Jaudeamus igitur - Die Entwicklung der medizinischen Fakultät in Erinnerung und Anekdote ======================================================================================== Von den V E R Ö F F E N T L I C H U N G E N AU S D E M S T A D T A R C H I V I N N S B R U C K sind bereits erschienen: Nr. 1 Innsbrucks stadtgeschichtliches Schrifttum bis zum Jahre 1950 (1. Teil: Nr. 1—2000), von Wilhelm Eppacher und Karl Schadelbauer. 1950. Nr. 2 Innsbrucker Urkunden aus dem Stiftsarchiv W ilten (1238—1350), von Karl Schadelbauer. 1951. Nr. 3 Die W ohltäter der Landeshauptstadt Innsbruck, von Wilhelm Eppacher. 1951. Nr. 4 Briefe aus Alt-Innsbruck (1461—1873), von Karl Schadelbauer. 1952. Nr. 5 Innsbrucker Geschichtsblätter (1. Folge), von Karl Schadelbauer. 1952. Nr. 6 Verzeichnis der Urkunden des Stiftsarchivs W ilten von 1138—1299, von Karl Schadelbauer. 1953. Nr. 7 Innsbrucks stadtgeschichtliches Schrifttum bis zum Jahre 1950 (2. Teil: Nr. 2001-4770), 1953. Nr. 8 Beiträge zur Innsbrucker Kirchengeschichte, von Propst Dr. Josef W eingartner. 1954. Nr. 9 Lesebuch aus Innsbrucker Stadtgeschichtsquellen. 1955. Nr. 10 Die gefälschten Urkunden des Bischofs Reginbert von Brixen für das Kloster W ilten, von Dr. Fritz Steinegger. 1956. Nr. 11 Innsbrucker Geschichtsblätter (2. Folge). 1956. Nr. 12 Die St.-Jakobs-Kirche in Innsbruck im Lichte der Rechtsgeschichle, von Univ.-Prof. Dr. H. Lentze. Nr. 13 Geschichte der Raum- und Grenzbildung der Stadtgemeinde Innsbruck, von Otto Stolz. Nr. 14 Die Kleinstbände der „Dipauliana" — Ein Bücherverzeichnis (Band 1 bis 100), von Karl Schadelbauer Nr. 15 50 Jahre schulärztlicher Dienst in Volks- und Hauptschulen, von Stadtphysikus Dr. Leopold U nter­ richter. Nr. 16 Drei Befehlshefte des Innsbrucker Platzkommandos vom Jahre 1809, von Karl Schadelbauer. Nr. 17 Die Kleinstbände der „Dipauliana“ — Ein Bücherverzeichnis (Band 101 bis 200), von Dr. Karl Schadelbauer. Nr. 18 Das Stadtspital im Jahre 1839 — Die Beschreibung des Spitalsverwalters Fr. X. Honstetter. von Dr. Karl Schadelbauer. Nr. 19 Die Berichte der „Innsbrucker Zeitung“ von 1810 über das „Departement der obern Etsch“. Nr. 20 Der Innsbrucker Bürgermeister Felix Riccabona v. Reichenfels, von Felix v. Gasteiger. Nr. 21 Innsbrucker Ansichtskarten um 1900, von Dr. Karl Schadelbauer. Nr. 22 Amtliche Stimmungsberichte 1850/51 und 1859/60. Nr. 23 Herzog Rudolf IV. und Innsbruck 1363—1365, von Dr. Karl Schadelbauer. Nr. 24 Leitfaden der Geschichte Innsbrucks, von Dr. Karl Schadelbauer. Nr. 25 Die Dreiheiligenkirche zu Innsbruck, von Dr. Fr. H. Hye-Kerkdal. Nr. 26 Die Innsbrucker Inwohneraufnahm en von 1508 bis 1567. Nr. 27 Heiligwasser-Besucher 1854 bis 1875 u. a. Nr. 28 Innsbrucker Kleindrucke, von Dr. H. Hochenegg. Nr. 29 Quellen zur Innsbrucker Häusergeschichte, 1, von Dr. Karl Schadelbauer. Nr. 30 Quellen zur Innsbrucker Häusergeschichte. 2, von Dr. Karl Schadelbauer. Nr. 31 Kaiser M aximilian I. und Innsbruck, von Dr. Monika Fritz II. Reihe — Innsbrucker Archivnotizen zur Geschichte der österreichischen V orlinde Nr. 1 Aus dem landesfürstlichen Kopialbuch von 1458. Nr. 2 Die Reise Kaiser Ferdinands I. von Speyer nach Freiburg (1562) u. a. Nr. 3 Das Raitregister des Elsässer Landvogtes Graf R. v. Habsburg (1375) u. a. Nr. 4 Das Inventar des Klosters ölenberg von 1561 u. a. Nr. 5 Die Urkunden des Klosters ölenberg im Elsaß von 1188—1565 Nr. 6 Urkunden zur Geschichte der H erren von Hewen (1377—1399) Druck: Verlagsanstalt Tyrolia, Exlgasse 20, Innsbruck V E R Ö F F E N T L IC H U N G E N AUS D E M STADTARCHIV IN N S B R U C K H e ra u sg e b e r: K arl S chad elb auer Nr 32 Die Entwicklung der medizinischen Fakultät in Erinnerung und Anekdote Den Medizinstudenten gewidmet von Dr. Karl Schadelbauer I N N S B R U C K 1968 IM SELBS TVE RLA G DES S T A D T M A G I S T R A T E S Am 25. Oktober 1869 wurde die jetzige medizinische Fakultät feierlich eröffnet. Ihr hundertjähriges Bestehen bietet Anlaß zur Rückschau und zu Feiern. Wissen­ schaftliche Publikationen hiezu sind zu erwarten. Das vorliegende Heft soll Entstehen und Entwicklung der Fakultät in Erinnerung und Anekdote aufzeigen. In den medi­ zingeschichtlichen Vorlesungen hat sich erwiesen, daß die Hörer mit Humor gewürz­ ten Schilderungen besonders gerne lauschen und sich daher auch gut einprägen. Berich­ tet wird ausschließlich über Professoren, die vor dem Jahre 1900 ernannt wurden und längst ihr Dasein beschlossen haben. Es waren durchwegs hochangesehene Lehrpersön- lichkeiten, für deren Beliebtheit gerade die bis heute dauernde Erinnerung zeugt. Im Jahre 1869 erschien auch das Werk „Geschichte der Universität in Innsbruck seit ihrer Entstehung bis zum Jahre 1860“ von Jacob Probst, das immer noch wert­ voll ist. Darin äußert der Verfasser folgende Meinung (Seite 368): ,,Ob aber die Wie­ derherstellung einer medizinischen Fakultät nach den Forderungen unserer Zeit für Tirol erwünscht wäre, kann gefragt werden. Denn einerseits sind die Kosten dazu sehr bedeutend und die Unterrichtsmittel vielleicht doch sehr ungenügend, andererseits aber ist in größeren Orten an Ärzten kein Mangel, und wenn die Wundärzte, die oft nicht mit Unrecht Vertrauen haben, aufhören sollten, hörte auch an sehr vielen kleineren und abgelegenen Orten die ärztliche Hilfe auf, weil ein Doctor der Medizin dort von seiner Kunst wohl nicht leben könnte und wohl auch nicht leben wollte.“ Obige Meinung Probsts war zweifellos begründet. Als der Gerichtsarzt von St. Leon­ hard im Passeier, Dr. v. Tavonatti, nach Tione versetzt wurde, war es schwer, für ihn einen Nachfolger zu bekommen. Der „Bote für Tirol“ vom 16. Dezember 1852 berichtet darüber: „Länger als ein Jahr schon ist im Tale Passeier die Stelle eines Gerichtsarztes, welcher als jährliches Wartgeld zugleich von den Gemeinden 200 Gul­ den bezieht, trotz einer zweimaligen Ausschreibung unbesetzt geblieben, und mit ge­ rechter Verwunderung fragen sich die Passeirer, daß gerade in ihr Tal kein Arzt sich hineinwage, den Bewohnern seine Hilfe zu bieten? Oder glaubt man, diese gebirgige Gegend, die wegen ihrer starken kräftigen Naturen berühmt ist, vermöge aus diesem Grunde keinen verständigen Arzt zu ernähren, da zuvor zwei Wundärzte hier schon ansässig sind?“ Den Posten übernahm schließlich der Dr. med. Johann Lechleitener zu Au im Bregenzerwald. Der Ärztestand hatte auch noch eine beachtliche Konkurrenz im Kurpfuscherwesen. Dies schildert ausführlich ein Aufsatz im „Boten für Tirol“, der nach einer Gerichts­ verhandlung gegen einen Kurpfuscher veröffentlicht wurde (23. Januar 1851); er beginnt: „Es ist eine alte, sich stets wiederholende Klage der Ärzte, daß in unserm Lande die Schmarozerpflanze der Kurpfuscherei wuchernd gedeiht, weil sie nur zu leicht ihrem Wachstum förderlichen Boden findet und nicht selten von jenen, die sie beim ersten Emporkeimen ersticken oder ausreuten sollten, gehätschelt und gepflegt wird. Wie so oft vernimmt man die Beschwerde, daß die beengenden Verordnungen der Sanitätspolizei gegen die ärztlichen Individuen selbst volle Anwendung finden, wo­ gegen das gesetzwidrige Tun und Treiben der Kurpfuscher ignoriert, den Quaksalbern durch die Finger gesehen und vor Gericht keine Schuld an ihnen gefunden wird.“ Eine Bestätigung geradezu erfuhr Probsts Meinung in der Festrede, die der bekannte Chirurg Nicoladoni bei der Eröffnungsfeier des neuen städtischen Krankenhauses 3 am 18. Oktober 1888 hielt (und auf die noch näher eingegangen werden muß). Nicola- doni erklärte nämlich, es sei eine unumgängliche Forderung gewesen, „in den west­ lichen, alpinen Provinzen des Reiches eine Facultät zu errichten, welche die Aufgabe zu erfüllen hätte, die Medizin studierenden Söhne dieser Länder ihrer Heimat zu erhalten, indem jene während der Zeit ihrer Studien durch den Aufenthalt an einer benachbarten Hochschule ihrem heimatlichen Leben weniger leicht entfremdet werden könnten als durch den Besuch der großstädtischen Universitäten. Die erste Vergangen­ heit dieser (Innsbrucker) Schule hat nun gelehrt, daß diese von ihr gehegte Erwar­ tung nur teilweise in Erfüllung gegangen ist, und obwohl seit dem Jahre 1870 241 Inns­ brucker Doctoren promoviert worden sind, so lehrt doch ein Überblick über das der- malige Heilpersonale des Landes, daß von den noch lebenden 186 eingeborenen Doc­ toren 67 ausgewandert sind und nur 119 der Heimat ihre Dienste als Arzt widmen, eine Zahl, mit welcher der große Abgang in den Centralteilen des Landes lange nicht gedeckt wird.“ Die Errichtung einer medizinischen Fakultät an Stelle des bestehenden medizinisch­ chirurgischen Studiums betrieb unermüdlich der Anatom und Gerichtsmediziner Prof. Karl v. Dantscher, den Nicoladoni als „Vater der Fakultät“ bezeichnete. Für die Fest­ stellung, ob in Innsbruck für die Errichtung einer medizinischen Fakultät das nötige Material sowie auch Sammlungen vorhanden seien, wurde von Wien im Herbst 1867 der berühmte „Vater der pathologischen Anatomie“, Prof. Karl Frh. v. Rokitansky, nach Innsbruck entsandt. Der „Bote für Tirol“ vom 4. Oktober 1867 berichtet mit Befriedigung, daß Rokitansky mit der Ordnung und Reichhaltigkeit der vorhandenen Sammlungen zufrieden gewesen sei und seine Erhebungen „außer Zweifel gestellt“ hätten, daß Innsbruck für die Errichtung einer medizinischen Fakultät qualifiziert sei. Von Rokitansky gibt es eine bekannte Anekdote, die erzählt, daß er einmal auf die Frage, welche Berufe seine drei Söhne ausübten, antwortete: „Zwei heilen und einer heult.“ Dieser war nämlich Opernsänger. Innsbruck hatte Gelegenheit, mit zweien bekannt zu werden. Der „Heuler“, Bariton am Hoftheater in Kassel, wurde 1868 für das Innsbrucker Theater engagiert. Der eine „Heiler“, Prokop Frh. v. Rokitansky, wurde 1878 Ordinarius für spezielle medizinische Pathologie und Therapie und medi­ zinische Klinik. Er vertrat also, kurz gesagt, die „Interne“, und ein alter Landarzt wußte noch allerlei von ihm zu berichten. So habe er gern den „Herrn Baron“ her­ ausgekehrt, was einen jungen Dozenten öfters zur bissigen Bemerkung veranlaßte: „Wieder einmal eine Fehldiagnose; sie stammt aber nicht vom berühmten Rokitansky.“ Vielleicht durch seinen Vater soll er gute Beziehungen zu Robert Koch gehabt haben, der ihm etwas von dem neuentdeckten Tuberkulin zu Versuchen an Kranken über­ ließ. Rokitansky suchte drei recht elende Patienten aus und erklärte den Hörern, daß sie daran alsbald die ausgezeichnete Wirkung des Mittels beobachten könnten. Inner­ halb von drei Wochen waren aber alle drei tot. Selbst in der Faschingszeitung „Frau Hütt“ vom Jahre 1898 findet man den Vor­ genannten. Dort steht die Ankündigung zu lesen: „Volkstümliche Hochschulvorträge: Heute Vortrag des Herrn Prof. Dr. Frh. v. Prokopitansky ,Lamieh, der berühmte Militärchirurg im Heere Nebukadnezars V. In Anbetracht dieses eminent volkstüm­ lichen Themas, für das sich besonders seitens der organisierten Arbeiterschaft riesiges 4 Interesse kundgibt, wird der Vortrag im großen Stadtsaale gehalten werden.“ Man mag daraus ersehen, daß Rokitansky gerne über recht ausgefallene Themen langwei­ lige Vorträge hielt. Seine Gemahlin verfaßte übrigens ein ausgezeichnetes Kochbuch. Von den Professoren, die bereits am „medizinisch-chirurgischen Studium“ lehrten, wurden mehrere an die neue Fakultät übernommen. Unter diesen befand sich auch Anton Tschurtschentaler von Helmheim (gest. 6. März 1900). Er las im Studienjahr 1859/60 u. a. über Physiologie und allgemeine Pathologie. Erstmals führte er eine Ambulanz für Kinderheilkunde ein. Dabei ergab sich, wie sich der frühere Sprengel­ arzt von Mayrhofen noch erinnerte, einmal folgendes Zwiegespräch. Der Herr Pro­ fessor frägt die Mutter eines kranken Kindes: „Hat das Kind einen Stuhl?“ — ,,Na, an Stuhl hat’s grad nit.“ — „Was denn dann?“ — „Nur so a kleins Kindersessele.“ - - Nun wurde der Professor deutlich und schrie: „Ob’s gschissen hat, will ich wissen!“ Ähnliche deutliche Aufklärungsfragen hatten Landärzte übrigens öfters zu richten. Die Pockenimpfung wurde an Kindern schon fleißig vorgenommen. Es gab aber noch keinen schön vorbereiteten Impfstoff aus einem Serum-Institut, sondern er mußte direkt vom „Impfkönig“, einem kräftigen jungen Menschen, abgenommen werden. So impfte einmal Bezirksarzt Dr. Sander, den viele ältere Ärzte noch als Regierungs­ kommissär bei den Rigorosen — „Prüfungs-Beischläfer“ genannt — in bester Erinne­ rung haben dürften. Er war nach der erwähnten Schulimpfung plötzlich verschwun­ den. Man fand ihn schließlich — wie sein Neffe, der bekannte Mineraloge Univ.- Prof. Dr. Bruno Sander, erzählte — in dem Klassenzimmer, wo er geimpft hatte, damit beschäftigt, sich den restlichen Impfstoff selbst in den linken Arm an über 20 Stellen einzuimpfen. Auf die bestürzte Frage, was er denn um Gottes willen tue, antwortete er ruhig: „Es ist doch schade, den wertvollen Impfstoff wegzuwerfen, da impfe ich ihn halt mir selbst ein.“ Am 24. und 25. Oktober 1869 fand die feierliche Eröffnung der Fakultät unter Teilnahme der höchsten Obrigkeiten mit vielen Festansprachen statt. Die Festrede des Rektors, Univ.-Prof. Dr. jur. H. J. Bidermann, setzte sich hauptsächlich aus histo­ rischen Notizen zusammen und wurde gleich gedruckt verteilt. Die Studentenschaft nahm regen Anteil. Nachdem am Samstag, den 24. Oktober, der Unterrichtsminister R. v. Hasner mit dem Morgenzug eingetroffen und beim Statthalter Frh. v. Lasser in der Hofburg abgestiegen war, veranstalteten die Universitätsstudenten abends einen Fackelzug unter der Führung der Militärmusik des Rainer-Regiments. Der Minister empfing eine Abordnung der Studenten, wobei stud. phil. Albert Wüstner, Senior des Corps Rhätia, eine kurze Ansprache hielt. Er begann: „Euer Exzellenz! Was das Land Tirol seit Jahren so sehnlich gewünscht, was unsere Stadt als hervorragende Zierde so lange angestrebt, was insbesondere unsere Universität als wertvolles Ge­ schenk zu erwerben bemüht war, die Gründung der medizinischen Fakultät, ist heute unter Ihren Auspizien zur Wirklichkeit geworden. Gestatten, Euer Exzellenz, daß wir Ihnen hiefür im Namen der Studentenschaft unseren tiefgefühlten Dank aussprechen . . .“ Der Minister zeigte sich über diese Anerkennung von seiten der Studenten sehr erfreut und versprach, am Festkommers zu erscheinen. Nachdem er gemeinsam mit dem Statthalter im Festsaal Platz genommen hatte, eröffnete der Senior des Korps Athesia den Kommers, worauf begeistert das „Gaudeamus igitur“ erklang, in das auch 5 die „Alten Herren der Universität“ freudig einstimmten. Der Minister behandelte in einer kurzen Ansprache das Thema Jugend und Freiheit, das anschließend der Statt­ halter noch erweiterte und sagte: „Jugend und Freiheit gehört zusammen wie Schön­ heit und Liebe.“ Der Innsbrucker Bürgermeister Dr. Tschurtschenthaler brachte ein Hoch auf den Fortschritt aus. Bereits in den ersten Semestern lehrten einige Professoren, die durch ihre Originali­ tät lang in Erinnerung blieben. Zunächst aber sei des ersten Chirurgen gedacht, der leider nur zu bald ein tragisches Ende nahm. Es war Prof. Dr. Heine, der Sohn jenes Cannstätter Orthopäden, der als erster die spinale Kinderlähmung (Heine-Medinsche Krankheit: Poliomyelitis) beschrieben hatte. Bereits nach etwa zwei Jahren — nach Prag berufen — erlag Heine dort einer Diphtherie. Prof. Dr. Maximilian Ritter von Vintschgau, ein gebürtiger Innsbrucker, der aber eines längeren Aufenthaltes an der Universität Padua wegen mit italienischem Akzent sprach und immer wieder „Schapperlot, Schapperlot!“ ausrief, lehrte Physiologie und bis 1873 auch Histologie. Er muß mit seinem Institutsdiener Endlicher den Studenten mehrfach Anlaß zur Heiterkeit gegeben haben. Endlicher behauptete nämlich den Studenten gegenüber immer wieder, er könne besser mikroskopieren als der Profes­ sor. In dem Beitrag „Die Geschichte des Physiologischen Instituts der Universität Inns­ bruck“ von F. Scheminsky und Theod. v. d. Wense (im Bd. II der „Forschungen und Forscher der Tiroler Ärzteschule“, S. 148 ff.) wurde darüber bereits ausführlich berich­ tet. Die darin erzählte Geschichte von der Vorweisung des Polarisationsapparates, bei der Endlicher stets die klassischen Worte gesprochen haben soll: „Das versteht der Herr Assistent nicht, das versteht der Herr Professor nicht, das verstehe nicht ein­ mal ich, das ist ein Wunder der Natur“, wurde von einem alten Landarzt etwas anders überliefert. Die Studenten wollten endlich der Selbstüberhebung Endlichers einen ver­ nichtenden Stoß versetzen. So richteten sie ein Zupfpräparat aus einer Salamischeibe zurecht. Mit scheinheiliger Harmlosigkeit baten sie Prof. Vintschgau, ihnen dieses eigenartige Präparat zu erklären. Dieser begann gutmütig, es sogleich im Mikroskop zu besichtigen und erklärte nach einiger Zeit kopfschüttelnd: „Ich sehe hier Muskel­ fasern, Bindegewebe und Fett, aber, Schapperlot, Schapperlot, was dies ist, kann ich Ihnen nicht sagen.“ Damit verließ er den Mikroskopierraum. Dies war das Signal für Endlichers Sternstunde und Untergang. Stolz sagte er zu den Studenten: „Na, da habt Ihr’s ja, er kennt’s nicht. Ich werde es Euch gleich erklären.“ Endlicher legte sein Auge an das Mikroskop und wurde immer einsilbiger. Schließlich erhob er sein Haupt und sagte würdevoll: Das kenne ich nicht, das kennt der Herr Professor nicht, das ist ein Wunder der Natur.“ Leider ist nicht bekannt, welches Gesicht er machte, als ihm die Studenten das Präparat als Salami offenbarten. Schon 1873 gab R. v. Vintschgau (gest. 1913) die Histologie an den Innsbrucker Josef Öllacher (gest. 1892) ab, der im Eröffnungsjahr der Fakultät Prosektor von Prof. Karl Dantscher war. Öllacher pflegte seine wenigen Hörer jährlich einmal zu sich auf das Zimmer einzuladen, wo eine der Bücherwände eine Tarnwand war, hin­ ter der sich viele Flaschen alkoholischen Inhalts befanden. Die Studenten nannten ihn mit Verkehrung seines Namens „Öl-Lacher“ den „Essig-Weiner“, so wie später der Prähistoriker Gero v. Merhart (Mehr-hart) als Minder-weich bezeichnet wurde. Der 6 Verlauf eines solchen gemütlichen Heimabends bei Prof. Öllacher kann leider nicht näher geschildert werden, da der Gewährsmann wegen alkoholischer Überlastung und Übelkeit alsbald auf ein Sofa gebettet werden mußte, wo er einschlief. Das Wichtigste für die Weiterentwicklung der neuen Fakultät war die Errichtung geeigneter Institute für die einzelnen Lehrfächer und vor allem von Kliniken, an denen die Studenten am Krankenbett ausgebildet werden konnten. Innsbruck besaß bis dahin ja lediglich sein altes Stadtspital, das um das Jahr 1310 von König Hein­ rich, dem Vater der Margarete Maultasch, gegründet worden war. Es lag außerhalb der ursprünglichen Stadtmauer in der damaligen „Neustadt“ (heute Maria-Theresien- Straße) und reichte von der Spitalkirche über die Ecke — das Nesslersche Tabak­ geschäft war die einträgliche Spitalhufschmiede — die ganze südwestliche Seite des Marktgrabens entlang bis zur Oberrealschule. Anschließend, im Gebiete des heutigen Adolf-Pichler-Platzes und des Breinößl-Gartens, befand sich bequemerweise von 1511 bis 1856 der städtische Friedhof. Um 1770 hat Prof. Menghin v. Brunnental, wohl als einer der ersten Innsbrucker Medizin-Professoren, seinen Studenten einzelne Fälle im Spital vorgezeigt. Noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Besucher der Spitalambulanz vielfach entweder verlaust oder betrunken. Die junge Fakultät mußte immerhin noch zwei Jahrzehnte mit den Räumen des alten Spitals ihr Auslangen finden. Allerdings zählte sie nur wenige Hörer: im 1. Seme­ ster 41, von 1875 bis 1879 jährlich zirka 55. Die im Spital herrschenden Zustände seien nun nach dem persönlichen Bericht der Schwester Lanolina, die im Jahre 1884 in den Spitalsdienst getreten war, geschildert. Die etwa 50 Schwestern wohnten über dem Eck Marktgraben — Stainerstraße (Geschäfte Uffenheimer — Pipal). Die jungen Schwestern des Noviziats hatten eine besonders hygienische Aufgabe; sie hatten den im Kellerraum gelegenen Backofen zu bedienen. Wurde er nicht gerade zum Brot­ backen verwendet, wurden darin die verlausten Kleidungsstücke der Patienten des­ infiziert. Dazu hatten die Schwestern den Ofen so stark zu heizen, bis alle Läuse tot waren. Der Raum diente zugleich als Trockenraum. Die schwerste Arbeit für die Schwestern bildete jahraus, jahrein das Tragen des gesamten Trink- und Waschwassers von dem einzigen Hofbrunnen in alle Räume der drei Stockwerke. Natürlich gab es auch keine Kanalisation, sondern nur Senkgruben. Gegen die Friedhofsmauer zu stand im Hof ein Stöckelgebäude, das die Irrenabteilung enthielt. Nerven- und Kinderheilkunde gehörten damals noch zur internen Medizin, die Ohrenheilkunde zur Chirurgie. In dem Stöckel gab es zwei Zimmer für ruhige Patienten, drei Tobzellen und eine Teeküche. Außer den Irren waren übrigens ledig­ lich die Blattern-(Pocken-)kranken abgesondert. Das Blatternhäusl stand etwa in der Gegend des heutigen Zahlstocks — das ganze Gebiet war ja noch unverbaut. Patien­ ten mit Delirien (bei Typhus, Rotlauf usw.) wurden nur durch feste Gitter, die zwi­ schen die Betten gestellt wurden, am Herausspringen gehindert. Eine der vordringlichsten Aufgaben war die Beschaffung einer Gebärklinik. Die einzige des Landes Tirol befand sich nämlich in Alle Laste oberhalb Trient. Sie war am 1. Jänner 1833 eröffnet worden und umfaßte 40 Betten. Der Grund für diese ferne Lage am Südende des Landes war, daß man hauptsächlich unehelichen Schwangeren und Müttern, die noch vielfach der Schande, ja sogar der Ortsverjagung ausgesetzt 7 waren, einen ruhigen Aufenthaltsort geben wollte. Überdies waren die ärmeren ita­ lienischen Frauen Welschtirols bereitwilliger, solch ledige Kinder in Pflege zu nehmen. Diese Gebärklinik wurde nun einstweilen im 3. Stock des Hauptgebäudes untergebracht. Ein Zimmer mit 6 Betten wurde für Patientinnen mit Kindbettfieber bereitgehalten. Die neuerbaute Gebärklinik wurde erst 1889 fertig. Der Eingang in das Haupthaus befand sich in der Mitte der Marktgrabenfront. Gleich rechts neben dem Tor betrat man die Kanzlei, in der der Verwalter, der Kon­ trollor und der Speiszettelschreiber (für verschiedene Diäten) amtierten. Im Parterre lagen auch die Küche und dahinter das Leichenzimmer zum Aufbahren, dann die dermatologische Männerabteilung, der Hörsaal und die Ambulanz (gegen die Maria- Theresien-Straße). Diese „sanitär fast widerwärtigen Räume“, die eine Erleichterung erst 1882 mit der Eröffnung des pathologisch-anatomischen Instituts erfuhren, schil­ dert Nicoladoni in seiner Festrede noch eindrucksvoller: „Bis 1882 hatte die patho­ logische Anatomie mit der dazugehörigen Leichenkammer die westlichen Parterrelocali- täten des alten Krankenhauses inne. Gleich daneben anschließend stand die gemeinsame Küche, welche mit ihren Dünsten den Haupteingang zu den Kliniken erfüllte und im Laufe der ersten Wintermonate mit dem niedergeschlagenen Rauche seine Wände schwärzte — ein höchst abschreckender Anblick —, ein ,lasciate ogni speranza* für alle, die, Hilfe und Heilung suchend, zum ersten Male diese Räumlichkeiten betreten muß­ ten. Über diesem höchst unheimlichen Parterre lag die chirurgische Klinik mit ihrem Operationssaale, und es ist zu verwundern, daß aus dieser verhängnisvollen Nachbar­ schaft den dort untergebrachten verletzten und operierten Kranken ein verhältnis­ mäßig nur geringes Unheil erwachsen war, indem bei peinlichster Sorgfalt wohl die schwersten accidentellen Wundkrankheiten vermieden, jedoch der tückische Feind der Wunden, der Rotlauf, niemals auf längere Zeit hinaus von den chirurgischen Kran­ ken fernzuhalten war. Die für die Unterbringung der Patienten dienenden Zimmer des übrigen Hauses waren knapp, teilweise recht finster, luftarm und überfüllt, die Corridore zugig und kalt, die Anstalten für Entfernung der Abfallstoffe zeitweise in einem die Sinne empörenden Zustande.“ Im 1. Stockwerk war außer der Chirurgie noch die Augenklinik untergebracht, im 2. die medizinische Klinik sowie die Frauenklinik (mit zwei Zimmern und einem kleinen Operationssaal) und zwei Zimmer für weibliche Hautkranke, im 3. Stock die Gebärabteilung. Von jedem Stockwerk aus konnte man den Kirchenchor besuchen. Der so dringende Neubau eines Krankenhauses erfuhr durch den Staatsbankrott von 1870 eine recht unliebsame Verzögerung. Der seit 1871 vom Professorenkolle­ gium fortwährend geforderte Neubau erfuhr mit Rücksicht auf die mißlichen Staats­ finanzen 1876 eine Ablehnung jeglicher Unterstützung seitens der Regierung. Ja bei den Budgetberatungen des Abgeordnetenhauses wurde 1879 sogar erwogen, die „lebens­ unfähige“ medizinische Fakultät wieder zu schließen. Die erwähnte Errichtung des pathologisch-anatomischen Instituts regt zur Frage an, wie es um die normale Anatomie bestellt war. Dieses wichtige Fach erhielt erst sieben Jahre später ein eigenes Institut. Am 12. November 1889 wurde es in Gegenwart des Unterrichtsministers Dr. Paul v. Gautsch feierlich eröffnet. Die Festrede hielt Prof. Öllacher; er gab sie auch im Selbstverlag unter dem Titel „Vortrag über die Geschichte 8 der anatomischen Lehrkanzel“ gedruckt heraus. Daraus ist zu entnehmen, daß Prof. Dantscher — übrigens ein Studienkollege des berühmten und anekdotenumwobenen Hyrtl — einen dreifenstrigen Hörsaal, einen zweifenstrigen Arbeitsraum und dahin­ ter eine notdürftig erleuchtete anatomische Sammlung zur Verfügung hatte. Da letz­ terer Raum bald nicht mehr ausreichte, wurde ihm das ehemalige geräumige Jesuiten­ refektorium als Museum überlassen. Nach Dantschers Jubilierung übernahm der Wie­ ner Moritz Holl die Anatomie, der gerade nach Graz übersiedelte, als der Neubau eröffnet wurde. Sein Nachfolger war der berühmte Wilhelm Roux aus Breslau. Ein Schüler Holls konnte die tristen Zustände im damaligen Seziersaal noch genau schildern. Dieser — vermutlich der oben genannte, dreifenstrige Hörsaal — lag im Erdgeschoß der (jetzt alten) Universität, und zwar neben dem Durchgang zwischen Universität und Jesuitenkirche (gegenüber dem Hotel „Grauer Bär“). Vom Durchgang aus konnte man in den Seziersaal sehen, wo 12 Studenten an einer Leiche arbeiteten. Hatten sich an den Fenstern wieder einmal allzu viele Gaffer angesammelt, warf plötz­ lich ein Student ein Stück Leber oder Lunge an das Fenster, daß es nur so spritzte, worauf die Zuschauer entsetzt auseinanderstoben. Prof. Holl pflegte, sich, während er den Studenten vordemonstrierte, immer wie­ der Zigaretten zu drehen, auf österreichisch — zu „wuzeln“. Dazu benützte er seelen­ ruhig seine blutigen Finger — ohne sie zu waschen — und nahm dann die blut­ befleckte Zigarette in den Mund, um sie anzuzünden. Die Atemluft im Seziersaal war entsetzlich schlecht. Zur Lüftung diente ein kleines Mauerloch, in dem eine Gasflamme brannte. Verlosch dieselbe, war es Zeit, den Raum zu verlassen. Als der Unterrichts­ minister zur Besichtigung des Seziersaales kam, um die Notwendigkeit eines Neubaus zu prüfen, mußte der Diener das Flämmchen gleich im vorhinein ausblasen. Da er infolge der Aufregung bereits ein Schnäpschen zuviel genommen hatte, fiel er dabei noch auf eine Leiche. Der Minister betrat den Raum nicht. Bereits in der Tür stehend, schlug er die Hände zusammen und rief: „Um Gottes willen!“ und verließ eiligst diese Anatomie. Der Neubau wurde bewilligt. Gerade als die neue Anatomie erbaut wurde, starb der erste Professor für patho­ logische Anatomie, Ferdinand Schott. Sein Nachfolger wurde der aus Graz gebürtige Adolf Pommer, der sich eben in Graz habilitiert hatte und bis 1921 in Innsbruck lehrte (gest. 1935). Pommer hat in den mehr als drei Jahrzehnten seiner Lehrtätig­ keit etliche Generationen von Medizinern herangebildet und ist sicherlich heute noch manchen der älteren Ärzte in bester Erinnerung. Der kleine, ungemein bewegliche Herr, der gerne eine „Melone“ trug, hielt seine Vorlesungen am frühen Nachmittag, was manchen überanstrengten Hörer zu einer Siesta veranlaßt haben mag. Jedenfalls konnte man noch in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts in den Bänken zwei eingeritzte Verslein lesen, die darauf hindeuten: „Pommerol und dieser Saal „Viel lieber schliefe ich bei meinem Mädchen sind das beste Veronal.“ als hier bei diesem alten Herrn; bei diesem muß ich schlafen, bei jenem schlief ich gern.“ 9 Hofrat Pommer soll ein ziemlich gestrenger Prüfer gewesen sein. Es mag hier noch überliefert werden, wie ein Brixner Student, mit Vornamen Pepi, ein bekannter Dolo- mitenkletterer, diese bestand. Als er vorsezierte, fiel ihm Pommer bei jedem Schnitt in die Hand und bemängelte etwas. Plötzlich erklärte der Kandidat in eiserner Ruhe: „Herr Hofrat, regen S’ Ihnen net auf, durchfallen tue so ich“, legte das Messer hin, verbeugte sich und verließ den Saal. So etwas war dem Herrn Hofrat doch noch nie vorgekommen. Völlig verblüfft sah er dem Scheidenden nach und konnte ihn auch bei der Tür nicht mehr zu einer Gnadenfrage zurückrufen, weil er schon weg war. Als Pepi zum zweiten Male antrat, reichte ihm der Professor eine Leber. Er möge sie genau ansehen und die pathologischen Veränderungen beschreiben. Letztere waren ihm aber völlig fremd, und so brach er sie kurzentschlossen ab und steckte dieses Leberstück in seine Rocktasche. Wie der Schwergeprüfte nun die Leber Pommer zeigte und schilderte, sah sie dieser zwar immer höchst verwundert an, aber auf die Frechheit, daß die pathologische Hälfte in der Tasche des Kandidaten ruhe, wäre er nicht gekommen. Im Herbst des Jahres 1888 war der Neubau von vier Gebäuden des Krankenhauses glücklich so weit fortgeschritten, daß am 18. Oktober die feierliche Eröffnung vor­ genommen werden konnte. Dabei hielt der dritte Inhaber der chirurgischen Lehrkanzel seit Eröffnung der Fakultät, Prof. Carl Nicoladoni, die bereits zitierte, aufschlußreiche Festrede. Ihr seien noch einige Sätze entnommen, in denen die Aussicht auf ein gün­ stiges Gedeihen ausgesprochen wird: „Und es ist in der Tat nicht einzusehen, warum es nicht gelingen sollte, jetzt, wo alle Bedingungen dazu sich einstellen, Innsbruck mit einem akademischen Leben zu erfüllen, welches an Frische und Produktivität den viel kleineren Universitätsstädten Deutschlands gleichkommen könnte. Gibt es doch unter diesen so manche, welche an verfeinerten Lebensgenüssen auch um nichts reicher sind, hat doch — um nur ein Bei­ spiel anzuführen — Göttingen, mit einer Hochschule glorreichster Traditionen, seinen akademischen Bürgern, wie glaubwürdige Zeugen versichern, außer seinen berühmten Erzeugnissen der Metzgergilde, nur spärliche Genüsse des Luxus zu bieten. Warum sollte Innsbruck, in einer bevorzugten Lage sondergleichen, umgeben von den mensch­ lichen Geist auf das Tiefste ergreifenden und fesselnden Schönheiten einer großartigen Natur, nicht imstande sein, gehoben durch ein frisch pulsierendes akademisches Leben, aus allen Ländern dieses weiten Reiches die studierende Jugend, in welcher ja meist ein offenes Verständnis und eine innige Liebe zur Natur wohnt, auf das Mächtigste anzuziehen und festzuhalten?“ Zur Zeit der feierlichen Eröffnung waren vier Gebäude fertig: 1. links vom Eingang das Haus mit der Spitalskapelle. Darin waren außer den Kanzleien und der Wohnung des Kaplans noch die Frauenklinik samt Hörsaal, die Augenklinik (1. Stock) und die dermatologische Männerabteilung (im Tiefparterre) untergebracht; 2. die medizinische Klinik — am Ort des heutigen Neubaues — war nur im Vor­ derhaus einstöckig, rückseitig nur Parterre. Im Nordblock waren zwei Zimmer für die 10 dermatologische Frauenabteilung reserviert, im Tiefparterre je ein Männer- und Frauen­ zimmer der Psychiatrie Vorbehalten, dazu fünf Tobzellen; 3. die chirurgische Klinik und 4. das Wirtschaftsgebäude. Die unterirdischen Verbindungsgänge samt der Zentral­ heizungsanlage gingen ebenfalls der Vollendung entgegen. Die Durchführung der Übersiedlung der Patienten vom alten Stadtspital konnte aber, weil die Fußböden da und dort noch fehlten, erst am 6. Juni 1889 vorgenommen werden. Um acht Uhr früh begann die militärische Sanitätsabteilung auf ihren Kriegs­ wägen unter Soldatenbegleitung die Kranken in die neuen Räume zu transportieren. Alle mußten fahren, damit ja keiner auskomme. Um zwei Uhr nachmittags war das Werk vollbracht. Es war alles glatt verlaufen, lediglich Dr. Winkler, dem Assistenten Nicoladonis, waren die Möbel vertauscht worden, was ihn furchtbar aufregte. Nicoladoni lehrte noch bis 1895 in Innsbruck, dann in Graz, wo er 1902 starb. Er war der Schöpfer der Sehnentransplantation. Seine Schüler unterrichtete er mit besonderer Strenge in der Behandlung von Knochenbrüchen und Verrenkungen. Dies war für Ärzte in einem Gebirgslande, zu einer Zeit, da noch keine Röntgenapparate zur Verfügung standen, überaus wertvoll. Die Nicoladoni-Schüler waren auf diese Ausbildung auch stolz, zumal ein Fehlgriff bei der Prüfung bereits den Durchfall bedeuten konnte. Diesbezüglich sei ein Fall berichtet, den ein solcher Nicoladoni-Schü- ler, in einem Tiroler Bezirk tätig, mit einem Schuß von Schadenfreude erzählte. In seinem Gebiet brach sich ein hoher und vermögender Herr bei der Jagd das Bein. Da er der Kunst des Landarztes mißtraute und es sich leisten konnte, ließ er sich in die Klinik Eiseisberg in Wien bringen, wo man gerade mit Röntgenaufnahmen zu arbeiten begann. Das geheilte Bein war um 6 Zentimeter kürzer. „Das hätte ich als Nicoladoni- Schüler mindestens auch zusammengebracht“, schloß der Arzt. Die dermatologische Lehrkanzel übernahm 1898 Joh. Heinrich Rille, ein gebürtiger Brünner (1864). Er war anschließend von 1902 bis 1934 Vorstand der Leipziger Haut­ klinik. Als der Bombenkrieg dort immer bedrohlicher wurde, kehrte er 1943 nach Innsbruck zurück, wo er in Igls wohnte. Der greise Forscher weilte hier an der Uni­ versität, von seinen Kollegen unterstützt, bis er noch einmal nach Leipzig zurückkehren konnte. Aber nicht allein sein hartes Schicksal heißt seiner gedenken, sondern auch daß er unter seinen zahlreichen Arbeiten über die Geschichte der Maiskrankheit, der Pellagra, in Südtirol schrieb. Dieses durch zu wenig ausgereiften oder verdorbenen Mais (Polenta) hervorgerufene, langjährige Leiden, das um 1900 noch einige tausend Kranke zählte, ist heute infolge der abwechslungsreicheren Kost völlig verschwunden. Rilles Nachfolger in Innsbruck, der Grazer Ludwig Merk — dort bereits „Krätzen- Jaggele“ genannt —, hat der Pellagra sein Hauptwerk gewidmet und eine eigene Forschungsstelle hiefür oberhalb Trient eingerichtet. Die Lehrkanzel für Psychiatrie und Neurologie übernahm 1894 der gebürtige Wie­ ner Carl Mayer — heute noch „C“-Mayer genannt. Da er vier Jahrzehnte hier lehrte, war das Bild dieser Klinik völlig von ihm geprägt, und viele der älteren Ärzte muß­ ten noch bei ihm ihre Prüfung ablegen. Der 1902 promovierte junge Doktor Hans 11 Hepperger v. Tirschtenberg und Hoffensthal (geb. 1877) wurde bei Mayer Assistent. Es war dies der bekannte Bozner Schriftsteller Hans v. Hoffensthal, der leider allzu früh im Jahre 1914 einem Lungenleiden erlag. Da im neuen „österreichischen Biogra­ phischen Lexikon von 1815 bis 1950“ angegeben ist „Neurologe und Dichter“, muß berichtet werden, daß es eigentlich mit dem Neurologen aus war, als der Dichter an­ fing. Vermutlich nach dem Erscheinen des ersten Romans „Helene Laasen“ (1906) erklärte nämlich Mayer dem Hepperger: „Entweder Sie sind Neurologe oder Sie schreiben Romane, beides zugleich ist unmöglich.“ Daraufhin packte Hoffensthal (dies sein Pseudonym) zusammen und schrieb Romane (z. B. „Das Buch vom Jäger Mart“, 1908, „Lori Graff“, 1909, usw.). Der Mediziner schloß gewöhnlich sein Studium mit den Prüfungen aus gerichtlicher Medizin und Hygiene ab. Die Lehrkanzel für gerichtliche Medizin versah seit 1894 der Siebenbürger Karl Ipsen, jene für Hygiene seit 1897 dessen Landsmann Alois Lode. Beide Prüfungen fanden gewöhnlich an einem Freitagmorgen statt, so daß am dar­ auffolgenden Tag, dem Samstag, gleich promoviert werden konnte. Ipsen prüfte als erster ab 8 Uhr. Er war der Typus des strammen Burschenschafters, auch selbstbewußt und gütig. Als ein Kandidat auf eine beanstandete Antwort erklärte, er habe dies in Wien so gelernt — Wien galt stets als eine Art höhere Instanz —, sagte ihm Ipsen: „Merken Sie sich, hier in Innsbruck lehrt, steht und fällt Prof. Dr. Karl Ipsen!“ Fiel schließlich ein Kandidat durch, so soll sich öfters folgende Auseinandersetzung zu­ getragen haben: „Herr Professor, wenn Sie mich durchwerfen, bin ich ruiniert. Ich muß in den Inn gehen oder mich aufhängen. Für morgen habe ich schon meine ganze Verwandtschaft zur Promotion eingeladen. Diese Schande überlebe ich nicht.“ Darauf habe der gütige Ipsen erklärt: „Gut, ich lasse Sie morgen promovieren, wenn Sie mir Ihr feierliches Ehrenwort geben, noch eine gewisse Zeitlang — 2 bis 3 Monate, je nach Unkenntnis — meine Vorlesungen zu besuchen.“ Die so amnestierten Kandidaten gaben Ipsen natürlich hocherfreut ihr Ehrenwort und sollen es auch immer eingehal­ ten haben. Diese kurzen Ausführungen über die Entwicklung der medizinischen Fakultät und einzelne ihrer hervorragenden Professoren mögen vielleicht, besonders von jenen älte­ ren Ärzten, die sie noch erlebten, als die „gute, alte Zeit“ der Fakultät gewertet wer­ den. Ob sich die Studierenden auch bei den heutigen Studienformen so wohl fühlen wie jene, mag bei einem späteren Jubiläum untersucht werden. Vivat, crescat, floreat Facultas Medica Oenipontana!