Innsbruck hilft sich selbst =========================== Innsbruck hilft ſich ſelbſt Die Landeshauptstadt Tirols bei Kriegsende und zwei Jahre später Ein Bild-Dokument aus schwerer Zeit mit 65 Photos und Zeichnungen Herausgegeben vom Stadtmagistrat der Landeshauptstadt Innsbruck r\ ' ’ ' r- • j Den folgenden Erlebnisbericht hat Innsbrucks Bürgermeister, Dr. Anton Melzer, selbst geschrieben. Er schildert einen seiner ersten Amtstage zu jener Zeit, als die Welt den Atem anhielt und mit Spannung verfolgte, wie eine grausame Epoche endlich versank und der Nachwelt ihr furchtbares Erbe hinterließ. Der Bericht des Bürgermeisters ist nicht so ernst, wie es die Maitage 1945 waren. Wie hätte er auch seine Aufgabe ohne Humor und Lächeln meistern können? EIN TAG URGERMEISTER BU Es ist acht Uhr früh. Die ersten, die in mein Amtszimmer eintreten, sind ein Bräutigam und eine Braut. Beide sind gut genährt und gehören dem Gastgewerbe an. Sie wollen morgen heiraten, aber das Standesamt verweigert dieses Begehren, denn die Braut ist Ausländerin und außerdem steht noch nicht einmal fest, welches der verschiedenen ausländischen Territorien auf ihre Staatsbürger- schaft Wert legt. Das Problem wird noch wesentlich kompliziert dadurch, daß die Hochzeitsgäste schon geladen sind und die Hochzeitstorte schon gebacken ist. Aber es bleibt nichts übrig, es muß zuerst das Ehefähigkeitszeugnis eingeholt werden. Davon kann auch der Bürgermeister nicht dispensieren. Dann kommt ein dringender Telephonanruf: In der Leichenhalle im Westfriedhof liegen bereits seit gestern 17 Leichen und keine Arbeitskräfte, um sie beerdigen zu können. Sofort eine Serie von telephonischen Rückfragen: An das Arbeitsamt, an die Polizei, an die Feuerwehr; alles nutzlos. Also das Bauamt verständigen, daß die Stadtarbeiter, die Straßenkehrer sofort einige Arbeiter abzweigen, um diese dringende Angelegenheit zu erledigen. Nun tritt ein amerikanischer Unteroffizier ein, er ist schon ungeduldig, weil er wegen des Braut- paares so lange warten mußte, aber er lächelt freundlich. Sein Klub hält heute einen feucht-fröh- lichen Abend und er braucht Cocktail oder sonst ein scharfes Getränk. Wie viel? Der Unteroffizier zeichnet mit beiden Armen in der Luft eine Figur, die einen ganzen Benzinkanister mit etwa 40 bis 50 Liter ähnelt. Also das Ernährungsamt verständigen. Es wird ja nicht gerade ein so großer Benzin- kanister sein müssen. Die nächsten sind ein Mann und eine Frau. Eine Wohnungssuche. Die Angelegenheit gehört ja eigent- lich zum Wohnungsamt, aber weil sie so wichtig ist, lassen es sich die beiden nicht verdrießen, den Bürgermeister selbst damit zu beschäftigen. Sie sind in eine Wohnung eingewiesen, die im 3. Stock liegt. Aber der Mann ist magenleidend und die Frau hat Krampfadern an den Füßen. Daher brauchen sie unbedingt eine Wohnung im Parterre oder höchstens im ersten Stock. Da ist guter Rat teuer, aber es werden ja wieder einmal bessere Zeiten kommen, dann kann man sich die Wohnung wieder aussuchen, ob hoch oder niedrig. Nun schon wieder ein Telephon-Anruf: Zwischen der Höttinger Notkirche und dem Pfarrhaus wurde ein Militärposten aufgestellt. Es kann die eine Hälfte der Leute nicht in die Kirche, die andere Hälfte nicht in das Pfarrhaus gehen. Da kann nur die Militär-Regierung helfen, die auch sofort mobil gemacht wird. Mittlerweile warten einige Geschäftsleute, sie brauchen eine Befürwortung, damit sie von der Militär-Polizei einen Passierschein erhalten können, um die im Oberinntal verlagerte Ware zurückzuholen. Das ist ein einfacher Fall und schnell erledigt. Fortsetzung auf Seite 31 2 Rechts oben: Maria-Theresien-Straße (Servitenkloster) Rechts unten: Häuser in der Altstadt unmittelbar nach einem Angriff (Badgasse und Seilergasse) NzrrtkN p#rrmo Vocksp 3 DAS HINTERLIESS DIE Diese Bilder hier sind wie ein Blick in den grauenvollsten Abgrund des Unheils. Aus den starren Aufnahmen heult uns noch einmal das marker schütternde Auf und Ab wüster Si- renen-Choräle entgegen, wir hören, wie Bomben die klare Luft der Berge durchschneiden, zucken zusammen unterder Wucht ihrer Detonationen, spüren die Welle ihres Luftdruckes und ducken uns ängstlich, während um uns die Häuser wanken, stürzen und Jahrhunderte unter ihren Trüm mern begraben. Eine tiefe Mauer wunde klafft in dem alten Kloster derServiten; mitten in der geruhsam friedlichen Altstadt zerschmetterten Stahl und Eisen des zwanzigsten Jahr hunderts die Gassen, die Pradler Schule erlebte einen entsetzlichen Anschauungs - Unterricht über das Oben: Amthorstraße Unten: Schule in Pradl 4 VERGANGENHEIT. . . Thema „Totaler Krieg” und die kräf tigen gotischen Bogen behäbiger Alt stadtlauben, die seit Geschlechtern hohe Bürgerhäuser trugen, zerspell- ten wie Holz unter der Wucht des stählernen Hagels, der über die Lan deshauptstadt hernieder prasselte, ehe die Stunde ihrer Freiheit schlug. Von den 25.793 Wohnungen der Stadt fielen 15.386 dem Krieg mehr oder weniger zum Opfer. Das sind 60 Pro zent. Nur l0.407Wohnungen blieben völlig verschont . . . Wie lange ist es her, daß diese Repor tage der Vernichtung mit der Kamera festgehalten wurde? Ein paar Jahre und ein paar Monate sind es und doch scheint es, als ob die schwersten Tage aus der Geschichte der Stadt Inns bruck weit, weit zurücklägen. Oben: Treffer in der Altstadt Unten: Maria-Theresien-Straße 5 Oben: Die Ruinen des ehemaligen Landesreisebüros auf dem Bozner Platz Unten: Treffer im Bahnpostamt, von der Bahnseite gesehen 6 Oben: Schwerer Schaden am Landesgericht Unten: Vom römischen Rundbau des Bartlmä-Kirchleins blieben nur trostlose Reste stehen 7 ANGRIFF AUF DEN SCHUTT Energisch griffen die Frauen und Männer Innsbrucks bald nach dem Ende des Krie ges zu, um ihre Stadt vom Schutt zu be freien. An der Spitze der Beamten und Angestellten des Stadtmagistrates nahm auch der Bürgermeister, D r. Anton Melzer, die Schaufel in die Hand und eiferte durch sein Beispiel alle Mitbürger an, desgleichen zu tun. Hätte Innsbruck alle verräumten Schuttmassen aus Bom benschäden zu einem Kegel geschichtet, so wäre dies der größte in unserem schuttkegel reichen „Land im Gebirge” geworden. Er hätte die Spitze des Stadt turms erreicht und einen Durchmesser von 112 m, der 5-fachen Breite der Maria- Theresien-Straßegehabt.Sein Rauminhalt 3 wären 176.600 m Schutt gewesen, der weit verstreut in der Stadt herumlag. 8 !n wohldurchdachten „Angriffen” säuberten jung und alt mit einem schweren Bagger und leichten Schubkarren Straße für Straße, jeder kam einmal an die Reihe, ob er nun am Schreibtisch oder an der Drehbank arbeitete. Es gab viele Schwielen, aber das Gesicht der entstellten Stadt wurde zu sehends freundlicher.Wo sich frü her kleine Bergpfade über Trüm merhalden wanden, kam bald wie der die Straße zum Vorschein und schon nach wenigen Wochen be hinderte nichts mehr den Verkehr, Unten: Hotei Tyroi Oben: Aufräumungsarbeiten in Mariahilf Das stolze „Hotel Tyroi”, Innsbrucks repräsentative Stätte der Gastfreund schaft und moderner Behaglichkeit, ist seit jenem Angriff „durchgehend geöffnet”. Es ragt als eine der vielen Ruinen auf dem einst so schönen Süd tiroler Platz zum Himmel. Aber trotz derNiedergeschlagenheit räumten die Bürger der Stadt so rasch wie mög lich auch hier Brocken,Trümmer und Schrott beiseite, um Innsbruck den Ruf einer sauberen Stadt wenigstens andeutungsweise wieder zu geben. 9 ff?: iese 15.05 m graphische Darstellung zeigt einen Schuttkegel „rund um die Annasäule” in der Höhe von und mit einem Durchmesser von 45 m. In diesem gedachten Körper von 8000 Kubikmeter Rauminhalt hätte gerade die Schuttmenge Platz, die fleißige Hände in Innsbruck freiwillig weg- Der südliche Teil der Maria-Theresien-Straße unmittelbar nach einem Angriff 10 schafften. Von den hunderttausend Einwohnern der Stadt haben 36.834 je einen Halbtag geschaufelt und den Karren geschoben. Bei dieser Gelegenheit haben sie ,,nebenbei" 250.000 Mauerziegel, das sind 830 Kubikmeter, aus den Trümmern zurückgewonnen. In obiger Darstellung versinnbildlicht jede Figur 1000 Menschen. Etwa 64 Prozent der Einwohner, das sind Frauen, Kinder, Greise und Kranke, konnten sich an der großen Schutträumungsaktion nicht beteiligen. Sie sind gewissermaßen als statistische Statisten und Zuschauer stehend gezeichnet. DIE ERSTEN GERÜSTE Mit dem Forträumen von Schutt und Trümmern durften sich aber die Innsbrucker nicht zufrieden geben. Diese Arbeit war nur die Voraussetzung für den eigentlichen Aufbau. In der schrecklichen Wohnungsnot, der Innsbruck nach dem Kriege plötzlich ausgesetzt war, galt es, jeden noch so kleinen Raum zu retten. Bald reckten sich an den halbzerbombten Häusern die ersten Gerüste opti mistisch empor^und es entstanden neue Fassaden, die so aussahen wie das Antlitz eines Menschen, der eine schwere Gesichtsoperation glücklich überstanden hat. Wiederaufbau in der Gumpstraße Aufbauarbeiten in der Herzog-Friedrich-Straße I erAufbau ist in einerZeit.wo jederZiegel eine Kostbarkeit und jeder Facharbeiter eine Seltenheit ist, ein schwieriges Unter nehmen. So waren es buchstäblich oft nur wenige Hände, die entschlossen Stockwerk auf Stockwerk setzten und nicht ruhten, bis die alte Wohnstätte wieder neu entstanden war.Wer mit offenen Augen durch das Zen trum und an den Rand der Landeshauptstadt ging, konnte die Zähigkeit jener Unentweg ten bewundern, die nicht bloß gescheit re deten und langsam überlegten, sondern sich einfach selbst halfen. Nach dem Ende des 2. Nachkriegsjahres waren es 4.941 Woh nungen, die ausschließlich durch Selbsthilfe neu gewonnen wurden. Ein stolzer Erfolg! Oben: Gumpstraße, Rückseite Unten: Cranachstraße und Egger-Lienz-Straße Je weniger Kohlen es im Land gibt, mit denen man Ziegel brennen kann,um so wertvoller ist jeder ge borgene Backstein. Vom Mörtel gereinigt, stapeln sie die ausgebombten Hausbesitzer in losen Mauern auf, in der Hoff nung, daß daraus einmal Wändewerden,die neuen Wohn raum umschließen. Das untere Bild zeigt uns den Aufbau im wahrsten Sinn des Wortes. Neue Fensterreihen bauen sich im dritten und vierten Stock auf die alten. Da hinter liegen einige jener 8809zerstörten Wohnun gen, die bis zum Ende des Jahres 1946 wieder be nützbargemachtwurden. 12 Spätere Generationen werden einmal ver wundert architektonische Merkwürdigkei ten in der Landeshauptstadt Tirols fest stellen.Siewerden an den Spuren,die unsere harte Zeit an den Häusern der Stadt hinter ließ, genau erkennen : dieses und jenes Bauwerk muß in jenen Jahren, die dem zweiten Weltkrieg folgten, neu errichtet worden sein. In sparsamster Weise wird jeder stehen gebliebene Mauerrest mit in das Neue einbezogen und so kommt es, daß der rechteTeil des Erdgeschosses hier unten um einige Jahrzehnte älter ist als der linke. Oben: Pradler Kirchplatz— Körnerstraße Unten: Neuhauserstraße — Fischerstraße Pradl und Wüten, die beiden am schwersten getroffenen Stadtteile, wetteifern einträchtig um dieWiederherstei- lung ihrer zerschla genen Straßen. Noch sind längst nicht alle Ru inen verschwunden, aberdieZahl der ziegel rot leuchtenden Häu serfronten mehrt sich von Monat zu Monat. Werhätte gedacht,daß man sich einmal über eine neu errichtete Mauer freuen könnte? 13 ZIEGEL - ZEMENT - EISEN - GLAS . . Das Bild zeigt einen riesigen Bahnhof, auf dem in Zügen geordnet 882 randvoll beladene Waggons stehen. Genau soviel Frachtraum hätte es gebraucht, um all die Baustoffe zu verladen, die in den ersten beiden Nachkriegsjahren bis zum 10. April 1947 in Innsbruck beim Wiederaufbau verarbeitet wurden. Die 6,900.000 Stück Ziegel hätten sechs lange Eisenbahnzüge gefüllt. Für die I /2 Millionen Dachziegel stehen auf den Nachbargeleisen zwei weitere Züge bereit. 400 Tonnen Eisen füllen 20 Waggons, die 138 Tonnen Rohre hätten in sieben Waggons Platz. Und nun kommt der wichtigste Baustoff: Zement. 3.450 Tonnen, Sack für Sack verfrachtet, füllen genau 172 Waggons. Für den Kalk (1380 Tonnen) genügen deren 65. Ganze Wälder aber mußten ihre Stämme opfern, als uns die Zeit der Verantwortungslosigkeit ihr grauenvolles Erbe hinterließ: 10.200 Kubikmeter Schnittholz und 863 Kubikmeter Rundholz investierte Innsbruck in zwei Jahren beim Wiederaufbau seiner Häuser. Neun lange Züge mit 330 Waggons könnten gerade diese zer schnittenen Wälder unserer Berge aufnehmen. Auf dem äußersten Geleise des Bahnhofes steht noch ein kürzerer Zug voll Glas. Was glauben Sie wohl: wieviel Quadratmeter Glas verbrauchte die Landeshauptstadt Tirols, um nur die dringendsten Schäden wieder gutzumachen? 40.000! Das sind Zahlen, die jeden beeindrucken müssen, der da ein billiges, verständnisloses Allgemeinurteil fällt und behauptet: es geht nichts weiter! Die nüchterne Statistik spricht eine imponierende Sprache. 14 HISTORISCHE STUNDEN IN SCHWERER ZEIT Am Ostermontag des Jahres 1946 vollzog sich in Innsbruck ein historisches Ereignis: in einer ge waltigen Großkundgebung demonstrierte Nord- und Südtirol auf dem Platz vor der Hofburg für die Rückkehr der verlorenen Heimat Südtirol zu Österreich. Den Höhepunkt der Stunde bildete jener Augenblick, als der Bundeskanzler Ing. Leo pold Figl aus der Hand von zwölf Meraner Buben 155.000 Süd tiroler Unterschriften entgegen nahm. Es waren Dokumente mit den Namenszügen ein facher Menschen, mit den Unterschriften von Bauern und Arbeitern, Kaufleuten und Handwer kern,von Männern und Frauen aus Stadt und Land, die sich alle einmütig dafür einsetzten, daß die verlorene Heimat wieder an Österreich käme. Diesseits und jenseits des Brenners herrschte nur ein Wille: Gerechtigkeit für Südtirol — Südtirol zu Österreich! Das Volk von Tirol durchzog die Landeshauptstadt in seinen prächtigen Trachten aus vergangener Zeit. 15 Der 18. Juli 1945 ist für Innsbruck ein ge schichtliches Datum. An diesem Tag über nahm von Bürgermeister Dr. Melzer be grüßt (Bild links) und mit all den Sorgen und Nöten vertraut gemacht im Riesensaal der Hofburg die einziehende französische *** Besatzungsmacht die Militärregierung der Landeshauptstadt. Der Höchstkom in mandierende in der franz. Besatzungs zone Österreichs, General Bethouard, sowie sein Generalgouverneur, Exzellenz Voizard, wurden bei ihrem Einzug in die geborstenen Mauern derStadt von tausen den Bürgern begrüßt.(Im zweiten Bild von oben : links General Bethouard, rechts Exzellenz Voizard.) Während einer großen internationalen Pressekonferenz sehen wir Patrick Smith, dessen Stimme während des Krieges über den Sender Londons unzähligen, leise aus gestellten Lautsprechern zu uns sprach, auf der Seegrube zum erstenmale von Angesicht zu Angesicht. Auf dem Bilde: der Bürgermeister Innsbrucks und Magi stratsdirektor Dr.Mangutsch,tauschen mit Patrick Smith Kriegserinnerungen aus. Etwas später empfing der Landeshaupt mann und der Bürgermeister (unterstes Bild, dritter von links bzw. von rechts), auf der Seegrube mehrere französische Parlamentarier, um mit ihnen über die Probleme des Landes und seiner Haupt stadt von hoher Warte aus zu sprechen. 16 c?> rei Bilder, die eindringlich bewei- w' sen, wie schnell sich das Leben in der Landeshauptstadt wenige Monate nach dem Kriege wieder in ruhigen Bahnen bewegte. Schon am 4.September des Jahres 1945 sah Innsbruck die erste Kundgebung für Südtirol, die sich unter den Augen der Besatzungstrup pen und, beobachtet von der ganzen Welt, in geradezu majestätischer Größe auf dem Rennweg abspielte. Die erste demokratische Wahl im November des gleichen Jahres zeigte, daß sich nach den vielen Jahren des gleichgeschalteten Denkens wieder demokratische Lebensformen durch setzten. Am Wahlkampf in Innsbruck beteiligten sich alle drei Parteien sehr temperamentvoll, jedoch in dem Be wußtsein, ein großes Gemeinsames, dieneuerstandeneHeimatÖsterreich, über ihreSonderinteressen zu stellen. Die ersten Glocken nach dem Kriege wurden in der alten Glockengießerei Graßmayr zu Wüten gegossen und läuteten schon im Oktober vomTurm der kleinen Berggemeinde Ellbogen bei Innsbruck weit ins Land hinaus. 17 Nach einer Zeit des Abgesperrtseins und der kulturellen Verflachung er lebte das Landestheater in Innsbruck einen neuen Aufschwung. Es wurde wieder zu einer Stätte, wo das Wort gepflegt und frei ausgesprochen wer den konnte, es bot seinem immer zahlreicher werdenden Publikum ein erlesenes Programm, sodaß sich Inns bruck bald rühmen konnte, die ange- sehendste Provinzbühne Österreichs zu besitzen. Französische und russi sche Film-Festwochen machten die Innsbrucker mit dem Filmschaffen fremder Länder bekannt und ließen sie in hervorragenden Werken nie gekannte film künstlerische Werte er leben. Das Bild links zeigt den Bürger meister Dr. Melzer bei der Eröffnung der sowjetischen Film-Festwoche. |\AAR'Z> Brumm«' ,n Julius T ,on Emmerich h-- andestheater V \ ' x'V* * cA N UCK eTESl 1NNSB* % dermaus N, V '- 0 tET Jd sT , . Ai l RUCK fl L E 1 V >J yt"* ROBE H'wL E SS “ hrs. Cheney's Ende Sous« in vier Akten Lredcrick Lonsdalc Lustspiel von Julius Bcrstl *<*>\o* ,r Deutsche Übersetzung von td* C-s" . Mag da Schneider a G 5 18 DOPPELT GIBT, WER SCHNELL GIBT Gibt es etwas Traurigeres, als in die Augen hungernder Kinder und alter Leute blicken zu müssen? Mit allen Mitteln versuchten jene Männer, die für die Gesundheit unserer Stadt ver antwortlich sind.wenigstensdieärgste Not zu lindern. Sie fanden dabei die edelmütige Hilfe der Besatzungsbe hörde, der „Schweizer Spende” und verschiedeneramerikanischerStellen, die mit dem Roten Kreuz zusammen arbeiteten. So gab es immer wieder kleine Feste für unsere Kinder, Jausen und Veranstaltungen der Wohltätig keit, wo ein Stück weißer Kuchen mit zuckersüßem Kakao ein dankbares Leuchten in die Augen der Kleinen zauberte.Endlich wiedereinmal essen soviel man nur kann! Diesen drei kleinen „Herrschaften” schmeckt’s jedenfalls ausgezeichnet bei einer großen Weihnachtsfeier. Was eine Orange ist,wußten die meisten Kinder nicht, die diese aus Marokko gespen deten Südfrüchte gesehen kt bekamen. Die kleine Gerti leckt sich genieße risch ihre Lippen, ehe sie noch die köstliche Frucht versucht hat. Die Alten, denen das Schicksal schon zwei Weltkriege zu maß, blicken sorgenvoll in ihren Lebensabend.Sie haben wohl verdienten Anspruch auf Unterstü tzung und Hilfe und sollen nicht mehr vergessen werden wie zu jener Zeit, wo man alte Leute als lästig empfand. Dieses unterste Bild sagt mehr als Worte auszudrücken vermögen. Spannung, Erwartung und Vorfreude spiegeln sich in den Gesichtern die ser Menschen. Gleich werdenOrangen aus Marokko verteilt werden. 19 AM ENDE DES KRIEGES ... Oben: Das Hochhaus 20 Unten: Viertel Wilten-West, Speckbacher-Straße UND Z^X^EI RE SP/\TER! 21 w. ie sehr der Sinn der Innsbrucker Bürger beim Neubau ihrer zerstörten Häuser nicht nur auf das Zweckmäßige sondern auch auf das Schöne gerichtet ist, beweisen diese beiden Bilder. Abseits vom großen Verkehr, wo uns zu Kriegsende ausgehöhlte, dunkle Mauerfronten entgegenglotzten, schauen uns nun in der Sillgasse zwei helle, freundliche Fassaden mit den fürTirol so typischen Erkern an. Auch in Innsbrucks baulichem Schatzkästlein, nämlich in seiner heimeligen, historischen Altstadt, entsteht zur Zeit, wo dieses Heft erscheint, viel Neues, das die Tradition vergangener Jahrhunderte getreu fortsetzt und sich harmonisch ins Alte einfügt. — Die beiden Bilder auf der nächsten Seite geben ein stolzes Zeugnis von der Tatkraft unserer Festangestellten. Nie hätte sich das Bahnpostamt in der Brunecker Straße so rasch aus seinen Trümmern verjüngt erhoben, hätten nicht auch fleißige Festangestellte und Beamte unermüdlich Ziegel auf Ziegel gelegt, bis ihre vertraute Arbeitsstätte wieder im Rohbau fertig war. Sie haben sogar noch ein übriges getan und einen Stock höher gebaut. Unten: Sillgasse vor zwei Jahren und heute Rechts: Bahn-Postamt 22 23 und das laute, langgezogene Kommando „Aufzug!” bestimmte in den beiden Aufbausommern nach dem Kriege die Atmosphäre einer Stadt, die sich ener gisch bemühte, wieder unter Dach zu kommen. Allenthalben zwingen steilra gende Holzgerüste und Mörteltruhen auf den Straßen den Fußgänger zu kleinen Umwegen. Wenn er gelegentlich seinen Blick nach oben richtet, entdeckt er immer wieder wehende Papierbänder an den grünen Firstbäumchen, die nach altem Brauch der Bauschaffenden nach getaner Arbeit das Werk krönen. So sieht etwa der gemütvolle Betrachter die Regsamkeit in unseren zerstörten Straßen. Für die Besitzer ausgebombter Häuser, die sich dazu entschließen mußten, entweder die Hände in den Schoß zu legen, oder allen Schwierigkeiten zum Trotz wieder von vorne anzufangen, klang die „Melodie der Arbeit” jedoch sehr ernst und wenig gemütvoll. Sie standen im Mai 1945 einer brutalen Tatsache gegenüber: von den kriegsbeschädigten Wohnungen waren 2568 total zerstört und 7002 Wohnungen in einer Art beschädigt, daß sie nur zum Teil bewohnt 24 werden konnten. 5816 Wohnungen kamen mit leichteren Schäden davon. So sah Innsbruck damals aus. Und wie war es zwei Jahre später? Das Haus in der Ingenieur-Etzel-Straße (links) birgt heute einige von den Wohnungen, die damals, als die letzte Entwarnung dem Bomben-und Nervenkrieg ein Ende be reitete, total zerstört waren. Der Kampf um den Wohnraum, den Innsbruck mit aller Energie aufnahm, zeitigte nach zwei Jahren aber noch einen anderen, großen Erfolg. In 2671 Wohnungen, die nur teilweise bewohnbar waren, wur den die Schäden so behöbe», daß sich heute die Mieter darin wieder wohlfühlen können. Wir sehen auf diesen Seiten, auf welche Weise Maurer und Zimmer leute, Hilfsarbeiter und Spezialisten trotz mangelhafter Ernährung und herab gesetzter Arbeitskraft den Ruinen Wohnraum um Wohnraum abrangen. Das „Mohrhaus” steht in der Liebeneggstraße in Wüten, also in einem Viertel, wo die Schäden sich zu einem entsetzlichen Maximum häuften.Auch da sind die Inns brucker nicht verzweifelt. Im Gegenteil: Sie hätten schon nach eineinhalb Jahren unentwegtem Bauen einen kleinen Firstbaum über das Dach ihrer Stadt setzen und damit verkünden können: 57 Prozent aller bombenbeschädigten Wohnungen sind in dieser Frist wieder erstellt worden . . . 25 * wir diese stolze Sammlung der mit unbestechlicher Kamera r enn aufgenommenen Bilder betrachten und die Leistungen unserer Aufbauer beurteilen, dürfen wir die Schwierigkeiten der Beschaffung aller Baumaterialien nicht übersehen. Neue Fassaden und Mauern könnten sich niemals erheben, wenn nicht die Baustoffindustrie Tirols ihre zugesicherte Jahresproduktion eingehalten hätte. Nie wäre Innsbruck so unter Dach gekommen, wenn nicht allein im Jahre 1946 im ganzen Lande 16,000.000 Ziegel gebrannt und gegossen worden wären, die alle bis zum letzten tatsächlich verar beitet wurden. Wir begreifen also die Sorgen des Bürgermeisters, wenn er im April 1946 bei der konstituierenden Sitzung des Gemeinderates der Landeshauptstadt bedrückt erklärte: „Die Jahres x kapazität der Erzeugung von Dachziegeln beträgt in Tirol etwa 2 / 3 Millionen Stück. Dies reicht etwa für zwei Polizeireviere aus. Auch die Jahreserzeugung von 15 bis 17 Millionen Mauerziegeln reicht nur für zwei Innsbrucker Polizeireviere”. Dennoch aber können wir unserer Bildmontage des Grauens und der Ruinen auf der ersten Seite dieses Heftes eine imponierende Fotomontage der Leistung auf der letzten folgen lassen. Auch dieses Wohnhaus in Pradl und das Gebäude des Landes gerichts vor und nach dem Wiederaufbau beweisen als herausgegriffene Beispiele, daß Innsbruck nach dem Kriege eine Stadt ist, wo sich etwas rührt, wo viel geplant, aber auch viel verwirklicht wird. Links unten und rechts oben: Das Erbe, das wir übernahmen . . . Rechts unten: Wieder-Aufbau 26 Bangen Herzens zitterten die Innsbrucker und mit ihnen das ganze Land um die welt berühmte Hofkirche und ihre „Schwarzen WELTBERÜHMTE Mander”. Würde dieses gewaltige Kultur denkmal unversehrt den Krieg überdauern ? HEIMKEHRER Da die bronzenen Figuren, auch wenn sie noch so trutzig dastanden, dem Stahl der Bomben nichtwiderstehen konnten,wurden auch sie, einst mächtige Fürsten und Frauen, Herrscher und Ritter,gewaltsam evakuiert, wie man damals schwache Kinder und Greise evakuierte. Kaiser Maximilian verließ mit seinen Kardinaltugenden, in deren Mitte er gleichfalls die heilige Halle, denn in jenen Jahren kniete, einer verblendeten Herrschaft war für die Klugheit und ihre Schwestertugenden kein Platz mehr. Das Grabmal des Kaisers verschwand hinter einer mächtigen Ziegelmauer. Doch die Fügung des All Hofkirche kein Schaden widerfuhr. In ergriffener Dankbarkeit wohnte mächtigen wollte es, daß der daher die ganze Stadt im November 1945 dem Einzug der „Schwarzen Mander” bei, die aus ihrem Exil, einem Stollen in KundI, wieder an ihre alten Plätze zurückkehrten. Es war eine Triumph - Fahrt sonderglei chen. Etwas verstört blickte Johanna die Wahnsinnige von einem Lastwagen in eine Zeit, die, aus den Fugen ge raten, sich langsam wieder zufinden begann. Sigismund der Münzreiche glitt auf sanften Pneus zum ersten Mal an jener Stätte in Hall vorbei, wo er seine Taler schlagen ließ und in wenigen Tagen wardie iIlustreGeselI- schaftderTotenwache Maxi milians wieder um sein frei gelegtes Grabmal versam melt, wie sie es seit Jahr hunderten gewohnt war. Auch dasGoldeneDachl warf bald nach dem Krieg seinen häßlichen Luftschutzmantel beiseite und erstrahlt seit dem zur Freude der Inns brucker wieder im alten Glanz. In der verwüsteten Jesuiten-Kirche regten sich bald fleißige Hände, die zer störte Kuppel wölbt sich wie einst ins Blau des Himmels und wurde im Herbst 1947 sogar wieder mit Kupfer,das von amerikan. Katholiken gespendet wurde, gedeckt. 28 29 30 EIN TAG ÜRGERMEISTER Fortsetzung von Seite 2 Aber im Gang staut sich eine verzweifelte Menge von etwa 15 Personen, welche dringend Hilfe brauchen. Sie sind aus ihren Wohnungen ausquartiert. Man muß sie in eine Notunterkunft bringen. Inzwischen ist es 11 Uhr geworden und es kommt ein Kurier mit dem Auftrag, bis um drei Uhr nachmittags, also binnen vier Stunden, eine Tribüne am Rennweg aufzustellen und mit blau-weiß roten Fahnen zu schmücken. Die Zeit ist zwar knapp, aber es ginge noch, wenn blauer Fahnenstoff vorhanden wäre. Also schnell einen Beamten in der Stadt herumjagen, um einen solchen Stoff auf zutreiben. Kaum ist dies in die Wege geleitet, kommt ein Anruf, daß in den Abendstunden ein Transport von etwa 2000 Italienern zu erwarten ist, der am Hauptbahnhof verpflegt werden muß. Gleich darauf melden sich die städtischen Verkehrsbetriebe am Telephon mit der Bitte, der Bürger meister möge dringend bei der Militär-Regierung das Rauchverbot für die Soldaten der Besatzungs armee auf der Nordkettenbahn durchsetzen, weil die weggeworfenen Zigarettenstummel mehrmals schon in der heißen Zeit beinahe einen Waldbrand verursacht haben. Dies hätte verheerende Folgen nach sich ziehen können. Zwei KZ-Leute, die jetzt eintreten, können glücklicherweise schnell er ledigt werden. Sie brauchen Kleider und Wäsche und etwas Geld, was ihnen gewährt wird. Schwieriger ist der nächste Fall: Der militärische Flughafen-Kommandant hat einen Viehhändler beauftragt, das Gras am Flugfeld zu mähen; das wäre noch gegangen. Aber als der gute Mann das Gras auflud und wegführen wollte, setzte sich der städtische Gutsverwalter pflichtgemäß und ent rüstet dagegen zur Wehr und wollte dies verhindern. Darauf wurde er irrtümlich und infolge der schwierigen sprachlichen Verständigung einmal eingesperrt. Jetzt soll ihn der Bürgermeister befreien. Daneben laufen noch einzelne Angelegenheiten, die zum Teil schon im Vorzimmer erledigt werden. Es sind amerikanische Soldaten mit verschiedenen kleinen Wünschen; der eine braucht eine Zieh harmonika, der andere eine Angelrute, der dritte einen Schaukelstuhl und mehrere einen Fußball. Jeder noch außerdem einen oder mehrere Stadtpläne. Freilich gibt es auch unerfüllbare Wünsche darunter. Den Rekord schlägt ein Unteroffizier: er braucht für heute abend zu einer Tanzunter haltung etwa 120 Mädchen. Trotz des Unvermögens, diesen zwar nicht bescheidenen, aber gewiß herzlichen Wunsch zu erfüllen, schüttelt er mir zum Abschied kräftig die Hand und sagt mit breitem Lächeln: good bye. Schließlich ist es Abend geworden. Nun geht die Arbeit erst an, denn im Laufe des Tages haben sich Stöße von Briefen, Ansuchen, Akten am Schreibtisch angesammelt, die ja auch einmal erledigt werden müssen. Jetzt, wenn die Dämmerung und die Nacht heruntersinkt, ist die beste und ruhigste Zeit dafür. Mit diesen Beispielen, die alle dem Leben entnommen sind, ist der Aufgaben kreis der Stadtverwaltung einigermaßen Umrissen. Er ist unbegrenzt und unerschöpflich. Texte: Herbert Buzas - Photos: Demanega-Innsbruck und Pfannenschwarz-Innsbruck Gestaltung und Herstellung im Kupfertiefdruck, buchbinderische Arbeit: Tiroler Graphik, Innsbruck, Innrain 27-29 31 ScKtibtnkiehl Gerne imk Hötting Gemeinde Mühlau MO T T IN Gk rgstedl Lohbachsiedlung und Ulfiswiese Zca. 1000 Brandbomben ca. 50 Sprengbomben Im Gemeindegebiet Amras co. 1000 Brandbomben ca. 100 Sprengbomben ca. 150 Splitterbomben ln Wald- u. Feldgebiet ca. 100 Sprengbomben Hi»eil Hof LEGENDE ÜBERSICHT 22 Luftangriffe 119 Brände 69 Großfeuer (m. mehr. Brandst. Erster: 15. Dezember 1943 Schadenstellen 42 Mittelfeuer, 3 Waldbrände, Letzter: 20 April 1945 5 Flächenbrände 1 Stab- und Phosphor Splitterbomben Sprengbomben Luftminen Blindgänger Summe Brandbomben kanister Bombentrichter T , , Gefallene und Todesopfer Ver!torbene Personenverluste Anmerkung männl. Pers. weibl. Pers. geblieben sind Brandstellen Ortsansässige Personen 2 Unter den 450 Zivilpersonen Ortsfremde Personen 25 waren 55 Kinder von ortsan NB. Schadenstellen bis zu 10% sind nicht erfaßt! Wehrmachtangehörige sässigen und 3 Kinder von Kriegsgefangene ortsfremden Eltern. 14.600 Personen haben ihre Gebiet A 843 Wohnung verloren. Insgesamt Beim Angriff Gebiet D 200 Brandbomben mittelschwere schwere total zerstörte Gebäudeschäd. leichte Insgesamt Im Gemeindegebiel VIII 'Wald und Feld) 16.12.1944 am Gebiet C 200 Brandbomben ca. 100 Sprengbomben ' ' Objekte Im Gebiet der Flakbatterien Jt * Wohnungszustand leicht beschädigte stark beschädigte unbenutzbare Insgesamt Gebiet D ca. 50 Sprengbomben Wohnung« \ / -