Innsbruck im Frühling der Neuzeit ================================= " l'M W * KARL S C H Ä D E L B A U E R INNSBRUCK IM FRÜHLING DER NEUZEIT Von de n V E R Ö F F E N T L I C H U N G E N AUS DEM S TADTARCHIV INNSBRUCK sind bereits erschienen: Nr. 1 Innsbrucks stadtgeschichtliches Schrifttum bis zum Jahre 1950 (1. T eil: Nr. 1—2000), von W ilhelm Eppacher und K arl Schadelbauer. 1950. Nr. 2 Innsbrucker U rkunden au s dem Stiftsarchiv W ilten (1238—1350), von K arl Schadelbauer. 1951. Nr. 3 Die W ohltäter der L an desh aup tstadt Innsbruck, von W ilhelm Eppacher. 1951. Nr. 4 Briefe au s Alt-Innsbruck (1461—1873), von K arl Schadelbauer. 1952. Nr. 5 Innsbrucker G eschichtsblätter (1. Folge), von K arl Schadelbauer. 1952. Nr. 6 Verzeichnis der U rkunden des Stiftsarchivs W ilten von 1138—1299, von K arl Schadelbauer. 1953. Nr. 7 Innsbrucks stadtgeschichtliches Schrifttum bis zum Jahre 1950 (2. T eil: Nr. 2001—4770), 1953. Nr. 8 Beiträge zur Innsbrucker Kirchengeschichte, von Propst Dr. Jo sef W eingartner. 1954. Nr. 9 Lesebuch au s Innsbrucker Stadtgeschiditsquellen. 1955. Nr. 10 Die gefälschten U rkunden d es Bischofs R eginbert von Brixen für das K loster W ilten, von Dr. Fritz Stein egger. 1956. Nr. 11 Innsbrucker Geschichtsblätter (2. Folge). 1956. Nr. 12 Die St.-Jakobs-Kirche in Innsbruck im Lichte der Rechtsgeschichte, von Univ.-Prof. Dr. H. Lentze. Nr. 13 Geschichte der Raum- und G renzbildung der Stadtgem einde Innsbruck, von Otto Stolz. Nr. 14 Die K leinstbände der „D ip aulian a“ — Ein Bücherverzeichnis (Band 1 b is 100), von K arl Schadelbauer. Nr. 15 50 Jahre schulärztlicher D ienst in V olks- und H auptschulen, von Stad tph ysik us Dr. Leopold U nter­ richter. Nr. 16 Drei Befehlshefte des Innsbrucker Platzkom m andos vom Jahre 1809, von K arl Schadelbauer. Nr. 17 Die K leinstbände der „D ip a u lia n a “ — Ein Bücherverzeichnis (Band 101 bis 200), von Dr. Karl Schadelbauer. Nr. 18 D as Stad tsp ital im Jahre 1839 — Die Beschreibung des Spitalsverw alters Fr. X. H onstetter, von Dr. K arl Schadelbauer. Nr. 19 Die Berichte der „Innsbrucker Zeitung“ von 1810 über das „D epartem ent der obern Etsch“. Nr. 20 Der Innsbrucker B ürgerm eister F elix R iccabona v. Reichenfels, von Felix v. Gasteiger. Nr. 21 Innsbrucker A nsichtskarten um 1900, von Dr. K arl Schadelbauer. Nr. 22 Amtliche Stim m ungsberichte 1850/51 und 1859/60. Nr. 23 H erzog R udolf IV. und Innsbruck 1363—1365, von Dr. K arl Schadelbauer. Nr. 24 Leitfaden der Geschichte Innsbrucks, von Dr. K arl Schadelbauer. Nr. 25 Die Dreiheiligenkirche zu Innsbruck, von Dr. Fr. H. Hye-Kerkdal. Nr. 26 Die Innsbrucker Inw ohneraufnahm en von 1508 bis 1567. Nr. 27 H eiligw asser-Besucher 1854 bis 1875 u. a. Nr. 28 Innsbrucker Kleindrucke, von Dr. H. Hochenegg. Nr. 29 Quellen zur Innsbrucker Häusergeschichte, 1, von Dr. K arl Schadelbauer. Nr. 30 Quellen zur Innsbrucker Häusergeschichte, 2, von Dr. K arl Schadelbauer. Nr. 31 K aise r M axim ilian I. und Innsbruck, von Dr. M onika Fritz Nr. 32 „G audeam us igitur“ — Die Entwicklung der m edizinischen Fakultät in Erinnerung und Anekdote, von Karl Schadelbauer. Nr. 33 „Vivant P ro fesso res“ — Lehrer der M edizinischen F akultät im Jubiläu m sjahr, von Ines M aria Koch II. Reihe — Innsbrucker Archivnotizen zur Geschichte der österreichischen Vorlande Nr. 1 A us dem landesfürstlichen Kopialbuch von 1458. Nr. 2 Die R eise K aiser Ferdinands I. von Speyer nach Freiburg (1562) u. a. Nr. 3 D as R aitregister des E lsä sse r L andvogtes G raf R. v. H absburg (1375) u. a. Nr. 4 D as Inventar d es K losters ö le n b erg von 1561 u. a. Nr. 5 Die Urkunden des K losters ö le n b erg im Elsaß von 1188—1565. Nr. 6 Urkunden zur Geschichte der Herren von Hewen (1377—1399). Druck: V erlagsan stalt T yrolia, E x lga sse 20, Innsbruck V E R Ö F F E N T L I C H U N G E N AUS DEM STADTARCHIV I NN S B RU CK Herausgeber: Karl Schadelbauer Nr. 34 INNSBRUCK im Frühling der Neuzeit Von Dr. K arl Schadelbauer I N N S B R U C K 1969 IM S E L B S T V E R L A G DE S S T A D T M A G I S T R A T E S De m Andenken an meine gütige F rau P aula (gest. 2. F e b ru ar 1969) „G en Isprug sints sie gritten in die stat gar w erd; der fridsam her von O esterridi ist da selbst sizen, der lantschaffc ist esz licht.“ (Pilgerbüchlein 1487) „U n ter Kaiser M axim ilian I. Regierung geht das M orgenrot einer neuen Zeit auf. Sie war schon durch manche große Begebenheit vorbereitet“ , schrieb Josef Egger im Jah re 1876 in seiner bis heute wertvollen „Geschichte T irols“ am Beginn des A b­ schnitts über diesen Landesfürsten. In dem berühm ten Buch „H erb st des M ittelalters“ unternim m t es J. H uizinga, die Lebens- und Geistesform en des ausgehenden M ittelalters in Frankreich und in den Niederlanden aufzuzeigen und m it vielen Beispielen zu belegen. In der vorliegenden Studie soll versucht werden, in einigem nachzuprüfen, inwieweit solche auch in Inns­ bruck und Tirol Vorkommen, da ja M axim ilian durch seine erste Ehe in nahen Be­ ziehungen zu Burgund stand. Gleichzeitig soll die Bedeutung M axim ilians als Begrün­ der einer neuen Zeitepoche fü r Innsbruck sowie T irol beleuchtet werden. War er ja wirklich, wie sein Beiname „d er letzte R itte r“ besagt, zugleich ein V ertreter des M ittelalters sowie Wegbereiter und Bahnbrecher einer neuen Ära. Die schon so oft behandelten Abschnitte über seine Politik, seine K unstförderung und U m gestaltung des Kriegswesens werden möglichst beiseite gelassen, dafür wird aber dem A blauf des täglichen Lebens bei H öfling, Bürger und Bauer nachgespürt, wobei auch Originalquellen zu Worte kommen. Die kurzgefaßte Gesamtübersicht über „K aiser M axim ilian I. und Innsbruck“ , die als H eft 31 dieser Veröffentlichungen von Fr. Dr. M onika Fritz herausgegeben wurde, sollte vor dieser A rbeit gelesen werden. 3 I Vergehendes Mittel alter Nach der herkömmlichen Einteilung der Geschichte läßt sich bezüglich des Landes Tirol und dessen H auptstadt eine klare Trennungslinie zwischen dem vergehenden M ittelalter und der aufkom m enden N euzeit ziehen. Ein alternder, regierungsunfähiger Landesfürst, Erherzog Sigm und (gest. 1496), umgeben von ungetreuen, selbstsüchtigen Räten, will gerade sein Land verschachern, als er, auf heftigen W iderstand seiner U ntertanen sowie des Kaisers stoßend, dieses dem im besten Mannesalter stehenden, rastlos Plänen nachjagenden, hochintelligenten K önig M axim ilian (geb. 1459) über­ geben muß (M ärz 1490). D am it bricht für Tirol und Innsbruck der Frühling einer neuen Zeit an. Friedrich H egi schildert Erzherzog Sigm und in seinem Werk über „D ie geächteten R äte des Erzh. Sigm und etc.“ als humanistisch bestausgebildeten V orläufer und Weg­ bereiter M aximilians. In Wien habe er von Enea Silvio Piccolomini, dem nachmaligen Papst Pius II., eine dazumals hochmoderne Bildung empfangen. Das ganze K u ltu r­ leben Süddeutschlands verdanke Sigmunds M äzenatentum in hohem Maße den A n­ schluß an das neuerwachte Geistesleben Italiens, seine N aturliebe habe die Anlage m ehrerer Schlösser veranlaßt und seine christliche Fröm m igkeit ihn prächtige G ottes­ häuser schaffen lassen. All dies zusammen hätte „m it die Grundbedingung zu M axi­ m ilians I. moderner Erscheinung“ gebildet. Dieses hellschillernde Porträt des Fürsten muß H egi allerdings in den folgenden Sätzen bereits beträchtlich abschwächen und schwärzen. Die Schwächen in Sigmunds C harakter seien immer stärker hervorgetreten, und er sei nicht fähig gewesen, „im Bewußtsein der Letzte seiner Linie zu sein, seine Lande wieder neidlos dem H auptstam m e der H absburger zuzuführen“ . Das üppigste Günstlingswesen habe seine Regierung beherrscht und schließlich zu Fall gebracht. Beweis für die trostlosen Verhältnisse am Innsbrucker H ofe im Jahre 1487 sind u. a. viele Urfehdebriefe dieses und des folgenden Jahres im Landesregierungsarchiv. Jeder Gefangene mußte bei seiner Freilassung einen solchen ausstellen. E r verpflichtete sich darin eidlich, an keiner an seiner Gefangennahme irgendwie beteiligten Person sich jemals rächen zu wollen. Aus den erhaltenen Stücken geht eindeutig hervor, daß am Bozner Frühjahrsm arkt 1487 nicht allein venezianische Kaufleute — nach einer C hronik aus Ferrara 800, nach einer glaubhafteren 130 — ihrer Waren beraubt und inhaftiert wurden, sondern auch deutsche. U nter den Geschädigten befanden sich B ü r­ ger aus Fran kfurt und Köln, Heinrich Imprecht von Briszl ( = Brüssel), Bernhart H irsvogl von N ürnberg u. a. Mehrere dieser Urfehdebriefe wurden in Innsbruck aus­ gefertigt; Siegler und Zeugen waren Innsbrucker. Am 13. September 1487 bekennen z. B. Ludw ig Deprinali, Bürger zu Jena, und M athis Sinchenrieder von Augsburg, sein Diener, vom Erzherzog gefangengenommen und dann wieder freigelassen worden zu sein; sie versprechen bei dem Eid, den sie dem fürstlichen „marschalck getan“ haben, Urfehde. Diese U rkunde siegelte der Innsbrucker Stadtrichter C onrat D orn in Gegenwart der Zeugen Heinrich Offlinger, Linhart Melcher und des N otars und Stadtschreibers Sigm und Pauman, „burger und inwoner zu Insprugk“ . Am H aller 4 Landtag vom A ugust 1487 wurde es deutlich ausgesprochen, daß jeder, der es wagte, in der grenzenlosen Mißwirtschaft der H öflinge K ritik zu üben, gefangengesetzt, in den Turm geworfen und lange nicht freigelassen wurde. So ist es verständlich, daß Kaiser Friedrich III. und die getreuen Landstände Tirols damals die schwersten A n­ klagen gegen die ungetreuen R äte und dam it indirekt in manchem auch gegen Sig­ mund selbst erheben konnten: 1. Die untreuen R äte haben Sigm und veranlaßt, dem Kaiser wie auch K önig M axi­ m ilian die gemeinsamen und ungeteilten Lande des H auses Österreich, die er als regierender Fürst innehatte, ohne Schuld zu nehmen und frem den Personen zuzu­ wenden; 2. haben dem Erzherzog eingeredet, der Kaiser und K önig wollten ihn bei Lebzeit entsetzen, was erdichtet war; 3. haben ihm vorgemacht, die Genannten wollten ihn durch die H and seiner jugend­ lichen Gemahlin, K atharina v. Sachsen, m it Gift beseitigen lassen; 4. sind dem H erzog Albrecht v. Sachsen (Vater der Katharina), den der Kaiser, die K urfürsten und Fürsten zu Sigm und gesandt hatten, zur Verachtung der kaiser­ lichen M ajestät m it geladenen A rm brüsten und anderer Wehr entgegengetreten, haben ihn m it schmählichen W orten überhäuft und ihn auf des hl. Reiches Straßen m it freventlicher H andlung zu reiten gezwungen; 5. haben M andate ausgehen lassen, daß bei Todesstrafe nichts über ihre Tätigkeit gesprochen werden dürfe, und den getreuen R äten und Landständen den Z utritt zum Fürsten vollständig abgeschnitten. Aus den bisherigen Ausführungen geht bereits die Richtigkeit zweier Feststellungen H uizingas hervor: „D as spätere M ittelalter ist die Zeit der großen Parteikäm pfe“ , hier der österreichischen gegen die bayrische, und zeichnet sich vorzüglich durch die bei­ den Leidenschaften, H abgier und Streitsucht, aus. Daß die ungetreuen R äte Sigmunds, wie Oswald v. Tierstein, H ans Werner v. Zimm ern oder Jö rg v. Sargans, an ihre Bereicherung dachten, ist wohl nicht zu bezweifeln. T rotz seines politischen wie menschlichen Versagens fand Sigm und bei seinem A b­ leben gute Nachrufe. Jakob U nrest schrieb in seiner „österreichischen C h ron ik“ : „A ls man zallt 1496 in der Vasten ist gestorben hertzog Sigm und von Österreich, wonennd an der Etsch, ein gerechter, nuttzer lanndsfurst, des in all sein innwoner zeihen mues- sen, dieweil sy im leben sint. Er hat seine lannd behallten bey guetem frid und nuttzer m untz und seine geschlos mit paw wol getzieret, pose weg guet gemacht.“ U nd der neuzeitlichen Einführungen abholde H aller C hronist Franz Schweyger bem erkte (ver­ besserte Schreibweise): „Etliche alte from m e Personen sollen gesagt haben aus gut­ herzigem Gem üt, wann einer sollte vom H im m el herab fallen, so sollt einer in dieses Land fallen. Aber nachmals durch Veränderungen und neugeschwindigen Influenz der neuen Welt sind alle Gewerbe und H antierungen verändert worden und hoch ge­ stiegen.“ Bevor der energiegeladene, junge Landesfürst, K önig M axim ilian, an eine N eu o rd ­ nung der Landesverw altung schreitet, erledigt er rasch zwei drückende Schuldange­ 5 legenheiten. Die am Bozner Frühjahrsm arkt 1487 ihrer Waren beraubten Kaufleute warteten immer noch auf ihre Entschädigung, auch waren das H eiratsgut sowie die W itweneinkünfte der zweiten Gemahlin Erzherzog Sigmunds, Katharinas von Sach­ sen, sicherzustellen; dann konnte M axim ilian der herrschenden U nordnung in der V erwaltung und der Mißwirtschaft bei der Finanzgebarung zu Leibe rücken. E r er­ richtete zwei bleibende Landesstellen m it einer festen Ordnung, ein neues Regim ent und eine Kam m er. Das Regim ent, an dessen Spitze der Kanzler stand, hatte die poli­ tischen und juridischen Fragen zu behandeln. Die Kam m er, auch Schatzkammer, mit dem General-Schatzmeister, später Statthalter genannt, als V orstand war die höchste Finanzbehörde. Eine nähere Darstellung kann hier unterbleiben, da ohnehin Theodor M ayer in seiner Studie „D ie Verwaltungsorganisationen M axim ilians I. — ihr U rsprung und ihre Bedeutung“ (Forsch, zur inneren Gesch. ö ste rr., H eft 14; 1920) ausführlich dar­ über gehandelt hat. Die Bedeutung, welche M axim ilian und Tirol diesbezüglich haben, zeigen die ersten und die letzten Sätze M ayers: „D ie Verwaltungsorganisationen, welche unter M axim ilian I. in Tirol-Österreich eingeführt wurden, haben seit langer Zeit das besondere Interesse auf sich gezogen, da in ihnen jenes System erkannt wurde, nach welchem das neuzeitliche deutsche Behördenwesen ausgebildet worden ist. Die V erfassungshistoriker fanden hier die ersten Anläufe, die darauf hinzielten, aus dem verschiedenartigen habsburgischen Länderbesitz einen Gesam tstaat durch einheitliche Verwaltung zu schaffen.“ M ayer kom m t zum Schluß: „D ie O rganisations­ form der deutschen Behörden der N euzeit ist hauptsächlich in Tirol entstanden und nicht aus Burgund übertragen worden; wenn auch in anderen Territorien die V er­ hältnisse ähnlich wie in Tirol waren, richtunggebend ist das tirolische M uster ge­ w orden.“ In seinem übersprudelnden Tatendrang schuf M axim ilian auch der O rdnung als­ bald zuviel. In Kürze gab es drei Kam m ern: eine H of-, eine Schatz- und eine H aus­ kammer. Zu Freiburg im Breisgau dekretierte er die Errichtung einer H auskam m er, da bisher über die „Schmelzhütten zu Y nnsprugg und Mülen ( = Mühlau), auch über unser Zeughaus Gebeu, Hauswirtschaft, Jägerei, Fischerei und andere Waidnerei in un- sern N ieder- und Ober-Österreichischen Landen kein recht O rdnung gehalten, sondern in viel Weg daran Mangel und Abgang gewesen“ . D er H auskäm m erer habe Em pfang und Ausgabe zu verzeichnen, „wie auf unser H ofkam m er Gewohnheit ist“ , und C on ­ rad Spörl habe sein „Einnehm en und Ausgeben jährlich, wie sich gebührt, auf unsere österreichische Schatzkamm er zu Innsprugg“ zu verraiten. Ein nächstes, von neuzeitlichem Geiste durchdrungenes Unternehmen Maximilians war die Kodifizierung der Strafbestim m ungen. Bis dahin gab es in Tirol kein ge­ schriebenes, peinliches Recht. Die Bestrafung von Verbrechern lag einzig im Ermessen des Gerichts. Am Tage des hl. Andreas, den der K önig als Patron des goldenen Vlieses besonders verehrte, dem 30. N ovem ber 1499, erließ er ein solches Strafgesetz für Tirol, das älteste unter allen deutschen Gesetzen dieser A rt. Einleitend erklärt M axi­ milian, daß bisher peinliche Rechtsverhandlungen große Kosten verursachten und „allein durch eines jeden Rechtsprechers Gewisen“ ohne ein aufgesetztes und klar aus­ gedrücktes Gesetz geurteilt worden sei. Dann bestim m t er die Zahl der Rechtsprecher 6 für Meran, H all und Sterzing, je 6 des Rates und 6 aus dem Landgericht, „aber in unser Stat Innsprugg und Landgericht Sunneburg, dieweil Stat und Landgericht nicht gleich sein, sol die Stat vier und das Landgericht acht, zusam pt unserm Landrichter zu Sunneburg“ stellen. Die peinliche Verhandlung und A burteilung hatte bei ver­ schlossenen Türen stattzufinden, öffentlich waren nur Ehrverletzungen zu behandeln. Einige der Strafbestim m ungen — die allerdings nach heutiger Auffassung geradezu drakonisch anmuten — lauten: M örder sind m it dem R ad zu richten, V erräter zu schleifen und zu vierteilen, R äuber zu enthaupten. Kirchenräubern, Brandlegern, Ketzern und Münzfälschern drohte der Brand. N im m t ein Mann zwei Weiber oder ein Weib zwei Männer, war jener oder diese zu ertränken. Die gleiche Todesart stand einer Person bevor, die „vertrauts G uet weg fü ret“ ( = Veruntreuung) oder ein G ut an zwei oder drei verkauft ( = Betrug), ebenso den Notzüchtern, die eine Frau oder Ju n gfrau ihrer Ehre berauben. Dabei mußte allerdings feststehen, daß die Anzeigerin nicht aus Neid, Haß oder Feindschaft handelte. Der Aussteller eines Urfehdebriefes (siehe Seite 4) war im Falle, daß er diesen bricht, m it dem Schwert zu richten, ein Weibsbild zu ertränken. Eine Kindsm örderin, „welche Frau ein Kind vertut, die soll lebendig in das Erdreich begraben und ein Pfahl durch sie geschlagen w erden“ . Dem Schwörer eines falschen Eides wurden Zunge und beide Schwurfinger abgeschnit­ ten. Wer „einen gelobten Frieden bricht ohne merkliche Ursache“ , ist m it dem Schwert zu richten. Ein Selbstm örder — welcher „ihm selber den Tod tu t“ — war ebenso wie eine Person, die den christlichen Glauben verleugnet oder V ater und M utter um bringt, dam it er sie beerbe, mit Leib und G ut verfallen. Bem erkenswert ist, daß wenige M onate zuvor, am 27. Ju li 1499, der Landes- und Feldhauptm ann Leonhard von Völs in seiner Feldordnung für die Truppen im Enge- deinerkrieg bereits ähnliche drakonische Maßnahmen traf. Wer sich z. B. einen zwei­ fachen Sold von zwei H auptleuten oder zwei Fähnlein zu verschaffen wußte, wurde m it dem Schwert gerichtet. Welcher einem ändern seine Wehr stiehlt, verliert die Hand. Alle Verräter und falschen Kundschafter sollten geschlagen und zu vier Teilen geteilt werden. Es sollten die Provosen jene ziemlich strafen, die unnotwendigerweise Pulver und Blei verschießen. A ntonio de Beatis schildert in seinem Reisebericht über Deutschland die Strenge der T iroler Gerichte und lobt sie. Überdies bem erkt er noch, daß die Galgen mit Zieraten versehen und sehr prunkvoll hergestellt gewesen seien. D as Rädern sei die grausamste Todesart gewesen, da die Justifizierten dabei oft noch zwei bis drei Tage lebten. A ntonio de Beatis schreibt: „Ü berall fanden wir unzählige R äder und Galgen (,rote et forche infinite'), die nicht nur in ihrem A ufbau m it Zieraten versehen waren, wie sie denn sehr prunkvoll hergestellt werden, sondern auch m it gehenkten M en­ schen, w orunter zuweilen auch justifizierte Frauen, so daß man sieht, daß strenge Rechtspflege geübt wird, was ohne Zweifel in diesen Ländern auch sehr nötig ist. Da alle Edelleute außerhalb der Städte in ihren festen Burgen wohnen, wohin sich auch viel Raubgesindel zurückzieht, so könnte man gar nicht existieren, wenn die Rechts­ pflege nicht so streng wäre. Auch so kom m en außerhalb der Grafschaft T irol noch R aubm orde genug v o r“ (1517/18). 7 Nach H uizinga war dem mittelalterlichen Menschen ein unbeugsames, steinhartes Rechtsgefühl zu eigen: „D as Gerechtigkeitsgefühl war noch zu drei Vierteln heidnisch. Es war Rachebedürfnis. Die Kirche hatte zwar danach getrachtet, die Rechtsgewohn­ heiten zu mildern, indem sie auf Milde, Frieden und Versöhnlichkeit drang, aber das eigentliche Rechtsgefühl hatte sie dam it nicht verändert. Im Gegenteil, sie hatte es gesteigert, indem sie dem Vergeltungsbedürfnis den Haß gegen die Sünde hinzufügte.“ Das ausgehende M ittelalter wäre die Blütezeit peinlicher Ju stiz und richterlicher G rau­ sam keit gewesen: „M an machte sich keinen Augenblick Gedanken darüber, ob der Ü beltäter seine Bestrafung verdient habe. Man em pfand innige Genugtuung über treffende, vom Fürsten selbst statuierte Exem pel der Gerechtigkeit.“ Für Innsbruck m öge die A rt jener Ju stiz die Behandlung einer falschen Anzeige über Sodom ie (widernatürliche Unzucht, hier Knabenliebe) illustrieren, die der Flo­ rentiner Gesandte Franzesco V ettori (ca. 1507) erzählt: „E s wisse jeder, daß in Deutschland Sodom ie härteste Justiz erfahre, so daß man glauben könnte, daß dieses Übel in jenem Lande zur Gänze ausgerottet sei. U nd nun ereignete sich zu Innsbruck folgender Fall: Am H ofe des Kaisers weilten zwei Piemontesen, um die Belehnung mit einem Schloß zu erlangen, Simone da Chieri und Giovanni Polo da Casale. Beide waren dieses Streites wegen zu Todfeinden geworden. D a Casale mehr Recht auf das Schloß hatte und auch begünstigter war, beschloß ihn Chieri durch ein ruchloses V or­ haben zu vernichten. Casale hatte einen 15jährigen Knaben bei sich, der m it seinem H errn nicht zufrieden war. An diesen machte sich Chieri heran, gab ihm zwei Gulden und versprach, ihn für immer reich machen zu wollen, wenn er aussage, daß Casale ein Sodom it sei. Auch unter Drohungen und Schreckmitteln müsse er im m er das gleiche sagen. Der Knabe, der gar nicht wußte, was Sodom ie ist, klagte beim Bürger­ meister (Borgom astro) seinen H errn an. D er Bürgerm eister ließ beide ergreifen. Casale erklärte beim Verhör, daß er unschuldig sei, aber der Knabe gestand sofort. Casale wurde auf die Folter gelegt, welche die Deutschen in dieser Weise vornehm en: Sie breiten den Menschen auf einem Tisch aus und binden ihm Beine und Arm e an. D ann ziehen sie ihn m it einem Hebel an, wie man eine A rm brust spannt. Es ist dies so eine große T ortur, daß sie niemand aushalten kann. Vom Schmerz überw ältigt, gestand auch Casale alles, was der Knabe gesagt hatte, obwohl es nicht wahr war. D araufhin wurden beide, Casale und der Knabe, nach Landesbrauch zum Feuertode verurteilt. Zu jener Zeit befand sich als Gesandter des Königs Frederigo von Neapel beim Kaiser in Innsbruck, ein gewisser Messer Francesco de M onti, ein ausgezeichneter A dvokat und gutm ütiger und welterfahrener Mann. Dieser war m it Casale befreundet und hielt es für sicher, daß er in diesem Falle unschuldig sei. Das Verbrechen (der Sodom ie) galt im Lande für so verabscheuungswürdig, daß er nicht gewagt hätte, davon zu sprechen und noch weniger seine Meinung zu sagen. Am M orgen der H in ­ richtung fiel ihm ein, daß möglicherweise dem Knaben versprochen worden war, daß er nicht sterben werden müsse, und er deshalb so hartnäckig seinen H errn beschul­ digte. So begab sich M onti zum Bürgerm eister, tat ihm sein Bedenken kund und bat, daß er schon zufrieden wäre, wenn der Knabe zuerst sterben müßte. Dem stimm te der Bürgerm eister zu. N un wurden die Verurteilten zum Platz der Gerechtigkeit ( = Richtstätte) gebracht. Der Bürgerm eister ordnete an, daß zuerst der Knabe ver­ brannt werde. Als dieser sah, daß er gegen das ihm gegebene Versprechen sterben müsse, begann er alles genau zu erzählen und gestand, wie und m it welcher Kunst man ihn dazu gebracht habe. Simone da Chieri — der Anzettler des Ganzen — sah auf einem Pferde zu und ergriff, als er die W orte des Knaben hörte, eiligst die Flucht. Casale wurde freigelassen und der Knabe, obwohl er noch jung war, verbrannt. Der Bürgerm eister wollte nämlich nicht, daß sich einer daran ein Beispiel nehme, seinen H errn zu Unrecht zu verleumden. D er freie Casale erhielt nach wenigen Tagen die gewünschte Verleihung.“ Die vorstehende, für die Rechtshandhabung in Innsbruck sehr lehrreiche Geschichte — an deren W ahrheit nicht zu zweifeln ist — ist übrigens ein Beweis dafür, daß die Stadt die hohe Gerichtsbarkeit ausübte. Für die Bewertung der Leistungen Maxim ilians für Tirol sei angeführt, was der bekannte österreichische H istoriker Alphons Lhotsky in der Einleitung zum K atalog der Ausstellung „M axim ilian I. 1459— 1519“ (Biblos-Schriften, Bd. 23) schrieb: Die österreichische Geschichtsschreibung könne M axim ilian nie verzeihen, daß er jah r­ zehntelang um seiner stets ungenau berechneten politisch-militärischen Unternehm un­ gen willen die Erbländer wirtschaftlich überanstrengte und namentlich Tirol für lange Zeit ruinierte. „S o bescheiden, bürgerlich, anspruchslos M axim ilian I. im täglichen Leben und besonders in der Todesstunde erscheint, so ganz anders ist er gewesen, wenn es sich um die Anerkennung seiner providentiellen Stellung, aber auch seiner persönlichen Arbeit, seines Wirkens im Dienste der Ideen handelt. Ego possum ferre labores — volo etiam honores! (Ich kann Mühen ertragen, will aber auch die Ehren !)“ D er berühm te Florentiner Staatsm ann N icolo Macchiavelli, der ebenfalls (ca. Ende 1507) in Innsbruck weilte, charakterisierte den Kaiser m it den wenigen W orten: „E vario, perche oggi vuole una cosa e dom ani n o “ (er ist wankelm ütig, denn heute will er eine Sache und m orgen nicht). II Innsbrucks Morgenröte und Spuren des Humanismus Innsbruck war um die M itte des 15. Jahrhunderts, wie die meisten damaligen deutschen Städte, nicht größer als ein heutiges ansehnliches D orf. M it der Einrichtung einer ständigen H ofhaltung und dem A usbau der H ofbu rg unter Erherzog Sigmund und seiner Gemahlin Eleonore von Schottland begann für das Innstädtchen bereits die M orgenröte einer neuen Zeit. D er bekannte H istoriker O tto Brunner umriß das Bild jener Kleinstädte in seiner Abhandlung „B ürgertum und Städtewesen im deutschen M ittelalter“ (1930) wie folgt: „A m häufigsten ist der unterste Typus der mittelalterlichen Kleinstadt. Wir wissen, daß noch in großen Städten landwirtschaftliche Tätigkeit des Bürgers keine unwesent­ liche Rolle spielt. In der Kleinstadt sind Viehzucht und Ackerbau so stark vorherr­ schend, daß m an diese Kleinstädte m it Recht als Ackerbürgerstädte bezeichnet hat. Gewerbe und H andel, die selten voll entwickelt sind und einen engen U m kreis w irt­ 9 schaftlicher Tätigkeit nicht überschreiten, treten nur wenig hervor. Vermögensschich­ tung und gesellschaftliche Struktur sind vom D orfe noch kaum unterschieden. Viel­ fach handelt es sich gar nicht um Städte im wirtschaftlichen, sondern nur im Rechts­ sinne, die ihre Stadteigenschaft der Befestigung und der Verleihung von Stadtrecht durch die politischen Gewalten verdanken.“ Solche gewerbliche Kleinstädte zählten, voll entwickelt, etwa 5000 Einwohner. In Innsbruck waren die Gewerbe schon längst gut vertreten, denn die durchziehen­ den K auf- und Fuhrleute hatten stets allerlei Bedarf. Herbergen waren allezeit nötig, Pferde mußten immer wieder beschlagen werden, Wagner und Räderm acher wurden ebenso gebraucht wie Lederer und Taschenmacher. M it der Niederlassung der H o f­ haltung erfuhr das Leben und Treiben aber einen unverhofften Auftrieb. Mangels geeigneter Quellen kann nur angenommen werden, daß die neue Residenz allerlei Leute nach sich zog, etwa Landadelige und Beamte, die sich dann in der Stadt ein D om izil erbauten. Die Zahl dadurch entstandener Neubauten läßt sich ebenso schwer angeben, da ja kaum eine Quelle das Baujahr eines Privathauses nennt. Schon be­ züglich der fürstlichen Bauten, von denen doch wertvolle Nachrichten vorliegen, ist noch vieles unklar. Durch den Zuzug von Adeligen und Regierungsbeam ten erlebte Innsbruck erstmals standesmäßig eine Oberschicht, die über den Bürgern und In­ wohnern stand. Es ist auffällig, daß sich in Innsbruck kein Patriziat entwickelte, d. h. angesehene Familien, die durch Reichtum, Grundbesitz oder H andel hervor­ treten und leitende Funktionen bei der Stadtobrigkeit innehaben. Es kann dies damit Zusammenhängen, daß Innsbruck nur vom reinen Durchzugsgeschäft lebte und keine besondere Quelle des Wohlstandes, wie etwa H all das Salz, besaß. Man findet in Inns­ bruck auch kaum Bürgerfam ilien durch mehrere Generationen. Angesehene Nam en des 14. Jahrhunderts, wie Am phrauner, Füllsack, Plaetterle, erscheinen nicht mehr. Der Stadtschreiber Sigm und Paumann zählt um 1490 in einer Bürgerliste 106 Nam en für die A ltstadt auf. Eigenartig ist, daß man über die Geschichte der Gaststätten, die doch eine bedeu­ tende Rolle spielen mußten, recht wenig weiß. W ertvolle N otizen sammelte bereits (1900) O skar Wanka von Rodlow für sein Buch „D ie Brennerstraße im A ltertum und M ittelalter“ . Demnach befand sich der erste G asthof im Besitze der Familie Iphofer; er sei der größte gewesen, und der Wirt habe gut italienisch gesprochen. Dies be­ richtet das „D iplom atarium Portusnaonense“ : „Ibi ivimus ad hospitium cuiusdam hospitis, qui vocatur Y pofar, qui seit bonum italicum, et est ibi m axim um hospitium .“ Die Reiseinstruktion des Bernhard von Breitenbach meldet 1483: „D arnack kom pt mann geyn Isbrücke, allerthalben gudt herbergenn.“ Eine andere Stelle erklärt kurz: In Innsbruck besteht ein Überfluß an Gaststätten, und Dirnen gibt es in großer Menge (et meretrices sunt in magna copia). Nach Wanka wurde die gewerbsmäßige Unzucht in den großen und kleinen Gasthäusern m it einer auffallenden U ngeniertheit be­ trieben. Ein Schäferstündchen m it der W irtsmagd (cum ancilla hospitii) kostete durch­ schnittlich vier Solidi, d. i. etwa ein Pfund Rindfleisch. Die vorhandenen U nterkünfte reichten keinesfalls aus, wenn es nicht übertrieben ist, daß, wie A ntonio de Beatis berichtet, der Kaiser wiederholt m it 6000 Pferden in Innsbruck weilte. Der genannte Florentiner V ettori (s. Abschn. I) bewohnte im 10 H erbst 1507 in Wilten ein Zimm er nahe bei einem H errn der Gesandtschaft von Siena. Auch die anderen O rte der Um gebung, H all m itinbegriffen, werden in solchen Fällen voll belegt gewesen sein. Welche Waren führten die Kaufleute durch Innsbruck? Nach einem Zollregister von ca. 1500 (O tto Stolz: „Deutsche Z olltarife. . .“ ) spielte der Wein die H auptrolle. Aber nicht allein Südtiroler Wein wurde geliefert, sondern auch Schwäbischer, V elt­ liner und Branntwein. D er T ransport wurde nicht allein auf der Achse, sondern auch m it Flößen oder Schiffen durchgeführt. Um 1480 kostete — nach der H aller C h ro­ nik — die Maß Wein zwei Kreuzer, das Trinklein ( ^ Maß) einen Kreuzer. Viel ge­ liefert wurden auch Salz und Heringe. Vom Süden kam der Großteil der Waren aus Venedig. Wanka stellt eine lange Liste zusam m en: „D ie Wagen, die von Süden kamen, brachten Säcke m it allen möglichen Gewürzen (hauptsächlich m it Pfeffer), Truhen m it Zimt, Schachteln m it Südfrüchten, Säcke m it Mandeln, m it Johannisbrot, mit Zitwerwurzeln, große Schachteln m it Confect, Fässer m it Feigen, Zucker und Palmatseide, Tonnen m it Weihrauch, Ballen m it Baumwolle, Pakets m it Seide und Samt, Schachteln m it Borten, Tücher aus Dam askus, Schachteln m it Gold und Silber, Ölfässer und ungemein zahlreiche Fässer m it Weinen aus Italien oder aus dem Etsch­ tal.“ Aus den nördlichen Ländern gingen über den Brenner südw ärts: Tücher aus der Rheingegend, namentlich aus Aachen und Frankfurt, Tücher aus Tournay und Löwen, englische Tücher, verschiedene Felle, Ballen und Fässer m it Barchent, Panzern, H aar­ bändern, Nadeln, Fingerhüten und Messern, Papierballen, Fässer m it K upferdraht usw. Wenn auch die Bewohner der Stadt, Wirte, Rodfuhrleute, Gewerbetreibende und Bauern, kaum dem neuaufkom m enden H um anism us viel Interesse entgegengebracht haben dürften und m it der Wiltener Klosterschule sowie einer Latein- und einer Deutschschule auskamen, so muß man wegen der Behauptung des Schweizer H isto ­ rikers H egi (s. Abschn. I, Abs. 2), Erzherzog Sigm und sei der humanistisch best- ausgebildete V orläufer und Wegbereiter M axim ilians gewesen, doch nachsuchen, ob sich Spuren des H um anism us am Innsbrucker H ofe nachweisen lassen. Erich Egg behauptet, daß der kunstsinnige Pfarrer von Flaurling, Sigm und Ris (seit 1479), von der „ersten Welle der humanistischen Bewegung am Innsbrucker H o f“ , m it den bedeutenden Dr. Joh. Fuxm agen, K onrad Wenger und Joh . Tiburinus, be­ einflußt worden sei (s. „das Fenster“ , H eft 4). D er Ravensburger Ladislaus Suntheim (Suntheimius, gest. 1512), der 1460 an der Wiener U niversität studiert, war mehrere Jahre Kaplan Erzherzog Sigmunds. Als M axim ilian Tirol übernahm, kehrte er nach Wien zurück. Der hier kaum bekannte Benedict Kneysel aus Innsbruck pries die Schönheit des Sallustischen Stils. Eine sehr wissenswerte, aber kaum beantw ortbare Frage ist die nach einer Durch­ reise und einen A ufenthalt in Innsbruck bekannter ausländischer Hum anisten, wie etwa des Straßburger Patriziers Peter Scholl, der ein D rittel seines Lebens in Italien verbrachte, oder des Elsässers Thom as Wolf, der wiederholt nach Italien reiste und 1509 in R om starb. H at der berühm te Francesco Pico della M irandola 1505 seinen Reiseweg nach Straßburg über den Brenner genommen und dabei in Innsbruck seine königliche Landsm ännin besucht? 11 Daß Bianca M aria Sforza m it dem H um anism us vertraut war, ist nachweisbar. Nicht nur daß Franz Sforza, H erzog von Mailand, 1510 zum R ekto r der juridischen Fakultät in Wien erwählt wurde, weilte M axim ilian sam t Gemahlin und dem H erzog von Mailand am 1. M ärz 1501 bei der Dichterkrönung des Schlesiers Vincentius Longinus Eleutherius auf dem Linzer Schloß. Es wurde dabei das dramatische Sing­ spiel in fün f A kten „L udas D ianae“ von Conrad Celtes (gest. 1508) aufgeführt. Letztlich bleibt die Frage, ob nicht Erzherzogin Eleonore von Schottland, die Ge­ mahlin Erzherzog Sigmunds, als erste tätige H um anistin Tirols anzusprechen ist. Sie übersetzte den R om an — der nach einem Druck von 1539 folgenden Titel trug — „V on adelichen, männlichen Tugenten, Erbarkeit und Zucht — R itter Pontus, ein rumreich, zierlich und fruchtbare H istori von dem edlen, ehrreichen und mannhafti- gen R itter Ponto, des Königs Son aus Gallicia, auch von der schönen Sidonia, Königin aus Brittania, vil guter, nützlicher Leeren und Underweisungen bei Fürsten und H er­ ren sich rittermessig, frommlich und höflich zu halten. Durch die hochgeborne Frau Leonora Künigin aus Schottenland, Erzherzogin zu Österreich, aus französischen Zun­ gen ins Teutsch bracht, kurzweilig zu lesen.“ In der Vorrede finden sich tatsächlich Ansichten, die dem Gedankenkreis des H um anism us entsprechen, wie z. B. der wiederholte Hinweis auf den Wert der von den Voreltern aufgezeichneten Geschichten. Es folgt nun der W ortlaut dieser V or­ rede: „ W i e u n d w a r u m d i e s e H i s t o r i e n z u l e s e n , w a s N u t z u n d F r u c h t b a r k e i t d a r i n zu suchen, und wie sie zu U n d e r r i c h - tung unsers Lebens und rechter H a u s h a l t u n g angen om m en u n d g e b r a u c h e t w e r d e n s o l l . Es ist nichts so bös, arg und so gar ver­ derbt — wie man spricht — das nicht zu gutem wiedrum bracht m ög werden, also ist auch, günstiger Leser nichts so schlecht und unachtsam, das nicht etwan zu N u tz diene und reiche, wo mans recht ersucht und unparteiisch, ohne ein schalkhaftig Aug ansieht, und nicht allein an der äussern Schalen hangen bleibet, sondern zum Kern hinein gräbt und die Süßigkeit der Nuß ersucht. Darum auch nie nichts von unsern Voreltern in die Feder vergeblich bracht und verfaßt worden ist, nemlich von H isto­ rien und Geschichten, so sich zu ihren Zeiten zugetragen haben das nicht uns N ach­ kom menden zu großem N utz, Steur, Underrichtung und Lehr des äusserlichen Lebens, Sitten und H aushaltung, auch Anrichtung guter Policeien dienet, wo mans recht ansiehet und erörtert. D arum denn auch die Alten, die allezeit auf die Zuköm m ling und neue zukünftige Welt gesehen haben, kein Geschieht, oder gar wenig, sonderlich worin sie merkliche Frucht gespürt und ersehen, fü r haben lassen gehen oder hin­ schleichen, daß sie nicht aufs fleißigst aufgezeichnet und als einen sonderlichen Schatz den Nachkomm en behalten und verw ahret hätten, davon sie möchten erlangen und haben M ehrung aller Weisheit, O rdnung aller guten Policeien, Regim enten etc., denn zu menschlicher Weisheit und Fürsichtigkeit auch zu guten Regim enten und äusser- licher H aushaltung, nichts so fürständig ist, als Erkenntnis vieler alten H istorien und Geschichten, die da augenscheinlich weisen, erinnern und als m it Fingern anzeigen und deuten, wie es den Alten gelungen, w orzu es ihnen gedienet, zu gutem oder zu bösem gereicht haben, dadurch wir ihnen haben nachzufolgen oder uns darfür zu hüten . . . 12 D arum diese ruhmreiche, schöne und fruchtbare H istorie voller W underwerk G o t­ tes, Zucht, Scham, ritterlichen Taten und höflicher Sitten wieder herfür gezogen und an Tag bracht worden ist, dieweil viel hierin gelehrt und ersehen wird fürderlich zu Ehren G ottes und zu Besserung und Underrichtung unsers Lebens, welchem für und fü r eines Lehrmeisters vonnöten ist. Derhalben hast du freundlich lieber Leser in dieser H istorie zu merken, darum ich auch in Kürze, in Summ a und den Kern daraus aufs einfältigst habe wollen anzeigen, dam it sie nit als ein schlechte Geschieht oder unnütze Fabel hingeworfen und ver­ achtet würde, und also nicht geacht oder angesehen, w arum unsere Voreltern diese haben lassen auf uns kommen. Auch warum diese aus französischer Sprach in das Latein und nachmals in unsere teutsche Sprach gebracht worden sei, das fast wol zu merken und wahrzunehmen ist. Was aber der edel und kühn R itter Pontus für m änn­ liche Taten getan und begangen hat, wie er das Königreich Engelland durch seine mannhafte H and erhalten vor den Heiden, und Britannien sein V aterland so wunder- barlich erlediget von dem Soldan ( = Sultan) und eingenohmen und nachmals könig­ liche Ehr und Scepter in Gallicia und Britannia geführt, wie er sein Regim ent und Reich geendet und beschlossen hat, wirst du genugsam hierinn ersehen, darum weiter darvor zu melden, ist nicht vonnöten.“ (N un folgt das 1. K apitel: Die drei Söhne des Soldans fallen in die Christenheit ein und tun großen Schaden. Pontus und seine Gefährten werden gefangen.) Abschließend eine Leseprobe aus dem R om an „R itte r Pontus“ , aus einem Kapitel, in dem auch der H erzog von Österreich genannt wird (etwas verbessert): „W i e e i n b e s o n d e r R e n n e n u n d S t e c h e n i n d e r S t a d t R e ­ g n u s o d u r c h P o n t u m im N a m e n des K ö n i g s a n g e r i c h t e t und g e h a l t e n ward, a u c h wie z u l e t z t si ch der H o f z e r t r e n n e t e : Als nun die Bahn zugerichtet war, da kam Pontus auf einem großen Pferd m it weißem bekleidet, und m it ihm seine Gesellen, auch also zugerüstet. D er erste war Bernhard von Rosches, der andere der G raf von Leon, der dritte der G raf von Duß, der vierte Polidas, sein Vetter, der fünfte H erland der Seneschal, und die waren alle gute m annhaftige Ritter. Das Stechen hub sich an und ward groß und kamen viel auf die Bahn an dem M ontag und A fterm ontag, sie rückten gar lustig und freudig zusammen und gaben einander gar harte Stöß. Pontus tat abermal das Best und erzeiget seine Stärke, ge­ w altig stach er nieder Mann und Pferd, wer gegen ihn auf die Bahn reitet, er zeiget sich dermaßen, daß ihn jedermann scheuet und forchte. E r war zu gefallen der Sidonia so freudig und kühn, daß er keinen forcht, der gegen ihn ritt, denn sein H erz und Gem üt war stets bei der Sidonia, deren er allein hierin dienet und hofieret, denn sie war zugegen und sah dem Stechen zu. Er ward da um seines männlichen Stechens willen fast gelobt von jung und alt. Die Frauen lobten ihn in Sonderheit für ändern, und sprachen zu einander: Sehet, da kom m t hergerannt Pontus, der jedermann hernieder sticht, er ritte frisch hinan und sparet sein Lanzen gegen niemand. Sidonia höret, wie ihn die Frauen und jedermann lobet, der vierte Polidas sein Vetter, der fünfte H erland der Seneschal, und die waren alle wöhnig würde, daß sie mehr Freude und Gefallen ab ihm hätte, denn ab einem ändern. 13 D er H erzog von Österreich stach auch fast wohl, desgleichen der H erzog von Lothringen und der G raf von Saphoy, der von M ontbeliart und viel andere Fürsten, Grafen, Freie, H erren, R itter und Knecht, da lang von zu sagen war. Der H o f war fast groß, und war da viel Stechens und Rennens. U nd da nun das Stechen vergangen war, da gab man den Preis den Ausländern, dem Grafen von M ontbeliart, einen G ürtel und einen köstlichen Wetscher ( = Tasche) daran, welches ihm Sidonia gab, denn sie war die allerschönste und dazu erwählt. Den Preis von dem A fterm ontag ( = Dienstag) gab die schöne Sidonia auch einem Ausländer, nämlich dem H erzogen von Oesterreich, den Sperber m it den köstlichen W ürfeln und ein schönes Kränzlein setzt sie ihm auf sein H aupt. Darnach hatte Pontus auch Preis von dem M ontag. U nd den Preis von dem A fter­ m ontag wollt er, daß man gebe dem H errn von Rosches, denn er hätte auch nach dem Ponto unter seinen Gesellen am Besten und Ritterlichsten gestochen . . III Höfisches Leben H uizinga schreibt (S. 38): „V on Burgund haben die H absburger das schön ausge­ staltete H ofleben geerbt und nach Spanien und Österreich verpflanzt, deren H öfe bis in die jüngste Zeit dessen Bollwerk geblieben waren. D er burgundische H o f wurde von allen als der reichste und am besten geordnete gerühm t. V or allem K arl der Kühne, der Mann m it dem gewalttätigen Geist von Disziplin und Regel, der doch nichts als U nordnung hinterließ, hatte eine Leidenschaft für ein Leben von hoher Förm lichkeit.“ Als Gegenteil zu dieser prächtigen und so gepriesenen O rdnung am H ofe von Burgund werden die Zustände, ja das Elend des H oflebens am viel älteren französischen H o f geschildert: „Schlechte Kost und schlechtes Logis, immer Lärm und Verwirrung, Flüche und Zwistigkeiten, N eid und H oh n; es ist ein Sündenpfuhl, ein T or zur H ölle“ (nach Eustache Deschamps). Eine ausführliche D arstellung des Lebens am Innsbrucker H ofe, die es ermöglichen würde, die hiesigen Zustände m it den burgundischen, französischen und auch den durch Bianca M aria Sforza gebrachten italienischen und vergleichen, ist leider nicht vorhanden. Lediglich eine Summe kleiner Einzelnotizen gewährt einigen Einblick. Was die W ohnverhältnisse betrifft, so waren sie in Innsbruck am Ende des M ittel­ alters gewiß nicht die vornehm sten, was aber dam it entschuldigt werden kann, daß der Bau einer neuen H ofburg erst im Gange war. Den höfischen H aushalt dürfte M axim ilian in Burgund näher kennengelernt haben. D ort herrschte bezüglich der Mahlzeiten und der Küche eine pantagruelsche Ü p pig­ keit. Die H oftafel Karls des Kühnen glich (nach H uizinga) „m it all ihren m it nahezu liturgischer Würde geregelten Diensten von panetiers und Vorschneidern und M und­ schenken und Küchenmeistern der A ufführung eines großen und ernsten Schauspiels. D er ganze H o f aß in G ruppen zu zehn in getrennten Zimmern, bedient und be­ wirtet, wie der H err, alles nach R ang und Stand geordnet“ . 14 Ein unbekannter Berichterstatter schildert dagegen das Fastenabendessen, das H er­ zog Sigmund den burgundischen Kom m issaren für die Besitzergreifung der Grafschaft Pfirt (im Elsaß westlich von Basel) am 21. Ju n i 1469 zu Thann gab, m it G ering­ schätzung für die deutschen Tischsitten. Besagter H erzog von Österreich habe mit gebackenen Grundeln ( = eine Fischart m it wohlschmeckendem Fleisch) den Tisch beschm utzt: „Item zu vermerken, daß sobald das Gericht auf den Tisch gesetzt war, jeder m it der H and zulangte, und bisweilen der Geringste zuerst.“ M axim ilian interessierte sich, wie aus mehreren N otizen seiner Gedenkbücher her­ vorgeht, im m er wieder für Küchenspezialitäten und Vorräte. So ließ er vermerken, daß die Rückbraten der jährigen Kälber im A ugust und September sehr gut zu essen sind. Melonen, in K orn oder Sägemehl eingeschlagen, halten lange. Man esse viel B rot mit süßem Wein, besonders „Prezen oder Crekelin“ , und trinke „Seruisiam ( = cerevisiam) Pier“ . In den Fasten, wenn man keine Butter ißt, soll ö l dafür genommen werden. Die H erstellung des Nürnbergischen „V eigen-K as“ wäre zu erlernen, nämlich wie man ihn in Zucker einmacht; ebenso wie man die „frischen W einber“ einmachen kann. M itte O ktober 1497 erinnerte sich Maximilian, daß es zu H ard t bei Ensisheim — dem Sitz der vorderösterreichischen Filialregierung im Elsaß — gute „G reblin g“ (?) oder E rd ­ nüsse gäbe. Von Steinach aus schreibt er dem dortigen Landvogt, C aspar Frh. von M örsperg, er möge ihm m ittels Boten ein Faßl davon schicken: „. . . daß du ein Vässl m it Grebling oder Erdnüssen, so auf der H ard t bei Ensisheim wachsen in ein frisch Mieß ( = Moos) wol einmachen lassest und uns bei einem Poten fürderlichen zu­ schickest.“ Die Pflege der M usik durch M axim ilian kann übergangen werden, da sie bereits W alter Senn in dem Werk „D ie M usik in Geschichte und Gegenw art“ (Spalte 1223/24) dargestellt hat. Ü ber H offeste, Spiele und große Jagdveranstaltungen liegen nur spärliche Einzel­ angaben vor, obwohl es deren gewiß viele gab. Zu Zeiten der Anwesenheit des L an­ desfürsten, zuerst Erzherzog Sigmunds, dann K önig Maxim ilians, war die kleine Stadt von frem den Adeligen, Gesandten, Geschäftemachern und Gauklern überfüllt. Antonio de Beatis erzählt, daß der Kaiser wiederholt m it 6000 Pferden (wohl übertrieben!) in Innsbruck geweilt habe. D er Großteil davon hätte im Freien bleiben und die R oß ­ knechte wie niederes Personal in Zelten übernachten müssen. Einen w ertvollen Bericht über die Hochzeit Erzherzog Sigm unds m it der fünfzehnjährigen K atharina von Sachsen zu Anfang M ärz 1484 gibt der bereits genannte U lm er D om inikaner Ulrich Faber, der gerade vom Heiligen Land zurückkehrte. Er schreibt: „So ritten wir also vom Gebirge durch die Ebene zur Stadt Innsbruck hin. In die­ selbe eingetreten, fanden w ir sie voll von Adeligen und Bewaffneten. Fürsten, Grafen und Barone waren zum Erzherzog gekommen, denn gerade feierte der Landesfürst m it der Tochter des Sachsenherzogs Hochzeit. Zu dieser Feier war der Adel aus ganz Deutschland zusam m engeström t. Die Stadt war dermaßen voll von Leuten, daß wir in ihr nicht ein Plätzchen fanden, an dem wir kurze Zeit hätten ausrasten können. Die Stadt ist nicht besonders groß, aber wegen des Sitzes der österreichischen H erzoge weit bekannt und angesehen. Von ihrem Winke hängt das Schicksal ganz Deutschlands ab, besonders auch im gegenwärtigen Zeitpunkt, wo der Reichsfürst aus diesem berühmten Fürstenhof kom men soll. Friedrich III. hat nämlich den K aiserthron inne, 15 und sein Sohn M axim ilian strebt nach der römischen Kaiserkrone, und wie er H erzog von Österreich ist, so ist er auch allein m it seinem Sohne H erzog von ganz Burgund, und Sigm und besitzt das Etschgebiet und die Grafschaft Tirol, Schwaben, Breisgau und Elsaß. Das H aus Österreich strahlt in solchem Glanze, daß ihm alle Könige und F ü r­ sten unterwürfig oder in Furcht ergeben sind. Jede Stadt und jeder O rt, den sie besit­ zen, erhält ein allen ehrwürdiges oder gefürchtetes Ansehen, vor allen aber sind die durch ihren A ufenthalt ausgezeichneten O rte berühm t, wie es bei der Stadt Innsbruck der Fall ist. Man heißt sie ,Pontinac von der Brücke am Innfluß, was gleichbezeich­ nend wie der gewöhnliche N am en ,Inspruggc ist. Die Stadt führt im Wappen eine Brücke und den Inn . . . In der Stadt Innsbruck hat der H erzog eine vornehme R esi­ denz und einen Palast (regiam solennem et palatium ), und die Stadt besitzt einen geräumigen Platz für Turniere und andere olympische Spiele. An den Stadtm auern fließt im raschen L auf der Innstrom vorbei.“ Als Faber bald wieder Innsbruck verließ, kam er auf der Brücke „in einen großen Tum ult hinein, denn in derselben Stunde kam gerade der bayrische Fürst Christoph m it seinem Heere von München her, und es entstand auf der Brücke ein beängstigendes Drängen der Pferde“ . Verhältnismäßig dürftig sind die Schilderungen über die folgende, bedeutendere Fürstenhochzeit, jene Maxim ilians m it Bianca M aria Sforza, die M itte M ärz 1494 in Innsbruck stattfand. Einem Schreiben des Grafen Eitelfritz von Zollern an den König vom 8. Jänner 1494, einem Papierblatt, dem die linke obere Ecke fehlt, ist zu entneh­ men: Die Braut warte bereits „m it großem Verlangen“ . Den letzten Brief, den ihr der König eigenhändig geschrieben, habe sie „allzit im Busam getragen“ . D er König wolle wissen lassen, wo man auf „das Beischlafen zurichten solle“ . Des Königs Braut und die H erzogin (Gemahlin Erzherzog Sigmunds) sind gute Gespielen, wenn sie nur m it­ einander reden könnten, „doch kartend ( = spielen Karten) sie und tanzen m iteinan­ der und sehen dem Rennen und Stechen zu “ . Diesem erfreulichen Bericht schließt sich nun der stete Jam m er über herrschende Geldnot an: „Auch wird bald nit mehr Geld da sein. Woll Eure M ajestät auch bestel­ len, wo mans nehmen soll, so anders Eure M ajestät nit bald kom m en will. Die Tapis­ serie will der zu Franckfurt nit ohne Euer M ajestät selber Handschrift herausgeben. Wo E. Maj. die haben will, ist N o t E. Maj. Schrift darum. D am it befiehl ich mich E. M aj.“ Die Abgesandten der Stadt Frankfurt, die bei M axim ilian eine Audienz erreichen wollten, reisten dem K önig von A ugsburg nach und trafen am 14. M ärz in Innsbruck ein, wo dieser bereits am 12. d. M. angekommen war. Die Gesandten berichteten nach Hause, daß die Sage gehe, „w ie die Königin auf Sonntag Judica ( = 16. M ärz) unter der Cronen zu Kirchen werde gehen zu Ybrucke, also dann werde sich Königliche M ajestät auf Dienstag danach ( = 18. M ärz) erheben auf A ugspurg oder U lm e und fürder das Land hinab gen Ache ( = Aachen) zu werde die Königin m it ihm nehmen“ . D er H erzog Albrecht von Sachsen und M arkgraf Christoph von Baden seien auch beim K önig und sonst etliche Welsche H erren, die m it der Königin herausgeschickt worden waren und dem K önig 50.000 D ukaten gebracht haben. Noch am 16. d. M. melden die beiden in Eile nach Frankfurt, daß die Königin unter der Krone, so ihr der K önig gegeben hat und die an 60.000 Gulden wert ist und die sie selbst gesehen haben, zur Kirche gegangen ist „m it großem Trium ph und Köstlichkeit. Danach ein 16 Panket gehalten und sind die Deutschen viel köstlicher m it der Zierde und Kleidung gewesen, dann die W alhen“ . D er K önig wolle nun m it seiner Gem ahlin gen Aachen ziehen. Es weilten damals viele angesehene Persönlichkeiten in Innsbruck: eine B o t­ schaft aus Venedig und Florenz, der G raf von G örtz, die H erzoge Albrecht von Sach­ sen und Braunschweig, der M arkgraf Sigm und von Brandenburg u. a. Den Gesandten von F ran kfurt hat der K önig wohl die H and geboten, aber fü r eine Audienz reichte seine Zeit nicht (aus: Joh. Janssen, „F ran kfurts Reichscorrespondenz 1376— 1519“ , 2. Band). Es muß an dieser Stelle — wenn eigentlich auch nicht zur vorliegenden A rbeit ge­ hörig — ein W ort zur Rehabilitierung der K önigin Bianca M aria geschrieben werden. Die herrschende Bewertung ihrer Persönlichkeit m ag die boshafte K ritik jenes Zeit­ genossen ausdrücken, der schrieb: „D ie Fürstin ist zu ersprießlicher Tätigkeit un­ fäh ig . . .“ (s. Mo. Fritz, S. 11). Dagegen läßt sich quellenmäßig eindeutig zeigen, daß sie, als der K am pf m it den Eidgenossen, der sogen. Engedeinerkrieg von 1499, vor der Türe stand, es war, die in Abwesenheit ihres G atten von Freiburg aus bereits am 15. Februar d. J. alle getreuen Städte in Vorderösterreich, wie Straßburg, Basel, C o l­ mar, Schlettstadt, Kaisersberg, H agenau, Oberenheim usw., zum Kam pfe gegen die Eidgenossen mobilisierte. Sie schrieb: „W ir sind glaublich berichtet, daß die Eidgenossen aus ihrem eigenem mutwilligem Vornehmen und wider alle Billigkeit em pört und m it ganzer Macht auf den Beinen seien und unsers herzlieben H erren und Gemahles, des Römischen Königs, erbliche Lande ergriffen, überziehen und beschädigen, das wir als Römische Königin und E rz­ herzogin zu Österreich, in Abwesenheit desselben unsers H erren und Gemahles nit unbillig zu H erzen nehmen und darob merkliche Beschwerung tragen. Demnach be­ gehren wir an euch m it hohem Fleiß und von des bemeldeten unsers herzlieben H e r­ ren und Gemahles, des Röm . Königs, wegen, als Untertanen und Verwandte des heili­ gen Reiches, und sonderlich jetzt in Abwesenheit seiner Kön. M ajestät auf das Höchste und ernstlichst ermahnend, daß ihr als die Gehorsam en des Reichs seiner Kön. Maj. und derselben Lande und Leuten zu H ilfe und zu W iderstand dem mutwilligen V or­ nehmen der berührten Eidgenossen m it aller Macht zu R oss und Fuß, m it Geschütz und anderm, wie sich im Feld gebührt, förderlich und ohne alles Verziehen auf seid, den vier Städten am Rhein zuziehet und das Beste zu R ettung (von) Land und Leuten m itsam t ändern seiner Kön. Maj. und des heiligen Reichs U ntertanen und G ehor­ samen helfet handeln . . .“ Auch das Verhältnis der königlichen Ehegatten zueinander war 1499 noch recht gut. So sendet Bianca M aria am 2. Mai d. J. ihrem lieben H errn und Gem ahl ein Pferd, „zu welchem Pferd ich euern Gnaden und zu allem euer Gnaden Vornehmen wünsch Gelück und Sieg wider alle euer Gnad Feind“ . M axim ilian hinwieder schreibt am 28. Ju n i von Feldkirch aus an N iclas von Firm ian seiner „lieben Gemahel der Römischen Königin H ofm eister“ , daß er seinem „C an to r zu dem Aufbruch der C apellen“ , so er m it der Königin tun werde, 100 Gulden auszahlen möge. U nd eine Woche später fordert er von Lindau aus die R äte von Freiburg auf, dafür zu sorgen, daß auch der Singer Bernhard, Bassist, m it der Königin Weiterreisen könne; es war noch seine Zehrung in der H erberge zu erledigen. T rotz der trostlosen Lage Tirols nach dem unglücklich verlaufenen Engedeinerkrieg teilt M axim ilian am 14. O ktober 17 dem H ofm eister der Königin mit, daß er H ans von Rappach zum Truchsessen der Königin m it drei Pferden aufgenomm en habe und er ihn wie andere Truchsessen halten möge. Zuzeiten, da das Fürstenpaar, oder wenigstens der Fürst, von Innsbruck abwesend war, hat es gewiß am H ofe langweilige und eintönige Tage gegeben. Besonders die lange W interszeit m ag schon der schlechten und gefährlichen Wege halber nur wenige Reisende und Kaufleute gebracht haben, die Neuigkeiten zu erzählen wußten. Die Gesandtschaften ferner Länder und Städte trafen nur ein, um m it dem Erzherzog oder K önig zu verhandeln. Dies glich allerdings einem Geduldspiel, denn der König hatte immer wieder wichtigere Geschäfte zu erledigen. Es wurde schon oben erwähnt, daß die V ertreter Frankfurts lediglich einen freundlichen Händedruck in Innsbruck erreichten und dann dem K önig weiter nachreisen durften. Doch unter Erzherzog Sigm und war es nicht besser. Eile kannte m an keine. Ulrich Faber erzählt, daß seine Fahrtgenossen in das Heilige Land im A pril 1483, „überdrüssig, weil sie viele Tage in der Kanzlei des H erzogs hingehalten worden w aren“ , so rasch als möglich ihre Angelegenheiten ordneten und abreisten. Ein geradezu glänzendes Beispiel für das W artenmüssen berichtet die Zimmernsche C hronik über den Versuch des geächteten Veit Werner von Zimmern, in Innsbruck an den K önig heranzukom m en (nach der Ausgabe von Joh. Bühler, 1940): Nachdem Veit Werner von Zimm ern schon beinahe fünf Wochen in Innsbruck weilte, begab es sich, daß der K önig in einem Lustgarten ein Bankett hielt, wozu etliche Kurfürsten und Fürsten und auch K urfürst Friedrich von Sachsen geladen waren. Dieser war Veit Werner besonders gnädig gesinnt und riet ihm, m it anderen H erren in den Lustgarten zu kommen, denn der K önig habe an jenem Tage Gemsen gejagt und viele erlegt, wes­ halb er besonders fröhlichen Gemütes sei. D er von Zimm ern möge bei Tisch auf­ warten, und wenn andere Grafen und H erren nach dem Bankett tanzten, m öge er auch m ittun. Zimmern, ein schöner Mann von wohlgestalteter Figur, machte sich so ansehnlich wie möglich zurecht und wartete m it den anderen dem K önig auf. E r hielt sich möglichst in der N ähe M axim ilians auf, um diesem aufzufallen. Tatsächlich fragte er K urfürst Friedrich, wer dieser Tänzer wäre. Der K urfürst sagte Maximilian, es wäre einer der jungen, vertriebenen Freiherren von Zimmern, dessen V orfahren viele gute ritterliche Taten unter den Kaisern und Königen und besonders im Dienste des H auses Österreich vollbracht hätten. Seine M ajestät wolle nun ansehen die U n ­ schuld, A rm ut, Jugend, auch das gute alte, ehrenvolle H erkom m en dieses Geschlechts und sich über die guten, jungen H erren erbarmen, ihr gnädigster K önig sein, auch Befehl geben, dam it ihnen (ihr Städtchen) Meßkirch wieder zurückgegeben werde. Bei diesen W orten wollte der K urfürst dem K önig zu Füßen fallen, was dieser aber nicht zuließ. E r sagte ihm vielmehr, zu derer von Zimm ern gnädigster K önig zu sein und so handeln zu wollen, daß sie den N utzen dieser Fürbitte zu spüren bekämen. M axim ilian würde selbst gerne sehen, wenn die Zimmerschen Güter wieder in ihre alten H ände kämen. Diese gnädige Zusage des Königs erfuhr aber ebenfalls eine lange V erzögerung, weil so viele Reichsgeschäfte zu erledigen waren, daß M axim ilian ein­ fach nie dazukam . Endlich nach fünf Wochen ritt der K önig nach Steinach und be­ fahl Veit Werner, m itzureiten. D ort wartete dieser wieder zwei Wochen, ohne daß er eine Erledigung erlebte. Bei seinem kleinen Verm ögen fiel es ihm schwer, so lange 18 am H ofe zu leben. Da wandte er sich nochmals an den K urfürsten von Sachsen wie auch an den H erzog von Bayern um ihre Fürsprache, und nun erreichte er wenig­ stens einen Teilerfolg. M axim ilian ließ einen Gnadenbrief ausstellen, der die Acht aufhob, und veranlaßte die Rückgabe der Herrschaft Meßkirch. Weil man das W artenmüssen bereits gewohnt war, suchte man sich die Zeit irgend­ wie zu vertreiben. Eile gab es nur in dringenden Einzelfällen, so wenn der N ü rn ­ berger Bürger Jak o b Kreß im Jahre 1494 in knapp fünf Tagen von N ürnberg über A ugsburg nach Venedig reiste. Ein beliebter Zeitvertreib bei H ofe war Jagd und Tanz. V ettori berichtet, der Kaiser sei, während sie in Innsbruck weilten, täglich zur Jag d gegangen, und einmal habe er zu Ehren des Legaten eine in Zirl veranstaltet, zu der Zelte auf gestellt wurden. Nach der Jagd setzte sich Seine M ajestät gewiß an die Tafel und war für andere Regierungsgeschäfte nicht mehr aufgelegt. Die wartenden Adeligen und D iplom aten suchten sich die Zeit auch durch allerlei Scherze zu verkürzen. Ja, sie brachten sich sogar schon irgendwelche sonderbaren Käuze m it, m it denen sie ihre Späße treiben konnten. So erzählt V ettori von zwei italienischen Dienern, die in einem Zim m er schliefen, folgende Geschichte: Der eine, namens Salimbene, w ar „schlau wie der Teufel“ , der andere, Deifobo, geistig m inder­ bem ittelt. Ü ber dessen Bett bohrte Salimbene ein Loch in die Decke und stellte eine Schüssel m it Wasser darüber, die er an einer Schnur anhängte. M itten in der Nacht zog er daran, und das Wasser ergoß sich auf Deifobo, der ganz naß wurde. Salimbene machte ihn glauben, daß es in der N acht stark geregnet habe und die Innsbrucker Dächer gegen Wasser nicht so widerstandsfähig seien wie die italienischen. Als Johann Werner von Zimm ern 1516 wegen seiner Lehen vom H ause Österreich nach Innsbruck reisen mußte, nahm er sich zwei adelige Freunde m it, und dam it die Fahrt um so fröhlicher würde, den Glaser Ulrich G ropp aus Riedlingen, dessen Schwänke ein Buch hätten füllen können. Bei einem anderen A ufenthalt in Inns­ bruck spielten etliche Adelige des Schwabenlandes diesem G ropp übel mit. Als er einmal über den Platz vor dem Goldenen Dachl ging, stellten ihn zwei vorher ge­ dungene und instruierte Stadtknechte und fragten ihn, wer und woher er wäre. Er antwortete, er heiße Ulrich G ropp und wäre von Riedlingen an der oberen Donau. D a er stark stotterte und das „ r “ nicht ordentlich aussprechen konnte, verstanden die Knechte absichtlich falsch, wie es ausgemacht war, er sei von „Reutlingen, das be­ sonders der neuen lutherischen Lehre verfallen war. T rotz aller Beteuerungen des Glasers, er kom m e aus den österreichischen Erblanden, erklärten die Knechte, er sei ein Kundschafter aus Reutlingen, ergriffen ihn und steckten ihn in das vergitterte Narrenhäusl, das vor dem Stadtturm stand. Es war dies eine A rt von Pranger, viel­ leicht für leichtere Vergehen. D arin mußte der arme Glaser nun etwa zwei Stunden stehen, bis endlich seine H erren, wie zufällig, am Platze erschienen. G ropp rief sie natürlich sogleich herbei und bat sie um ihre H ilfe. Die Adeligen zeigten sich verw un­ dert und fragten, was er denn verbrochen hätte. Schließlich verhandelten sie m it den Knechten um seine Freilassung, die er alsbald erhielt. Die Stadtknechte erhielten einige Gulden fü r ihre M ithilfe bei diesem üblen Scherz. 19 IV Fröm m igkeit und Aberglaube Aber- und Zauberglaube, Reliquien- und Ablaßverehrung sind in Innsbruck am Ende des 15. Jahrhunderts reichlich nachweisbar. Beinahe wäre damals die Stadt zu trauriger Berühm theit gelangt, denn die beiden H exen-Inquisitoren, Jak o b Sprenger und Heinrich Institoris, begannen hier in kürzester Zeit viele Fälle von H exerei auf­ zuspüren, die sie als Musterbeispiele für ihr berüchtigtes Buch, den H exenham m er (Malleus maleficarum), verwenden wollten und auch verwendeten. Glücklicherweise haben einige klardenkende und unbeeinflußte Persönlichkeiten, wie der Brixner Bischof Golser und ein Dr. Joh. Merwais von Wendingen, das düstere Unternehmen rechtzeitig durchschaut und die beiden zum A bzug veranlaßt. Ü ber diesen H exenprozeß ist man durch A kten des bischöflichen H ofarchivs in Brixen, die H artm ann Am m ann im Jahre 1890 in der Zeitschrift des Ferdinandeums veröffentlichte, einigermaßen gut unterrichtet. Der Inquisitor spürte in seinem nur zu „heiligen“ Eifer im M onat A ugust 1485 allein in Innsbruck 40 „verdächtige“ Per­ sonen auf, von denen auffälligerweise bis auf zwei alle dem weiblichen Geschlecht angehören. Es m ag interessieren, aus einigen der Verhöre zu erfahren, was man solchen angeblichen H exen vorw arf. Am ersten Tag der Zeugenverhöre, dem 9. A ugust, wurde einer Frau zu H ötting, genannt die Kleuberin, vorgew orfen, daß sie ihren eigenen Sohn deshalb getötet habe, weil er ein Weib gegen ihren Willen genommen habe. Sie hätte selbst gesagt, wenn sie drei Sonntage faste, möchte er das Jah r nicht überleben, was auch geschah. Ü ber­ dies hätte sie einen armen Mann „verzaubert, daß er an einem Fuß groß Leiden h at“ . D er zweite Fall, der zur Untersuchung kam, behandelte die Verzauberung des fü rst­ lichen Barbiers, Sigm und Sacklin, der die Wahrheit der Angaben beschwor. Ihn hätte eine Frau namens Swingelmentlin — der N am e kom m t in Stadtarchivurkunden vor — verhext, was besonders deshalb verm utet wurde, da sie in Feindschaft lebten. Der Barbier hatte eines Sonntags früh in seinem H ause eine Frau namens N irnbergerin heimlich herumgehend angetroffen. Diese war von der Swingelmentlin geschickt w or­ den. A uf seine Frage, warum sie da umgehe, wollte sie keine A ntw ort geben. Als er danach lahm wurde, richtete sich der Verdacht gegen sie. Ja er ließ dann, obwohl dies verboten war, zwei W ahrsager befragen, die seine V erm utung bestätigten, wenn auch „d er Teufel lügen und auch wahrsagen kann“ . Treinlin, Frau des Büchlin, sagte aus, daß es Personen gäbe, die m it Künsten um ­ gehen, den Teufel anzurufen, es sei „zu der Lieb oder zu ändern Krankheit der Menschen“ . Solche Personen laufen „v a st“ (häufig) im Lande herum. Die Zuschretrin habe eine Dirn, Berbel genannt, die viel Kunst wisse, auch „wie sie das R o t von sant Cristoffelsbild abschabt und etwas von des Teufels B ild “ , Zauberei dam it zu treiben. Diese H exe Berbel schabte sich demnach von einem Fresko des hl. C hristo- phorus, des Patrons der Pilger und Abhalters der Pest, wie es deren auf Tiroler Kirchen ja überall gab, rote Farbe und auch etwas von einem Teufelsbild ab, um dam it ihre Zauberkünste zu vollführen. Diese Angaben sind deshalb volkskundlich hochinteressant, weil es noch bis in die neuere Zeit ein Brauch der Bäuerinnen war, 20 sich etwas von einem Christophorusfresko abzuschaben und in den Krapfenteig zu geben, um so von der H eilkraft des Heiligen etwas mitzubacken. Dies ist dadurch bewiesen, daß auf manchem C hristophorusfresko der unterste Teil — so weit eben die Bäuerinnen hinaufreichen konnten — abgeschabt, das übrige Bild hingegen noch gut erhalten ist. Die Tatsache, daß die beiden Inquisitoren ihre fragw ürdige Tätigkeit in Innsbruck begannen und in dem kleinen O rt in kurzer Zeit so viele H exen auffanden, drängt die Frage auf, wieso diese beiden nicht einen anderen, größeren O rt, wie Bozen, A ugsburg oder U lm , etwa einen m it einem D om inikanerkloster, zum A usgangspunkt ihres Wirkens erwählt haben. Diese Frage läßt sich freilich kaum beantworten. War der H o f Erherzog Sigm unds am Ende als Sam m elpunkt verdächtiger Personen be­ kannt oder glaubte man, daß die vielen leichtlebigen Frauenspersonen, die mit den durchreisenden Fuhrknechten und Kaufleuten jahraus, jahrein ihre Geschäfte machten, dem Treiben des Teufels besonders nahestanden? Doch solche gab es schließlich allerorts. Die Frage, ob der Innsbrucker H exenprozeß von 1485 in der Folgezeit noch N ach­ wirkungen zeitigte, kann eindeutig bejaht werden. Den Beweis liefert die 1489 zu C ostentz ( = Konstanz) erschienene Schrift „H exen-M eisterei“ , die „U lricus M olitoris von C ostentz in den Rechten D o cto r“ zum Verfasser hat. Dieses Schriftchen behan­ delt in einem D ialog zwischen Erzherzog Sigm und, Dr. M olitoris und C onrad Schatz, weil. Bürgerm eister von Konstanz, ausführlich die K räfte und Zauberkünste der U n ­ holden. In der Vorrede erklärt nun D r. M olitoris u. a. (verbesserte Schreibweise): „G nädigster H err, nachdem und in vergangenen Zeiten in deinem fürstlichen Land ein Gebrest etlicher böser, verkehrter Weiber, die man H exen oder Unholden nennt, ingerissen war, die auch darum gefänglich angenommen, aus A rgw ohn solches ketze­ rischen Lasters gefragt, auch allerlei gesagt und versehen haben. Dies dann die G e­ m üter der Menschen fast wunderbarlich bedäucht hat, daß auch etliche Diener (? — eher „dein er“) Genaden Weise vermeinen etwas daran zu sein, und solche Weiber um ihre Verschuldigung des Todes würdig. Etliche aber vielleicht vermeinen die selbigen nichts solcher böser Sachen zu können und verm ögen.“ D r. M olitoris erklärt schließlich, seine A rbeit „d er C orrection des hochgelehrten D r. Conrads Stürtzel“ , des Erzherzogs „großen Cantzier, der dann in vergangen Zeiten mein Lehrer und M eister gewesen, von dem ich die Milch der hohen Künste gesogen h ab“ , unterwerfen zu wollen. Anschließend werden die acht Fragen angeführt, die in dem T raktat behandelt werden sollen: 1. Ob möglich sei, aus der Ü bung der bösen Weiber, die m an nennt die Hexen, Hagel, R eif und andere U ngestüm igkeit zu Verletzung des Erdreichs zu machen? 2. Ob m it H ilfe oder Zutun des bösen Geistes solche böse Weiber können die M en­ schen oder die jungen Kinder versehren, Krankheit und Gebresten zufügen? 3. Ob der Mensch in ehelichem Stand möge von solchem bösen Zutun an dem n atür­ lichen ehelichen Werk verhindert und verzaubert werden? (Der Erzherzog begehrt zu hören, ob die H exen einen Mann verzaubern können, „d am it er ungeberhaft [ = im potent] werde und m it seiner Frau das eheliche Werk nit möge verbringen“ .) 21 4. Ob solche böse Frauen sich selbst und andere Menschen in eine andere Gestalt des Angesichts und auch sonst in andere Form verwandeln können? 5. Ob solche Weiber können auf einem gesalbten Stecken oder auf wilden Tieren reiten und also zu ihrem Schimpf fahren, da dann sie m iteinander in W ollust essen und trinken und sich selbst erkennen? 6. Ob der böse Geist in menschlicher Gestalt m it solchen bösen Weibern sichtbarlich möge wandeln und natürliche Unkeuschheit m it ihnen vollbringen? 7. Ob solche böse Weiber durch Insprechung des Teufels künftige Dinge und H eim ­ lichkeiten der H erren und der Fürsten können wissen und die vor(her)sagen? 8. Ob m an solche böse Weiber in dem kaiserlichen Rechte m öge verdam m en und ertöten? Es folgt nun eine 31 Seiten lange D isputation über diese acht Fragen. Ein kurzes Beispiel. Conrad Schatz behauptet zur 6. Frage, ,,ob aus dem unkeuschen W erk des bösen Geistes Kinder geboren“ werden können, daß dies eine „gem eine Sage“ sei, d. h., daß dies allgemein angenommen werde, und man diese Kinder „Wechsel­ kinder“ nenne. Eine Frau namens Melisana (wohl eine Hexe) hätte einen Grafen geliebt und geheiratet. Von ihr seien viele Söhne, „die greuliche Zeichen an ihnen haben gehabt, also daß einer drei Augen, der andere einen Eberzahn h atte“ , geboren worden. Der Erzherzog hält dies für eine Fabel. A m Ende des D isputs fordert Erzherzog Sigm und den D r. Ulrich auf, zu den einzelnen Kapiteln eine abschließende Meinung zu äußern, einen „Beschluß“ zu geben, was auf weiteren 29 Seiten geschieht. D araus wieder ein Beispiel. Die Schlußrede auf die 4. Frage, ob sich die H exen in andere Gestalten verwandeln können, beginnt: „U lricu s: Aus abgemeldeter Ursache so verm ögen sie solches doch allein m it einem Schein, das zu Latein prestigium wird genannt. Sigm und: Was ist prestigium ? U lricus: Es ist ein Schein, dam it eine Gestalt für eine andere wird geschätzt, dam it die Augen werden betrogen, und einer wähnet, ein D ing hab eine andere Gestalt, dann vor Augen ist, und behält doch ein jegliches seine rechte Form , wiewohl unsere Augen betrogen werden. A lso betrog Sim on Magus ( = Magier), der Zauberer Kaiser N eros, auch des H enkers Augen, wann als der H enker wähnte, er hätte Sim on sein H au p t abgeschlagen, da hatte er einem Gaißbock sein H au p t abgehauen, seine Augen waren ihm m it dem Teufel also verstrickt und bezwengt.“ Das für die künftige rechtliche Behandlung der H exen wichtigste Erkenntnis war gewiß der Beschluß auf die 8. Frage, ob man die H exen nach kaiserlichem Rechte töten soll, der das Ende des Büchleins bildet. Er lautet: „W iewohl im Grund die bösen Weiber U ngew itter und solches nit machen können, nichts desto minder durch Inblasung und Reizung des Teufels, oder durch Verzw eiflung oder durch A rm ut willen, oder von N eid und Haß wegen, so sie unterweilen zu ihren Nachbarn haben, oder aus ander Versuchung des Teufels, dam it sie angefochten werden, und dieweil dann sie solcher Anfechtung nie widerstehen, sondern sich von dem milden wahren G ott scheiden und sich dem Teufel ergeben, auch m it O pfer ihn ehren und also an dem Glauben abtrünnig werden und in solch lästerliche Ketzerei fallen, so folgt her­ nach der Beschluß dieses T ractats: daß man solche böse Weiber von ihrer A btrünnig­ keit und Ketzerei, auch von ihres verkehrten Willens wegen, die dann also von 22 unserm allermildesten G ott sein gewichen und sich dem Teufel haben ergeben, und demnach aus kaiserlichen Rechten soll und m ag man sie töten, und dies steht ge­ schrieben im kaiserlichen Rechtbuch Codice de maleficis et m athem aticis.“ Nach H uizinga war das 15. Jahrhundert das Jahrhundert der H exenverfolgungen schlechthin. D er Malleus maleficicarum habe die systematische A usgestaltung des Hexenwahns, dieses fürchterlichen Auswuchses mittelalterlichen Denkens, besiegelt. „U n d kein H um anism us, keine R eform ation widerstehen diesem W ahn.“ A berglauben und eine kaum zu überbietende Leichtgläubigkeit findet sich am A us­ gang des M ittelalters auch beim Sammeln von Reliquien. In H all (bei Innsbruck) wollte m an u. a. einen Eiszapfen von der K rippe Christi und ein Stück von jenem Krug, aus dem die 11.000 Jungfrauen getrunken, besitzen. Das berühm te Kloster Reichenau verw ahrte sogar einen Krug, in dem Jesus bei der H ochzeit zu Kanaan Wasser in Wein verwandelte. In jüngster Zeit (noch 1926) wurde in R om in der Kirche S. Pietro in Vincoli, wo der berühm te Brixner Bischof Kardinal N ikolaus von Cusa begraben liegt, in den Fasten eine Flasche m it der Milch der M uttergottes aus­ gestellt. V on T irol sind besonders zwei Persönlichkeiten bekannt, die sich m it Eifer dem Sammeln von Reliquien hingaben, die Erzherzogin Eleonore von Schottland (gest. N ov. 1480) und R itter Florian W aldauf, der getreue Gefährte Maximilians. Von seiner Sam m lung ist heute noch in der H aller Pfarrkirche in der nach ihm benannten Seitenkapelle ein guter Teil zu sehen. Eleonore von Schottland sandte im H erbst 1478 ihren K aplan C hristm ann M utter­ statt an eine Reihe von Klöstern in den österreichischen Vorlanden, um H eiltüm er aus dem jeweiligen Reliquienschatz zu erbitten. E r überbrachte dafür Geschenke der Erzherzogin. So gab er in Einsiedeln ein samtenes Meßgewand m it einem aufgenäh­ ten goldenen Kreuz ab, w ofür er ein D utzend H eiltüm er erhielt. Zum eist gaben ihm die Ä bte auch Briefe an die Fürstin mit. Selbst Kaiser M axim ilian hat sich für die prachtvolle gotische Kirche zu Thann im Elsaß um die Beschaffung einer ansehnlichen Reliquie bemüht. Dieser M ünster des hl. Thebaldus war der Sage nach an der Stelle erbaut worden, wo einmal ein Stab m it dem Finger dieses Heiligen an einen Tannenbaum gelehnt worden war. M axi­ milian schrieb nun an den Papst und den Bischof von U rbino, sie möchten eine größere Reliquie (z. B. einen Arm ) an diese Kirche abgeben. Bem erkenswert erscheint auch, daß sich gerade damals, zur Zeit erster H exenverfol­ gungen, drei angebliche „R itu alm o rd e“ — in Trient, R inn und Lienz — ereignet haben sollen. Die Behauptung, daß die Mißbräuche bei der Verleihung von Ablässen damals be­ sonders arg gewesen seien und die R eform ation heraufbeschworen hätten, kann für Innsbruck nicht bestätigt werden. Die sechs im Stadtarchiv erhaltenen Ablaßbriefe betreffen das Sondersiechenhaus in St. N ikolaus, die St.-Barbara-Bruderschaft und den — damals neu angelegten — Friedhof hinter dem Stadtspital. Vier davon stellte überhaupt der zuständige Brixner Generalvikar, Weihbischof C onrad (m it dem Titel eines Bischofs von Bellin = Cäsarea Philippi), aus. Es handelt sich um folgende Stücke: 23 1. Am 20. September 1497 stellte zu H all der Legat „ad inclitam nacionem Ger- m anicam “ , Dr. decret. Leoncellus de Chieregatis, einen 40tägigen Ablaß fü r die Bruderschaft der Aussätzigen außerhalb der Mauern der Städte Innsbruck und H all aus („confraternitas infirm orum leprosorum extra m uros oppidorum Insprugk et H allis“ ). 2. Am 3. Dezember 1502 weiht der Weihbischof C onrad von Brixen die neuerrichtete Kapelle „circa dom um leprosorum extra ciuitatem Y spru gk h“ m it einem A ltar zu Ehren der hl. Jun gfrau M aria wie der Heiligen W olfgang und Elisabeth ein und verleiht 40 Tage Ablaß. 3. Derselbe Weihbischof verleiht am 1. September 1507 zu Brixen der St.-Barbara- Bruderschaft für den A ltar dieses N am ens in der St.-Jakobs-Pfarrkirche ebenfalls 40 Tage Ablaß. 4. Demselben A ltar verleiht am 25. O ktober 1507 zu Innsbruck der Legat Cardinal Bernhard (Carvajal) von Santa Croce einen 40tägigen Ablaß. 5. Am 7. September 1510 weiht der Brixner Generalvicar C onrad die Kapelle im Friedhof beim H eiliggeistspital in der Innsbrucker V orstadt („capellam in cam po sancto circa hospitale sancti spiritus in suburbio plebis Y spru gk “ ) auf Bitten des Bürgers M athias Rum ler zu Ehren des hl. Michael und verleiht 40 Tage Ablaß (Abb. in H eft 31). 6. Derselbe weiht am folgenden Tage den Friedhof selbst: „T erram ecclesiastice sepulture deputatam in Isprugk circa hospitale sancti spiritus in suburbis.“ Die Fröm m igkeit der Bevölkerung kam besonders in zwei Form en zum Ausdruck, in Prozessionen und W allfahrten. Obwohl man bereits erkannt hatte, daß man in Seuchenzeiten Menschenansammlungen vermeiden sollte, wurden trotzdem , z. B. beim A uftreten der Pestilenz, Prozessionen veranstaltet. Ü ber die Reihenfolge der P ro­ zessionsteilnehmer kam es im m er wieder zu Streitigkeiten. Im Ju li 1507 berichten der tirolische Kammerschreiber H ans Frundt und der H o f­ m aler Jö rg Kölderer über die Entstehung der Innsbrucker Barbara-Bruderschaft (Fischnaler, Chron. IV., 262), daß sie aus jener der M aler zu Ehren des hl. Lukas und jener der Goldschmiede des hl. Egidius hervorgegangen sei und dann durch die Trum eter (Trom peter, vielleicht überhaupt Musiker), M etzger und Hufschmiede ver­ stärkt wurde. Ihre M itglieder trugen schwarze Kutten. Ihr oberster Bruderm eister war M axim ilian selbst, denn er verehrte die hl. Barbara als Schutzpatronin der A rtillerie — neben dem hl. Sebastian als Patron der Bogenschützen, dem hl. Andreas als Patron des Ordens vom Goldenen Vlies, dem hl. M axim ilianus als N am enspatron und dem hl. Georg — ganz besonders. Im Mai 1509 sandte M axim ilian aus Kaufbeuren an die höchsten Regierungsstellen in Innsbruck die Abschrift eines Befehls an Bürgerm eister, Richter und R at dieser Stadt, in dem er verlangt, daß die St.-Barbara-Bruderschaft „einen Stand in der Procession zu nechst vor dem hochwirdigen Sacram ent daselbst“ erhalten möge, da bisher „unser und weilend unsers lieben Vettern und Fürsten, Erzherzog Sigmunds, T ru m etter“ gegangen sind. Dies würde seinen Gefallen als obrister Bruderm eister finden und möge auch künftig so gehalten werden. Kaum zwei Wochen später ent­ scheidet der Kaiser jedoch, daß die „Pecken-Bruderschaft“ abwechslungsweise von Jah r 24 zu Jah r m it jener der hl. Barbara bei den Prozessionen den ersten Gang vor dem Sakram ent haben solle. Im Jahre 1503 fielen zu H all (Schweygersche Chron. 71) und auch „anderstw o in teutschen Landen Creutzlach in mancherlai Farben auf die Menschen und K laidung“ . Man veranstaltete deshalb eine Prozession, bei der die Leute in wollener Bußkleidung, bloßfüßig: „wullen und barfues und m it prinneten Liechtern“ , wie dies bei den Alten „in anligenden N ö tn “ der Brauch war, gingen. M axim ilian ließ nachforschen, ob Ähnliches tatsächlich auch in einem D orfe bei R ottw eil vorgekom m en sei. Nachdem am 28. O ktober 1460 die habsburgtreue Stadt Diessenhofen am Rhein (östl. von Schaffhausen) in die H ände der Eidgenossen, die dort übel hausten, ge­ fallen war, Heß die H erzogin Eleonore, der das Städtchen als M orgengabe gehörte, in sämtlichen Pfarreien Tirols Prozessionen und Bittgänge fü r einen glücklichen A us­ gang des Krieges veranstalten. H . H örtnagl berichtet überdies in seiner ausgezeich­ neten Schilderung dieses Schwabenzuges H erzog Sigmunds von 1460 (Tiroler H ei­ m at IX , 1927), daß die H erzogin gleich am Beginn dieses Zuges mehrere W allfahrten veranstaltete, so zu Unserer Lieben Frau von Wilten, zum hl. Blasius in Völs, zum Heiligen Blut in Seefeld und hl. Veit in Ampaß. Diese from m en Züge verband sie sinnvoll m it kleinen Jagden. Zu Blasienberg opferte sie vier Pfund Wachs, zu Seefeld gar einen Zentner, den der Lichtkäm m erer wegen K riegsnotdurft eine Woche später wieder zurückverlangte. Fürstliche Prunkornate wurden der St.-Jakobs-Pfarrkirche zu Kirchengewändern geschenkt, so ein ganzer O rnat der Kaiserin Bianca M aria Sforza, den M axim ilian diesem Gotteshaus nach dem Tode seiner Gemahlin überantw ortete; er trug das kaiserliche Wappen sowie jene von Österreich und Mailand. Überdies war aus dem Bahrtuch der gen. Kaiserin ein Chorm antel m it einer „C apuzen von guldem Tuch“ hergestellt worden, den Y phover m it grünem Taft unterfüttern ließ. Abschließend sei noch eine Beobachtung erwähnt, die H uizinga bezüglich der D ar­ stellung des hl. Josef anführt. Im Spätm ittelalter sei das respektlose Interesse für den hl. Josef die Kehrseite der Verherrlichung der hl. M aria gewesen: „ Je höher M aria stieg, umso mehr wurde Jo sef zur K arikatur. Schon die bildende Kunst gab ihm einen Typus, der sich bedenklich dem des täppischen, verhöhnten Bauern näherte.“ Diese Feststellung bestätigen die unzähligen Darstellungen der G eburt C hristi in Tirol wohl nicht. D er hl. Josef, meist bescheiden im H intergrund, bem üht sich hier eigent­ lich eher wie ein treubesorgter Großvater — m it dem Herrichten von Kinderm us oder wärm erer Kleidung — um das Wohlergehen des Kindes. 25 V Um Krankheit und Tod Krankheiten und Tod spielten zu allen Zeiten im Leben der Menschen empfindliche, einschneidende und entscheidende Rollen. Es ist eigenartig, daß auch diesbezüglich im ausgehenden M ittelalter ein bedeutsamer Wandel zu einer aufkom m enden neuen Zeit hin festzustellen ist. Die Krankheiten und ihre Bekäm pfung erfahren am Ende des M it­ telalters geradezu einen Umbruch. Eine neue oder bis dahin wenigstens nicht genau beschriebene Krankheit, die Lustseuche, Lues oder Franzosenkrankheit, die später nach einem Gedicht des Veroneser Arztes Fracastoro (1521) den heute gebräuchlichen Nam en Syphilis erhielt, breitet sich seit den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts lawinenartig aus. Ihre H auptverbreiter waren die ständig herumziehenden Fuhrleute, Landsknechte, Dirnen und anderes landfahrendes Gesindel, das, wie K önig Maxim ilian 1491 feststellt, scharenweise alle Gegenden des Landes unsicher macht. Das Leiden wurde zuerst, wie z. B. auch die Pest, als Gottesgeißel angesehen, alsbald aber der tatsächliche Infektionsweg erkannt. Am 7. A ugust 1495 erließ M axim ilian auf dem Reichstag zu W orms ein scharfes Edikt gegen die Gotteslästerer. G ott zürne der Menschheit, hieß es darin, wegen der von ihr gebrauchten lästerlichen W orte und Schwüre beim N am en Gottes und habe als Strafen hiefür H ungersnot, Erdbeben und Seuchen gesandt, vor allem aber — dies wurde erst 1496 angefügt — „jene vor kurzem entstandene schlimme neue K ran k­ heit, die man gemeinhin das Franzosenübel nenne und von der man zuvor seit M en­ schengedenken noch nie etwas gehört habe“ . Das Aussehen der hilflos diesem Leiden gegenüberstehenden K ranken war abstoßend, ja oft ärger als das der in den Sonder- siechenhäusern untergebrachten, von der M itwelt entfernten A ussätzigen: „D ie einen waren vom Scheitel bis zu den Knien m it einer zusammenhängenden, fürchterlichen schwarzen A rt von K rätze überzogen und dadurch so abschreckend, daß sie von allen Kam eraden verlassen, sich in der Einsam keit den Tod wünschten; die ändern hatten diese K rätze an einzelnen Stellen, aber härter als Baumrinde, am Vorder- und H in ter­ kopf, an der Stirne, am Halse, der Brust, dem Gesäß usw., und zerrissen sie sich vor heftigen Schmerzen m it den Nägeln. Die übrigen starrten an allen Körperstellen von einer solchen Menge von Blasen und Pusteln, daß deren Zahl nicht zu bestimmen war . . .“ (Gerhard Venzm er: „K rankheit macht Weltgeschichte“ ). U m 1497 fürchtete M axim ilian übrigens selbst einmal, von dieser Krankheit er­ griffen zu sein. D er Tiroler H istorio- und K artograph M athias Burglechner (1573 bis 1642) erzählt in seiner „A quila Tirolensis“ : „A ls M axim ilian I. in der Stadt Füssen weilte, kamen dahin in das Stift des hl. Magnus von überall her viele Legaten und Com m issäre. Als der Kaiser in dem Stift frühstückte, wurde ihm ein T runk Wein gereicht, nach dessen Genuß Blasen in dem Munde auftraten, die nach A rt der Fran­ zosenkrankheit waren (,inceperunt vesicae in ejus ore oriri, quae de genere m orbi Gallici erant£). D er allerfrom m ste Kaiser war sehr ängstlich und bat inständig zu G ott und dem hl. Magnus, dem Patron des Stiftes, daß ihn diese Infektion verlassen möge (,ut ipsum infectio desereret‘). U nd siehe, als die Blasen im Munde verschwun­ den waren, spürte er weiterhin nichts mehr von jener K rankheit.“ 26 Abstoßende und anwidernde Darstellungen waren auch in der bildenden Kunst beliebt. H uizinga schreibt diesbezüglich (S. 146): „Bis tief ins 16. Jahrhundert hinein zeigen die Grabm äler die abscheulich variierten Darstellungen der nackten Leiche, verwest oder zusammengeschrumpft, m it verkram pften H änden und Füßen und klaf­ fendem Munde, m it den sich ringelnden W ürmern in den Eingeweiden. Bei diesem furchtbaren Bilde verweilt der Gedanke immer wieder.“ Als Beispiel für Tirol sei die Schwazer Totenkapelle zu den H eiligen Michael und Veit, die 1506 erbaut wurde, angeführt. An den Kehlen der Brüstungsm auer der Treppe ist allerlei Getier (Gewürm) dargestellt, darunter auch eine Kröte. Eine große Kröte gab überdies in jenem Kirchlein zu einer Legende Anlaß. An bestimmten Tagen hätte man eine große K röte zum A ltar kriechen sehen, wo sie sich auf ihren H interfüßen aufrichtete. Die Vorderfüße hielt sie zusammen, als ob sie beten wollte. M an hielt sie für eine arme Seele. A uf dem m akabren Gemälde eines verwesenden Ehepaares von M athias Grünewald im Frauen-M useum zu Straßburg hat der Meister an die Stelle der Gebärm utter der Frau eine K röte gemalt. Die K röte als Symbol für Gebärm utterleiden ist bis in die jüngste Zeit auch in Tirol bekannt gewesen. Man spendete an Gnadenstätten wächserne Votivgaben in Form eine K röte (Gust. G ugitz: „ö ste r r. Gnadenstätten“ , Bd. 3). Die seit 1348 in kurzen Intervallen immer wieder unzählige O pfer fordernde Pest — meist als Pestilenz oder „sterbende L eu f“ , d. s. Zeitläufe, in denen das Sterben herrscht, bezeichnet, wobei es sich sicher nicht immer um die echte Beulenpest han­ delte — war bis zum Ende des M ittelalters als Infektionskrankheit erkannt worden, die am besten durch eine strenge Isolierung bekäm pft wird. D er M edizinhistoriker Paul Diepgen hat in seiner A bhandlung „D ie Bedeutung des M ittelalters für den Fortschritt in der M edizin“ (in: „M edizin und K u ltu r“ , Stuttgart, 1938) festgestellt, daß das M ittelalter die Infektion als Krankheitsursache voll erfaßt habe. Die „furcht­ bare Lehrm eisterin“ Pest hätte den Ä rzten die strenge Isolierung der Kranken ge­ lehrt. D a man deren wahren Zweck jedoch nicht erkennen konnte, kam es zu allerlei Grotesken, z. B. wenn Menschenansammlungen verboten wurden, Prozessionen aber abgehalten werden durften. So erzählt Schweygers „C h ro n ik der Stadt H all in T iro l“ , daß dort M itte A ugust 1512 die Pestilenz ausbrach, deren erstes O pfer der vornehm e Bürger Lienhart Getzner war. E r wurde m it einer Prozession und großen Ehren „gen Kirchen und in Gotzacker tragen und begraben“ . Bei dieser Beerdigung einer angesehenen Persönlichkeit hielt m an sich also keineswegs an die am 13. N ovem ber 1497 von K önig M axim ilian gerade von H all aus erlassene Verfügung. D er König schrieb damals an einen leider nicht genannten Adressaten, der aber wohl Landrichter eines Tiroler Gerichtsbezirkes war (in m oderner Schreibweise): „G etreuer Lieber. Nachdem die Krankheiten der Pestilenz in viel D örfern und M ärkten deiner V er­ wesung jetzt verw andt ist und noch darein kom m en möchten, und sich aber die, so dieselben Kranken unter den Gesunden liegen täglich mehren, und je eins von dem ändern verunreinigt wird, emphellen wir dir ernstlich, daß du an allen Enden deiner Verwesung gebietest und bestellest, daß außerhalb derselben D örfer kleine, luftige H äusel und erdin (d. s. wohl gemauerte) Cam in darin gemacht, und die, so m it den gemeldeten Krankheiten beladen sind, nämlich die, so die Pestilenz haben, in Sonder- hait (d. h. abgesondert) in dieselben Häusel gelegt und denselben Kranken eine oder 27 zwei Personen, die ihnen warten und alle N o td u rft (d. h. das Lebensnotwendige) zu­ bringen, zugeordnet werden, alles auf eines jeden D orfes Kosten. Daß auch die, so ihnen also zugeben werden, zum wenigsten unter das V olk wandeln. Ferner, nachdem die Leichname, so an der Pestilenz erstorben in den Freithöfen giftigen D am pf und U nreinigkeit bringen, sollst du bestellen, daß allein derselben H au pt in die Freithöf und der Leichnam in ein Egart ( = unbebauter Grund) weit von den D örfern ver­ graben und über etliche Zeit, so der verwesen ist, das Gebein wiederum ausgegraben und zu anderm Gebein in die Kerker ( = Beinhäuser) oder zu dem H au p t in den Freit- h of begraben werde, doch alles auf des gemeinen Dorfes Kosten ( = Gemeindekosten), die solche Mühe tuen.“ Zwei Tage später befiehlt M axim ilian noch eigens dem Bürgerm eister, Richter und R at der Stadt H all die Trennung der Pest- von den Blattern-(Pocken-)Kranken: „N achdem die Pestilenz hie und an ändern Enden neben der Krankheit der Blattern regiert und die Menschen, so m it denselben Krankheiten beladen sein, zusammen in das genannt Siechhaus gelegt, dadurch aber die m it den Blattern von den ändern, so die schweren Krankheit haben, m it denselben auch verunreinigt werden und desto eher sterben, so sie sonst länger im Leben blieben, empfehlen wir euch mit Ernst, daß ihr bei euch bestellt, dam it hinfür die, so m it der Krankheit der Pestilenz beladen sind, nicht mehr in das gemeine Siechhaus gelegt werden. U nd ihr sollt deshalb einen besondern Stadel außerhalb der Stadt fürnehmen und darin Käm m er­ lein zurichten, und dieselben Kranken auch in Sonderheit darein legen, dam it mögen die, so im Siechhaus an Blattern liegen und dazu das gemeine V olk vor solcher Unreinigkeit desto sicherer sein.“ Die vorstehenden Schreiben beweisen, wie sich der aufgeschlossene K önig selbst m it medizinischen Problemen zum Wohle seiner U ntertanen beschäftigte. Freilich geriet er mangels exakter Kenntnis der Infektionsart zu der seltsamen Verfügung, daß man die Pestleichen köpfen müsse. Wegen der giftigen D äm pfe und U nreinig­ keiten sollte der K örper weitab von Ortschaften begraben werden, der K o pf aber konnte — als ob er nicht ebenso ansteckend gewesen wäre — ruhig im Friedhof beigesetzt werden. Die erwähnte Pest, die im Som mer 1512 in N o rd tiro l und Innsbruck eingebrochen war, veranlaßte die Regierung alsbald zur Flucht nach R attenberg. Seitdem die U n i­ versität von Paris erklärt hatte, daß die Flucht das sicherste M ittel vor der Pest sei, schämten sich weder die O brigkeit noch die Geistlichkeit und die Ä rzte, sich m ög­ lichst bald davonzumachen. D er Pfarrkaplan von St. Jak ob mußte täglich die Liste der Pestopfer nachsenden, und erst Ende Februar 1513 kehrte die Regierung auf zwei Schiffen wieder zurück. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die älteste bekannte Innsbrucker Pestordnung auf diesen Seucheneinfall zurückgeht. Die H ygiene scheint damals in der Stadt sehr zu wünschen gelassen zu haben. H at sich schon M axim i­ lian über den Übelgeschmack des Stadtgrabens beschwert, so weist auch diese O rd ­ nung gleich in den ersten Sätzen auf U nsauberkeit und Ungeschmack hin. D a sie noch nirgends veröffentlicht wurde, folgt sie in etwas verbesserter Schreibweise: „V erm erkt die Ordnung, so sich ain H ausvater in Zeit der Pestilenz halten sol m it seinem H ausgesind: Erstlichen sol er zu G ott ruefen und seiner Gnaden Ehr geben, nachmals auf das Höchste befleissen, daß er sein H aus oder W ohnung ganz 28 sauber halten und von allem Übelgeschmack verhüten, kain Prunzwasser oder der­ gleichen Ungeschmach nit leiden, sondern sol ihm zu M orgenfrüh und auch zu Nacht ainen gueten Rauch als m it Kranebiper ( = Kranewitbeeren) machen.“ H äuser, in denen Pestkranke lagen, sollten durch ausgesteckte „Buschen“ — ähn­ lich wie bei den Weinschenken — gekennzeichnet werden, dam it sie von den durch­ ziehenden Soldaten nicht betreten würden. Jene ungarische Tartsche, die der Innsbrucker Künstler H ans Lauberm ann schuf und die im M ittelfeld die Pest zu Pferde reitend zeigt, wobei sie m it dem Bogen Pestpfeile abschießt, könnte auch auf die Epidem ie von 1512 zurückgehen (s. Biblos, 23. Bd., S. 183 und Tafel 83). Für gute Pestrezepte hat sich M axim ilian schon vorher interessiert. Bereits 1502 läßt er zwei in sein Memoirenbuch eintragen. Das eine empfiehlt „ain Wurzlin haist Grasail, wechst auf dem hohen G epürg“ . Wenn einem die Pest ankom m t oder es einem graust, dann soll m an ein wenig von dieser Wurzel abschneiden und m it Wein trinken, darauf schwitzt m an alle Krankheit aus. D as zweite rät Anchirn ( = Einhorn) abzuschaben, dies m it der „Latw erig des von R ap oltstain “ ( = m arm e­ ladeartiges H eilm ittel) und Theriak durcheinanderzurühren und vor dem Schlafen­ gehen m it Wein zu trinken. Im Ju n i 1513 stirbt des Kaisers treuer Freund, Paul zu Lichtenstein, der seit 1491 in der Regierung tätig war, zu Schongau (?). Sein Sarg wird in die H eim at gebracht und erfährt in der St.-Jakobs-Pfarrkirche ein feierliches Begräbnis, zu dem Peter Rieder 32 Wappen gemalt hatte und die Edelknaben Klagekleider trugen. Tags zuvor war ein anderes Regierungsm itglied, Dr. Mathias Kuen, beigesetzt worden. Den jagdfreudigen Kaiser hinderte bereits 1514 ein hartnäckiges Beinleiden am Steigen. M an kann dabei vielleicht an Podagra denken, das auch Erzherzog Sig­ m und geplagt hat. Den beiden W ohlstandskrankheiten, Gicht und Steinleiden, waren damals ja die meisten hohen Herrschaften ausgesetzt. Ü ber eine meisterhafte Behand­ lung eines Nierensteins berichtet ein ausführliches Schreiben des Abtes C aspar A ugs­ burger von Georgenberg an Erzherzog Sigm und vom 25. M ärz 1491. D er A bt glaubt, daß es den Fürsten freuen werde, wenn er hört, daß es ihm an seinem Leibe wieder wohl ergehe. U nd so erzählt er (in verbesserter Schreibweise): „. . . wie daß her gegen Schwatz kom m en ist ein R itter und D octor, der da hat von seiner bewähr­ ten meisterlichen Kunst köstlich Brief und Siegel von trefflichen Leuten, Städten und Räten. So sind kommen meine guten Freunde, die mir Gutes gönnen, in mein K loster zu sant Jörigen und haben m ir das verkündet und gesagt. So hab ich getan als ein Kranker, der gern gesund wäre, und hab ihn lassen bitten, daß er zu m ir auf sant Jörgenperg kom me, das er dann gern getan, und hab m it ihm geredet meiner Krankheit halben. So hat er m ir gesagt, ich soll m it ihm abhin ziehen gegen Schwatz, so wolle er mich von meiner Krankheit des Steins erledigen und von m ir bringen ohne schneiden und große Schmerzen, und will auch kein Geld von m ir haben, er habe m ir denn geholfen vor from m en Leuten ungeschnitten und ohne Schmerzen. Als ich gegen Schwatz kom m en bin, da hat er mich geschmiert in dem Rücken und ein Pflaster gemacht, danach bin ich in meine H erberge gegangen. Des Morgens, das ist jetzt am Freitag U nser Lieben Frauen Tag, bin ich wieder zu ihm kom men, da hat er mich gelegt auf einen Tisch und hat von m ir gebracht einen 29 Stein größer denn eine große Baumnuß, und den Stein in m ir zerbrochen in 22 Stück, ehrliche Stück in der Größe einer Bohne, etliche größer, etliche kleiner ungefähr. Dabei ist gewesen Thom an R ietm ayr, Landrichter zu Freundsberg, Lienhart Frey, H anns H artm an, alle von Schwatz, und viele andere erbahre Leute, daß er seine Kunst öffentlich bewährt hat. Als Euer Fürstlich Gnaden weiß, daß ich bin ein armer Prälat, noch wollte ich nit nehmen tausend Gulden und mehr, daß ich den Stein noch in m ir haben sollte, als ich gehabt hab, des ich dem allmächtigen G ott, sant Benedicten und dem H errn R itter und D octor großes Lob, Ehre und D ank sage . . .“ D er A bt schließt den Brief, den er noch am Tage seiner O peration verfaßte, m it der neuerlichen Bem erkung, daß der Fürst gewiß gerne davon höre; er freue sich schon, nachdem er lange Zeit krank war, ihm, wenn er nun genesen sein werde, wieder fleißig dienen zu können. Dieses medizingeschichtlich interessante Schreiben ist deshalb besonders wertvoll, weil m an auch den Ausgang der meisterlichen K ur feststellen kann. A bt C aspar war nämlich vierzehn Tage später bereits tot. Es ist wahrscheinlich, daß der D oktor, als er den Stein im A bt zerbrach, das umgebende Gewebe derart verletzt hat, daß es zu einer tödlichen Entzündung kam. Eine weitere Krankheit, die zu den Zeiten Erzherzog Sigmunds und Kaiser M axi­ milians nachweisbar viele O pfer forderte, war das Sumpffieber, die Malaria. Tirols volksreichste Stadt, Bozen, und weitläufigste Burganlage, Sigm undskron, hatten dar­ unter wegen der N ähe der Etschauen und -süm pfe besonders zu leiden. Aber auch in den Inntümpeln um Straß, wo der einmündende Ziller einen Rückstausee bis gegen Schiitters bildete und heute noch die Anopheles-Mücke vorkom m t, dürfte mancher K rankheitsfall aufgetreten sein. Bezüglich Sigm undskron schrieb bereits Josef Wein­ gartner in seinen „B ozner Burgen“ : „D a die Pfandinhaber schon seit Jahrhunderten nicht mehr auf der ehemals wegen der Fieberluft verrufenen Burg wohnten, wurde der stolze Bau Sigismunds bald eine hilflose Beute rasch fortfressenden Verfalls . . .“ Ü ber die Fieberkranken in Bozen berichtet der U lm er D om inikanerpater Felix Faber nach seinen Beobachtungen, die er im A pril 1483 auf der Durchreise dort machte. Faber erzählt (nach der Übersetzung von Josef Garber im 3. Band der Schlern-Schrif- ten): „A ber die Stadt hat eine ungesunde Luft, weil, wie man sagt, an der Seite, wo die frische und gesunde Luft weht, hohe Berge stehen, die m ir die Brüder auch ge­ zeigt haben; an der ändern Seite aber, wo die Luft liegenbleibt, sich stinkende Sümpfe ausbreiten. Daher die Erscheinung, daß es hier immer viele Fieberkranke gibt; ja es ist so alltäglich, vom Fieber befallen zu werden, daß man das Fieber nicht als eine Krankheit ansieht. Begegnet jem and seinem Freunde m it blassen und eingefallenen Wangen und fragt ihn: ,Freund, was hast du, ich finde, du bist krank und abgezehrt', so sagt jener dazu: ,Gewiß, Freund, doch krank bin ich G o tt sei D ank nicht, nur das Fieber zehrt mich ab.‘ Als ich einmal, m it einem Laien die Stadt betrachtend, durch Bozen ging, sagte er zu m ir: ,Schau, Bruder, ich glaube nicht, daß es eine Stadt in der Welt gibt, die kälter ist als diese/ Verwundert über diese Behauptung, entgegnete ich, das sei gar nicht der Fall; im Gegenteil, es sei sehr heiß. D a sprach er: ,Ich bin nie in diese Stadt gekommen, selbst im heißesten Som mer, ohne daß ich hier immer viele Leute in W intermänteln herum sitzen sah, bleich vor Kälte und m it den Zähnen klappernd.' D as meinte er als Witz über die Fiebernden. Viele behaupten, daß die 30 Leute das Fieber nicht von der schlechten Luft, sondern vom guten Wein und vom guten Essen, w orauf m an hier viel hält, bekommen und sich davon Krankheiten holen.“ Bezüglich des Schlosses Sigm undskron ( = Firm ianum ) schreibt Faber nach dessen Besichtigung: „W egen der Ausdünstungen der Süm pfe wurde der A ufenthalt ver­ haßt, denn die Menschen, die dort verweilten, starben rasch dahin.“ Erzherzog Sig­ m und ließ damals tiefe Gräben zur Ableitung des Sumpfwassers anlegen. Die — mehrfach diskutierte — Todeskrankheit des Kaisers dürfte eine krebsartige Veränderung des M agen-D arm -Trakts gewesen sein. Die auftretende Gelbfärbung des Gesichtes würde — falls nicht ein prim äres Leberleiden bestand — für das A uftreten von Leberm etastasen sprechen. Die ein halbes Jah r vor dem Ableben angefertigte Zeichnung Albrecht Dürers vom 28. Jun i 1518 zeigt ein volles, gesundes Gesicht M axi­ milians. D as — im „Fenster“ , H eft 3, abgebildete — Totenbild im Landesmuseum Ferdinandeum, das wesentlich später als das in der Grazer Landesgalerie von einem Welser M eister gemalte (s. A usstellungskatalog Abb. 36 und S. 206) entstanden ist, zeigt — wenn man viele solcher Fälle gesehen hat — keine typische Krebskachexie. Kaiser M axim ilian soll die Städte A ugsburg und Innsbruck besonders geliebt haben. Scherzweise nannte m an ihn deshalb den „Bürgerm eister von A ugsburg“ . Die Inns­ brucker könnten ihn m it gleichem Recht den „Stadtbaum eister von Innsbruck“ nennen. 31