstande, daß sie von Innsbruck zu der auf Höttinger Boden stehenden Mariahilfkirche führt, welche 1647 bis 1649 von den Tiroler Landständen verlobt und erbaut worden ist als Dank dafür, daß Tirol - abgesehen von einzelnen Einfällen im nördlichen Grenzbereich - von der Furie des Dreißigjährigen Krieges verschont geblieben ist.63 Nachdem im Zuge der Josephinischen Pfarregulierung die obere Anbruggen wie auch ein Teil der Innstraße (westlich vom Turnusvereinshaus), der im Jahre 1786 bei der Mariahilfkirche errichteten Lokalkaplanei und späteren Pfarre gleichen Namens zugeordnet worden ist,64 ent- stand die irrige Auffassung, daß „Mariahilf“ auch ein eigener Stadtteil sei. Für den Kenner der Stadtgeschichte werden die obere und die untere Anbruggen jedoch stets eine siedlungsge- schichtliche Einheit, eben den ältesten Stadtteil Innsbrucks, die Anbruggen, darstellen. 5. Adelige Ansitze an der Anbruggen Die Anbruggen war aber nicht nur ein Handwerkerviertel, hier logierten auch einige Adelige. Die Lage ihrer Wohnhäuser und besonders die Lage der wenigen wirklichen und vermeintlichen Ansitze im westlichen Teil der Innstraße, in der Höttinger Gasse und am Anfang des Kirschentals, zeigt jedoch eine deutliche Distanz des Adels namentlich von der St.- Nikolaus-Gasse oder „Kotlacken“, wo sich laut des Maria-Theresianischen Katasters von 1779, Kat.-Nr. 460, nur die Behausung des Herrn Johann Anton von Mohr befand (St.-Nikolaus- Gasse Nr. 11 bis 13). Als wirklicher Ansitz ist das Haus Innstraße Nr. 17 zu bezeichnen, welches 1567 auf die Bitte des damaligen Besitzers hin von Erzherzog Ferdinand II. (in Tirol 1564 bis 1595) zum adeligen Ansitz „Rainfels“ erhoben worden ist. Über die Lage dieses von Nikolaus Türing d. J. anstelle einer Brandruine von 1546 erbauten Hauses sagt die betreffende Urkunde, daß es „außerhalb unser Stat Jnsprucks vor der Jnpruggen gelegen“, d. h. daß es außerhalb der ummauerten Stadt, jedoch innerhalb des Burgfriedens- oder Stadtgerichtsbezirkes von Innsbruck liegt.65 Im obzi- 62 F.-H. Hye, Arzl. Ein Beitrag zur Geschichte der Stadtteile Innsbrucks. In: das Fenster, Fleft 15, Innsbruck 1974, S. 1571. 63 Karl Böhm, Die landschaftliche Wallfahrtskirche Mariahilf- Innsbruck. Innsbruck (1954). 64 Georg Tmkhauser u. Ludwig Rapp, Beschreibung der Diöcese Brixen. Bd. 2, Brixen 1879, S. 226 - 233. 65 Erwin Stockhammer, Die Ansitze in Innsbruck und seiner nächsten Umgebung (Schlern-Schriften Bd. 202), Innsbruck 1961, S. 86 - 89; J. Felmayer, a. a. O., S. 30 ff. 36 Abb. 9: Der ehemalige Gasthof zum Elefanten, Innstraße 87. Foto: Margarete Hye-Weinhart. tierten Maria-Theresianischen Kataster wird dieses Objekt (Kat.-Nr. 428) nur als grundzins- freie Behausung, nicht ausdrücklich als Ansitz bezeichnet. Vom Ansitz „Ettenau “ (Höttinger Gasse Nr. 25) glaubten wir noch vor wenigen Jahren anneh- men zu müssen, er sei erst unter Johann Baptist von Ettenau um 1693/1700 erbaut worden.66 Durch die Heranziehung von bisher unbeachtet gebliebenen Quellen, nämlich der Trink- bzw. Brunnenwasserkataster von 1654 bis 1656 und 1681 bis 1701 wissen wir jedoch, daß der Bau- 66 F.-H. Hye, Zur Geschichte des Ansitzes Ettenau. In: Amtsblatt der Fandeshauptstadt Innsbruck, Jg. 37, 1974, Nr. 10, S. 20; sowie J. Felmayer, a. a. O., S. 17 f. 37 kern dieses Ansitzes zumindest um einige Jahrzehnte älter ist. Im Brunnenwasser-Kataster von 1654, fol. 2, wird hier nämlich bereits das sogenannte „Finckhische Schiessl“ (= Schlößl) angeführt, welches sich damals im Besitz des Hofkammerrates Hanns Georg Zoller befand.67 Wer jener Fink (Finckh) war, dem es seine damalige Bezeichnung verdankte, ist derzeit noch unbekannt. Ebensowenig wissen wir darüber, wann dieses Schlößl erstmals erbaut worden ist (von Fink?). Die Innsbrucker Feuerordnung von 1642, S. 146, verzeichnet hier als Besitzerden Hofkanzlisten Georg Gstürner. Auf den vorerwähnten Zoller folgte dann Herr Johann Baptist von Ettenau, unter dem der Ansitz durch einen Umbau - vermutlich nach Plänen von Johann Martin Gumpp - seine heutige Gestalt erhielt. Eine Abbildung dieses Gebäudes in dieser Form hat jedenfalls Johann Martin Gumpp auf eine von ihm gezeichnete Planansicht des Verlaufes des Höttinger Baches aus dem Jahre 1693 nachträglich (aufklappbar) aufgeklebt.68 Auf Ettenau folgten als Besitzer Bartholomeo Beta und nach diesem der Landrichter zu Sonnenburg, Joseph von Wörndle, dessen Sohn als Sieger von Spinges (1797) in die Geschichte Tirols eingegangen ist.69 An der Hausfassade erinnert übrigens eine Gedenktafel daran, daß in diesem Hause der tirolische Dichter Hermann von Gilm in den Jahren 1829 bis 1840 wohnte und dessen Vater, Johann Nepomuk von Gilm, am 16. August 1847 starb. Im Maria-Theresianischen Kataster, Kat.-Nr. 413, wird Ettenau als grundzinsfreier „adeliche(r) Ansitz“ bezeichnet. Eine in den Garten westlich hinter dem Haus führende schmiedeeiserne Tür zeigt in gelungener Filigranar- beit das Wappen von Abt Sebastian Stöckl (1790 bis 1819) des Zisterzienserklosters Stams70 und erinnert daran, daß sich der Ansitz während der Regierungszeit Stöckls, spätestens aber seit 1796 bzw. bis 1807, im Besitz dieses im letztgenannten Jahr von den Bayern aufgehobenen Klosters befunden hat, was ebenso wie die Türe selbst bisher völlig übersehen worden ist. Als dritter alter Ansitz der Anbruggen wird gelegentlich mit der Bezeichnung „Bruckfeld“ das Haus Kirschentalgasse Nr. 6 genannt. Es befand sich tatsächlich meist in adeligem Besitz. Eine Privilegierung dieses Hauses als Adelssitz ist jedoch nicht bekannt. Der obgenannte Hofkam- mer-Baumeister Johann Martin Gumpp nennt das Haus auf seinem im Innsbrucker Stadtarchiv befindlichen Plan des Höttinger Baches von 1693 „Herrn Hofcamer-Secretari v. Graben Gueth unnd Schlössl“. Im Maria-Theresianischen Kataster, Kat.-Nr. 379, wird es nur schlechthin als 67 Tiroler Landesarchiv, Hs. 1276. Vom Verfasser darauf hingewiesen, hat auch bereits B. Rogger, a. a. O., S. 100, diese Quelle mit Erfolg benützt. 68 Orig, im StAI., Plan 191; vgl. dazu oben Anm. 66. 69 Uber diesen vgl. Heinrich v. Wörndle, Dr. Philipp von Wörndle zu Adelsfried und Weierburg. Tiroler Schützen- major und Landsturmhautpmann. Brixen 1894. 70 Eine vergleichbare kunstgeschmiedete Darstellung des Wappens von Abt Stöckl befindet sich im Kloster Stams. Vgl. dazu Johanna Gritsch, Schmiedeeisengitter im Stift Stams. In: (Festschrift) 700 Jahre Stift Stams (1273 — 1973). Stams 1973, S. 112. 38 Abb. 10: Das Haus Innstraße 81 bildet den ostseitigen Rahmen des Hauptplatzes von St. Nikolaus und wurde vermutlich im 16. Jahrhundert erbaut. Hier zweigt der um 1500 angelegte Neue Weg (= Untere Innstraße) nach Mühlau ab. Foto: Margarete Hye-Weinhart. „Behausung“ bezeichnet und als dem Kloster Frauen-Chiemsee mit 2 Gulden Grundzins unterworfen ausgewiesen.71 Der sogenannte Ansitz Rauschenstein (Innstraße Nr. 38) wurde erst 1871/72 erbaut.72 Im Ruf, ein Ansitz gewesen zu sein, steht auch das Haus Weiherburggasse Nr. 4. Die Besitzge- schichte dieser Liegenschaft liegt nun zwar seit 1668 lückenlos vor, von einer Erhebung in den Stand eines adeligen Ansitzes namens „Zederfeld“ ist jedoch nirgends die Rede, wiewohl das Gebäude im 18. Jahrhundert in adeligem Besitz war (1732 Tannenberg, um 1780 Pfeiffers- 71 J. Felmayer, a. a. O., S. 70 f.; B. Rogger, a. a. O., S. 258. 72 J. Felmayer, a. a. O., S. 66. 39 berg).73 Unter der Bezeichnung „Cederfeld“ begegnet dieses Objekt erstmals in der Kataster- mappe von 1856, welcher Name wohl eine Schöpfung des damaligen Besitzers Bartlmä Hechenblaickner d. A. war,74 der als ein sehr angesehener Bürger unserer Stadt bezeichnet wird. Auf die Familie Ffechenblaickner folgte 1891 durch Kauf Karl Kayser, der das Anwesen mit seinen weitläufigen Grünanlagen zu einer Pension „Villa Kayser“ umgestaltet hat. 1919 schließlich kaufweise an die Stadtgemeinde Innsbruck gelangt, ermöglichte dieser Besitz im Jahre 1930 die Errichtung des städtischen Jugendhortes „Kaysergarten“ in den ehemaligen Grünanlagen unten an der Innstraße.75 6. Das Leprosenhaus und die St.-Nikolaus-Kirche Während es für uns heute vollkommen selbstverständlich ist, die untere Anbruggen als St. Nikolaus zu bezeichnen, birgt gerade diese Bezeichnung ein noch nicht gänzlich gelöstes Problem in sich. Die älteste Nachricht über das Leprosenhaus, welches sich bis 1789 an der St.- Nikolaus-Gasse zwischen dem dortigen Friedhof und dem Hause Nr. 33 befunden hat,76 datiert aus dem Jahre 1313 und besagt, daß der Innsbrucker Stadtrat verfügt habe, „das man niemants in das Siechenhauß ein(n)emen soll, er sey dann bey der Statt geborn und erzogen.“77 In einer Urkunde des Stadtarchivs von 1333 wird dieses Haus dann ausdrücklich als Anstalt der „Son- dersyechen“ bezeichnet78 und damit klar vom Stadtspital zum Heiligen Geist unterschieden. Die Betreuung der Leprosen, und zwar in Innsbruck und in der Nachbarstadt Hall, besorgten 73 B. Rogger, a. a. O., S. 412 f. 74 V. Gruber, a. a. O., S. 556. 75 Vgl. Grundbuch-Einlage ZI. II 612; Karl Karner, St. Nikolaus — Innsbruck. Innsbruck 1924, S. 14, gibt irrig das Jahr 1919 an. 76 Vgl. den Maria-Theresianischen Steuerkataster von ca. 1775, Kat.-Nr. 486. Dort findet sich folgende Eintragung: „Löbliches S. Nicklaus-Gottshaus besizt das sogenannte Siechenhaus, 2 Stock hoch, . . . stost 1 an S. Nicklaus- Freüthof, 2 an gemainen Weeg, 3 an die No. 487 (= St.-Nikolaus-Gasse Nr. 33) . . .“. Bezüglich des Abbruchs dieses Sondersiechen- oder Leprosenhauses, den J. Felmayer, a. a. O., S. 86, irrig in das Jahr 1870 datiert, vgl. G. Finkhauser u. L. Rapp, a. a. O., S. 227. Bereits in einer Eingabe des Innsbrucker Pfarrers Jakob Norz an den Fürstbischof von Brixen vom 2. Dezember 1771 stellt Norz fest, daß die „Siechenbehaußung zimlichen ruinös“, andererseits aber noch immer „unentperli- chen“ sei und daher „in Kürze reparieret werden mueß“. Dem Pfarrer war damals übrigens nicht bekannt, „wer dann die verhandene Siechenbehaußung zu erhalten praecise verbunden seye“. (Orig.-Schreiben im Diözesanar- chiv Brixen, Sammelakt Innsbruck — St. Nikolaus.) In diesem Schreiben wird auch noch die jahrhundertealte Funktion des „Siechenvaters“ erwähnt, der gemeinsam mit seiner Gattin, der „Siechenmutter“, die Heimleitung dieser Anstalt besorgte. 77 StAI., Sonndersiechen unnd sanct Niclaus-Cappellen Urbar und Regisstratur 1567, fol. 1 v. 78 Ebenda, Urk. n. 51. 40 Abb. 11: Die Innstraße, obere St. Nikolausgasse, Schmelzer- und Fallbachgasse mit der neuen Pfarrkirche und dem Friedhof, sowie mit dem städtischen Kindergartengebäude, Innstraße 97, aus der Vogelschau. Luftaufnahme: Richard Frischauf. 41 die Kranken selbst, indem sie sich in einer gemeinsamen Bruderschaft zusammengeschlossen haben, in der „confraternitas infirmorum leprosorum extra muros oppidorum Jnsprugk et Hallis“, für deren Wohltäter Bischof Leonellus de Chieregatis von Concordia am 20. Septem- ber 1497 in Hall einen Ablaßbrief ausgestellt hat.79 Welchen Heiligen diese Bruderschaft als ihren besonderen Schutzpatron verehrte, wissen wir nicht. Es könnte jedoch angenommen werden, daß es der hl. Nikolaus von Tolentino (gest. 1305), ein italienischer Augustinereremit, war, der selbst in der Krankenseelsorge tätig gewesen und als Patron einer Armen-Seelen- Bruderschaft bekannt ist.80 Allerdings wurde auch der bekanntere hl. Nikolaus, nämlich der Bischof von Myra, gelegentlich als Patron der Alten und Kranken verehrt.803 Eine dem hl. Ni- kolaus geweihte Kirche oder Kapelle hat es jedenfalls vor 1655 weder bei den Sondersiechen noch sonstwo im Stadtteil links des Inn gegeben. Andererseits aber wird die um 1501/02 erbaute und am 3. Dezember 1502 zu Ehren der hl. Gottesmutter Maria, des hl. Bischofs Wolfgang und der hl. Elisabeth geweihte Kirche beim Leprosenhaus schon wenige Jahre später (1505) als St.-Nikolaus-Kapelle oder -Kirche bezeichnet (vgl. unten). Wenn die Brixner Diözesanbeschreibung von Tinkhauser/Rapp, Bd. 2, S. 227 angibt, die Kirche sei „am 3. December 1502 ... zu Ehren U. L. Frauen, des h. Nikolaus, St. Wolfgangs und der h. Elisabet geweiht worden“, so beruht hier die Nennung des hl. Nikolaus auf einem Irrtum. Der betreffende Passus in der im Innsbrucker Stadtarchiv befindlichen Original-Wei- heurkunde von 1502 Dezember 3 lautet vielmehr: Weihbischof Konrad von Brixen beurkun- det, „quod nos capellam de novo erectam . . . circa domum leprosorum extra civitatem Ysprugkh ... in honore sanctissime Marie virginis ac sanctorum Wolfg(angi) episcopi et Elizabeth vidue, quorum reliquias ac sanctorum Mathie apostoli, Alexii et magni abatis confes- soris, Kyliani episcopi et martyris, de undecim mille virginibus et de ligno sancte crucis et aliorum sanctorum reliquias, quorum nomina scripta sunt in libro vite in ipso altari inclusimus, sepelivimus ac solempniter consecravimus, instituentes festum dedicationis capeile et altaris predictorum dominica proxima post Philippi et Jacobi apostolorum perpetuis futuris tempori- bus celebrari“.81 In dieser Weiheurkunde findet sich also nicht der geringste Hinweis auf den hl. Nikolaus. Sein Name scheint weder bei den Kirchenpatronen noch bei den hier hinterlegten Reliquien, weder bei der Fixierung des Kirchweihfestes noch bei den oben nicht zitierten Ablaßfesttagen auf. Dessen ungeachtet bezeichnet - wie bereits angedeutet - schon eine 79 Ebenda, Urk. n. 550. Vgl. Otto Wimmer, Handbuch der Namen und Heiligen. Innsbruck 1956, S. 343 f. 80a Zur Verehrung des hl. Bischofs Nikolaus in Tiroler Hospizen vgl. Hans Fink, Die Kirchenpatrozinien Tirols. Passau 1928, S. 158. 81 StAI., Urk. n. 592. 42 Urkunde von 1505 die dortige kleine Kirche als „Sand Niclas Cappellen“.82 Die zweite Nen- nung des hl. Nikolaus in Verbindung mit der Sondersiechenkirche stammt aus dem Jahre 1506. Damals goß der oben genannte Glockengießer am Gänsbichl, Peter Löffler, für diese Kirche eine leider nicht mehr erhaltene Glocke, u. a. mit einem Abbild des hl. Nikolaus und der Inschrift: „O sancta Maria mater Dei et sanctus Nicolai (!) orate pro nobis Deum“ (Neue Tiroler Stimmen 1881, Nr. 270). Die Erklärung dafür, daß die der hl. Maria geweihte Sondersiechenkirche mit dem hl. Niko- laus in Verbindung gebracht und vom Volksmund sogar nach ihm benannt worden ist, dürfte in dem Umstand zu finden sein, daß die obgenannte Leprosenbruderschaft, die vermutlich einen hl. Nikolaus, sei es nun der hl. Bischof von Myra oder jener von Tolentino, als ihren Schutzpa- tron verehrte, ihre Andachten und heiligen Meßfeiern seit 1501/02 selbstverständlich in dieser Kirche beim „domum leprosorum“ in Innsbruck abgehalten hat. Auf jeden Fall war der hl. Ni- kolaus von Tolentino bei der Bevölkerung und bei den theologisch sicher nicht geschulten Bruderschaftsmitgliedern bei weitem nicht so bekannt wie sein in der Haller Pfarrkirche verehr- ter Namensvetter, der kinderfreundliche hl. Bischof Nikolaus von Myra. Letzterer ist daher spätestens seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts - ob richtigerweise oder irrtümlich läßt sich nicht entscheiden - als der Patron der Sondersiechenkirche betrachtet worden. Das älteste erhaltene bildhafte Zeugnis dieser Auffassung bildet ein spätgotisches Kreuzigungsrelief am westlichen Eckhaus zu Beginn der Höttinger Gasse, dessen südwestliche Schmalseite eine weibliche Heilige, wohl die hl. Elisabeth, und dessen nordöstliche, der Sondersiechenkirche zugewandte Schmalseite den hl. Bischof Nikolaus von Myra zeigt. Erst rund hundert Jahre später allerdings wurde für die Kirche der Sondersiechen dann erstmals auch ein eigener, permanenter Seelsorger angestellt. Die Initiative dazu ging vom damaligen frommen Landesfürsten, Erzherzog Maximilian III. dem Deutschmeister, aus, der als Hoch- und Deutschmeister kirchliches Oberhaupt des Deutschen Ritterordens war. Am 20. Oktober 1615 erließ dieser eine Resolution, kraft welcher endlich „auch zu St. Nicolay-Capellen an der unteren Yhnbrucken, höchst erforderter Nothturfft nach und ohne längeren Aufzug ain aigner Priester besteh“ werde, dessen Gehalt in der Höhe von jährlich 160 Gulden jedoch nicht vom Landesfürsten, sondern aus den Einnahmen des Siechenhauses und der dortigen Kirche zu bezahlen war.83 Die Obliegenheiten des dortigen Benefiziaten bestanden darin, „alle Son-, 82 Ebenda, Urk. n. 608. 83 Diözesanarchiv Brixen, Sammelakt Innsbruck-St. Nikolaus; G. Tinkhauser u. L. Rapp, a. a. O., S. 227. K. Karner, a. a. O., S. 45 f. und der Schematismus der Diözese Innsbruck 1975, S. 68, geben dazu irrig das Jahr 1616 an. 43 Feyr- und Freytag Mess zu lesen, die Sonder-Süechen und andere Presthaffte mit den Sacra- mentis zu providiren, Beicht zu hören und zu begraben“.84 Es scheint, daß dieser Priester in der Folge auch von der übrigen Bevölkerung an der Unteren Anbruggen in Anspruch genommen worden ist, weshalb die dortige Leprosenhaus-Kapelle oder -Kirche alsbald als zu klein empfunden wurde. Im Jahre 1655 schritt man daher zu einem Erweiterungsbau, dessen Weihe durch den Brixner Weihbischof Jesse Perkhofer am 22. Okto- ber 1655 stattgefunden hat.85 Im Zuge der Josephmischen Pfarregulierung wurde St. Nikolaus dann 1786 - heuer vor 200 Jahren - zur Lokalkaplanei erhoben. Die Erhebung zur Pfarre folgte 1851.86 Dies und vor allem das starke Anwachsen der Bevölkerungszahl brachte es mit sich, daß nun auch der erweiterte Kirchenbau von 1655 zu eng wurde, was 1881 den Abbruch der alten Kirche und 1882 - 1885 den Bau der stattlichen neuen St.-Nikolaus-Pfarrkirche nötig machte.87 Die ordentliche Weihe der neuen Kirche durch den zuständigen Brixner Diözesanbischof Simon Aichner erfolgte vor nunmehr 100 Jahren, am 24. Oktober 1886.88 (Über die kunsthisto- rische Bedeutung dieser schönsten Kirche des neugotischen Stils in ganz Tirol vgl. den Beitrag von Frau Dr. Waltraud Palme-Comploy in diesem Bande.) 7. Das ehemalige Bruderhaus und das städtische Arbeitshaus Am Ende dieser Studie über die ältere Geschichte des Stadtteiles St. Nikolaus haben wir noch einige Worte über das einstige „Bruderhaus“ auszuführen. In Innsbruck gab es zwei derartige Häuser, die der Altersversorgung der in Bruderschaften zusammengeschlossenen Innsbrucker Handwerker und Gewerbetreibenden dienten. Deren erstes befand sich bis 1895 an der Stelle des Hauses Stainerstraße Nr. 2. Es wurde bereits im Jahre 1350 von zweilnnsbruk- ker Bruderschaften gestiftet.89 Das zweite Bruderhaus befand sich an der Stelle des Hauses Innstraße Nr. 97 bzw. ist in diesem Hause enthalten. Wann dieses zweite Bruderhaus errichtet 84 Diözesanarchiv Brixen, a. a. O. 85 G. Tinkhauser u. L. Rapp, a. a. O., S. 228: Die damals (1879) „noch vorhandenen Weihbriefe der Kirche und drei Altäre“ sind gegenwärtig leider verschollen. 86 Ebenda. Vgl. dazu auch Fridolin Dörrer, Zur ersten (Pfarr-)Teilung Innsbrucks. In: Der Schiern, Jg. 29, Bozen 1955, S. 130- 135. 87 In einer Eingabe des Bruderschaftsverwalters zu St. Nikolaus an das Ordinariat in Brixen vom 12. April 1782 mit der Bitte um einen zweiten Priester wird angegeben, daß die „Gemeinsleute“ zu St. Nikolaus nunmehr „über 1500 Seelen“ zählen (Orig, im Diözesanarchiv Brixen, a. a. O.). Demgegenüber verzeichnen G. Tinkhauser und L. Rapp, a. a. O., S. 226, für das Jahr 1879 dortselbst 2.770 Einwohner in 133 Häusern. 88 Vgl. den Bericht in: Neue Tiroler Stimmen 1886, Nr. 244 (25. Okt.), S. 4. 89 F.-H. Hye, Innsbruck - Geschichte und Stadtbild, a. a. O., S. 88. )) fr //////////. y in worden ist, wissen wir nicht. Laut des Maria-Theresianischen Steuerkatasters (Kat.-Nr. 519)90 befand es sich damals jedenfalls im Besitz der Stadtgemeinde Innsbruck und diente zuletzt eigentlich nicht als „Bruder-“, sondern als „Schwesternhaus“, zumal es, wiej. J. Staffier (1842) schreibt, damals „23 Weibspersonen freie Wohnung und das erforderliche (Heiz-)Holz“ gebo- ten hat. Dabei handelte es sich vorwiegend um betagte Witwen und „Dienstbothen“.91 Nach- dem es für diesen Zweck nicht mehr benötigt wurde, zog hier nach erfolgter Adaptierung zum „neuen Schulhaus zu St. Nikolaus“ 1854 die 1834 vom „Frauenverein zur Beförderung der Kleinkinderwartanstalten und Industrieschulen für Mädchen in Innsbruck“ betriebene Klein- kinder-Wartanstalt und Industrieschule in St. Nikolaus ein. Weitere Umbauten folgten. Seine heutige Gestalt aber erhielt das „Bruderhaus“, nachdem es 1886 kaufweise vom Bruderhaus- fonds an die Stadtgemeinde übergegangen war und noch im gleichen Jahr erheblich umgebaut und erweitert worden ist. Die Längserstreckung des Hauses wurde dabei nordwärts beinahe verdoppelt. Mit diesem „Um- und Zubau des Bruderhauses zur Herstellung eines Kindergar- tens und Industrieschule in St. Nickolaus“ im Jahre 1886 (vgl. Abb. 53 u. 54) entstand-also vor nunmehr 100 Jahren - das erste städtische Kindergartengebäude Innsbrucks. Sowohl die wei- terhin vom Verein geführte Kinderbewahranstalt als auch die Industrieschule verblieben hier bis zu ihrer Auflösung 1938, in deren Folge der städtische Kindergarten aus dem Schulhaus Innallee Nr. 3 hierher übersiedelte. In den ersten Jahren ihres Bestandes war die obgenannte Kleinkinder-Wartanstalt übrigens im Hause Innstraße Nr. 57 (Kat.-Nr. 449) eingemietet.92 Neben dieser den Kleinkindern gewidmeten Anstalt unterhielt der städtische Armenfonds, um beschäftigungslosen, armen Mitmenschen zu einem geringen Verdienst zu verhelfen, seit 1820 ein städtisches Arbeitshaus mit Küche. Zum Unterschied vom ärarischen Zucht- und Strafar- beitshaus (Innstraße Nr. 2) war dies keine Strafanstalt, sondern wurde als humanitäre Einrich- tung verstanden. In der Katastermappe von 1856 wird es allerdings als „Städtisches Zwangsar- beitshaus“ bezeichnet. J. J. Staffier schreibt dazu, daß bei diesem Arbeitshaus eine „zwangs- weise und eine freiwillige Arbeitsanstalt“ unterschieden wurde. „In die erstere werden Leute wegen beharrlichen Müssigganges, wegen fortgesetzten unsittlichen Wandels, oder wegen Gewohnheits-Betteins abgegeben. Die freiwillige Anstalt verschafft Arbeit im Hause, oder sie betheilt die Armen mit rohen Stoffen zur Verarbeitung in ihren Wohnungen gegen einen angemessenen Lohn. Die gewöhnlichste Beschäftigung ist das Spinnen und Weben. Die Grün- dung und Unterhaltung des Arbeitshauses ist das preiswürdige Liebeswerk des Innsbrucker- Handelsstandes. Die Armenküche bereitet und vertheilt auf Anweisung der Direktion die 90 StAI.', Plan Nr. 210. 91 Johann Jakob Staffier, Tirol und Vorarlberg. Bd. 1/2, Innsbruck 1842, S. 444. 92 Vgl. den (Behörden-)Schematismus von Tirol und Vorarlberg für das Jahr 1837, S. 191; sowie den im Schematismus von 1848, S. 277. V. Gruber, a. a. O., S. 336; J. Felmayer, a. a. O., S. 55. 48 Die Pfarre St. Nikolaus Von Paul Spiel mann Als am Ausgang des Mittelalters bei uns der Aussatz eingeschleppt wurde, ist man daran- gegangen, auf dem Platz des heutigen Friedhofs von St. Nikolaus ein Siechen- oder Leprosen- haus und eine dem hl. Nikolaus geweihte Kapelle zu errichten. Wann genau die Kapelle errich- tet wurde, läßt sich nicht mehr eruieren, sie wird jedoch 1313 das erstemal urkundlich erwähnt. Ebenso kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, warum die Kapelle dem hl. Bischof Nikolaus von Myra geweiht wurde. Dieser Heilige wurde schon immer als großer Trostspender für die Armen und Siechen verehrt und könnte deshalb als Schutzheiliger für das Sondersiechenhaus erwählt worden sein. St. Nikolaus war auch der Hausheilige der Grafen von Andechs, in deren Machtbereich sich die bereits im 12. Jahrhundert erwähnte „Anpruggn“ befand. Auch für die Innschiffer, die in dieser Gegend eine Anlegestelle hatten, war St. Nikolaus Schutzpatron. In der Folge wurde die „Anpruggn“ dichter besiedelt und auch das Leprosenhaus dadurch mehr beansprucht. Die Angst vor Ansteckung machte Vorschriften notwendig, durch welche die Leprosen streng von den anderen Mitmenschen abgesondert wurden. Dies mag die Ursache für den Bau einer eigenen Kirche gewesen sein. Im Jahre 1502 konnte der Weihbischof Konrad von Brixen die in spätgotischem Stil erbaute Kirche zu Ehren der Mutter Gottes und der hl. Königin Elisabeth einweihen. Am 24. August 1564 wurde der an der West- und Nordseite der Kirche errichtete Friedhof eingeweiht. Das Jahr 1572 stand für Innsbruck unter keinem guten Stern. Von Jänner bis Juli erfolgten vierzig Erdbeben, bei denen 49 Häuser schwer beschädigt wurden. Auch die St.-Nikolaus- Kirche wurde sehr in Mitleidenschaft gezogen, und es bedurfte mehrerer Jahre, bis die Schäden wieder behoben waren. Die seelsorgliche Betreuung der Kirche von St. Nikolaus und des Sondersiechenhauses erfolgte von der Stadtpfarre St. Jakob aus. Um den Kindern den Glauben zu vermitteln-Pflichtschulen gab es noch keine -, wurde ab dem Jahr 1597 in der Kirche die sogenannte Christenlehre eingeführt. Es wurde dabei über das Leben und Leiden des Herrn, die Gebote Christi, über die Gottesmutter und die Heiligen gelehrt. Erst im Jahr 1615 wurde in St. Nikolaus ein ordentli- cher Benefiziat gestiftet. Er wurde aus den Beiträgen der Wohltäter der Siechenbruderschaft finanziert. Das Patronatsrecht der Kirche und des Benefiziums erhielt der Stadtmagistrat und der jeweilige Stadtpfarrer. Als erster Benefiziat wurde Zacharias Bader bestellt. Er und seine Nachfolger hatten die Seelsorge im Siechenhaus und - als Kaplan der Stadtpfarre - auch in der 52 i Ov/~V OrCabüS *» -Cy«N?«tUv,,en £<•*■«» WriU^-Cy?** ** *»p*^Ji*Ui<(' ((««»% ^«»4 s»*f i ' l*f.«*r p*»b et fm-*f.firnem**> h~» {*,***«*«* vmnrfi *■<*?*' ®»«» K* affbttf** Ct-ronfenfu * f*»gt>hv ’ «*V»/»^«n»y vj>« Jhtwuxf»»'*«<1?v r»t«*» Winmi ««»««• Jjw^Vtxuüi ä I(N«» «««nf‘t-1 /* __A*- ^ ** i** - /►..-....'Io..— __LL. - KÄ-«—-a . Js ~ “ fÄy '“Mw*•*?« Ifnf» (ti W Ww VH«-"b* *r& **'**■ >nt]4wjr-C‘<*1»I(mp«t4nt jf ^ ^ ^ '**- "*<"! •„ ' Wi ÄyA »«4t«»*» »4<*g»nnWi,«wmW«u yyfr ».j, > i '* nt' ! ••«.- ct fWchiw^V,;»« «SjUwvd ’vtftlrtf; <|4W <£«* .**.<<*!••• ■prT4rIM'<«7 y »*.: " Cjl. .? ^ |,,w|f «M-iW-«....*. - , ,u:|dcK«.-«L Z<*^+ *»«„n«v *c »>« «r }>*,« nf4u, <,,, ,• ^'*««i(wtn J»v(ft>J«!i, f—, £««»« «V ■ «*«Sg:;r.: m Abb. 15: Älteste Weiheurkunde der um 1501/02 erbauten Leprosenhauskapelle zu Ehren U. L. Frau und der heiligen Wolfgang und Elisabeth v. Thüringen vom 3. Dezember 1502. Original im Stadtarchiv Innsbruck. Foto: Margarete Hye-Weinhart. umliegenden Gemeinde zu besorgen. Trauungen wurden nach wie vor in der Stadtpfarre durch- geführt. Ebenso mußten die Kinder zur Taufe nach St. Jakob getragen werden, in dessen Taufregister sie auch geführt wurden. Die Beerdigungen fanden jedoch am Friedhof von St. Nikolaus statt. Obwohl erst ab dem Jahr 1695 Totenbücher vorhanden sind, ist anzuneh- men, daß bereits früher Aufzeichnungen über Sterbefälle gemacht wurden. 53 In der Zeit des Benefiziaten Franz Markart (1696- 1708) fiel die Errichtung der ersten Leichen- kapelle auf dem Kirchhof. Dieser stubenähnliche Bau diente der Aufbahrung der Leichen bis zur Beerdigung, da man dieselben nicht in den Häusern behalten wollte. Diese Kapelle wurde am 12. Juni 1705 von Fürstbischof Caspar Ignaz Graf Künigl konsekriert und der hl. Magda- lena geweiht. Der enorme Bevölkerungszuwachs am linken Innufer machte es notwendig, im Jahre 1786 die Seelsorgsbezirke von St. Nikolaus und Mariahilf von der Stadtpfarre loszutrennen. Der in St. Nikolaus tätige Priester Franz Xaver Huber (1785-1797) wurde nun selbständig und erhielt den Titel „Lokalkaplan“. Zugleich wurde ihm ein Kooperator beigegeben mit der Verpflich- tung, in der gleichzeitig errichteten Trivialschule von St. Nikolaus und Mariahilf unterhalb der Innbrücke den Religionsunterricht zu halten. Ebenso war es seine Aufgabe, an Sonn- und Feiertagen die Predigten und Christenlehren zu halten. Inzwischen starb die allseits beliebte Kaiserin Maria Theresia (29. 11. 1780), und auf Grund eines Erlasses ihres Nachfolgers, Kaiser Josef II., durften ab 1782 die Heiligengräber in den Kirchen nicht mehr aufgestellt und ab 1785 keine Auferstehungsfeierlichkeiten mehr abgehal- ten werden (Ihre neuerliche Gestattung erfolgte 1790). Am 28. Juni 1787 wurde eine neue vom Kaiser verfügte Gottesdienstordnung eingeführt. Im Zuge der Versteigerung von Besitzungen der aufgehobenen Klöster kam auch das Inventar des Innsbrucker Kapuzinerklosters am 3. und 4. August 1787 unter den Hammer. Dabei wurde die vom Innsbrucker Maler Leopold Strickner geschaffene Bretterkrippe um 3 Gulden feilgebo- ten. Sie erwarb der heimische Naturforscher Johann von Laicharding, der sie in der Folge der Kapelle des Strafhauses zur Verfügung stellte, nach dessen Auflösung, 1860, sie in den Besitz der Pfarrkirche St. Nikolaus überging. 1789 wurde das Sondersiechenhaus abgebrochen und auf diesem Grund der Friedhof erweitert. 1854 konnten weitere Arkaden dazugebaut und 1867 eine neuerliche Erweiterung abgeschlos- sen werden. Im März 1868, durch anhaltendes Tauwetter begünstigt, stürzte die schon sehr schadhafte hohe Stützmauer hinter der Kirche ein und mußte durch eine Steinmauer ersetzt werden. Von 1879 bis 1881 erfolgte die dritte und letzte Friedhofserweiterung. Die Einweihung fand am Fest Peter und Paul, 1881, statt. Durch die Schaffung von Urnennischen im Jahre 1974 wurde den Anforderungen der Gegen- wart Rechnung getragen. Der die Kirche heute an drei Seiten umgebende Friedhof ist Kirchen- besitz und steht als Begräbnisstätte nach wie vor zur Verfügung. Die noch jährlich abgehaltene Fronleichnamsprozession wurde das erstemal 1821 abgehalten. Der Innsbrucker Bürgermeister Felix von Riccabona forderte 1820 den Pfarrer von St. Niko- laus, Ildefonso Ritter von Lorengo, auf, eine Nachfeier der Fronleichnamsprozession von der Patronatskirche aus zu gestalten. Daraufhin wurde im folgenden Jahr, am Sonntag nach Fron- 54 leichnam, eine Prozession im Beisein der Spitzen der Behörden und unter reger Teilnahme der Bevölkerung abgehalten. Auf der mit Bretter belegten und mit Birken geschmückten Schotter- straße bewegte sich die Prozession mit Fahnen und Baldachin, begleitet von Militär und Musik, vorbei an den vier Evangelienaltären zur Nachbarkirche in Mariahilf und wieder zurück nach St. Nikolaus. Seither wird die Fronleichnamsprozession von diesen zwei Pfarren gemeinsam durchgeführt. In den ungeraden Jahren geht St. Nikolaus nach Mariahilf, und in den geraden Jahren wird von Mariahilf aus gegangen. Daraus hat sich auch der Brauch eingebürgert, daß an der Mariahilfer Prozession die Spitzen des Landes (Landeskirche) und in St. Nikolaus die Vertreter der Stadtverwaltung (Patronatskirche) teilnehmen. Als Nachfolger von Pfarrer Michael Mayr (1827 - 1835) kam Josef Baur als Pfarrherr nach St. Nikolaus. Als geborener „Koatlackler“ wurde er besonders als Chronist seiner engeren Heimat bekannt. Ihm folgte nach seinem Tode 1843 Pfarrer Alois Gräber. Aus einer angesehe- nen St. Nikolauser Bürgerfamilie stammend, war er mit den Eigentümlichkeiten, Schicksalen, dem Denken und Fühlen seiner Mitbürger bestens vertraut. In den schweren, gefahrvollen 48er Jahren bewies er seine Treue zur Kirche und seine Liebe zur Heimat. Seine Pfarrkinder lernten einen aufrichtigen Feund und wohlwollenden Vater der Armen kennen. Sein kräftiger, musku- löser Körper, die übergroßen Hände und die etwas rohen Züge seines Gesichtes standen im Gegensatz zu dem freundlichen Blick, der aus seinen Augen leuchtete. War das Astethische in ihm etwas karg bemessen, so lebte in seiner Seele ein lebhafter, patrioti- scher Geist. Glühend vor Begeisterung für Gott, Kaiser und Vaterland führte er seine St. Niko- lauser selbst an die Grenzen der gefährdeten Heimat. Aber auch im geistigen Kampfe zu Hause fand man ihn unter den ersten an den bedrohten Punkten. Im Mai 1848 ließ er durch den Jesuitenpater Franz H. Weninger eine 14tägige Mission abhalten, und im September 1857 beging man das Jubiläum des 125jährigen Bestandes der Jesus-, Maria- und Josef-Bruderschaft, an dem sich die ganze Pfarre beteiligte. Nachdem am 8. April 1861 das kaiserliche Patent über die Glaubensfreiheit veröffentlicht wurde, kam es am 13. Juli zu einem Bittgang um die Glaubenseinheit zur Pfarrkirche St. Jakob. 23 Gemeinden mit über 6.000 Gläubigen nahmen daran teil. Alois Gräber war mit den St. Ni- kolausern dabei, ebenso wie am 16. Juli 1864, als man neuerlich eine Bittprozession zum selben Zweck zur Stadtpfarre führte. An der Grenze der Pfarreien St. Nikolaus und Mariahilf, nächst dem Strafhaus, wurde 1865 ein großes Stein-Votivkreuz errichtet. Es wurde als Flößerkreuz bekannt, da hier eine Anlegestelle der Innschiffer war. An dem Platz lädt auch heute noch ein schönes hölzernes Wegkreuz zu stillem Verweilen ein. Am Anfang seiner Tätigkeit am linken Innufer - die Stadt zählte damals rund 11.000 Einwoh- ner, davon waren allein 2.5C0 St. Nikolauser - wurde er mit dem Platzmangel in der Kirche 55 konfrontiert. Schon in seiner Kindheit war die Kirche zu klein, und es wurde immer ärger. Deshalb trug er sich mit dem Gedanken, die Kirche zu vergrößern. Er ließ dazu auch mehrere Pläne ausfertigen, jedoch seine Berufung als Dechant nach Thaur machte dem ein jähes Ende. Dortselbst verschied er nach segensreichem Wirken am 30. Dezember 1882 im 73. Lebensjahr, nachdem er noch bei der Grundsteinlegung für die neue St.-Nikolaus-Kirche anwesend sein konnte. Die Seelenzahl war inzwischen bedeutend angewachsen, und man mußte ernstlich an den Neubau einer Kirche denken. So war es für St. Nikolaus ein großer Segen, daß ein Mann die Seelsorge übernahm, der kunstsinnig, voll Tatendrang und mit außerordentlicher Umsicht an die Arbeit ging: Pfarrer Karl Mayr. Am 30. September 1825 in St. Nikolaus geboren, besuchte er in Innsbruck das Gymnasium und wurde 1848 in Brixen zum Priester geweiht. Nach Koope- ratorenjahren in einigen Landpfarren und in seiner Vaterstadt wurde er Expositus in Dreiheili- gen, von wo er 1867 als Pfarrer nach St. Nikolaus kam. Pfarrer Mayr widmete sich neben den vielen Arbeiten in der Pfarre besonders der Vorbereitung des Kirchenneubaues. Der 1864 anläßlich einer von den Redemptoristenpatres abgehaltenen Volksmission von Pfarrer Gräber und Kooperator Josef Praxmarer gegründete „St. Nikolaus Verein“, welcher die Aufgabe hatte, die finanziellen Mittel für die Vergrößerung oder den Neubau der Kirche zu beschaffen, fand in ihm eine große Stütze. Aus einer angesehenen Familie in St. Nikolaus stammend, war er mit den lokalen Verhältnissen bestens vertraut. In allen Häusern ein gerngesehener Gast, wußte er auch, wo man anklopfen mußte, um den Kirchenbaufonds zu vermehren. Aus einer Veröffentlichung vom Jahre 1869 geht hervor, „daß das günstige Resultat einer Sammlung der nie versiegenden Wohltätigkeit vieler Bewohner Innsbrucks, und was besonders hervorzuheben ist, dem opferwilligen Sinn der armen Einwoh- ner von St. Nikolaus zu verdanken, die nun schon über 4.000 Gulden in sauer erworbenen Wochenkreuzern dem Baufonds eingezahlt haben“. Der Platz für eine große Kirche mußte jedoch erst geschaffen werden. Nach langwierigen Verhandlungen konnten die notwendigen Grundstücke und Häuser am Bäckerbühel und in der St.-Nikolaus-Gasse erworben und geschliffen werden. Damit war einmal die Platzfrage geklärt. Eine glückliche Fügung wollte es, daß Pfarrer Mayr mit dem gerade in Innsbruck weilenden Wiener Dombaumeister Friedrich Schmidt bekannt wurde und diesem nach kurzen Verhandlungen die gesamte Planung für den Kirchenbau übertragen konnte. Dem Pfarrer blieb aber weiterhin die Sorge um die Beschaffung der notwendigen Gelder. Im Juli 1876 lagen die Abb. 16: Spätgotisches Kreuzigungsrelief mit der ältesten erhaltenen Darstellung des hl. Bischofs Nikolaus v. Myra im [> Stadtteil St. Nikolaus-Mariahilf, am Eckhaus Höttinger Gasse Nr. 1. Foto: Margarete Flye-Weinhart. 56 genauen Pläne vor, und Friedrich Schmidt gab das Versprechen, mit Rat und Tat beim Bau zur Seite zu stehen. Er hielt nicht nur sein Versprechen, sondern machte auch alle Pläne „zu Gottes Ehre“ und um „Gotteslohn“. 1881 wurde die alte Kirche abgetragen, für die Dauer des Baues war im Friedhof eine Kapelle für den täglichen Messebesuch vorbereitet worden. Am 23. April 1882 konnte die Grundsteinlegung erfolgen. In den folgenden Jahren ging der Bau rasch von- statten. Bereits am 26. April 1885 wurde der Bau eingesegnet, und am 8. August desselben Jahres besichtigte Kaiser Franz Josef I. den Neubau. Nach vierjähriger Bauzeit waren die Bauarbeiten abgeschlossen, und am 24. Oktober 1886 konnte Fürstbischof Simon Aichner von Brixen die neue Kirche zu Ehren des hl. Nikolaus von Myra und des hl. Martin von Tours einweihen. Neben den Spitzen der Landes- und Stadtver- waltung war die Bevölkerung von Innsbruck zusammengeströmt, um Zeuge dieser seltenen feierlichen Zeremonie zu sein. Das Bauwerk war vollendet, und man schmückte das Innere der Kirche provisorisch mit dem Zierat der alten Kirche in der Hoffnung, die neue Einrichtung bald anschaffen zu können. Und schon 1891 konnte der Hochaltar aufgestellt werden, und in den folgenden Jahren gab es immer wieder festliche Weihen, wenn ein neuer Teil der Inneneinrichtung seiner Bestimmung zuge- führt werden konnte. Hw. Karl Mayr, der nimmermüde Arbeiter für seine Kirche, schloß nach 31 segensreichen Pfarrerjahren in St. Nikolaus am 19. Februar 1898 für immer die Augen. Wenn wir den verstorbenen Pfarrer den Erbauer der Kirche nennen, so dürfen wir seinen Nachfolger als den Ausstatter dieses Gotteshauses ansehen. Pfarrer Josef Sigmund trat noch 1898 das Erbe von Karl Mayr an. Es galt vor allem die großen Schulden abzuzahlen und an der Einrichtung weiterzuarbeiten. Seit 1901 schmückt der herrliche Kreuzweg unsere Kirche, und 1902 wurden nach dreijähriger Arbeit die kunstvollen Glasfenster im Hauptschiff fertiggestellt. Die Fassade erhielt ihre Voll- ständigkeit, als am Martinstag des Jahres 1904 die drei Figuren „St. Nikolaus“, „St. Martin“ und die „Madonna mit dem Kind“ auf ihre Podeste gestellt wurden. 1910 konnte der letzte der vier Seitenaltäre zu Ehren des Heiligen Geistes eingeweiht werden. Die enorme Leistung, die Pfarrer Sigmund und sein Häuflein getreuer Mitarbeiter vollbracht hatten, geht wohl am besten daraus hervor, daß in den zwanzig Jahren, von 1898 bis 1918, für die Einrichtung der Kirche und die Gestaltung des Friedhofes stolze 113.000 Goldkronen ausgegeben wurden. Es bestätigte wieder einmal die Opferfreudigkeit eines relativ kleinen und armen Stadtteiles. In die Amtszeit Josef Sigmunds in unserer Pfarre fiel auch so mancher Wermutstropfen. Der Erste Weltkrieg brach aus und brachte viel Kummer und Sorgen mit sich. So mußten die Einwohner von St. Nikolaus unter lebhaften Klagen mitansehen, wie in den Monaten August 58 und September 1914 die erst 1893 gegossenen Glocken für Kriegszwecke aus dem Turm genom- men wurden. Am 8. September 1914 veranstalteten die Pfarren St. Nikolaus, Hötting und Mariahilf eine gemeinsame Kriegs-Bittprozession zum Tummelplatz. Viele Gläubige nahmen daran teil und beteten für einen baldigen Frieden. Aber vier schwere Jahre vergingen, ehe das Völkermorden ein Ende fand. Das Jahr 1918 brachte den St. Nikolausern noch zusätzlich einen großen Ver- lust. Der allseits geschätzte und beliebte Pfarrer wurde nach zwanzig Jahren aufreibender Arbeit am 31. Jänner von seiner Herde abberufen. Er fand in der Priesterarkade auf dem St. Nikolauser Friedhof seine letzte Ruhestätte. Einer seiner einstigen Kooperatoren, Anton Müller, unter dem Namen „Bruder Willram“ weit bekannt, hielt den Nachruf. Einige den Toten besonders charakterisierende Ausschnitte seien hier wiedergegeben. „Zwanzig Jahre lebte und wirkte er unter seinen geliebten St. Nikolausern, von niemand gehaßt, von vielen geliebt und von allen verehrt, sowohl wegen seiner Anspruchslosigkeit und persönlichen Bescheidenheit, als auch wegen seiner Uneigennützigkeit und sprichwörtlich gewordenen Leutseligkeit im Verkehr mit den Großen und Kleinen seiner Seelsorgsgemeinde. Eine offene, gerade Natur von Haus aus, jeder Tünche und Schminke abhold, Feind aller Kunstfirnisse und aller Manschettenbildung, paßte er wie kein zweiter in die Vorstadt Inns- brucks unter das heitere, von großstädtischen Manieren noch ziemlich unberührte, originelle, natürlich aufrichtige, gesunde und derbe Völkchen St. Nikolaus. War er ja selbst ein Original sowohl als Mensch wie als Priester. Originell war vor allem die Äußerung seiner Herzensgüte. Der Mann, welcher aus dem tiefsten Torschatten der Armut sich durch sein Talent auf die Sonnenseite einer angesehenen Lebens- stellung emporgearbeitet hat, hat den heimlichen Zauber und Wert des Besitzens nie verstehen gelernt. Einer sorgenvollen, sonnenlosen, darbenden Jugend - immer von der Wohltätigkeit guter Leute gleichsam von der Hand in den Mund lebend - endlich entwachsen und finanziell sichergestellt, hat die Erinnerung an eigene Armut und eigenes Darben und eigene Entbehrung und Not den seligen Pfarrer zu einem Menschenfreund, besser gesagt, zu einem Armenvater gemacht von so seltener Güte, daß man dafür das richtige Wort kaum findet.“ In den Wirren des Zusammenbruchs eines Weltreiches, der heimströmenden, führerlos gewor- denen Frontsoldaten, der Not und Verzweiflung und des großen Hungers trat Hw. Karl Karner in St. Nikolaus seine Pfarrstelle an. Die Kämpfe an allen Fronten des Reiches hatten auch unter den St. Nikolausern große Opfer gefordert. In vielen Familien herrschte Elend und Ratlosigkeit. Es war die Zeit, in der ein guter Seelsorger überall gebraucht wurde und für viele der letzte Hoffnungsschimmer in einer schier nicht mehr enden wollenden Nacht war. Seine Amtstätigkeit in diesem Armenwinkel machte ihm viel Freude, und in einem Rückblick auf 39 A > ' "■ m ^-L-'. "" - .-4 v <->*£r > v "& :v- •:> -*• •• --*• ' u.n1’ - •*. -.- tm. ■ .. -• . I* tVÄ^l . '*£• _ —. > . . •>;- . V , flp niX*.- ': i v-K^m GEDENKSTEIN an die gottselige Jungfrau Margaretha Huber. Nachdem sie aus Liebe zu Gott im Siechenhaus von Scf.Nicolaus ihr fromes Leben im Dienste der Krank u. Armen zugebracht halte, wurde sie im hiesigen Gottes, acker beerdigt.u.ihr Leib soll,wie der ehrw.P,Jacob Sehmid in seinem Werke„Heiii|er Ehrenglanz der gefürsteten Gra x%x, schaft TyroLAugsburf \m erzählt,hei Gelegenheit eines '{- Jaues im Jahre 1662 unvcrwesen aufgefunden worden sein, das Haupt mit frischen schönen Rosen geschmückt. Weil aber, so fahrt R Sehmid fort.zu befürchten schien,tl. Volk mochte auf Vernehmen einer so seltenen Sache rn 'ä; '% . ’ ;i\ öffentlichen Ehrbezeugungen herbeyeilen.habe man alsba '1 V-\r-s v, ." *&% en Leichnam in voriger Ruhestätte verborgen.was aber dofh nicht so geheim gehalten werden konte.dah dasVo nicht davon Kunde bekorften hatte. Spätere.namentlich im Jahre it o ?, aus Anlab eines Sakri. Raues_angesteüte Nachgrabungen, um den unverwe. senen Leib zu finden, blieben erfolglos.dessen ungeac lebt das Andenken an Margaretha Huber for von Geschlecht zu Geschlecht. MM I • —*• • PL »-r-r..' „x^iwww. V.' N ■' VN*- > ■ Abb. 16a: Gedenkstein für die ehemalige „Siechenmutter“ Margaretha Huber an einem südlichen Außenpfeiler der St. Nikolaus-Pfarrkirche. Foto: Margarete Hye-Weinhart. seine St. Nikolauser Jahre, sprach er immer von acht sorgenvollen und mühsamen, aber schö- nen Jahren. Am 6. November 1921 wurde das von Virgil Rainer geschaffene, in einer Kirchennische errich- tete Kriegerdenkmal geweiht. Es erinnert an 119 gefallene oder vermißte St. Nikolauser. Zu Ostern 1922 riefen nach achtjährigem Stillschweigen wieder zwei Glocken zum Kirchenbe- such. Trotz Not und Entbehrung war es der Stolz vieler Koatlackler, ihr Schärflein für die neuen Glocken beigetragen zu haben. In den Jahren 1922 und 1923 wurde die von Pfarrer Sigmund 1906 bei Meister Josef Bachlechner bestellte Kanzel errichtet. Damit war die Einrichtung der Kirche abgeschlossen. Die Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges und die fortschreitende Inflation trugen nicht dazu bei, die Armut beim einfachen Volk abzubauen. So fanden sich einige karitativ denkende St. Nikolauser Bürger zusammen und gründeten im Jahr 1923 unter der Führung des Kaufman- nes Franz Götsch die „Vereinigung St. Nikolaus“. Auch Pfarrer Karner war dabei und konnte der Schar eifriger Damen und Herren den herzlichsten Dank der Kirche aussprechen. Die „Vereinigung“ lebt heute noch und übt ihre dankenswerte Tätigkeit, besonders zum Segen betagter Mitbürger weiterhin aus. 1926 mußte Pfarrer Karner, der sich auch als Chronist der Pfarre besonders eifrig betätigt hatte, zum Leidwesen seiner ganzen Pfarrkinder, von St. Nikolaus Abschied nehmen, um in Grins ein neues Arbeitsgebiet zu übernehmen. Zum nächsten Pfarrer von St. Nikolaus wird August Hüter bestimmt. Bereits in den Jahren 1907 bis 1909 hier als Kooperator tätig, kannte er bereits sein Aufgabengebiet und widmete sich nach der Inflation des Jahres 1927 besonders der Anschaffung neuer Glocken. Bereits 1931 erklang das aus sechs Glocken bestehende und 6.810 Kilogramm wiegende Geläute. Es wurde in Salzburg gegossen und kostete 29.228 Schilling. Die Tonfolge des Geläutes lautet: h, d, e, fis, a und h. Die dreißiger Jahre mit ihren innerpolitischen Schwierigkeiten, der enormen Arbeitslosigkeit, von der die ohnehin schon armen Stadtteile besonders betroffen wurden, und die sich gegensei- tig bekämpfenden politischen Parteien brachten auch für das kirchliche Leben große Probleme mit sich. In unserer Pfarre führte die immer größer werdende Not und Unzufriedenheit in Verbindung mit den kirchenfeindlichen Parolen verschiedener Parteien zu einem Rückgang des Kirchenbesuches. Pfarrer Hüter, aus einer sehr bekannten und sehr vermögenden Innsbrucker Familie stammend, wurde schon wegen seiner Herkunft von manchen seiner Pfarrkinder abge- lehnt. Wer selbst nie Not gelitten hat, wird auch schwer Verständnis für die Not anderer aufbringen können, wurde öfters als Kritik am Pfarrer laut. Man darf jedoch nicht annehmen, daß sich August Hüter nicht bemühte, seine Herde zusammenzuhalten. Doch in einer so verworrenen Zeit war es für ihn nicht immer leicht, den richtigen Weg und die richtigen Worte 61 zu finden. Das Jahr 1938 brach an, und viele glaubten, in „Großdeutschland“ ihre Hoffnungen erfüllt zu finden. Die Mißachtung von Kirche und Klerus wurde durch den Staat befürwortet und der Einfluß der Priester auf ein Minimum reduziert. Die Priester mußten unter oft schwierigsten Verhältnissen ihren seelsorglichen Pflichten nach- kommen. Auch organisatorisch mußte vieles geändert werden. Die Standesämter wurden mit Aufgaben betraut, die bisher der Kirche oblagen. Durch die Eingemeindung von Hötting wurden die Pfarrgrenzen neu festgelegt. Die Riedgasse ab der Nummer 34 und 39, das Schloß Büchsenhausen mit den sich bergseits erstreckenden „Nißlwiesen“ und die Weiherburggasse bis zum Tuffbach wurden der Pfarre St. Nikolaus zugeordnet. Der Versuch, die bislang der Pfarre Hötting zugehörigen Gläubigen zu St. Nikolausern zu machen, ging nur sehr langsam und widerstrebend vor sich und ist bis heute nicht restlos gelungen. Enttäuschungen und Kirchenaustritte zermürbten den alten Herrn, und am 29. März 1943 starb Pfarrer August Hüter, unbedankt, von vielen mißverstanden, zurückgezogen in seinem Widum in St. Nikolaus. Die Fackel des Krieges loderte über ganz Europa, selbst Teile Afrikas und Asiens wurden in das Inferno einbezogen. Hunderttausende in der Blüte ihrer Jahre, mußten den Wahnsinn weniger mit ihrem Leben bezahlen. Politische Verblendung auf der einen und Angst und Mißtrauen auf der anderen Seite waren symptomatisch für jene Zeit. Da zog ohne große Feierlichkeiten, still, einfach und bescheiden, ein neuer Priester in das Pfarrhaus von St. Nikolaus, Pfarrer Eugen Bischof, der am 1. August 1943 die Pfarre übernahm. In Toblach 1906 geboren, wurde er am 29. Juni 1930 in Brixen zum Priester geweiht. Eine anschließende Ausbildung zum Journalisten in Frankreich befähigte ihn, die Schriftleitung der katholischen Wochenzeitschrift „Der Volksbote“ zu übernehmen. 1938 mit einem Schreibver- bot belegt, hatte er die Seelsorge am alten Schießstand übernommen und stand auch den Kranken in der Innsbrucker Klinik zur Verfügung, bis die Berufung nach St. Nikolaus erfolgte. Mit der Bevölkerung kaum bekannt und mit den Verhältnissen seines neuen Aufgabenbereiches noch wenig vertraut, fielen am 15. Dezember 1943 die ersten Bomben auf Innsbruck. Auch St. Nikolaus wurde getroffen, und die ersten Bombenopfer waren zu beklagen. In diesen schweren Zeiten lernten die St. Nikolauser einen Priester kennen, der Tag und Nacht für sie da war, half, tröstete und zur Stelle war, wo immer man ihn brauchte. 203 St. Nikolauser sind an der Front gefallen, und 23 Zivilisten mußten unter den Bomben ihr Leben lassen. Der Tod hielt reiche Ernte, und auch einem Priester fällt es schwer, angesichts der Verzweiflung die richtigen Worte zu finden. Es gab kaum eine Familie, die durch den Krieg nicht in Mitleidenschaft gezogen worden wäre. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs warteten in der Pfarre große Aufgaben auf ihre Erledigung. Die Kriegsheimkehrer sollten wieder in ein ziviles Leben eingegliedert werden, 62 «a Abb. 17: Die alte Pfarrkirche von St. Nikolaus vor dem Abbruch im Jahre 1881, gesehen von der Weiherburggasse; im Vordergrund die kleine Brücke über den Fallbach. Aquarell von Josef Gröber. Original im Stadtarchiv Innsbruck. und in den Schulen bedurfte der Religionsunterricht einer Reorganisierung. Den von der Kirche Entfremdeten oder Ausgetretenen mußte ein brauchbarer Weg zur Rückkehr angeboten werden. Die Jugend bedurfte der Kirche, ihr mußte die Religion wieder nähergebracht und ihre Bedeutung vermittelt werden. Das „Kirchenblatt“, das Sprachrohr der Diözese, rief nach einem erfahrenen Journalisten, und Eugen Bischof folgte trotz der vielen Arbeit in seiner Pfarre diesem Ruf und fungierte 25 Jahre als Redakteur. Der Juni 1945 brachte trotz Hunger und karger Lebensmittelzuteilungen ein erfreuliches Fest für den Stadtteil. Die am 5. Februar 1943 zu Rüstungszwecken abgelieferten fünf Glocken-sie fanden sich unversehrt in einem Stollen bei Kramsach - kamen wieder heim und wurden unter großem Jubel wieder aufgezogen. In der Kirche, im Friedhof, im Widum und im Pfarrheim war es hoch an der Zeit, die notwen- digsten Instandhaltungen in Angriff zu nehmen. Der Kirchturm hatte sogar Einschüsse abbe- kommen. Der Aufbau im geistigen wie im materiellen Sinn wurde bestens gemeistert, und nach einigen Jahren war St. Nikolaus wieder eine aktive Pfarrfamilie. Die schlechte Wohnqualität in den meist veralteten Häusern zwang viele junge Familien zum Abwandern in die neuerbauten Stadtteile. Daraus ergab sich in St. Nikolaus eine enorme Überalterung bei der Bevölkerung. Daran konnten auch die einzelnen Familien nichts ändern, die in den neu erschlossenen Hanglagen ihre schmucken Häuser bauten. 1960 ging man daran, das Innere der Kirche zu renovieren. Bis 1986 sollten die Erneuerungsar- beiten innen und außen abgeschlossen sein. In diesen Jahren begann auch die liturgische Erneuerung auf Grund der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils. Der Pfarrgemeinde- rat wurde ins Leben gerufen und damit die kirchliche Laienarbeit aufgewertet. Beim goldenen Priesterjubiläum von Consilarius Eugen Bischof 1980 konnte der Seelsorger auf fünfzig arbeitsreiche, aber auch erfolgreiche und segenbringende Priesterjahre zurückblicken. 1981, nach 38 Pfarrerjahren in St. Nikolaus, ging Eugen Bischof in den wohlverdienten Ruhe- stand. Eine stadtbekannte Priesterpersönlichkeit, von allen ohne Unterschied der Stellung und der politischen Zugehörigkeit geschätzt, war er in jeder Familie seiner Pfarre herzlich willkom- men. Seine Wertschätzung für die Arbeit der Priester und Laien in der Dritten Welt führte dazu, daß 28 Autos von St. Nikolaus aus in die Mission geschickt werden konnten. Pfarrer Bischof verbringt seinen Lebensabend, nach wie vor seelsorglich wirkend, im Malfattiheim in der Innstraße und lebt so noch mitten in seinem geliebten St. Nikolaus. Im August 1981 übernahm Hw. Eduard Nowak die vakante Pfarrerstelle. Elf Pfarrer, zwölf Benefiziaten und 78 Kooperatoren waren vor ihm als Seelsorger in St. Nikolaus tätig. Anschrift des Verfassers: Paul Spielmann St.-Nikolaus-Gasse 34 6010 Innsbruck 64 100 Jahre neue Pfarrkirche von St. Nikolaus Eine kunstgeschichtliche Würdigung dieses schönsten Sakralbaues der Neo-Gotik in Tirol Von Waltraud Palme-Comploy Der älteste Stadtteil Innsbrucks, die frühere Anbruggen, das heutige St. Nikolaus,1 kann anläßlich der Hundertjahrfeier seiner Pfarrkirche daran erinnern, daß hier ein besonderes Kleinod der Sakralarchitektur aus der Zeit des Historismus steht. Wie kam es, daß die an Tradition wohl reichen, an weltlichen Gütern aber eher armen St. Niko- lauser vor hundert Jahren das Fest der Einweihung ihrer neuen Pfarrkirche feiern konnten, die heute zu Recht als das schönste Beispiel eines neugotischen Kirchenbaues in Tirol gilt? Durch die Bevölkerungszunahme im Laufe des 19. Jahrhunderts mußte man sich auch in St. Nikolaus mit dem Problem der zu klein gewordenen Kirche befassen. Das alte Gotteshaus, das um 1500 erbaut und wiederholt vergrößert worden war, faßte nur 700 Personen. Es wurde wohl schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von der Notwendigkeit einer Erweiterung der Kirche gesprochen, doch kamen die Dinge erst in Gang, als 1843 Alois Gräber die damalige Lokalkaplanei St. Nikolaus, die 1853 zur Pfarre erhoben worden war,2 über- nahm.3 Alois Gräber entstammte einer angesehenen Familie von St. Nikolaus und sollte wäh- rend seines jahrzehntelangen Wirkens in dieser Pfarre zu einer bedeutenden Volkstümlichkeit gelangen.4 Vorerst erfolgte eine Innenrenovierung der alten Kirche. Hier sei erwähnt, daß die Kirche auf das Sondersiechenhaus, das sich hier in der Gegend befunden hatte, zurückgeht.5 Hierauf wurde der kleine, an der Südseite der Kirche gelegene Friedhof ausgebaut. Mit der Erwerbung der anstoßenden Grundstücke zur Erweiterung des Friedhofes wurde der eigent- lich erste Schritt zur Vergrößerung der Kirche getan. Bis dieses Vorhaben verwirklicht werden konnte, dauerte es allerdings noch Jahre. 1864 wurde der Beschluß gefaßt, den „St.-Nikolaus- 1 Vgl. etwa: Franz-Heinz Hye, St. Nikolaus und Mariahilf. In: das Fenster, Heft 16 (1975), S. 1684 f. 2 Schematismus der Geistlichkeit der Diözese Brixen, 40. Ausgabe, Brixen 1856, S. 37. 3 Schematismus, a. a. O., S. 37. 4 Diesem Artikel sind folgende Arbeiten zugrunde gelegt: Karl Karner, St.-Nikolaus-Innsbruck, Innsbruck o. J.; Waltraud Palme-Comploy, Zur Geschichte des Neubaues der St.-Nikolaus-Kirche in Innsbruck. Ein Werk des Wiener Dombaumeisters Friedrich v. Schmidt. In: Festschrift Otto R. v. Lutterotti zum 14. Januar 1974, hrsg. von Verena Grabmayr und Heinz Mackowitz, Innsbruck 1973, S. 363-372; derselbe, St. Nikolaus zu Innsbruck, Schnell-Steiner-Kunstführer, Nr. 1050, München —Zürich 1976. 5 Franz-Heinz Hye, Innsbruck. Geschichte und Stadtbild bis zum Anbruch der Neuen Zeit (Tiroler Heimatblätter 55. Jg„ Nr. 2), Innsbruck-Wien 1980, S. 88 f. 65 Verein“ zur Beschaffung der Geldmittel zu gründen. Die Mitglieder verpflichteten sich, täglich zu Ehren des hl. Nikolaus ein Vaterunser zu beten und wöchentlich wenigstens einen Neu- kreuzer zu spenden. Diesem Verein traten viele Bewohner von St. Nikolaus, auch von Höt- ting, Mariahilf und von der Innenstadt bei. Manche Mitglieder wendeten dem Verein größere Beiträge und Legate zu. Gleich zu Beginn gaben Maria, Alois Bartlmä und Juliana Hechen- blaikner bedeutende Legate für den Kirchenbau.6 Alois Gräber ließ auch die ersten Entwürfe zur Erweiterung und zum Neubau der Kirche erstellen. So wurde zum Beispiel Ingenieur Carl Geppert, der die Erweiterung der Kirche in Dreiheiligen durchgeführt hatte,7 mit einem Plan beauftragt. Aus Rücksicht auf die bescheide- nen Geldmittel sollte soviel als möglich von der alten Kirche erhalten bleiben. Er beließ daher in seinen Skizzen das Langhaus mit dem Eingang und Turm im Osten und gewann Raum mittels eines größeren Presbyteriums; da diese Lösungen nicht befriedigten, stellte er in einem ande- ren, im gotischen Stil verfaßten Entwurf die Kirche um, ostete sie, ließ den alten Turm stehen, fügte ihm südlich einen zweiten bei und schloß an das Presbyterium den Neubau als Basilika an. Ungefähr die gleiche Konzeption zeigt der Plan von Jakob Norer, der jedoch im romanischen Stil gehalten und mit mehr Seitenaltären versehen war. Zwei Türme im Osten wies auch das romanische Projekt von Alfons Mayr auf, jedoch als Zweiturmfassade - die Westrichtung der alten Kirche war, wie der als Neujahrsentschuldigungskarte der Stadt Innsbruck aus dem Jahre 1872 gebrachte Entwurf zeigt, beibehalten worden. Diese Vorschläge wiesen auf die Lösung der Platzfrage hin, nämlich die Kirche gegen den „Bäckerbichl“ hin zu vergrößern. Hiefür waren nun jahrelange Verhandlungen wegen der Grundablösen nötig; die angekauften Häuser wurden demoliert, das Terrain planiert. 1867 verließ Alois Gräber die Pfarre St. Nikolaus, um das Pfarramt Thaur zu übernehmen, ausgezeichnet mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt Inns- bruck für seine achtundzwanzigjährige Tätigkeit als Seelsorger in St. Nikolaus.8 Seine Nach- folge trat der Expositus von Dreiheiligen Karl Mayr, ebenfalls ein geborener St. Nikolauser, an.9 Von ihm ist folgende Notiz überliefert: „Die Vorbereitungen zu diesem Kirchenbau hat 6 Nachweise für die verschiedenen Legate der St. Nikolauser finden sich im Pfarrarchiv im Widum, Nr. 23, Bau- fonds, und in den Kirchenbauakten in der Sakristei. 7 Josef Weingartner, Die Kirchen Innsbrucks, 2. Aufl., Innsbruck 1950, S. 29. 8 Schematismus der Geistlichkeit der Diözese Brixen, 52. Ausgabe, Brixen 1868, S. 54; Konrad Fischnaler, Innsbruk- ker Chronik 4, Innsbruck 1930, S. 18. 9 Schematismus, a. a. O., S. 42. ■<3 Abb. 18: Die neue Pfarrkirche von St. Nikolaus, geweiht 1886, erbaut 1882/85 nach Plänen des Wiener Dombaumeisters Friedrich v. Schmidt - schönster Kirchenbau Tirols im Stil der Neo-Gotik. Alte Original-Photographie im Stadtarchiv Innsbruck. 67 mein Herr Vorgänger, Pfarrer Alois Gräber, im Jahre 1859 eingeleitet, dadurch, daß der Friedhof erweitert wurde, um den Bauplatz für die Kirche zu erhalten, und ich hatte bei dem Antritte des Pfarramts auch diese schwierige Angelegenheit zu übernehmen, die ich nach Kräften, mit bestem Wissen und Gewissen besorgt habe.“ Die so wichtigen, den Neubau der Kirche auslösenden Vorarbeiten hatte wohl Pfarrer Alois Gräber bewerkstelligt, als Schöpfer der heutigen St.-Nikolaus-Kirche muß man doch Pfarrer Karl Mayr bezeichnen. Wie aus den erhaltenen Aufzeichnungen und dem Briefwechsel ersichtlich ist, hatte Karl Mayr sich voll und ganz der Aufgabe verschrieben, in St. Nikolaus ein würdiges Gotteshaus zu bauen. Neben seinem kräfteverschleißenden Einsatz war es vor allem seine Idee, einen der bedeutendsten Architekten seiner Zeit für den Kirchenbau zu gewinnen, die den St. Nikolausern statt eines kompromißreichen Um- oder Neubaues ein einheitliches Kunstwerk bescherte. Vorläufig galt es aber die Arkaden des Friedhofes weiterzubauen und vor allem den Baufonds zu vergrößern. In seinen Bittbriefen erwähnt Karl Mayr, daß die alte Kirche nur 700 Personen fasse, während es in der Gemeinde bereits 500 Schulkinder gäbe. Die Bevölkerung (ca. 3.000 Menschen) sei eifrig im Kirchenbesuch und spendefreudig, jedoch sehr arm. Bis 1869 waren durch die wöchentlichen Kreuzersammlungen bereits 4.000 Gulden zusammengebracht wor- den. Kaiser Franz Joseph stiftete 1.500 fl. dem Baufonds;10 1872 gab es eine öffentliche Samm- lung in Innsbruck für den Kirchenbau in St. Nikolaus; aus dem Verkauf der Broschüre des Volksschriftstellers und ehemaligen Kooperators in St. Nikolaus Josef Praxmarer „Aus den Flegel- in die Mannesjahre“ wurden 1.000 fl. Gewinn erzielt. Indessen wäre ohne die stets großzügige Förderung der Sparkasse der Stadt Innsbruck nicht an die Ausführung des Baues zu denken gewesen. Anläßlich ihres fünfzigjährigen Bestandes im Jahre 1872 wurden dem Kir- chenbaufonds 5.000 fl. übergeben, und auch weiterhin zeigte sich dieses Institut sehr großzü- gig. An dieser Stelle sei an die fleißigen Sammler erinnert, so an Anna Schlechl, die von 1864 bis zu ihrem Tode im Jahre 1921 den Wochenkreuzer einsammelte, oder an Maria Haller vulgo Schiener, die noch länger sammelte. Um die Jahreswende, 1872/73, muß Karl Mayr brieflich mit dem Wiener Dombaumeister Friedrich von Schmidt (1825 - 1891) in Verbindung getreten sein. Der unbekannte Pfarrer aus einem kleinen Stadtteil Innsbrucks scheute sich nicht sich an den Fachmann für kirchliche Baukunst zu wenden. Schmidt hatte 1869 den Entwurf für den Rudolfsbrunnen am Margare- thenplatz, dem heutigen Bozner Platz gezeichnet." Karl Mayr erzählt in seinen Aufzeichnun- gen, daß Friedrich v. Schmidt bei einem Aufenthalt in Innsbruck erfuhr, daß man daran dachte, 10 Neue Tiroler Stimmen, 25. Jg. (1885), Nr. 181. " Erwin Neumann, Friedrich v. Schmidt. Ein Beitrag zu seiner Monographie und zur Kunstgeschichte des 19. Jhs., Diss. phil., Wien 1952, S. 239 und 298; Fischnaler, Innsbrucker Chronik 2, Innsbruck 1930, S. 121; derselbe, Innsbrucker Chronik 4, Innsbruck 1930, S. 33. 68 Abb. 19: Die neue Pfarrkirche und die Ostseite der Kinderbewahranstalt (links) vor dem Abbruch der obersten Häuser an der St. Nikolausgasse. Aquarell von Josef Gröber. Original im Stadtarchiv Innsbruck. zur Erinnerung an die Vereinigung Tirols mit Österreich ein Denkmal zu errichten und sich spontan bereit erklärt habe, dafür einen unentgeltlichen Plan zu zeichnen. „Der Name Schmidt war damals schon so berühmt, daß man sich ob dem Anbot glücklich schätzte.“ Schmidt kannte Tirol bereits unter anderem auch von den Kunstreisen, die er mit seinen Schülern hierher unternahm. Sein Interesse galt auch in Tirol seinem Spezialgebiet, der Gotik. Noch knapp zwei Jahre vor seinem Tod wünschte er sich Zeit zu haben für „eine Abhandlung über die Kunst des Mittelalters in Tyrol jenseits des Brenners bis zur Sprachgrenze, jenes Gebietes, in welchem die merkwürdigsten Fluktuationen zwischen deutscher und welscher Kunst stattgefunden haben . . . “. Sicher war es eine Privatinitiative Pfarrer Mayrs, sich an Friedrich v. Schmidt zu wenden, um ihn um einen der vielen Entwürfe zu Kirchenbauten seines Ateliers, der für die Verhältnisse von St. Nikolaus passen würde, zu bitten. Er bekam eine unerhofft schnelle Antwort. Mit Datum vom 24. Jänner 1873 schreibt Friedrich v. Schmidt an Karl Mayr: „Es liegen zwar unzählige Entwürfe und Copien von Kirchenplänen in meinem Atelier, welche Ihnen auch zur Verfügung stünden, aber es ist damit eine eigene Sache, denn jeder Ort bedingt an und für sich eine verschiedene Auffassung, sowohl in Hinsicht auf die äußere Umgebung als auch auf das Bau- material und überhaupt auf den Charakter von Land und Leuten. Ob reich oder arm ist dabei ganz gleichgültig, es handelt sich um den Sinn, welcher in ein solches Bauwerk gelegt werden muß . . . Da Sie doch nicht in der Lage sind, von dem sauer erworbenen Kirchenbaufonds mir meine Zeichnungen so zu honorieren, wie es hier in Wien üblich ist, so will ich Ihnen zu Gottes Ehre eine gute Skizze zu Ihrer Kirche umsonst machen, auch mit soviel Detailangaben, als nöthig sind, daß ein erfahrener Werkmeister darnach bauen kann.“ Mayr möge ihm einen Situationsplan und nähere Angaben schicken, jedoch betont Friedrich v. Schmidt in seiner vornehmen Art, daß er nicht jemandem im Wege stehen wolle, der berechtigte Ansprüche auf Ausführung dieses Planes habe. Im Herbst desselben Jahres fuhr Pfarrer Mayr nach Wien, um mit Schmidt vor allem die Stellung der Kirche zu besprechen. Die Kirchenvorstehung wollte südlich der Kirche die Friedhofsanlage haben. Dabei sollten die bereits bestehenden Arkaden im Osten, Süden und Westen mit einer vierten Arkadenreihe im Norden, die direkt an das Langhaus anschließen sollte, einen rechteckigen Friedhof bilden. In seinem ersten Entwurf hielt sich Schmidt genau an diesen Wunsch. Das schwierige Terrain - die Kirche stand auf einem gegen Süden abfallenden Hang - ergab in Verbindung mit dem vorgegebenen Raum- und Geldmangel eine interessante Lösung. So wie bei der alten Kirche war die gleiche Richtung und kein Querschiff vorgesehen, der alte Turm war beibehalten. Durch das fehlende Querschiff konnte an der Südseite des Langhauses die nördliche Arkadenreihe des Friedhofes geplant werden. Die nötige Raumge- winnung erfolgte vor allem durch die Verlängerung der Kirche und durch ein Seitenschiff im 70 Norden. Ein Wandpfeilersystem im Süden des Langhauses sollte diese Einseitigkeit etwas ausgleichen. Der Turm in der nordöstlichen Ecke des rechteckigen Langhauses bestimmte die Maße des Kircheninneren, d. h. die Breite des von ihm wegführenden Seitenschiffes und die Länge der Joche. Aus Gründen der Raumersparnis war der Haupteingang durch den Turm vorgesehen. Am 19. März übersandte Schmidt diesen ersten Entwurf in sechs großen Blättern und betonte in seinem Begleitschreiben die schwierigen Verhältnisse, die diese Lösung erzwan- gen: „Der Bauplatz hat an und für sich und namentlich in Verbindung mit dem Friedhofe eine so verzweifelte Gestalt, wie ich noch keine bearbeitet habe. Dies in Verbindung mit den enormen Terraindifferenzen mußte nothwendig zur Folge haben, daß die ganze Anlage eine völlig unregelmäßige wurde. Diese Unregelmäßigkeit hat aber auch ihre guten Seiten, denn es ließ sich somit eine höchst malerische Wirkung erzielen, welche in gewöhnlichen Fällen gar nicht denkbar ist.“ Nun befriedigte Schmidt diese Lösung keineswegs. Obwohl mit Aufträgen und sonstigen Verpflichtungen überlastet, war er nicht gewillt, selbst bei einer unentgeltlichen und nur neben- her angenommenen Arbeit bloß eine halbe oder provisorische Leistung zu erbringen. Die folgenden Ausführungen werden das weiter unterstreichen. Friedrich v. Schmidt kündigte vor dem Ausarbeiten der definitiven Baupläne seinen Besuch an, um selbst die Örtlichkeit in Augenschein zu nehmen. Darüber war Pfarrer Mayr sehr froh, seien doch, wie er in seinen Aufzeichnungen bemerkt, der Eingang durch den Turm, das unregelmäßige Kircheninnere und die hohe Lage der Kirche (der Fußboden der Kirche wäre in gleicher Höhe wie die Dachfirste der im Süden angebauten Arkaden zu liegen gekommen) bei den St. Nikolausern auf Ablehnung gestoßen. Anläßlich einer Studienreise mit seinen Schülern traf Friedrich v. Schmidt im August 1874 in Innsbruck ein und untersuchte persönlich die Verhältnisse des Bauplatzes. Er entwarf an Ort und Stelle eine neue Skizze. Das große Fragezeichen war der Zustand des Turmes, ob er frei von der Kirche stehe und stabil genug sei, um weiterverwendet zu werden. Aus Ersparnisgründen wollte man ihn erst später gotisch adaptieren. In Begleitung Schmidts war der Innsbrucker Architekt Alfons Mayr, der sich bereiterklärte, den Turm zu untersuchen. Der erste Entwurf von Schmidt bewog den Kirchenvorstand von St. Nikolaus, die Friedhofs- anlage zu ändern. Es mußte einfach mehr Platz geschaffen werden, damit sich eine bessere Lösung für den Kirchenneubau ergäbe. Es wurde auf den Anschluß der Arkaden an die Südseite des Langhauses verzichtet und an den Stadtmagistrat das Gesuch gerichtet, zur Freistellung der Kirche die beiden Häuser Nr. 509 und 510 (oder neu: Nikolausgasse Nr. 44 und 46) anzukaufen und zu demolieren. Die geänderten Skizzen schickte Schmidt bereits am 10. Dezember 1874. Das Kircheninnere war nun dreischiffig mit einer Vorhalle neben dem alten Turm und einem vorspringenden 71 Abb. 20: Partie der alten Friedhofs-Arkaden entlang der St.-Nikolaus-Gasse. Foto: Margarete Hye-Weinhart Haupteingang im Osten. Das Mittelschiff war weit, die Seitenschiffe schmäler als die Breite des Turmes. Ebenfalls neu war ein nur mit seinen polygonalen Abschlüssen vorspringendes Quer- schiff, der Chor war nicht mehr eingezogen, die Apsis hatte ebenfalls einen polygonalen Abschluß, im Norden lag die Sakristei. Dieser Entwurf war absichtlich möglichst einfach gehalten, da die Baukosten schon beim vorhergehenden Entwurf zu hoch ausgefallen wären. „Namentlich wurden auch die Höhendimensionen so gering, als irgend zulässig angenommen, um die Baukosten auf das möglichst niedrige Maß zu reduzieren. In den Gewölben sind keine 72 vorspringenden Gratrippen angenommen, was in dieser Beziehung ein wichtiger Faktor ist, und beschränkt sich überhaupt der architektonische Schmuck auf die Maßwerke der Fenster, die in Cement auszuführen sind, so wie auf das Hauptportal, wozu der Porphirtuff aus Bozen verwendet werden kann“ erläutert Friedrich v. Schmidt diese problemlose Skizze. Die Funda- mente und der untere Teil des Turmes sollten wohl auf Grund des Gutachtens von Architekt Alfons Mayr erhalten bleiben. Ein von den Brüdern Franz und Alfons Mayr durchgeführter Kostenvoranschlag ergab den Betrag von 67.279 fl. 20 kr. Das fürstbischöfliche Ordinariat in Brixen, dem die Pläne zur Genehmigung vorgelegt wurden, fand den alten Turm zu schwach, den Innenraum noch zu klein und die gurtenlose Gewölbean- lage als eine Dürftigkeit, die sich auch vom Standpunkt der Kosten nicht rechtfertigen ließe. Schmidt ging auf diese ihm übermittelten Wünsche ein, vor allem auf die Möglichkeit, den Turm zu erneuern, dessen Stellung und Fundamente er indessen belassen wollte. Seinem Brief vom 8. Februar lag eine Kopie dieses dritten Entwurfes bei, wobei der Umriß des vorangegan- genen Entwurfes mit roter Linie eingetragen war. An Hand dieser Skizze kann man studieren, wie der Künstler versuchte, mehr an Raum zu gewinnen, ohne dafür mehr an Baugrund zu benötigen und auch die Möglichkeit ergriff, trotz der allzu strengen geldlichen Sparmaßnah- men, einen reichhaltigeren Raumkörper zu schaffen. Hiezu bemerkt Schmidt: „Der Grundriß ist außerdem insoferne geändert, als das Mittelschiff etwas schmaler, dagegen die Seitenschiffe um dieses breiter gemacht wurden. Uberdiß ist eine Art von Kreuzschiff angeordnet, wodurch sich auch für die Kanzel eine günstigere Stelle an einem der großen Pfeiler ergiebt. Um dem FB. Ordinariate eine Freude zu machen, habe ich auch Gewölberippen angeordnet, welche in Cementsteinen auszuführen wären.“ In der Grundkonzeption handelte es sich bei dieser Skizze um die Form des endgültigen Grundrisses. Neben den Sakristeiräumen und dem Querschiff war vor allem der Eingang geändert worden, der eine zweigeteilte vorspringende Portalhalle bekam. Das verbreiterte Querschiff hatte Fe-Abschlüsse, der Chor und die Apsis mit dem Z-Abschluß wurden von der Paramentenkammer, der Sakristei und einem Chorumgang umgeben. Den Chorumgang ließ Schmidt später fallen und ersetzte ihn durch offene Grufthallen. Am 3. Juli 1876 schickte Friedrich v. Schmidt den ausgearbeiteten Entwurf. Da die Architekten Franz und Alfons Mayr bereits früher einen Kostenvoranschlag geliefert hatten, trat Pfarrer Mayr an deren Vater, Baumeister Josef Mayr, heran, den Bau zu überneh- men. Da er keine Antwort erhielt, wandte er sich an den Diözesan-Architekten Josef von Stadl, der, mit dem Bau des Vinzentinums in Brixen beschäftigt, keine Zeit für diesen Auftrag hatte.12 Die Bauausführung übernahm sodann die Firma Hüter; ihr Kostenvoranschlag ergab 90.500 fl. 12 Josef Weingartner, Die Kunstdenkmäler Südtirols, 1. Bd., 7. Aufl., Bozen-Innsbruck-Wien 1985, S. 262 f. 73 für den Kirchenbau, 12.000 fl. für den Turm. Der Baufonds belief sich zu diesem Zeitpunkt auf 60.000 fl. Da die neue Kirche so viel Platz wegnahm, mußte der Friedhof neuerlich erweitert werden. Es wurde das hügelige Gelände im Norden abgegraben, das darauf stehende Binder- haus demoliert, der vom Bäckerbichl herabführende Kirchensteig versetzt und eine mächtige Stützmauer in den Hang gesetzt sowie die Arkadenreihe, nun im Norden des neu gewonnenen Platzes, weitergeführt. Am 17. März 1879 wurde mit der Firma Johann Hüter & Söhne der Vertrag über die Bauausführung abgeschlossen, der Pauschalbetrag belief sich ohne den Turm auf 88.000 fl. Dabei hatte Hüter auch die Notkirche aufzustellen. Friedrich v. Schmidt, den Pfarrer Mayr brieflich auf dem laufenden hielt, war mit der Bauausführung durch die Herren Hüter einverstanden, die ihm als erfahrene Bautechniker bekannt waren. Zur Materialfrage erklärte er: „ . . . , daß es für den immerhin etwas kühn konstruierten Bau eine große Wohltat ist, wenn er aus Ziegeln hergestellt wird und sollte daher ein kleines Opfer nicht gescheut werden.“ Schmidt erklärte sich auf die Bitte Karl Mayrs bereit, sich auch der Frage der Innen- ausstattung zu widmen, „überhaupt werde ich Ihnen wie bisher in dieser Angelegenheit stets mit Rath und That zu Seite stehen . . . “. (Brief vom 28. Oktober 1880.) Am 8. Juni 1881 erteilte der Stadtmagistrat Innsbruck die Baubewilligung, und mit 30. Juni 1881 lag auch die kirchliche Genehmigung durch das fb. Ordianariat Brixen vor. Die Vertre- tung der Kirche beim Kirchenbau übernahm Diözesan-Architekt Josef von Stadl (seine Grab- stätte befindet sich bei der Kirche St. Nikolaus). Der Bau ging folgendermaßen vor sich: Man ließ vorerst die alte Kirche stehen und hob rund um sie den Grund für den Neubau aus. Der erste Spatenstich geschah am 11 .Juli, am 29. August wurde die alte Sakristei niedergerissen. Bei der Grundaushebung war man teilweise genötigt, bis über sieben Meter Tiefe zu gehen. Im September entdeckte man, daß der Turm zu schwach war, seine Fundamente lagen nur einen Meter tief. Friedrich v. Schmidt besichtigte am 6. Oktober die Baustelle und zeichnete in der Baukanzlei, die in dem zum Abbruch bestimmten Dollingerhaus, St.-Nikolaus-Gasse Nr. 44, untergebracht war, die äußersten Umrisse des neuen Turmes. Wegen dieser neuen Schwierigkeit war Pfarrer Mayr sehr bedrückt: „Wer den neuen Turm zahlt, weiß ich nicht“, kann man in seinen Aufzeichnungen lesen. Die vielen Probleme - der Bau der Notkirche im nördlichen Friedhof, die Verlegung der Gräber, die Sorge um die Fundamente des Neubaues, die Finanzierung des Turmes - belasteten den Pfarrherren schwer: „Er konnte nicht mehr schlafen, war nicht mehr fähig, ruhig zu denken, warf sich vor, den Kirchenbau leichtsinnigerweise auf sich genommen zu haben, und namentlich peinigte ihn der Gedanke: Die neue Kirche wird viel zu groß und der Gottesacker zu klein“. Der Abbruch des Turmes wurde am 4. November 1881 bewilligt, seine Demolierung erfolgte noch im selben Jahr. Einige Monate später nahm am 23. April 1882 der Dekan und Stadtpfarrer von Innsbruck, Dr. Johann Kometer, die feierliche Grundsteinlegung vor, die Festpredigt hielt 74 Abb. 21: Fronleichnams-Prozession von St. Nikolaus nach Mariahilf im Jahre 1915 - an der Bürgermeisterkette erkennbar, der damalige Innsbrucker Bürgermeister Wilhelm Greil. Fotosammlung, Stadtarchiv Innsbruck. Dekan Alois Gräber.13 (Der Grundstein kam an den südöstlich über Eck gestellten Strebe- pfeiler.14) Die neue Kirche konnte am 26. April 1885 eingesegnet werden; gleichfalls im Jahr 1885 erhielt die Kirche hohen Besuch: Kaiser Franz Joseph I. besichtigte den Neubau, woran eine Marmor- tafel in der Kirche erinnern soll.15 Das große Fest der Einweihung erfolgte am 24. Oktober 1886, Fürstbischof Simon Aichner nahm selbst die Weihe der Pfarrkirche St. Nikolaus vor. Über dem Eingang war ein Chronolo- gikum angebracht: „FrohLoCket Wahrhaft, FrleDe, HelL WIrD heVte Dieser KIrCh zV 13 Andreas Hofer, 5. Jg. (1882), S. 153. 14 Ebd. 15 Neue Tiroler Stimmen, 25. Jg. (1885), Nr. 181. 75 ThelL“.16 Pfarrer Karl Mayr wurde zum geistlichen Rat ernannt. Bei diesem Festakt fehlte jedoch Friedrich v. Schmidt, zu groß waren seine beruflichen Verpflichtungen, denen er nach- zukommen hatte. Während des Zeitraumes, in dem die Kirche von St. Nikolaus geplant und ausgeführt wurde, hatte Schmidt ein unglaubliches Arbeitspensum zu bewältigen. Von seinen damaligen Arbeiten seien hier nur einige wenige erwähnt: der Bau des Wiener Rathauses (seines profanen Hauptwerkes), das Administrationsgebäude der Österreichisch-Ungarischen Bank in Wien, der Entwurf für die Akademie der Wissenschaften in Agram, der Bau des an Stelle des abgebrannten Ringtheaters errichteten kaiserlichen Stiftungshauses in Wien. Auf seinem eigentlichen Gebiet, dem Kirchenbau, schuf Schmidt damals neben einer Anzahl von Kirchen- bauten den Entwurf für eine Kathedrale und Bischofsresidenz in Bukarest, die Liebfrauenkir- che in Dortmund, den Entwurf zu einer Kirche auf dem Kardinal-Rauscher-Platz in Wien XIV., zur Pfarrkirche zum „Göttlichen Herzen Jesu“ in Weiler (BH Feldkirch), zur Pfarrkir- che „hl. Sulpitius“ in Frastanz, zur Pfarrkirche „hl. Josef“ in Wien XVIII.17 Friedrich v. Schmidt lehrte zudem an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Diese Tätigkeit war für den Künstler von großer Wichtigkeit, ebenso wie seine Tätigkeit als Dombaumeister zu St. Ste- phan in Wien wie überhaupt als Denkmalpfleger. Als gesuchter Fachmann war er auch auf diesem Gebiet international tätig.18 Dieser große Architekt hatte schon in der Jugendzeit seine Vorliebe für die Architektur der Gotik entwickelt und konnte zudem eine solide handwerkliche Ausbildung vorweisen, so war er Steinmetzmeister und hatte ein eigenes Steinmetzzeichen. Für St. Nikolaus entwarf Friedrich v. Schmidt auch die Innenausstattung, womit sein Streben nach einem Gesamtkunstwerk unterstrichen wird. Seine Zeichnungen wurden allerdings nur zum Teil verwendet bzw. von den ausführenden Künstlern in abgewandelter Form verwendet. Friedrich v. Schmidt, den die Stadt Innsbruck am 5. September 1877 zum Ehrenbürger ernannt hatte,19 schuf mit der Pfarrkirche St. Nikolaus einen harmonischen Bau. Die dreischiffige nach Westen gerichtete Hallenkirche betritt man durch eine die Breite des Mittelschiffes einneh- mende zweigeteilte Vorhalle mit Treppengiebelfassade. Das vierjöchige Innere weist ein Kreuz- rippengewölbe über Achteckpfeilern mit Runddiensten auf; ein Vorjoch trägt die Orgelem- pore. Der Chor ist ebenso wie das Querschiff polygonal geschlossen. Hohe, gekoppelte Spitz- bogenfenster mit regelmäßigem Maßwerk im Chor, Querschiff, Langhaus und eine Fensterrose an der Eingangsfassade durchbrechen das Mauerwerk. Der Turm in der Nordostecke mit sich 16 Tiroler Volksblatt, 25. Jg. (1886), Nr. 86, S. 3. 17 Waltraud Palme-Comploy, Werkverzeichnis von Friedrich v. Schmidt. In: Die Bauten und ihre Architekten 2, Friedrich v. Schmidt, Gottfried Semper, Carl v. Ffasenauer (Die Wiener Ringstraße, Bild einer Epoche, hrsg. von Renate Wagner-Rieger, 8. Bd.), Wiesbaden 1978, S. 68-71. 18 Neumann, a. a. O., S. 231 ff. 19 Fischnaler, Innsbrucker Chronik 4, Innsbruck 1930, S. 19. 76 nach oben verjüngenden, übereck gestellten Strebepfeilern gipfelt in einem Giebelspitzhelm. Strebepfeiler und Grabarkaden gliedern unter anderem die Außenseite. Dieser Kirchenbau fällt in das letzte Drittel des strengen Historismus, der den Zeitraum von 1850 bis 1880 einnimmt, und weist somit einerseits eine Vorliebe für symmetrische Anlagen, für geometrische Detailformen, für eine Raumvereinheitlichung und andererseits eine starke Auf- gliederung des Außenbaues auf.20 Die klare Gliederung der dreischiffigen Hallenanlage mittels horizontaler und vertikaler Bauteile weitet den Innenraum optisch. Diesen Eindruck verstärkt die durchlaufend gleiche Höhe von Mittelschiff und Presbyterium, die Seitenschiffe sind etwas niedriger; das mit seinen polygonalen Enden vorspringende Querschiff ist hier höher als das Seitenschiff. Diese Bauteile tragen nach innen zur Vergrößerung und auch Vereinheitlichung bei, gleichzeitig wirken sie auf den Außenbau, wo sie in Verbindung mit den Dachkonstruktio nen Akzente setzen und Bewegung in den Bau bringen. Als besonderer Glücksfall ist es zu werten, daß die Original-Innenausstattung der St.-Niko- laus-Kirche erhalten blieb. Der Hochaltar in Form eines Flügelaltares stammt von Josef Schmid, dem Architekten der Tiroler Glasmalereianstalt. Der Altar wurde 1891 aufgestellt; sein Aufbau wurde von Josef Andergassen aus Hall in Tirol, seine Skulpturen von Serafin Eberhart, die Ornamentik von Franz Egg und die Fassung sowie Vergoldung von Eduard Sailer ausge- führt. Die Bildtafeln der Außenseiten malte Hans Rabensteiner aus Klausen nach der Art Martin Schongauers; die Metallarbeiten lieferte Jakob Rappel aus Schwaz: den Tabernakel in Email, große und kleine Altarleuchter nach Entwürfen von Josef Schmid, die neugotische Monstranz etc. Uber der von Säulchen getragenen Steinmensa und der niederen, mit ornamen- tierten Vierpässen verzierten Predella erhebt sich der Schrein mit polychromierten Vollplasti- ken. Im Schrein: hl. Nikolaus, hl. Martin, hl. Sebastian und hl. Florian, an den Flügelinnen- seiten Reliefs der Geburt Christi und Anbetung der Könige. Die Figuren stehen vor Goldgrund unter vergoldeten Kielbögen mit reichem Ranken- und Maßwerk; auf den teilenden Säulchen musizierende Engel. Die Flügelaußenseiten zeigen vier gemalte Passionsszenen; die hll. Petrus und Paulus flankieren sozusagen als Wärter den Schrein. Der Tabernakelbau reicht über die zwei Stockwerke des Schreines. Im hochaufgetürmten Gesprenge sind unter Baldachinen mit emporstrebenden Fialen die hl. Katharina, die hl. Barbara, die hl. Maria und der hl. Johannes, an höchster Stelle ist der Gekreuzigte. In einem Brief vom 6. Jänner 1890 lobt Friedrich v. Schmidt den Entwurf von Josef Schmid für den Hochaltar, bis auf die Predella, die Steincharak- ter habe.21 20 Zum Begriff strenger Historismus siehe etwa: Renate Wagner-Rieger, Wiens Architektur im 19. Jahrhundert, Wien 1970, S. 147 ff. 21 Pfarrarchiv in der Sakristei. Hier finden sich auch Rechnungen der Künstler und Handwerker zur übrigen Ausstat- tung der Kirche. Neue Tiroler Stimmen, 31. Jg. (1891), Nr. 110, 114. 77 Abb. 22: Blick vom Stadtturm nach Mariahilf mit dem Ansitz Ettenau an der Höttinger Gasse (rechts) und der Kuppel der Maria-Hilf-Kirche - auf dem Inn die für den alten Verkehr vom Oberland typischen Floße. Links im Bild der Innrain. Lithographie von Friedrich Rehberg, 1820 Original im Stadtarchiv Innsbruck Die qualitätvollen Chorstühle im Presbyterium wurden nach einem Entwurf von Josef Schmid, von Franz Egg (Ornamentik) und dem Kunsttischler Möslein 1894 geliefert. Die Statuen Johan- nes der Täufer und David sind heute ohne Aufsatz und stammen vom Bildhauer Alois Winkler.22 Unter der Leitung von Josef Schmid wurde auch das Kommuniongitter 1892 hergestellt. Die Zeichnungen für die Ornamente kamen von Rupert Schwarzenberger, die Schmiedeeisenarbeit führte Johann Palla und die Marmorarbeit Leopold Seeber aus.23 Die beiden polychromierten Seitenaltäre entwarf ebenfalls Josef Schmid (1896). Der linke Flügelaltar, der Marienaltar, beinhaltet im Schrein die hl. Maria mit Kind (Vollplastik), die Innenflügel tragen Reliefs mit Darstellungen aus dem Leben Mariens. Diese Holzarbeiten stammen wie die Pieta in der Predella und die drei Erzengel im Gesprenge von Alois Winkler (1898). An den Außenseiten der Flügel brachte Johann Ertl aus Schwaz den hl. Joachim und die hl. Anna mit dem Marienkind an. Der Altarbau, die Fassung und Vergoldung sind von Cle- mens Raffeiner aus Schwaz. Auch am rechten Flügelaltar, dem Josefsaltar, arbeitete Alois Winkler. Er verpflichtete sich, den figürlichen Teil des „St.-Josef-Todesangst-Bruderschaft- Altares“ zusammen mit Bachlechner bis zum Feste Maria Geburt 1899 fertigzustellen.24 Er fertigte die Hauptdarstellung im Schrein an, den Tod des hl. Josef in der Predella, den segnen- den Jesus mit Kelch und die Figuren am Altargiebel, die Patrone der Sterbenden: hl. Barbara, hl. Johannes von Gott, hl. Camillus. Die Flügelaußenseiten zeigen den hl. Josef mit Christus und Papst Leo XIII. Die Innenseiten der Flügel mit Szenen aus dem Leben des hl. Josef-Josef bei der Geburt Christi, im Haus zu Nazareth, auf der Flucht nach Ägypten, Jesus im Tempel suchend - sind Arbeiten des jungen Josef Bachlechner (1871 bis 1923), der noch bei der Innen- ausstattung der Kirche einige Bedeutung erlangen sollte. Im Querschiff sind die zwei Flügelal- täre sein Werk: rechts der 1906 aufgestellte Herz-Jesu-Altar und links der Heilig-Geist-Altar von 1910. Der Herz-Jesu-Altar: Im Schrein ist in Hochrelief der Schwur des Tiroler Landes an das Herz Jesu unter einem Bogen mit Rankenwerk dargestellt, an den auch von Bachlechner gemalten Flügelinnenseiten die hll. Isidor und Notburga, außen die hll. Wendelin und Isidor. Eine Abendmahldarstellung füllt den engen Raum der Predella; am Aufsatz der Gekreuzigte. Die zart ausgeführte Ornamentik ist ebenso bemerkenswert wie die lebendige Darstellung und die feine Farbabstimmung. Bei seinem Gegenstück, dem Heilig-Geist-Altar, arbeitete Josef Bach- 22 Am 21. 3. 1897 legt Alois Winkler die Rechnung für die beiden Figuren aus Eiche vor (Pfarrarchiv Sakristei). 23 Neue Tiroler Stimmen, 32. Jg. (1892), Nr. 99, S. 3. 24 Pfarrarchiv. 80 lechners Bruder Ludwig mit, der als Altarbauer und Kunsttischler den Altaraufbau lieferte.25 Das Hauptthema, die Sendung des Heiligen Geistes, findet sich als Hochrelief im Schrein, die anderen Darstellungen sind gleichfalls dem Wirken des Heiligen Geistes gewidmet: an den Innenflügeln die Taufe Jesu und die Priesterweihe, an den Außenflügeln Maria Verkündigung, in der Predella die Spendung des Sakramentes der Firmung und am Altaraufsatz die Taube mit stilisierten Granatäpfeln als Sinnbild der Liebe, seitlich stilisierte Sonnenblumen mit den Gaben des Heiligen Geistes. Die Fassung des Altares nahm zum großen Teil Otto Plattner aus Hötting vor. Die prachtvolle Kanzel am linken Vierungspfeiler wurde nach einem Entwurf von Josef Bach- lechner etwas einfacher ausgearbeitet, einige Teile wurden von ihm noch selbst verfertigt. Nach seinem Tod im Jahre 1923 vollendeten seine Schüler Heinrich Ludwig und Gottfried Köstler noch im selben Jahr die Kanzel. Dieses großartige Werk reicht vom Fußboden bis ins Gewölbe. Uber dem Kanzelfuß mit fünf Statuen aus dem Alten Testament (Abraham, Moses, Johannes der Täufer, David, Elias) Medaillons von Christus und den vier Evangelisten; an der Kanzel- brüstung vier Reliefs mit Themen aus dem Neuen Testament (Jesus am Jakobsbrunnen, Berg- predigt, Jesus im Hause von Martha und Maria, Petrus wird zum Oberhaupt der Kirche bestellt). Der hoch emporstrebende Aufsatz des Schalldeckels trägt die, Dreifaltigkeit und Posaunenengel. Die Kunsttischlerarbeiten sind von Anton Menardi und Anton Harb aus Hall in Tirol, die Fassung ist von Otto Plattner. Das Stiegengitter der Kanzel wurde von Sepp Thurner gemeinsam mit Felix Wopfner gearbeitet.26 Die seit dem Aschermittwoch des Jahres 1901 aufgestellten Kreuzwegstationen sind ebenfalls von Josef Bachlechner.27 Kurz erwähnt sei die restliche Inneneinrichtung: Ein Rosenkranzbild am rechten Vierungspfeiler von Alois Winkler zeigt, wie die Mutter Gottes dem hl. Dominikus den Rosenkranz reicht. Im linken Seitenschiff befindet sich eine Pieta aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das signierte Vorhallengitter wurde von Siegfried Thurner, dem Erbauer der Theresienkirche auf der Hungerburg entworfen und nach 1930 von Schlossermeister Hans Scheiber ausgeführt.28 Das Kruzifix im Vorraum schuf der in Fließ geborene und 1881 in München gestorbene Josef Knabl.29 Im Vorraum befindet sich neben dem marmornen Taufstein (Entwurf von P. Johann M. Reiter, Mosaikbilder von Pfefferle in Zirl, 25 Vinzenz Geppert, Der Heilig-Geist-Altar zu St. Nikolaus - Innsbruck. In: Allgemeiner Tiroler Anzeiger, 3. Jg. (1910), Nr. 129, S. 1-5. 26 J(osef) Garber, Die Bachlechner-Kanzel für St. Nikolaus. In: Tiroler Anzeiger, 16. Jg. (1923), Nr. 50, S. 4 f. 27 Die Post, 3. Jg. (1901), Nr. 18, S. 1 f. 28 Innsbrucker Nachrichten, 78. Jg. (1931), Nr. 299, S. 13. 29 Andreas Hofer, 9. Jg. (1886), S. 345. 81 Abb. 23: An der Stadtgrenze am Höttinger Bach bzw. am Platz vor der Pfarrkirche von Mariahilf befand sich im 19. Jahrhundert ein Schlag- baum mit Wächterhäuschen (Bildmitte). Ausschnitt aus einer Stadt- ansicht von Innsbruck von J. Hyrtl, Wien 1840 Original im Stadtarchiv Inns- bruck ■\ n s :i c){ Steinmetzarbeiten von Ignaz Franz) ein Grabstein aus rotem Marmor vom alten Friedhof mit Porträt Getzners, gestorben am 16. Februar 1519. Das Orgelgehäuse von 1885 ist von Franz Weber.30 Wichtig für die Gestaltung des Innenraumes zur Zeit der Neugotik waren die Fresken und die Glasgemälde. Friedrich v. Schmidt stellte wohl die Verbindung zu den Malern Franz und Karl Jobst her, die bereits mit ihm zusammengearbeitet hatten, so z. B. beim Kaiserlichen Stiftungs- haus in Wien. Sie malten zusammen am Gewölbe des Presbyteriums musizierende und die Leidenswerkzeuge haltende Engel auf blauem Grund (1888), und Karl Jobst vollendet nach dem Tod seines Bruders die Fresken im Langhaus im Jahre 1896.31 Die Fresken hinter dem Altar, Engel einen Teppich haltend, auf dem ursprünglich die Sinnbilder der vier Elemente abgebildet waren, gehen auf einen Entwurf von Josef Schmid zurück. Anläßlich der Innenrenovierung in den Jahren 1961 bis 1963 unter Pfarrer E. Bischof wurde die Quadraturmalerei der Wände entfernt. Die Glasgemälde stammen aus der Innsbrucker Glasmalereianstalt und haben folgende The- men: Im Presbyterium in der Mitte das Opfer Melchisedechs und Abrahams, daneben vier Szenen aus dem Leben Christi. Im Querschiff hinter dem Herz-Jesu-Altar Jesus und Margarete Alaquoque mit den vier Heiligen: Bernhard, Bonaventura, Gertrud und Theresia. Links hinter dem Heilig-Geist-Altar der hl. Petrus und Papst Leo XIII., daneben die hll. Athanasius, Basilius, Chrysostomus und Thomas. Im Langhaus werden Szenen aus dem Leben der Kir- chenpatrone Nikolaus und Martin dargestellt. Zum Schluß sei noch auf den Fassadenschmuck hingewiesen. Uber dem Eingang wurden 1904 drei Skulpturen unter Wimpergen und vor Goldmosaikgrund aufgestellt: Maria, flankiert von den Kirchenpatronen Nikolaus und Martin. Ursprünglich hatte der Steinmetz Ignaz Franz den Auftrag übernommen, durch seine Erkrankung verzögerte sich die Ausführung, und er emp- fahl schließlich den Bildhauer Johann Posch aus Hall in Tirol, der die Figuren aus Breitenbrun- ner Marmor arbeitete.32 Die Mosaike am Giebel - die vier Evangelisten und vier Propheten wurden nach Entwürfen von Michael Stolz von der Neuhauserschen Mosaikwerkstätte herge- stellt,33 die Salvator-Statue in der Mitte stammt von Julius Blaas (1885). Die St.-Nikolaus-Kirche sollte nach dem Willen ihrer Erbauer eine Zierde für die Stadt sein, ein Wunsch, der für die Zeit des Historismus bezeichnend ist, in der ein Bauwerk nicht nur Nutzbau, sondern auch Monumentalbau sein sollte. Sie gehört zu den wenigen Kirchen, die 30 Dehio, Handbuch für Tirol, Wien 1980, S. 37. 31 Briefwechsel im Pfarrarchiv. Neue Tiroler Stimmen, 36. Jg. (1896), Nr. 279, S. 2. 32 Andreas Hofer, 27. Jg. (1904), S. 463 f. 33 Tiroler Volksblatt, 25. Jg. (1886), Nr. 86, S. 3. 84 noch die weitgehend unveränderte Originalausstattung besitzen, und auch nach der Renovie- rung, in den Jahren 1961 bis 1963, die dem Innenraum mehr Licht zuführte, weist sie die einst erstrebte Schattendämmerung im Raum auf. Anschrift der Verfasserin: Dr. Waltraud Palme-Comploy Leopoldstraße 65 6020 Innsbruck Anhang: Text der Urkunde, die 1882 in den Grundstein der neuen Pfarrkirche gelegt wurde (zitiert nach: Tiroler Anzeiger 1936, Nr. 232, S. 5): „Zum ewigen Gedächtnis. Im Jahre des Heiles 1882 am 2. Sonntag nach Ostern (23. April) unter der glorreichen Regierung Sr. Heiligkeit Papst Leo XIII. und seiner K. u. K. apostoli- schen Majestät Kaiser Franz Josef I., unter der Amtsführung des Herrn Dr. Heinrich Falk als Bürgermeister von Innsbruck, wurde dieser Grundstein zur neuen Pfarrkirche von St. Niko- laus von dem durch Sr. fb. Gnaden Johannes von Leiß zu Leimburg gestellten fb. Kommissär Sr. Hochwürden und Gnaden Dr. Johannes Kommeter, Dekan und Stadtpfarrer von Inns- bruck, geweiht und gelegt. Der Kirchenbauer wurde von Sr. Hochwürden und Gnaden Herrn Alois Gräber, früher Pfarrer von St. Nikolaus, jetzt Dekan von Thaur, eingeleitet und durch huldvolle Spenden der Mitglieder des allerhöchsten Kaiserhauses, durch großartige Unterstüt- zungen von Seite der hiesigen löblichen Sparkasse, durch jahrelange Beiträge vieler edler Bewohner der Stadt, namentlich der Pfarrangehörigen von St. Nikolaus (unter denen Jungfrau Maria Hechenblaikner und Herr Johann Handl, Kirchpropst, beide seelig, besonders hervorra- gen) und durch Beihilfe des löblichen Stadtmagistrates als Patron der Kirche ermöglicht und wird nunmehr nach dem Plane des Herrn Friedrich Schmidt, Dombaumeister zu St. Stephan in Wien, von der Firma Johann Hüter und Söhne unter der Inspektion des Herrn Josef von Stadl, Diözesanarchitekten, ausgeführt. Möge derselbe zur Ehre Gottes, der unbefleckt empfangenen Gottesmutter Maria, des heiligen Nährvaters Josef und allen lieben Heiligen, unserer Kirchen- patrone, des hl. Nikolaus und des hl. Martinus glücklich vollendet werden und durch alle Zeiten die unversiegbare Quelle der Gnade und des Segens bleiben für alle künftigen Geschlech- ter von St. Nikolaus. Um das fleht zu Gott mit der ganzen Pfarrgemeinde Karl Mayr, derzeit Pfarrer. - Dr. Falk, Bürgermeister; Dr. Kommeter, Dekan und fb. Kommissär; Dekan Gräber; Schuhmacher, Vizebürgermeister; Karl Adam, Vorstand der Sparkasse; Karl Mayr, Pfarrer; Dr. Werner, Magistratsrat; Dr. Tschurtschenthaler, Direktor; Huber, Kooperator; v. Stadl, Architekt; Peter Hüter, Baumeister; Prix, Kirchprobst; Josef Hüter; Johann Hüter; Anton Hüter; Schweiger, Kirchprobst.“ 85 Abb. 24: Die Mariahilfstraße mit der ehemaligen Schmiedehütte im Jahre 1928. Fotosammlung, Stadtarchiv Innsbruck Der Kindergarten St. Nikolaus von den Anfängen bis heute Von Hannelore S p i e 1 m a n n Am'28. Jänner 1831 veröffentlichte das Tiroler Gubernium ein Rundschreiben über den Nutzen der Kleinkinderschulen. 1833 mietete die Armendirektion zur Errichtung einer solchen in St. Nikolaus ein ebenerdiges Lokal im Hause Innstraße 57. Stadtdekan Duille und Bürger- meister Dr. Josef Maurer machten sich um die Gründung besonders verdient. Die Eröffnung erfolgte am 27. Mai 1832 mit 60 Kindern! Betreut wurden diese von einer Wärterin, die aus dem Asyl für alte Dienstboten ausgewählt wurde. Der Casinoverein veranstaltete am Ostersonntag 1832 ein Konzert, dessen Erlös von 200 Gulden der Wartanstalt gewidmet wurde. Dort beauf- sichtigte man Kinder von zwei bis sechs Jahren täglich von 8 bis 11 Uhr und von 13 bis 18 Uhr. Das Jahresgehalt für die Lehrerin oder Wärterin betrug 150 Gulden. Die räumliche und pädagogische Situation dieser ersten Einrichtung für Kleinkinder kann man - wenngleich dies bereits ein Fortschritt war - als triste bezeichnen. Zur Abhilfe wurde 1833 zusätzlich im Armenhaus vom Magistrat ein Saal für 70 bis 80 Kinder bereitgestellt und der dazugehörige Garten mit Obstbäumen besetzt. Leopold Chimani beschreibt in einem Leitfaden für Kinderbewahranstalten (1832) die notwen- dige Ausstattung dieser Bewahrstuben, wie folgt: „Schulzimmer, Schulgeräthe, Lehrmittel und Spielplatz. Das Schulzimmer oder die Kinder-Bewahrstube muß in Beziehung auf den Raum nach der Zahl der Kinder, welche in die Bewahranstalt aufgenommen werden, so bemessen seyn, daß nicht nur alle Kinder in den Bänken bequem sitzen können, sondern daß auch noch hinlänglicher Raum zu den körperlichen Übungen der Kinder bleibt, daß sie in Reihen auf und ab schreiten, und bey schlechtem Wetter ungehindert die Spiele vornehmen können. Es muß trocken, licht, luftig und von ziemlicher Höhe seyn. Ein feuchtes Zimmer wird durch die Ausdünstung der zahlreich versammelten Kinder noch ungesunder. Das Licht darf durch die Fenster nicht zu grell einfallen, und die Sonnenstrahlen, welche die Augen der Kinder treffen könnten, müssen durch Vorhänge abgehalten werden. Die Fenster dürfen nicht zu niedrig stehen, damit die Kinder nicht auf dieselben klettern, und dadurch Schaden nehmen. Die Mauerwände, besonders wenn die Sonnenstrahlen auf dieselben fallen, dürfen nicht blendend weiß seyn, weil der Anblick derselben die Augen der Kinder schwächt. Die untern Flügel der Fenster müssen fest an die Rahmen anschließen, damit die Kinder keiner Zugluft ausgesetzt sind; die oberen Flügel können bey guter Witterung, selbst während des Unterrichts, geöffnet werden. Fs müssen aber in denselben Ventilatoren angebracht seyn, damit 87 auch bey schlechtem Wetter durch dieselben die Luft in der Bewahrstube erneuert werden könne. Wenn die Kinder entlassen sind, müssen alle Fenster geöffnet, und der Boden gefegt, oft auch gescheuert werden. Neben der Bewahrstube soll sich ein Kämmerchen befinden, in welchem bey feuchter Witterung und Regenwetter die nassen Hüte, Mäntel, Tücher, Oberröcke u. s. w., welche durch ihre Ausdünstung die Luft in der Bewahrstube verderben, bis zur Entlassung der Kinder aufbewahrt werden. Im Mittelpunkte der Bewahrstube soll eine schuhhohe Treppe mit einem Stühlchen seyn, auf welche das gerufene Kind tritt, und auf welches es sich setzt, wenn es den in den Bänken sitzenden Kindern etwas vormachen, vorerzählen oder Vorsingen soll. Diese Treppe soll beweg- lich seyn, damit sie beym Spiele an die Wand geschoben werden kann. “ Die Famiiiensituation der unteren Volksschichten anfangs des 19. Jahrhunderts, und damit verbunden das Leben des Kleinkindes in diesen Familien, machen die Notwendigkeit und Bedeutsamkeit der Gründung von Bewahranstalten verständlich. In den kleinen Handwerksbetrieben und den bäuerlichen Wirtschaften der vorindustriellen Zeit waren die Kinder von Anfang an schon mit der Werkstatt des Vaters und den hauswirt- schaftlichen Verrichtungen der Mutter vertraut. Sie wurden von klein an auf ihr künftiges Leben vorbereitet und wuchsen so in den späteren Aufgabenbereich hinein. Die Familie galt als Träger der Kleinkindererziehung. Die industrielle Entwicklung brachte dann eine radikale Veränderung dieser gesellschaftlichen und familiären Verhältnisse. Durch die Konkurrenz der Fabriken lösten sich immer mehr Handwerksbetriebe auf. Die Handwerker wurden zu Lohnarbeitern. Landarbeiter zogen in Industriestädte in der Hoffnung, bessere Lebensbedingungen zu finden. Die Städte vergrößer- ten sich, in großen Industriezentren entstanden Arbeiterviertel, in denen Schmutz, Elend, Armut, Wohnungsnot, Hunger und Krankheit vorherrschten. Frauen und halbwüchsige Kin- der arbeiteten bis zu'16 Stunden täglich in den Fabriken, Kinderarbeit war ein selbstverständli- cher und notwendiger Beitrag zur Lebenshaltung der Familie. Die Folge dieser Entwicklung war grenzenloses Kinderelend. Durch die Lohnarbeit der Mütter und der größeren Geschwister kam es zur Vernachlässigung, zu einer vollkommenen Sichselbstüberlassung der Kleinkinder der Unterschicht. Es fehlte an der notwendigen Pflege und Erziehung. Es mangelte an den elementarsten Bedingungen für eine gesunde und normale Entwicklung der Kinder. Abb. 25: Hufeisen und Holzrelief mit Darstellung einer Hufschmiede mit dem hl. Bischof Eligius, dem Patron der [> Schmiede - hier allerdings ohne Heiligenschein - an der ehemaligen Schmiede, Mariahilfstraße 14. Foto: Margarete Hye-Weinhart Die materielle Notlage der meisten Familien, die enorme Arbeitsbelastung in den Fabriken und die tristen Wohnverhältnisse hatten eine Art „pädagogische Erschlaffung“ zur Folge. Die Konsequenzen waren unter anderem eine enorm hohe Kindersterblichkeit und eine allgemeine Verwahrlosung. Die Kinder suchten auf den Straßen Nahrung und Beschäftigung. Seraph Hügel (1851) beschrieb die Situation folgendermaßen: „Die ersten vier der angegebenen Bewahrungsarten greifen meist dann Platz, wenn sowohl der Vater als die Mutter, durch die Eigenthümlichkeit ihrer Beschäftigung gezwungen sind, ihrem Broderwerbe außer Haus nachzugehen. Diese kleinen Kinder werden von ihren Aeltern oft nur in der Absicht allein in versperrten Wohnungen zurückgelassen, weil sie irrthümlich vermeinen, daß dieselben auf diese Weise sicherer vor allen Unfällen bewahrt bleiben, ohne zu bedenken, daß sie leicht lebensgefährliche Gegenstände verschlingen, durch Klettern auf Stühle und Kästen Hals und Beine brechen, aus schlecht verschlossenen Fenstern herabstürzen, durch Entzündung der Kleider verbrennen, durch schädliche Gasarten ersticken, durch Langeweile dem Laster der Onanie oder einer geistigen Apathie u. s. w. verfallen können. “ Die Bewahranstalten wurden damit zu einer notwendigen Ergänzung der übrigen Einrichtun- gen des Armenwesens. Der Beginn der öffentlichen Erziehung der Kleinkinder muß als Armen- versorgung verstanden werden, die abhängig war von Kirche, Frauen- und Wohltätigkeitsver- einen und dem Adel. Die Situation der Kinder in den drei Innsbrucker Bewahranstalten in St. Nikolaus, in der Inneren Stadt und in Dreiheiligen und die zusätzliche finanzielle Belastung für die Stadtgemeinde waren unmittelbarer Anlaß zur Gründung eines „Frauenvereines zur Beförderung der Kleinkinderwartanstalten und Industrieschulen für Mädchen zu Innsbruck. “ Am 9. Jänner 1834 erließ Landesgouverneur Friedrich Graf Wilczek einen Aufruf zur Grün- dung eines Frauenvereines. 215 Frauen meldeten sich zum Beitritt. Am 7. Februar 1834 fand die feierliche Gründungsversammlung des Frauenvereines in der Hofburg statt. Dieser Frauenver- ein stand - so wie alle Frauenvereine im damaligen Österreich mit dem Ziel der Errichtung von Kinderbewahranstalten - unter dem Protektorat der Gattin des Kaisers Franz I., Kaiserin Carolina Augusta (gest. 1873). Übernommen wurde dieses Protektorat später von Kaiserin Elisabeth, die dem Verein eine jährliche Gabe von 100 Gulden widmete. Im Provinzial - Handbuch für Tirol und Vorarlberg 1848 werden unter „Humanitätsanstalten“ für Innsbruck die drei Kinderwartanstalten des Frauenvereins angeführt: 1. Kleinkinderwartanstalt am linken Innufer, St. Nikolaus Nr. 449 (= Innstraße 57) 2. Kleinkinderwartanstalt im Inneren der Stadt, Angerzell Nr. 251 3. Kleinkinderwartanstalt zu Dreiheiligen Nr. 330. 90 Der Verein verteilte in den Anstalten der Inneren Stadt und in Dreiheiligen täglich um einen halben Gulden, in St. Nikolaus um einen Gulden Brot. St. Nikolaus wurde von 350 Kindern besucht, Dreiheiligen von 170 und Angerzell von 180. Der Staat anerkannte zwar den Zweck der Bewahranstalten, lehnte aber die Sorge dafür ab, weil - der damaligen Zeit entsprechend - erst dem Schulkind öffentliche Erziehung und Bildung zuerkannt wurde und dafür Mittel aus dem Schulfonds zur Verfügung standen. Deshalb über- nahmen die Kirche, Vereine und der Adel die Erhaltung der Bewahranstalten. Für die Arbeit in den Bewahranstalten ergaben sich folgende Grundsätze: Gewöhnung, Belehrung und Zucht waren die richtungsweisenden Erziehungsziele jener Zeit. Das selbsttätige Spiel des Kleinkindes und seine geistige Entfaltung blieben hinter Pflege und Wartung zurück. Nicht die persönlichkeitsbildende Aufgabe stand im Vordergrund der erzie- herischen Tätigkeit, sondern die des Bewahrens, der Fürsorge. Bei der Vielzahl von Einrichtun- gen, die in ganz Europa meist auf private Initiativen hin entstanden, ging es darum, die Kinder vor Verwahrlosung und Kriminalität zu bewahren und ihnen Fertigkeiten beizubringen, mit deren Hilfe sie später selbst ihren Unterhalt verdienen konnten. Da die Institution nur vom Wohltätigkeitsgedanken der Frauenvereine getragen war, führte dies zur baldigen Erstarrung und „Verschulung“ der Einrichtung. Auch das Fehlen von Einsichten in die Wesensart des Kleinkindes und von speziell ausgebildeten Erziehern trugen zu dieser Entwicklung bei. Obwohl die Statuten aller Vereine zur Kinderwart betonten, „eigentlicher Unterricht“ sei noch nicht anzustreben, fehlte es an konkreten Vorschlägen zur Erziehung der kleinen Kinder, so daß letztlich doch nur halbstündliche Lehrinhalte angeboten wurden. Ein Modell für die Stundeneinteilung einer Woche aus dem Jahr 1832 veranschaulicht den Tagesablauf in den Bewahranstalten (siehe Seite 92). Leopold Chimanis „Theoretisch-praktischer Leitfaden für Lehrer in Kinderbewahranstalten“ wurde 1832 auf Kosten des Hauptvereines für Kinderbewahranstalten in Österreich herausge- geben und enthielt erste methodische Hinweise zur Arbeit mit Kleinkindern. Sie bezogen sich auf: - Anregungen zur Entwicklung der körperlichen Kräfte, - Anregung und Entwicklung des Verstandes, des Gedächtnisses und der Erinnerungskraft, - Erweckung der Aufmerksamkeit, des sittlichen und religiösen Gefühles, - die Begründung des moralischen Charakters. Auszüge aus dem damaligen Gesetz zur Beschäftigung der Kinder: § 19 weist die Verstandesbildung als „zweite Aufgabe“ der Anstalt aus: „Aufmerksamkeit, Gedächtniß, Vorstellungsvermögen und Urtheilskraft müssen angeregt werden . . . “ 91 Stunden-Eintheilung Vormittag Eine halbe Eine halbe Eine halbe Eine halbe Eine halbe Eine halbe Eine halbe Stunde. Stunde. Stunde. Stunde. Stunde. Stunde. Stunde. Montag. Gebeth oder Unterhaltun- Gedächtniß- Körperliche Buchstaben- Essen und Spiel. Gesang. gen über Gott übungen. Übungen. kennen und Handarbeiten. Buchstabieren Dinstag. _ Biblische Er- Übungen des — Rechnen. — — zählungen. Erkenntniß- vermögens. Mitt- - Moralische Er- Verstandesü- - Gesang. - - woch. zählungen. bungen. Donners- ~ Unterhaltun- Gedächtniß- — Buchstaben- — tag. gen über Gott übungen. kennen und Buchstabieren Freytag. — Biblische Er- Übungen des — Rechnen. ~ — zählungen. Erkenntniß- vermögens. Sonn- - Moralische Er- Verstandes- - Gesang. - - abend. zählungen. übungen. Nachmittag. Eine halbe Eine halbe Eine halbe Eine halbe Eine halbe Eine halbe Eine halbe Stunde. Stunde. Stunde. Stunde. Stunde. Stunde. Stunde. Montag. Gebeth oder Moralische Er- Übungen des Körperliche Gesang. Essen und Spiel. Gesang. zählungen. Erkenntniß- Übungen. Handarbeiten. vermögens. Dinstag. ' Unterhaltun- Übungen des — Buchstaben- — — gen über Gott. Verstandes. kennen und Buchstabieren Mitt- - Biblische Er- Gedächtniß- - Rechnen. - - woch. zählungen. übungen. Donners- ' Moralische Er- Übungen des — Gesang. — — tag. zählungen. Erkenntniß- vermögens. Freytag. ' Unterhaltun- Übungen des — Buchstaben- — — gen über Gott. Verstandes. kennen und Buchstabieren. Sonn- - Biblische Er- Gedächtniß- - Rechnen. - - abend. zählungen. übungen. Abb. 26: Östlicher Abschnitt der Häuserzeile an der Mariahilfstraße, wobei an der Fassade des Hauses Nr. 4 noch die Aufschrift „K. K. Postamt Mariahilf“ und eine Kanonenkugel von 1809 erkennbar sind. Fotosammlung, Stadtarchiv Innsbruck § 20 betont das Vor- und Nachsagen gut gewählter Sprüche, biblischer Erzählungen, das Vor- und Nachsingen kindlich-frommer Lieder als die Mittel einer religiös-sittlichen Bil- dung. Im Abschnitt VII werden die dem Alter der Kinder angemessenen Beschäftigungen angeführt. „§ 23 . . . damit das Kind schon in der Arbeit das Mittel sich den Lebensunterhalt zu verschaffen und der bürgerlichen Gesellschaft nützlich zu werden, erblickt.“ Vorgeschlagen werden: „Liguren ausschneiden, Hülsenfrüchte reinigen, Ledern reißen, Garn aufspulen, Zwirn abwinden, Stroh oder Rohr flechten, Knöpfe überspinnen, nähen, stricken, spinnen, im Garten arbeiten u.d.gl.“ 93 § 24 fordert nach der Arbeits- und Lernzeit Spiele zur Erholung. „ . . . sie dürfen der Sittlichkeit nicht den geringsten Abbruch tun.“ Abschnitt VIII ermöglicht einen Einblick in die Organisation: § 25 legt eine genaue Tagesordnung fest: „ . . . eine Stunde auf Geistesübung, und eine Stunde auf Beschäftigung in jedem halben Tage, die übrige Zeit auf Erholung verwendet, dürfte angemessen scheinen.“ Laut § 26 wurden die Anstalten zwischen 6 und 8 Uhr morgens geöffnet und zwischen 6 und 7 Uhr abends geschlossen. Der Besuch für Kinder mittelloser Eltern war unentgeltlich, Kinder von bemittelten Eltern mußten ein mäßiges, den Ordensverhältnissen entsprechendes Entgelt bezahlen. Für die Mittagszeit durften „einige Nahrungsmittel“ in die Anstalt mitgegeben werden, „den ärmsten Kindern wird ein Mittagessen unentgeltlich verabreicht“. (§ 29) § 30 verlangt, daß die Kinder rein gewaschen und gekämmt sind; die Kleider dürfen nicht zerrissen und schmutzig sein, „ . . . damit die Kinder gegenseitig keinen Ekel erregen“. Die §§31 und 32 weisen darauf hin, daß die Belohnungen in Beifall und Lob, die Strafen in Mißbdligung und Tadel bestehen. Zur Belohnung können Geschenke, Bilder, Kleidungs- stücke gegeben werden; als Strafe nur in äußersten Fällen „ ... mit Wissen und Zustimmung der Eltern kann eine leichte Ruthe angewendet werden.“ / Moralische Geschichte Im Anschluß an diese theoretischen Ausführungen sei noch eine praktische „Lehrge- schichte“ von anno dazumal angefügt: „Das Fünkchen. Mutter hat zum Büblein gesagt: ,Spiel’ mit dem Fünkchen nicht!’ Das Büblein aber war schlimm; es hat auf’s Fünkchen geblasen und’s Fünklein ist fortgeflogen. Hinter dem Ofen stand ein Korb, in dem war Stroh; dort hat sich’s Fünkchen versteckt. Wie das Büblein zu Bett gegangen ist, hat das Fünkchen im Korbe geknistert; das Fünkchen ist zum Feuer geworden, es hat mit seiner heißen Zunge am Sessel geleckt und er hat gebrannt, dann der Tisch, der Kasten und zuletzt gar das Bett, in dem das Büblein schlief. 94 Erst hat das Büblein im Schlaf gepustet, dann ist’s aufgewacht. Da hat es geschrieen und geweint, und wäre nicht die Mutter gekommen und hätte es geschwind hinausgetragen, so wäre es verbrannt und erstickt. Draußen aber stunden die Leute und riefen: ,Es brennt!’ und die Soldaten trommelten, und die Glocken läuteten; das war ein großer Jammer und die Leute schütteten Wasser in’s Feuer, aber es half nichts;'das ganze Haus verbrannte und wurde ein großer Haufen Asche. Das Büblein aber war schuld daran; denn es hatte mit dem Fünkchen gespielt. Nun hatte es kein Haus und kein Bettchen mehr. R. Niedergesäß (Kinderstubengeschichten).“ Soweit also die organisatorische und pädagogische Situation in den ersten Jahrzehnten der Kleinkinderbewahranstalt in St. Nikolaus, welche 1854 in das zu diesem Zweck als „neues Schulhaus“ adaptierte Gebäude des ehemaligen zweiten oder „Unteren Bruderhauses in St. Ni- colaus“ (Innstraße 97) übersiedelte (vgl. Abb. 50 und 51). Im Jahre 1860 gelang es dann durch gedeihliches Zusammenwirken des Frauenvereins und des Pfarrers von St. Nikolaus, Alois Gräber, als „Tanten“ für die Bewahranstalt und als Lehrerin- nen für die Mädchen-Industrieschule Barmherzige Schwestern zu gewinnen, welche hier fortan durch Jahrzehnte segensreich wirkten. Am 21. August 1873 beschloß der Bürgerausschuß, zusätzlich zur Kinderbewahranstalt des Frauenvereines, noch die Errichtung eines Kindergartens in den Räumen der damals neu erbau- ten Mädchenvolksschule St. Nikolaus und bewilligte einen jährlichen Beitrag von 200 Gulden. Die Einrichtung dafür sollte aus freiwilligen Beiträgen und aus einem von mehreren Bürgern zu diesem Zweck gewidmeten Betrag von 150 Gulden bestritten werden. Zu diesem Fonds hinzu- gekommen war noch der Betrag von 400 Gulden, den der verstorbene Schuldirektor Rösch für einen zu errichtenden Kindergarten vermacht hatte. Die Leitung des somit am 6. November des genannten Jahres eröffneten Kindergartens wurde der in Kufstein geprüften Kindergärtnerin, Frl. Holzhammer aus Schwaz, übertragen. Die Prüfung erfolgte deshalb in Kufstein, weil sich dort unter der Leitung des Matthäus Hoerfarther der erste moderne Kindergarten Tirols - nach der Fröbelschen Lehre - befand. In der Gemeinderatssitzung vom 6. Juli 1881 wurde das zehn Paragraphen umfassende erste Dienststatut für die Innsbrucker Kindergärtnerinnen angenom- men. Fortan bestanden in St. Nikolaus bis 1938 nebeneinander sowohl die Kinderbewahran- stalt Innstraße 97 als auch der Städtische Kindergarten, Innallee 3. Eine wesentliche Verbesse- rung für die Kinderbewahranstalt bedeutete es, als deren Gebäude 1886 kaufweise vom Bruder- hausfonds an die Stadtgemeinde überging und hierauf in einem grundlegenden Um- und Erwei- terungsbau zum ersten städtischen Kindergartengebäude ausgestaltet worden ist. Damals - also vor 100 Jahren - erhielt dieser Bau seine heutige repräsentative Gestalt (vgl. Abb. 53 und 54). 95 Mit 1. Juni 1920 kamen, infolge Geldentwertung, die Privatkindergärten bzw. Bewahranstalten des Frauenvereins beim Museum und in Dreiheiligen in die Obhut der Stadtgemeinde. Nur jener von St. Nikolaus wurde zunächst noch weiterhin vom Verein unter Einsatz der Barmher- zigen Schwestern weiter betrieben. Bereits ein Jahr später aber (1921) schloß der Frauenverein auch bezüglich der Kinderbewahranstalt St. Nikolaus mit dem Innsbrucker Stadtmagistrat einen Ablösevertrag. Im Amtsblatt 1935, Nr. 11, wurde von der schlechten finanziellen Situation berichtet: „Die Kindergärten und Jugendhorte blieben genau so wenig von den Sparmaßnahmen verschont, wie es alle anderen Verwaltungszweige über sich ergehen lassen mußten. Besonders schmerz- lich war die Pflicht, die Kinderausspeisung und die Verabreichung von Gratismilch einzu- schränken.“ Das Jahr 1938 brachte dann die Auflösung der Kinderbewahranstalt durch dasNS- Regime und die Übersiedlung des Städtischen Kindergartens in das jubilierende Gebäude Inn- straße 97, wo er sich seither befindet. Obwohl das Recht eines jeden Kindes nach heutiger Ansicht, „sich gesund und natürlich, in Freiheit und Würde“ entwickeln zu können, in den meisten der alten Bewahranstalten nicht verwirklicht wurde, müssen sie doch als Vorläufer und Wegbereiter der heutigen institutionel- len Einrichtungen für Kleinkinder gesehen und verstanden werden. Der Kindergarten von heute will die familiäre Erziehung ergänzen und einen eigenständigen Bildungsauftrag erfüllen, der die Gesamtpersönlichkeit des Kleinkindes anspricht und fördert. Zeittafel zur Geschichte des Kindergartens in St. Nikolaus 1831 28. Jänner In einem Rundschreiben wird der Nutzen der Kleinkinderschulen ver- öffentlicht 1832 Ostersonntag Wohltätigkeitsveranstaltung zu Gunsten der Bewahranstalt St. Niko- laus 1832 27. Mai Eröffnung der Kleinkinder-Bewahranstalt in St. Nikolaus, eingemie- tet im Hause Innstraße 57 <3 Abb. 27: Der westliche Abschnitt der Mariahilfstraße bzw. der „Ober(en) Jnbruggen“ mit der Mariahilfer Pfarrkirche und dem Ansitz Ettenau an der Höttinger Gasse (rechts oben) auf einer Plan-Ansicht des Höttinger Baches von Johann Martin Gumpp aus dem Jahre 1693. Original-Aquarell im Stadtarchiv Innsbruck 97 1834 7. Februar Gründungsversammlung des Frauenvereins zur Beförderung der Kleinkinderwartanstalten und Industrieschulen für Mädchen zu Inns- bruck 1854 Übersiedlung in das zu diesem Zweck als „neues Schulhaus“ adaptierte Bruderhausgebäude, Innstraße 97 1857 21.Jänner Besuch der Erzherzogin Margaretha in der Bewahranstalt von St. Ni- kolaus 1873 21. August Errichtung eines städtischen Kindergartens in den unteren Räumen der Mädchenvolksschule St. Nikolaus, Innallee 3 1886 Um- und Erweiterungsbau des ehemaligen Bruderhauses, Innstraße 97, zum ersten städtischen Kindergartengebäude, welches damals seine heutige Gestalt erhielt 1920 Der Frauenverein gibt wegen der schlechten finanziellen Situation die Kindergärten beim Museum und in Dreiheiligen an die Stadtgemeinde Innsbruck ab 1921 folgt auch die Übergabe der Kinderbewahranstalt St. Nikolaus 1930 Errichtung des städtischen Jugendhortes Kaysergarten 1938 Auflösung der Kinderbewahranstalt im Hause Innstraße 97 1941/42 Private und städtische Kindergärten wurden von der NSV über- nommen Anschrift der Verfasserin: Hannelore Spielmann Leiterin des Kindergartens St. Nikolaus Innstraße 97 6010 Innsbruck 98