A. v. Schullern, Franz Thurner. Ein Lebensbild ============================================== StA? Stadtarchiv Innsbruck B-6177 Stadtmagistrat Innsbruck Srang Churner Em Lebensbilo 2800 8 [Schullern, Q.v.]: Franz burner Ein Lebensbild. [1903] 4 A Im 17. Juni 1879 hat unsere Stadt, hat das Vater- land einen Mann verloren. Das kann wenig oder viel sein. Dieser aber war ein Mann im vollsten und edelsten Sinne des Wortes, ein Mann von echtem deutschen Schrott und Korn, ein ganzer Mann. Stark an Leib und Seele hat er sich durch seine eigene Kraft zu einer geachteten, ein- flußreichen Stellung im bürgerlichen Leben, zu einem nüglichen Gliede der Gesellschaft emporgeschwungen, hat segensreiche Institutionen organisiert und verbreitet, hat in unermüdeter Tätigkeit und Liebe zur Sache seines be schwerlichen Berufsamtes gewaltet, hat mit seiner Kraft eine ganze Generation gekräftigt und, wie er so im Frie- den dem Vaterlande erfolgreiche Dienste geleistet, hat er auch dreimal im Kriege sein Leben für dasselbe in die Schanze geschlagen. Das Staatsoberhaupt erkannte durch mehrfache Aus- zeichnungen die Verdienste des bescheidenen Mannes an und Dank und Liebe von Tausenden und aber Tausen- den seiner Schüler und Freunde folgte ihm in das Grab, in das der in der Vollkraft des Mannesalters Stehende plötzlich durch eine jähe Krankheit, eine Eiche durch den Blig, gestürzt wurde. Franz Thurner wurde geboren am 25. Oktober 1828 in Innsbruck. Sein Vater, gleichen Namens, war Seiler- meister hier, seine Mutter hieß Nothburga Krainer. Er besuchte die Normalhauptschule, lernte, nachdem sein Vater bereits 1835 gestorben war, bei seinem Stiefvater, dem Seilermeister Karl Lippert in Wilten vom 1. August 1841 bis dahin 1844 zunftmäßig das Seilerhandwerk und er- warb sich den Lehrbrief von der bürgerl. Seilerzunft. Am 21. April 1845 verließ er seine Heimat und be gab sich auf Wanderschaft in die Fremde. Doch nicht nur sich in seinem Handwerk zu vervollkommnen, war 4 das Ziel und Augenmerk seiner Reise; er benügte, wie sein mit größter Genauigkeit und Ausführlichkeit geschrie- benes Tagebuch beweist, seine Wanderjahre auch, um Welt, Leben und Menschen kennen zu lernen und versäumte nir- gends sich alle Merkwürdigkeiten in Stadt und Land zu besehen und dieselben durch ausführliche Beschreibungen im Tagebuche seinem Gedächtnisse zu erhalten. So zog unser Handwerksbursche, dort und da auf längere oder kürzere Zeit Arbeit nehmend, über München, Regensburg, Frankfurt, Köln, Düsseldorf, Nymwegen und Rotterdam nach Amsterdam und kehrte über Bremen, Ham- burg, Schwerin, Stettin, Königsberg, Leipzig und Dres- den, Prag, Wien, Budapest und Graz am Ende des Jahres 1846 in seine Heimat zurück, um als Meister das Seiler- geschäft seines Vaters zu übernehmen. Das führte er denn auch bis zum Jahre 1855 fort, wo sich ihm plötzlich eine neue Laufbahn öffnete, zu der er sich ganz aus per- sönlicher Neigung und lebhaftem Interesse bereits auf seiner Wanderschaft vorbereitet und qualifiziert hatte, und die fortan sein Lebensberuf werden sollte. Unser Seilermeister wurde nämlich vom Präsidium des Tiroler Landtages im November 1855 zum Amte eines akademischen Turnlehrers berufen. Das Turnwesen war um die Mitte der Vierziger Jahre in Innsbruck der Ju- gend bekannt und lieb geworden, worum sich insbesondere der Univ. Professor Hieronymus Scari und der über dessen Anregung berufene Turnlehrer Lerth aus Wien ver- dient gemacht haben. Hand- Ungefähr um dieselbe Zeit hatte unser werksbursche Franz Thurner auf seinen Wanderungen durch die deutschen Städte bereits allenthalben ein reges Turnerleben vorgefunden und, durch seinen eigenen her= kulischen Körperbau hiezu wie prädestiniert, vielleicht auch durch seinen Namen (nomen omen) zum Turnen sich berufen fühlend, und bereits früher, wenngleich nicht systematisch, körperlich wohlgeübt, dazu vortrefflicher Schwimmer, hatte er mit regſtem Interesse die Einrich- tung und die Ziele dieser Übungen in den dortigen Anstalten und Vereinen verfolgt. Zurückgekehrt nach Innsbruck versammelte er alsbald einen Kreis von Handwerks- und Gesinnungsgenossen 64 um sich, ein Lokale wurde ausgemittelt, Gerätschaften wurden angeschafft, einschlägige Schriften wurden stu- diert und solchergestalt frisch, fromm, fröhlich, frei ein zwar nicht behördlich genehmigter, aber durchaus harm- loser Turnerbund, völlig unabhängig von der gymnasti- schen Schule Lerth's, gestiftet. Nach des Tages Mühe und Arbeit versammelten sich die wackeren Gesellen in ihrem Turnlokale und oblagen wetteifernd und mit Leidenschaft dem neuen fröhlichen Ererzitium. Das Haupt und die Seele dieser Verbindung war unser Thurner, der damit in der jugendlichen Bürgerschaft der Stadt ein Ansehen und ein Vertrauen gewann, das er bald auch zu anderen löblichen Zwecken aus- nügen sollte. Es bleibt aber das durchaus selbständige Verdienst Thurners, zuerst in Innsbruck und wohl auch in Tirol die edle Turnerei im Volke selbst eingebürgert und zur Pflege gebracht zu haben. Mittlerweile war endlich in Österreich die Turnerei auch offiziell zur Anerkennung gekommen; die lächerliche Demagogenriecherei, welche, noch eine Nachwirkung des Sand'schen Attentats auf Kozebue, in Deutschland hinter jeder Turnanstalt einen Herd revolutionärer Umtriebe gewittert und den wackeren Vater Jahn sogar in die Festung gebracht, hatte vernünftigeren Anschauungen Plaz gemacht. In Tirol war sogar der sonst so ängst- liche Landesgouverneur Graf Brandis mit gutem Bei- spiele vorangegangen und hatte selbst seine Söhne an den Turnübungen teilnehmen lassen. So war es ge- kommen, daß bereits 1847, also noch vor dem Jahre des Heils die tirolisch-ständische Aktivität einen prov. Lehrer der „,Gymnastik und Schwimmkunst" in der Person des Pionnier-Korporalen Joh. Dobrovich berief und ihn dem Universitäts-Rektorate unterstellte. Nach dem Tode Dobrovichs, der gleichfalls wie jeder echte Turner ein wackerer Mann war (Ehre auch seinem An- denken) im Jahre 1855 fiel, wie bereits bemerkt, das Augenmerk auf unseren Thurner, der sich bereits bei dem Ernst und der Gründlichkeit, womit er alles, was er begann, anfaßte und fortbetrieb, theoretisch und praktisch für den Unterricht ausgebildet hatte, und er wurde sonach vom ständischen Präsidium des Tiroler 6 Landtages im November 1855 provisorisch als akade- mischer Turnlehrer bestellt. Mit Erlaß vom 16. Febr. 1856 wurde ihm sodann diese Stelle zwar auch nur provisorisch, aber wirklich" verliehen und zwar unter 5 Kompetenten auf Vorschlag des akademischen Senats, der sich über ihn dahin zu äußern fand, daß er,,nicht bloß ein gewandter und geübter Gymnastiker sei, son- dern auch jenen Grad der theoretischen Bildung besize, der ihn zum wirklich systematischen Unterricht vollkom- men befähige", sowie über dringende Empfehlung durch die Gymnasial- und die Musterhauptschul-Direktion. Erst im Jahre 1863 jedoch bei Gelegenheit der Organisierung der landschaftlichen Ämter wurde Thurner unter Er- höhung seines Gehaltes definitiv im Amte bestätigt. So hatte demnach Thurner im Jahre 1855 das Hand- werk aufgegeben und mit dem Amte eines Turnlehrers vertauscht. Er erteilte den Unterricht nach Spieß'schem System an die Schüler der öffentlichen Studienan- stalten und Schulen Innsbrucks und setzte denselben bis zu seinem Tode fort. Es konnte auch nicht fehlen, daß sich mit der zu- nehmenden Verbreitung des Turnens auch andere Kreise zu dem Unterrichte herandrängten, so daß Thurner im Laufe der Zeit außer dem Unterricht an die Universitäts- Studenten, die Schüler des Gymnasiums, der Realschule, der Normalhauptschule (später Übungsschule), und die Pädagogen, auch den der Handelsschüler, der Kadetten, der Volksschülerinnen bei den Ursulinen, des Grub- hofer'schen Mädcheninstitutes übernahm und überdies noch viele Privatstunden an Turnfreunde, Gesundheits- turner 11. dgl. zu geben hatte, abgesehen davon daß er die Übungen des im Jahre 1863 vorzüglich auf seine Anregung hin an Stelle des alten Turnerbundes gegründeten Turnvereins leitete und an Ferialtagen die Vorturner heranbildete. Infolge dieser Überbürdung sah er sich in den legten Jahren genötigt, den Unterricht an den städtischen Volks- schulen, die sich zudem gleich anderen Anstalten im Laufe der Zeit vermehrt, beziehungsweise erweitert hatten, an einen seiner Schüler zu überlassen, wie denn auch andere Städte und Anstalten in Tirol ihre Turn- 7 lehrer aus Thurners Schule empfiengen, so daß dieser als der eigentliche Vater und Meister des gesamten Turnwesens in Tirol angesehen werden muß und ihm der Name eines tirolischen Vater Jahn" nicht mit Unrecht beigelegt wurde. " Man sieht, beschäftigt war unser Freund vom Be- ginne seiner neuen Laufbahn an genug; dennoch be- nützte er seine wenige freie Zeit und so insbesondere die Jahresferien angelegentlichst zur weiteren Ausbil- dung in seinem Fache, wie es der berufseifrige Mann tut, dem es um die Sache selbst zu tun ist, und nicht bloß darum, sich eine sichere Existenz zu sichern, um sodann seine Pflichten schlecht und recht zu erfüllen, und im übrigen, ohne vorwärts zu streben, sich in in dem Gefühle der gesicherten Lebensstellung zu wiegen. So begab sich Thurner gleich in den ersten Ferien nach seiner Anstellung als Turnlehrer, 1856, neuerdings auf Reisen, um die Fortschritte im Turnwesen in Deutschland zu studieren. Von dieser Reise werden wir später ausführlich zu sprechen haben, da dieselbe von dem weitsichtigen Manne auch ausgenügt wurde, um das Feuerlöschwesen kennen zu lernen, mit dessen Reform in Innsbruck er sich damals schon trug. Vorläufig sei uns gestattet, noch einige Vorkomm nisse zu berühren, welche sich auf seine eigentliche Berufswirksamkeit, das Turnen, beziehen, um sodann auf seine Verdienste um die Institution der freiwilligen Feuerwehr in Tirol und seine patriotische Tätigkeit überzugehen und endlich mit einer kurzen Schilderung seines Privatlebens, seines Charakters und seiner Per- sönlichkeit das Lebensbild dieses Hochverdienten Mannes abzuschließen. Wo es galt, bei allgemeinen Turnfesten und Ver- sammlungen die Turner Tirols zu vertreten, wurde selbstverständlich unser Freund als der Berufenste ab- geordnet; so besuchte er das II. allgemeine deutsche Turnfest in Berlin im Jahre 1861, das III. in Leipzig im Jahre 1868, 1871 das Streisturnfest in Brünn und noch 1878 die 100jährige Jubelfeier Jahns in Kufstein, wo er zum Ehrenmitgliede des dortigen Vereins ge- wählt wurde, nachdem bereits der Innsbrucker Turn- 9 8 verein ihm in einer seiner ersten Sigungen 1863 die gleiche Auszeichnung zuerkannt hatte. Überall machte die imposante Gestalt, der männlich schöne Kopf und das fernhafte, aller ruhmredigen und gezierten Gespreiztheit abholde Wesen des tüchtigen Tirolers den vorteilhaf- testen Eindruck und gewann ihm zahlreiche Freunde. Bei vielen dieser Turnfeste wurde auch er zum Preisrichter gewählt. 1872 wurde er zum Mitgliede der Prüfungs- kommission für das Turnen ernannt. Bei Gelegenheit des 10jährigen Stiftungsfestes des Innsbrucker Turnvereins 1873 wurde im Kasernhofe hier ein großes Schauturnen veranstaltet, an welchem seine sämtlichen Schüler teilnahmen. Thurner leitete selbstverständlich die Übungen. Jedem Freunde des Tur- nens, wie der Disziplin und eines geordneten Zusam menwirkens überhaupt, lachte das Herz beim Anblicke der Präzision, mit welcher diese Freiübungen unter den ruhiggemessenen Kommandorufen des erprobten Meisters vorgenommen wurden und selbst solche, welche bis dahin in Verkennung der turnerischen Zwecke über das Turn- wesen die Achseln gezuckt, konnten sich des überwältigen- den Eindrucks nicht erwehren, und es begann ihnen ein Licht aufzugehen über die Bedeutung dieser Übungen, da sie sahen, wie der Zuruf einzelner Worte aus dem Munde eines Mannes genügte, um die Körper und Glieder eines ganzen, ohne militärische Disziplin ge- schulten, aus 6jährigen Knaben und gereiften Männern der verschiedensten Anstalten und Berufszweige bunt zu- sammengesetzten Heeres wie auf einen Schlag zu lenken. Troß dieser allgemein anerkannten Erfolge hörte Thur- ner niemals auf, sich durch Selbststudium neuer Methoden weiter fortzubilden und noch in seinen letzten Jahren führte er turnerische Tagebücher, um die gesammelten Erfahrungen zur Abfassung eines Lehrbuches zu ver- wenden, das er herauszugeben beabsichtigte. Wiewohl nun Thurner solchergestalt in der steten Vervollkommnung seiner Leistungen auf dem eigent lichen Berufsfelde sowie auch in dem Einfluß, den er auf die Gründung anderer Turnschulen und Turnver- eine nahm, eine sehr ausgebreitete Wirksamkeit ent- faltete, so genügte doch seinem strebsamen Geiste und organisatorischen Talente das zielbewußte Fortschreiten auf der einmal betretenen begrenzten Laufbahn nicht und er war von allem Anfange darauf bedacht, dieses Talent und seinen Einfluß auf die jungen bürgerlichen Kräfte der Stadt auch noch zu anderen gemeinnüßigen Zwecken zu verwerten. Es wurde hier bereits darauf hingewiesen, daß er auf seiner ersten Reise durch Deutschland schon die Organisation der deutschen Feuerwehren nebst der der Turnanstalten mit Interesse beobachtete. Kaum in eine feste Stellung gebracht und sich des Anhangs einer Schaar frischer tüchtiger Jünglinge bewußt, faßte er den ernsten Plan, auch auf diesem Gebiete sich nützlich zu erweisen und machte dadurch seine zweite, oben bereits flüchtig erwähnte Studienreise im Jahre 1856 doppelt fruchtbar. Und hier nun sind wir in der Lage, unsere zwar nach bestem Wissen und Gewissen, doch nach immer- hin mangel- und lückenhafter Kenntnis gegebene Dar- stellung vorteilhaft zu unterbrechen und den wackeren Mann selbst sprechen zu lassen. Durch die Güte des pietätvollen Sohnes Thurners sind wir nämlich in den Besiz eines Schreibens gekommen, in welchem Thurner selbst einem Freunde ausführliche Mitteilungen über die Entstehungsgeschichte der freiwilligen Feuerwehr in Innsbruck macht. Wäre uns hiefür Raum gegönnt, der geneigte Leser würde uns sicher Dank wissen, wenn wir das ganze, 20 enggeschriebene Briefseiten füllende Schreiben Wort für Wort hier wiedergäben. Doch schon aus den Auszügen, die zu machen wir uns gönnen, wird jedermann sich das liebenswürdige Bild des warm- fühlenden und für die gute Sache begeisterten Mannes zusammensetzen. Der Leser wird aber auch an der far- benfrischen lebendigen Darstellungsweise des einfachen Mannes, der keine andere Schulbildung als die der Volksschule damaliger Zeit genossen, sich erbauen, alt der ungekünstelten und doch so drastischen an= schaulichen Schilderung, die wir getreu nach dem Originale wiedergeben. Thurner war auch, nebenbei bemerkt, in mündlicher Rede Meister des Wortes und wenn er unter anderen Rednern bei Turnfesten auch 10 zum Worte griff, so war immer er es, der den Meister- schuß tat und mit seinen schlichten kernhaften Ansprachen die zündendste Wirkung erzielte, wie denn die Rede. die ungesucht aus voller warmer Mannesörust strömt, immer die Herzen der Hörer am meisten ergreift und hinreißt. Und so möge denn der persönlich wie sachlich gleich interessante Brief, soweit er besonders charakteristisch für den Schreiber oder wichtig für die Gründung unserer Feuerwehr ist, und so weit es die Rücksicht auf noch nicht der Weltgeschichte angehörige Personen zuläßt, im Auszuge hier folgen. ,,Lieber Freund! ,Wie Du weißt, bin ich im Jahre 1855 als prov. landschäftlicher Turnlehrer ernannt worden. Gleich dir erste Ferienzeit im August 1856 benüßte ich zu meiner weiteren Ausbildung in meinem Fache, gleichzeitig den Entschluß in mir hegend, das Feuerlöschwesen allerorts mit dem Turnen gründlich zu studieren, da schon vom Jahre 1850 her, wo Mezz mit seinen neuen Geräten Auf- sehen machte und das Praktische derselben hervorgehoben wurde, mich dieser Gedanke fort und fort beschäftigte. In meiner neuen Stellung standen mir nun Türen und Flügel offen, um in das Heiligtum meiner innigsten Wünsche eindringen zu können. Voller Erwartungen be- trat ich München, besuchte die Turnpläße, wurde herz- lichst aufgenommen; wie ich aber nach dem Löschwesen mich erkundigte, wußte man keinen Bescheid, das sei gar nicht ihre Sache! München hat mich in Feuerwehr-An- gelegenheiten nie wieder gesehen." Nun folgt eine kurze Schilderung des freundlichen Empfanges in Ulm, ohne daß unser Freund auch dort sich wesentlich gefördert gesehen hätte.,,Von Ulm aus erhielt ich Empfehlung an Hesch, Turnwart in Stuttgart. Wollte in Eßlingen Dr. Georgi besuchen, traf ihn aber nicht. Quartierte mich in Stuttgart gleich in der Turn- fneipe ein; obwohl eine Kneipe, was scheerte mich das? Traf Hesch und fand meinen Mann so wie auch er an 11 mir seine helle Freude hatte. Es war Donnerstag abends, man versprach mir Sonntag morgens eine Steigerübung abhalten zu wollen, wenn ich bis dahin warten wollte, und ob ich wartete!! ,,Die beiden Tage, Freitag, Samstag, war ich fort auf den Turnplägen, wo ich den ausgezeichneten Turn- lehrer Elsenhans kennen lernte, mit dem ich bis heutigen Tag in freundschaftlichstem Verkehre stehe. Sonntags früh 6 Uhr wurde ausgerückt; Du kannst Dir denken, welche Gefühle mich durchdrangen, endlich am Anfange des Zie- les meiner höchsten Wünsche zu stehen. Vor dem Steighause (ein Steighaus!!),,Halt gemacht! angetreten!" Darauf wurde ich dem Führer, dann der Mannschaft vorgestellt, der Zweck meines Hierseins bekannt gegeben, worauf mir der Führer einen Platz zum Zusehen anwies mit dem aus- drücklichen Bemerken, auf alles wohl acht zu halten. Die Mannschaft wurde abgezählt (ich sehe das Bild heute noch vor mir). Ruf:,,Abladen!" Boden;,,Hakenleitern an!" im Nu waren Geräte am mir war es, als hätten diese Menschen Flügel, so ging es nach meinen damaligen Be- griffen an der Wand empor, ich hatte nicht genug Augen. ,,Mauerbock auf!" wiederum etwas, von dem ich nie eine Ahnung hatte.,,Dachleitern auf Dach! 1. 2. 3. 4. auf Dach!" mir wirbelte es ,,Dachleiter und Mauer- bock ab!" niederwärts so schnell und gewiß wie aufwärts ohne weiteren Laut. ,,Rettungssack auf!" rutsch! waren zwei Mann zu Boden; ,,Sack ab!", „Haken- leiter zurück!" Hesch und noch ein Steiger ließen sich an den Leinen ab. Ah, das war mehr, viel mehr, als ich mir träumen ließ, ich war bis zum Äußersten begeistert. ,,Aufladen!" ,,An den Wagen! Abmarsch! Linksum! Marsch!" ,,Der Führer der Abteilung winkte mich heran, wir gingen neben dem Karren her.,,Nu," fragte er mich,,,habe Se sich die Sach guet agfeha?" Meine Antwort war bejahend, was man in einem Male sich merken könne in einer Sache, die man früher nie gesehen. Er fragte wie- der:,,Sie würden wohl Lust haben, selbst einmal den Versuch zu machen?" Meiner Antwort:,,Nicht nur Lust einen Versuch zu machen, sondern ich muß das alles gründ lich lernen.",,Das ist recht! Abteilung halt!" Stille 12 13 stand der Karren der Führer trat auf mich zu und sagte: ,,Legen Sie gefälligst Rock und Hut ab!" Ich war paff, doch tat ich unwillkürlich, was verlangt wurde. Ein Stei- ger gab mir Blouse, Gurt und Kappe, ich wurde einge- teilt, die Abteilung machte,,Kehrt!" und zurück ging es an das Steighaus und ich im Gewande des Feuer- wehrmannes, Herrgott, denke Dir meine Gefühle. ,,Es sollte bald anders kommen. Dasselbe Manöver wie das erste Mal,,,die ersten 6 Nummern mit den Haken- leitern zum dritten Stock! Mauerbock auf! 1. 2. 3. 4. auf das Dach!" Lieber Doktor! ich war Nr. 3! Du weißt, ich war nie zaghaft, viel weniger kenne ich Furcht, aber gerade an der Klippe vorüber, wo mir früher wirbelte, das machte mich etwas stuzig. Doch da gab es nicht so viel Zeit zum Denken, als ich brauche zu schreiben. 1. 2. waren mit den Dachleitern, der Führer mahnte mich, langsam zu steigen und nun so in Gottes Namen den ersten Tritt auf die Sprossen der Hakenleiter. Wie es über das zweite Stockwerk ging, famen schon die Zurufe von unten: ,Wacker!" ich wußte freilich nicht warum, aber es feuerte mich an und immer sicherer wurde mein Tritt. So kam ich wohlbehalten im dritten Stock an, hätte gerne gerastet, doch noch war ich nicht am Ziele. Hinaus auf den Mauerbock, die linke Hand an der Leiter, die rechte frei frei zwischen Himmel und Erde, ein schmales Brettchen trug mein junges, mir so liebes Leben einen Moment, ich gestehe es, erbebte ich; in diesem Moment verfluchte ich, etwas begonnen zu haben, was das Leben so sehr gefährdet, in diesem Moment ver- wünschte ich alle Feuerwehren der Welt. Ich sagte, ein Moment, es war nicht mehr, denn schon setzte meine nachsteigende Nr. 4 das Knie auf's Fensterbrett und ein fräftiges,,Vorwärts!" sagte mir, daß ich noch nicht am Ziele sei. Dieses,,Vorwärts!" vergesse ich im Leben nie, denn, den Schritt um die Leiter, dieselbe hinauf auf das Dach, als ob ich das schon hundert Mal gemacht, das war eins für alle Zeiten und Fälle, die ich bis jetzt erlebt, tönte mir immer, wo Zweifel waren, das Stutt- garter ,,Vorwärts!" meines Nachsteigers Nr. 4 in den Ohren und deswegen kam ich nie zum Rückgang (wohl aber zu Rückhaltung). Ich war am Ziele, wir 1. 2. 3. Lustig auf dem Dache, Nr. 4 auf der Mauerbockleiter am Dache stehend. ,,Da rauschte von unten herauf ein kräftiger Ruf: Gut Heil! und wacker! so daß, unbewußt ob es mir gelte, ich doch davon auf das Äußerste gehoben war. Etwas länger als beim ersten Manöver blieben wir oben, so daß wir gemütlich ein paar Worte wechseln konnten. Meine Kameraden fragten, wie es auf dem Wege ergangen, freu- ten sich meiner, daß es mir auf dem Dache so wohl be- hagte und ,,Zurück!" kam der Ruf und Nr. 4 ver- schwand. Rasch war ich von der Dachleiter auf dem Mauer- bock ohne das geringste Gefühl der Beengung, so daß ich am Mauerbock stehend, sichern Blickes meine Freunde unten grüßte, dann im dritten Stock einsprang. Ich hatte nicht Zeit mich umzusehen, ward ich von drei Mann gepackt, in die Luft gehoben, per Kopf in den Rettungssack gesteckt und in der nächsten Sekunde von meinen jubelnden Ka- meraden unten auf die Beine gestellt. Der Führer ging auf mich zu, reichte mir die Hand und sagte: „Sie haben Ihre erste Probe sehr gut bestanden, aus Ihnen wird ein tüchtiger Feuerwehrmann." Und so kam einer nach dem andern, mich zu beglückwünschen, ein jeder hatte ein Stück Lob für mich." Noch drei Tage blieb Thurner in Stuttgart,,, es wurde immer noch ein Abschiedsschoppen getrunken und wenn es höchste Zeit war, zur Bahn zu eilen, so sagten meine Freunderln immer: Laß gut sein, Dein Reisesack liegt schon wieder auf Deiner Bude. Doch war das kaum ver- lorene Zeit, ich lernte auf diese Weise das ganze Lösch- wesen dort kennen und habe nirgends mehr Nußen gezogen, als in Stuttgart." Thurner erzählt nun weiter, wie er in seiner Herzensfreude aus Stuttgart an Hans Riegl in Innsbruck eine Beschreibung seiner dortigen Erlebnisse schrieb und die Bemerkung einfließen ließ, daß einige seiner Freunde sich geäußert, er möchte bei ihnen bleiben und ihr Vorsteiger werden. Riegt habe sich dadurch veran- laßt gesehen, in einem Innsbrucker Blatte Mitteilung über Thurner's Reise im Interesse des Feuerlöschwesens zu veröffentlichen, woraus das Gute erwachsen sei, die 14 15 Aufmerksamkeit der Behörden auf Thurner's Pläne zu lenken und den Boden für dieselben hier vorzubereiten. Von Stuttgart ging's nach Heidelberg und Darm- stadt, in welch letzterem Orte er Gelegenheit hatte, das erste Mal mit einer geschulten Feuerwehr ein Schaden- feuer mitzumachen. ,,Von da nach Frankfurt: Bürger-Feuerwehr, Kom- mandanten gleich preußischen Offizieren mit Waffenrock, Degen mit Troddeln, hochtrabig; ich schüttelte den Staub von meinen Füßen und ging nach Mainz. Bezahlte Feuer- wehr. Lernte dortselbst sehr viel, besonders über Bau und Material von Steigergeräten, machte das erſtemal ein Nachtmanöver, bei dem ich über eine Stunde auf ver- schiedenen Dächern war, mit, bestellte schließlich auf eige- nes Risiko, in der Anwartschaft, in Innsbruck so viel Geld aufzutreiben, 3 Hakenleitern, Mauerbock mit Leiter, 2 Dach- leitern, 1 Steckleiter (ital. Leiter), welche ich hier das erste Mal sah, 1 Rettungsschlauch, 1 Sprungtuch 2c." Nun ging's weiter nach Karlsruhe (vortreffliche Ein- richtungen), Mannheim, Straßburg. Von all diesen Dr- ten erzählt Thurner über freundliche Aufnahme und was er neues und besonderes im Feuerlöschwesen vorgefun- den. In Zürich erfuhr er von der Gefahr, in welche kurz vorher zwei Tiroler (Statthaltereirat v. Strele und Graf Künigl) beim Hotelbrande geraten, und aus welcher sie vom vierten Stock durch die Energie des Feuerwehr-Kom- mandanten gerettet worden waren. Dennoch imponierten ihm die dortigen Einrichtungen, Behandlung u. dgl. nicht; ,, ich kann nicht sagen, daß es mir zöpfisch vorkam, aber so gemessen, spießbürgerlich, so handwerksmäßig, fein Schmiß, keine Frische." Ende September kehrt er, von seinen Freunden in Innsbruck jubelnd begrüßt, in seine Vaterstadt zurück. Hier erfährt er nun, daß der Bürgermeister schon zweimal nach ihm geschickt, und begibt sich erstaunt zu demselben. ,,Sein Sie amal da! war sein Gruß, obwohl ich im Leben früher nie eine Silbe mit ihm gesprochen. Nun erklärte er mir, wie er aus der Zeitung entnommen, daß ich im Löschwesen (besser Steigerwesen) etwas lernen gegangen sei und ich werde wohl auch etwas gesehen haben, dann erzählte er mir den Fall in Zürich und von den be- rühmten Rettungsschläuchen und daß er bei Zelger hier schon zwei solche Schläuche bestellt, daß sich aber der Zelger noch nicht ganz auskennt mit den Schläuchen u. s. w. ,,Nun war die Rede an mir, ihm den Standpunkt flar zu machen; das tat ich auch und obwohl mir jedes Wort noch erinnerlich, so führe ich von nun an nur mehr Tatsachen an. " In meiner Eingabe an den Herrn Bürgermeister legte ich die Notwendigkeit dar, daß, wenn überhaupt etwas geschaffen werden solle, das Zugehörige nicht außer Acht gelassen werden dürfe. Und so kam es, daß die von mir in Mainz bestellten Gegenstände im Bürgerausschusse zur Anschaffung bewilligt wurden. Als Herr Bürgermeister mir die mündliche Mitteilung machte, konnte ich ihm schon die Anzeige, daß die Geräte von Mainz abgegangen, vor- weisen. Große Augen, etwas von Voreiligkeit. meine Bemerkung war einfach die, für diese Sache wisse ich immer Geld zu finden. Unterdessen warb ich unter meinen Turnern und suchte vorzüglich Adam, Daum, Rhomberg, kurz solche Männer hineinzuziehen, deren Na- men schon der Sache eine feste Grundlage geben konnten. Es gelang mir auch, alle waren für die Sache im vollen Sinne des Wortes. Nun kamen die Gerät- schaften, nämlich von jedem nach seiner Weise anfangs beurteilt; hätte ebenso gut eine fremde Maschine zum Kar- toffelhacken ankommen können, wie diese Sache zum Stei- ger- und Rettungsdienst. Mit der Gerätschaft jedoch tra- ten zwei neue Forderungen an den Magistrat, die Anschaf= fung eines Karrens mit 60 fl. und die Ausrüstung der Mannschaft. Neue Verblüffung! Man bot Thurner einen alten Rüstwagen für die Geräte und die Ausrüstung wollte man hinausschieben. Doch unser Thurner blieb fest, denn wer A sagt, müsse auch B sagen. So konstituierte sich die Mannschaft zu einem eigenen Körper (als Steiger und Retter). ,,Man frug sich nun an, unter welches Kommando ich mich zu stellen habe, denn ich kenne auf dem Brand- plage nur einen Befehlenden. Das war für die Herren eine harte Nuß. Es wurden, um diese Frage zu lösen, sämtliche Kommandanten des Innsbrucker Feuerlöschwe= 16 sens im Polizeidirektions-Gebäude zusammengerufen und ich dazu eingeladen." Diese Kommandantschaft war folgendermaßen zusam- mengesezt: der Landesbaudirektor, ein Ingenieur, der Bürgermeister, ein städt. Bauinspizient, der Polizei-Di- rektor, ein Polizei-Kommissär, der Militärkommandant und der Geniemajor. ,,Diese alle waren berechtigt, das Kommando zu füh- ren, diesen allen mußte Folge geleistet werden. Als die Reihe an mich kam, zu sprechen, berief ich mich einfach auf 87 unserer Statuten, indem ich das vielköpfige Kommando bei einem Brandunglücke auf's unbarmherzigste geißelte. (Du mußt eben dir die Zeiten und deren Verhältnisse von dazumal in's Gedächtnis rufen und was es hieß, gegen so alte eingefleischte Gewohnheiten zu Felde zu ziehen.) An- fangs ging es wie eine Sturmflut auf mich herein; man könne wegen 20 Mann die alten Ordnungen nicht umstoßen, daß sei eine Anmaßung, wir überschäßen uns u. dgl. Statt jedoch nur einen Zoll zu wanken, führte ich immer neue Gründe ins Feld, erklärte, daß wenn ich beauftragt werde, fünf Mann dahin, fünf Mann dorthin abzusenden und diese fünf Mann einem Kommandanten in den Wurf kom- mend wo andershin beordert werden, ein anderer der Her- ren sie wieder wo anders hinschickt, wir wie Narren auf dem Brandplate herumgeheßt werden, und schließlich im besten Falle nichts geleistet haben. Und was da unser halsstärriger Freund noch weiter für Gründe vorbrachte, bis er die Kabinetsfrage ſtellte. Er verlange übrigens gar nichts anderes, als daß ihm die werte Versammlung einen Herren bezeichne, dem er unter- stehe. Welcher, das ist mir gleich, aber ich kenne dann bei Feuersgefahr keinen anderen. Das zog, zuerst trat das Militär auf meine Seite, dann die Polizei, erst schließlich und zwar sehr ungerne die Baudirektion. Die Bahn war offen, nun vorwärts!" Solcher Festigkeit und Überzeugungstreue bedurfte es, um einer so nüßlichen, nunmehr bereits allgemein zur Anerkennung gelangten Institution, wie die freiwillige Feuerwehr, Bahn zu brechen und die Vermutung ist ge- stattet, daß Innsbruck, vielleicht das ganze Land, ohne die Initiative und die Energie Thurners heute noch dieser 17 humanitären Einrichtung entraten müßte, wenngleich nicht geleugnet werden soll, daß Thurner hiebei an der Ent- schlossenheit und Opferwilligkeit seiner wackeren Genossen fräftige Unterstützung und sicheren Rückhalt hatte. Noch aber hing dem flotten Karren unserer Steiger so mancher Radschuh an und die freie Fahrt war erst gesichert, wenn es gelang, das ganze Geschäft der Feuerwehr in allen seinen Teilen in eigene Hand zu bekommen. Hatte doch der Organisator, wie wir gleich sehen werden, selbst mit Vorurteilen seiner eigenen getreuen Schar zu kämpfen. daran! ,,Wir waren nun 21 Mann stark, vollständig ge- rüstet. (Folgt die Beschreibung der Ausrüstung.) Lustig. ging es jeden Sonntag vormittags an die Übungen im Konviktgebäude, jedermann hatte seine helle Freude Aber ebenso lustig und frisch, wie wir die Sache anpackten, ebenso faul wurde unser Steiger- farren von städt. Arbeitern auf und von dem Übungs- plaz gebracht. Nun siehst Du, lieber Freund, was heute selbstverständlich erscheint, an dem wäre das Ganze da- zumal bald in Stücke gegangen. Wie ich meinen Steigern kund tat, daß es unsere Aufgabe sei, den Transport der Geräte selbst zu besorgen, da hättest Du hören sollen, wie das losging.,,Wir wollen Feuerwehrleute sein, aber feine Karrenzieher; lieber treten wir gleich aus" u. dgl. Da lag der erste Block im Wege. Ich beschwichtigte, so gut es ging, blieb aber dabei. Es kam Sonntag, wir sammelten uns wie gewöhnlich am Sprißenmagazin, dort stand der Karren. Lange Gesichter! Ich komman- dierte: Antreten! Der Zug ordnete sich freiwillig an den Karren; ich täuschte mich nicht, im Nu stand Rhomberg an meiner Seite, Herr Adam und Professor Daum legten die Hände an zum Schieben. Kommando: links um, vorwärts! und da gings am hellen Sonn- tagsmorgen dahin, wir frisch voraus, die Schreier be- lehrt und beschämt hinterher. Es wäre jedoch unrichtig zu glauben, daß alle anderen sich geweigert hatten, an den Karren zu gehen; weit entfernt, es waren nur einige, aber in einem solchen Falle ist einer schon zu viel. Die Leute blieben freilich auf der Straße stehen und die Bekannten dieser Herren schlugen dabei völlig die Hände über den Kopf zusammen, was tats? 18 Das Eis war gebrochen für alle Zeit dadurch, daß gerade diese Persönlichkeiten als die ersten freiwillig sich in den Zug stellten. ,,Obwohl wir alle die Unzulänglichkeit dieser kleinen Abteilung sahen, so war vom Herrn Bürgermeister auch kein Heller für weitere Ausrüstung von zehn Mann zu erringen; umsomehr hielten wir aber zusammen, da alle wohl einsahen, daß einer auf den anderen ange= wiesen sei. Es fehlte somit auch nie jemand bei den Übungen. ,,Es war am 12. Juli 1858, am Tage nach der Installierung des neuen Bürgermeisters, Sonntag Mor- gens 344 Uhr, als vom Stadtturm Feuersignal ge- geben wurde. Ich wohnte am Stadtplay, hörte den ersten Schlag und war auch so rasch am Brandplate, daß ich heute noch nicht weiß, wie das zugegangen. Ich fand ungefähr 4 bis 5 Personen vor. (Die Be- schreibung des Feuers gehört nicht hieher.) ,,Kurz wir waren zu 16 beim Feuer, 4 waren in Sistrans, ein Mann sonst abwesend. Da erhielten wir unter den Augen des neuen Bürgermeisters, der Magi- stratsräte, der obersten Militärbehörden, Polizei, Bau- direktor 2c., mit einem Worte unter den Augen des ganzen vielköpfigen Feuerwehr-Kommandos unsere erste und zwar eine würdige Feuertaufe. Das Lob war von allen Seiten ungeteilt, möchte fast sagen zu viel des Guten. Herr Bürgermeister versprach init Handschlag diesem nüßlichen Institute seine volle Aufmerksamkeit und Unterstüßung in jeder Beziehung angedeihen lassen zu wollen und es nach besten Kräften zu heben. Ja lieber Freund, er versprachs - hieß aber ,,Mit dem Brande war aber auch etwas anderes offen zu Tage getreten, nämlich die gegenseitige Ge- sinnung zwischen alter und neuer Feuerwehr. Wir er- suchten um einen Schlauch mit Wasser und dafür die Einstellung des Sprißens mit dem Standrohre. Wurde natürlich verweigert, da brach Rh. die Geduld und er donnerte den auf der Sprize stehenden Herrgott an: Sie stehen nun schon zwei Stunden da oben, ohne das geringste ausgerichtet zu haben, machen Sie wenig stens mit dem alten Kasten Play, daß man daher 19 gehen kann. Das dem Standrohrlenker der berühmten Standspriße Nr. 1 vor dem ganzen Publikum, welches auch so unverschämt war, letterer Rede zuzujubeln, das war mehr als ein alter Spieß ertragen konnte; die Kluft war gesprengt, um nie wieder ausgefüllt zu werden. Erst nach dem Adam'schen Brande gefiel es dem löbl. Stadtmagistrat die Abteilung um 20 Mann zu erhöhen, so daß wir etwa 40 Mann stark waren. Nun bekam alles frisches Leben: Häuserfeuerbeschau, Instandsetzung der alten Maschinen, Einübung derselben mit Bedienung der Schlauchrohre von Seite der Steiger in verschiedenen Stadtteilen, Kenntnisnahme der Wasserleitung und Ka- nalisierung, kurz Eingreifen der Turnerfeuerwehr in das allgemeine Löschwesen; die Turmwache wurde geordnet, ein Sprachrohr am Stadtturm angebracht, Sprißen ver- teilt nach Dreiheiligen, Mariahilf, die in St. Nikolaus in bessern Stand gesetzt u. s. w. Im August des Jahres 1862 fand in Augsburg das große Feuerwehrfest statt. Ich vermochte Herrn Adam und dieser einige andere Herren vom Ausschusse dasselbe zu besuchen, auch von der Abteilung gingen unser 7 Mann, mit einer magistratlichen Unterstüßung von 30 fl. in Summa (sage Gulden Dreißig) dahin ab. Die Folge war die sofortige Bestellung einer Mezz'- schen Maschine und das Insaugefassen der Anschaffung einer Schubleiter. Ich wurde dazumal in den 5er-Aus- schuß der deutschen Feuerwehren gewählt, in dem ich bis zum Feuerwehrtag in Leipzig, somit über 6 Jahre verblieb, wo ich eine Wiederwahl ablehnte. In Augs- burg hatte der Feuerwehrkommandant der Stadt Würz- burg das Modell einer Schubleiter, welches mir viel besser gefiel wie die Augsburger Schubleiter selbst. Da ich mein Gefallen darüber ausdrückte, stellte es mir der Würzburger zur Verfügung. Ich dachte an Vervollstän- digung des Gerätes, was mir mit der kräftig tech- nischen Unterstützung des Herrn Rhomberg und des Mechanikers Herrn Gasteiger auch insoweit gelang, wie Du unsere alte Leiter kennen gelernt hast, die einzig in ihrer Urt dastand, und sich jetzt, natürlich mit den vielen wesentlichen Verbesserungen, schon weit über un- seren vaterländischen Boden hinaus verbreitet hat. Mit 20 21 dem Eintreffen der ersten Mez'schen Sprize in Inns- bruck wurde die Turnerfeuerwehr komplettiert, und das hatte die Folge, daß unmittelbar nach der Probe eine zweite bestellt wurde. Inzwischen hatten sich die Sachen so gestaltet, daß die Polizei in die Hände der Stadt überging, und bei der nächsten Sigung bezüglich des einheitlichen Kommandos, welches ich fort und fort eisern anstrebte, das Militär sich nur auf das Kommando seiner Mannschaft mit Unterordnung unter das bestehende Zivilkommando am Brandplage beschränkte. Auf diese Weise in die Enge getrieben, erklärte der Ingenieur, in gleichzeitiger Vertretung des Hrn. Baudirektors, daß er sich in keiner Weise mehr beim Löschen eines Brandes an Privatgebäuden beteiligen und mit dem ärarischen Löschtrain nur die Regierungsgebäude schützen werde, somit von einem Kommando ihrerseits auch keine Rede mehr sein könne. Der Ingenieur glaubte mit diesem Coup uns in das Bockshorn zu jagen, hatte aber die Rech- nung ohne den Wirt gemacht. Auf meine wiederholte Anfrage, ob das wirklich im Sinne der Regierung, re- spektive Baudirektion sei, und da er zu wiederholten Malen diese Frage bejahte, sagte ich: So wird auch der löbliche Stadtmagistrat seine Bürger, welche bis jetzt die ärarischen Sprißen mitbedienten, von denselben zurückziehen, und die löbliche Baudirektion genötigt sein, ihre Maschinen von ihren gezahlten Arbeitern bedienen zu lassen. Der saure Apfel war da; was ich gesprochen, geschah; die Folge davon war das Angebot, die Ma- schinen dem Magistrate zu verkaufen, die Antwort: der Magistrat habe selbst alte Maschinen zu verkaufen. Weiters, man solle die Maschinen dem Magistrate un- entgeltlich überlassen. Ich sagte zum Bürgermeister: ,,Was sollen wir dem Ärar die Maschinen erhalten?" Auch dieses Angebot wurde zurückgewiesen. Endlich kam eine dritte zuschrift: wenn der Magistrat die Maschinen unentgeltlich nicht wolle, so werde man dieselben selbst verkaufen. Erst dann nahm der Magistrat die Spritzen an und nun traten die neuen Statuten vom 12. Mai 1864 mit der magistratlichen Löschdirektion in Wirk- samkeit. Im Jahre 1864 kam die zweite Mezz'sche Sprize an, welche mit Bürgern bemannt wurde." Wir brechen den Brief hier ab, denn die Organi- sation der freiw. Feuerwehr war nun vollendet und am 21. Juli 1864 wurde Thurner vom großen Bürger- ausschuß mit Akklamation zum Feuerwehrkommandanten der Landeshauptstadt Innsbruck ernannt. Er bekleidete diese Stelle mit größter Umsicht bis zum September 1871, wo er auf sein entschieden dringendes Ansuchen von dieser seiner,,tat- aber auch marterreichen Stelle" enthoben wurde. Glücklicherweise fand er an Egid Pegger und später an Josef Melzer würdige Nachfolger, welche die Schöpfung Thurners weiter auszubauen und zum Wohle der Mitbürger zu verwerten eifrig und mit Erfolg beslissen waren. Rücksichtlich Thurners ist hier nur noch beizufügen, daß er auch nachher noch an der Gründung und Organisierung anderer Feuerwehren im Lande hervorragenden Anteil nahm. Haben wir uns bisher in der Darstellung des Lebensganges unseres Freundes größere Ausführlichkeit gestattet, weil damit ein Abriß der Geschichte des Turn- und Feuerwehrwesens in Tirol selbst gegeben war, so können wir uns in der Erinnerung an seine Leistungen auf dem kriegerischen Felde um so fürzer fassen, da er hiebei nicht Gelegenheit fand, entscheidend in den Gang der Ereignisse einzugreifen. Es ist selbstverständlich, daß ein Mann von solcher Tatkraft und Bürgertugend nicht zu Hause blieb, als die Gefahr des Vaterlandes dessen Söhne in den Kampf rief; ja daß er seinen Einfluß auf die durch ihn or= ganisierte Schar und seine Popularität geltend machte, vereinte Kraft dieser Gefahr entgegenzusetzen. Im Jahre 1848, während die 1. Wiltaner Schüßen- kompagnie unter Hauptmann v. Mörl an die Grenze gerückt war und ihre Dienste tat, fing man anfangs Juni aus den zurückgebliebenen Schüßen des Bezirkes Sonnenburg eine 2. Wiltauer oder Sonnenburger Kom- pagnie zu formieren an, zu deren Hauptmann Ober- schüßenmeister Johann Erlacher, zu deren Oberjägern Unterschüßenmeister Mair und Thurner gewählt wurden. Im Kriegsjahre 1859 war es nun Thurner selbst, welcher eine Scharfschüßen-Kompagnie organisierte, 22 23 die ihn mit Akklamation zum Hauptmanne wählte. Sie bestand aus einem Zuge Turner, einem Zuge eigentlicher einrollierter Scharfschüßen und zwei anderen Zügen und rückte unter dem Namen Erste Innsbrucker Scharf- schüßen-Kompagnie am 23. Juni ins Feld. Ebenso gestaltete Thurner im Jahre 1866 nach Abmarsch der Garnison die freiwillige Feuerwehr zur Ersten Bürgerwehr-Kompagnie um, welche unter dem Na- men Erste Stadt- und Feuerwehr-Kompagnie zuerst mobil wurde. Bald darauf führte er wieder die neugebildete Erste Innsbrucker Scharfschüßen-Kompagnie als Haupt- mann an die feindliche Grenze, diesmal in die Valsu- gana und hielt sich auch hier in seiner Stellung als Kommandant so wacker, daß er nach der Rückkehr (14. September) mit dem Franz Josef-Orden dekoriert wurde. Über das Privatleben unseres Freundes, dessen Tätigkeit im öffentlichen Dienste aufging, ist wenig zu berichten. Am 28. Mai 1861 hatte er sich mit Anna Larl ver- ehelicht, welche zu seinem Schmerze infolge der Geburt ihres ersten Kindes bereits im Juni 1862 ihm entrissen wurde. Er verheiratete sich nicht wieder, sondern wid- mete sich mit Sorgfalt der Erziehung seines Kindes. Thurner war ein schöner Mann, über mittelgroß, Brust und Schultern eines Athleten, das gutgefärbte und geschnittene Gesicht von hellbraunem Vollbart um= rahmt. Durchaus rechtlich, offen, ohne Falsch noch Scheu, gab er sich stets wie er war und genoß darum Vertrauen, Zuneigung, Achtung aller, die mit ihm zu verkehren hatten. Wenn er gleich, hartnäckig im Fest halten der einmal gewonnenen Überzeugung, manchmal mit seinen Freunden, die sich nicht zu seiner Ansicht bekehren mochten, in vorübergehende Spannung geriet, so konnte dem redlich Wollenden doch niemand ernstlich zürnen. Im engern Kreise seiner Freunde galt er immer als der erste und tüchtigste und genoß das größte Au- sehen, wiewohl er selbst es in keiner Weise beanspruchte. Er war der beste Kamerad, leutselig, umgänglich, scherzte gern und vertrug auch einen Scherz. Insbesondere liebte er die Unterhaltung im geselligen Männerkreise bei einem guten Glase Wein und gab sich gern selbst der Fröhlich- keit hin, ohne je ausgelassen zu werden, wovor ihn der Ernst seines strebsamen Geistes bewahrte. Jährlich wurde von dem Turnverein sein Namensfest feierlich begangen, wobei dann jedesmal die alte Anhänglichkeit und Verehrung gegen den würdigen Mann aufs erhe- bendste zu Tage trat. Von seiner Herzensgüte, Opferwilligkeit und Un- eigennüßigkeit ließen sich viele schöne Züge mitteilen, wie auch die Rettung des Kindes Franz Rofner in Wilten aus der Sill im Jahre 1853 seiner Geistesge- genwart und Entschlossenheit zu danken war. Die glücklichste Zeit, die er im Jahre erlebte, war die in den Ferien am Achensee. über 20 Jahre hielt er sich in den Sommermonaten in dieser Gegend auf, die ersten Jahre in Scholastika, dann im Fürstenhaus (Per- tisau) und seit 6 Jahren in Buchau. In letzterem Orte hatte er ein niedliches Häuschen gemietet. Gleich nach Schluß der Schulen begab er sich mit seinem Sohne und der Haushälterin dahin und blieb dortselbst bis knapp vor Wiedereröffnung derselben. Selten waren sie allein, Tag für Tag kamen Besuche, näherstehende Freunde lud er auf Wochen zu sich ein. Alle wurden auf's Beste bewir- tet. Er trug sich dort ganz Tändlich; kurzhosig mit hohen Sellrainer Strümpfen und starken Turnschuhen. Im gan- zen Umkreis war er allgemein beliebt und geachtet. Machte er einen Spaziergang nach Maurach oder Eben, so ström- ten die Kinder aus den Bauernhäusern scharenweise ihm zu, da sie wußten, daß er sie mit Messern, Broschen, Bildchen, Maultrommeln u. dgl. beschenken würde. Er vertrieb sich die Zeit mit Fischen, Jagen, strickte Hängematten, (wohl 30 an der Zahl, die er, nach Inns bruck zurückgekehrt, an Freunde verschenkte), schnitzte und arbeitete Stunden lang mit Hacke und Spaten im Walde. Auch korrespondierte er dort viel mit Turnvereinen, die an ihn Anfragen, Einladungen stellten und schrieb den 1. Teil der Broschüre: Das Turnen für Feuerwehren (der 2. Teil wurde von Herrn A. Schiesti, Turnlehrer in Bozen, verfaßt.) Dennoch verließ er unweigerlich den geliebten Land- aufenthalt Achental, wenn es galt, einem Turner- oder Feuerwehrfest beizuwohnen. Die Ferien des Jahres 1879 24 wieder an den Ufern des blauen Achensees zuzubringen, worauf er sich so sehr gefreut, sollte ihm nicht mehr vergönnt sein. Auch die neue, würdige Heimstätte, welche sich der Turnverein erbaut und welche unser Freund so lange ersehnt hatte, zu betreten, war ihm nicht mehr beschieden. Eine Lungenentzündung raffte ihn nach kurzer Krankheit im kräftigsten Mannesalter dahin. Die Schüler und Schülerinnen aller Unterrichts- anstalten der Stadt gaben dem geliebten Lehrer samt vielen hunderten trauernder Freunde das letzte Geleite. Sein Sarg verschwand unter dem Farbenschmuck pracht- voller Blumen- und Blätterkränze. Mit dem schönsten, dem wohlverdienten Bürgerkranz aber ehrte ihn seine dankbare Vaterstadt, indem sie ihm ein Grab in der für verdiente Mitbürger bestimmten Arkade zuerkannte und die Landesgeschichte wird ein Blatt bewahren dem ersten Turner und Gründer der Feuerwehr in Tirol.